Hr.279 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, 29. November 1938
Deutschlands größte und höchste Autobahnbrücke.
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Bei Limburg entsteht auf der Strecke Köln — Frankfurt Deutschlands größte und höchste Autobahnbrücke. Die Brücke hat eine Länge von 524 Meter und ist 65 Meter hoch. Insgesamt 10 Pfeiler tragen die Brücke über dem Flußbett der Lahn. Unsere Aufnahme veranschaulicht den gegenwärtigen Stand der Bauarbeiten. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Holland nachdem belgischen Königsbesuch * 43on unserem (5. R.-Korrespondenten.
Amsterdam, Ende November.
Der FesUruüel aus Anlaß des belgischen Königs- besuches ist verebbt. Was das typisch holländische Novemberwetter dem Gast vielleicht verdorben hat, hat die Bevölkerung Amsterdams chm mehr als reichlich ersetzt, nämlich di-e persönliche Freude an dem Besuch. Sein Empfang war über aus herzlich, ehrlich gemeint und voll guten Willens, die Freundschaft zwischen beiden Ländern zu verstärken. In dieser Hinsicht kann der belgische König mit größter Befriedigung auf seinen Besuch zurückblicken. Holland hat ihm persönlich und seinem Lande seine volle Sympathie bewiesen.
Es ist wohl mehr ein Zufall, daß König Leopold II. gerade zu dem Zeitpunkt gekommen ist, wo die Niederlande der Wiederkehr jenes Tages gedenkt, an dem es vor 125 Ja h r en seine Unabhängigkeit wiedergewann. Zwischen 1813 und heute liegen fünf Vierteljahrhunderte einer auch für die beiden einst zusammengehörenden Länder sehr bewegten Zeit. An Spannungen zwischen ihnen hatte es keineswegs gefehlt. Noch nie sind indessen beide Länder sich wieder so nahe gerückt wie seit dem 14. Oktober 1936, jenem Tage, an dem der belgische König in seiner großen Rede vor dem Mrnisterrat die Schwenkung Belgiens zur voll- kommenenSelb st andigkeits Politik ankündigte. Sein Besuch ist eine eindeutige Bestätigung dieser Wiederannäherung geworden, sowohl seitens der Fürsten wie seitens der Oeifentlichkeit beider Sander. Dennoch wird irgendwelche Krönung der neubekebten Freundschaft wahrscheinlich ausbleiben.
Liest man die Reden, die offiziellen Aeußerungen und Leitartikel der letzten Tage nach, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte man belgischerseits eine engere politische Bindung zwischen beiden Ländern bei Gelegenheit des Fürstentreffens nicht ungern gesehen. Die Rund- fiinkrede des belgischen Ministers van Gauwe- Inert am 22. November kann man in diesem Sinne auslegen, wenn er ausführte: „Jedesmal, wenn die Niederlande im Laufe der Geschichte das
Band der Zusammengehörigkeit, das sie umschlingt, zerrissen, hatten sie sich aneinander und an sich selbst versündigt. Durch starke Anstrengungen und mutigen Lebenssinn haben diese Gefahren noch immer beschworen werden können. Aber eher, als wir vermuten, könnte es uns beiden zum Unheil werden, wenn die Niederlande und Belgien nicht mit klarer Einsicht, dynamisch und großzügig, ihre wechselseitige Verbundenheit den Forderungen dieser unruhigen Zeit anpassen."
Der Begrüßungsartikel Dr. C o l i j n s im „Handelsblad" vom Sonntag gibt dagegen den holländischen Standpunkt schon eindeutiger wieder. „Unsere Völker sind von Natur aus dazu bestimmt, jedes unter Wahrung seines eigenen Charakters, zum Heil und Segen beider in Frieden und Eintracht zusammenzuarbeiten." Vollends eindeutig ist jedoch die redaktionelle Anmerkung des „Algemeen Handelsblad" zu dem Ausspruch des bel- aischen Königs, daß nur Solidarität den Krieg jenseits der Grenzen beider Völker halten kann. Das Blatt schreibt hierzu, daß die Solidarität zwischen beiden Ländern- ihre Grundlage einzig in der „gleichgerichteten Selbständigkeits- Politik" beider Länder finden kann, und fährt fort: ,^ein Vertragsblock, dessen Partner — die,nun einmal aus der Art, deMLage und den Umständen heraus in Taten und.Möthoden ihre eigenen Nuancierungen anwenden müssen — automatisch für die Taten des anderen nach außen hin verantwortlich gemacht werden können; aber eine natürliche Uebereinstimmung des Zieles, des Friedens- und Freiheitswillens und der Mittel, um dieses Ziel zu erreichen." Tags zuvor schrieb dasselbe Blatt noch klarer, daß keine besondere Bundesgenossenschaft zwischen beiden Ländern nötig ist, um die gleichgerichteten Interessen zu betonen. „Im Gegenteil, die Selbständigkeitspolitik kann für uns beide am deutlichsten zum Ausdruck gebracht werden in — der Selbständigkeit auch gegenüber einander. Wirkliche Interessen können zuweilen bessere Bindeglieder sein als eine papierne Absprache."
Man wird zugeben, daß diese scharfe Betonung der holländischen Selbständigkeitspolitik gerade in diesen Tagen überflüssig geroefen wäre, wenn nicht mit aller Schonung damit etwas Positives gesagt sein sollte. Wenn man hier die holländische Ablehnung einer belgischen Anregung zur engeren politischen Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten herauslesen kann, so muß im gleichen Atem betont werden, daß die Bereitschaft zu einer engeren Freundschaft zwischen beiden Ländern darunter keineswegs gelitten hat. Durch den Königsbesuch ist vielmehr eine Atmosphäre der Herzlichkeit geschaffen worden, die auf die weitere Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten auf den verschiedensten Gebieten nicht ohne Einfluß bleiben
wird. Die Spannungen, die noch dem Weltkriege dos Verhältnis zwischen beiden Staaten zeitweise trübten, sind endgültig überwunden. Bestimmte sachliche Interessengegensätze werden gewiß immer bestehen bleiben, ooch auch hier dürfte in Zukunft die Konkurrenz in friedlichere Bahnen gelenkt werden. Zumindest dürfte man bereit sein, zu vermeiden, daß Dritte aus diesen Differenzen Vorteile ziehen. Man will zusammen arbeiten: Dies klingt aus allen Aeußerungen hüben wie drüben heraus und findet seinen Ausdruck in jenem Ausspruch des Antwerpener Bürgermeisters, daß zwischen Nieder- lavd und Belgien keine Differenzen mehr feien,.bic nicht mit gutem Willen durch gemeinsame lieber* legung geregelt werden könnten.
Neues für den Bücheriisch.
— Geschenke von K i n d e rn. Don Carola Babick und Lore Heller. Mit 41 Abb. und 11 Tafeln. 36 Seiten. Kart. 1,50 Mark. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1938. — (460) — Ein praktischer Helfer zur Auswahl und Herstellung schöner, erfreulicher und brauchbarer Kindergeschenke: Glückwunschbogen, Lesezeichen, Mappen, Kästchen, Dosen aller Art, Frühstücksbretter, Leuchter, Spiele und Spielzeug, Wäschebänder, Bastuntersetzer, Ledertaschen u. a. m. Alles schön und werkgerecht.
— F. G. Carnachan & H. C. Adamson: Das Kaiserreich der Schlangen. Geh. 3,75 RM., Leinen 5,— RM. Rotapfel-Verlag, Leipzig C 1. — (452.) — Hier berichtet ein amerikanischer Forscher von der Kultur des Schlangenoolks im Innern Afrikas. Viele feiner Funde werden der afrikanischen 23ö(ferfmibe neue Perspektiven geben können. Fesselnd weiß der Autor das schrittweise Eindringen in die sozialen, politischen und religiösen Hintergründe zu schildern. Bei aller Vermengung mit primitivem Hokuspokus offenbart dos Volk doch erstaunlichen Kenntnis von Giften und Gegengiften, von Immunisation und Suggestion.
— Dom Hundert st en ins Tausendste. Von Peter Purzelbaum. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg. Kart. 1,90 Mark. — (352) — Wer an den früheren Büchern des Autors Stunden der Freude erlebt hat, wird beim Lesen dieses Buches wieder die Wahrnehmung machen, daß man sich der Führung Peter Purzelbaums gerne überlassen kann, wenn man schöne Feierstunden genießen will. So folgt man auch den fesselnden Erzählungen vom Hundertsten ins Tausendste mit anhaltender Spannung und erhält daraus einen dankbar begrüßten Gewinn. Darum gebührt diesem Buche eine warme Empfehlung.
— Kurt Vorbach: Von Marbod bis B e n e s ch. Ein Querschnitt durch die Geschichte der Sudetenländer. Preis gebunden RM. 0,80. Verlag Wolf Luser in Wien. —(373)— Das Büchlein gibt eine auf sorgfältigen Studien beruhende sehr gedrängte und deshalb auch weitesten Kreisen leicht zugängliche Zusammenfassung des geschichtlichen Ablaufs in den Sudetenländern mit einer Reihe interessanter Bilder, ein Büchlein, das gerade heute jedem hoch willkommen sein wird.
— „Soldaten — Kamerade n." Liederbuch der Wehrmacht. (Hanseatische Derlagsanstolt, Hamburg. Notenausgabe RM. 1,20, Textausgabe RM. 0;50.) —(248)— Dieses „Liederbuch für Wehrmacht und Volk" enthält eine Sammlung der schönsten Soldatenlieder. Nach gründlicher Vorarbeit erscheint jetzt die zweite, erheblich erweiterte Auflage, für die Gerhard Pallmann und Hauptmann (E) Ernst Lothar von Knorr, der Musikreferent im Oberkommando des Heeres, als Herausgeber zeichnen. Insgesamt 57 neue Lieder und Kanons, z. T. Neuvertonungen zeitgenössischer Komponisten, fanden darin Aufnahme. Die Sammlung enthält nunmehr mit über 200 Liedern das Liedgut, das von der Truppe auf dem Marsch, im Lager und auf den Kameradschaftsabenden gesungen wird. In der Aufteilung des Buches, wie sie aus den lieber* schriften Leib und Leben — Tod und Teufel —
Soldatenstand — Waffenehre — Lieb und Lust — zu erkennen ist, wurde eine dem Soldatenleben entsprechende Form gefunden. Das schöne Liederbuch verdient eine gute Empfehlung.
— G e rhard Schumann: Schau und -T a t. Gedichte. 108 Seiten. Leinen 3.— NM. Verlag Albert Langen / Georg Müller, München, 1938. — (487.) — Zu Anfang und Ende stehen in Schu- rfianns neuem Gedichtbande zwei kunstvoll gefügte Sonettenkränze, der eine dem Geheimnis des dichterischen Wortes nachgehend, der andere jenes Mannes gedenkend, der das Schicksal verwandelnd gestaltet. Eingeschlossen von den beiden Kantaten „Die hellige Stunde" und „Volk ohne Grenzen", Schöpfungen chorischer Prägung, die um den Sinn der Gemeinschaft und um das Ziel des Reiches kreisen, finden sich dann eine Reihe von Gedichten, die bewegt sind von dem Erlebnis des Kampfes, der Kameradschaft und des Führertums. Nicht minder lebendig umschließen sie auch das ursprüngliche Miteinander von Mann und Weib, Mutter und Kind.
— Rudolf Naujok: Memelländische Dorfchronik. Mit 20 Lichtbildern. Preis brosch. RM. 3,—, Seinen RM. 4,50. Bergstadt-Verlag, Breslau 1. — (395.) — Das Memelland ist deutsches Grenzland mit deutschen Menschen und deutscher Kultur. Deshalb allein schon ist ein Buch über dieses Land von Interesse. Es erzählt von Gutsherren und Pfarrern, von Bettlern und Landstreichern, von Bauern und Fischern, von ihrem Alltagsdasein und den festlichen Höhepunkten ihres Lebens. Daneben klingt auch das Schicksal jener Menschengemeinschaft an, die vom Reiche getrennt ist. Wir wissen wenig von ihr und ihrem Land, in seiner Weltabgeschi^denheit. Zwanzig Fotos zeigen auch bildhaft den unaussprechlichen Reiz dieser Landschaft.
— August Verleger: ßüttfemanns B r i n k. Ein Roman von niedersächsischen Bauern. Preis Leinen 4,40 Mark. Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh. — (486) — Die bewegten Schicksale der Gemeinde Ellernhagen, wo auf sandigem Brink die von den Herrenhöfen des nahen Brook abgefundenen Ueberzähligen in Kotten ihr kärgliches Dafein fristen müssen. Zäh ist darum der Kampf der Enterbten um den Plan der neuen Fabrik, die Arbeit und Brot schaffen soll, denn diese Bauern und Kötter, Niedersachsen uralter Herrenrasse, stehen für ihr Recht. Ein packendes Geschehen, Sinnbild für unseres Volkes Kampf um größeren Lebensraum.
— Gustav Schröer: Sturm im Sich* d i ch f ü r. Roman. Preis Seinen 4,40 Mark. Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh. — (510) — Gewittersturm über Sichdichfür, wo grausige Mordtat nach Sühne schreit. Sturm auch in den Herzen der Bauern und Holzfäller dieses weltverlorenen Bergdorfes, die sich über die Gemeindewiese und das Schulzenamt nicht einigen können. Adolf Reichert, dieser Pfennigkrämer, Erpresser und Sügner tritt Glück und Ehre seiner Mitmenschen mit Füßen, bis der verkrachte Gutsherr Siebenau auf einen Schelmen anberthalbe setzt und der tüchtige Subroig Hug- berg mit feiner Eva das gute Sichdichführ endlich zur Besinnung bringt.
Oie Geschichte ohne Ende.
Von Peter Peppermint.
Man weiß ja, daß die arabischen Kalifen manchmal recht sonderbare Käuze waren. Der eine wandelte unerkannt zwischen seinen Untertanen, ein anderer ließ sich ganze Tage lang etwas vortanzen, und ein dritter — nun, das ist eben der, von dem ich berichten will. Dieser Kalif hörte so furchtbar gern Geschichten. Ganze Nächte lang ließ er sich erzählen — sofort, wenn er mit dem Abendessen fertig war, mußte ein Erzähler oder eine Erzählerin antreten und Märchen und Geschichten auffagen. So ein komischer Kerl war dieser Kalif. Wenn es der Türke nicht ausgeschrieben hätte, der den ersten türkischen Honig nach Europa brachte, dann wüßten wir das gar nicht ...
Kurz und gut, der Kalif war schließlich so versessen auf das Geschichtenhören, daß er ein großes Preisausschreiben losließ. Er ließ durch den Groß- vezier verkünden, daß derjenige, der ihm eine Geschichte erzähle, die überhaupt nicht alle würde, seine Tochter, die Prinzessin Fatme, zur Frau haben könnte und einen ganzen Haufen Gold und Edelsteine dazu. Die Fatme, nun, das war ein sehr hübsches Mädel, die mancher gern zur Frau gehabt hätte ...
Die Bewerber blieben auch nicht aus. Einer nach dem anderen kam und erzählte seine Geschichte. Wer alle diese Erzählungen hörten ja schließlich einmal auf, wenn sie auch manchmal ein paar Wochen lang dauerten. Denn entweder kriegten sie sich oder es kam ein anderes gutes Ende, na, und wenn es böse war, dann hörte ja die Geschichte sowieso auf. Jeden Abend um neun Uf)r ging die Erzählerei los, um Mitternacht gähnte der Kalif zum ersten Male, aber um zwei Uhr war er bann so müde, daß er den Erzähler nach Hause schickte. War nun in einer solchen Geschichte das Ende da, wurde der Kalif richtig wütend und klatschte laut in die Hände. Da kam dann auch gleich der Henker angeflitzt, der draußen vor dem Vorhang wartete, und erhielt den Befehl, den unglücklichen Erzähler einen Kopf kürzer zu machen. Das hörte immer die Prinzessin, die Mitleid mit den Geschichtenerzählern hatte, und sie schenkte dem Henker.jedesmal eine Apfelsine, worauf dieser die Leutchen laufen ließ. Die ließen sich auch nie wieder sehen.
Eines Tages kam aber nun wirklich einmal einer, der behauptete, eine Geschichte ohne Ende zu wissen.
„Schön", sagte der Kalif. „Also schieße mal los mit deiner Geschichte! Aber ich warne dich noch einmal!"
„Nicht nötig, mächtiger Kalif und Beherrscher der Gläubigen, Dein Bart sei gesegnet, und meiner falle aus, wenn die Geschichte nicht deinen Beifall findet." Und dabei schielte er schon mit einem Auge nach der schönen Fatme hin, denn die war dem Fremden mehr wert als alle Edelsteine. Und er begann:
,Hn grauer Vorzeit lebte in der Stadt, die jetzt deine mächtige Residenz ist, ein gewaltiger Kalif. Aber währelid du die Güte selbst bist, war jener die verkörperte Habsucht. Aus seinen Untertanen preßte er heraus, was nur möglich war. Unermeßlich war sein Reichtum Er forderte ungezählte Säcke Korn von feinen Untertanen, das er in einem riesigen Speicher, der so hoch wie ein Berg war, anfammeüe. Und wie dieser Riesenbau ganz gefüllt war, ließ ihn der geizige Herrscher — fein Bart verfaule in Ewigkeit! — zumauern bis hinauf zum Dach. Alle Türen und Fenster waren nun verschlossen, und er war beruhigt, daß niemand ihm das Kom stehlen konnte. Nur ganz oben unter dem Dach war ein winziges Soch, wo der Maurer Mureddin zuletzt eine Tabakspfeife hatte liegen lassen, die er dann herausgezogen fyatte. Eines Tages nun verfinsterte sich Der Himmel, und ein gewaltiger Schwarm Heuschrecken ließ sich über dem Ort und besonders auf dem Speicher nieder. Und Allah weiß, wieso es möglich war, eine Heuschrecke fand doch tatsächlich das Soch unter dem Dach, kroch hinein und schleppte ein Getreidekorn heraus. Das sahen die anderen Tiere: also kroch wieder eine hinein und schleppte wieder ein Korn heraus. Dann kroch wieder eine Heuschrecke hinein und schleppte ein Korn heraus ..."
Der Kalif hatte schon ein paar Mal gegähnt und meinte, es sei für heute Zeit, aufzuhören.
Am anderen Abend ging die <5ad)e gleich weiter. Der Fremde erzählte: „Dann kroch wieder eine Heuschrecke hinein und schleppte wieder ein Korn heraus. Dann kroch wieder eine Heuschrecke hinein und schleppte ein Korn heraus. Dann kroch wieder eine Heuschrecke hinein und schleppte ein Korn heraus ..."
Der Kalif räusperte sich ein wenig, nahm sich aber zusammen und hörte sich das vis zum Zubettgehen an. Die Prinzessin auch, aber nicht wegen Der Geschichte, sondern wegen des Mannes, der sie erzählte.
Als das auch am dritten, ja auch am vierten Abend so weiter ging, meinte der Kalif, daß die Heuschrecken nun wohl soviel Körner hätten, als1
sie zu ihrem Wohlbefinden brauchten. Aber der Fremde ließ sich nicht irremachen, sondern verwies auf die besondere Gefräßigkeit dieser Tiere.
Auch am zehnten Tage ging die Geschichte weiter: „Dann kroch wieder eine Heuschrecke hinein und schleppte ein Korn heraus. Dann kroch wieder ..."
Dem Kalif wurde bei aller Einförmigkeit die Sache nun zu bunt. „Zum Donnerwetter, ich will wissen, wie die Geschichte weitergeht!"
„Erhabener Beherrscher der Gläubigen", sagte der Erzähler, „ich kann dir doch nichts erzählen, was später passiert ist, bevor ich dir erzählt habe, was vorher los war."
Der Kalif dachte, da hat er eigentlich recht. Und die Geschichte ging eine ganze Woche so weiter.
Aber schließlich gebot der Kalif Hall. Ob denn die Heuschrecken immer noch nicht genug hätten?
„Ich glaube nicht, Beherrscher der Gläubigen! Denn noch ist der ganze Himmel verdunkelt, und bis alle Heuschrecken durch das Soch hindurch und wieder herausgekrochen sind, dürften wohl noch ein paar hundert Tage vergehen!"
Der Kalif staunte nicht schlecht, ,
„Die Heuschrecken, allmächtiger Beherrscher der Gläubigen, haben höchstens einen Kubikmeter Körner herausgetragen — das ganze Haus ist noch voll, erhabener Kalif!"
Der Beherrscher der Gläubigen runzelte die Stirn, und die Prinzessin kriegte schon Angst, daß er den Henker herbeiklatschen würde.
„Siehst du nicht ein, Papachen", sagte sie und kraulte ihn am Bart, ,chaß das eine Geschichte ohne Ende ist?"
„Das scheint mir allerdings eine Geschichte ohne Ende zu sein", meinte der.
„Was anderes wolltest du doch auch gar nicht hören als eine Geschichte ohne Ende?"
„Allerdings, mein Kind." Und er betrachtete sich den Fremden näher. „Er sieht ganz gut aus", flüsterte der Großvezier dem Kalifen ins Ohr.
„Na und?" fragte der Fremde.
„Du sollst hundert Edelsteine haben!", sagte der Kalif.
„Edelsteine? Nein, die will ich gar nicht, die kannst du behalten. Aber ich will die Fatme, wie du es versprochen hast."
„Die Fat.ne? Ja, will denn die Fatme auch dich?"
„Und ob!" sägte da die Fatme bloß. Und dann nahm sie der Fremde in seine Arme.
„Da hätte die Geschichte nun also doch ein Ende", meinte der Kalif.
„Aber ein.gutes", schmunzelte der Großvezier...
Oer Bundschuh als Stadimal.
Wer das Städtchen Ried im Gau Oberdonau besucht — die Bahnen von Passau und Braunau treffen dort zusammen —, der findet ein merkwürdiges Wahrzeichen am Marktbrunnen, nämlich einen Bundschuh auf der Sanze Dietmars, des sagenhaften Gründers der Stadt. Der Bundschuh, der mit Riemen über dem Fußknöchel festgebnden wurde, war einst die Fußbekleidung der Bauern und wurde im Bauernkrieg das Sinnbild der Volkserhebung. Auch der Bndschuh von Ried geht auf einen Kampf zurück, der jedoch in viel früherer Zeit stattfand. Auf einem Kreuzzug Anfang des 12. Jahrhunderts, so erzählt die Sage, verloren die Kreuzfahrer die kaiserliche Fahne. Da soll Dietmar, der Knecht eines Herzogs oder Grafen, in raschem Entschluß seinen Bundschuh ausgezogen und als Notfeldzeichen auf die San je gepflanzt haben. Unter diesem Zeichen sammelten sich die Scharen wieder und erstürmten die feindliche Festung. Nach der Heimkehr wurde der tapfere Dietmar, von Haus aus ein Müllerssohn, mit Dem heimatlichen Grund belehnt, auf dem Ried entstand. Es war lange Marktflecken, und als es im 19. Jahrhundert zur Stadt erhoben wurde, erhielt die Gemeinde das Recht zur Führung ihres Bundschuh-Wappens. Der Dietmar-Brunnen mit dem Schuh auf der Sanze wurde, wie der Klagenfurter Sinbrourmbrunncn, schon im 17. Jahrhundert errichtet. Der geschichtliche Kem der Sage, die auch hier Personen und Zeiten vertauscht, ist umstritten. Der tiefere gleichnishafte S'nn solchen Gesch-hens aber, daß nämlich au allen Zeiten beherzte Männer aus dem Volke Wankende sammelten und zum Siege führten, wird dadurch nicht angetastet.
Hockschulnacbricbien.
Dr. phil. Otto Dehse, Dozent für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Kiel, ist zum o. Professor an der Universität Hamburg ernannt worden. Professor Vehses Sondergebiet ist Geschichte des Kirchenstaats im Mittelalter.
Dem Dozenten Dr. Wilhelm Karl Prinz von Isenburg ist an Der Universität München Der Sehrstuhl für Sippen- unD Familienforschung unter gleichzeitiger Ernennung zum oo Professor übertragen roorDen.
Dem Uebersee- und Kolonialhauptreferenten am Deutschen Ausland - Institut Stuttgart Dr. Wahrhold D r a f d) e r wurde Die Dozentur für weltpolitische Auslandskunde und Deutschtum in Uebersee verliehen; er wurde der philosophischen Fakultät Der Universität Tübingen zugewiesen.


