Nr. 149 Zweites Blatt
Mittwoch. 2Q.3uni 1938
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Junge deutsche Nation.
pimpsenlauf.
Für ganze Kerle ausgedacht.
Seit zwei Monaten ist das Fähnlein dabei, die Pimpfe für das Leistungsabzeichen i/nb für die Pimpfenprobe vorzubereiten. Der Reihe nach haben sie die einzelnen Prüfungen durchgenommen und letzten Mittwoch ging es „durchs Gelände". Der Fähnleinführer hatte einen Lauf zusammengestellt, an dem „alles dran war". Die Jungenschaften 1 bis 6 wurden aufgestellt, und dann ging es zum Stars. Die ersten bekamen ein Kochgeschirr in die Hand gedrückt, das genau halb voll Wasser war. In jedes Kochgeschirr ließ der Fähnleinführer aus einer Tüte etwas in das Wasser hineinrieseln, daß es sich rötlich färbte. Die Pimpfe schüttelten die Köpfe und wußten nicht, wozu diese Spielerei sein mochte.
Dann hieß es „los!" und der erste Mann rannte mit seinem Kochgeschirr zur Hecke hinüber. Dort stand ein Posten und fragte den Pimpf nach den Schwertworten. Als er sie hergesagt hatte, Durfte er weiter. Drei Minuten später startete der erste Pimpf der nächsten Jungenschaft. Die Zeit wurde genau abgestoppt. Inzwischen mühte sich der Pimpf von Jungenschaft 1 durch die Büsche. Vorsichtig mußte er sich zum Bach hinunterarbeiten, denn sonst schwappte ihm das Wasser, das er über diese ganze Strecke bringen'sollte, aus dem Kochgeschirr. Steil bergab ging es, und der Schleedorn ritzte einige Erinnerungen in die Haut. Nun ist er beim Bach, klettert über die Steine und hält die Hand schirmend über die Augen, uyi das nächste rote Tuch zu suchen, das ist nämlich der Wegweiser.'Aha — da oben baumelt ein Fetzen. Der Pimpf muß wieder den anderen Steilhang hinauf, abermals durch Brombeergerank. Japsend steht er dann auf dem Weg und entdeckt drüben den nächsten Fetzen. Quer durchs Gelände geht es.zu einer Sandgrube hinüber. Wieder wartet ein Posten und gibt dem Pimpf eine Meldung, die er behalten soll: „Am 18. Juni, 15 Uhr, starteten von Höhe 80 sechs Jun- genschaften mit Kochgeschirren zum Pimpfenlauf." Mit dieser Meldung läuft der Pimpf mit feinem. Kochgeschirr 'durch die Sandgrube zum nächsten Posten, der wissen will, wieviel Deutsche in den Sudeten leben. Aha — das soll eipe Frage zum Auslanddeutschtum sein, das der Pimpf auch beherrschen soll. Er antwortet richtig und darf weiter.
Wo geht es denn nun entlang?' Kein roter Lappen ist zu sehen. Das soll wohl eine Hebung zur Sinnesschärfung fein. Nur die Ruhe, wenn der Schweiß auch von der Stirn läuft, Augen zusammenkneifen, sieh mal — da drüben in der Hecke flattert doch etwas. Natürlich, da soll er hin. Aber da ist plötzlich ein Graben, und ein Posten winkt mit der Hand nadrunten. „Ducken!" ruft er. No schön, geduckt schleicht der Pimpf mit seinem Kochgeschirr zum Waldrand hinüber. Bei einem Baum steht wieder ein Posten und zeigt auf einen Ast in greifbarer Nähe: „Zwei KlimmzÜge!" Auch das noch! Der Pimpf stellt sein Kochaeschirr bin und zieht sich zweimal am Ast hoch. Dann hastet er weiter. Nun geht es durch den Wald, und da soll er von vier verschiedenen Baumarten Blätter mitbringen Da, Ahorn, eine Birke und dort ist noch eine Blautanne. Zum Schluß ein Eschenblatt.
Der Weg ist zu Ende, und abermals wartet ein Posten, der die Feiertage der Nation wissen will. Nur sich nicht verblüffen lassen. Der Pimpf kriegt sie alle noch zusammen. Nicht umsonst haben sie im Winter regelmäßig Schulung gehabt. Nun kommt der Pimpf auf eine freie Fläche. Bei einem Hausen faustgroßer Steine wartet der nächste Posten und erklärt dem Pimpfen, daß er einen Stein bis zu der hellen Flagge werfen soll. Das wären gut 30 Meter. Mit aller Wucht (und Wut) schmettert der Pimpf seinen Stein in die Gegend und scheint es geschafft zu haben. Er kann weiter Jetzt muß er sich wieder nach den roten Lappen orientieren. Auf einer kleineren Wiese hat er zwei Rollen vorwärts und rückwärts zu drehen und bann hinein in bie Brombeerranken. Zweimal muß er über ben Bach springen, 'was mit^bem Kochgeschirr eine ziemlich heikle Sache .st. Schon
Zungen aus Draht.
„Achtung! — Sprechstelle „C" wie Casar.."
In einer bidjten Schonung liegt Zwischen Holzstößen, burch Zeltbahnen oorschriftsmaßig getarnt, die Fernsprechzentrale. Neben unzähligen Drahten, Kabeln und vielen Feldtelephonen hockt lautlos die Bedienungsmannschaft. Die große Hebung der Nachrichten-HI. ist im vollen Gange. Auf der nahen Landstraße flitzen Meldereiter, schleichen Ordonanzen durch die Straßengräben. Hin und wieder donnert ein Motorrad die Straße entlang — die Schiedsrichter sind auf ihrem Posten und kontrollieren die entfernteste Stellung auf vorschriftsmäßige Durchführung der Ujebung. Noch herrscht Ruhe in der Zentrale. Da knackt es im Hnterholz, Zweige brechen, und mit kühnem Satz springt ein großer Schäferhund ins Bersteck der Jungen. Gehorsam duckt sich der Meldehund — eine Kapsel mit dem Meldeformular wird ihm aus dem Halsband gezogen.
„Waldbrand droht Abteilung II einzuschließen — Warnung an alle!" So steht da. Fieberhafte Arbeit setzt in der Zentrale ein. Jetzt rasseln btt Klappey- schränke, summen bie Telephone, flitzen bie Melder. „Achtung, Achtung — hier Sprechstelle ,C‘ wie Cäsar — wir melden ..
Hunderte von Meter zieht sich das graue Feldkabel auf den Aesten des Hochwaldes hin. Heber Gräben und Gestrüpp, dichtes Hnterholz und moorigen Waldboden ist es von Ast zu Ast gezogen, um dann plötzlich an einem Stamm herunter m einem Graden zu verschwinden. Da leuchtet auch bereits die rote Fernsprechflagge mit dem weißen /#F" — das Kennzeichen der Sprechstellen. Dem Posten „B" ist ein Blinkgerät mit Bedienungsmannschaft angegliedert. Da flammt schon am anderen Ende des langen, geraden Weges am Saum des Waldes ein rotes Licht auf: Kurz — lang — kurz Die Blinker greifen, mit der jetzt hereinbrechenden Dunkelheit, m die Hebung em. Gegen den * nachtfchwarzen Wald nehmen sich die roten Licht
schwappt ihm etwas Wasser heraus. Ist doch halb so schlimm Schnell etwas aus dem Bach nachgefüllt. Ach, verdrehte Kiste, das Wasser war ja rot gefärbt und würde Heller werden, wenn der Pimpf mogelt. Na, die Kameraden von der Jungenschaft werden über das verlorene Wasser schön fluchen, denn das gibt Fehlerpunkte.
Endspurt Es geht einen Berg hinauf, und oben wartet der letzte Posten der Strecke. Er will die Meldung wissen, an die der Pimpf überhaupt nicht mehr gedacht hat. Kurze Heberlegung, tief, Luft geholt. Eine Meldung baut sich immer nach •ben vier Punkten: Wann, Wo, Was, Wie auf. Danach sammelt sich ber Pimpf aus allen Ecken seines Derstanbskastens bie Meldung zusammen, Jagt sie her unb kann bas Kochgeschirr an ben nächstes Ka- meraben abgeben. Während ber zur Hecke hinüberrast, muß ber eben gelaufene Pimpf noch eine Koch st e l l e bubbeln unb hält ben angefeuchteten kleinen Finger in bie Lust, um bie Winbrich-
tung festzustellen. Dann gräbt er los, baß ber Winb schräg von vorn in das Feuerloch hine.n- fauchen kann. Gut, sagt ber Fähnleinführer. Inzwischen ist ber anbere Kamerad, bem er bas Kochgeschirr abgegeben hat, bereits mitten im Gelände unb macht basselbe burch wie er. Als bie Jungen- schaften alle burch finb, wirb festgestellt, baß es im Fähnlein noch zehn Pimpfe gibt, bie bie Prüfungen für das DJL. nicht bestehen würben. Also muß noch weiter gearbeitet werben, dis in brei Wochen bie ersten Abnahmen für bas Leistungsabzeichen erfolgen können.
Üebrigens siegte bei biefem Pimpfenlauf, ber als Stafette burchgeführt worben war, bie britte Jungenschaft mit ber besten Zeit. Jeber Pimpf hatte burchschnittlich sechs Minuten für die ganze Strecke gebraucht. Daß sik sich babei nicht abhetzen konnten, bafür hatte bas Kochgeschirr mit Wasser gesorgt, bas wie ein rohes Ei getragen werben mußte. Karlheinz.
Versammelt zu löblichem Tun...
Hier sieht man HI. im Lager ... knapp vor bem Einhauen: schon werben beachtliche Brotkanten heruntergesäbelt unb Sardinenbüchsen mit ber Muskelkraft aufgewuchtet. Gleich wirb es losgehn. In ber frischen Luft schmeckt es großartig. Das macht Spaß, besonders wenn die Mahlzeit, woran hier nicht zu zweifeln ist, mit weisen Reden und zünftigen Scherzen gewürzt wird. — (Aufn.: Neuner, Gießener Anzeiger.)
• Wie bei Muttern daheim.
Pimpfe wandern durch deutsche Jugendherbergen.
Strönjenöer Regen empfing uns, als wir bei hereinbrechender Dämmerung ben Zug verließen. Vorsorglich hatten wir bie Zeltbahnen von ben Affen abgeschnallt unb sie um bie Schulter genommen; benn Abwarten gab es nicht, wir mußten noch am Abenb unser Ziel erreichen.
„Immer gleich biese Hetzerei!" murrte einer, als wir über einen aufgeweichten Feldweg bahinstapften, ber sich mitten zwischen zwei herrlich grünen Felbern hinzog. „Warum müssen wir heute ausgerechnet noch nach Murg, wo wir hier boch auch eine Jugenbherberge haben? Unb außerdem, immer bie Jugendherbergen..."
„Bist bu benn eigentlich schon in einer gewesen?" fragte Heinz, bet Mann mit ber großen Erfahrung, ein Riese an Gestalt, ber auch bie entsprechende Autorität bejafe. Kleinlaut gab ber Mäuler zu, baß er bei seiner kurzen Laufbahn als Pimpf, bieten Vorzug noch nicht genossen hatte. „Unb du' willst vom Hörensagen über etwas reden, was bu gar nicht beurteilen kannst!" Damit war ber Fall abgetan.
Negen und eine warme Heizung.
Es war wirklich eine feuchte Angelegenheit, unb baß sie nachher boch noch fröhlich würbe, bafür sorgte bie Jugenbherberge. Als wir uns ben geschlängelten Bergpfad zum Hause hinaufgearbeitet hatten, ba atmeten wir auf, als uns ber Herbergs
vater mit ber freubigen Kunbe überraschte, baß alles schon zum Abendbrot bereitftänbe. Bevor wir aber in ben Eßsaal stürzten, mußten wir uns säubern. „Ihr könnt boch nicht mit euren schmutzigen Stiefeln unsere blankgescheüerten Dielen beschmieren!"
„Sogar warmes Wasser haben bie hier?", sagte ber Mäuler von vorhin. Es war tatsächlich so: Trötz ber vorgeschrittenen Jahreszeit war bie Heizung in Gang gesetzt worben. Und wir konnten es schon vertragen. Bei bet Eisenbahnfahrt hatte man allerlei Staub angefetzt, unb nachher ber Schlamm auf ben Wegen! Wir fühlten uns wie zu Hause, unb als wir bas bem Herbergsvater sagten, da schmunzelte er unb meinte, das wäre für ihn die Hauptsache. Wir sollten ja in ber Jugenbherberge wie bei Muttern untergebracht sein. Die schöne Lanbschaft ringsum gäbe, es gratis unb franko dazu. Morgen früh würben wir lchon sehen!
Er hatte recht. Als wir ausgefchlafen nach ber vorgeschriebenen Zeremonie bes Bettenbauens aus bem Hause schauten, ba tat sich vor unseren Blicken ein herrliches weites Tal^ auf, besten frühlingshafte Frische jebem Freube machen mußte, auch wenn er für gewöhnlich nicht viel für „Sentimentalitäten" übrig hatte. Für biejenigen, bie noch nicht viel hin- aüsgeroanbert waren, bebeutete bas ein besonderes Erlebnis: Plötzlich empfanb jeber, was es bedeutet, wenn wir von unserer schönen deutschen Heimat sprechen. Und so wurde uns an diesem Morgen die
Jugendherberge, die uns gestern abend eine ersehnte Zuflucht gewesen war, zu einem echten Erlebnis. Schweren Herzens nahmen wir Abschied, unb es gab wohl keinen unter uns, ber sich nicht voll Stolz bas Abzeichen ber Jugenbherberge an bie Bluse gesteckt hatte, bas jeber kaufen konnte, um so einen kleinen Beitrag zum weiteren Ausbau bes Hauses zu leisten.
Es würbe ein herrlicher Wanbertag. Fast schien uns bie Sonne nun zu heiß, unb so genossen wir bie Mittagssonne in- einer Försterei hoppelt. Wie groß war aber bie Freube, als ber Fähnleinführer uns mitteilte, baß wir bereits am frühen Nachmittag unser heutiges Tagesziel erreichen sollten. Da hatten es plötzlich alle eilig, unb obwohl es von nun an kräftig bergauf ging, war jeber mit babei unb wollte bie Spike nehmen. Das hatte allerbmgs noch feinen ganz befonberen Grund: Wir hatten alle noch keine Jugendburg gesehen, roie* wir sie heute kennenlernen sollten.
Eine pikfeine Nitterburg.
„Ob bas so ’ne alte Ruine ist, wo man überall im Gemäuer herumkraxeln fahn?" — ,Hast bu eine Ahnung? Das ist alles pikfein ausgebaut. Da fehlt nichts, Zentralheizung unb Rücktrittbremse — alles vorhanben!"
Schon von weitem sahen wir ben stolzen Bau aufragen aus bem Grün bes Bergwaldes. Wir be= schloffen, weil ba wirklich eine alte Burg ftanb, heute abenb noch eine kräftige Rittergeschichte aus- zuknobeln unb zum Besten ber Allgemeinheit zu veröffentlichen. So verging bie letzte Stunbe des Weges beim Planen unb Besprechen wie im Fluge. Noch eine Biegung dep Weges, und wir standen vor dem aewaltigen Eingang zum Burghof. Ein paar „Zivilisten" schauten unserem Einzug zu. Gibt es Jugendwanderer in Deutschland, die nicht die HJ.- Kluft tragen? Des Rätsels Lösung wurde uns bald gegeben:
Wir hatten zwanzig ausländische Kameraden getroffen, die auf einer Wanderung durch unseren Gau begriffen waren. „Dann pack man deine englischen Kenntnisse aus, wenn du kannst!", hieß es, und ber bamit gemeint war, fühlte sich plötzlich im Mittelpunkt bes Ganzen. Unb er machte feine Sache gut, das muß man ihm lasten. Als wir nachher, nachdem wir uns mit Radebrechen und Pantomimen mit den Ausländern schon angefreun» bet hatten, unser Ritterspiel aufführten, t— wozu bie Burg wirklich einen prächtigen Hintergrund ab-- gab —, ba faß er mitten unter ben Gästen unb erklärte ihnen, was wir vortrugen.
Schabe, baß wir hier nicht länger bleiben konnten. Am nächsten Morgen ging es weiter. Bier Tage hatten wir noch vor uns, bie wir in einem Schulungslager verbringen sollten. Uebrigens vor biefem Wort „Schulungslager" hatte mancher zu Unrecht etwas Angst. Denn als mir mittags in bem Jugendhof in W—heim ankamen, ba merkten wir gleich, baß bas mit „Schule" nur sehr wenig, zu tun haben würbe.
Wir lernen Landwirtschast.
Ein kleines Dorf mit einer schönen breiten Dorf« aue unb 'großen Kastanien, etwas abseits bavon ber Jugenbhof, ber uns nun für bie nächsten Tage als Quartier dienen sollte — das war das neue Ziel! Was war das für ein Erlebnis für die Stadtjungen, als sie zum erstenmal in den Kuhstall schauten. Kühe in der Jugendherberge? Es war schon richtig so: denn hier wurde Landarbeit betrieben, hier gab es sogar Schweine unb Kleinvieh.
Was soll ich noch viel erzählen? Wir werben biese brei Tage nicht vergessen, bie pir in biefer merfroürbigen Jugendherberge verlebt haben. Das war einmal etwas ganz anderes, als wir es sonst gewöhnt waren. Manchem von uns ging hier erst der Sinn ber Bauernarbeit auf, mancher begann zu überlegen, ro;e benn bas eigentlich mit bem Landjahr wäre, ob man nicht vielleicht doch ... Heinz wollte überhaupt gleich bableiben. Er hatte innige Freundschaft mit ben Hühnern geschloffen unb auch sonst fanb er alles „ganz groß".
Horst.
Zeichen sehr gespenstisch aus. Kurz — lang — kurz — ber Walb scheint zu leben.
In ber Ferne zieht ein Gewitter auf. Die ersten großen Tropfen prasseln auf bie Zeltbahnen ber Sprechstellen, als bie Melbung zum Abbruch der Nachrichtenübung durchgegeben wird. „Das Ganze halt!" Irgendwo bläst ein Hornist bas bekannte Signal, irgenbmo rücken fingenbe Abteilungen burch ft'römenben Regen zum Sammelplatz. - H. K.
Heiner kommt zu spät.
„Warum kommst bu so spät, Heiner?" fragte Bernharb, als er mit feinem Zug gerabe abmar- schieren wollte. „Das war so .." begann Heiner. „Ich will von bir keine langatmigen Erklärungen hören, Heiner", unterbrach ihn Bernharb. „Du sollst mir kurz unb bünbig ben Grunb beines Zuspät- kommens sagen." — „Also, bas war so!" fing Heiner roieber an. Bernharb rang verzweifelt bie Hände. „Mein Bruber sagte zu mir: Heiner..." — „Das gehört boch gar nicht hierher, Heiner!" fiel Bernharb ihm in bie Rebe. „Warum benn nicht?" fragte Heiner erstaunt. „Du willst boch von mir hören, weshalb ich zu spät gekommen bin!" — „Gewiß will ich bas!" Bernharbs Gesicht rötete sich leicht.
Der ganze Zug sperrte Augen unb Ohren auf, harrenb der Dinge, bie ba kommen würben. „Aber", fuhr Bernharb ungebulbig fort, „bu sollst dich babei kurz fassen!" — „Mach ich ja!" meinte Heiner. „Also gut!" sagte Bernharb unb zwang sich zur Ruhe. „Weshalb bist bu nun zu spät gekommen?" — „Das war so!" begann er noch einmal. Der ganze Zug griente. Bernharb fluchte innerlich, sich auf bieses Frage- unb Antwortspiel eingelassen zu haben. „Mein Bruder sagte zu mir: Heiner, wenn bu bich nicht beeilst, kommst bu zu spät..." — „Du lieber Himmel!" stöhnte Bernharb. „Ich will boch nicht wissen, was bein Bruber gesagt hat, sonbern weshalb bu zu spät gekommen bist!"
Gelächter würbe im Zuge laut.
■ „Ruhe!" brüllte Bernhard.
„Das gehört boch aber dazu, was mein Bruber gejagt hat!" sagte Heiner gekränkt. „Schön, Heiner!" Bernharbs Geduld fanben bie Jungen bewunderns- würbig. „Wenn bein Bruber bamit zu tun hat, dann erzähl — aber bitte kurz!" — „Das war so...!" — „Fang doch nicht immer wieder von vorne an Das ist ja zum ..." Was es war, blieb unausgesprochen. „Das war so!" Heiner ließ sich nicht beirren. „Mein Bruder sagte zu mir: Heiner, wenn du dich nicht beeilst, kommst du zu spät..." — „Na, und?" fragte Bernhard.
„Ja, er hat recht behalten! Ich bin tatsächlich zu spät gekommen!" — „Eintreten!" war alles, was ber geplagte Bernharb noch zu sagen vermochte. Fred Joks.
„Misch."
Mädel über Mütter.
„Mutsch" nannten bie Mäbel sie, bie bei ihr zur Miete wohnten. Der Name bebeutete ursprünglich Mutter unb hatte sich in biefer Form von einer ihrer jungen Mieterinnen zur anberen fortgeerbt. Dabei war sie nicht etwa ein altes Mütterchen mit weißen Haaren, unb sie hatte auch nichts von ber betulichen Sorglichkeit eines solchen. Sie war eine durchaus moberne, sportliche Frau von etwa vierzig Jahren, von ber man kaum begreifen konnte, baß sie nicht geheiratet hatte. Seit Jahren war sie Abteilungsleiterin in einem großen Bekleibungs- geschäft, bekannt unb beliebt wegen ihrer Tüchtigkeit. Nach bem Tobe ihrer Eltern hatte sie bereu Wohnung beibehalten unb vermietete nun vier Zimmer, immer an berufstätige Mäbel unb am liebsten an solche, bie, hauptamtlich im BDM. stauben. So war auch ich zu ihr gekommen.
Die Stuben bei ..Mutsch" waren anbers, als .möblierte Zimmer" sonst zu sein pflegen. Nur wenige schlichte, aber bequeme Möbel ftanben barin. Alle bie wohnlichen Kleinigkeiten, wie Decken, Kissen unb Silber, waren fortgelassen. „Das soll sich jebes Mäbel so einrichten, wie es ihm am liebsten ist; ein jeber hat gern ein Stückchen Heimat bei
sich, auch wenn es im möblierten Zimmer ist... Wenn Sie aber etwas brauchen, so sagen Sie es mir ruhig. Im übrigen geht hier jeber seinen eigenen Weg." So hatte sie zu mir gesagt, als ich einzog. Es war eine frische, kühle Atmosphäre um „Mutsch", bie jebe Vertraulichkeit ausschloß.
Trotzbem kam es vor, baß abends, wenn man müde vom Dienst nach Hause kam, ein Teller mit Kirschen im Zimmer stand, oder daß der blaue Rock, den man unbedingt zum nächsten Tag brauchte, fix unb fertig auf bem Bügel hing. Bedankte man sich, so war „Mutsch" sichtlich peinlich berührt. „Sie wären sonst schlecht geworben", sagte sie bann wohl, ober: „Das Plätteisen war gerabe heiß." Nur ganz selten ließ sie einen Blick tun in bas, was sie bachte unb fühlte. So war es an jenem Nachmittag, als tbir nebeneinander am Fenster ftanben unb hinunter in ben kleinen (Barten sahen, in bem Inge unb Erika mit einem Buch in der Sonne lagen. .„Mutsch", hatte Erika eben fröhlich heraufgerufen, „so ein Sonntagnachmittag zu Hause ist boch herrlich gemütlich!"
„Zu Hause", sagte ba „Mutsch" leise vor sich hin. Ich sah sie erstaunt von ber Seite an. Ihr Gesicht war so weich unb in sich versunken, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Dann sprach sie weiter: „Vielleicht ist es boch gax nicht so schlimm, baß man nicht verheiratet ist unb selbst Kinber bat ... Vielleicht führt man boch nicht nur so ein Grsatzkeben, bas man eben hinnehmen muß, weil es nun einmal nicht anders fein kann. Vielleicht hat bas boch alles einen ^snn. Vielleicht ..." Plötzlich, als hätte sie schon zuviel gesagt, lachte sie hellauf: „Anbere alte Jungfern halten sich Hunde und Katzen ober Kanarienvögel. Na, jeber wie es ihm Spaß macht..."
Schwupp, war bas Tor roieber zu, bas zu der so seltsam verschlossenen Seele dieser Frau führte, der das Schicksal nicht bestimmt hatte, selbst Mutter zu werden. Ihr ganzes Wesen trug eine herbe unb siolze Mütterlichkeit, bie mir im geheimen liebten unb berounberten, ohne daß wir es jemals wagten, es in Worten zu zeigen. „Mutsch" hätte uns bestimmt nur ausgelacht. —har


