Er. 251 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch, Oktober (938
Aus der Stadt Gießen.
Gleiberg in ber Herbstwnne.
Trutzig ragt die Burg Gleiberg in den blauen Himmel, von dem herrliche, warmgoldene Oktobersonne herniederstrahlt. Wir schlendern durch das alte Dors, dessen kleine Häuser sich so wunderbar hei-melig an den Burgberg anschmiegen Die Kirche wachst aus einem Felsen in die Hohe, man muß gewaltig zu ihr hinauf sehen. Aber aus einmal wenn man vor ihrer Türe steht, ist sie ganz klein! Der Grundstein wurde im Jahre 1619 gelegt. Ja, bas ist nun schon eine Zeitlang her, seit sie hier steht und ins Land schaut. Was hat sie wohl alles gesehen!
Wir kommen in den Burghof. Dick und breit steht der Turm gegen die goldgelbe Sonne. Ein Ahornbaum streut seine herbstlichen Blätter — wie tanzende, kleine Chinesen — über uns. Warte nur w>r werden dich schon ersteigen, dicker Turm nur erst ein bißchen ausruhen!
Drinnen» im großen Saale, ist fröhlich-buntes Treiben: eine Geige singt hell, eine Saxaphon klagt rauh, und Klavier und Trommel geben die rhythmische Begleitung zu der schmelzenden Melodie Junge Leute tanzen, hingegeben an diese Klänge Erstaunt leuchten die bunten Glasfenster auf von der Sonne getroffen, und auch die Wappen derer die hier herrschten. Schade, daß sie jetzt nicht einmal in ihren Saal gucken können, in dem sie früher gezecht und gewürfelt, geflucht und geliebt haben- ihre erstaunten Gesichter möchte ich schon mal sehen!
Vom Kaffee gestärkt gehen wir jetzt an die Besichtigung der Burg und die Besteigung des Turmes Welche Wände! Die Hände, die sie geschichtet haben ruhen schon lange. Aber noch im Verfall, mit ihren leeren Fensterhöhlen, durch die die Sonne flutet, strömen die Wände eine ehrfurchtgebietende Größe aus, eine Ruhe, die uns unruhige Erdenkinder mahnt.
Drüben liegt der Vetzberg, fein massiger Turm grüßt herüber. Eine hessische Sage erzählt: Es waren einmal drei Brüder, und jeder baute sich eine Burg. Der Erste nannte seine, weil sie stark und fest war, eine Feste. Daraus entstand dann der Name „Vetzberg". Der Zweite stellte dieser Burg eine gleiche entgegen, daher der Name Gleichberg oder Gleiberg. Der Dritte endlich wettete, seine Burg werde die anderen an Festigkeit noch übertreffen, und die bekam dann den Namen Wettenberg. Nun liebten sie alle drei ein und dasselbe Mädchen, das sich für den Besitzer des Wettenberger entschied Aus Zorn zogen die beiden andern Brüder vor die Burg und eroberten und zerstörten sie.
Konnten sie nicht friedlich miteinander leben in dieser schonen Landschaft?
Nun aber stehen wir oben: ein wundervolles Bild bietet sich unseren Blicken. Weit, weit dehnt sich das Land nach allen Seiten, rotbraun oder grün die Vierecke der Felder, herbstlich aufleuchtend die Hügelketten der Wälder, lilagrau verdämmernd in lichtübergossener Ferne. Die Lahn schlängelt sich vorbei,. Dörfer grüßen zu uns herauf mit ihren roten Dächern. Fern dehnt sich die Stadt mit ihren Türmen. Eine Eisenbahn, klein wie aus der Spielzeugschachtel, kriecht, weißen Rauch paffend, durch die Ebene.
Und über allem die goldene Herbstsonne! O wie herrlich ist es! Das „Abstandgewinnen von den D'ngen", hier oben wäre es nicht so schwer!
Wir aber müssen wieder die hundertachtunddreißig Stufen hinunter: für unsere sonnengeblendeten Augen ist die Treppe in pechschwarze Finsternis getaucht. Als Mutti einmal „strauchelt", ergibt es sich, daß das Kind diesen Ausdruck falsch versteht. „Ja, aber", erklärt es eifrig, „in der Schule haben wir gelesen: ,Der Esel strauchelte und fiel ms Wasser', „und da dachte ich, er hat an einem Strauch gefressen und ist dabei ausgerutscht!" E. I St
Erste Elanvort-Reüjagi) 1938 in Gießen
DM
Nach der Rückkehr in die Garnison und bevor nun wieder des „Dienstes ewig gleichgestellte Uhr" ihren Lauf beginnt, bedeutete die gestrige erste Stanborl-Reitjagb dieses Jahres für alle teilnehmenden Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften unserer Garnison ein schönes Zwischenspiel. Der Nachrichtenzug der III. Abt. Art.-Regt. 9 hatte unter Leitung von Leutnant Düssel die Ausrichtung der Jagd übernommen. Alle Vorbereitungen waren mit militärischer Sorgfalt getroffen, so daß der Jagd der glatte Ablauf gesichert war.
lieber der Landschaft, durch die die Reitjagd führte, lag gestern rechte und echte Herbststimmung: diesige Luft über Feldern und Wiesen, der Wald in stumpfem «Grau in der Ferne:' über die Felder zogen die Rauchschwaden der Kartoffelfeuer, leichter Wind wehte, es war kühl, wenn auch nicht kalt.
Der Parcours der Reitjagd war interessant und abwechslungsreich verlegt. Von einem Wiesenstück an der Ecke Aulweg und Liebigstraße aus führte
die Strecke, die zu reiten war, bald ein Stück bergan, em kurzer steiler Hang war zu passieren, dann ging es über ein Stoppelfeld, auf dem das erste Hindernis aus Strohballen zu nehmen war. Dann führte die Strecke wieder in leichtem Schwung abwärts, über Wiesen, über mehrere Hindernisse (insgesamt 10) und wenig tiefe Gräben flach dahin und erst kurz vor dem Walde unweit der Bergschenke stieg der mit roten und weißen Fähnchen markierte Kurs bis an den Waldrand heran wieder etwas an. In Anbetracht der Strapazen, die die Pferde in den vergangenen Wochen hinter sich zu bringen hatten, war der Parcours für diese Reitjagd, gegenüber früheren Jagden, etwas verkürzt worden, auch wurden die Hindernisse nicht so hoch gebaut, um die Pferde nicht über Gebühr anzu- jtrengen.
Die Beteiligung an der Reitjagd war sehr gut. Nicht weniger als 45 Offiziere sowie 26 Unteroffiziere dzw. Wachtmeister und Mannschaften stiegen in den Sattel, als das Signal zum Aufsitzen erklang. Unter den Offizieren fand man viele Reserveoffiziere, die es sich nicht nehmen ließen, im Rahmen ihrer Uebungszeit auch einmal eine Reitjagd mitzumachen. Außerdem waren auch einige Offiziere der ^-Derfügungstruppe, Standarte „Germania" (die gegenwärtig bei unserem Regiment Dienst tun), beteiligt und erwiesen sich als schneidige Reiter.
Als das Feld der Offiziere lospreschte (Damen waren diesmal nicht dabei), bot sich manches begeisternde Bild. Von vielen Punkten der Landschaft aus konnte man fast das ganze Jagdfeld einsehen und die Reiter ausgezeichnet verfolgen. Die Jagd wurde sehr rasch und flüssig geritten, vor allem wurde in scharfem Tempo losgezogen, so daß sich das Feld bald auseinanderzog.
Fuchs war Leutnant Düssel, der, von zwei „Hunden" begleitet, dem Feld vorausritt. Generalleutnant O ß w a l d (Jagdherr), der auch diese Jagd mitritt, war als ausgezeichneter Reiter über die ganze Strecke in der vordersten Gruppe der Reiter zu finden und konnte am Waldrand alle Ankommenden zu letztem Einsatz anspornen.
Dichtchinter dem Feld der Offiziere preschte dann das ebenfalls stattliche Feld der Unteroffiziere, der Wachtmeister und Mannschaften daher, und die Soldaten machten ebenfalls ausgezeichnete Figur.
Festlich klang das „Halali" zwischen Wald und Feld, und während man sich in kleinen Gruppen
Zu unseren Bildern:
Links oben: Du s Feld der Offiziere im weiten Geläuf.
Nebenstehend: Generalleutnant O ß w a l d verteilt die Eichenbrüche.
(Aufnahmen f2f: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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zusammenfand, um noch etwas über den scharfen Ritt zu plaudern, standen schon Kameraden mit den Brüchen bereit, die nunmehr von Generalleutnant O ß w a l d an alle Teilnehmer der Reitjagd verteilt wurden Mit berechtigtem Stolz und mit Freude hefteten sich Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften den Eichenbruch an den Rock
Zahlreiche Zuschauer hatten sich zu der Reitjagd eingefunben und folgten dem militärischen und reiterlichen Aufzug mit großer Aufmerksamkeit Das ausgezeichnete Pferdematerial zog dabei auch manchen Blick auf sich.
In der nächsten Zeit werden noch einige weitere Reitjagden stattfinden — das größere reitsportliche Ereignis wird aber die Hubertusjagd fein, die voraussichtlich am 4. November stattfinden wird.
23ornofuen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 22 30 Uhr „Wiener Blut". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Ein Mädchen geht an Land" — Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: „Frauenehre". — Oberhessischer Kunstverein. 17 bis 18 Uhr Ausstelluna im Turmhaus am Brand
Erste Wiederholung „Wiener Bhd“.
Heute abend findet die erste Wiederholung von „Wiener Blut", Operette in drei Akten von Johann Strauß, statt, die am Sonntag mit großem Erfolge
N\un nimmt
zur täglichen Hautpflege -.25, ‘.45, -.90,
erstaufgeführt wurde. Mus. Leitung: Joachim Po- velka, Spielleitung: Gert Buchheim, Tänze: Thea Maaß. Die Vorstellung findet als 5. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Hitler-Zugend Bann 116.
Theaterring der Hiller-Jugend.
Die Morgenveranstaltung im Stadttheater am Sonntag, 30. Oktober^ „Ruse und Lieder Sudetendeutscher" — Hans Christoph Kaergel liest aus eigenen Werken, kann zum Preise von 0,25 Mark gegen Vorzeigen der Mitgliedskarte des Theaterringes besucht werden. Karten im Vorverkauf an der Theaterkasse besorgen!
Die Mitglieder des Theaterringes, deren Mitgliedskarte den Vermerk „Mittwoch-Miete" trägt, besuchen die Vorstellung am Mittwoch, 2. November. Es gelangt zur Aufführung „Dantons Tod". Beginn der Vorstellung 19.30 Uhr.
BDM. Untergau 116 Gießen.
Belr. BDW.-Leistungsab;eichen.
Donnerstag, 27. Oktober, findet um 20 Uhr in der Chirurgischen Klinik Untersuchung für das Leistungsabzeichen statt.
Belr. Veranstaltungen.
Die Karten für die Sudetendeutsche Morgenfeier (25 Pf.) und den Dichterabend mit Agnes Miegel (20 Pf.) müssen sofort bei den Gruppen bestellt werden.
BDW.-werk-Gruppe 11/116.
Am Mittwoch, 26. Oktober, tritt die Arbeitsgemeinschaft für Literatur um 20 Uhr am Studentenheim an zum Gemeinschaftsabend des BDM.- Werkes.
Gießener Stadttheater.
Georg Büchner: „Dantons Tod."
Vor 125 Jahren, im Oktober, wurde Georg Buchner geboren. Wir haben im vorigen Jahre, zur 100. Wiederkehr seines Todestages, in der Unterhaltungsbeilage die Umrisse seines Wesensbildes zu zeichnen und darzulegen versucht, was seinen Standort in der Geschichte unserer Dichtung, vornehmlich des deutschen Dramas, beftbmmt; warum insbesondere das Theater Grund habe, sich auf Büchner zu besinnen und seiner anzunehmen. Es bedarf wohl kaum des Hinweises, daß gerade wir hier begründete Verpflichtungen haben, und es mag nur daran erinnert werden, daß der „Danton", zwei Jahre vor Büchners Tode, im selben Sommer erschien, in dem „der von Großh. Hess Hofgericht der Provinz Oberhessen bestellte Untersuchungsrichter , Hofgerichtsrat Georgi, jenen berüchtigten Steckbrief hinter dem „Studenten der Medizin aus Darmstadt erließ.
„Dantons Tod" ist das vollkommenste und bedeutendste der von Büchners Hand auf uns gekommenen Dramen, ein Dierakter mit sehr willkürlich geformter, unregelmäßiger Folge von Szenen, die baio miniaturhaft verkürzt, bald oratorisch breit ausgesponnen sind, vielfach balladesk in der Knappheit und der Steigerung des Tempos, auch von ^otrs- liedftrophen durchzogen, wie Büchner es liebte, die aber mehr hessisch als pariserisch klingen, wie denn überhaupt die Leidenschaft, die von diesem Stuck ausftrahlt. sich an einer anderen, kleineren, uns zeitlich und landschaftlich näheren Revolution entzündet und genährt hat, die damals auch das ne ine Lnö Hessen in Unruhe und Aufruhr versetzte? Manchmal glaubt man in diesen Szenen schon ,ene anklägerische und aufrüttelnde Famarenstunme des „Hessischen Landboten" zu vernehmen.
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Es würde zu weit führen, wollte man hier wiederholen, was Büchner selbst damals - «nGutz kow, der .hm nach Kräften half und an feme Familie - über den „Danton", über dessen Absichten unö über das Verhältnis des Dramatikers zum Historiker geäußert hat: es lohnt sich, das uachzu- lesen Man wird da den bemerkenswerten Satz finden: „Mit einem Wort ich ^ltevle auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf Schill
es ist aewiß, daß „Dantons Tod , em gtu hender Bilderbogen aus der französischen Revolution. unter dem verehrten Gestirn des großen W liam empfangen wurde: ebenso ^wlß aber tz das Ganze völlig aus Buchners Hand und Herzen fa(?5 weht durch alle Szenen in> diesem Drama jene eigentümliche, schwer zu beschreibende, aber
unverwechselbare Buchner-Luft, der man später, mit der nämlichen atmosphärischen Stärke, im „Woy- zeck" wiederbegegnet, klar und schwül zugleich, beklemmend und durchsichtig: es herrscht eine Stimmung wie vor einer nahen Katastrophe, vor einem drohenden Weltuntergang, und es ist kein Zweifel, daß dies die Stimmung war, welche den jungen Dichter damals bewegte, daß vieles von dem, was Danton äußert, mit etwas anderen Vorzeichen und Akzenten vielleicht, als Wort und Meinung feines Schöpfers gelten darf
„ Es spricht da übrigens, wie gleich hinzugefügt werden soll, nicht nur der Revolutionär, sondern auch der Mediziner Büchner, der sich in kaum einer feiner Schriften verleugnet: aber man mag, zur Vermeidung von Mißverständnissen, in dem schon erwähnten Brief an die Familie (aus Straßburg, vom 28 Juli 1835) auch nachlesen, wie sich Büchner gegen den Vorwurf der „sogenannten Unsittlichkeit" seines Werkes zur Wehr gesetzt hat.
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Der „Danton" ist, wenn man es auf eine knappe Formel bringen will, das Schauspiel einer Revolution, die in ihrem Blute erstickt. Diese Revolution ist, mit Dantons Worten, ^roie Saturn, sie frißt ihre eigenen Kinder". Von den knappen Szenen, in denen das Volk von Paris geschildert wird, heben sich die größeren ab, in denen die Träger, Führer und Vollstrecker der Revolution einander gegenüber^ stehen. Zwar erkennt der Deputierte Herault: „Die Revolution muß aufhören, und die Republik mutz anfangen.. ", aber <-s erweist sich, daß die Revolution noch nicht reif ist, daß die Männer des Volkes nicht einig find — weder über den Wea noch über die Ziele. Sie halten ihre Reden, sie disputieren — Mann gegen Mann, oder in aller Öffentlichkeit des Nationalkonvents und des Revolutionstribunals —, aber das einzige Argument, dem in dieser Zeit die unwiderlegbare, letzte Beweiskraft zukommt, scheint die Guillotine zu sein. Sie haben schon alle ausgerottet, die der Revolution im Wege standen, die reichen Leute, die Adligen, die Royalisten: es gibt, in diesem Schauspiel, nur noch „das Volk" und die Führer des Volkes: wenn diese sich über den Fortgang der Ereignisse, über Staatsformen, Bürgerpflichten, Tugenden und Laster nicht mehr zu verständigen vermögen, kann es nicht ausbleiben, daß. die Revolutionäre sich wider einander erheben und gegenseitig zu vernichten suchen
Bei Büchner spitzen sich die Gegensätze am schärfsten zwischen Danton und Robespierre zu Danton sieht „keinen Grund, der uns länger zum Töten zwänge" Robespierre, der unbestechliche, der „empörend rechtschaffene", dagegen: wer eine Revo
lution zur Hälfte vollendet, gräbt sich selbst fein Grab." Und ein wenig später, als Danton gegangen ist: Er muß weg ... er wird zertreten."
> St. Just fügt hinzu: „Wir müssen die große Leiche mit Anstand begraben .. all ihre Glieder müssen mit hinunter." Danton wird gewarnt, könnte fliehen, ist aber überdrüssig, melancholisch, hochmütig: „Sie werden's nicht wagen", glaubt er, und dann: ,,... nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit?"
Auf die wilden Anklagereden Robespierres und St. Justs im Konvent antwortet Danton mit einer stolzen und verächtlichen Verteidigung, die ihn noch einmal als den Mann des Volkes bestätigt. Aber ein Komplott unter den gefangenen Deputierten wird ruchbar. Und das bestechliche, wetterwendische und unberechenbare Volk von Paris, das eben noch Danton zusubelte, als er vor dem Revolutionstribunal Robespierre, St. Just und ihre Henker des Hochverrats anklagte, erinnert sich wenig später, daß Danton schöne Kleider, em schönes Haus, eine schöne Frau habe — und was hat Robespierre? „Es lebe Robespierre! Nieder mit Danton!..."
Was dann folgt, sind Traumphantafien und Todesahnungen der Gefangenen, Selbstmord und Sinnoerwirrung ihrer Frauen, Geschrei des Pöbels, Tanz der Carmagnole unb das Schreckbild der Guillotine auf dem Revolutionsplatz mit den beiden wunderlich hessisch singenden Henkersknechten.
Oberspielleiter Dr. Hannes R azurn hatte das Drama in Szene gesetzt. Die Ausführung erwies sich als eine Leistung, die auch an einer größeren j IBübne mit allen Ehren hätte bestehen können: sie ist zu würdigen nach den ungewöhnlichen Schwie- I rigfeiten und außerordentlichen Anforderungen, die i Büchners Werk szenisch und darstellerisch an das Theater stellt. Dr Razum war der entmutigenden Folge von insgesamt 31 Bildern fast ohne Streichungen und mit verhältnismäßig flüssigen Verwandlungen Herr geworden. Ihm gelang die Verwirklichung des äußeren Bildes auf eint sehr einprägsame Weise: er. empfand auch das eigentüpi- liche Klima, das von dem Schauspiel ausstrahlt, und von dem schon die Rede mar; er ließ endlich hinter den bewegten Vorgängen die geistigen Grundlagen sichtbar werden, aus denen das Drama des jungen Darmstädter Studenten erwachsen war
Die Arbeit des Spielleiters wurde durch die Raumgestaltung des Bühnenbildners Löffler mit geschmeidiger Einfühlung unterstützt. Das Spielfeld war durch eine Diagonale in oben und unten, in Vorder- und Hinterbühne gegliedert. Die Bilder tauchten, von andeutenden Projektionen und wenigen Versatzstücken plastisch geformt, aus dem Dunkel ins Helle oder ein flackriges Helldunkel, in dem meist sparsame, gut verteilte Farben, viel Rot darunter, die bestimmenden Akzente lieferten.
Die Regie hatte ausdrücklich auch auf dramaturgische Experimente verzichtet, die hier nahegelegen hätten, und spielte fast vollkommen textgetreu:
nur das Henkerlied zuletzt lautet bei Büchner anders. Ein guter Einfall, das Ganze mit der Marseillaise zu intonieren. Hingegen war das letzte Bild durch die anfängliche Verdunkelung und dis mangelnde Verständlichkeit der Sprecherin beeinträchtigt. Die Hinrichtungsfzene auf dem Revolutionsplatz bei halblauter Musik ist schaurig, aber wir haben sie mit so unheimlicher Intensität des Eindrucks noch nicht erlebt.
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Das enorme Personal des Dramas erforderte den Einsatz fast des gesamten Aufgebotes an darstellerischen Kräften. Man kann naturgemäß aus der langen Liste nur einige der wichtigsten Namen hervorheben: aber es soll zuvor als ein hohes Verdienst der Spielleitung auch dies hervorgehoben werden, daß die Massenauftritte durchgeformt und gegliedert waren und über der Masse sich die Köpfe und Gestalten der wesentlichen Akteure sorgsam profiliert und mit persönlichen Umrissen abzeichneten
Eduard Cossovel als Danton: er trug die schwere und schwierige Rolle beherrscht und abgewogen durch viele Szenen: eine hohe, wuchtige, dabei nicht unelegante Gestalt im roten Frack; ein leidenschaftlicher Kopf mit dunklen Augen unb dunklem Haarbusch. In seiner Darstellung flössen die merkwürdig auseinanberftrebenben Elemente ber Rolle zusammen: Hochmut unb Lebensüberdruß, Gleichgültigkeit unb ausbrechenbes Temperament, Verachtung ber Welt unb Schauer bes unentrinnbaren Enbes.
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Glänzenb erfaßte Herr v. Gschmeidler ben wichtigsten Gegenspieler: sein Robespierre war ein glatter, schwarzer, kalter Abbe, ein büsterer Mono- logift unb theatralisch hinreihenber Volksrebner. Herr Geißler als St. Just: sachlich unb fast trocken, bis ein ähenber Fanatismus seine scheinbar leibenschnftslosen Argumente erhitzt. Eine ber bemerkenswertesten Leistungen ging von einer Nebenrolle aus, ber von Anneliese Schloeber mit halblauter Einbnnglichkeit gespielten Marion. Gie« sela Vollert gab in stiller Beherrschung bie Julie, Anneliese Garbe bie umnachtete Lucile mit einer hohen, fingenben Kinberstimme. 'Herr Schorn war ber sehr menschlich empfunbene Desmoulins. — Einige Darsteller mußten boppelt eingesetzt werben: Herr Do Ick (ßegenbre, Dillon); Herr Haars (Simon, Barrere): Herr Grönbahl (Mercier, Collot) in ber Maske bes jungen Bonaparte bei Lodi.
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Man kann nicht alle Namen nennen. Wer bis gegen Enbe ein wenig nachlasienbe Spannung spürte, möge bie beträchtlichen Schwierigkeiten einer solchen Inszenierung bebenfen: sie hätte einen nicht minber starken Besuch oerbicnt als bie letzte Operette. Hans Thyriot


