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Nr.72 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesjen)

26./2T. IHän 1938

Wahlkundgebung.

Am Sonntag, 27. INärz, 20 Uhr, spricht in Gießen in der Vokshalle

Reichserziehungsminisier pg. ^ust Gauleiter von Eütchannover-Braunschweig.

Ls wird erwartet, daß die Bevölkerung des Kreises Wetterau an dieser Kuttd- gebung teilnimmt.

$ür die Parteigenossen in Gießen und in den unmittelbar benachbarten Orts­gruppen ist die Teilnahme Pflicht.

Eintritt frei.

Saatöffnung 18.30 Uhr.

Die Platze müssen bis 19.45 Uhr eingenommen sein.

Kreisleitung Wetterau der ASDAP.

Aus der Stadt Gießen.

Hausfrauen-Zrühiing.

Schon -beim ersten Hellen Sonnenstrahl im Früh­jahr wird die Hausfrau unruhig. Sie blinzelt in die Sonne, dann gleiten ihre prüfenden Blicke an die Zimmerdecke, über die Möbel und die Vor­hänge. Und gerade, als der Hausherr sich von Her­zen auf diese schöne Frühlingszeit freuen will, fällt bas unangenehme WortHausputz". Ihm ist es unangenehm, höchst unangenehm, i h r scheint es eine Wonne.Aber die Vorhänge sind doch noch gar nicht schmutzig!" ruft er einwendend, aber schon steht er, sanft geschoben, auf der Trittleiter, um sie herunterzunehmen. Lächelnd führt ihn dann die Hausfrau an die Badewanne, wo fie eingeweicht schwimmen. W i e schwarz sehen sie aus! Und reu­mütig muß er zugestehen, daß es doch Zeit war.

Am anderen Morgen rückt dann noch eine Ver­stärkung an in Gestalt einer kräftigen Putzfrau, und nun ist es erstaunlich, in wie kurzer Zeit ein wohnlicher Raum in eine Stätte der Verwüstung verwandelt werden kann. Die Fenster stehen auf, der Ausklopfer klatscht (Putzfrauen halten nicht viel von einem Staubsauger), Ströme von Wasser flie­ßen, Staub wirbelt auf, um sich geduldig wieder' woanders niederzulassen. Die Hausfrau istin vol­ler Fahrt", der Hausherr verzieht sich und fragt sogar noch nicht einmal, ob und wann es Mittag­essen gibt. Abendsdarf" er dann die nun frisch­gewaschenen und geplätteten Vorhänge wieder auf­hängen:Vorsichtig, du verdrückst sie ja gleich wie­der!", wobei er auch noch einen Triumph erlebt, nämlich, wenn sie sich zum Schluß wirklich und richtig ziehen lassen?

Dann sitzen Hausherr und Hausfrau diese hundemüde! friedlich beisammen in dem nun wieder wohnlichen Gemach, das nach Sauberkeit und Frische duftet.Fein-ist das doch mit Oester­reich!" sagt er, von der Zeitung aufblickend.Ja?" kommt es als Antwort zurück.Morgen putzen wir das Schlafzimmer!" E. L. St.

Vornotizen.

Tageskalender für Samstag.

Stadttheater, 15 bis 17.45 Uhr:Wilhelm Teil"; 20 bis 22.45 Uhr:Wilhelm Teil". Gloria- Palast (Seltersweg):Die verschwundene Frau". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Maienzeit". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Aus­stellung im Turmhaus am Brand. Frühjahrs­messe auf Oswaldsgarten.

Tageskalender für Sonntag.

Stadttheater, 11.30 bis 12.30 Uhr: ..Moderne Bläsermusik"; 19 bis 21.30 Uhr:Das Land des Lächelns". Gloria-Palast (Seltersweg), 11.15 Uhr, Tonsilm für Kraftfahrer:Kampf um Kraft"; zu den bekannten Zeiten:Die verschwundene Frau".. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Maien- ßeit". Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand. Deutsche Stenographenschaft: 8.30 Uhr, in der Öffentlichen Handelslehranstalt, Wernerwall 11: Frühjahrspreis­ausschreiben. Frühjahrsmesse auf Oswalds­garten.

WiederholungWilhelm Tell".

Heute abend findet im Stadttheater eine Wieder­holung des großen SchauspielerfolgesWilhelm Tell" von Schiller statt. Spielleitung Hermann Schultze« Griesheim, Bühnenbilder Karl Löffler. Mitwirkende: das gesamte Personal des Stadt­theaters. Die Vorstellung findet gleichzeitig für die KdF.-Miete Gruppe II sl2. Vorstellung) statt. Infolge anhaltender Erkrankungen im Personal ist Wilhelm Tell" für die KdF -Miete vorverlegt wor­den. Die OperetteClivia" gelangt für die Gruppe am 23. April zur Aufführung. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen. Anfang der Vorstellung 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr.

Sladtthealer-Spielplan vom 27. Wärz bis 3. April:

Die 12. Morgenveranstaltung des Stadttheaters am Sonntag, 27. März, bringtModerne Bläser­kammermusik". Das Programm sieht vor: Lodovico

Technische Anordnungen.

Die Rede des Reichsministers Rust wird bei gutem Wetter auch auf den platz vor der Volks­halle, der zwischen dieser und der Artilleriekaserne liegt, übertragen. Bei schlechtem Wetter haben die Volksgenossen Gelegenheit, die Rede in den beiden Sälen des Schühenhauses und derGermania" ab­zuhören.

Den die Absperrung leitenden Polizeibeamten, ff- und SA.-Wännern und den Wannern des RSKK.-Verkehrserziehungsdienstes ist in jedem Falle Folge zu leisten, damit der Aufmarsch der Ehrenformationen und die Anfahrt des Reichs­ministers pg. Rust nicht gestört werden.

Sämtliche Autofahrer haben ihre Kraftfahrzeuge auf dem Parkplatz vor dem Sportplatz der Spiel-

Rocca, Storiella, Blurner, Sextett op. 45, Popelka, Sonate für Englischhorn und Klavier. Die Leitung der Morgenoeranstaltung hat Joachim Popelka. Ausführende: Frank, Grau. Groß, Heer, Keller, Kretzer, Müller, Popelka, Schöffel. Die Intendanz bittet, die Karten im Vorverkauf zu entnehmen. BDM.- und HJ.-Karten nur gegen Ausweis des Theaterringes zu 0,25 RM. Platzmieter auf allen Plätzen 0,25 RM. Die Morgenoeranstaltung beginnt punkt 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr. Am Abend Wiederholung der NeueinstudierungDas Land des Lächelns", Romantische Operette von Franz Lehar. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Karl-Ludwig Lindt, Tänze Irmgard Zenner. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Anfang 19, Ende 21.30 Uhr.

Montag, 28. März, 15.0017.45 Uhr Schüler- vorstellungWilhelm Tell" von Schiller.

Dienstag, 29. März, Anfang 20, Ende 22.30 Uhr, Das Land des Lächelns", Romantische Operette von Lehar. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Karl-Ludwig Lindt. 24. Vorstellung der Dienstag-Miete.

Mittwoch, 30. März, 14.3017.15 Uhr Schüler- VorstellungWilhelm Tell", Schauspiel von Schiller. Anfang 19.30, Ende 21.45 Uhr,Die Weiber von Redditz", Lustspiel von Forster. Spielleitung Anton Neuhaus. 26. Vorstellung der Mittwoch- Miete.

Donnerstag, 31. März, Anfang 20, Ende 23.15 Uhr, KdF.-Miete Gruppe I (13. Vorstellung), zum letzten MaleClivia", Operette von Nico Dostal. Musikalische Leitung Heinz Markwardt, Spielleitung Karl-Ludwig ßinbU Freier Kartenverkauf zu Tages­preisen.

Freitag, 1. April, Anfang 20, Ende 22.30 Uhr, Das Land des Lächelns", Romantische Operette von Franz Lehär. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Karl-Llldwig Lindt. 26. Vor­stellung der Freitag-Miete.

Vereinigung 1900 nach den Anweisungen der Ab- sperrmannschaften aufzustellen.

Es empfehlt sich für alle Teilnehmer an der Kundgebung, gleichgültig ob fie zu Fuß oder mit dem Kraftwagen ankommen, möglichst rechtzeitig in dem Versammlungsraum anwesend zu fein, da mit einem starken Verkehr zu rechnen ist und daher voraussichtlich Straßensperrungen vorgenommen werden müssen.

Klaggen heraus?

Die Kreisleitung fordert die Bevölkerung der Stabt Gießen auf, anläßlich der Anwesenheit des Reichsministers Rust in Gießen am morgigen Sonntag die Häuser mit Flaggen z v schmücken. >

Hitler-Jugend.

Unterbann V/116.

Die letzte Unterbannschulung findet am 27. März, 8.30 Uhr, im HJ.-Heirn Großen-Linden statt.

* BOM.-Untergau 116.

Stelle für Leibesübungen.

Betr.: Sportschulung am 27. März.

Wie schon bekannt, treten alle Mädel- und Jung- mädelgruppen- und Scharsportwartinnen und die von den Gruppenführerinnen bzw. Gruppensport- rnart innen bestimmten Mädel am Sonntag, dem 27. Marz, pünktlich um 8.00 Uhr, an der Untergau- Dienststelle zur Sportschulung an.

Mitzubringen ist Turnzeug, Brotbeutelverpfleaung und 0,25 RM. für die Tanzveranstaltung von Irm­gard Zenner.

Mädel, die mit späteren Zügen kommen, melden sich bis 9.00 Uhr auf der BDM.-Untergau-Dienst- stelle, danach am Gloria-Palast. Die Schulung selbst stndet in der Turnhalle des Lyzeums statt.

Platzkonzert der Wehrmacht und der GA.

Aus Anlaß der heutigen und morgigen letzten Straßensammlung für das Winterhilfswerk, die von der Deutschen Arbeitsfront durchgeführt wird, finden am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag Platzkonzerte statt. Das Musikkorps der Wehrmacht unseres Standortes und der Musikzug der SA.-Standarte 116 haben sich gern in den Dienst dieser letzten Straßensammlung gestellt.

Die Regimentsmusik des JR. 116 unter Leitung von Musikmeister Wohlfahrt konzertiert am Samstag von 17 bis 18 Uhr auf dem Kreüzplatz, während der Musikzug der SA.-Standarte 116 am Sonntag von 11 bis 12 Uhr am Selterstor sein Konzert zu Gehör bringt.

Goldenes Ooktorjubiiäum des Eanitätsrats Or.Gchliephafe.

Am kommenden Dienstag, 29. März, kann der weithin bekannte und geschätzte Gießener Arzt, Sanitätsrat Dr. Fritz Schliephake sein Golde­nes Doktorjubiläum begehen.

Sanitätsrat Dr. Schliephake entstammt einer alten niedersächsischen Freibauernfamilie, die später im hessischen Gebiet ansässig wurde. Er erblickte am 22. November 1860 in dem damaligen hessischen Orte Gladenbach als Sohn des Rentamtmannes Schliephake das Licht der W-lt Späterhin in Schot­ten aufgewachsen, kam er von dort nach Gießen,

wo er von 1876 bis 1881 das damals noch unter der Leitung des bekannten Direktors Schiller stehende Gießener Gymnasium besuchte. Als Ein­jährig-Freiwilliger genügte er 1881 beim Infante­rie-Regiment 116 seiner Militärpflicht. Er studierte in Gießen, wo er u. a. als Schüler des Anatomen EckarÜt, des Internisten Riegel und der Gynäko­logen Kaltenbach und Kehrer war. In verschiedenen Kliniken betätigte er sich während seiner Studien­zeit als Famulus. Im Februar 1887 folgte feine ärztliche Approbation. Dann diente er als einjährig­freiwilliger Arzt bei den Dragonern in Darmstadt.

Nach feinem Abgang aus dem Militärdienst ließ er sich in Münzenberg als Arzt nieder, wo er zwei Jahre lang praktizierte. Welche Beliebtheit und Wertschätzung er sich dort schon während dieser kur­zen Zeit erwarb, wird dadurch bekundet, daß die alten Einwohner von Münzenberg ihm noch heute ihre Anhänglichkeit bewahren und ihn jedesmal bei seinem Kommen mit Freuden empfangen.

Im Jahre 1890 übersiedelte er nach Gießen, der Stadt seiner Jugend und seiner Studentenzeit in der VerbindungKloster" Als junger Arzt wirkte er zwei Jahre lang im Hygienischen Institut des Geheimrats Professor Dr. Gaffky, des Entdeckers des Typhus-Bazillus. Seine Entwicklung als Arzt wurde auch dadurch stark beeinflußt, daß in feine beruflichen Ausbildungsjahre die großen Ent-

um immer blitzsauber zu sein. Ein Hauch Bohnerwachs und leichtes Nachpolieren genügt I

PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE NEUSS

unserer Zeil braucht nur aerinae Püeae.

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Die Handtasche.

(Sme moralische Geschichie von Ehr. p Bauer.

Der Tag war herrlich gewesen, das Restaurant im Grünewald beinahe menschenleer, und Dori kaum zu bewegen? nach Hause zu fahren. Aber sie mußte. Um 23 Uhr sollte sie zurück fein so wenigstens lautete der mütterliche Befehl. Und jetzt war es beinahe dreioiertel. Ich brachte sie ohne Strafmandat noch rechtzeitig an ihre Haustür.

Als ich selbst vor meiner Junggesellenbude aus dem Wagen stieg, bemerkte ich sie schwarz­glänzend, mittelgroß, mit einem schlichten silbernen Schloß lag sie zwischen den Sitzen, eine Hand­tasche. Dori hatte sie vergessen. Wahrscheinlich gibt es nichts Unschuldigeres als eine Handtasche, sicher auch nichts Geheimnisvolleres als die Handtasche der geliebten Frau. Darf man denn jemals hinein- schauen? Bewahre! Gleich heißt es:Reick' sie mir doch bitte herüber und schnüffle nicht so!"

Hatte ich Dori jemals ohne ihre Handtasche ge­sehen? Undenkbar die Vorstellung: Dori ohne Handtasche. Hielt sie ein Geheimnis verborgen die Handtasche?... Da sah ich sie nun allein die Handtasche und ich mußte beweisen, daß ich ein moralisch hochstehender Mensch bin, mußte auf meiner Bude am Telephon die einzige Nummer, die ich auswendig weiß, wählen und sagen:Liebe Dori, du hast leider deine Handtasche im Wagen liegen lassen. Ich habe sie im Schreibtisch ver­schlossen."

Mußte fragen:Wie bitte? Ob ich was...?

Und bann mit dick aufgetragenem Pathos:Na, hör mal, meine Liebe, traust du mir denn wirklich zu...?"

Noch dicker und überzeugender:Was? Ja denkst du denn tatsächlich, ich würde jemals ...?"

Das oder ähnliches mußte ich tun, wenn ich moralisch hochstehend war. Leider aber sah die Handtasche zu unschuldig aus viel unschuldiger als ich.

Schäm dich, alter Knabe!" rief mein Gewissen.

,Lch schäme mich", entgegnete ich und öffnete die Handtasche. Es war nicht einfach. Die Konstruktion von Handtaschen ist von männerfeindlichen Frauen entworfen worden. Solch ein Gewirr von Reiß­verschlüssen, Neben-, Seiten- und Geheimfächern muß selbst einen Zollbeamten zur Verzweiflung bringen.

Die Hände zitterten etwas, als ich dann sichtete: I) Toilettengegenstände und Führerschein. Inter-

effiert nicht, b) Taschentuch. Ich roch daran und sehnte mich nach ihr. c) Mitteilung des Chefs, eines Anwalts, daß ihr Gehalt um monatlich fünfzehn Mark erhöht würde. Interessant! Ich hatte bis dato keine Ahnung. Heimlich also wollte Dori unheimlich sparen. Gutes Kind! d) Portemonnaie. Sieben Mark in Silber, dreiundvierzig Pfennige in Kupfer und eine Briefmarke zu zwölf. Ick nahm nichts davon, obwohl der Brief an Tante Adele seit vier Tagen unfrankiert auf dem Schreibtisch lag. Ich bin ein moralisch hochstehender Mensch, e) Ein blauer Zettel. Ein Brief? Und bedeckt mit Doris altbaby­lonischen Hieroglyphen. Aber was war das?

... Versicherung ... alles beim alten ... un­wandelbare Treue..."

Ich erblaßte.... der andere kommt Überhaupt nicht in Frage... Verirrung ... Herz gehört nur Dir ... keine Trennung ... erst recht nicht... schei­den ..."

Mir wurde elend,ganz anders". Ich war ent­setzt. Kenne einer die Frauen! Da war die Be­scherung ... Aufrecht wandelnde Schlangen ... Natternbrut! Und ich war auf diese schönen Augen reingefallen! Meine Hände zitterten nicht mehr. Das Attentat auf die Handtasche war längst ver­gessen. Na, ich wußte, was zu tun war. Einmal und nicht wieder! Wenn ich doch nur das Wort vor scheiden" lesen könnte. Biestige Handschrift schreibt diese Person! Ich hielt bisher nicht viel von Grapho­logie. Es ist eine Wissenschaft, erkannte ich nun.

Erneutes Buchstabieren Mit besserem Erfolg nach sechs Anläufen:... vor Gericht scheiden

Fragezeichen sahen mich an.

Hm. Also?"

Ach jeh, vor Gericht scheiden!"

Das war ja, das war ja gar kein Liebesbrief». Holdrioh! Das war ja nur eine Seite aus einer Protokollabschrift! Endlich war ich auf die schlaue Idee gekommen, das Papierchen zu wenden. Und auf der Rückseite stand:Müller gegen Müller"

Müllers also wollten sich scheiden lassen nicht .Dori und ich, wir hatten auch später als Verlobte nie die Absicht. Und dann stand noch da:Z/V 37/4268". Aber das war gar nicht wichtig und doch nicht zu behalten. Ich Narr, ich und doch, so ganz zufrieden war ich gar nicht einmal. Viel­leicht war es der betrogene Sherlock Holmes in mir. Immerhin Schluß mit der Schnüffelei jetzt Alles wieder zurück marsch-marfch in die Hand­tasche und möglichst in der gleichen Reihenfolge und Ordnung. Ich rase wm Telephon.

Liebe Dori. Du hast leider deine Handtasche im

Wagen liegen lassen. Ich habe sie im Schreibtisch verschlossen."

Wie bitte? Ob ich was ...?"

Und dann mit dick aufgetragenem Pathos:

Hör mal, meine Liebe, traust du mir denn wirk- lief) zu...?"

Was? Ja, denkst du denn tatsächlich, ich würde jemals...?"

Nicht so gemeint? Na das hoffe ich aber auch stark!"

Als ich ihr tags drauf feierlich die Handtasche überreichte, prüfte sie kritisch den Inhalt.

Du mußt zugeben", sagte ich,daß ich sie nie so unordentlich hätte wieder einräumen können."

Dori sah mich dankbar an.Du bist ein an­ständiger Kerl. Ich habe ja auch immer gewußt, daß ein es klingt vielleicht etwas theatralisch daß ein moralisch hochstehender Mensch so etwas nicht tut. Es ist aber auch gut, daß du nicht ge­schnüffelt hast. Sieh mal, diesen Brief hat mir unser Bürovorsteher, dieser aufdringliche, alte Jung­geselle, dieser Tage heimlich zugesteckt."

Aus einem Seiten-Seiten-Geheimfach ihrer Hand­tasche kramte Dori einen rosaroten Briefbogen her- vor. Ich las:Mein sehr verehrtes Fräulein Dori... damit ein Geständnis verknüpfen ... Ver­sicherung ... unwandelbare Treue., der andere kommt überhaupt nicht in Frage... meine Der- mögensoerhältnisse... Verirrung... junger, un­reifer, doch pur nicht vertrauenswürdiger Mensch (damit war ich gemeint ich!) ... meine Liebe zu Ihnen.."

Auf der Rückseite dieses Briefes stand kein Akten­zeichen. Wie gut, daß ich dieses Seiten-Seiten-Ge- heimfach gestern abend nicht entdeckt hatte! So war ich wenigstens in Doris Augen ein moralisch hoch­stehender Mensch geblieben freilich nicht in den eigenen ..

Aber ich wollte versuchen, es zu werden.

'Zeitschriften

Das neue Heft derSiren e", der illustrierten Zeitschrift mit den Mitteilungen des Reichsluftschutz­bundes, berichtet in Wort und Bild über die Grund­steinlegung zu der neuen Reichsluftschutzschule in Berlin-Wannsee. Ein ergänzender Beitrag schildert die Aufgaben und Ziele dieser Hochschule des Selbst­schutzes. Das Heft bringt außerdem eine Reihe inter­essanter Bildberichte, z. B. über die Volksgasmaske, über die Stadt mit den meisten Schutzräumen, über eine Luftschutzübung im Londoner Tower und vieles andere.

Ein Zisch mit Vergangenheit.

21m bekanntesten, ja geradezu berühmt ist der saure Hering im Zusammenhang mit dem Kater, mit dem grauen, trostlosen Erwachen nach einer allzu feuchtfröhlicher Nacht. Und warum? Es be­weist, in welch hohem Maße gerade dieser Fisch geeignet Ist, Körper und Geist zu stärken und zu erfrischen! Weniger bekannt ist es vielleicht, daß der Hering eines der ältesten Nahrungsmittel-ist, das schon- im 11. und 12. Jahrhundert ein wichtiger Handelsartikel war. Die Hanse, der bedeutende nordische Städtebund des Mittelalters, rechnete den Heringsoertrieb zu ihren eindringlichsten Geschäften. Vornehmlich die Ostseestädte und Schweden machten sich zu jener Zeit das reiche Heringsvorkommen an der Rügenfchen Küste und weiter nach Norden zunutze, und zu Lande ober auf den Flüssen wurde der Hering in Mengen gesalzen nach Nord-, West- und Mitteldeutschland verhandelt. Später, im 15. Jahrhundert, sicherten sich die Hollander das vertragliche Recht auf den Heringsfang in der Nord­see und begannen, als Rivalen der Hanse das Heringsgeschäft streitig zu machen. Nicht selten kam es zu Kapereien und Feindseligkeiten auf offenem Meer, wenn sie sich gegenseitig ins Gehege kamen. 3n Deutschland begann Emden sich in dieser Zeit einen Namen bei der Heringsfischerei zu machen. Den ganzen Sommer und Herbst über dauerte der Fang und selbst im Winter wurde im Skagerrak gefischt.

Daß der Hering ein wichtiger und verbreiteter Bestandteil der Ernährung in den vergangenen Jahrhunderten war, ist uns auch durch die Kunst überliefert worden. Dort, wo wir das bunte Leben des Alltags getreu wiedergegeben finden, nämlich bei den niederländischen und niederdeutschen Malern finden wir auch ihn bargeftellt, sei es auf üppigen Stilleben, Gelagen ober Bauernfesten

Auch heute noch, wie kn früheren Jahrhunberten, lebt em Teil unserer Volksgemeinschaft für bic Fischerei unb von ber Fischerei Es ist ein hartes Brot, benn der Kamps mit dem oft schweren Wetter und dem Meer ist mit großen Gefahren verbunden. Sollte man nicht auch daran denken? Man tut nicht nur der eigenen Gesundheit einen Gefallen, man hilft auch anderen! Man lohnt des Fischers harte Arbeit! Das soll nun keine Entschuldigung fein für den Hausvater, beruhigt einen mehr über den Durst zu trinken, nein, aber eine Mahnung an die Hausfrau: nehmt den Hering sieißig in euren Küchenzettel auf! L. H.