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Mittwoch, 2b.Zanuar 1938

Dornoiizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater: 19.30 bis 22 UhrEnoch Arden". Gloria-Palast (Seltersweg):Zweimal zwei im Himmelbett". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): Wenn Frauen schweigen". Oberhessischer Kunst­verein, Turmhaus an Brand:Frankfurter Künst­ler der Gegenwart"; Besuchszeit: 17 bis 18 Uhr,

Sladlthealer Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Um 19.30 Uhr findet eine Wiederholung des Opern­erfolgesEnoch Arden" von Ottmar Gerfter statt. Musikalische Leitung Paul Walter, Spielleitung Wolfgang Kühne, Leitung und Einstudierung der Chöre Heinz Markwardt, Choreographie Irmgard Zenner, Bild Karl Löffler. Die Vorstellung findet als 17. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Be­ginn 19.30, Ende.22 Uhr.

Alfred huggenberger in Gießen.

Der bekannte Schweizer Bauerndichter Alfred Huggenberger wird, wie man uns schreibt, am kommenden Donnerstag auf Einladung des Goethe-Bundes, des Kaufmännischen Vereins und des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland,

Nr.2l Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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Aus der Stadt Gießen.

KampfdemVerderb so gutwie Erwerb.

Vie erlangt man LoWeuer-Lniläßigung?

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Richtlinien für die Antragsteller.

Ach, Frau Schulze, würden Sie mir wohl einen großen Gefallen tun und mir bis übermorgen drei Mark borgen? An dem Tage bekommt mein Mann erst Geld. Ich bin diese Woche wieder nicht mit meinem Wirtschaftsgeld ausgekommen."

Bitte, Frau Lehmann, hier ist das Geld!"

Vielen Dank, Frau Schulze. Ich wundere mich immer wieder, daß Sie so gut zurechtkommen, wie machen Sie das bloß?"

Solche und ähnliche Gespräche kann man oft unter Nachbarinnen und Hausfrauen hören. Ja, wie kommt es eigentlich, daß manche ^Hausfrauen niemalszurechtkommen", andere dagegen noch aus­helfen können? Da ist nicht etwa die verschiedene höhe des Wirtschaftsgeldes ausschlaggebend. Nein, die Hausfrauen, die richtig wirtschaften können und mit ihremEtat" haushalten, find in den meisten Fällen auch diejenigen, die die- ParoleKampf dem Verderb" genau befolgen, die nichts umkommen lassen und alles richtig verwerten. Diese Behaup­tung ist durchaus nicht übertrieben, sie läßt sich vielmehr rechnerisch beweisen.

In den meisten Haushalten es gibt deren be­kanntlich 17,5 Millionen gehen täglich für 20 Pfennig Nahrungs- und Derbrauchsgut verloren. Das macht in der Woche eine Ausgabe von 1,40 Mark oder den Betrag, für den man ein gutes Mittagessen Herstellen kann. Im Monat sind das 6 Mark, also die doppelte Summe, die der als Beispiel erwähnten Frau Lehryann an ihrem Wirt­schaftsgeld fehlt. Nun wird es vielleicht manchem klar, daß die ParoleKampf dem Verderb" nicht nur eine volkswirtschaftliche und ernährungspoli­tische Notwendigkeit ist, um Deutschlands Kampf um seine Nahrungsfreiheit zu stärken, sondern daß man mit voller Berechtigung den Satz aufstellen kann: Kampf dem Verderb ist so gut wie Er­werb. Die Hausfrau, die Mithelferin beimKampf dem Verderb" ist, fühlt das nicht zuletzt an ihrem Wirtschaftsgeld. Mit dem allgemeinen Nutzen ver­bindet fich der eigene Vorteil. Die genannten Zah­len sind durchaus keineMilchmädchenrechnung". Einen Beweis dafür, daß in den meisten Prioat- haushaltungen noch viel in den Mülleimer gewirt­schaftet wird, liefert der Vergleich mit dem Verlust­konto der gewerblichen Betriebe und Küchen, wo der Verlust von Nahrungsmitteln schon auf 0,5 bis 1 v. H. heruntergedrückt ist, während er imReich der Hausfrau" immer noch 5 bis 8 v. H. beträgt..

Alle die Hausfrauen, die nie mit ihrem Wirt­schaftsgelde auskommen, täten einmal gut, sich in einer stillen Stunde zu überlegen, ob sie nicht zu verlustreich wirtschaften. Gerade der Appell an die Hausfrauen, im Kampf gegen den Verderb Mit- helfer am deutschen Wiederaufbau zu sein, beweist die große Bedeutung und Aufgabe der Hausfrau. Das Deutsche Frauenwerk hat seine Beratung jetzt Io ausgebaut, daß jeder Hausfrau die Möglichkeit offensteht, sich über die Vermeidung von Verlusten bei der Wirtschaftsführung zu unterrichten. Aber iud) die, die schonperfekt" sind, können dort noch mpnche gute Anregung, manchen wichtigen Tip er- ahren; denn man lernt ja bekanntlich nie aus...

' G. E. D.

Bürgermeiflertagung in Grehen.

Am kommenden Montag, 31. Januar, findet im ^Sitzungssaal des Kreisamtes, Landgraf-Philipp- Platz, eine Bürgermeisterversammlung der Kreis­abteilung Gießen des Deutschen Gemeindetages i Landesdienststelle Hesfen-Hesfen-Naffau) statt. Ein Vertreter des staatlichen Hochbauamtes wich über bie Dorfverschönerungsaktion und ein , Ein Beauftragter des Wehrbezirkskommandos über üe Wehrüberwachung sprechen.

Mit zu den wichtigsten Tagesfragen auf steuer­lichem Gebiet für alle im Erwerbsleben stehenden Arbeitnehmer zählt jetzt die Frage: Wie erlange i ch eine Lohnsteuerermähigung? Leider besteht immer.noch gerade in den am meisten inter­essierten Kreisen große Unkenntnis sowohl hinsicht­lich des einzuschlagenden Weges, als auch der er­forderlichen Voraussetzungen, auf Grund deren eine Lohnsteuerermäßigung erfolgen kann.

Zur Einreichung eines Antrages auf Lohnsteuer- ermätzigung sind dem Arbeitnehmer vier Möglich­keiten an die Hand gegeben:

1. wegen erhöhter Werbungskosten und Sonder­ausgaben;

2. wegen Beschäftigung einer Hausgehilfin;

3. wegen Kriegs- und Zivilbeschädigung;

4. wegen besonderer wirtschaftlicher Verhältnisse.

Mancher wird fragen: Was sind Werbungs- k o st e n? Allgemein gesagt, sind Werbungskosten alle Aufwendungen, die ein Steuerpflichtiger zur ^Erhaltung und Sicherung seines Berufes machen muß. Dazu rechnen alle Aufwendungen, die die Ausübung des Dienstes mit sich bringt, aber nur insoweit, als sie nicht durch die allgemeine Lebens­führung bedingt sind. In erster Linie -gehören zu den Werbungskosten Beiträge zu Berufsständen und Berufsverbänden, deren Zweck nicht auf einen wirt­schaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet ist, sondern in denen nur die beruflichen Belange der Arbeitneh­mer vertreten werden bzw. nur eine Zusammen­fassung der Arbeitnehmer in Berufsgruppen erfolgt. Es gehören ferner dazu notwendige Aufwendungen für Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte, es sei denn, daß der Arbeitnehmer aus persönlichen Gründen und Vorteilen seinen Wohnsitz in Einern Orte nimmt, in welchem die Arbeitnehmer eines Be­triebes üblicherweise nicht zu wohnen pflegen. Don Bedeutung ist dabei die Beurteilung der Frage, ob nach den allgemeinen, objektiven Derhältnissen der Wohnort zu dem Einzugs- und Siedlungsgebiet des Arbeitsortes gehört. Jedenfalls ist bei der Beurtei­lung dieser Frage und bei dem Grundsatz des Na- tionalsozia-lismus, den Volksgenossen im eigenen Heim und in der freien Natur anzusiedeln, nicht kleinlich zu verfahren. Auch Aufwendungen für Ar­beitsmittel (Werkzeuge und Berufskleidung) und Absetzungen für Abnutzung eines Wirtschaftsgutes, dessen Verwendung und Nutzung, durch den Arbeit­nehmer zur Erzielung von Arbeitslohn sich erfah­rungsgemäß auf einen Zeitraum von mehr als ein Jahr erstreckt, gehören zu den Werbungskosten. Ge­dacht ist bei letzteren besonders > an motorisierte Fahrzeuge (Auto usw.). Gewöhnlich rechnet man mit dem Aufbrauchen eines derartigen Wirtschafts­gutes innerhalb von 5 Jahren, so daß eine Ab­setzung -für Abnutzung pro Jahr mit 20 v. H. an­gebracht erscheint.

Zu den Sonderausgaben gehören alle Bei­trage und Versicherungsprämien des Arbeitneh­mers für sich, seine Ehefrau und seine Kinder? für die ihm Kinderermäßigung gewährt wird, zu Kranken-, Unfall-, Haftpflicht-, Angestellten-, Inva­liden- und Erwerbslosenversicherungen, zu Versiche­rungen auf Leben oder Todesfall, und zu Witwen-, Waisen-, Versorgungs- und Sterbekassen. 'Ferner gehören dazu Beiträge des Arbeitnehmers für sich, seine Ehefrau und seine Kinder, für die ihm Kinder­ermäßigung gewährt wird, an Bausparkassen zur Erlangung eines Baudarlehens. Zum besseren Ver­ständnis bei der Geltendmachung von Beiträgen zu Bausparkassen und zur Vermeidung von Enttäu­schungen sei hier ergänzend vermerkt, daß Beiträge -zu Bausparkassen nur berücksichtigt werden können, die bis zur Erlangung des Darlehens an die Kasse geleistet werden. Beträge, die nach Erlangung eines Darlehens weiter an die Kasse gezahlt werden, fin­den dagegen keine Berücksichtigung, da es sich hier

bereits um Tilgungsbeträge handelt. Auch Zinsen und Verwaltungskostenbeiträge, die sehr oft darin enthalten sind, sind weder Werbungskosten, noch Sonderausgaben. Das gleiche gilt auch von Zwi­schenkreditzinsen; das sind Zinsen für einen Kredit, den der Vausparer bereits vor der ordnungsmäßi­gen Zuteilung des Baudarlehens zum Zwecke einer schnelleren Baumöglichkeit erhalten hat. Der häufig damit verbundene Lebensversicherungsbetrag dagegen gehört zu den Sonderausgaben und ist darum ab­setzbar. Wichtig ist dabei für den Antragsteller, zu wissen, daß alle vorstehend angeführten, zu den Sonderausgaben zählenden Aufwendungsmöglich­keiten leider einer Begrenzung unterliegen, die sich nach dem Familienstand richtet und ihren Ausdruck in festliegenden Sätzen findet. So kommt für den Antragsteller selbst ein Jahresbetrag von 500 Mark, für die Ehest-au 300 Mark, das 1. Kind 300 Mark, das 2. Kind 400 Mark, das 3. Kind 600 Mark, das 4. Kind 800 Mark, das 5. Kind 1000 Mark in Frage. Sonderausgaben, die über diese Beträge hinausgehen, bleiben mit ihren darüber hinaus­gehenden Teilen unberücksichtigt. Beispielsweise würden also einem Steuerpflichtigen mit 3 Kindern, der Sonderausgaben im Jahresbetrag von 2900 Mark geltend macht, feinem Familienstand entspre­chend nur 2100 Mark zu gebilligt werden können.

Heber diesen engeren Rahmen hinaus können aber selbstverständlich noch andere Ausgaben, die ebenfalls als Sonderausgaben anzusprechen sind, aber feiner Begrenzung unterliegen, geltend ge­macht werden. Hierbei handelt es sich um Kir­chensteuer und Schuld zinsen und auf be­sonderen Verpflichtungen beruhenden dauernden Lasten, die weder Betriebsausgaben, noch mit Ein­künften in wirtschaftlichem Zusammenhänge stehen, die bei der Besteuerung des Einkommens außer Betracht bleiben, d. h. Schuldzinsen müssen, wenn sie beim Arbeitseinkommen berücksichtigt werden sollen, mit diesem in Verbindung stehen. Das trifft zu bei der Aufnahme eines Darlehens im Falle einer Erkrankung oder zum Studium.

Weitere Möglichkeiten zur Herabsetzung der Lohnsteuer sind gegeben bei Beschäftigung einer Hausgehilfin, beim Vorliegen einer Kriegs- oder Zivilbeschädigung von mindestens 30 v. H. Erwerbsbeschränkung. Ausge­schlossen sind hierbei wohl anerkannte Erwerbs- beschränkungen, deren Ursachen aber in einem in­neren Leiden zu suchen sind (Spinale Lähmung usw.).

Eine der häufigsten Ursachen zur Beantragung einer Lohnsteuerermäßigung dürfte weiter in dem Vorliegen besonderer wirtschaftlicher Verhältnisse begründet sein, d. h. bei wirt­schaftlichen Verhältnissen, die nicht allgemeiner Na­tur sind, sondern eben in den besonderen Verhält­nissen der einzelnen Arbeitnehmer oder einer kleinen Minderheit iyre Begründung finden und den An­tragsteller stärker belasten, als einen mit gleichem Familienstand und in gleichen Vermögensverhält- nissen lebenden Volksgenossen. Aber auch hier sind zur Anerkennung besonderer wirtschaftlicher Ver­hältnisse Mindestbelastungsgrenzen vorgesehen, die unter Berücksichtigung des Familienstandes in einem Hundertsatz des Einkommens verankert sind. Erreichen die besonderen Aufwendungen nicht einen dem' Familienstand und dem Einkommen entspre­chenden Hundertsatz, so ist ein Antrag zwecklos, bzw. wenn er gestellt ist, mit seiner Ablehnung zu ^rechnen.

Bemerkenswert erscheint noch für ben Antrag­steller, daß alle hier angeführten Möglichkeiten bei ihm vorliegen können und daß der Antrag bei dem Finanzamt d e r Wohnsitzgemeinde zu stellen ist, am besten unter Verwendung der bei den Finanzämtern erhältlichen Vordrucke. ____

Gießener Giadtiheater.

Wilhelm Müller-Scheld:Anna Maria".

Während wir Müller-Scheld bisher als dramatischen Gestalter historischer Stoffe kennen ge­lernt haben in den SchauspielenEin Deutscher tarnens Stein" undSchach dem Cäsaren" sahen Dir gestern die Erstaufführung der Urfassung eines irüher entstandenen Werkes, das' ebenso wie die lürzlich in Frankfurt uraufgeführte KomödieEdu- crd Keim" keinerlei geschichtliche Voraussetzungen ober Bindungen aufweist, sondern einen zeitlosen Stoff aus dem täglichen Leben behandelt:Anna Maria", ein Drama in 16 Bildern, das man als iJ.n bürgerliches Trauerspiel auf dem Lande bezeich- iten könnte, und das, wie die mundartlichen Par- ien darin erkennen lassen, ohne genauere Lokali- iction in der Landschaft des Rhein-Main-Gebietes rngesiedett ist. * *

In einer Folge von sechzehn, meist knappen Sze- ren entrollt sich die dramatisch verkürzte Liebes- ind Schicksalsgeschichte der jungen Anna Mana Schön. Anna Mariageht" mit dem jungen, be- i-abten Studenten Ullrich Heidenreich; sie heben sich, ihne miteinander verlobt zu sein, und an eine Hei- ivt ist nicht zu denken, ehe Ullrich sein Examen gemacht hat undwas geworden" ist. Aber, auch andere haben ein Auge auf das Mädchen gewor- l?n: der Sanitätsrat Sprau, der sich bei yrau Schön um die Tochter bemüht (während die Frau vielleicht im Stilley mit dem Gedanken an eine zweite Heirat gespielt hat); und der Kaufmann Schelius, ein ausgemachter Schuft, skrupelloser Schürzenjäger undLeutoerderber". Er nützt, um £nna Maria,zu bekommen, die Notlage ihrer Mut- tr aus, die ihm einen ansehnlichen Betrag für ge­lieferte Ware schuldet. Frau Schön bittet erst Sprau vergeblich um Geld und gesteht am Ende ter Tochter ihre Schulden; Anna Maria erklärt sich tereit, auf das Angebot des Schelius einzugehen, ter eine Stellung als Tippfräulein für sie hat; ii re einzige Bedingung lautet: Sprau darf nicht Nehr ins Haus!

Obwohl der Pfarrer, dem Schelius mit der Ge- r cihrung von Ratenzahlungen gefällig war, diesen 01.5gar nicht so schlimm" bezeichnet, wird bald ter giftigste Klatsch laut ,chier im Dorf hat e Frau ihr Kind verkauft", und die Weiber haben recht: nachdem erst der windige Bruder des E chelius dem Mädchen Anträge gemacht hat, erliegt Snna Maria den erpresserischen Nachstellungen i res schuftigen Chefs. Ullrich, der inzwischen in Uiünchen studiert, eine glänzende Arbeit geliefert irnb Anna Maria die Treue gehalten hat, wird

von deren Bruder ins Dors zurückgerufen, kommt aber zu spät: nach der ersten flüchtigen Begegnung stürzt sich die Unglückliche in Scham und Ver­zweiflung zum Fenster hinaus.

*

Ullrich weiß sofort, wer sein Mädchen auf dem Gewissen hat und streicht um das Haus des Sche- nus, der sich, vom Polizeidiener Schnatz gewarnt, verleugnen läßt und sich davonmacht. Schelius be­sticht den Schnatz, um die öffentliche Meinung auf seine Seite zu bringen, leugnet vor dem Pfarrer, der seinen Kredit kündigt, jede Schuld am Tode des Mädchens und fordert den Bürgermeister auf, die Schutzhaft gegen Ullrich zu beantragen, der in sei­ner Verzweiflung nachts in der Kirche am Glocken­seil gerissen hat, so daß falscher Feueralarm durchs Dorf gellte. Dem Ullrich bieten drei alte Kriegs­kameraden an, den Schelius beiseite zu bringen, aber Ullrich weigert sich: wenn angegriffen wird, dann nur von vorn. Inzwischen ist das Auto aus der Irrenanstalt schon unterwegs, das Ullrich in Ge­wahrsam bringen soll. *

In der großen Schlußszene im Wirtshaus stehen sich noch einmal Parteien und Meinungen gegen­über. Schelius, der weiß, daß es für ihn i ms Ganze geht, hat mit seinem Bruder alle Hebel m Bewegung gesetzt,wer nicht für mich ist, ist wieder mich!" er sucht die Behörden gegen Ull­rich aufzuwiegeln und die Bevölkerung durch Ver­sprechung von Geld und Arbeit auf seine toeite $u bringen, ... da erscheint Ullrich und klagt Schelms vor versammelter Gemeinde an, Anna Mariamit List und Gewalt an Leib und Seele zum bitfern Tod gebracht" zu haben. Schelius gesteht flieht, wird von Ullrich verfolgt, gestellt und erschossen. -Ullrich wird von Landjägern verhaftet...

*

Die verhältnismäßig schnelle Folge der kurzen Bilder gibt dem Drama einen balladesken Ton, was durch-die Einführung volksliedhafter Strophen unterstrichen wird; die musikalischen Elemente die­nen nicht nur der Stimmung, sondern schassen auch, symbolhaft, ein gewisses Gegengewicht gegen den sonst ganz realistischen Stil des Stuckes. Die Un­mittelbarkeit der Wirklichkeitsschilderung wird durch die kräftige, volkstümliche, mundartlich-deutliche Sprache noch verstärkt.

Inmitten der Fabel steht das Schicksal der Anna Maria, das dem Dramatiker, wie man emp- sinden wird, besonders am Herzen lag; aber dieses Einzelschicksal wird erst aus der dörflichen Umwelt begreiflich, und offenbar hat die eigentümliche Ver­flechtung persönlicher und materieller Beziehungen innerhalb einer kleinen, aber sehr geschlossenen und festgefügten Lebensgemeinschaft Müller-Scheld

nicht weniger gereizt als die Figur der Anna Maria selbst. Eine Geschichte von mancherlei Liebe, Schuld und Sühne, ... mit vielen Gestalten, die, ihrer Be­deutung im Gefüge des Ganzen gemäß, mehr oder minder stark konturiert und belichtet sind, während die 16 Szenen bald ausgesprochen aktiv im Sinne der dramatischen Handlung erscheinen, bald über­wiegend schildernd, Stimmungen oder Zustände ausmalend und motivierend, alle aber von un­mittelbarer Theaterwirkung.

*

Die Aufführung, von Dr. Erich Schumacher in Szene gesetzt, stellte die Qualitäten des Dramas vom ersten bis zum letzten Bilde ins rechte Licht. Die Inszenierung war mit spürbarer Sorgfalt und liebevoller Vertiefung in Stoff und Umwelt des Werkes durchgearbeitet. Der schnelle, treibende, bal- ladeske Stil, den Müller-Scheld hier ange­wandt hat, wurde in der Wiedergabe es war nur wenig gekürzt worden sehr deutlich spürbar. Die mannigfaltigen Charaktere und Typen waren mit festen Strichen umrissen, der Dialog flüssig inein­andergreifend, der dramatische Atem wehte lebendig und kraftvoll durch alle Bilder. Die theatralische Wirkung übertrug sich ungebrochen und unmittelbar auf den Zuschauer, der sich den inneren und äuße­ren Spannungen des Handlungsablaufs nicht ent­ziehen konnte.

Das Raumproblem war mit Herrn Löfflers Bildgestaltung ebenfalls glücklich gelöst: die sech­zehn Szenen verwandelten sich auf der Drehbühne fließend und reibungslos, ohne illusionsstörende Verzögerungen. Die Schauplätze waren vom Büh­nenbildner mit geschickter Einfühlung nadjgebilbeX: besonders das Zimmer bei Schöns, das Kontor bei Schelius, die Dachkammer des jungen Heidenreich, die Wirtsstube, auch die offene winklige Dorfstraße

waren vorzüglich erfaßt. *

Helga Retfchy gab die Anna Maria und traf vom ersten Auftreten an Ton und Haltung des sehr jungen, zarten und reinen Geschöpfes, das ganz aus dem Gefühl handelt und feiner Neigung im Inner­sten gewiß ist; sie fand auch überzeugend und mit­leiderregend den Ausdruck der gehetzten, rat- und hilflosen Kreatur, die zuletzt keinen anderen Aus­weg mehr weiß als den verzweifelten Sturz ins Nichts. Eine ausgezeichnete Leistung bot Else M.o n n a r d in der merkwürdig schillernden, schwan­kenden, zweideutigen Erscheinung der halbbürger­lichen Witwe Schön in Angst, Entrüstung, ent­täuschter Hoffnung, aufflackernder Mütterlichkeit und kopfloser Bestürzung. Den Schelius nahm Herr v. Gschmeidler, ohne mundartlichen An­klang übrigens, mit fi*erm Blick für die verdorbene Menschlichkeit dieser Gestalt: kalt berechnend, ge- 1 schmeidig und mit biedermännischer Umgänglichkeit

RUHL Seilersweg Nr. 67

adlO Telephon Nr. 3170 ||3

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Ortsverband Gießen, aus eigenen Werken lesen. Huggenberger, der ein ausgezeichneter Mittler seiner Werke ist, ist ein Freund Deutschlands und mit dem deutschen Geistesleben eng verbunden. Der Dichter, der zur Zeit eine längere Vortragsfahrt durch Deutschland unternimmt, fand überall starken Beifall.

Unser neuer Roman.

In der heuUgen Ausgabe unseres Blattes been- tben wir 'den Abdruck des RomansDiamanten­komödie" von Horst Biernath. Gleichzeitig be­ginnen roirx heute mit der Veröffentlichung eines neuen Romanwerkes, von dem wir uns einen nicht minder starken Erfolg und eine nicht weniger herz­liche und allgemeine Anteilnahme in unserem Leserkreise in Stadt und Land versprechen dürfen. Die Verfasserin ist bis jetzt in unseren Spalten noch nicht zu Worte gekommen, aber der Roman hat uns so gut gefallen, daß wir, noch ehe die erste Lektüre des Manuskriptes beendet war, den Eindruck hatten, das ist etwas für die Zeitung, das wird unseren Lesern genau so viel Vergnügen bereiten, wie uns selbst. Unser neuer Roman heißt

Die Mädchen aus der Burgstraße" von Hilde R. Lest

und ist so frisch und lebendig, so unterhalfsäm und spannend geschrieben, daß jedermann der Entwick­lung der bewegten und mit vielen Ueberraschimgen gewürzten Handlung mit wirklicher Anteilnahme von Fortsetzung zu Fortsetzung folgen wird. Die Liebes- und Lebensschicksale der Mädchen aus der Burgstraße werden, dessen sind wir gewiß, bet allen Leserinnen und Lesern in Stadt und Land heiterem Verständnis und herzlichem Mitempfinden begegnen. Wir freuen uns, diesen Roman gefunden zu haben und mit seiner heute einsetzenden Ver­öffentlichung jedermann eine anregende, fesselnde und wirklich genußreiche Lektüre bieten zu können.

HZ., Bann und Zungbann 116.

Befr.: Werbefilm der Deutschen Sporlhilse.

Am Freitag, 28. Januar, findet um 16 Uhr im Caf6 Leib eine Veranstaltung vom Reichsbund für Leibesübungen statt, wobei ein Werbefilm der Deut­schen Sporthilfe gezeigt wird. Die Eintrittskarten zu dieser Veranstaltung kosten 10 Pfennig und

auf seinen Vorteil bedacht, hinterhältig, brutal und im entscheidenden Augenblick feig,

*

Das ausgeprägte Gegenbild dieses Schelius ist der junge Ullrich, den Herr Weiland gab, sauber, anständig, gradlinig; später völlig aus der Bahn geworfen durch den Schicksalsschlag, der ihn wehr­los und unvorbereitet trifft, zuletzt nur noch vom uralt männlichen Instinkt getrieben, den Gegner zu stellen, zur Rechenschaft zu ziehen und auszzllöschen. Herr Neuhaus gab mit richtiger Witterung für die charakterliche Mischung den Sanitätsrat Sprau, Herr Frickhoeftfer mit gut beobachteten Einzel­zügen den jungen Schelius, Herrn Volck mit be­dachtsamer Ausführlichkeit den Pfarrer, Herr Schorn den beflissenen Polizeidiener, das wahre Muster eines ländlichen Beamten. Sehr hübsch: Luise Decker a. G. als Beate in der aufschluß^ reichen kleinen Szene in München. Auch von den vielen übrigen stand mit verständnisvoller Hingabe jeder am rechten Platz.

*

Die Aufführung fand, besonders zuletzt, starken und anhaltenden Beifall. Hans Thyriot.

Schwein baben."

Wie ist das Schwein zum Sinnbild des Glückes geworden? Warum schreiben wir dem Rüsseltier eine so wunderbare Wirkung zu? Man vermutet, daß die Redensart ihren Ursprung von den alten Schützenfesten hat. Bei diesen gab es Preise für die besten Schützen, aber der Humor, der unsere Altvorderen auszeichnete, vergaß auch den nichts der am wenigsten getroffen hatte und gönnte" ihm einen Preis. Die Preise bestanden zunächst vielfach in Tieren, später in goldenen und silbernen Bechern oder anderen Kleinodien und schließlich in Geld. Das Beste", also der erste Preis, war- um 1400 in München ein stattlicher Widder, später ein Ochse oder ein Pferd. Die Geldpreise stiegen von 40 Gulden, die in Augsburg um 1440 ausgesetzt wur­den, auf 300 Gulden, die sich um 1550 der glück­lichste Schütze erwarb. Der schlechteste Schütze aber bekam anfänglich ein Schwein, und zwar in der Regel ein recht junges, das ihm unter vielen Spott­reden überreicht wurde. Der also Beschenkte mußte dann seinen Preis unter dem Spott der Mitbürger und dem Hallo der Jugend durch die Stadt führen. War es ein Ferkelchen, so zog er es vor, es im Mantel obet auch in den sehr weiten Aermeln des damaligen Oberkleides unbemerkt nach Hause zu tragen. Daraus bezieht sich eine Stelle in BrantsNarrenschiff":Wer schießen will und falt des rain (fehlt die Scheibe), der breit (trägt) die su (Sau) im Aermel heim".