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(Nachdruck verboten!)

23. Fortsetzung.

Sie beobachtete ihn interessiert, einen Kriminal­beamten hatte sie sich ganz anders vorgestellt, so mehr als Kraftmenschen mit durchbohrendem Blick, der jeden Verbrecher gleich niederschmettert. Ler Doktor sah eher wie ein -Gelehrter aus, man konnte fast sagen, es lag etwas Pastorales in den blauen freundlichen Augen hinter der goldenen Brille. Und das sollte nun ein berühmter Derbrecheriager sein...

Dore zuckte zusammen und errötete leicht: Der eifrige Gärtner war inzwischen an den Zaun ge­kommen und hatte seine stille Beobachterin entdeckt. Er musterte etwas überrascht die unbekannte Er­scheinung und grüßte höflich. Dore dankte ebenso artig, worauf er einen Augenblick zögerte, dann aber einen Schritt näherkam und fragte:Verzeihung, hat dieses Häuschen inzwischen seinen Besitzer ge­wechselt? Es gehörte im' Frühjahr einem Fräulein Reichert." . o

Dore war aufqestanden und trat an den Zaun.

Ihr gehört es auch noch", antwortete fie fr*u[jb= lich.Fräulein Reichert ist meine Tante, und ich bin hier zu Besuch." . , " ...

Das freut mich", kam es aufrichtig zuruck, ,,-Wtr waren so gute Nachbarn im vorigen Sommer, Daß es mir. sehr l?id getan hätte, wen sie nicht mehr da wäre. Fiedler", stellte er sich mit einer kurzen Ver­beugung vor. .

Dore streckte ihm über den Zaun die J)anb hm. Er betrachtete die seine erst prüfend und wischte sie rasch ab, ehe er einschlug, dann lachten beide, und damit war der Bann gebrochen. .

Er stellte fest, daß sein Gärtchen viel mehr in Ord­nung sei, als er zu hoffen gewagt hätte nach so langer Abwesenheit, und Dore gestand, daß sie mit Tante Elfriede darin gearbeitet hatte.Wir sind sogar eingebrochen, hier über den Zaun sind wir geklettert", jagte sie vergnügt.Ohne jede Angst vor

Kannst du zurück, Dore?

JRoman von Hedda Lindner.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

der hohen Polizei. Und Ihre Erdbeeren haben wir zu Marmelade verkocht, aber die bekommen Sie wieder, ganz solche Räuber sind wir doch nicht."

Zu Hause erzählte sie angeregt von der neuen Bekanntschaft.

Fiedler ist wieder da, das ist ja fein", sagte El­friede erfreut.Ich hatte tatsächlich manchmal schon Angst, daß ihm etwas zugestoßen wäre."

Das wäre schade, denn er ist wirklich sehr ange­nehm, aber für ein großes Tier von der Polizei hätte ich ihn nie gehalten, eher für einen Pastor so mit sieben Kindern."

Du hast recht, er sieht nicht danach aus. Vielleicht hängen sogar seine Erfolge damit zusammen, daß niemand ihn für gefährlich hält. Daß er es aber ist, weiß ich genau."

Dann ist es ja gut, daß ich ihm gleich unsere Einbrüche und die gestohlenen Erdbeeren gebeichtet habe; er war übrigens sichtlich gerührt. Und er wird am Sonntag von Mittag an draußen fein und läßt dich fragen, ob du noch so guten Kaffee machst wie im vorigen Sommer."

Ihr Kaffee ist wirklich hervorragend", sagte Dr. Fiedler begeistert und hielt zum dritten Male seine Tasse hin.'Ich habe mich schon die ganze- Zeit daraus gefreut."

Als ob es wo anders nicht auch guten Kaffee gäbe", lachte Elfriede.Aber es ist nett, daß Sie mit meinem so zufrieden sind."

Es ist auch nicht der Kaffee allein, es ist so das Ganze hier," sagte Fiedler langsam.Sie sind eine gute Frau, die sehr viel arbeiten muß und verbrei­ten gleichzeitig eine wundervolle Ruhe um sich; so ein wirkliches Ausruhen ist es an Ihrem Tisch, und darum habe ich mich so sehr darauf gefreut."

Das ist sehr schön, was Sie mir da sagen, lieber Doktor", antwortete Elfriede herzlich.Nehmen Sie es nicht als Redensart, wenn ich hoffe. Sie nun wieder recht oft an diesem Tisch zu sehen. Uni) jetzt erzählen Sie uns ein bißchen was. Meine Nichte neckt sich immer mit meiner Vorliebe für Kriminal- gefchichten, und ich habe ihr prophezeit, daß sie sich ebenso dafür interessieren wird, wenn Sie von Ihren Erfahrungen erzählt haben werden. Also ret­ten Sie mich vor dem weiteren Spott dieses respekt­losen Mädchens,"

Nr.2Z4 Wertes Blaff________________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) 24./2S. September 1958

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Diamanten Brillanten!

Umschau in der Diamanten-Schleiferei in Nidda

Der Diamant und der Brillant sind wohl für die meisten unserer Volksgenossen eine theoretische An­gelegenheit, die meist nut der Behandlung in der Schule ihre Erledigung gefunden hat. Von dieser Schulzeit her weiß man aber vielleicht noch, daß der Diamant reinen kristallisierten Kohlenstoff dar­stellt, das härteste Mineral, in seinen reinsten For­men ein Edelstein von höchstem Werte, und damit

Nacharbeit am geschliffenen Stein.

Kernstück der Schmuckindustrie ist. Vielleicht hat die Schule noch vermittelt, daß Diamanten in Südafrika (Kimberley-Minen, Jägerfontain, Lüderitzbucht), in Nordamerika, in Neu-Südwales, in Indien, auf Borneo und audfim Ural Vorkommen und nicht nur reinweiß, sondern tzuch in bunten Erscheinungsfor­men angetroffen werden. Die weniger wertvollen Arten dienen häufig gewerblichen Zwecken

Den wertvollsten und den größten Diamanten, die je auf Erden gefunden und geschliffen worden sind, haften Geschichten an, mannigfaltig und oft fast sen­sationell. Schicksale sind mit ihnen verbunden! In ihnen begegnen sich Adel der Bestimmung und Ver­brechen, Glanz und Elend, Ehrfurcht und Habsucht in oft seltsamer Mischung. Nicht der Stein ist daran schuld, sondern sein Wert und die Wirkung dieses Wertes auf die Menschen.

Aber um diese Geschichten geht es diesmal nicht. Auch nicht um den Besitz von Diamanten und Bril­lanten, sondern lediglich um die Tatsache, daß wir in unmittelbarer Nähe von Gießen, in Nidda, eine moderne Werkstätte haben, in der man sich nicht nur theoretisch, sondern vor allem praktisch mit Diamanten zu beschäftigen hat, und zwar in ernster und verantwortungsvoller Arbeit.

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Interessant, zu hören, wie es in Nidda zur Ein­richtung einer solchen Werkstatt kam! Die Diamant­schleiferei in Nidda ist ein Zweigbetrieb einer Hanauer Firma. Der Zweigbetrieb' gilt als Um- schulungs- und Lehrbetrieb. Die Bürgermeisterei in Nidda hatte zu einer Zeit, da es noch Erwerbs­lose in Arbeit und Brot zu bringen galt, die Gin» ridjtung dieser Schleiferei gefördert. Anderseits war die Betriebsführung des Unternehmens nicht zu Unrecht der Meinung, daß das Beharrungsvermö­gen, das einem Teil der oberhessischen Bevölkerung in bestem Sinne zu eigen ist, daß die innere Ruhe, die Ausgeglichenheit, die Gründlichkeit des oberhessi­schen Menschen, der Arbeit, die es in einer solchen Werkstatt zu leisten gilt, auf halbem Wege entgegen­kommen. Allerdings war man sich darüber klar, daß man diegeborenen Diamantenschleifer" noch nicht vorfinden konnte, wenigstens nicht jener Art, wie man sie beispielsweise in Idar-Oberstein und Um­gebung findet, wo schon seit Generationen die Stem- schleiferei Familientradition geworden ist. Immer­hin hat man in Nidda keine schlechten Erfahrungen gemacht. Alle die Jungens und die jungen Männer, die heute an den Schleifscheiben sitzen, sind ehrlich, sorgfältig und bemüht, zu lernen, was es zu lernen gilt. Drei Jahre muß ein Diamantenschleifer als. or­dentliche Lehrzeit hinter sich bringen.

Der Betrieb selbst macht einen tadellosen Ein­druck. Alles ist peinlich sauber. Die Werkstatt besteht im Grunde nur aus einem Raum. Drei von vier Seiten nehmen Fensterfluchten in Anspruch. Lange blanke Werktische ziehen sich unmittelbar hinter den Fenstern entlang. Freundlich helle Vorhänge bre­chen das Licht der Sonne, wenn es zu grell in die Werkstatt scheint. Wirft man einen Blick nach der Straße zu (Bismarckstraße), dann sieht man den Vorgarten, den sich die Lehrlinge zu einem einzigen großen Erdbeerbeet angelegt haben, dessen Ernte ihnen zu gegebener Zeit anheimfällt. Inmitten der Werkstatt steht ein Tisch, den ein Blumenstrauß schmückt. Und neben diesem Blumenstrauß steht hin­ter gläsernen Wänden eine zierliche Waage, der man es auf den ersten Blick ansieht, daß sie es sehr genau zu nehmen hat. Uebrigens spricht diese Waage das Urteil über die Leistung des Betriebs: Soundsoviele Karat Diamanten wurden dem Be­trieb anoertraut, soundfoviele Karat Brillanten ver­lassen das Haus! Das Ausmaß des Gewichtsunter­schiedes, der durch das Schleifen des Steines ent­standen ist, ist mitbeffimmenb für den Wert der Arbeit. Selbstverständlich ist der exakte Schliff oberfte« Gesetz. Der Verlust an Gewicht soll so ge-

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Teilansicht der Werkstatt der Diamantschleiferei Nidda.

ring wie möglich sein. Ein zwei ober drei Karat Gewichtsverlust weniger, als es vielleicht noch zu verantworten wäre bedeuten den Gewinn von Hunderten von Mark!

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Das Schleifen fetzt Wissen und Gefühl voraus. Es muß das natürliche Wachstum des Steines be­rücksichtigt werden, es muß der Schliff den Formen des Kristalls folgen. Die Diamanten, die sich in der Natur meist in der Form des Oktaeders, ober in ber bes Rhombendobekaebers vorfinben, kommen allerbings nicht in dem Zustand in Nibba an, wie man sie in Afrika ober in Norbamerika findet; vielmehr ist an ihnen schon Vorarbeit geleistet, d h sie sind in zweckmäßiger Größe aus vielleicht größeren Stücken abgespaltet, ober so zurechtgesägt worben, baß eine Äusgangsform gegeben ist, bie gerabezu auf ben günstigsten Schliff hinweift.

Aber noch sehen diese Diamanten so unscheinbar aus, daß kaum jemand, der sie roh in die Hand bekäme, hinter diesen kleinen oder gar winzigen Kristallen (manchmal kaum größer als ein recht­schaffenes Sandkorn) je etwas Besonderes, oder gar etwas sehr Wertvolles vermuten würde. Matt, glanzlos, weißlich sind die Oberflächen, aus denen erst durch den Schliff jene feinen Lichtreflexionen herausgelockt werden, die den Diamanten bzw. Brillanten vor allen anderen Edel- und Halbedel­steinen auszeichnen. Erft durch den Schliff erhält der Stein dasFeuer", das durch die Brechung des Lichtes und dessen Auflösung in die Regenbogen­farben entsteht.

Und diesesFeuer" wird nur durch einen Schliff von ganz bestimmter Systematik erreicht. Steinen,

an der Schleifscheibe.

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dem

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Mit einer Präzisionswaage wird der Gewichtsunterschied festgestellt.

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Der Meister prüft den Schliff.

deren Größe es zuläßt, müssen insgesamt 57 Flächen in ganz bestimmter Anordnung, in ganz bestimm­tem Verhältnis zur Größe des Steines angejchlif- fen werden. Die Oberseite (die Schaujeite) erhält 32 Schlisse, die Unterseite (von der aus der Brillant gefaßt wird) 24 Schliffe. Hinzu kommt die Fläche derTafel", ein regelmäßiges Achteck, um das sich die 32 kleinen unterteilten Schlifftächen grup­pieren. Die Flächen der Unterseite müssen in ihrer Lage und Anordnung genau auf die Flächen der Oberseite abgestimmt sein, denn erst bann wird bie Lichtbrechung zum stärksten Effekt. Diese Ar­beit an der Winzigkeit eines Steinchens von oft nur ein bis zwei Millimeter größter Ausdehnung!

Dabei hat der Diamantschleifer keine Möglich­keit, seine Arbeit etwa mit Hilfe raffiniert ent­wickelter Prüfgeräte zu kontrollieren, wie sie \ B. für die Präzisionstechnik der Metallverarbeitung entwickelt wurden, vielmehr ist der Diamantschleifer lediglich auf sein Augenmaß angewiesen, das ihm den Erfolg der Arbeit sichern muß. Bei dieser Ar­beit wird aber das Augenmaß zu einer ganz er­staunlichen, wenn auch speziellen Vollkommenheit ausgebildet. Einziges technisches Hilfsmittel für eine Kontrolle der Arbeit ist der Fadenzähler, der das Objekt für das Auge acht- bis zehnfach ver­größert.

Das Schleifen erfolgt auf verhältnismäßig sehr einfache Weise. Der Stein wird entweder in den mechanischen Ober» ober Unter-Dovpen" emge- fpannt unb festgehalten, ober in eine Blei-Zinklegie- rung so eingebettet, baß nur bie zu bearbeitende Fläche herausragt. Der Stein imDoppen" wird dann unter ganz geringfügigem Druck auf die Schleif­scheibe gehalten, die mit einer Umdrehungszahl von 2800 je Minute motorisch bewegt wird. Diamant­staub, durch Olivenöl gebunden, ist auf diese Schleif­scheibe aufgetragen, und nur dadurch ist eine Schleif­wirkung zu erreichen. Diamant ist nur durch Dia­mant zu bearbeiten! Die Diamanten, ursprünglich matt und unansehnlich, gewinnen unter diesem Sckileifvrozeß zusehends an Glanz unb Klarheit, bis schließlich nach einem vielfach aufgegüeberten Ar­beitsgang (immer roieber durch bie Lupe vom Auge kontrolliert) ber Brillant wasserhell unb alihernb, sprühenb im Lichte ber Sonne, zu ebler Reinheit unb zu fast unvergänglichem Glanze erweckt vor bem Beschauer liegt.

Schön ist es. eine Anzahl dieser blitzenden Steinchen vor sich liegen zu sehen, sich zu freuen am Spiel des Lichtes in diesem reinen Element, gleichzeitig damit einen Blick zu tun in die Werk­statt der Natur, die diese Steine im Zeitraum über Iahrmillionen heranwachsen ließ, bis ber Menschen überlegener Geist sich ihrer bemächtigte unb ihre ursprüngliche Unscheinbarkeit zu' strahlen- bem Glanze wandelte.

Doppelt schön, wenn man sich vorbehaltlos an diesen glänzenden Steinen erfreuen Fann im Be­wußtsein dessen, daß es sich auch ohne sie glück­lich leben läßt. N.

(Aufnahmen |5|: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Fiedler lächelte.Lieber den eigentlichen Zweck meiner Reise kann ich natürlich nichts sagen", meinte er dann.Aber an Zwischenfällen war sie durch­aus ergiebig. Daß ich heute hier sitzen kann, ver­danke ich nur einem glücklichen Zufall ober, richtiger noch, dem Mut eines mir bis dahin fast fremden Mannes."

So gefährlich war es? Ach bitte, erzählen Sie!"

Unb Fiedler erzählte. Er hatte eine sehr leben­dige Art der Darstellung, sie sahen bildhaft das dunkle, rauschende Wasser, sahen bie Gestalt, bie pfeilschnell in bie Tiefe schoß, bem bewußtlos trei= benben Körper nach. ,,Was dieser Herr von Heßling für mich getan hat, bas hätte so leicht kein Zweiter fertiggebrächt" schloß Fiedler seinen Bericht.Hof­fentlich gelingt es mir, es ihm einigermaßen zu vergelten."

Beide Frauen schwiegen einen Augenblick, so tief wirkte bas Gehörte in ihnen nach.Es ist doch ein schrecklicher Berus, ben Sie haben, Herr Doktor", sagte Elsriebe. Dore sagte nichts, aber sie sah biefen bescheidenen, ruhigen Mann boch mit erheblich anbe» ren Augen an als vorher.

Er selbst brach ben Bann.Unb wenn ich jetzt noch eine Tasse Kaffee bekomme, bann zeige ich Ihnen auch ein paar hübsche Aufnahmen", sagte er heiter.

Aber natürlich, wir haben noch eine ganze Kanne voll brinnen."

Ich hole ihn schon", rief Dore unb lief ins Haus. , Fiebler breitete eine Anzahl Photos aus. Auf- nahmen vom Schiff unb ben oerschiebenen Häfen, sehr gut beobachtet im Erfassen bes für ben jeweiligen Ort Charakteristischen. Elsriebe betrachtete sie höchst interessant.

Dore kam zurück unb schenkte Kaffee ein, bann noch im Stehen warf auch sie einen Blick auf bie Bilber.

Sie stieß einen unterbrückten Laut höchster Ueber- raschung aus, würbe schneeweiß unb tastete halt- suchenb nach bem nächsten Stuhl.

Um Gottes willen, Kinb, was ist bir?" rief El- friebe erschrockenKomm, setz' dich erst mal hin!"

Dore schüttelte heftig ben Kopf unb beutete auf eine Aufnahme.Wer wer ist bas?" stammelte sie mühsam.

,Das?" Fiedlers Blick folgte ihrer Bewegung.

Das?" wiederholte er erstaunt,das ist Herr von Heßling, mein Lebensretter."

Heßling? Er heißt doch Hilger", sagte Dore me­chanisch. Sie weiß kaum, daß sie spricht, sie starrt in das Gesicht des Mannes, der nur eine kurze und nebensächliche Episode ihres Daseins hätte fein sollen, und mit einem Male bricht ihre 'ganze Selbstbeherr­schung wie morsches Gebälk in sich zusammen. Sie hatte ihn ja gar nicht vergessen, nicht einen Tag, nicht eine Stunde, er war immer dagewesen, immer, so sehr sie auch den Gedanken an ihn verdrängt hatte.

Sie hörte eine Stimme, aber es dauerte eine ganze Weile, bis sie den Sinn der Worte erfaßte.Er heißt Freiherr Hilger von Heßling, aber ich weiß, daß er sich auf Reisen meist nur Hilger nennt, weil ein so langer Name ihm zuviel Gepäck ist." Fiedler sprach sachlich, er schien von der furchtbaren Aufregung des Mädchens nichts zu merken, dennoch beobachtete er sie insgeheim voll angespannter Aufmerksamkeit.

Dore hatte sich auf den Stuhl fallen lassen. Die Umwelt war für sie verschwunden, sie sah weder die beiden Menschen am Tisch, noch ben Spiegel des Sees, der durch die Kiefernstämme herüberleuchtete. Sie stand auf einem kleinen Balkon, die Sterne funkelten hinter den Schneegipfeln der Fiescher- hörner, eine Hand zog sie langsam ins Zimmer zurück. Und Rosen duften in großen Schalen auf dem Tisch, und tausend zärtliche Stimmen flüsterten durch das Dunkel der Nacht.

Mit einem Aufstöhnen riß sie sich in die Wirklich­keit zurück und sah wie eine Erwachende um sich. Sie sah die Augen ihrer Tante voller Besorgnis auf sich gerichtet, sie sah tn Fiedlers Gesicht und stutzte unwillkürlich. Diese straffen Züge, die scharfen Augen, die bis in ihr Innerstes zu blicken schienen letzt erst begriff Dore, wer Dr. Fiedler war.

Auch sein Ton war anders geworden, er klang kurz, knapp.

Kennen Sie den Freiherrn von Heßling?"

Ja", sagte Dore; dann leise:er hat auch mir einmal das Leben gerettet."

Ah!" Tiefste Befriedigung lag in diesem Ah.In der Schweiz, nicht wahr?"

Sie nickte stumm.

(Fortsetzung folgt!)