2Z./24. April 1938
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
nr.04 Zweites Blatt
Am 26. Avril
20 Uhr lieft P emer soldatWl Feierstunde tal
SrontfolM
glück
liches Leuchten war.
eine Gruppe bärtiger Araber, malerisch um Feuer, und hinter dem Brunnen suchen die mele und Esel ihre kärgliche Nahrung an harten Büschelgras, das in dieser sonst noch wüstenhaften Region hier und da auftritt.
Bis hierher sind wir tatsächlich so gut wie ohne Weg und Steg gefahren. Auch die Steinhaufen längs der „piste“, wie die Strecke französisch genannt wird, sind verschwunden und nur durch gelegentlich in den Sand gesteckte Stöcke oder Schilfstengel ersetzt. Morgen soll Aga des, der nördlichste Platz im Sudan und das offizielle Ende der Sahara, 3040 Kilometer von Algier, erreicht werden. Wir sind einen Tag überfällig und hundemüde, aber wir möchten auch dies letzte Stück Wüstenreise-Erfahrung nicht missen, denn erst im fech-fech gibt sich die Sahara ungefähr so, wie man sie sich zu Hause denkt.
ein Ka- dem sehr
man doch allerlei Interessantes, was uns aufmerken läßt. Obwohl die Eremitage einhundertfünfzig Gelehrte als Angestellte beschäftigt, gäbe es in ganz Rußland nicht einen einzigen „Führer" durch die Sammlungen, geschweige denn wissenschaftliche Werke über die zahlreichen Teilgebiete, wie das doch in allen anderen europäischen Museen üblich ist und auch von den Besuchern mit Recht gefordert wird. Das Blatt wirft dann dem Direktor der Eremitage mangelndes Interesse für die wissenschaftliche Erziehung der Heranwachsenden Gelehrtengeneration vor und drückt seine Verwunderung darüber aus, daß sich die fachmännische Erfahrung der alten Museumsbeamten so gar nicht auf die '„neuen Kader" übertrage.
Vom Westen aus gesehen, ist das ja auch wirklich verwunderlich. Allein vom sowjetrussischen Standpunkt aus kann man sich diese Zustände schon erklären. Allzu großer Eifer schadet nur, und so mag es wohl richtiger, jedenfalls ungefährlicher sein, die Dinge laufen zu lassen, anstatt sich um die wissenschaftlich-fachmännische Erziehung des Nachwuchses zu kümmern und damit womöglich in den Verdacht zu geraten, man nehme diese Dinge ernster und verwende mehr Zeit dafür als zur Verfügung steht, um bei den jüngeren Angestelltsn auf die richtige proletarische Gesinnung zu achten. Man versteht im heutigen Rußland unter „Sabotage" so vieles und so Verschiedenes, daß ein Museumsdirektor nie wissen kann, ob nicht auch sorgfältige Fachausbildung unter diesen gefürchteten Begriff fällt.
Unsre Weiterfahrt ignorierte die Wegemarkierung durch die Steinhaufen völlig und ging in Schlangenlinien rechts und links davon durchs Gelände, bald über holprigen Felsboden, bald durch Sand, den der Fahrer angestrengten Blicks fort und fort daraufhin abschätzen mußte, ob er den Wagen tragen würde. Eigentlich war es eine ständige Aufregung: Durchkommen oder Steckenbleiben? Als das Tageslicht schwand, sahen wir vor uns einen geschlossenen Kranz von hohen Dünen, durch die es scheinbar keine Passage mehr gab. Das Loch war aber doch da. Nun kam es darauf an, den Wagen mit äußerster Kraft in Fahrt zu halten, denn ein Wiederanfahren war in dem Halb-kech-kech, durch den wir uns durchwürgen mußten, ohne die Eisenrohre nicht möglich. Minutenlang hing unter dem Heulen des Motors und der ruckweisen, langsamen Fortbewegung des Wagens die Entscheidung an einem dünnen Faden, aber es glückte, und noch bevor es völlig dunkel geworden war, fühlten wir, wie allmählich das verzweifelte Knirschen und Mahlen der Räder in den Sandmassen wieder in das erlösende Rollen auf festerem Boden überging.
Solche Passagen sind eine Lehre dafür, wie gefährlich es sein kann, bei Hunderten von Kilometern wasserloser Strecke vorwärts und rückwärts, sich mit einem einzelnen Privatauto in die Wüste
Bärin suchte mit ihren Augen die Verbindung zum vertrauten Menschen, und fast schien es, als verstünde sie seine Worte: „Zeig uns doch deine Kinder!"
Mit einem Mal ruckte nämlich die Bärin hoch,
Art Sand, wir würden sie schon kennen lernen. Nach dem „Itineraire“ soll die Abfahrt von Ta- manrasset um 5 Uhr früh, die Ankunft in In Guez- zam um 17 Uhr erfolgen; der fech-fech meinte es aber ganz anders!
Zur Vorsicht wurde schon um 3 Uhr geweckt und um 4 Uhr losgefahren. Nach ein paar Stunden — es war schon hell geworden — machte unser „Mouf- lon" plötzlich eine wilde Schwenkung, fuhr mit Krachen in eine der kleinen Steinpyramiden, die zur Wegebezeichnung dienen und — stand still. Ergebnis: Hinterrad-Panne und Radwechsel; eine Stunde Aufenthalt. Der Fahrer, sonst ein grundtüchtiger kleiner Kerl, von Mutterseite her Elsässer, hatte im letzten Augenblick einen fech-fech vor sich bemerkt, wollte ausweichen, und dabei geschah das Malheur. Nach einer Stunde weiterer Fahrt sausten wir denn auch glücklich mitten in den Feind hinein, der sich dies Mal auf keine Weise umgehen ließ. Jetzt erkannten wir auch sein tückisches We- s'en. Die Sahara ist südlich von Tamanrasset mehr sandig als steinig. Die Räder rollen glatt über den festgelagerten kiesigen Sand, aber plötzlich, bevor der Unkundige etwas Böses ahnt, sacken sie durch die trügerische dünne Decke hindurch und stecken tief in einer staubfeinen, grundlosen Masse. Diese schwer erkennbaren Flugsand-Fallen heißen fech- fech. Zum Glück handelt es sich immer nur um kleine Stücke, sonst wäre gar kein Vorwärtskommen möglich.
Die Methode, mit dem fech-fech fertig zu werden, ist originell. Alle Sahara-Autobusse tragen vorn und hinten ein nach Art einer Stoßstange quer gelegtes, drei Meter langes, kräftiges Mannesmann-Rohr. Der Fahrer und sein eingeborener Gehilfe steigen ab, schaufeln mit den Händen den Sand vor den hinteren Doppelrädern fort, legen die Rohre so auf den Boden, daß die Räder in ihrer Zwischenrille auf dem Eisen angreifen können, dann springt der Motor an, und dröhnend rückt der Wagen um eine Rohrlängö vor. Dies Spiel wiederholt sich so oft, bis man durch den fech-fech hindurch ist. Wir brauchten 7 oder 8 Ansätze, und anderthalb Stunden Zeit. Damit waren im ganzen schon 2V- Stunden verloren.
sich jeder Kopf mit der Zeit nach dem Hut. Der Hut gefällt uns. Den nehmen wir.
Den alten, guten, treuen lassen wir, in einer Tüte verpackt, zurück — wie einen Aussätzigen, wie einen Unreinen... Wir wollen ihn gelegentlich ab= holen. Vielleicht einmal... Addio! Lebe wohl,, du alter, räudiger Schlappdeckel, du Mißgeburt, du Unhut!
Ein neuer Mensch wandelt unter dem neuen Dach. Ein Parvenü — zu dem uns jedes neue Kleidungsstück macht. Sieh mal, was diese Leute für unglaubliche Hüte tragen! Man schielt seitwärts ins Schaufenster, um sich an der neuen Schönheit zu berauschen ...
Hm. Es ist vielleicht Einbildung. Aber ein bißchen klein kommt uns der Hut vor: Die Farbe ist ja fabelhaft, auch die Form... Aber, ist er nicht doch ein bißchen knapp ... ?
Wir nehmen ihn vom Kopf und visieren ihn an. Unsinn! Er ist sogar sehr fesch. Er ist sogar größer als der alte. Setz' ihn ruhig auf. Er paßt! Basta!
Was schaut uns denn dieser Kerl, der da kommt, so unverschämt an? — Ueberhaupt: alle Leute sehen auf unseren Hut! Finden Sie nicht, daß die ganze Straße nichts anderes denkt, als daß unser Hut ein bißchen knapp ist... Wir weiten ihn mit energischer Hand. So! Ein Blick in die Spiegelscheibe rechts... Ein Hut für 25 Mark, der sitzt einfach! Einbildung. Sie hat gesagt: das Knappe gibt sich...
Der knappe Hut ist glücklich zum Komplex geworden!
Da kymmt der Freund. Der ist unbefangen. Der wird das Urteil sprechen. Aber es sieht gar nicht, daß wir einen neuen Hut aufhaben. Wir muffen ihn diplomatisch darauf hinlenken...
So, der ist neu, sagt der Freund mit flüchtigem Blick. Ist er nicht ein bißchen zu klein, oder bist du nur so rausgefuttert in letzter Zeit?
Also doch! Das Urteil! Die Vereichtung. Grenzenloses Mitleid mit uns selbst überkommt uns...
Feldherren, am Abend nach der verlorenen Schlacht, Börsianer, nach einem „schwarzen Tag", Bräute, die vor der Hochzeit vom Bräutigam verlassen werden — gewiß, sie stehen unter schwerem Druck, und Nacht kehrt in ihre Seele ein. Mancher greift da zur Pistole. Ader mancher rafft sich aus dunkler Verzweiflung doch wieder auf.
Wer aber einen neuen Hut trägt, der ein bißchen zu knapp ist, der ist von allen Unglücklichen der Unglücklichste...
Zwei Tage lang. Am dritten ist alles gut. Niemand schaut uns mehr an. Der Hut paßt. Symbiose nennt der Naturforscher das organische Zusammenleben zweier Lebewesen,
usum delphini“ zurechtgemacht seien, haben wir allen Anlaß, einer Meldung der „Prawda" über die recht unerfreulichen, nach europäischen Begriffen jedenfalls ungewöhnlichen Zustände bei den Museen in der Sowjetunion von Herzen dankbar zu sein. Die genannte Zeitung ist ja das offizielle Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, und da „Prawda" auf Deutsch „Wahrheit" heißt, halten wir uns für um so weniger befugt, an der Richtigkeit der Meldung zu zweifeln, als die geschilderten Zustände kaum dazu angetdn sein dürften, dem Auslande das Mufeums- wesen im Sowjetparadies als nachahmungswürdig hinzustellen. Gegenstand der „Prawda"-Kritik sind die Verhältnisse in der einst weltberühmten, von der Kaiserin Katharina II. gegründeten Eremitage in Leningrad. Die großartigen Gemälde, so heißt es in dem Artikel, seien infolge des Feuchtigkeitsgehaltes der Luft und der mangelhaften Temperaturreglung in zunehmendem Maße dem Verderb ausgeliefert, der durch die Einrichtung von P f e r d e ft ä l l e n für den proletarischen Wehrverband „Ossoviachim" unter den Ausstellungsräumen noch beschleunigt werde; in vielen Fällen habe sich an den metallischen Museumsgegenständen Grünspan gebildet und was dergleichen Schäden mehr sind.
Die „Prawda" .müßte ja aber nicht die „Wahrheit" in Person fein, wenn sie nicht wenigstens den Versuch machte, den von ihr angeprangerten Mißständen auf den Grund zu gehen. Und da erfährt
Standort Glelii am 23. 4.M 20.15 Mr,
Stanbortaunll im Burghoi.
Vortrag d. Hm General a. r. vr.Bethlte.
Volß.Erscheine Ter H
Ltandortltltci.
me für das Halbjahr 111 ^‘Jährigen ?• April 193a n£enu. Ausk. ’§°ethestr.3-) - -Kuf-Nr. 2486 --- 22>SÄ
Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte Von Ernst von Rebelschüst.
Die kürzlich vom Reichserziehungsministerium berausgegebenen nepen Lehrpläne geben dem Lehrer wichtige Fingerzeige für. die Erziehung und Bildung der ihm anoertrauten Jugend. Daß der Schüler für den Staat erzogen werden soll, als dessen denkendes und handelndes Mitglied er dem Dolksganzen zu dienen hat, ist dabei selbstverständlich. Um so interessanter ist es zu sehen, welche Mittel zur Erreichung dieses hohen Zieles empfohlen werden. Vieles, ja das meiste muß hier natürlich dem Taktgefühl des Lehrers überlassen bleiben, aber innerhalb dieser Freiheit sind doch gewisse Richtlinien erkennbar, die für den Erzieher, ohne daß sie ihn und seine persönliche Lehrmethode ein- engen, verpflichtend sind. Da ist z. B. für die Oberstufe der „B e s i n n u n g s a u f s a tz" eingeführt, also der Aufsatz, der den Schüler dazu führen soll, sich selbst über ein gestelltes Thema Rechenschaft ^u geben, feine Gedanken daran zu sammeln und sie in klarer Form wiederzugeben. Wer da meinen sollte, das sei doch nichts Neues, vergißt, welche Forderungen gerade im deutschen Aufsatz im Zeitalter der Jnöividualerziehung an den jungen Menschen häufig gestellt wurden. Da gab es Aufsatzthemen, zu deren Bearbeitung der Jugendliche noch gar nicht
qer, „ich ifet. Mich
Kreuz und quer durch den Schwarzen Erdfeil
Briefe von einer Afrika-Reise.
Von Or. Paul Rohrbach.
Ein neuer Hut.
Von Julius Kreis.
Sie," mein Herr, taufen einen neuen Hut. Keine gryße Angelegenheit bei Männern! Nicht wie bei Frauen! Schon der siebenundsechzigste, den wir radschlagend, knie- und rumpsbeugend vor dem Spiegel proben, scheint uns der richtige. Oder sollten wir nicht doch lieber beim ersten bleiben? Oder vielleicht dieser graue da...?
Sie drehen vor dem Spiegel ihr Genick, Sie modellieren mit zärtlichen Fingern an der Krempe, Sie rücken den Hut so lange in die Stirne, bis ihn die Verkäuferin mit energischem Ruck wieder auf Ihren Hinterkopf plaziert.
Sie sagt: „Mit diesem Hut sehen Sie vornehm aus'." — Nehmen Sie es ihr nicht übel. Sie hat es gut gemeint. Sie wollte sagen: Der Hut sieht vornehm aus!
Sie fragen: ... ob er nicht ein bißchen knapp ist... Im Gegenteil, eher ist er ein bißchen zu weit... Ob sich das gibt, das Knappe. Oh, das gibt sich.
Schließlich hat sie recht. Erfahrungsgemäß formt
fähig war. Warum nicht? Weil sie ihn zwangen, sich selbst zum Maß der Dinge zu machen und zu, Fragen, die ohne eine vollentwickelte Urteilskraft und eine reife Lebenserfahrung unbeantwortbar sind, persönlich Stellung zu nehmen. Wer hat nicht schon Sekundaneraufsätze über deutsche Dichtungen gelesen und dabei feststellen müssen, mit welcher Unbedingtheit und leidenschaftlichen Rhetorik da Partei genommen und Kritik geübt-wurde! Meist war der Maßstab fix und fertig da, und wehe dem Dichter, er mochte nun Schiller oder Goethe heißen, wenn er sich ihm nicht anpaßt!
Hier aber begann schon damals der Widerspruch gegen die höhere Schule als Pflanzstätte der Bildung, deren Aufgabe es unserer Meinung nach unmöglich sein kann, den jungen Menschen, der zunächst einmal gründlich aufnehmen und lernen, nicht aber urteilen und am wenigsten verurteilen soll in seinem Wahn, man könne mit solchen Dor- dergrundswahrheiten Sinn und Wert einer genialen Dichtung erschöpfen, durch gute Prädikate in seiner Ueberheblichkeit noch zu bestärken. Was hat das mit Bildung zu tun? Bildung, wahre Bildung wird ganz gewiß nicht durch einen vorzeitigen Appell an das kritische Vermögen gefördert, sie wird im Gegenteil zu oberflächlicher Scheinbildung, wenn das ursprünglichste und edelste jugendliche Bedürfnis, der Wunsch nach Verehrung, in so flagranter Weise lahmgelegt wird.
Das aber waren die Gefahren des „Erlebnisaufsatzes", so wie man ihn früher verstand. Anstatt unsere junge Generation unter die heilsame Zucht des Genius zu beugen und so an Gehorsam zu gewöhnen, erzogen wir sie in einem Alter, wo alles darauf ankommt, die Ehrfurchtskräfte zu m.fen, nicht selten zu kleinen Debatterednern und Gernegroßen, die über alles mitreden konnten, ohne irgend etwas gründlich zu wissen. Wir erzogen sie zu einer wesenlosen Produktivität, wie spiegelten ihnen ein uneigentliches Leben vor. Die neuen Lehrpläne wollen dieser Ueberspitzung des Persön- lichkeitsprinzips steuern, und gerade der „Besinnungsaufsatz" kann, in der Hand eines wirklichen Pädagogen, sehr wohl dazu beitragen, das noch unentwickelte. langsam keimende „Ich" des Schülers in gesunder Weise heranreifen zu lassen, durchaus nicht, indem es ungepflegt bleibt, aber so wächst, daß es sich auf organischem Wege zum Charakter entfalten kann.
Da es in der Welt noch immer abstrakte Ideologen gibt, die da meinen, daß die Nachrichten über das bolschewistische Rußland übertrieben oder gar „ad
T ermüher — Wild und mild!
Von Paul Eipper.
„Vorsicht, die Leopardin hat Junge", sagte eine alte Dame, als ich vor dem Außengehege des Duisburger Raubtierhauses stand. Die Warnung war überflüssig; ich kenne die blitzschnelle Schlagserttg- keit dieser großen Katzen. Aber ich weiß auch, was Brcchm vom Leoparden sagt, nämlich, daß er körperlich und geistig das vollendetste Raubtier sei; deshalb stand ich an jenem lauen Wintertag reglos beobachtend vor dem Außengehege. Bis der Wärter kam, der mich von früheren Besuchen wiederer- fannte: „Kommen Sie doch mal mit ins Jnnen-
schaftlich der Leopardin den Nasenrücken. Die beiden schnöde verlassenen Kinder aber benehmen sich recht unterschiedlich: das eine setzt sich auf seine Hinterhand und weint enttäuscht, kommt aber gleich zur ausgestreckten Hand des Wärters, läßt sich trösten und schmust. Das andere, der rüpelhafte Leopardensohn, dagegen schreitet unentwegt hin und her durchs Heu, dreht den Kopf nach oben, wo feine Mutter liegt, und faucht zornig, sobald der Pfleger auch nur versucht ihn im Dvrübergehen zu streicheln. Plötzlich schlägt der kleine Kerl- wütend an die Gitterftäbe, und dann — ich würde es nie glauben, hätf ich's nicht mit eigenen Augen gesehen —, dann klettert er mit anfänglich unbeholfenen, bald aber fördernden Klimmzügen einfach an den Eisenstangen hoch und beißt, am Querbrett angekommen, die völlig überrumpelte Mutter rasch ins linke Ohr.
Was nun geschah, ist eines* meiner entzückendsten Tiererlebnisse, ist zudem die Bestätigung, daß m einer Raubkatzenmutter Wildheit und Milde gleichermaßen gepaart sind. Die Leopardin spielte vielleicht zum Lohn für die Kühnheit ihres Sohnes — bacchantisch hemmungslos mit dem Kleinen. Zuweilen stand sie auf dem Kopf, begrub im Ueber- schlag das Junge unter ihrem Leib, dann schleuderte sie es — auf dem Rücken liegend — mit den Vorderpfoten senkrecht in die Luft, fing den Landenden geschickt wieder auf, leckte ihn und nahm alsbald das ganze Kinderschädelchen in ihren Rachen, um wenige Sekunden später zu dulden, daß der Sohn grimmig die eine ihrer Pfoten anknabberte. All dies, die Ueberschlage und das tobende Handgemenge, geschah auf einem vielleicht 40 Zentimeter breiten Querbrett hoch oben im Käfig und wurde von der Leopardin so überlegt und beherrscht gelentt, daß der wilde Sohn md)t m den Abgrund stürzte. In der äußersten Gefahr holte ihn stets ein wippender Tatzenschlag der vergnügt schnurrenden Mutter in die Sicherheit zurück.
Als ich nach einer Stunde beglückten ^^?uens fortging, führte mich der mit Recht stolze üßarter noch in ein anderes Tierhaus. „Da müssen wir besonders behutsam sein; die Bärin hat noch keinen Besuch gehabt, seit die Jungen geboren sind.
Eine schwere Tür wurde aufgeschlossen; im Halbdämmer laq groß und unförmig irgendwo eine braune Masse. „Liefet, zeig uns doch mal deine Kinder, kriegst auch eine schone «uppe.
Sehen konnte ich nichts; aber ich horte es piepfen. Die Zeit verging; ober stand sie still. Nein, dort hinten wuchs allmählich das ^Gebirge eines gewaltigen Bärenschädels auf, und zwei kleine Augen iU<mannfcmt, der Barenblick fei tückisch und böse; im Duisburger 3oo erlebte ich das Gegenteil. Die
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Da war di-» Leoparden-Kinderstube, groß und warm, mit vielem Heu trefflich gepolstert. „Ich lasse gleich die Alte 'rein", sagte der Mann, „sie woll e mal etwas frische Luft schnappen und eine Weile Ruhe haben; die Kleinen treiben es zu toll mit ihr.
Der Eisenschieber wurde hochgezogen; wie eine gelblodernde Flamme zischte flachgestreckt die Leopardin auf uns zu, und im gleichen Augenblick piepste es an zwei. Stellen im Heu: die beiden Sprößlinge nahmen Besitz von ihrem .'angenehmsten Spielzeug". Anders kann ich die nachfolgenden Ereignisse nicht beschreiben. . h
Der eine Leopardensohn hmg bereits an der Kehle seiner Mutter, der andere - auch mcht größer als eine halberwachsene Hauskatze— tatzte mit seiner breiten Kinderpfote wechselweise an den wippenden Schweif und an die Hlnterhand der Alttn, die — vom stürmischen Doppelangriff deutlich überrumpelt - die Lippen Zuruckzog und fauchte. Soll sie Gegenmaßnahmen ergre^en, mit ihrer Kraft auftrumpfen? Nein, sie laßt sich jur Seite fallen und bietet der milden Brut die nährenden Milchquellen dar. •
Das war falsch gedacht von der Leopardin. Man hat gar keinen Hunger; aber nun kann man das Leibgebirge der Mutter ganz erobern und schon sitzt ein Kind auf dem Ruckenkamm der Alten, grabt eine Milchzähnchen in ihren Nacken und versucht, die Riesenmutter „fachmännisch" abzubeuteln.
Der wird richtig", schmunzelt der Psteger. darf ihn schon nicht mehr anfassen; er beiß wundert nur, daß die Alte so viel Geduld hat.
Als wollte die Leopardin ihren Betreuer Lugen strafen, steht sie plötzlich auf, schüttelt beide Kinder ab und springt aus dem Stand unwahrscheinlich khön senkrecht in die Höhe, erreicht muhelos das hoch angebrachte Querbrett und legt sich dort nieder. 9 In Ordnung, Alte! Das hatt ich auch getan , fafft der Mann neben mir und streichelt famerad-
VI. „Fech - Fech!"
Am Brunnen In Abbangarit, April 1938.
Auf der französischen Routenkarte der Sahara, die uns begleitet, läuft von Algier über die verschiedenen, Oasen, in denen übernachtet wird, ein dicker roter Strich bis Tamanrasset im Hoggargebirge. Diesen interessanten Platz verließen wir gestern früh. Der dicke Strich auf der Karte verwandelt sich in eine dünne Linie mit der Beischrift „Parcours tres pittoresque“, und läuft so 440 Kilometer weit bis zum nächsten „fahrplanmäßigen" Quartier, I n Guezzam. Hier wird die rote Linie gestrichelt, was schon im voraus allerlei Gedanken über die Beschaffenheit der Strecke erweckt. Unsere Vorahnungen sollen sich denn auch bald bestätigen.
Das Hoggargebirge ist ein mitten in die Sahara gesetztes vulkanisches Massiv mit abenteuerlichen Bergsormen und einer unvorstellbaren Zertrümmerung der Gesteinsoberfläche durch den Wechsel von Tageshitze und Nachtkühle, Ausdehnung und Zusammenziehung, die den Fels in eine wilde Scherbenmasse zerspringen läßt. Die Karte notiert: Jagd auf M 0 ufl 0 ns , die bekannten, groß- hörnigen, wilden Gebirgsschafe. „Mouflon" heißt auch der Wagen, mit dem wir durch die Sahara gondeln. Es ist schon der zweite, unser erster hieß „Zebre". Jedesmal nach Erreichen einer Station wird nach Algier gefunkt „Mouflon da und da angekommen!" Angekommen gehört aber zu den mancherlei Saharabegriffen, die mehr aus der Welt des Relativen stammen, als aus der des Absoluten. In Tamanrasset schwirrte durch die Unterhaltung beim Essen schon ein merkwürdiges Doppelwort, das seinen Ursprung in den Mitteilungen des jovialen Hotelwirts hatte, eines Parisers, der uns auf Deutsch mit der Bemerkung begrüßte: „Ich kenne Deutschland wahrscheinlich besser als Sie!" Wenn es nämlich in der Sahara zu heiß für den Autoverkehr wird, ist unser Wirt Fremdenführer für französische Reisende in Deutschland. Das sonderbare Doppelwort hieß „fech - fech“ und wird feschfesch gesprochen. Auf unsere neugierigen Fragen wurde uns nur bedeutet, es sei eine schli inme
saß senkrecht in ihrer Ecke wie wie ein Mensch und ließ die beiden Vorderpranken lässig seitwärts herunterhängen. „Brav, mein Tier", sagte nun der Pfleger, „jetzt fehlen nur noch die Kleinen."
Auch sie kamen; winzig im Verhältnis zu ihrer Mutter, ganz und gar nicht bärenähnlich, irgendwie an vergrößerte Maulwürfe erinnernd, zwei Säuglinge, die Wärme suchten und Nahrung. Der Selbsterhaltungstrieb lenkte ihr tapsendes Kriechen, und als sie dicht bei der alten Bärin waren, schob sie mit einer niemals zu beschreibenden Sanftheit ihre Vorderpfoten, diese gefährlichen Raubtierpranken, unter die Kinder und hob beide zugleich zu sich empor,-so daß links und rechts je ein Säuglingsschnäuzchen an ihren Brüsten lag. Schmatzen wurde hörbar, ein nuckelndes Saugen und der riesenhafte Kopf der Bärin schaute von oben her wachsam auf die nun restlos zufriedene Brut.
Von Zeit zu Zeit blickte die immer noch aufrecht dasitzende Bärin auch zu uns Menschen herüber, und ich will mich gern einen Phantasten nennen lassen, behaupte dennoch mit voller Ueberzeugung, daß in den braunen Augen der Bärin ein glück-
Kopfschmerzen, Druck über den Augen und andere Beschwerden. Vielleicht liegt ein Sehfehler vor ? Eine Brille hilft! Augenärztl. Verordnungen finden meine ganz besond. Beachtung. e33D Optiker ß„l|pr a.Bahnhof tAvlIvl
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zu wagen. Wir fuhren noch eine Weile durch die Nacht unter einem Sternenhimmel, dessen Leuchtkraft man gar nicht erst versuchen soll zu schildern. Dann, 90 Kilometer vor unferm Zi^l In Guezzam, erklärte der Fahrer, daß es nicht mehr weiter ginge, wir müßten im Wagen üb etnachten. Der Mann war sichtlich am Ende seiner Kräfte und die fernere Strecke nachts trotz unserer starken Scheinwerfer zu unübersichtlich und zu gefährlich. Proviant und Rotwein waren vorhanden, und nach einem frugalen Wüstensguper legte man sich-, so gut es ging, in die Pullman-Sitze zurück und überstand die Nacht ganz leidlich.
Auch heute haben wir bas normale Ziel Aga - b 6 s nicht erreicht, sondern finb nur bis zu biesem Karawanenbrunnen gekommen. Hier fängt die Wüste an allmählich aufzuhören. Es steht ein Lehmhaus mit ein paar „Zimmern" ba, bereu einzige Möblierung aus ein paar eisernen Klapptischen unb Stühlen und einer fingerdicten Staubschicht auf bem Naturfußboben besteht. Wir haben ziemlich bürftig von unfern Vorräten gelebt und wollen lieber ein zweites Mal im Wagen übernachten. Man hatte uns aus In Guezzam — in Voraussicht des Kommenben — Matratzen mitgegeben, bie wir in ben Staub legten, um es uns darauf „bequem" zu machen. Vermutlich aber enthält er die mehr oder weniger lebendige Hinterlassenschaft unzähliger Karawanen, die hier schon übernachtet haben. Draußen sitzt eine solche Karawanen-Mannschaft,
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