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Nr.18 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 22. ZanuarM8

SerRundfunkempfang imWinter

Von W. Diesenbach.

Kleine Unterschiede im abendlichen Fernempfang find durchaus bekannte Erscheinungen. Einmal er­reichen uns die Aetherwellen von Rom oder Bu'da- pest sehr lautstark, am anbeten Tage treten tiefe Schwunderscheinungen auf, atmosphärische Störun­gen und Seitenbandbeschneidungen beeinträchtigen die abendlichen Empfangsbedingungen. Seit einiger Zeit ist nun auf allen Wellenbändern ein großer Umschwung im Fernempfang eingetreten. Im Mit­telwellenbereich, dem eigentlichen Bezirk des euro­päischen Rundfunkäthers, erscheinen die meisten Großsender innerhalb der 700-Kilorneter-Zone be­reits am frühen Nachmittag ausgezeichnet klar und sind abends in ungewohnt großen Lautstärken bei mäßigem Schwund und ohne atmospärische Störun­gen zu hören. Wenn wir zwischen den bekannten Großsendern vorsichtig im Mittel- und Langwellen­bereich die Abstimmskala durchdrehen, tauchen sogar ganz ferne Stationen auf, die wir im Sommer selbst mit größten Empfangsgeräten nicht aufneh­men konnten.

In den Wintermonaten, gerade zu Jahresanfang, herrschen, gewöhnlich im Mittel- und Langwellen­bereich ganz vorzügliche Empfangsbedingungen, so daß man von einer tatsächlichenSaison" sprechen kann. Ganz anders verhält es sich aber mit den Kurzwellen. Während wir im Sommer auf dem 19-Meter-Band zwischen 20 und 23 Uhr den Fer­nen Osten und Nordamerika, z. B. die Sender Tokio und Schenectady überraschend laut und ungestört gehört haben, ist jetzt um diese Zeit Kurzwellen- Rundfunkempfang aus anderen Kontinenten in der Regel unmöglich. Dagegen gelingt vor Sonnenunter­gang und am Frühnachmittag im 19-Meter-Bereich zeitweise der Uebersee-Empfang.

Aehnlichen Verhältnissen begegnen wir im Kurz- wellenempfang innerhalb der Europazone. Auf 25, 31 und 49 Meter waren wir im Sommer gewöhnt, Berlin, Daventry, Paris-Colonial, Eindhoven und andere Sender nachmittags und abends einwandfrei aufzunehmen; jetzt im Winter beginnt sich nach 18 Uhr der europäische Tagesempfang zu verschlecht fern, nach 19 Uhr sind die 25- und 31-Meter- Bändertot", wie die Kurzwellenleute sagen. Die Sendegesellschaften wissen sich heute gegen diesen Umschwung der Empfangsbedingungen im Winter sehr gut zu helfen und ändern den jetzigen Aus­breitungsverhältnissen der Kurzwellen entsprechend von Zeit, zu Zeit, beinahe allmonatlich, ihre Wellen­längen. So benutzen der Britische Weltrundfunk und die nordamerikanischen Kurzwellensender, der holländische Kurzwellenrundfunk seit November an­dere Kurzwellen, die auch während der Winter­monate guten Empfang gestatten. So kommt es, daß trotz der geänderten Ausbreitungsbedingungen der Kurzwellen im Winter untertags in den 17-, 19,, 25- und 31-Meter-Bändern einwandfreier Europaempfang und nachts im 25- und 31-Mster- Bereich Uebersee-Empfang gelingt.

Auch der Kurzwellcnamateur wird sich im Winter mit einer Aenderung der Sendezeiten und Wellen­längen abfinden müssens Bei Wellenlängen um 20 Meter z. B. ist im Winter die tote Zone, in der Kurzwellen nicht empfangen werden können, bei Tag so groß wie im Sommer bei Nacht und nachts größer wie der Erdumfang, woraus sich ergibt, daß der Europa-, und Ueberseesendeverkehr in diesem Band meist nur auf die Tageszeit mit Maximal--, lautstärken am Früh- und Spätnachmittag be­schränkt ist. Im 10-Meter-Band verschlechtern sich die allgemeinen Sende- und Empfangsbedingungen, dagegen sind im 80-Meter Band vorzügliche Ergeb­nisse zu erzielen, sogar Ueberseeverkehr in den frü­hen Morgenstunden.

Aus Natur und Technik.

Maßgebend für den Funkverkehr auf große Ent­fernungen und für etwaige Unregelmäßigkeiten während der Winterperiode ist der jeweilige Joni- sationsgrad der Heavisideschicht, die die Raumstrah­lung zur Erdoberfläche zurückbeugt, sowie die Son­neneinstrahlung, die die Ionisation in der Heavi­sideschicht verändert. Wenn an einem bestimmten Tage zu geeigneter Zeit Australienverkehr, beispiels­weise gegen 14 Uhr, auf dem 20-Meter-Band glückt, so können in den folgenden Tagen die Bedingungen

für Ueberseeverkehr durchaus ungünstig fein. Der sportlich eingestellte Kurzwellen - Amateur, den Schwierigkeiten nicht entmutigen, sondern zu neuen Leistungen anspornen, findet diese wechselvollen Sendebedingungen in gewisser Hinsicht reizvoll; denn wenn nach vielen Stunden vergeblichen War­tens ein tadelloser Australienverkehr mit geringer Sendeleistung etwa vom Stromverbrauch einer klei­nen Glühbirne zustande kommt, wird er für alle Mühen voll entschädigt.

Ein Pionier der deutschen Luftfahrt.

Zu Ernst Heinkels 50. Geburtstage am 24. Januar.

Emst Heinkel, der am 24. Januar 1888 in Grünbach im Kreise Schorndorf in Württemberg ge­boren wurde, war der Sohn eines Flafchnermeifters. Mit zäher Energie ermöglichte ihm der Vater den höheren Schulbesuch und das ersehnte technische Stu­dium; nachdem Heinkel 1906 an der Oberrealschule zu Cannstatt sein Abitur bestanden hatte, zog er an die Technische Hochschule zu Stuttgart, um Maschi­nenbau zu studieren. Durch die Vernichtung des Zeppelinluftschiffes in Echterdingen war in ihm der Gedanke emporgewachsen, selbst für die Luft­fahrt in die Bresche zu springen. Ein Kamerad gab

(Scherl-Bilderdienst-M.)

dem 21jährigen die letzte Anregung, und schon we­nige Tage später finden wir ihn auf der Ila, der Jntemationaen Luftfahrtausstellung in Frankfurt am Main beim Studium der Maschinen und Werk­zeichnungen. Die Spesen für bie Fahrt hatte er burch Versetzen eines kostbaren technischen Buches stüssig gemacht".

Aber auch bem Bau ber ersten Maschine, eines Doppelbeckers, ber an ben französischen Farmum typ erinnerte, stauben lange kaum überminbbare Schwierigkeiten entgegen. Vor allem häuften sich SchuIben auf Schulben; es zeugt von ber Korrektheit bes jungen Ingenieurs, wenn wir hören, baß er sechs Jahre lang Schulben aus jener Zeit abbezahlt hat, um auch ben letzten Heller zu­rückzuerstatten.

Mit einer Spannweite von 11 Metern unb einem Vier-Zylinber-Daimlermotor von 50 PS staub schließlich im Juli 1911 bie erffe Maschine auf bem Canustatter Waseuflug fertig in ber Halle. Aber schon ber erste erfolgreiche Flug am 19. Juli

bringt bas Eube: Heinkel stürzt ab unb wirb, nur unter Einsatz bes Lebens seiner Helfer, von einem Arbeiter unb einem Schutzmann aus ben brennenben Trümmern ber Maschine gerettet. Mit Brüchen unb schweren Verbrennungen wirb ber Aviatiker Heinkel", von besten Sturz Extrablätter berichten, in bas Spital eingeliefert. Fünf Wochen später ist er bereits roieber entlassen unb abermals acht Tage barauf fährt er mit uerbunbenem Kopf, auf zwei Stöcke gestützt, als Berichterstatter bes Stuttgarter Neuen Tagblatts" zum Schwabeuflug nach Eßlingen; bie Fliegerei hat ihn gepackt wenn auch für einige Zeit nur als passives Mit­glied Anfang September führt ihn ber Weg nach Berlin-Johannisthal, wo er unter bem derzeit be­kanntesten Konstrukteur Franz Schneider bei der LVG. (Luftverkehrsgesellschaft) arbeitet. Daß er gerade an dieser Stelle von bem Streben nach eigenen konstruktiven Leistungen be­seelt war, .liegt auf ber Haub. Daher ergreift er im Frühjahr 1913 eine sich bietenbe Gelegenheit, zu den Albatroswerken überzusiedeln, unb hier baut er bie ersten erfolgreichen Rekoxbmaschinen, bie unter Hel- mukh Hirth, Hans Vollmöller unb anberen hervorragenben Leistungen erzielen. Auf einem von Heinkel konstruierten Doppelbecker stellte u. a. Rein- holb Böhm im Juli 1914 seinen 24-Stunben- Dauerflug auf, ber erst zehn Jahre später von Charles Linbbergh Überboten würbe.

Erstmalig verwanbte Heinkel damals Sperrholz- rümpfe, bie sich in schwierigen Leistungsprüfungen desonbers bewährten.

Kurz vor Ausbruch bes Weltkrieges trat ber 26jährige Konstrukteur als Chefingenieur unb Direk­tor in bie Hansa unb Branbenburgischen Flugzeug­werke ein, bie mit ben österreichischen unb ungari­schen Flugzeugfabriken eng liiert waren. So kann man mit Fug unb Recht feststellen, baß 95 v. H. ber k. unb k. Seeflugzeuge unb 70 v. H. ber Ar­meemaschinen von Heinkel konstruiert worben sinb. Insgesamt entwickelte er bamats etwa 30 ver­schobene Typen, vom Jagbeinsitzer bis zum mehrmotorigen Langstrecken Bombenflugzeug; mit am bekanntesten war bas Seekampsflugzeug W 12, auf bem ber bamalige Oberleutnant z. S. Chri­stiansen, heute Generalleutnant unb Staats­sekretär, seine überragenden Erfolge als Kampfflie­ger erzielte. Für seine hervorragenden wirtschaft­lichen Leistungen erhielt Heinkel u. a. das Eiserne Kreuz am weißschwarzen Bande.

Nach dem unglückseligen Ausgang des Weltkrieges zog sich der durch die einschneidenden Bestimmungen des Versailler Schmachdiktats brotlos geworbene Flugzeugbauer aufsAltenteil" zurück; er grünbete in Korb bei Waiblingen eine Autoreparatur­werk st ä t t e unb kehrte ber Fliegerei ben Rücken. Bis fein FreunbKrischan" ihn in ber Einöbe ent­deckte und ihm solange zusetzte, bis Heinkel in Travemünde, in dem Werk des Hamburger Inge­nieurs Kaspar, eine Verkehrsmaschine für

Christiansen baute. Da hatte der Kämpe wieder Blut geleckt" und blieb der Fliegerei für alle Folgezeit verschworen. Dem Verkehrsflugzeug folg­ten zwei U-Boot-Flugzeuge für Japan und Ame­rika, unb,. als Mißverständnisse mit Kaspar zu einer Trennung ber beiben Konstrukteure führten, grünbete Heinkel in Travemünbe ein eigenes Konstruktions­büro, von bem eine grabe Linie zu ben heutigen Anlagen in Warnemünbe weist. Am 1. Dezember 1922 grünbete er dort bieE r n st Heinkel- Flugzeugwerk e".

Vekanntgeworben sind vor allem bie viel für Schweben gebaute He 3, bie im Internationalen Wettbewerb in Gothenburg siegte, bie He 5 vom Seeflugwettbewerb, He 9 unb He 38. Auch bie Amphibie unb bie K a t a p u l t f l u gz e u g e würben von ihm entwickelt. So führte Günter Plüschow seine Feuexlanb Flüge auf einer Warnemünber Maschine aus, bieBremen" unb Europa" verschrieben sich Katapultanlagen von ber gleichen Fabrik. Schon im Jahre 1925 hatte ber ge­niale Techniker von ber Stuttgarter Hochschule ben Titel eines Dr.-Jng. e. h. erhalten, 1932 folgte ber

gegen.

Katarrhe

Husten

Heiserkeit

Hauptniederlage: Jean Weisel, Gießen.

Sonnenstraße 6, Telephon 3888. 26t0

philosophische" Ehrenboktortitel ber Rostocker Uni­versität. Im gleichen Jahre war bie He 70 entstan« ben, ber bekannteHeinkel - Blitz", ber mit seiner Stromlinienform 377 Stundenkilometer ent­wickelte unb acht Weltrekorbe an sich riß.

Die folgenben Jahre brachten mit ber Steigerung ber Luftwaffe auch bem Werk in Rostock-Marien, ehe gewaltige Erfolge. So erflog bieHe 11" als erste beutsche Verkehrsmaschine über 400 Stunden­kilometer Geschwindigkeit, unb im November des abgelaufenen Jahres 1937 erzielten Heinkels Chef­pilot Flugkapitän Nitschke mit Flugzeugführer Dieterle auf einer zweimotorigen Maschine auf ber Strecke HamburgStolpHamburg, über 1000 Kilometer Entfernung unb mit 1000 Kilogramm Nutzlast, eine Durchschnittsgeschwinbigkeit von 504 Stunbenkilometer, woburch sie b r e i Weltbest« l e i ft u n g e n errangen. Die Berufung zum Wehr­wirtschaftsführer burch ben Reichsluftfahrtminister runbete bie Ehrungen kurz vor ber Vollenbung des fünften Lebensjahrzehntes ab. 1 L.

Der eiserne Steuermann.

Von Walter Widmann.

Langsam unb majestätisch schiebt sich ber gewal­tige Ozeanriese burch bas Wasser bes Elbstroms, sicher unb unberührt von bem Gewimmel ber klei­nen Dampferchen, bie kreuz und quer über das Wasser flitzen. Ruhig, als ob ihn all die Kleinen um ihn nichts angingen, geht es in kleiner Fahrt die Elbe abwärts, an Cuxhaven vorbei in die offene Nordsee. Noch einmal werden bie Maschinen ab- gestoppt, ein Motorboot fährt längs bes Schiffes und nimmt ben Elblotfchen, ber ben Ozeanriesen sicher bie Elbe abwärts gebracht hat, auf. Ein letzter Gruß, bann klingelt ber Maschinentelegraph:Voll- barnpf voraus!" lautet ber Befehl, unb rauschend peitschen bie mächtigen Schrauben das Wasser. Und nun vollzieht sich bas Wunberdare, von bem kaum

Die schwarzblaue Mauerwespe baut ein Haus.

Von Friedrich Schnack.

Summend kam die schwarzblaue Mguerwespe in das Farmerhaus, bas man auf ben Hügel hinge- baut hatte. Sie war eine merkwürdige Erscheinung: das längliche Bruststück mit bem räuberischen Kopf, den starken Augen unb ben beständig nickenden Fühlern war bem tropfenförmig gestalteten Hinter­leib burch einen langen Stiel verbunden, einer übertrieben gestalteten Wespentaille.

Sie strich mit lang hängenden Beinen durch die Stube, ihre Aufmerksamkeit ben Pfosten und Wän­den widmend. Wo gab es hier eine gute Baustelle? Ungeduldig schwirrte sie.Nein!" tönte ihr Flügel- laut. Kein Winkel mochte ihr geeignet erscheinen für bie Ausübung ihres Bauhandwerks.

Sie untersuchte bas Wohnzimmer. Hier war es behaglich. Ein Dust reifer Bananen unb von Rohr­zucker schwebte. Sie landete an ber Holzwand unb spazierte eifrig im Kreise, gleich bem Architekten, der seinen Grund absteckt. Nach rückwärts sich ab­stoßend, musterte sie ben Platz aus ber Schwebe. Sie prägte sich ben Lageplan ein, die Linien bes Holzes, ber Maserung: eine helle, bräunlich um­randete Zunge zeichnete auf bem Spiegel des Brettes. Unb zufrieden brummend zog sie aus bem Zimmer.

Bald war sie roieber da und fand nach einem schwingenden Bogen ihren so gutgewählten Ort wieder. Sie setzte sich.

Was lud sie ab? Eine kleine, gelbe Lehmkugel. Sie klebte bie Last an, die Mundteile stampften die Kugel platt. Im Nu war ber Lehm ausgewalzt, und bie Handwerkerin flog zum Fenster hinaus. Doch ließ sie nicht lange auf sich warten. Eine zweite Lehmkugel. Fleißig stampfte ber Kopf, gläsern fangen bie Flügel. Das Lehmpflaster hatte sich um ein Stück verbreitert. Derart, mit Gehen unb Kom­men, mörtelte die Fliegerin. Es bauerte nicht lange, da war ber Grund zum Bau gelegt, ein fast recht­eckiger, efrogs schräg hinbetonierter, kleiner Lehm- staden.

Die Wespe flog rechts ins Haus, und als sie roieber fortflog in ihre Lehmgrube, entschroirrte sie in die gleiche Richtung. Das fliegende Pünktchen konnte mein Blick eine Strecke weit verfolgen. Ich ging ihr nach zu unserer Wasserstelle im Dschungel, hinunter. Ich wartete an der Mulde, wo das Wasser aus den Schattengewölben des Dickichts heraus- rann. Ob sie hierherkäme?

lieber bie grüne Woge des ansteigenden Dschun­gels blitzte sie nieder unb faßte Fuß. Unruhig rannte sie am Rand ber Feuchte hin unb her. Die Flügel­sprache rebete geheimnisvoll mit ber rotgelben, fetten Erbe unb bem abgesetzten Lehmschlamm.Ich brauche recht saftigen, klebrigen Lehm!" verkündeten bie Glasschwingen, und die 'Mundzangen hackten in ben Baustoff, ein wenig davon zur Kugel ballend. Fort, hinaus: sie hatte Eile Und nützte bie Zeit. Der Wespentag ist nicht lang, man hat viel zu schaffen.

Die Wespe stürzte nach einer Weile roieber aus der Lust. Sie brauchte nicht lang zur Ladung. Ich ging hinaus ins Zimmer. Die Arbeitern war nicht da, aber über ben linken Flügel bes Pflasters wölbte sich bereits ' eine aus Lehmbändern ge­töpferte Rundung. Die hintersten Bögen waren halb trocken. Die Architektin lärmte an meinem Gesicht vorbei: die neue Kugel würbe genau ange­setzt, unb, rückwärts gehend, mit Musik, zog bie Wespe bie Masse aus, eine neue Rippe formend. Aus unb bavon!

Balb hatte sie einen Tonzylinder gefertigt: sie kroch burch die Deffnung und surrte in bem Ge­säß.Alles in Ordnung!" sangen bie Flügel, und die Dorberbeine glätteten einige Unebenheiten. Die Wespe schnellte heraus. Aus der Baumeisterin würbe jetzt eine Jägerin. Sie raste über bie Palm­rippenoerschalung bes Verandadaches: zwischen Ritzen hatten sich kleine Spinnen angefiebelt. Als bie Jägerin bas Revier ab suchte, ging es im Um­kreis einer halben Spanne wie ein Schauer über die starren Spinnen, bie da auf bem Fliegen- anftanb sahen. Augenblicklich sich duckend, entwichen sie in ihre Schlupfwinkel, blitzschnell.

Nicht jeber glückte es, ber raschen Jägerin zu ent­kommen: sie würbe gepackt und durch einen läh­menden Stich für ein unterirbisches Schicksal vor­bereitet. Das lebende Opfer, bas ben Gebrauch seines Bewegungsnervs durch den meisterlich siche­ren Stich eingebüßt hatte, wurde in das Lehm­gefäß gestopft. Neue Beute kam hinzu. Spinne auf Spinne, Schichten lebenden Wildbrets. Jetzt war der Zylinder bis zur Hälfte oollgespeichert: bie stählerne Jägerin oerroanbelte sich in eine sorgsame Mutter. Sie legte ein Ei, indem sie bas kostbare unb grausame Vermächtnis ben letzten Spinnen an die Brüste preßte, von denen einst sich die junge Wespen-Nymphe nähren sollte. Den unheimlichen Tonkrug, die Wiege des künftigen Geschlechts, füllte nun die Fliegerin, bie ihre Jagd wieder ausge­nommen hatte, bis oben hin. Die kleinen, grauen Tiere, darunter sich manche überrumpelte Weg- und Grasspinne befand, wurden bis zum Rand bes Bauwerks aufgestapelt. Regungslos lagen sie im Rohrengefängnis.

Und wie man eine Konservenbüchse für die Frischhaltung mit einem Deckel luftdicht verschließt, so machte es auch die Wespe, eine gute Wirtschafte­rin und Mutter. Sie schwang sich durch bie Lüfte und brachte aus der Lehmgrube roieber Kugeln. Mit kriegerischem Gesang kitttzte sie ben gefügigen Stoff dicht an den Rand ber Oeffnung, strich ihn aus und schloß die Brut- und Konservenbüchse. Da­mit fertig, musterte sie zum guten Ende das Ge­bäude von allen Seiten, kroch auf ihm herum, stupfte ben Kopf gegen die Zellenmauer, unb die Flügel schwirrten gläsern ein befriebigtes Wespen- Schlußwort.

Dann erhob sich bie kunstreiche Baumeisterin. Sie entschwebte^ mit goldglänzenden Schwingen und lang hängenden Beinen. Ins' Blau zog sie fort: zu neuen Taten, vielleicht auch in den Tod.

3m Kamps gegen die Eisberge.

Von Heinrich Schulz.

Die Leitung ber Internationalen Eis- bergwacht im Norbatlantik, an der auch bas Deutsche Reich beteiligt ist, hat ben zuständigen amerikanischen Behörden oorgeschlagen, auf bem Kap Dyer bes Baffinlanbes eine Eisbergkon- trollftation einzurichten. Die Zahl ber Eis­berge, bie in das Gebiet ber Neufundlandbänke einbrmge und dort die Nordatlantikschiffahrt be­drohe, schwanke jährlich zwischen 10 und rund 1100. Der Dienst ber Eisbergwacht werbe burch diese Er­scheinung sehr erschwert. Die Eisberge, bie von Grönland kommen, nehmen ihren Weg an Kap Dyer vorbei. Eirr Beobachter könnte hier bie jähr­lich stark veränderliche Eisbergbrift feststellen unb seine Wahrnehmungen rechtzeitig ber' Eisbergwacht übermitteln. Sie wäre bann in ber Lage, ihre Tätigkeit bementsprechenb einzurichten unb die G e - fahr, welche die Eisberge für die Schiffahrt bedeuten, erfolgreich zu bannen. Die Regierung ber Vereinigten Staaten hat jetzt bie Prüfung dieses Vorschlages versprochen unb bie Errichtung einer solchen Beobachtungsstation auf Kap Dyer be- jahenben Falls zugesagt.

Die Geburtsstätte ber Eisberge im Norbdtlantik ist vor allem die Westküste Grönlands. Dort, wo bie großen Eisströme aus dem Innern ©rönlanbs sich ins Meer schieben, von biesem unterspült wor­ben, abbrechen unb als mächtige Eisklötze vom La- braborftrom durch die Davisstraße nach Süden ge­tragen werden. Besonders im Frühsommer gehen bie Eisberge in großer Zahl auf Wanberschaft. An­fang Dezember erreichen sie bann Kyp Chidley, die Nordspitze Labradors und erst im Frühjahr bes

nächsten Jahres bas Gebiet ber Neufundlandbänke. (Eigenartig aber ist, daß die Zahl ber Eis­berge, bie bis zu ben Neufunblandbänken Vor­bringen, jährlich sehr schwankt. Es gibt Jahre, in benen nur zehn, breißig ober fünfzig Eisberge ge­zählt werben; dann kommen aber wieder Jahre, in denen 400, 700 ober gar 1100 Eisberge in das Gebiet ber Transatlantikschiffahrtswege ernbringen. Man hat diese Erscheinung schon mehrfach zu er­forschen versucht. Es konnte aber bis jetzt keine alles enträtselnde Erklärung hierfür gegeben werden. Wahrscheinlich ist, daß bie jährlich wechselnde Eis- bergbrift mit bem Wettergeschehen, d. h. mit der jährlich wechselnden Lage ber Zyklonen unb Anti­zyklonen über der Westküste von Grönlanb wäh­rend des jeweils vorhergehenden Sommers zu- sammenhängt.

Der Internationale Eisbergwachtbienst würbe sei­nerzeit nach berTitani c"- Katastrophe auf Vorschlag ber Vereinigten Staaten burch alle an ber Norbatlantikschistahrt beteiligten Nationen ge­gründet. Er ist ber amerikanischen Regierung unter­stellt und wirb vom amerikanischen Küstenschutz burchgeführt. Drei technisch vorbildlich ausgerüstete Hochseeschiffe stehen ständig für diesen Dienst be­reit. Ihr Betätigungsfeld ist vor allem bas Gebiet ber Neusunblandbänke. Jeder hier einbringende Eis­berg wirb beobachtet, verfolgt unb gegebenenfalls vernichtet. Mit allen bas Gebiet kreuzenden Schif­fen setzt sich ber Eisbergwachtbienst täglich zweimal in Verbindung unb gibt ihnen bie Lage unb bie Drift ber gesichteten Eisberge -bekannt. Der Dienst auf ben Wachtschiffen ist schwer, gefährlich unb ver­antwortungsvoll, seine Ausübung aber für die Schiffahrt von höchster Bebeutung. Der Dienst könnte wesentlich erleichtert unb ber Gefahr viel besser begegnet werben, wenn bereits vorher bie Zahl ber zu erwartenden (Eisberge bekannt wäre.

Der ßabraborftrom ist ber Zubringer ber Eis­berge. Er führt als am Kap Dyer auf Baffinland vorbei. Vom Kap Dyer bis zum 45. Breitengrad benötigt ein Eisberg ungefähr fünf Monate. Ein Beobachter auf biesem Kap konnte also wertvolle Dienste für bie Vorhersage ber Häufigkeit und Große ber zu erroartenben Eisberge leisten. Di» zu errichtenbe Beobachtungsstation auf biesem Kap soll neben ihrer eigentlichen Aufgabe vor allem auch als Wetterbeobachtungsstation .bienen. Auch sollen hier hybrographische unb ozeanographische Un­tersuchungen burchgeführt werden. Das Baffinlanb, die größte Insel des amerikanisch-aftktifchen Archi­pels, im Innern noch unerforscht und nur von we­nigen Eskimos bewohnt, ist bekannt als Stütz- unb Ausgangspunkt ber unzähligen Expeditionen zur Erreichung des Nordpols.'

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