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Nr. H2 Erstes Blatt

188. Zahrgang

Dienstag, 21. Zuni 1938

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Jamaika.

23Mi unserem G. T. Korrespondenten.

London, Juni 1938.

Nach den blutigen Aufständen Ende vorigen Monats ist in Jamaika und den anderen Inseln Brittsch-Westtndiens wieder verhältnismäßige Ruhe eingekehrt, und die englische Presse verzeichnet mit hörbarem Aufatmen die Tatsache, daß die meisten schwarzen Untertanen an ihre Arbeitsplätze zurück­gekehrt seien. Ein genauer Ueberblick über die Lage ist auch jetzt noch unmöglich, denn die Blätter haben von jeher nur kümmerliche Meldungen über die Entwicklung m diesem Winkel des Weltreiches ver­öffentlicht. Sie würden es zweifellos am liebsten sehen, wenn es überhaupt kein Kabel zwischen Lon­don und Kingston gäbe. Diese Zurückhaltung ergibt sich allerdings nicht aus der Furcht, daß von West­indien aus das englische Weltreich aus den Angeln gehoben werden könnte. Trotzdem Westindien das Aschenputtel unter Englands Kolonien ist, wird es doch eine der letzten sein, die England verliert, wenn sein Weltreich einmal zusammenbrechen sollte.

Wenn aber auch die Kolonie nicht ein wunder Punkt des Weltreiches ist, so ist sie doch der wunde Punkt in der Legende der einzig­artigen kolonialen Begabung, mit der England sich umgibt. In keiner Kolonie der wei­ßen Mächte herrschen Zustände, wie sie heute noch auf Jamaika und den anderen Inseln bestehen. Auf diese Zustände haben die Unruhen wieder einmal ein grelles Licht geworfen. Sie sind daher keine rein englische Angelegenheit, sondern ein Beitrag zu der Kolonialgeschichte und weiter auch ein Beitrag zu der Ueberheblichkeit jener Behaup­tungen, mit denen Deutschland in Versailles Recht und Befähigung zu jeder kolonialen Betätigung abgesprochen wurde. Wer die kurze koloniale Vor­kriegsgeschichte Deutschlands kennt, weiß auch, daß dort in ein paar Jahrzehnten auf jedem Gebiet mehr aufgebaut wurde, als die Engländer in Jahr­hunderten auf Jamaika, Barbados und Trinidad geschaffen haben.

Seit nahezu dreihundert Jahren sitzt England auf den westindischen Inseln, die es Mitte des 17. Jahr­hunderts von den Spaniern eroberte und im Frie­den von Madrid (1670) endgültig zugesprochen er­hielt. Wenn die Engländer wirklich die großen Kolo­nisatoren wären, die zu sein sie vorgeben, hätten sie in diesen dreihundert Jahren die Inseln zum Garten ihres Weltreiches machen können. Statt dessen werden heute die wichtig st en Nah­rungsmittel, wie Milch, Butter und Fleisch, nach den westindischen Inseln eingeführt. Statt dessen leiden Menschen Hunger undEeben in dürf­tigen Hütten oder Höhlen, die selbst nach englischem Zeugnis eine Schande für das englische Weltreich darstellen. Es mag sein, daß die periodischen Auf­stände auf den westtndischen Inseln bis zu einem gewissen Maße durch ausländische kommunistische Hetze angefacht sind. Aber selbst die konservativsten englischen Blätter können nicht mehr leugnen, daß englischer Ausbeutergeist und englische Planlosigkeit den Nährboden für diese Hetze geschaffen haben.

Dabei waren die Voraussetzungen für eine ver­nunftgemäße Kolonisation der westindischen Inseln sehr viel günstiger, als in anderen Kolonialgebieten. Dort gab es oft feindselige Stämme, die das Auf­bauwerk verhinderten, und selbst wenn die Bewoh­ner nicht feindselig eingestellt waren, blieben ihre Sitten und Gebräuche zumeist ein Hemmschuh für die Entwicklung. Mit all diesen Schwierigkeiten hatten die Engländer in Westindien nicht zu rechnen. Die Ureinwohner der Inseln waren von den Spa­niern völlig ausgerottet worden. Die Engländer konnten von neuem beginnen mit den paradiesisch schönen und unendlich fruchtbaren Inseln im blauen Karibischen Meer. Sie begannen mit Zuckerrohr­plantagen, für deren Bebauung Sklaven aus Afrika eingeführt wurden. Durch Jahr­hunderte hindurch blieb Zuckerrohr der wichtigste Ausfuhrartikel, während dasschwarze Elfenbein" auf der Einfuhrseite an erster Stelle stand. Vor genau hundert Jahren wurden die Sklavenbc> freit", und hiermit begann auch schon die Zeit der Unruhen. Wie so oft in seiner Geschichte hatte England mit seinerBefreiung" nur eine große Geste gemacht und es dann unterlassen, die Folgerungen zu ziehen, ohne die jede Geste in der Luft hängen bleibt. > Esbefreite" seine Sklaven, aber es tat nichts, um den Befreiten eine wirtschaft­liche Grundlage und einen erträglichen Lebens­standard zu geben. Diebefreiten" Sklaven kamen aus der Hölle in das Fegfeuer.

' Bis dahin war es den Sklaven verhältnismäßig gut gegangen, denn ihre Eigentümer hatten ein nahe­liegendes Interesse an der Erhaltung der Arbeits­kraft und, bis zu einem gewissen Grade, auch an ihrer Arbeitsfreudigkeit. Nun aber kümmerte sich niemand mehr um sie; sie wurden a u s S k l a v e n zuLohnsklaven und genossen lediglich die Frei­heit, mit ihttn Familien für einen kärglichen Tage­lohn auf den Plantagen zu arbeiten und zu ver­hungern, wenn es keine Arbeit gab. Land zum An­bau ihrer eigenen Nahrungsmittel gab es nicht. Sie konnten b e t t e l n g e h e n , und sie gehen auch noch heute betteln. In keiner Stadt der Welt gibt es so viele Bettler, wie in dem tropischen Kingston, wo Tausende von Familien von der Urgroßmutter bis zum Urenkel von der Bettelei leben. Jeder Tou­rist in Kingston und den übrigen Häfen Westindiens, wird auf Schritt und Tritt von Dutzenden schwarzer Bettler verfolgt. Die Sklavenmentalität der Schwar­zen ist geblieben, und auch die Herrenmentalität der Engländer. Das sind die Wurzeln der Zustände auf Jamaika. Wenn die Engländer den Schwarten Sied­lungsland und eine den Verhältnissen angemessene Sozialgesetzgebung gewährt hätten, wäre manches

Das Dritte Reich der Deutschen.

Der Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Lammers, eröffnet die erste Sitzung der neuen Verwaltungsakademie in Wien.

Wien, 20. Juni. (DNB.) Unter großer Anteil­nahme der österreichischen Beamtenschaft eröffnete Reichsminister und Chef der Reichskanzlei Dr. Lammers die Verwaltungsakademie in Wien mit einem Vortrag überDie Staatsführung im Dritten Reich". Staatsidee und Volksidee in sich vereinend, so erklärte Minister Lammers, sei das Wort vom Dritten Reich der Deutschen auch von tiefer staatsrechtlicher Bedeutung und vielleicht zum ersten Male die richtige Bezeichnung für den deutschen Staat. Das Ideal, das in dem WortR e i ch" liege, dem das Sehnen bester und größter deutscher Männer, Seher und Dichter ge­golten Hube, sei durch das Kriegs- und Fronterleb­nis, aus dem heraus der Nationalsozialismus ge­boren wurde, zu neuem und tieferem Leben erweckt worden. Nachdem der BegriffReich" durch die Heimkehr der alten deutschen Ostmark Erfüllung gefunden habe, sei es an der Zeit, sich von den Meinungsverschiedenheiten über Bedeutung und Reichweite des BegriffesS t a a t" frei zu machen. Man könne daran denken, hinfort mit dem Wort Staat" nur den der Partei zweifellos nebengeord­neten Aem'ter- und Behördenapparat zu benennen, für die Bezeichnung des Ganzen, der unlösbaren politischen Einheit von Partei und Staat aber das WortR e i ch" zu wählen. Damit findet das ProblemStaat und Partei" seine Lö­sung.

Zum Schluß seines Vortrages sprach der Mini­ster davon, daß das Verfassungsrecht des Dritten Reiches seit dem 30. Januar 1933 im Wer­den begriffen sei, sich biologischen Gesetzen folgend, entwickelte, zum Teil gesetzliche Gestalt gewonnen habe, zum Teil als Gewohnheitsrecht in Geltung sei. Wann der Zeitpunkt für die abschließende Ge­staltung der Verfassung des Dritten Reiches in einem zusammenhängenden Reichsgrundgesetz gekommen fein werde, fei noch nicht abzufehen; dar­über habe dereinst allein der Führer zu be­stimmen. Sein Wille und Befehl find im Dritten Reich die einzige Quelle allen Rechtes.

Reichsstatthalter Dr. Seyß-Jnquart sprach an­schließend über, das ThemaPraktische Probleme des Anschlusses für Recht und Wirtschaft in Oester­reich". Die Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Deutschen Reich hat neben den großen politischen Folgen der Bereinigung aud) eine Reihe wirtschaft­licher Fragen aufgerollt, vor allem die Anpassung der österreichischen Wirtschaft an die deutsche Groß­wirtschaft, die Arisierung der österreichischen Wirt­schaft und den Einsatz der Wirtschaft in den Dienst des Vierjahresplanes. Die Besonderheiten der Lage lassen zuerst die zweite Frage der Arisierung im Vordergrund erscheinen, da wir hier mit einer außerordentlichen Ueberjudung zu rechnen haben. Die politische Forderung geht nach eiper radika­len, raschen Lösung, und es muß dieser For­derung auch Erfüllung gegeben werden. Im Zuge der Arisierung müssen sowohl fachlich geeignete als auch politisch in Ordnung befindliche Leute zur wirtschaftlichen Betätigung herangezogen werden. Neben der entsprechenden Menschenauslese ist die Zurverfügungstellung der Uebernahmekapitalien eine der Hauptsorgen aller jener Stellen, die sich mit der Arisierung zu befassen haben.

Staatssekretär Dr. Stuck art vom Reichsmmi- sterium des Innern betonte, daß es sich bei der Eingliederung um die Vereinigung zweier hoch ent­wickelter Rechtssysteme handele. Die Vereinheitli­chung könne nicht darin bestehen, daß österreichisches Recht durch die Einführung von Reichsrecht ersetzt werde. Vielmehr müsse oftmals neues groß- deutf es Reichsrecht geschaffen werden, in welchem das Wertvolle des österreichischen Rechtes und des Rechts des Altreiches Eingang findet. Die wichtigste' Voraussetzung für die Durchführung der Wiedervereinigung im Raume der Verwaltung fei das Funktionieren der Behörden. Zu diesem Zweck müsse das Berufsbeamttentum schnellstens von fremdrassigen und politisch unzuver­lässigen Elementen gesäubert werden, der Be­amtenapparat müsse Zu einer Einheit umgeskaltet werden.

5 Zähre nationalsozialistische Regierung in Danzig

Cin Faktor der Ordnung und Verständigung.

Danzig, 20. Juni. (DNB.) Aus Anlaß des fünfjährigen Bestehens der nationalsozialistischen Regierung in Danzig fand eine Sitzung des Volks­tages statt, vor dem Senatspräsident Greiser eine Regierungserklärung abgab. Er erwähnte u. a. die Arbeitsbeschaffung, die Wohnungsfürsorge, die Schaffung produktiver Wirtschaftseinrichtungen, den Ausbau des Flughafens, die Hausinstandfetzu/ig, die Gesundung der Sozialversicherung, die Neu- und Umbauten am Staatstheater und die umfangreichen Erneuerungsarbeiten an der St. Marienkirche, dem Wahrzeichen Danzigs. Von den 40 000 Arbeitslosen im Jahre 1933 sei nur noch ein Rest von 2000 übriggeblieben. Die Danziger Werften und die In­dustrie seien voll beschäftigt. Danzig besitze zwei moderne Seeschlepper und eine eigene He­ringsflotte. Die Verschuldung der Danziger Land­wirtschaft, die 1933 mit über 100 Millionen Gulden völlig zerrüttet gewesen sei, fei zum Still­stand gebracht worden. Für die Bauernhöfe habe sich das Erbhofgesetz segensreich ausgewirkt. Die Einfuhr polnischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse sei «durch ein besonderes Abkommen reguliert wor­den. Die Eheschließungen seien durch Ehe­standsdarlehen von 1,6 Millionen Gulden gefördert worden. Eine staatliche Akademie für prak­tische M e d i z i n sei gegründet und ein staatliches oertrauensärztliches Institut ist eingerichtet worden.

Auf schulischem Gebiet erwähnte der Senatsprä­sident in erster Linie die Hochschule für Leh­rerbildung und die Sportplätze 'unb Turnhal­len. Die polnische Minderheit habe die ihr zukom­menden Rechte erhalten. Es beständen acht Schulen polnischer Unterrichtssprache mit rund 1000 Schü­lern. Wegen Rückgangs der Schülerzahl hätten

allerdings einige Klassen abgebaut werden müssen. Aus der Justiz sei eine Volksjustiz im schönsten Sinne des Wortes geworden. Danzigs Polizei und Beamtenschaft feien zu absolut positiven Trägern der Volksgemeinschaft geworden. Aus diesem Anlaß habe der Danziger Senat zum heutigen Feiertage ein besonderes Danziger Treudienst- Ehrenzeichen und eine besondere Danziger Polizei-Dienstauszeichnüng geschaffen.

Der Senatspräsident kam dann auf das Ver­hältnis Danzig-Polen zu sprechen. Nie­mals wäre die Freundschaft zweier 'Völker und das fteundfchaftliche Verhältnis zweier Staaten wie Danzig und Polen möglich gewesen, wenn nicht zwei Fr o n t s o l d a t e n sich zu Staatsmännern Europas aufgeschwungen und die Voraussetzung für diese normalen und guten Beziehungen geschaf­fen hätten.Danzig und Polen, die zwar kulturell verschiedenartig, wirtschaftlich aber aufeinander an­gewiesen sind, dienen am besten dem Frieden der Welt und der Entfaltung unserer wirtschaftlichen Kräfte, indem wir die bewährte Verständigungs­politik trotz aller Widerstände und bisweilen auch trotz mancher Widerwärtigkeiten fortsetzen und da­mit weiterhin der Welt beweisen, daß es in der Freien Stadt Danzig wirklich gar kein Pulver mehr gibt, das man entzünden könnte. Abschließend stellte der Senatspräsident fest, daß Danzig zu einem Faktor der Ordnung geworden ist und sich in seiner heutigen Gestalt mit der Betonung seiner Liebe und unwandelbaren Treue zum deutschen Mutterlande anerkannt sieht von allen, die in der Welt guten Willens sind, den Frieden zum Sögen der Menschheit zu erhalten.

anders gekommen; denn die Neger sind geduldige und bedürfnislose Menschen, mit denen andere Ko­lonisatoren sehr viel hätten anfangen können. Aber dazu gehören Geduld und eine Politik auf weite Sicht.

Als dem Zuckerrohr in der Zuckerrübe ein ge­fährlicher Gegner erwuchs, brachte die Banane den westtndischen Inseln einen gewissen Ausgleich. Bananen sind heute der Hauptausfuhrartikel Ja­maikas. Auf der Asphaltinsel Trinidad gewann man daneben auch Oel. Versuche, Kaffee, Drangen und andere Südfrüchte auf den westindischen Inseln anzubauen, waren erfolgreich, denn auf diesen Inseln wächst alles, blieben aber doch regelmäßig in den Anfängen stecken; denn derartige Versuche nehmen viel Zeit in Anspruch, und Zeit ist Geld. Bananen und Oel brachten schnelleren Gewinn, zu­mal man ja in den Schwarzen billige und zumeist willige Arbeitskräfte hatte, lieber die Art und Weife, in der diese schwarzen Arbeitskräfte unter­gebracht und verpflegt werden, gibt es einen eng­lischen Bericht, der einen der schaurigsten Beiträge zu dem KapitelBehandlung der Eingeborenen" barstellt. Um die Dividenden der Bananenpflan- zungen und Oelgesellschaften so hoch wie möglich zu halten, wurden die Schwarzen jämmerlich unter- aebracht; dazu in einer Weise bezahlt, die selbst die Vertreter Englands alsunzulänglich" bezeichneten.

An diesen Zuständen soll nunmehr im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse etwas geändert wer­den. Ansätze dazu hat es schon früher gegeben, aber sie sind stets im Sande verlaufen. Alle diese Dinge widersprechen dem System, nach dem die Inseln verwaltet werden. Wahrscheinlich werden die Mai- Unruhen nicht die letzten gewesen fein, und nicht die vorletzten. Solange die Dinge nicht grundsätzlich und grundlegend umgestellt werden, wird sich in Westindien kaum viel ändern. Es ist noch nicht sehr lange her, daß die periodischen Aufstände auf Ja­maika in Blut erstickt wurden. Dieses Mal ist Eng­land verhältnismäßig milde vorgegangen mit Rück­sicht auf die Weltmeinung, und auch'mit Rücksicht auf die heimische Öffentlichkeit. Nichtsdestoweniger muß die ganze Entwicklung den Derantroorthdjen Stellen doch einiges Kopfzerbrechen machen, zumal die Zustände auf Jamaika in anderen Teilen des Weltreiches eine Parallele finden. Auf den Fid­schi-Inseln im Pazifischen Ozean sind die Zu­stände denen auf Jamaika zum mindesten ähnlich. Weder die 1,5 Millionen Neger der westindischen Inseln, noch die 190 000 Fidschi-Insulaner empfin­den die englische Herrschaft als eine Segnung des Himmels. Die Zustände auf den westindischen In­seln sind vielleicht ein besonders krasser Fall, sie bleiben jedoch symptomatisch für die englische Ko- lonialpolitik in den Tropen.

Die neue Legende.

Während die Prager Systemkrise noch immer von einer Bereinigung weit entfernt ist, arbeitet die antideutsche Hetze unentwegt, um jede vernünftige und fortschrittliche Regelung der Nationalitäten­probleme jenes Staates zu erschweren. Darüber hinaus aber auch die ganze europäische Lage er­neut zu verwirren. Man kann in diesen Tagen kaum eine Zeitung derdemokratischen Friedens­mächte" aufschlagen, ohne nicht immer wieder auf die gleiche grobe Lüge und Irreführung zu stoßen. Auf eine kurze Formel gebracht, lautet sie: zum ersten Male habe sich jetzt in der tschechischen Frage das Prinzip der kollektiven 'Sicher­heit bewährt. Ohne formell und tatsächlich ange­wendet zu werden, habe es doch schonpräventiv", als eine. Warnung an Deutschland einen sichtbaren Erfolg davongetragen, die deutschen Angriffsabfichten auf die Tschechoslowakei in Schach gehalten und damit seinen großen praktischen Wert für die Erhaltung des Friedens erwiesen.

Es liegt auf der Hand, daß mit-öerartigen stän­dig wiederholten Behauptungen ein doppelter Zweck verfolgt wird. Auf der einen. Seite soll mit dieser Verfälschung der tschechischen Frage von den wah­ren Ursachen der bestehenden Spannungen ab­gelenkt und statt dessen das Reich als der eigent­liche Herd der Schwierigkeiten hingestellt werden. Man will die Notwendigkeit einer radikalen Neu­ordnung der staatlichen und nationalitätenpolitischen Verhältnisse in der Tschechoslowakei verschleiern, in­dem man an der Legende von einem verhinderten deutschen Gewaltstreich festhält. Darüber hinaus aber will man die klare Linie der deutschen Frie­denspolitik verwischen und das Reich moralisch vor aller Welt biffaniieren.

Das ist die eine Seite dieses Hetzfeldzuges, Hand in Hand damit geht die leicht zu durchschauende Ab­sicht, mit Hilfe dieser Kampagne Stimmung für die kollektive Sicherheit und die kollektive getarnte Bündnispolitik zu machen, um diese allen, brüchig gewordenen Ladenhüter der internationalen Politik unter einem antideutschen Vorzeichen nie­der aufzuwerten. Auf diese Weise hofft man die immer stärkere Hinwendung der mittleren und klei­neren Staaten zu,einer Politik aufhalten zu können, die sich an dem Gedanken der Neutralität ausrichtet und außerhalb der kollektiven Gefahrenzonen ein ungleich höheres Maß von Sicherheit für den eige­nen Bestand zu finden versteht. Vor allem in Frankreich, wo man den Glauben an eine Wieder­geburt des Kollektivismus womit ja auch die Fassade der eigenen Bündnispolitik steht und fällt noch immer nicht aufgeben will, verursacht diese Bewegung zunehmende Sorge. Ist sie doch um so peinlicher, als sie gerade von jenen Staaten getra­gen wird, die einst den größten Idealismus für die Genfer Liga aufbrachten und ihre ergebensten Mit­glieder waren.

In der Tat hat die Flucht aus der Kollektivität, die einem Mißtrauensvotum gegen die franzöfisch- sowjetrusfische Politik gleichkommt, gerade in der letzten Zeit wieder beachtliche Fortschritte gemacht. Den Anfang machte der Westen Eüropas. Zunächst Belgien, als es sich im vergangenen Jahr feine Unabhängigkeit garantieren ließ, während Hol­land "nicht so weit ging, .aber doch jede Ver­pflichtung aus dem Sanktionsartt^el der Liga ein­schließlich desDurchmarschrechtes" ablehnt. Es folgte die Schweiz, die von der letzten Genfer Tagung die Anerkennung ihrer uneingeschränkten Neutralität mit nach Haus nehmen konnte. Und eben jetzt stellen französische Zeitungen mit allen Zeichen des Mißvergnügens fest, daß derSchrei nach Neutralität" auch in O st - und Nordost­europa laut und deutlich erschallt. Die kürzlichen Reisen des polnischen Außenministers Beck nach Schweden und Lettland, der. Besuch des lettischen Außenministers M unters in Helsingfors und Stockholm, die Annäherungsbestrebungen zwischen den nordischen und den baltischen Staaten all diese diplomatische Aktivität hat ja in der Tat die gleiche, jeweils mehr oder minder stark ausge­prägte Tendenz: außerhalb und unabhängig von der kompromittierten Kollektivität auf der Grund­lage nachbarlicher Verständigung und eigenständiger Politik sich eine Position zu schaffen, die jeder Ge­fahr der Verwicklung in raumfrembe Spannungen unb Konflikte vorbeugt. Am weitesten in biefer Zone Europas vorgeschritten sind die nordischen Staaten, die vor kurzem ein neues Neutralitäts- statut unterzeichnet haben, nach welchem sie sich aus allen etwaigen Konflikten anderer Staaten her= aushalten und strikte Neutralität wahren wollen. Zwar versucht die französische Presse in merk­würdiger Verkennung der wahren Ursachen all dieser Bewegungen auch hier von einerReaktion auf die deutsche Gefahr" zu sprechen. Aber es liegt auf der Hand, daß es sich hier, wie so oft bei der französischen Politik, um Wunschgebikde handelt und um einen Mangel an Realitätssinn.

Tatsächlich handelt es sich im Westen wie im Osten um eine Abkehr von jenen, kollektiven Phan­tomen, die sich je länger je mehr als unfruchtbar, ja als gefährlich und schlimmstem Mißbrauch aus­gesetzt erwiesen haben. Darum auch die ständigen Bemühungen der französischen Presse, diesesDeser- tteren" als eine politische Torheit hinzystellen, weil angeblich der Kollektivismus seine Schutzkraft gegen­über der Tschechoslowakei doch eben so schlagend bewiesen habe. Mit solchen Parolen das Rad' der Entwicklung aufhalten zu wollen, erscheint wenig aussichtsreich. Damit ist nicht gesagt, daß sie keine störenden und verwirrenden Einflüsse auszuüben vermögen. Denn leider handelt es sich hier nicht bloß um die Hetze notorischer Kriegstreiber und internationaler Brunnenvergifter. Auch das poli­tische Denken und Handeln amtlicher Kreise der Westmächte bewegt sich, mit Unterschieden in der