Nr. H2 Erstes Blatt
188. Zahrgang
Dienstag, 21. Zuni 1938
krichrmr rüg ltch. außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustriert» Gießener Familien blätter Heimat im Bild Die Scholle Monatr-Vezugspreis:
Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte e 1.80 Zustellgebühr , -.25 Auch bet Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Zernfprechanfchlüfie
unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach» richten Anzeiger Sieben
Postscheckkonto:
granffuri am Main 11686
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühlsche Universitatrdruckerei R. Lange in Siehen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8ft,Uhr des Dormittags
Grundpreise für l mm Höhe
für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Nps., für Textanzeigen von 70mm Breite 50 Rpf.,Platzvorschrift nach vorh Dereinbg. 25°/0 mehr.
Lrmähigte Grundpreise:
Stellen-, Dereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen, Bäder., Unterrichts- u. behördliche Anzeigen6Rpf. Mengenabschlüsse StaffelÜ
Jamaika.
23Mi unserem G. T. Korrespondenten.
London, Juni 1938.
Nach den blutigen Aufständen Ende vorigen Monats ist in Jamaika und den anderen Inseln Brittsch-Westtndiens wieder verhältnismäßige Ruhe eingekehrt, und die englische Presse verzeichnet mit hörbarem Aufatmen die Tatsache, daß die meisten schwarzen Untertanen an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt seien. Ein genauer Ueberblick über die Lage ist auch jetzt noch unmöglich, denn die Blätter haben von jeher nur kümmerliche Meldungen über die Entwicklung m diesem Winkel des Weltreiches veröffentlicht. Sie würden es zweifellos am liebsten sehen, wenn es überhaupt kein Kabel zwischen London und Kingston gäbe. Diese Zurückhaltung ergibt sich allerdings nicht aus der Furcht, daß von Westindien aus das englische Weltreich aus den Angeln gehoben werden könnte. Trotzdem Westindien das Aschenputtel unter Englands Kolonien ist, wird es doch eine der letzten sein, die England verliert, wenn sein Weltreich einmal zusammenbrechen sollte.
Wenn aber auch die Kolonie nicht ein wunder Punkt des Weltreiches ist, so ist sie doch der wunde Punkt in der Legende der einzigartigen kolonialen Begabung, mit der England sich umgibt. In keiner Kolonie der weißen Mächte herrschen Zustände, wie sie heute noch auf Jamaika und den anderen Inseln bestehen. Auf diese Zustände haben die Unruhen wieder einmal ein grelles Licht geworfen. Sie sind daher keine rein englische Angelegenheit, sondern ein Beitrag zu der Kolonialgeschichte und weiter auch ein Beitrag zu der Ueberheblichkeit jener Behauptungen, mit denen Deutschland in Versailles Recht und Befähigung zu jeder kolonialen Betätigung abgesprochen wurde. Wer die kurze koloniale Vorkriegsgeschichte Deutschlands kennt, weiß auch, daß dort in ein paar Jahrzehnten auf jedem Gebiet mehr aufgebaut wurde, als die Engländer in Jahrhunderten auf Jamaika, Barbados und Trinidad geschaffen haben.
Seit nahezu dreihundert Jahren sitzt England auf den westindischen Inseln, die es Mitte des 17. Jahrhunderts von den Spaniern eroberte und im Frieden von Madrid (1670) endgültig zugesprochen erhielt. Wenn die Engländer wirklich die großen Kolonisatoren wären, die zu sein sie vorgeben, hätten sie in diesen dreihundert Jahren die Inseln zum Garten ihres Weltreiches machen können. Statt dessen werden heute die wichtig st en Nahrungsmittel, wie Milch, Butter und Fleisch, nach den westindischen Inseln eingeführt. Statt dessen leiden Menschen Hunger undEeben in dürftigen Hütten oder Höhlen, die selbst nach englischem Zeugnis eine Schande für das englische Weltreich darstellen. Es mag sein, daß die periodischen Aufstände auf den westtndischen Inseln bis zu einem gewissen Maße durch ausländische kommunistische Hetze angefacht sind. Aber selbst die konservativsten englischen Blätter können nicht mehr leugnen, daß englischer Ausbeutergeist und englische Planlosigkeit den Nährboden für diese Hetze geschaffen haben.
Dabei waren die Voraussetzungen für eine vernunftgemäße Kolonisation der westindischen Inseln sehr viel günstiger, als in anderen Kolonialgebieten. Dort gab es oft feindselige Stämme, die das Aufbauwerk verhinderten, und selbst wenn die Bewohner nicht feindselig eingestellt waren, blieben ihre Sitten und Gebräuche zumeist ein Hemmschuh für die Entwicklung. Mit all diesen Schwierigkeiten hatten die Engländer in Westindien nicht zu rechnen. Die Ureinwohner der Inseln waren von den Spaniern völlig ausgerottet worden. Die Engländer konnten von neuem beginnen mit den paradiesisch schönen und unendlich fruchtbaren Inseln im blauen Karibischen Meer. Sie begannen mit Zuckerrohrplantagen, für deren Bebauung Sklaven aus Afrika eingeführt wurden. Durch Jahrhunderte hindurch blieb Zuckerrohr der wichtigste Ausfuhrartikel, während das „schwarze Elfenbein" auf der Einfuhrseite an erster Stelle stand. Vor genau hundert Jahren wurden die Sklaven „bc> freit", und hiermit begann auch schon die Zeit der Unruhen. Wie so oft in seiner Geschichte hatte England mit seiner „Befreiung" nur eine große Geste gemacht und es dann unterlassen, die Folgerungen zu ziehen, ohne die jede Geste in der Luft hängen bleibt. > Es „befreite" seine Sklaven, aber es tat nichts, um den Befreiten eine wirtschaftliche Grundlage und einen erträglichen Lebensstandard zu geben. Die „befreiten" Sklaven kamen aus der Hölle in das Fegfeuer.
' Bis dahin war es den Sklaven verhältnismäßig gut gegangen, denn ihre Eigentümer hatten ein naheliegendes Interesse an der Erhaltung der Arbeitskraft und, bis zu einem gewissen Grade, auch an ihrer Arbeitsfreudigkeit. Nun aber kümmerte sich niemand mehr um sie; sie wurden a u s S k l a v e n zuLohnsklaven und genossen lediglich die Freiheit, mit ihttn Familien für einen kärglichen Tagelohn auf den Plantagen zu arbeiten und zu verhungern, wenn es keine Arbeit gab. Land zum Anbau ihrer eigenen Nahrungsmittel gab es nicht. Sie konnten b e t t e l n g e h e n , und sie gehen auch noch heute betteln. In keiner Stadt der Welt gibt es so viele Bettler, wie in dem tropischen Kingston, wo Tausende von Familien von der Urgroßmutter bis zum Urenkel von der Bettelei leben. Jeder Tourist in Kingston und den übrigen Häfen Westindiens, wird auf Schritt und Tritt von Dutzenden schwarzer Bettler verfolgt. Die Sklavenmentalität der Schwarzen ist geblieben, und auch die Herrenmentalität der Engländer. Das sind die Wurzeln der Zustände auf Jamaika. Wenn die Engländer den Schwarten Siedlungsland und eine den Verhältnissen angemessene Sozialgesetzgebung gewährt hätten, wäre manches
Das Dritte Reich der Deutschen.
Der Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Lammers, eröffnet die erste Sitzung der neuen Verwaltungsakademie in Wien.
Wien, 20. Juni. (DNB.) Unter großer Anteilnahme der österreichischen Beamtenschaft eröffnete Reichsminister und Chef der Reichskanzlei Dr. Lammers die Verwaltungsakademie in Wien mit einem Vortrag über „Die Staatsführung im Dritten Reich". Staatsidee und Volksidee in sich vereinend, so erklärte Minister Lammers, sei das Wort vom Dritten Reich der Deutschen auch von tiefer staatsrechtlicher Bedeutung und vielleicht zum ersten Male die richtige Bezeichnung für den deutschen Staat. Das Ideal, das in dem Wort „R e i ch" liege, dem das Sehnen bester und größter deutscher Männer, Seher und Dichter gegolten Hube, sei durch das Kriegs- und Fronterlebnis, aus dem heraus der Nationalsozialismus geboren wurde, zu neuem und tieferem Leben erweckt worden. Nachdem der Begriff „Reich" durch die Heimkehr der alten deutschen Ostmark Erfüllung gefunden habe, sei es an der Zeit, sich von den Meinungsverschiedenheiten über Bedeutung und Reichweite des Begriffes „S t a a t" frei zu machen. Man könne daran denken, hinfort mit dem Wort „Staat" nur den der Partei zweifellos nebengeordneten Aem'ter- und Behördenapparat zu benennen, für die Bezeichnung des Ganzen, der unlösbaren politischen Einheit von Partei und Staat aber das Wort „R e i ch" zu wählen. Damit findet das Problem „Staat und Partei" seine Lösung.
Zum Schluß seines Vortrages sprach der Minister davon, daß das Verfassungsrecht des Dritten Reiches seit dem 30. Januar 1933 im Werden begriffen sei, sich biologischen Gesetzen folgend, entwickelte, zum Teil gesetzliche Gestalt gewonnen habe, zum Teil als Gewohnheitsrecht in Geltung sei. Wann der Zeitpunkt für die abschließende Gestaltung der Verfassung des Dritten Reiches in einem zusammenhängenden Reichsgrundgesetz gekommen fein werde, fei noch nicht abzufehen; darüber habe dereinst allein der Führer zu bestimmen. Sein Wille und Befehl find im Dritten Reich die einzige Quelle allen Rechtes.
Reichsstatthalter Dr. Seyß-Jnquart sprach anschließend über, das Thema „Praktische Probleme des Anschlusses für Recht und Wirtschaft in Oesterreich". Die Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Deutschen Reich hat neben den großen politischen Folgen der Bereinigung aud) eine Reihe wirtschaftlicher Fragen aufgerollt, vor allem die Anpassung der österreichischen Wirtschaft an die deutsche Großwirtschaft, die Arisierung der österreichischen Wirtschaft und den Einsatz der Wirtschaft in den Dienst des Vierjahresplanes. Die Besonderheiten der Lage lassen zuerst die zweite Frage der Arisierung im Vordergrund erscheinen, da wir hier mit einer außerordentlichen Ueberjudung zu rechnen haben. Die politische Forderung geht nach eiper radikalen, raschen Lösung, und es muß dieser Forderung auch Erfüllung gegeben werden. Im Zuge der Arisierung müssen sowohl fachlich geeignete als auch politisch in Ordnung befindliche Leute zur wirtschaftlichen Betätigung herangezogen werden. Neben der entsprechenden Menschenauslese ist die Zurverfügungstellung der Uebernahmekapitalien eine der Hauptsorgen aller jener Stellen, die sich mit der Arisierung zu befassen haben.
Staatssekretär Dr. Stuck art vom Reichsmmi- sterium des Innern betonte, daß es sich bei der Eingliederung um die Vereinigung zweier hoch entwickelter Rechtssysteme handele. Die Vereinheitlichung könne nicht darin bestehen, daß österreichisches Recht durch die Einführung von Reichsrecht ersetzt werde. Vielmehr müsse oftmals neues groß- deutf es Reichsrecht geschaffen werden, in welchem das Wertvolle des österreichischen Rechtes und des Rechts des Altreiches Eingang findet. Die wichtigste' Voraussetzung für die Durchführung der Wiedervereinigung im Raume der Verwaltung fei das Funktionieren der Behörden. Zu diesem Zweck müsse das Berufsbeamttentum schnellstens von fremdrassigen und politisch unzuverlässigen Elementen gesäubert werden, der Beamtenapparat müsse Zu einer Einheit umgeskaltet werden.
5 Zähre nationalsozialistische Regierung in Danzig
Cin Faktor der Ordnung und Verständigung.
Danzig, 20. Juni. (DNB.) Aus Anlaß des fünfjährigen Bestehens der nationalsozialistischen Regierung in Danzig fand eine Sitzung des Volkstages statt, vor dem Senatspräsident Greiser eine Regierungserklärung abgab. Er erwähnte u. a. die Arbeitsbeschaffung, die Wohnungsfürsorge, die Schaffung produktiver Wirtschaftseinrichtungen, den Ausbau des Flughafens, die Hausinstandfetzu/ig, die Gesundung der Sozialversicherung, die Neu- und Umbauten am Staatstheater und die umfangreichen Erneuerungsarbeiten an der St. Marienkirche, dem Wahrzeichen Danzigs. Von den 40 000 Arbeitslosen im Jahre 1933 sei nur noch ein Rest von 2000 übriggeblieben. Die Danziger Werften und die Industrie seien voll beschäftigt. Danzig besitze zwei moderne Seeschlepper und eine eigene Heringsflotte. Die Verschuldung der Danziger Landwirtschaft, die 1933 mit über 100 Millionen Gulden völlig zerrüttet gewesen sei, fei zum Stillstand gebracht worden. Für die Bauernhöfe habe sich das Erbhofgesetz segensreich ausgewirkt. Die Einfuhr polnischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse sei «durch ein besonderes Abkommen reguliert worden. Die Eheschließungen seien durch Ehestandsdarlehen von 1,6 Millionen Gulden gefördert worden. Eine staatliche Akademie für praktische M e d i z i n sei gegründet und ein staatliches oertrauensärztliches Institut ist eingerichtet worden.
Auf schulischem Gebiet erwähnte der Senatspräsident in erster Linie die Hochschule für Lehrerbildung und die Sportplätze 'unb Turnhallen. Die polnische Minderheit habe die ihr zukommenden Rechte erhalten. Es beständen acht Schulen polnischer Unterrichtssprache mit rund 1000 Schülern. Wegen Rückgangs der Schülerzahl hätten
allerdings einige Klassen abgebaut werden müssen. Aus der Justiz sei eine Volksjustiz im schönsten Sinne des Wortes geworden. Danzigs Polizei und Beamtenschaft feien zu absolut positiven Trägern der Volksgemeinschaft geworden. Aus diesem Anlaß habe der Danziger Senat zum heutigen Feiertage ein besonderes Danziger Treudienst- Ehrenzeichen und eine besondere Danziger Polizei-Dienstauszeichnüng geschaffen.
Der Senatspräsident kam dann auf das Verhältnis Danzig-Polen zu sprechen. Niemals wäre die Freundschaft zweier 'Völker und das fteundfchaftliche Verhältnis zweier Staaten wie Danzig und Polen möglich gewesen, wenn nicht zwei Fr o n t s o l d a t e n sich zu Staatsmännern Europas aufgeschwungen und die Voraussetzung für diese normalen und guten Beziehungen geschaffen hätten. „Danzig und Polen, die zwar kulturell verschiedenartig, wirtschaftlich aber aufeinander angewiesen sind, dienen am besten dem Frieden der Welt und der Entfaltung unserer wirtschaftlichen Kräfte, indem wir die bewährte Verständigungspolitik trotz aller Widerstände und bisweilen auch trotz mancher Widerwärtigkeiten fortsetzen und damit weiterhin der Welt beweisen, daß es in der Freien Stadt Danzig wirklich gar kein Pulver mehr gibt, das man entzünden könnte. Abschließend stellte der Senatspräsident fest, daß Danzig zu einem Faktor der Ordnung geworden ist und sich in seiner heutigen Gestalt mit der Betonung seiner Liebe und unwandelbaren Treue zum deutschen Mutterlande anerkannt sieht von allen, die in der Welt guten Willens sind, den Frieden zum Sögen der Menschheit zu erhalten.
anders gekommen; denn die Neger sind geduldige und bedürfnislose Menschen, mit denen andere Kolonisatoren sehr viel hätten anfangen können. Aber dazu gehören Geduld und eine Politik auf weite Sicht.
Als dem Zuckerrohr in der Zuckerrübe ein gefährlicher Gegner erwuchs, brachte die Banane den westtndischen Inseln einen gewissen Ausgleich. Bananen sind heute der Hauptausfuhrartikel Jamaikas. Auf der Asphaltinsel Trinidad gewann man daneben auch Oel. Versuche, Kaffee, Drangen und andere Südfrüchte auf den westindischen Inseln anzubauen, waren erfolgreich, denn auf diesen Inseln wächst alles, blieben aber doch regelmäßig in den Anfängen stecken; denn derartige Versuche nehmen viel Zeit in Anspruch, und Zeit ist Geld. Bananen und Oel brachten schnelleren Gewinn, zumal man ja in den Schwarzen billige und zumeist willige Arbeitskräfte hatte, lieber die Art und Weife, in der diese schwarzen Arbeitskräfte untergebracht und verpflegt werden, gibt es einen englischen Bericht, der einen der schaurigsten Beiträge zu dem Kapitel „Behandlung der Eingeborenen" barstellt. Um die Dividenden der Bananenpflan- zungen und Oelgesellschaften so hoch wie möglich zu halten, wurden die Schwarzen jämmerlich unter- aebracht; dazu in einer Weise bezahlt, die selbst die Vertreter Englands als „unzulänglich" bezeichneten.
An diesen Zuständen soll nunmehr im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse etwas geändert werden. Ansätze dazu hat es schon früher gegeben, aber sie sind stets im Sande verlaufen. Alle diese Dinge widersprechen dem System, nach dem die Inseln verwaltet werden. Wahrscheinlich werden die Mai- Unruhen nicht die letzten gewesen fein, und nicht die vorletzten. Solange die Dinge nicht grundsätzlich und grundlegend umgestellt werden, wird sich in Westindien kaum viel ändern. Es ist noch nicht sehr lange her, daß die periodischen Aufstände auf Jamaika in Blut erstickt wurden. Dieses Mal ist England verhältnismäßig milde vorgegangen mit Rücksicht auf die Weltmeinung, und auch'mit Rücksicht auf die heimische Öffentlichkeit. Nichtsdestoweniger muß die ganze Entwicklung den Derantroorthdjen Stellen doch einiges Kopfzerbrechen machen, zumal die Zustände auf Jamaika in anderen Teilen des Weltreiches eine Parallele finden. Auf den Fidschi-Inseln im Pazifischen Ozean sind die Zustände denen auf Jamaika zum mindesten ähnlich. Weder die 1,5 Millionen Neger der westindischen Inseln, noch die 190 000 Fidschi-Insulaner empfinden die englische Herrschaft als eine Segnung des Himmels. Die Zustände auf den westindischen Inseln sind vielleicht ein besonders krasser Fall, sie bleiben jedoch symptomatisch für die englische Ko- lonialpolitik in den Tropen.
Die neue Legende.
Während die Prager Systemkrise noch immer von einer Bereinigung weit entfernt ist, arbeitet die antideutsche Hetze unentwegt, um jede vernünftige und fortschrittliche Regelung der Nationalitätenprobleme jenes Staates zu erschweren. Darüber hinaus aber auch die ganze europäische Lage erneut zu verwirren. Man kann in diesen Tagen kaum eine Zeitung der „demokratischen Friedensmächte" aufschlagen, ohne nicht immer wieder auf die gleiche grobe Lüge und Irreführung zu stoßen. Auf eine kurze Formel gebracht, lautet sie: zum ersten Male habe sich jetzt in der tschechischen Frage das Prinzip der kollektiven 'Sicherheit bewährt. Ohne formell und tatsächlich angewendet zu werden, habe es doch schon „präventiv", als eine. Warnung an Deutschland einen sichtbaren Erfolg davongetragen, die deutschen Angriffsabfichten auf die Tschechoslowakei in Schach gehalten und damit seinen großen praktischen Wert für die Erhaltung des Friedens erwiesen.
Es liegt auf der Hand, daß mit-öerartigen ständig wiederholten Behauptungen ein doppelter Zweck verfolgt wird. Auf der einen. Seite soll mit dieser Verfälschung der tschechischen Frage von den wahren Ursachen der bestehenden Spannungen abgelenkt und statt dessen das Reich als der eigentliche Herd der Schwierigkeiten hingestellt werden. Man will die Notwendigkeit einer radikalen Neuordnung der staatlichen und nationalitätenpolitischen Verhältnisse in der Tschechoslowakei verschleiern, indem man an der Legende von einem verhinderten deutschen Gewaltstreich festhält. Darüber hinaus aber will man die klare Linie der deutschen Friedenspolitik verwischen und das Reich moralisch vor aller Welt biffaniieren.
Das ist die eine Seite dieses Hetzfeldzuges, Hand in Hand damit geht die leicht zu durchschauende Absicht, mit Hilfe dieser Kampagne Stimmung für die kollektive Sicherheit und die kollektive getarnte Bündnispolitik zu machen, um diese allen, brüchig gewordenen Ladenhüter der internationalen Politik unter einem antideutschen Vorzeichen nieder aufzuwerten. Auf diese Weise hofft man die immer stärkere Hinwendung der mittleren und kleineren Staaten zu,einer Politik aufhalten zu können, die sich an dem Gedanken der Neutralität ausrichtet und außerhalb der kollektiven Gefahrenzonen ein ungleich höheres Maß von Sicherheit für den eigenen Bestand zu finden versteht. Vor allem in Frankreich, wo man den Glauben an eine Wiedergeburt des Kollektivismus — womit ja auch die Fassade der eigenen Bündnispolitik steht und fällt — noch immer nicht aufgeben will, verursacht diese Bewegung zunehmende Sorge. Ist sie doch um so peinlicher, als sie gerade von jenen Staaten getragen wird, die einst den größten Idealismus für die Genfer Liga aufbrachten und ihre ergebensten Mitglieder waren.
In der Tat hat die Flucht aus der Kollektivität, die einem Mißtrauensvotum gegen die franzöfisch- sowjetrusfische Politik gleichkommt, gerade in der letzten Zeit wieder beachtliche Fortschritte gemacht. Den Anfang machte der Westen Eüropas. Zunächst Belgien, als es sich im vergangenen Jahr feine Unabhängigkeit garantieren ließ, während Holland "nicht so weit ging, .aber doch jede Verpflichtung aus dem Sanktionsartt^el der Liga einschließlich des „Durchmarschrechtes" ablehnt. Es folgte die Schweiz, die von der letzten Genfer Tagung die Anerkennung ihrer uneingeschränkten Neutralität mit nach Haus nehmen konnte. Und eben jetzt stellen französische Zeitungen mit allen Zeichen des Mißvergnügens fest, daß der „Schrei nach Neutralität" auch in O st - und Nordosteuropa laut und deutlich erschallt. Die kürzlichen Reisen des polnischen Außenministers Beck nach Schweden und Lettland, der. Besuch des lettischen Außenministers M unters in Helsingfors und Stockholm, die Annäherungsbestrebungen zwischen den nordischen und den baltischen Staaten — all diese diplomatische Aktivität hat ja in der Tat die gleiche, jeweils mehr oder minder stark ausgeprägte Tendenz: außerhalb und unabhängig von der kompromittierten Kollektivität auf der Grundlage nachbarlicher Verständigung und eigenständiger Politik sich eine Position zu schaffen, die jeder Gefahr der Verwicklung in raumfrembe Spannungen unb Konflikte vorbeugt. Am weitesten in biefer Zone Europas vorgeschritten sind die nordischen Staaten, die vor kurzem ein neues Neutralitäts- statut unterzeichnet haben, nach welchem sie sich aus allen etwaigen Konflikten anderer Staaten her= aushalten und strikte Neutralität wahren wollen. Zwar versucht die französische Presse in merkwürdiger Verkennung der wahren Ursachen all dieser Bewegungen auch hier von einer „Reaktion auf die deutsche Gefahr" zu sprechen. Aber es liegt auf der Hand, daß es sich hier, wie so oft bei der französischen Politik, um Wunschgebikde handelt und um einen Mangel an Realitätssinn.
Tatsächlich handelt es sich im Westen wie im Osten um eine Abkehr von jenen, kollektiven Phantomen, die sich je länger je mehr als unfruchtbar, ja als gefährlich und schlimmstem Mißbrauch ausgesetzt erwiesen haben. Darum auch die ständigen Bemühungen der französischen Presse, dieses „Deser- tteren" als eine politische Torheit hinzystellen, weil angeblich der Kollektivismus seine Schutzkraft gegenüber der Tschechoslowakei doch eben so schlagend bewiesen habe. Mit solchen Parolen das Rad' der Entwicklung aufhalten zu wollen, erscheint wenig aussichtsreich. Damit ist nicht gesagt, daß sie keine störenden und verwirrenden Einflüsse auszuüben vermögen. Denn leider handelt es sich hier nicht bloß um die Hetze notorischer Kriegstreiber und internationaler Brunnenvergifter. Auch das politische Denken und Handeln amtlicher Kreise der Westmächte bewegt sich, mit Unterschieden in der


