Ausgabe 
20.8.1938
 
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Arbeiterlager schön und behaglich!

Betreuung durch die Deutsche Arbeitsfront.

Feierabend. Zeitungen find in allen Lagern vorhanden und werden eifrig studiert.

Die Belebung der deutschen Wirtschaft in den vergangenen fünf Jahren hat es mit sich gebracht, daß mancher neue Weg gegangen werden mutzte. So ergab sich unter anderen durch die vielen Groß- baustellen im Reich das Arbeiterlager^ Es hat in den vergangenen Jahren schon so viel Form gewonnen, datz es an großen Baustellen zur Selbst­verständlichkeit wurde. Ja, diese Läger, auch in Oberhessen, insbesondere an der Reichsautobahn, gehören zum Bild unserer Zeit. Wieviel Kraft bleibt dem Arbeiter erspart, der sonst weite Reisen seiner Arbeitsstelle machen mutzte! Wie sehr wird in der engen Lagergemeinschaft dazu beigetragen, die Verbundenheit der Volksgenossen untereinander zu vertiefen!

Gegenwärtig sind vier solcher Arbeiterlager in unserer engeren Heimat anzutreffen: das Lager Großen-Buseck in schönster landschaftlicher Lage mit dem Ausblick aus die Höhen des Dogeisberges, dann das Lager Winnerod inmitten des Waldes idyllisch gelegen, und ein neues Lager bei Lumda' Ein weiteres Lager besteht beim Flug­hafen Gießen.

gruppe Bau in den La- . gern vor, unterhält sich mit dem Lagerleiter, mit dem Koch und vor allem mit den Arbeitskamera­den, die im Lager ihr zu Haufe hoben. Manche Stunde fitzt er bei ihnen im Kreis, unterhält sich mit ihnen, trinkt auch einmal in ihrer Gemein­schaft einen Schoppen, gehört fast mit dazu, und weiß bald um alle Nöte und Sorgen Bescheid. Er erfährt, was gefällt und was nicht gefällt und wenn es notwendig ist, wird im Benehmen mit dem Lagerleiter abgestellt, was der Abstellung be­darf.

Arbeitsfront, Lagerlei­tung, Baufirma u. OBK. (Oberste Bauleitung für Kraftfahrbahnen) wirken zusammen, um den Ar­beitern in den Lagern den

Aufenthalt, fern der Familie, so angenehm wie möglich zu gestalten. Und wenn man sich in einem solchen Lager einmal umsieht, dann merkt man schon, daß es sich dort aushalten läßt. (Ja, mancher der Arbeiter wird zugeben müssen, daß er es zu Hause nicht immer so gut hatte, was Un­terbringung, Essen, Unterhaltung usw. anbetrifft.) Das Leben in einem solchen Lager ist reichlich un­beschwert. Es kommt kaum einer in Versuchung Unsinn zu machen, der ihm irgendwie teuer zu stehen kommen könnte, es wird nicht zuviel getrun­ken (weil die Kantine um 20.30 Uhr geschlossen wird), und so mancher spart dabei Geld, weil ja die Lebenshaltung im Lager billig ist. Da hörten wir, daß manche Kameraden ihr Geld auf die Spar­kasse nach Großen-Buseck bringen (gleich nach dem Empfang, damit man nicht erst in Versuchung kommt, etwas auszugeben), andere lassen es sich vom Lagerleiter aufheben, außerdem hebt an Frei­tagen ein lebhaftes Schreiben von Zahlkarten an, denn die Lieben zu Hause sind auf den Verdienst des Gatten und Vaters angewiesen. Die Ledigen können sich etwas sparen, wenn sie wollen.

Wohl sind diese Lager in sich geschlossene Ge­meinschaften, mit eigener Verwaltung, mit eigenen Verantwortlichkeiten immerhin aber hat es die Deutsche Arbeitsfront durch einen Sachbearbeiter übernommen, die Lager zu betreuen. Das geschieht in mancherlei Hinsicht. Immer wieder spricht der Kreisfachgruppenwalter Stein von der Fach­

Und dann das Essen! Begeistert erzählt uns ein Kamerad aus der Ostmark, wie ihm immer die Fischkoteletten und der Kartoffelsalat schmecken. Der Koch bestätigt, daß immer, wenn es Fisch gibt, eben jener Kamerad zwei- oder dreimal am Essen­schalter auftaucht, seine Schüssel voll faßt und ißt bis er kaum mehr kann. Anderestechen" den Fisch nicht so, aber ein­mal in der Woche gehört er eben zum Speisezettel. Außerdem gibt es alle Tage Fleisch! Heute Gu­lasch, morgen Schmorbra­ten, übermorgen Sauer­kraut mit Würstchen usw. Es läßt sich aushalten! Es ist ja auch klar, daß den Männern, die körper­lich schwer zu arbeiten haben, etwas Kraftvolles gegeben werden muß. Der Koch hat seinerseits den Ehrgeiz, daß er zwar mit dem Verpflegungssatz auskommt, aber doch et­was hinstellt, was ihm Ehre macht. Wäre dem nicht sv, so müßte er sich so im Vorbeigehen wohl manches sagen lassen.

Der Lagerleiter seiner­seits ist verantwortlich für alles, was im Lager

Ein Blick in die blitzsaubere Küche.

geschieht. Er sieht, daß überall Ordnung ge­halten bleibt, kein Streit entsteht und, was sehr wichtig ist, jedem Gerechtigkeit widerfährt. Mancher kommt um Rat in die Stube des Lager­leiters, kommt, wenn er in Urlaub fahren will und die verbilligte Fahrkarte braucht, er kommt, wenn er glaubt, daß in seiner Lerpflegungsabrechnung etwas nicht stimmt und meldet, wenn er sich einmal nicht ganz auf dem Posten fühlen sollte. Für jeden hat der Lagerleiter ein Ohr. Nur diejenigen, die sich der Lagergemeinschaft nicht einfügen wollen, werden so behandelt, wie sie es verdienen, sofern ihnen nicht schon die Kameraden der gleichen Stube den rechten Weg gewiesen haben sollten.

Selbstverständlich ist auch für die Unterhaltung alles getan, was getan werden kann. In jedem Lager besteht eine Bücherei. Die Deutsche Arbeits­front gibt dem Lagerleiter gute und zeitgemäße Literatur an die Hand. Auch sind immer mehrere Zeitungen da, die eifrig gelesen werden und von Hand zu Hand gehen. So bleibt jederim Bilde", auch wenn er in der Abgeschiedenheit des Lagers den Ereignissen nicht nahe sein kann. Ein vorzüg­liches Rundfunkgerät sorgt außerdem für Unter­haltung.

Wer sich einer gemäßigten Leibesübung hin­geben will, kann im großen Saal Tischtennis spie­len, wer aber einen Wald- oder Geländelauf machen will, dem wird auch nichts in den Weg gelegt. Bei

Bei der Bücherausgabe.

einigen der Lager ist vielleicht der Sportplatz in der Nähe und was z. B. das Lager Großen- Buseck anbetrifft so nahmen viele der dortigen Insassen Gelegenheit, das schöne Schwimmbad in Großen-Buseck zu besuchen. Der Sonntag sicht dann die meisten Kameraden auf den Bänken in den Gartenanlagen, die insbesondere in den Lagern Winnerod und Großen-Buseck ganz prächtig hcran- gewachsen sind und dabei wird in kleiner Runde gern ein ausdauernder Skat gespielt. So läßt sich also manche Stunde der Freizeit gut ausfüllen. Don Zeit zu Zeit schaltet sich die NS.-Gemeinschaft Kraft durch Freude" ein, veranstaltet bunte Abende, mit Gesang, Tanz, kraftvollem Humor, für die befähigte Künstler aufgerufen werden.

So fanden in der vergangenen Woche Bunte Abende in Winnerod und in Großen-Buseck statt, wobei es viel zu lachen gab, denn neben Liedern, Akkordion-Musik und Moritaten gab es manchen Witz zu hören, der an Klarheit und Kraft nichts zu wünschen übrig ließ.

Einen netten Ton haben die österreichischen Ka­meraden in die Lager gebracht. Ihre Mundart ge­fällt allen und. es ist kaum einer, der es nicht ver­suchte (mehr oder weniger glücklich)- den Wienern. Steiermärkern und Kärntnern ihre Mundart nach­zuahmen. Die Oesterreicher lächeln darüber und lassen sich nicht viel merken, denn sie wissen, daß sie auch nicht auf einmal so sprechen können, wie jene aus der Wetterau oder aus Frankfurt. Uebri- gens, mit den Salzkartoffeln, die es zu mancher Mahlzeit gibt, finden sie sich noch nicht so ganz ab. Knödel gibt es selten, weil sie ja für die große Lagergemeinde zu viel Arbeit machen würden. Und gerade Knödel würden sie alle so gerne essen!

Interessant ist, daß jedes Lager neben den Ba­rackenwärtern, die zur ständigen Besatzung des Lagers gehören, auch einen Nachtwächter hat. Zwar ruft er nicht die Stunden aus, wie in derguten

Der Lagerleiter probiert das ausgezeichnete Essen.

alten . Zeit", zwar ist er nicht mit Hellebarde und Laterne ausgerüstet ein wichtiger Mann mit un­mittelbar praktischen Funktionen ist er aber doch. Ist es doch so, daß viele der Arbeitskameraden zu unterschiedlicher Zeit zur Arbeitsstelle müssen, daß ihre Arbeitszeit von Mitternacht bis morgens, oder vom Nachmittag bis Mitternacht liegt und sich nicht jeder in der Schlafstube seinen eigenen Wecker mit­bringen kann. So meldet also jeder, der zu außer- gewohylicher Zeit aufstehen mutz, dem Nachtwächter, wann er geweckt fein will und der Nachtwächter rüttelt ihn dann zur gegebenen Zeit und ohne daß die anderen schlafenden Kameraden etwas merken freundschaftlich wach. So geht der Nachtwächter von Haus zu Haus und erfüllt feine Pflicht.

*

Es dauert nun nicht mehr lange, dann werden die Lager Großen-Buseck und Winnerod aufgelöst. Schon mußten beide Lager Kameraden an das neue Lager Lumda abgeben, weil sich das weiße Band der Reichsautobahn immer weiter nordöstlich zieht. Das Lager Holzheim, das noch bis vor einiger Zeit bestand, ist schon nicht mehr da. Es hat seinen Zweck erfüllt. Von den beiden Lagern in unserer nächsten Nähe aus, müssen die Arbeiter schon mit Omnibussen an ihre Arbeitsstellen gebracht werden, aber der Weg ist für das Kraftfahrzeug doch nicht weit. Wenn die Lager weiterrücken, dann werden sich auch für einige Zeit die Omnibusse wieder er­übrigen. Die Lagergemeinschaften aber werden be­stehen bleiben, bis das große Werk der Autobahn

in

Der Kreisfachabteilungsleiter der DAF. Stein unterrichtet sich über die Lagerbelegschaft.

(Aufnahmen [6J: Neuner, Gießener Anzeiger.)

oder manches andere Aufbauwerk vollendet ist. Und wenn die eine Bauaufgabe gelöst ist, dann werden sich wieder andere finden und überall da, wo Brücken, Straßen, Hallen usw. gebaut werden, wird man dann jene langgestrecken niedrigen Häuser fin­den, die rasch auf- und abgeschlagen sind und im­mer wieder für Monate, für Jahre, Menschen ber­gen, die in engen Lagergemeinschaften zusammen­wachsen und Mitarbeiten an Werken, die in die deutsche Zukunft ragen werden als Zeugnisse einer großen Zeit. N.

Zwei hinter Gisela. 1

(

Roman von Hans Hirthammer.

Urheberrechtschutz Verlag Oskar Meister, Werdau/Sa.

30. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Meine liebe Gisela Mertens!

Als ich die Nachricht von Angelikas Tod erhielt, verdichteten sich meine Absichten zum festen Ent­schluß. Wer sonst als ihr Kind hätte ein größeres Anrecht auf Lauterbrunn, auf diesen Besitz, auf die­ses Haus, das nach ihren Plänen entstanden ist und in dessen Räumen sie hatte leben wollen.

Wir haben uns geliebt, Angelika und ich, wie nur zwei junge Menschen sich lieben können. In welch glühenden Bildern haben wir von unserem gemeinsamen Leben geträumt, von Lauterbrunn, zu dessen schon damals geplantem Umbau sie so viele schöne und kluge Anregungen gab.

Das Schicksal hatte es anders bestimmt. Kvnrad Mertens kam aus Berlin und wußte Angelikas El­tern an sich zu fesseln. Er bot ein gesichertes Dasein in der großen Stadt, Vergnügungen, rauschende Feste, Bequemlichkeit. Angelika war jung, lebens­hungrig, schön und ich war schließlich bloß ein Bauer. Der andere war jünger als ich, sein Lachen, fein sieggewohntes Auftreten ah, er war Dein Vater, und ich darf mir nicht das Recht anrnahen, über ihn zu urteilen. Auch Deine Mutter trifft feine Schuld, daß sie sich dem beherrschenden Willen der Eltern fügte, daß sie dem Einfluß des anderen unterlag.

Ich allein muß mich schuldig bekennen. Beleidigt, in meinem Stolz getroffen, habe ich das Feld ge­räumt, ohne Kampf. Vielleicht hat sie darauf ge­wartet, daß ich um sie kämpfen würde. Vielleicht hätte sie mir gehört, wenn ich's tat. Ich hätte wissen müssen, wie sehr sie mein Lauterbrunn liebte, den Garten vor dem Haus, die Waldwiese, den Berg­pfad zum Schloß hinauf. Ich hätte wissen müssen, daß ich ihr die Heimat nahm, indem ich sie preis­gab, daß ich sie schmählich verriet.

Wir sind uns nie begegnet.

Die Frau, die ich später nahm, um dem Guts­hof eine Herrin zu geben, war mir ihr Leben lang ein treuer Kamerad. Mit ihr und meinen beiden

Jungen wurde mir alles genommen. Das Schicksal hat mein Soll und Haben ausgeglichen.

Inzwischen wuchsest du heran, Gisela, Angelikas einziges Kind. Gisela, die Du den Namen meiner Mutter trägst. Wir hatten es vormals so besprochen, daß wir unser erstes Mädel Gisela nennen wollten. Und es war zutiefst erschütternd für mich, daß sie dieses Versprechen trotz allem gehalten hatte. Ich bat einen Geschäftsfreund, dem ich vertrauen durfte, Dich im Auge zu behalten. Wenn ich mir auch nicht das Recht anmaßte, Dich zu sehen, so war ich doch entschlossen, Dir einstmals zurückzugeben, was ich Deiner Mutter genommen hatte. Denn ich bin überzeugt, daß auch in Deinem Blut, wenngleich Dir selber vielleicht unbewußt, die Sehnsucht nach Lauterbrunn lebt, die Liebe zu der weiten, be­friedeten Landschaft, zu den Wäldern, zu der frucht­baren Erde.

So hat denn mein Leben doch einen Sinn ge­habt. Du wirst in das Haus einziehen, das dem Herzen Deiner Mutter teuer war. Du wirst darin leben und wirst darin ich wünsche es von ganzem Herzen einem jungen, frohen Geschlecht das Leben geben."

*

Gisela saß lange da, hielt diesen Brief in ihren Händen und blickte mit erschüttertem Herzen vor sich hin. ' '

Plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Ein Gefühl, das in gleicher Weise schmerzhaft und be­glückend war, durchströmte sie.

33.

Walter Radegast wartete, bis der letzte Reisende die Sperre durchschritten hatte. Gisela war nicht gekommen.

Er schob den Hut zurück und kratzte sich wütend den Kopf.Hol's der Teufel!" fluchte er.Sie hätte mir depeschieren können!"

Gr knallte die mitgebrachten Blumen in den nächsten Pavierkorb, nahm sich eine Zigarette und , schritt dem Ausgang zu.

Hallo Walter!"

Radegast wandte sich mit einem Ruck um und erkannte Gisela. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, der Schleier beschattete ihr junges Gesicht.

Gisela?Donnerwetter, wie du aussiehst! Direkt ! ehrfurchtgebietend! Bist du denn mit dem Zug ge- i kommen?"

Nein, eine Dame, die ich in Lauterbrunn kennenlernte, hat mich in ihrem Wagen mitge­nommen!"

Ach so? Na und? Hat es sich denn gelohnt? Ist was Ordentliches für dich dabei rausgesprungen?"

Gisela fühlte sich wie von etwas Häßlichem an­gerührt.Wie man es nimmt!" erwiderte sie gleich­gültig, während ihr Blick von der Seite her an ihrem Begleiter haftete. Und da glaubte sie etwas an ihm zu sehen, etwas Verstecktes, eine lauernde Gier.

Was soll das heißen?" rief er unbeherrscht. Drück dich doch bitte etwas deutlicher aus!" Aber sogleich besann er sich.Entschuldige, Gisela! Meine Aufregung, das vergebliche Warten auf dem Bahn­steig!"

Gisela lächelte nachsichtig.Ja, ich habe Lauter­brunn geerbt, das Haus, den ganzen Besitz und an die zehntausend Mark in barem Vermögen. Du siehst, der .Spaß' hat sich also gelohnt!"

Und das sagst du so gleichgültig? Gisela! Mädel!"

Ich habe auch viel dabei verloren!"

Verloren? Was denn nur um Himmels wil­len?"

Einen Menschen, dem ich um meiner Mutter willen hätte helfen mögen. Einen alten Mann, der mich sehr geliebt hat!" .

Ach so? Hm ja?" Walter Radegast wußte nicht, wie er sich dieser Eröffnung gegenüber verhalten sollte.Die Geschichte scheint dich ja gehörig mit­genommen zu haben!" sagte er mit gutmütigem Spott.Na komm, wir wollen essen gehen. Wenn du erst etwas Abstand von den Ereignissen gewon­nen hast, wirst du dich bloß noch an die Tatsache erinnern, daß du eine recht angenehme und erfreu­liche Erbschaft gemacht hast."

Da sie noch keine Antwort gab, verzog er ärger­lich das Gesicht und führte sie schweigend zu seinem Waacn

Gisela lehnte sich müde in die Polster zurück und spielte mit dem Verschluß ihrer Handtasche.

Radegast blickte sie verstohlen von der Seite an. Seine Äugen wanderten von den eleganten Schuhen über die Linie des Fußes, über die Umrisse des schlanken jungen Körpers zu ihrem Gesicht.

Radegast verstand nicht viel von der Köstlichkeit eines edlen Antlitzes, aber er sah doch, wie schön sie war, Gisela, und wie unerreichbar, selbst wenn

es ihm gelang, sie zur Frau zu gewinnen. Etwas wie Sck)merz wollte ihn übermannen, eine Sehn­sucht, deren Wesen er nur dunkel ahnte.

Dann saßen sie in einem Lokal am Wittenberg­platz, das wogen seiner guten Küche berühmt war.

Sie aßen schweigend. Hernach steckte sich Radegast nachdenklich eine Zigarette an. Er hatte sich wäh­rend des Essens entschlossen, den Halbheiten ein Ende zu machen. Oh, er war hellhörig genug, es war ihm nicht entgangen, daß sich ihr Wesen auf eine unangenehme und gefährliche Ärt verändert hatte. Sie drohte ihm zu entgleiten, jetzt, da es end­lich so weit war, daß er den Lohn einheimfen konnte.

Nun mußte alles gewagt, der letzte Trumps aus- gespielt werden. Wohl irrte er sich in vielen Din­gen des Lebens, feine Menschenkenntnis war nicht überragend, aber wie man Gisela Mertens nehmen mußte, das wußte er, das ahnte er mit sicherem Instinkt.

Er wartete noch, bis Gisela mit der Nachspeise fertig war.Tja!", meinte er dann, indem er seinen Teller beiseiteschob.Wir werden nun ernsthaft mit­einander reden müssen."

Seine Miene bekam etwas Förmliches.Du wirst einsehen, Gisela, daß diese Erbschaft den Charakter unserer Beziehungen entscheidend beeinflußt. Es ist damit der Fall eingetreten, Öen ich bereits gestern angebeutet habe. Und hm ich betrachte also unsere Verlobung als gelöst. So schmerzlich mir die Tatsache ist, dich verlieren zu müssen, so freue ich mich doch von ganzem Herzen, daß das Schick­sal dich so reich geschenkt hat. Ich beglückwünsche dich. Du hast es wie kein anderer Mensch verdient, daß das Leben sich nun von der sonnigen Seite dir darbietet. Mich brauchst du nun nicht mehr, und ich werd» versuchen, dich zu vergessen."

Gisela hatte mit unverhohlenem Staunen zu ge­hört Es war ihm also tatsächlich mit seiner Ab­sicht ernst? Und wieder, wie schon mehrmals an diesem Tag, kam sie zu der Erkenntnis, datz er trotz aller Derdachtsgründe nichts von dieser Erb- schait gewutzt haben konnte. Er hatte die Bekannt­schaft mit ihr angeknüpft, ohne ihren Namen zu kennen. Während sie sich diese unumstößlichen Tat­sachen wieder in Erinnerung rief, stieg ein Gefühl der Verbundenheit in ihr auf.

(Fortsetzung folgt!)