Hr.194 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
20./?l.Auguft 1938
Aus der Stadl Gießen.
Erstes welkes Blatt.
Du stehst wartend an der Haltestelle der Straßenbahn. Es ist ein ganz ruhiges und harmloses Warten, ohne hintergründige Gedanken oder großartige Ueberlegungen. Wie man eben wartet, wenn in der nächsten Minute die Elektrische kommen muß. Aber da fegt plötzlich ein leichter Windstoß los und wirbelt dir etwas ins Gesicht. Deine abwehrende Hand greift danach, es war weiter nichts. Nur ein welkes Blatt, von irgendeinem Baume geweht.
Ein welkes Blatt? Wahrhaftig, nicht mehr und nicht weniger. Nun liegt es vor dir auf dem Bürgersteig Ein Lindenblatt zweifellos, der braune Ueberrest eines ehemals grünen Lindenblattes. Und mit dieser Feststellung kommt dir plötzlich eine ganze Gedankenreihe. Was ist das? Sind wir schon im Herbst? Ist der Sommer bereits vergangen und nähern wir uns so rasch schon der unwirtlichen Jahreszeit? Hat nicht vor kurzem erst der richtige Sommer begonnen?
Das welke Blatt ist eine Tatsache, die sich nicht wegdeuten läßt. Und wie du genauer hinschaust, siehst du auch noch mehr solcher Blätter. Drüben der Baum am Straßenrand prangt keineswegs mehr im saftigen Grün und dein kritischer Blick entdeckt auch im Vorgarten nebenan allerlei Anzeichen für die schwindende Kraft des müde gewordenen Sommers.
Trotzdem: ein seidig blauer Himmel wölbt sich über der Stadt, und es ist immer noch sommerlich schön. Aber gerade deshalb kommt dir die Erkenntnis vom nahen Ende dieses Sommers einigermaßen überraschend. Es ist ein wenig Traurigkeit in dieser Erkenntnis, jene Traurigkeit, die uns erfüllt, wenn es Abschied nehmen gilt. Niemand nimmt gern Abschied von Dingen, die ihm lieb sind oder die ihn erfreuen. Und gehört der diesjährige Sommer mit seinen schönen sonnigen Tagen nicht auch zu diesen erfreulichen. Dingen?
Vorläufig hat ja zum Glück der Herbst noch nicht begonnen. Es dauert noch ein Weilchen, ehe das Unabänderliche eintritt und der Abgesang des Lebens auf der ganzen Linie vernehmlicher erklingt. Aber auch bann' nützt es nichts, zu jammern und zu klagen. In dem ewigen Wechsel allen Geschehens liegt ja erst der Reiz, der dieses Erdenleben immer aufs neue wieder erfüllt. Und indem dir dieser trostvolle Gedanke kommt, gleitet auch die Elektrische heran.
Mit einem Satz bist du oben: Gottseidank, hier sieht noch alles sommerlich aus. Die Fahrgäste tragen ihre hellen Kleider und unterhalten sich angeregt über ihre Ferienfreuden. Und hinter dir liegt jetzt auch jenes welke Blatt, das dich leise mahnend an die Vergänglichkeit aller Dinge erinnerte ...
H. W Sch.
80000 Arbeiter — jetzt nur noch 82 Arbeitslose.
Gehr erfreuliche Entwicklung des Arbeitseinsatzes in Oberhesten. — Unterredung m:t dem Leiter des Arbeitsamtes Gießen.
Ein st Mangel anArbeit — heute Ma n- g e l an Arbeitern. In diesen wenigen Worten ist der gewaltige Wandel der Dinge enthalten, den wir alle durch das Aufbaurberk unseres Führers seit 1933 und ganz besonders in den beiden letzten Jahren erleben durften. Der Arbeitseinsatz steht denn auch überall im Vordergründe der deutschen Erneuerung auf wirtschaftlichem Gebiet. Und besonders seit Beginn dieses Jahres ist die Nutzbarmachung aller arbeitsfähigen Kräfte noch stärker denn je in Erscheinung getreten. Eine Entwicklung, durch die der Begriff „Arbeitsmangel" noch mehr als vor einigen Jahren uns eine längst erledigte Angelegenheit geworden ist.
Um einen Ueberblick über den Arbeitseinsatz in unserer engeren Heimat, in Oberhessen, zu gewinnen, haben wir uns am gestrigen Freitag mit einigen Fragen an den Direktor des Arbeitsamtes Gießen, Oberregierungsrat Dr. L i ft, gewandt, dessen Amtsbezirk sich über ganz Oberhessen erstreckt. Hier das Ergebnis der Unterredung:
Die Anforderungen an den Arbeitseinsatz sind in den letzten Wochen weiterhin e r - heblich gestiegen. Die starke Beanspruchung ging weit über die Leistungsfähigkeit des Arbeitsamtes Gießen hinaus. Auch die genaueste Durchforschung der restlichen Bestände an Arbeitslosen hat zahlenmäßig keinen nennenswerten Erfolg mehr haben können.
Bei rund 80 000 Arbeilsbuchinhabern im Gießener Arbeitsamtsbezirk find nur noch 82 Mann statistisch arbeitslos vorhan- den. Bon diesen 82 Mann hat die überwiegende Mehrheit nur an einem Tage statistisch als arbeitslos gelebt, denn sofort kamen sie in Arbeit. Wie gering die Reserve an arbeitslosen Kräften ist, ergibt sich daraus, daß heute nur noch 4 Männer in Giehen Arbeitslosenunterstützung ausgezahlt erhalten, für diese 4 Männer aber schon das Verfahren zur Jnvalidenrentenzahlung eingeleitet ist.
Bei einer solchen Lage ist es natürlich unmöglich, den laufenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Dennoch muß alles darangesetzt werden, wenigstens die Arbeitsvorhaben durchzuführen, die staats- und wirt f ch aftspol i t ifch den größten Dringlichkeitsgrad haben. Es ist bekannt,
daß das Pflichtgesetz erlassen worden ist, das die vorhaben unter allen Umständen sichern, soll. Da die angespannte Lage im Arbeitseinsatz es nicht mläßt, den Kräftebedarf für diese Vorhaben aus Arbeitslosen-Reserven zu decken, sieht sich das Arbeitsamt zu Rückgriffen gezwungen auf bisher Beschäftigte in solchen Unternehmungen, die vom Standpunkt der Allgemeinheit aus gesehen einen weniger großen Dringlichkeitsgrad haben. Es ist selbstverständlich, daß solche Rückgriffe Härten mit sich bringen, sowohl für den Betrieb, als auch für den betroffenen Arbeiter iinb Angestellten. Erfreulicherweise sind aber bisher diese Härten überall mit außerordentlichem Verständnis für die überragende Bedeutung der durchzuführenden Maßnahmen hingenommen worden. Von der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung wird alles getan, um vermeidbare Härten gar nicht erst entstehen zu lassen. Für jeden Arbeiter und Angestellten ist sichergestellt, daß er in seiner neuen Stelle mindestens das Einkommen in seiner bisherigen Stelle, auf die Stundeneinheit berechnet, erhält, weiterhin Trennungsentschädigung gezahlt wird an Familienväter und an solche Ledige, die bisher' wesentlich zum Unterhalt der Familie beigetragen haben.
Das Arbeitsamt bleibt natürlich weiter bemüht, alle noch verwendungsfähigen Arbeitsenergien zu erschließen. Es appelliert daher vor allem auch an die Frauen, die ohne Beschäftigung find, Witwen, junge Mädchen, an die Pensionäre und Rentenempfänger, die noch arbeitsfähig sind, sich zur Verwendung ihrer Arbeitskraft, und wenn es auch nur für einige Stunden am Tage ist, im Interesse der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen und sich auf dem Arbeitsamt zu melden.
Die Zeit hat sich gegenüber 1933 ganz gewaltig geändert. Damals der Kampf gegen die Doppelverdiener, heute dagegen die Feststellung, daß sowohl alle Männer, als auch die Frauen verpflichtet sind, ihre Arbeitskraft, soweit sie noch drachliegt, in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Dos Arbeitsamt Gießen ist auf dem Hauptamt und auf allen Nebenstellen in den Landorten bemüht, asten in Betracht kommenden Männern und Frauen beim Einsatz ihrer Arbeitskraft nach bester Möglichkeit beratend und anregend zur Seite zu stehen. Zur
zweckmäßigen Beratung über den Ar- beitseins atz hat das Arbeitsamt Gießen eine Abendsprechstunde an jedem Mittwoch von 18 dis 20 Uhr eingerichtet In anerkennenswerter Weise stellen sich die hierfür in Betracht kommenden Beamten des Arbeitsamtes über ihre Dienstzeit hinaus freiwillig und ehrenamtlich in den Dienst der Sache. Diese Äbendsprechstunde auf den Arbetts- amts-Dienststellen hat den Zweck, allen Volksgenossen, die sich tagsüber an ihrer Arbeitsstätte nicht freimachen und die auch keinen Lohnausfall für versäumte Arbeitszeit tragen können, die Möglichkeit zu bieten, sich während ihrer Feierabend-Freizeit auf dem Arbeitsamt Rat und Auskunft zu holen. Dabei haben z. B. diejenigen Arbeiter, die bis jetzt noch berufsfremd beschäftigt werden, Gelegenheit,
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sich nach einer Veränderung ihres Arbeitseinsatzes entsprechend der erlernten Berufsarbeit zu erkundigen; wer aus dringlichen Gründen von feiner Arbeitsstelle ausscheiden und sich' anderswo sein Brot verdienen will, kann sich in dieser Sprechstunde ebenfalls sachdienliche Aufklärung und Beratung von dem zuständigen Fachvermitller geben lassen, sich auch als arbeitsuchend anmelden. Durch Berufspflichten tagsüber stark in Anspruch genommene Betriebsführer können mit ihren Anliegen natürlich auch in diesen Abendsprechstunden erscheinen. Vor einigen Monaten, als diese Einrichtung geschaffen wurde, war zunächst nur geringer Zuspruch in der Äbendsprechstunde. Allmählich ist sie aber doch recht besucht worden; sie wird in steigendem Maße in Anspruch genommen. Das Ergebnis dieser Einrichtung für den Arbeitseinsatz ist jetzt bereits außerordentlich befriedigend; u. a. ist es hierdurch schon gelungen, eine große Anzahl guter Fachkräfte zu gewinnen. >
Es wäre natürlich verkehrt, wenn ein gelernter Landarbeiter glauben würde, diese Sprechstunde habe für ihn den Sinn, ihn in eine ungelernte
Vornotizen
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Was tun, Sybille?" — Verein ehern. 116er, Gießen, 20.30 Uhr im Auerhahn, Sonnenstraße, Kameradschafts-Appell (Hauptversammlung).
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Was tun, Sybille?" — Heimatoereinigung Schiffenberg: 15.30 Uhr Schiffenberg, Jahreshauptversammlung.
Zur Wehrstammrolle melden'
Der Pvlizeidirektvr in Gießen veröffentlicht heute» eine Bekanntmachung über die Erfassung der Wehrpflichtigen des Geburtsjahrganges 1910 und der ehemaligen Offiziere und Wehrmachtsbeamten im Offiziersrang. Die Aufgerufenen haben sich m der Zeit vorn 22. bis 31. August bei der Polizeidirektion Gießen zur Eintragung in die Wehrstammrolle anzumelden. Alles Nähere ist aus der Bekanntmachung ersichtlich.
pw H
Links: Sonderberatung in schwierigen Fällen. Rechts: Beratung in der Abendsprechstunde des Arbeitsamtes. — (Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
,,D»e Gefechts-Skatspieler."
Von Korvettm-Kapitcin a O.
G G Irhr. v. Zorstner.
Wieder stand im Frühjahr 1905 der schwere Tag der Hauptgefechtsbesichtigung auf S. M. S. „Kaiser Karl der Große" bevor. Am 2. April sollte das große Ereignis stattfinden. Schon wochenlang hatte an Bord der eifrigste Dienstbetrieb»geherrscht — Kanonenschwoof ohne Ende. Jetzt aber standen die Geschütze eisern still, und die Geschoßaufzüge ratterten nicht mehr. Das Großreinemachen hatte begonnen, und das Malfest war in bestem Gange:
„Damit das Schiff hübsch frisch und grau
. „der Admiral sich dann beschau!"
Längsseit lag seit mehreren lagen, ein großer Werftprahm, in dem die berühmte „Liste A" — die Liste „der im Gefechtsfalle von Bord zu gebenden Gegenstände" verstaut wurde. Dieses waren Bilder, Vorhänge und allerlei sonstige entbehrliche brennbare Gegenstände. Wohlgefällig betrachtete der 1. Offizier am Nachmittag des 1. April fein schmuckes Schiff. Er konnte mit Ruhe dem großen Tag entgegensetzen. Alles war blitzsauber und blank an Bord. Die Mannschaft war beim letzten Messing- psttzen beschäftigt. Gleich sollte eine große Selbstreinigung Der Besatzung und „alle Mann Haarschneiden und Rasieren" die Vorbereitungen krönen. Kein' Fremder durfte mehr das Schiff betreten.
Doch was war das? Plötzlich legte ein Dampfboot am Bgckbord-Fallreep an. Ihm entstieg ein Bootsmannsmaat, gefolgt von acht Einjährig-Freiwilligen, mit Kleidersäcken, die sie auf das blendend weiße Deck neben sich stellten. — Da erscholl auch schon von weitem der laute Fluch des Oberbootsmanns: „Wollt ihr wohl die teerigen Kleidersäcke nicht auf mein eben gescheuertes Deck stellen! Anlüften! Anlüften .die Dingers!" Durch diesen Fluch aufgeschreckt, eilte der 1. Offizier herbei. Er hörte noch die Meldung des Bootsmannsmaaten an den wachhabenden Offizier: „Acht Einjährig-Freiwillige der 3. Kompanie I. Matrofendivifion an Bord S. M. S. Kaiser Karl der Große kommandiert." Bald war auch der herbeigerufene Wachtmeister zur Stelle. Nun wurde beratschlagt.
Der Oberbootsmann meinte: „Zu «morgen können wir die Leute unmöglich brauchen." Der 1. Offizier und Wachtmeister waren derselben Meinung. Letzterer meinte: „Mit die Leute können wir jetzt gar nichts anfangen, meine Rollenbücher und der Stärkerapport sind bereits fix und fertig abgeschlossen, und der Sanitätsmaat hat auch schon den Ge
sundheitszustand nach der Besatzungsstärke in Prozenten ausgerechnet. Das können wir unmöglich bloß wegen die acht Mann allens wieder umstoßen!"
Man war sich in dem hohen Rate also vollkommen darüber einig, daß man die Leute morgen nicht gebrauchen konnte. — Aber wo sollten sie bleiben?
Der begleitende Bootsmannsmaat weigerte sich, sie wieder mit zurückzunehmen. „Herr Kapitän, ich habe Befehl, die Leute abzuliefern, die Kasernen sind durch neue Rekruten wieder voll besetzt." — Da war also nichts gegen zu machen.
Der Oberbootsmann kam nun auf den schlauen Gedanken: „Dann können wir die Leute man ja am besten gleich mit die Liste A wieder von Bord geben, den Schleppdampfer habe ich schon längsseits gerufen!" — Hiergegen bestanden dann bloß wieder Schwierigkeiten in der Derpflegungsfrage, Unterbringung und Beauftichtigung. Deshalb schlug der Oberbootsmann weiter vor: „Wachtmeister, dann kannst Du sie man glejch in die Arrestzellen sperren." — Dagegen weigerte sich aber wieder der Wachtmeister: „Meine Zellen sind eben alle frisch gemalen, die will ich mir nicht wieder gleich versauen lassen. Aber der Oberbvvtsmann kann sie gut in ein Hellegat einschließen, da guckt der Flottenchef sicher nicht hinein!" — Natürlich protestierte hiergegen aber wieder der Oberbootsmann: „Mein Hellegat ist auch kein Dreckloch für sowas!"
Schließlich entschied der 1. Offizier aber doch im Sinne des Vorschlages des Wachtmeisters. Die acht Einjährigen sollten cklso während der Besichtigung in dem Bootsmanns-Hellegat, dem Aufbewahrungsraum für das seemännische Inventar eingeschlossen werden und sich dort mäuschenstill verhalten, bei strengem Rauchverbot.
Das Bootsmanns-Hellegat lag im Unterbau bes vorderen 24-Zentimeter-Geschützturmes. Auf gleicher Deckshöhe mit ihm standen unmittelbar daneben an Steuerbord und Bachbackbvrdseite das dritte 15- Zentimeter-Geschütz.
Die Besichtigung war im besten Gange. Der Flottenchef ging, wie üblich, im Schiff herum zu den einzelnen Gefechtsstationen. Kaum war er mit feinem Stabe bei dem dritten Steuerbord-15-Zenti- meter-Geschütz angelangt, als in die Stille plötzlicy ein lautes Stimmgewirr hereinplatzte: „Trumpf! Trumpf! Trumpf! All mien!" — Und dann ging ein wüstes Durcheinander los. — „Du Kamel, warüm heßt Du nid) Karo fpeelt? Dohn gern ick Piek feigen rin, und hei is rümm, hei freeg kein Bein nid) miehr an Deck!" — „Du olle Ap, wo funn ick weiten, datt Du ne blanke Piek teigen harst?" — und in diesem Ton ging es munter wei
ter. Kein Klopfen an die starken Wände des Hellegats und kein Zuruf durch die Entlüftungslöcher in die Wand, aus denen starke Schwaden von Tabaksdampf herausströmten, „Maul halten!" halfen jedoch. Hinein konnte auch niemand, da der Oberbootsmann den Schlüssel eingesteckt hatte, „damit keine Molligkeiten durch Austreten von die Leute passieren konnten". Entsetzt schauten der Kommandant und der 1. Offizier sich an. Erstaunt blickten der Flottenchef und die Herren seines Stabes daher. Streng fragte er: „Herr Kapitän, was geht hier vor?"
Von unserer Seite raffte sich aber niemand gleich zu einer Antwort auf. Unser Klopfen an den starken Stützwänden des schweren Geschütz-Unterbaues, der die Außenwand des Hellegats bildete, konnte im Hellegat nicht gehört werden. Unsere Zurufe wurden durch den Meinungsstreit im Innern immer noch übertönt.
Das erste richtige Wort fand schließlich der Flot- ten-Artillerieoffizier, indem er, mit der Hand an der Mütze, seinem hohen Chef meldete: „Hier wird irgendwo Skat gespielt!" — Dieser gab nur zurück: „Das scheint mir allerdings auch der Fall zu sein, aber wer kann da mitten im Gefecht bloß auf den Gedanken kommen, Skat zu spielen? Personalmangel scheint an Bord dieses Schiffes jedenfalls nicht zu herrschen."
Endlich war der Bootsmann mit dem Schlüssel zur Stelle. Gleich rief er durch die geöffnete Tür hinein: „Ihr verfluchten Hallunken, wollt ihr wohl das Maul halten!" — Nun verstummte endlich der Streit, und das elektrische Licht im Hellegat erlosch. Dann hörte man, wie der Oberbootsmann in dem runden Hellegat um den in der Mitte befindlichen Geschoßaufzug für den vorderen schweren Geschützturm die erschreckten Einjährigen vor sich herjagte. Diese suchten erklärlicherweise vor ihm Deckung, liefen so aber nach der ersten Runde dem vor der Hellegatstür in seiner ganzen Ordenspracht stehenden Flottenchef in die Arme. — Nun kam alles raus! Das ganze Schiff war blamiert. Umsonst alle Mühe und die Arbeit der mehrmonatigen Gefechtsausbildung. Bangend sahen wir der Kritik entgegen. —
Nach einem Lob über den ersten Teil der Besichtigung fuhr der Flottenchef, Großadmiral von Koester, dann fort: „Herr Kapitän, meine Herren! Dann kamen wir zu dem dritten Steuerbord- 15-Zentimeter-Geschütz, da platzten plötzlich die Worte an mein Ohr: „Trumpf! Trumpf! Trumpf! All mien!" Und dann schloß sich ein bei Skatspielern üblicher und heftiger Meinungsstreit an. — Es war mir und meinem Stabe sofort klar, daß hier in der Nähe Skat gespielt wurde. Ader erst, als der Ober- bpotsmamr mit dem Schlüssel zur Stelle war, ge
lang die Feststellung, daß mitten im Gefecht acht Einjährig-Freiwillige mit dieser friedlichen Tätigkeit beschäftigt waren, die erst am Tage vorher von der Kompanie an Bord Überwiesen worden waren. Sie sollten in dem Bootsmanns-Hellegat meinen Blicken entzogen werden, da ihnen die Gefechtsausbildung fehlte.
Herr Kapitän! Meine Herren! Wenn Sie im Ernstfall am Tage vor einer großen Schlacht acht so prächtig vorgebildete Seeleute noch an Bord bekommen, ich glaube, Sie würden diese dann zur Zeit des heißesten Kampfes wohl doch nicht gerade zum Skatspielen oder anderen sonst noch so unterhaltenden Dingen abkommandieren. Sie würden diese Leute dann schon irgendwie, und sei es nur zum Munitionstransport, heranziehen.
Herr Kapitän! Meine Herren! Hier hätte das Kaiserliche Kommando gerade einmal zeigen können, was es auch acht, noch dazu seemännisch erstklassig vorgebildeten Leuten in nur einem Tage der Gefechtsausbildung hätte heraushol^n können.
Herr Kapitän! Meine Herren! Und da muß ich denn doch das Kaiserliche Kommando ganz energisch darauf Hinweisen, daß ...!" und dann ging es erst richtig los.
Unsere Einjährigen hatten aber von nun an den Spitznamen weg „Die Gefechts-Skatspieler".
Hochsckulnachrichten.
Der hervorragende Gräcist Geh. Rat Professor Dr. Edugrd Schwartz in München vollendet am 22. August das 8 0. Lebensjahr. Seine Forschung umfaßt das ganze Gebiet des altgriechischen Schrifttums bis in die Berührungen mit dem Christentum. Äls Hauptwerke gelten die textkritische Ausgabe Homers und die Arbeit über Thukydides, neben den Zeugnissen gelehrter Einzelforschung stehen aber yuch Darstellungen, die den Weg in eine breitere Oeffentlichkeit fanden: die berühmten „Fünf Vorträge über den griechischen Roman". Schwartz wurde schon mit dreißig Jahren in Rostock Ordinarius. Er hat dann in Gießen, Straßburg, Göttingen, Freiburg und wieder in Straßburg gelehrt, bis ihn die Universität München auf den Lehrstuhl von C r u f i u s berief. Zahlreiche Ehrungen sind dem berühmten Forscher zuteil geworden; er ist Doktor aller Fakultäten, Inhaber des bayerischen M-aximilian-Ordens für Wissenschaft und Kunst, des Pour le merite und des Adlerschilds des Deutschen Reiches. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften in München, der Deutschen Akademie in München sowie der Akademien in Berlin, Heidelberg, Göttingen, Wien, Budapest und Kopenhagen.


