Ausgabe 
20.8.1938
 
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Nr. M Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhchen)

20./21. August M8

Handgloffen zur kleinen Zeitgeschichte

Von Ernst von Niebelschüh.

Das besinnliche Reisen kommt aus der Mode. Die Hetzjagd des geschäftlichen Lebens, die stete Vervoll­kommnung der Beförderungsmittel, der Zwang, mit der Minute zu rechnen alles das und noch viele kleine Rücksichten, die sämtlich unter dem Schlagwort Tempo" stehen, scheinen es dem heutigen Menschen nicht mehr gestatten zu wollen, eine Reise zu einem Bildungserlebnis werden zu lassen. Eigentlich will man gar nichts mehr erleben, denn das erfordert nun einmal Zeit, und eben die Zeit ist es, dis man nicht mehr hat, von der man sich mindestens einredet, sie nicht mehr zu haben. v

Wie war es denn früher? Wer eine fremde Stadt besuchte, tat es nicht, ohne sich auf sie vorbereitet zu haben Man hatte den Stadtplcm, der immer ein Stück Geschichte verrät, in großen Zügen im Kopf, man wußte, wie man von einem Punkt zum anderen gelangte, und was man auf dem Wege antreffen würde. Es gehörte mit zum Zauber der Reife, sich ein solches Programm auszuarbeiten, sich mit dem geistigen Bilde der Stadt so genau vertraut zu machen, daß man sicher war, sich auch mit verbun­denen Augen zurechtzufinden. Das ist nun vorbei oder jedenfalls nicht mehr nötig, und was nicht mehr nötig ist, hat erfahrungsgemäß keinen Reiz mehr. Warum Unbequemlichkeiten auf sich nehmen, wenn ein anderer da ist, der sie uns abnimmt, auch wenn dieser andere ein seeleyloser Automat ist? Ein solcher nämlich bot auf der letzten Mustermesse in Basel dem Fremden seine Dienste an, und wie nicht anders zu erwarten, hat sich der Apparat so gut bewährt, daß er auch in anderen europäischen Großstädten auf­gestellt werden soll. Er gibt dem Stadtunkundigen Auskunft über sämtliche Straßen, indem er, nach­dem man den Hebel auf den gewünschten Straßen­namen eingestellt und ein Geldstück in den Schlitz geworfen hat, einen schönen Stadtplan spendet, auf dem der kürzeste Weg vom Standort des Fremden bis zu der von ihm gesuchten Straße mit einer deut­lich markierten Führungslinie verzeichnet ist. Damit nicht genug, wird angegeben, welche Straßenbahn­linie benutzt werden kann, wo umgestiegen werden "muß und wie hoch der Fahrpreis ist.

Man wird gewiß der neuen Erfindung seine Be­wunderung nicht versagen, sich aber doch die Frage vorlegen müssen, ob es, unter höheren Gesichts­punkten betrachtet, Aufgabe der Technik sein darf, das geistige Faulenzertum in so flagranter Weise zu fördern. Denn was ist am Ende das Ergebnis? Doch nur dies, daß eine einzige, einer komplizierten Maschinerie mitgeteilte Erfinder-Intelligenz den Tau­senden, die daraus Nutzen ziehen, die kleine An­strengung der Selbstunterrichtung abnimmt und sie zu einer gedankenlosen Passivität erzieht.

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Die Ausschachtung einer neuen Gruft für Heinrich den Löwen im Dame zu Braunschweig hat einen überraschenden und sehr begrüßenswerten Neben- erfolg gezeitigt. Mit der Anlage der Grabstätte geht nämlich eine malerische Restaurierung des ganzen Langhauses Hand in Hand. Zwar gehört der Braun­schweiger Dom zu den wenigen romanischen Kir­chen, die sich noch des Besitzes ausgedehnter Fres­kenzyklen aus der Erbauungszeit rühmen können, so daß er, wie kaum ein anderer Innenraum des 12. Jahrhunderts, eine richtige Vorstellung von dem engen Zusammenhang zwischen Architektur und Wandmalerei vermittelt. Allein nur die Bilder des Chores und des Querschiffes sind alt, wenn auch bei der letzten großen Wiederherstellung des Bau­werks in den achtziger Jahren des vorigen Jahr­hunderts erneuert. Dagegen hat Professor von Essenwein, der damalige Direktor des Germanischen National-Museums in Nürnberg, dem seinerzeit die vollständige Restaurierung des ehrwürdigen Löwen­domes anvertraut worden war, in mißverstandener Pietät den Fehler begangen, auch die Pfeiler tnb Oberwände des Mittelschiffs, an denen nur noch geringe Spuren mittelalterlicher Wandgemälde sicht­

bar waren, mit neuromanischen Bildern, eigener Er­findung völlig zu übermalen, um das Langhaus dem relativ gut erhaltenen Chor nebst Querschiff farbig anzupassen und so eine Einheit herzustellen, die die damalige Denkmalpflege forderte, die heutige jedoch mit Recht ablehnt, weil eine solche Aus­malung eine Vollständigkeit nur vortäuscht.

Jetzt ist man dqbei, die wenigen Reste der alten, echten Malereien wieder hervorzuholen, indem man i die neue Farbschicht beseitigt, selbstverständlich mit | jener technischen und künstlerischen Sorgfalt, der in letzter Zeit die Rettung mancher verlorengeglaubten Werke der mittelalterlichen Monumentalmalerei zu danken ist. Gelingt es, dem Braunschweiger Dom, der dem größten Welfen zur Grablege dient, auf diese Weise die ursprüngliche Farbenschönheit zu­rückzugeben, so wird man erst erkennen, welcher Sünde wider den Geist man sich schuldig gemacht hat, als man im vorigen Jahrhundert die Mehrzahl unserer romanischen Domkirchen, die man sich nicht farbig genug vorstellen kann, übertüncht und damit ihnen einen Leichenfarben-Charakter angedichtet hat, den sie niemals gehabt haben. Wieviel farbiges! Leben mag noch bei manchen unter ihnen unter der Putzschicht schlummern und seiner freudigen Auferstehung harren!

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Die bedenkliche Zunahme von Prozessen in Li­tauen, die auf die Zerrüttung der ehelichen Gemein­schaft burd) Ehebruch zurückzuführen sind, haben einen litauischen Arzt veranlaßt, einenVerein zur Bekämpfung des Ehebruchs und der Ehebrecher" zu gründens der alle verheirateten Litauer umfassen soll. An der Bestätigung der Statuten des neuen Vereins durch das Innenministerium ist nicht zu zweifeln, womit denn auch der staatliche Segen auf diese neueste Erfindung des menschlichen Geistes her-

Als die Amerikanische Handelskammer in Deutsch­land den Staatssekretär im Reichswirtschaftsministe­rium, Rudols Brinkmann, bat, über die wirt­schaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten zu sprechen, war man sich zweifellos darüber klar, daß der Vertreter des deut­schen Wirtschaftsministers nicht bloß andeutend und obenhin über eine Frage sprechen werde, die seit zwei Jahren die oerständigungsbereiten Kreise in Deutschland und in Amerika mit Sorge erfüllt, und die trotz ehrlicher deutscher Bemühungen bisher ihrer Lösung noch nicht nähergekommen ist. Seit fast zwei Jahren besteht zwischen Deutschland und den Ver­einigten Staaten von Amerika vertragsloser Zustand. Deutschland hatte in der Kündigung des geltenden Handelsvertrages ausdrücklich erwähnt, daß nur einige nicht mehr zeitgemäße Bestimmungen umge- änbert werben sollten, daß man aber in Berlin von der Wichtigkeit geregelter Wirtschaftsbeziehungen zu dem größten Produktions- und Handelsland der Erde überzeugt fei. Mehrere Male find Vertreter des deutschen Auswärtigen Amts nach Amerika ge­reist, um die Möglichkeit eines neuen Vertragsad- schlirsses zu untersuchen. Staatssekretär Brinkmann hat kein Hehl daraus gemacht, daß es überwiegend politische ober eigentlich psychologische Um- ftänbe gewesen sind, die es bisher noch zu keiner Verhandlungsbereitschaft der Washingtoner Regie­rung kommen ließen. Die amerikanische Regierung hat gegen deutsche Waren Zollzuschläge .verhängt, für die angeblich die Unterlagen in Ermittlungen festgestellt worben sind, die von Agenten des ameri­kanischen Schatzamts in Deutschland angestellt wor­den sind. Ueber das Ergebnis dieser Politik sollen die Zahlen, die Staatssekretär Brinkmann in feinem Vortrag vom 17. August über den deutsch-amerika­nischen Warenaustausch bekannt gab, ein eindrucks­volles Urteil: Während Amerika noch im Jahre 1927 fast 10 v. H. seiner Ausfuhrwaren in Deutsch­land obsetzte, lieferte es im Jahre 1937 nur noch 3,7 v. H. noch Deutschland. An der deutschen Waren­ausfuhr sind die Vereinigten Staaten von Amerika sogar nur mit 3 v. H. beteiligt. __________________

abgefleht wäre. Daß man nicht schon früher auf einen doch so naheliegenden Gedanken gekommen ist! Wieviel Unheil in der Welt wäre verhütet worden, wenn man rechtzeitig daran gedacht hätte, das in der Praxis so wenig befolgte sechste Gebot auf dem Vereinswege wirksamer zu gestalten! Im Orga­nisieren ist -unsere Zeit eben doch allen früheren überlegen; warum soll man also nicht versuchen, durch Organisation moralischer zu werden? Uebri- gens steht der litauische Fall keinesfalls vereinzelt da. So hat kürzlich der Storthing, um dem Alkohol­mißbrauch in Norwegen einen Riegel vorzuschieben, sieben seiner Mitglieder zu sogenanntenNüchtern­heitsräten" ernannt. Sie haben die Aufgabe, in ihren Bezirken den Alkoholoerbrauch zu überwachen, und ihren Wählern die frohe Botschaft der Absti­nenz zu verkündigen.

In Jütland finbx die' Störche in den Niststreik getreten, was dem Familiensinn des beliebten Vogels kein gutes Zeugnis ausstellt. Wie aus Kopenhagen gemeldet wirb, gibt es auf den Bau- ernhäuse rn kein einziges selbstgebautes Storchennest mehr, eine Erscheinung, die man, wo nicht auf den Willen zu bewußter Geburtenbeschränkung, so doch

. auf zunehmende Trägheit und Bequemlichkeit dieser | Spezies zurückzuführen zu müssen glaubt. Allein der 1 Mensch müßte nicht Mensch sein, wenn er nicht auf Mittel sänne, dem Storch, von dem einem alten Volksglauben nach seine eigene Existenz abhängt, die Mühe der Familiengründung zu erleichtern. So ist denn in Jütland eine eigene Industrie entstan­den, die serienweise Storchennester zum Montieren auf Dächer bezugsfertig liefert. Ein Symbol! Sollte unser fortgeschrittenes Jahrhundert reif für den Serienmenschen geworden sein?

Staatssekretär Brinkmann bezeichnete Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika als die beiden größten Industrieländer der Erde. Trotzdem ist er der tseberzeugung, daß sich beide Länder wirtschaftlich sehr gut ergänzen. Die amerikanische Union ist nicht nur industriell hochentwickelt, sie ist dabei auch Großproduzent von Rohstoffen und Agrarerzeugnissen geblieben. Der deutsche Staats­sekretär nannte als Beispiel die Baumwolle. Wenn sich innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Reihe von Jahren die deutschen Baumwollbezüge aus den Vereinigten Staaten auf weniger als ein Drittel verringert haben, und wenn auf der anderen Seite alle Rohstoffprobuzenten der Erde in schweren Ab­satzsorgen stecken, so leuchtet unbedingt ein, daß ein Land mit dem starken Baumwollverbrauch Deutsch­lands eine Stütze des amerikanischen Außenhandels und der amerikanischen Baumwollproduktion wer­den kann, wenn die Regierung des Landes es ver­steht, dem Abnehmer Deutschland angemessene Be­dingungen zu bieten. Hieran hat es bisher gefehlt.

Erwähnt wurde bereits der Zuschlagszvll, den das amerikanische Schatzamt einigen Waren des deut­schen Ausfuhrinteresses auferlegt hat. Aber Amerika hat sich auch geweigert, Deutschland in der Schul- benfrage Entgegenkommen zu zeigen. Als vor etwa sechs Wochen das neue deutsch-britische Wirtschafts­abkommen abgeschlossen wurde, hieß es an halb­amtlicher Washingtoner Stelle, daß die Regierung der amerikanischen Union in der Schuldenfrage aus grundsätzlichen Erwägungen kein Entgegenkommen zeigen könne. Die Stimmung hat sich auch nicht ge­ändert, als bald darauf zwischen Deutschland und Frankreich, sowie zwischen Deutschland und der Schweiz ein Schulbenarranaement getroffen wurde. Deutschlands Warenaustausch mit den Vereinigten Staaten ist mit Ausnahme von wenigen Monaten stets für Deutschland passiv gewesen. Deutschland bat also im Warenaustausch mit der amerikanischen Union zuzahlen müssen. Anderen Gläubigerländern gegenüber konnte Deutschland Entgegenkommen zei­gen, da es im Warenaustausch Ueberscbüsse erzielte und damit die fälligen Zins- und Tilgungsraten zu

Die deM>alnenkamfthr'

NchasiMung.

Von Dr. Earl Wellthor.

bezahlen vermochte. Die amerikanische Regierung hat sich aber nicht damit begnügt, deutschen Waren den Zugang zu erschweren, sie hat auch in anderen Län­dern (Brasilien) gegen die deutschen Zahlungsmetho- den Stimmung gemacht und ihren Einfluß aufge­boten, um diesen Austausch zu stören. Wenn die Vereinigten Staaten schon selbst nicht die Hand dazu bieten wollen, daß Deutschland bei ihnen überwei­sungsfähige Devisen verdient, so sollten sie wenig­stens nicht hindern, daß Deutschland sich durch sei­nen Außenhandel anderwärts Ueberschüsse verschafft, die zur Schuldenabtragung verwandt werden kön­nen.

Auf der Suche nach Vorwänden, um Deutschland ein Entgegenkommen zu verweigern, ist man in ge­wissen amerikanischen Kreisen zu der These gelangt, daß Deutschland mit der Inangriffnahme des Vier­jahresplans jene strengen moralischen Auffassungen über Bord geworfen habe, zu denen sich bisher die Führer der deutschen Wirtschafts- und Schulden­politik, insbesondere Dr. Schacht, bekannt haben. Staatssekretär Brinkmann hat in seinem Vortrag vor der Amerikanischen Handelskammer deutlich durchblicken lassen, daß sich an der deutschen Auf-

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t würzig mild - mit dem bekannten Schinkenbild!

fassung in der Frage der Auslandsschulden nichts geändert habe. Brinkmann erwähnte sogar aus­drücklich jene amerikanischen Geldgeber, die mit der Kreditgewährung an Deutschland nicht nur hohe Zinserträge erzielen, sondern der deutschen Wirt­schaft einen ehrlichen Dienst leisten wollten. Uner­wähnt ließ der Staatssekretär, daß in der Tat weite amerikanische Kreise, insbesondere auch die mit der Lösun-g der Reparationsfrage befaßten Großbanken, die Kreditgewährung an Deutschland trotz besseren Wissens über den Punkt des Erträglichen und Ver­nünftigen hinaus fortgesetzt und sich zurückgezogen haben, als das unsolide errichtete Gebäude zusam­menbrach. Soweit Deutschland mit auswärtigen Staaten Abmachungen über die Behandlung der früheren Schulden getroffen hat, ist entweder ein Teil der fälligen Zinsen und Tilgungsbeträge in neue Schuldforderungen konsolidiert, ober aber der Zinsfuß herabgesetzt und der ersparte Zinsbetrag für die Tilgung bereitgestellt worden. Alle diese Länder haben sich zu der Auffassung durchgermigen, daß es besonders in einer Zeit drohender neuer Wirtschaftsstörungen wichtiger sei, neue Geschäfts­möglichkeiten zu schaffen und zu sichern, als alten Forderungen nachzujagen, die aus einer Periode der Verärgerung und Verirrung stammen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika führen zur Zeit Wirtschaftsoerhandlungen mit Großbritan­nien. Es verlautet, daß noch vor Ende August ein großes Vertragswerk Zustandekommen wird. Ueber Umfang und Inhalt der Verhandlungen ist so gut wie nichts an die Oeffentlichkeit gedrungen. Es ist selbstverständlich, daß ein etwaiger Vertragsabschluß Großbritannien-Amerika keinen Hinderungsgrund gegen ein deutsch-amerikanisches Handelsabkommen bilden würde. Wenn sich auch in der amerikanischen Industrie ernsthafte Störungen gezeigt haben, so liegt der Schwerpunkt der beginnenden Krise in Amerika doch auf landwirtschaftlichem Gebiet. Deutschland hat regelmäßigen Einfuhrbedarf an Baumwolle, Weizen, Mais, Erdöl, Kupfer und vie­lem anderen, was die Vereinigten Staaten hervor- bringen. Die amerikanische Union ist für spezifisch deutsche Erzeugnisse, wie chemische Produkte, optische und photographische Artikel, Spielwaren usw. ein aufnahmefähiger Markt. Staatssekretär Brink­mann hat seinen Zuhörern ins Gedächtnis zurück­gerufen, daß Deutschland die nationalsozialistische Idee, mit der sich die Amerikaner durchaus nicht befreunden wollen, nicht als Exportartikel ansieht, daß also Neutralität und Duldsamkeit gegenüber den Auffassungen und den politischen Methoden des

Hans Knot he.

hinter den humorigen Worttn die En ^chung des

Neigungen der Liebe und Freundschaft wiederzuer- kemxen geglaubt in dem Verhältnis Peter Schle- mihis zu feinem Diener Bendel und zu den beiden Frauengestalten, die dem Mann ohne Schatten be­gegneten. Vielleicht hat Chamisso wirklich am Rande jenes Schaffensprozesses, der beim wirklichen Dichter eignet, im gelegentlichen Abrücken von bem Strubel, der sein Kunstwerk gebar, mit bem Gebanken ge­spielt, diesem uyb jener ein Denkmal der Dankbar­keit ober der Erinnerung zu setzen durch einen kleinen Zug, mit dem er bieGestalten seiner Mär­chenwelt ausstattete, mit einer Namensähnlichkeit, deren vertrauter Klang ihm lieb war.

Dem Verständnis des Kunstwerks an sich aber ist mit solchen biographischen Bemühungen wenig I gedient. Im Gegenteil: empfinden wir es nicht

zurückkehren." \

Mittlerweile hatte ihn Peter Schlemihls wun-

mählich die Erhabenheit einer schwarzen Götter­burg an.

Man hatte Vorstellungen von Reisen, Meerbran- bung und kühlen Bergwälbern. Man dachte an die glasgrünen Bäche im Spessart und an die blühen­den Enzianwiesen im Allgäu, man dachte an die Dampfer mit der weißen Schaumspur im Kielwasser und an die braunen Mulattenleiber der Badenden.

Eine Spieluhr aufzudrehen und ihrer dünnen und altertümlichen Melodie zuzuhören, wäre in dieser erschlafften Stunde beschaulich und reizvoll gewesen; Traumbilder kamen immer mehr, süßer Duft von Jasmin drängte beklemmend aus dem Garten­dickicht.

den viele und gerade die schönsten Gedichte Cha- missos, entstand auch der Schlemihl.

Welch eine Erkenntms: Ereignisse, nicht die Tat! Aber es ist leider so gewesen, daß Chamisso in seinem Leben jeneEreignisse" zu spüren bekam, die stärker als jede Tat waren, das heißt, die es für ihn waren.

Als Chamisso elf Jahre alt war, waren es die Ereignisse der französischen Revolution, die ihn und seine Familie aus Frankreich vertrieben. Chamisso kam nach Deutschland, nach Preußen, das ihm seine zweite Heimat werden sollte. Im Jahre 1806 über­raschten ihn die Ereignisse als preußischen Offizier in Hameln. 1810 rief man ihn nach Frankreich, wo er eine Stelle als Professor am Lyzeum zu Na- poleonville erhalten sollte. Als er dort eintraf, war wieder einEreignis" von größter Bedeutung für fein ganzes künftiges Leben! die Stelle be­reits anderweitig besetzt. Als er schließlich wieder nach Deutschland zurückkehrte und als Einund- dreißigjähriger Student der Naturwissenschaften wurde, waren es die Ereignisse des Jahres 1813, die ihn unglücklich machten: er durfte an dem Kampf nicht teilnehmen. Dann kam feine große Reise um die Welt. Drei Jahre brachte Chamisso, oft kaum geduldet von den übrigen Teilnehmern der Expe­dition, auf dem kleinen russischen Weltumsegler zu. JenesEreignis", das zum Mißlingen der Expedi- s tion führte, schnitt tief in fein Herz ...

Aber bann, am Enbe ber Reise, kam die Wen­dung! Der bisher Heimatlose fand eine Heimat! Nun endlich gestaltete eine bewußteTat" sein Le­ben:Ich hatte in St. Petersburg nur das eine Ge­schäft, mich so bald wie möglich von St. Petersburg frei zu machen. Ich kehrte mich von jeder Aussicht ab, die mir in Rußland eröffnet werden sollte, und wich hartnäckig jedem Antrag crus, mich durch irgendein Verhältnis binden zu lassen. Mich zog heimlich ein anderes Land. Ich werde die­sem Geschwätz hohe Namen nicht einmischen. Mein Herz hing an Preußen, und ich wollte nach Berlin

Chamisso und sein Schlemihl.

Zum Ivv. Todestage des Dichters

am 21. August.

Peter Schlemihls wundersame Geschichte, die be­kannteste unter den Dichtungen Adelbert von Chamissos, hat auch heute noch nichts von ihrer Frische verloren. Sie ist, wie jedes echte Kunst­werk, über alle Fragen des Zeitgeschehens erhaben. Du lieft sie (zum wievielten Male wohl seit den Tagen ber Kinbheit?), unb schon nach ben ersten Seiten lebst bu reicher mitten in ber Wunberwett biefes Märchengeschehens, in dem Schicksal jenes Mannes, ber seinen Schatten verlor.

Es hat eine Zeit gegeben, in ber man versuchte, Ereignisse unb Gestalten bes Schlemchl-Märchens in bem Leben bes Dichters wieberzufinden. Mit aller Grünblichkeit hat man auch Chamissos Erlebnisse mit Männern unb Frauen, hat man seine zarten

Ländlicher Gommersvnntag.

Von Anton Schnack

Es war ein stiller, in sich versunkener Nachmittag, heiß unb schwül, noch eine Minute bis vier Uhr. Obwohl bas Fenster des von Baumschatten ver­dunkelten Zimmers breitflügelig geöffnet war, kamen nur wenige Geräusche aus der schlafenden Land­schaft herein dann und wann fernes Geschilp der Spatzen, das schnelle Sausen eines Autos, die ver­tropfende Reisestimme eines weltvergessenen, absei­tigen Bahnhofs.

Es war so ein ausgebrannter, vor Hitze knistern­der Sonntagnachmittag, wo die Spiele der Kinder erst am Abend beginnen, das Ballwerfen der Mäd­chen unb bas klappernbe Reifspiel ber Knaben. Im kühlen Zimmer sitzend, hatte man die Vorstellung von bräunenden Kornfeldern, über denen bie Hitze flimmert Unb raucht. Ein wenig Traurigkeit hatte man im Herzen zurückbehalten wegen bes toten Stares, ber vom Gärtner mit ber Vogelflinte erlegt wurde, weil er in den Kirschen räuberte. Es war ein Sonntag, wo man sich an die Speicherzimmer erinnerte, die im hochgegiebelten Hause einer ver­sunkenen Knabenzeit in der Kühle der Ostseite lagen. Da schlichen sich haarumflatterte Knabengestalten hinauf, während der Vater auf dem Plüschsofa der guten Stube eingeschlafen war. Sie kramten in ben Kisten, wo verblichenes unb verschollenes Spielzeug ruhte, glühten über alten Biiberbüchern, einst von der Kinderhand in müßiger Ungeschicklichkeit be­kritzelt unb verkleckst. Oder die entblößten Knaben- arme hoben die sonnenheißen Dachfenster empor unb sahen die Bäume am Fluß unb bie fernen, in Dunst gehüllten Weinberge. Im staubenben Feldweg war eine tief eingefahrene Wagenspur. Sie glitzerte unruhig von tausenden Glimmerplättchen, auf denen der Sonnenschein funkelte und blitzte. Der Knecht Jo­hann Baptist hatte tags zuvor frischgeschyltes Lär­chenholz heimgefahren, weil ein Gewitterwind durch die Wälder mit Unheil und Bruch gestürmt war. lieber bem Mobnbrobem ber Gartenbeete schwebte

Die gan5e Art, wie- Chamisso von dem Unfall Mittlerweile hatte ihn Veter j^iem mun- des Hahnes im Zusammenhang mit ber verunglück-1 dersame Geschichte zu ^elrebten beut eben

ten Reise nach Norben (bas war bas eigentliche! A^rbe' jung unb alt ^machll ^Is oldjer star Ziel ber Erpebition!) erzählt, spiegelt 'i>r den, der i Chamisso am 21. August 1838 in Berlin.

ein Perlmutterfalter, ein gaukelndes Silberblatt, das im Himbeergesträuch verschwand. Die kleine Bauern­großmutter saß einsam im Gartenhaus. Sie hatte ein vergriffenes, mit einem eingelegten Silberkreuz geschmücktes Gebetbuch in den Händen und war ein- geschlafen. Manchmal erhob sich aus feiner Schatten­ecke ein Windzug. So ein Windzug, der schon gestor­ben ist, bevor er zu wehen an'fängt. Ganz fern, wo, . .. nnr h m

« LiA-ÄÄ E ien°

dieses allzu grelle Hineinleuchten in das, was aus ftellung zum Leben" wider, die Chamisso mit seinem ber Zeit, ber Umwelt heraus vielleicht mitbestim- Schlemihl gemeint hatte.Ereignisse, nicht bie Tat", menb gewesen sein kann für bas Zustanbekommen bestimmen bas Leben, so empsanb ber Dichter Cha- einer jener wenigen Schöpfungen, bie bie Zeiten misso. Aus biefer refignierenben, freilich in einer zu überbauern bestimmt finb? - befonberen Weise refignierenben Haltung entstan-

Jn der Beschreibung seinerReise um bie Welt", bie Chamisso als Teilnehmer her sogenannten No- manzofsischen Entbeckungsexpebition in ben Jahren 18151818 unternahm, finbet sich an jener Stelle, wo er von bem Entschluß bes Kapitäns, bie Heim­kehr vor Erreichung des wesentlichsten Reiseziels ber Expedition anzutreten, berichtet, ber Satz:Unb ich selbst kann nicht ohne bas schmerzlichste Gefühl biefes unglückliche Ereignis berühren. Ereignis, ja, mehr benn eine T a t." Unb im siebenten Kapitel bes Schlemihl heißt es:Auch hier trat, wie so oft schon in meinem Leben ... ein Ereignis an bie Stelle einer Tat."

Welch merkwürbige Uebereinstimmunq! Hier wie hort stellt Chamisso alsverantwortlich" für eine entscheibenbe Wenbung nicht bie Tat, sonbern das Ereianis" in ben Vordergrund Daß zwischen je­nem Satz aus demSchlemihl", der im Jahre 1813 niedergeschrieben wurde, unb demjenigen alls ber Reise' um bie Welt", bie Chamisso in ben Jahren 1834/35 neu überarbeitete unb seinen gesammelten Werken hinzufügte, eine Spanne von über zwanzig Jahren liegt, biese Tatsache zeigt beutlich, baß es sich bei ber Formulierung um mehr handelt, als um eine einmalige, nur auf ben wunberlichen Schlemihl passenbe Einstellung zum Leben.

Dafür noch ein weiteres, einigermaßen lustiges Beispiel, bas auch beshalb hier erwähnt zu werben oerbient, weil es in einem unmittelbaren Zusam­menhang mit jenemEreignis" auf Chamissos Welt­reise steht:Als wir von Kamtschatka nach Norben fuhren, hatten wir einen letzten Hahn an Bord, ber, aus bem Hühnerkasten entlassen, als ein stolzer Gesell frei auf bem Verbeck spazieren ging. Ich war neugierig, zu beobachten, wie er sich hinsicht­lich bes Schlafens verhalten würbe, wenn bie Sonne für uns nicht mehr unterginge. Die Beobachtung unterblieb jeboch aus zwei Grünben; benn wir kamen erstlich nicht so weit noch Norben, unb zwei­tens flog über Bord, fiel ins Meer unb ertrank der Hahn, bevor wir noch die St.-Laurenz-Jnsel er­reicht hatten."