Hr.m Drittes Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzmer für Oberhessen) 5reitag.lt». Dezember 1958
Aus der Stadt Gießen.
Knirpse.
Vor einem weihnachtlich strahlenden Spielwarenschaufenster drängten sich zwei kleine Buden in die vorderste Reihe der Schaulustigen. Sie hatten ihre Hände tief in den Hosentaschen vergraben und kürn- meten sich nicht um den Wind, der ihnen rauh die Struwelköpfe zauste. Sie hatten jetzt nur zu sehen und zu staunen. Sprachlos standen sie und mit großen Augen.
Dann schien sich der eine noch nicht nah genug zu fühlen, er schob sein Gesicht so dicht an die Scheibe heran, daß er sich die Nasenspitze quetschte. Rasch nahm auch der andere die gleiche Haltung ein. Er tat sogar noch mehr: Er streckte seine Arme aus und legte die gespreizten Finger fest auf die Scheibe, als wollte er damit sagen, alles das, was meine Hände umspannen, ist mein und niemand kann mir das wegnehmen. Im gleichen Augenblick wurde er von seinem Kameraden bis in die kleinste Einzelheit nachgeahmt. Die Erwachsenen schmunzelten über die beiden drolligen Knirpse, die an dem Schaufenster klebten wie Laubfrösche an der Innenwand ihres Glashauses.
. . Mit feinem Mal stieß der eine seinen Zeigefinger wider die Scheibe und sagte: „Die Eisenbahn ist mein!" Er meinte einen kleinen, auf Schienen laufenden wohl elektrisch über Brücken und durch Tunnels geführten Eisenbahnzug, der unter den vielen beweglichen Dingen im Fenster das großartigste und lockenste war.
„Die Eisenbahn ist mein!" widersprach jedoch der andere und deutete auf den gleichen Gegenstand. Eine Zeitlang warfen sie sich den Satz mit wachsendem Stimmenaufwand und steigernder Erbitterung über ihre gegenseitige Unnachgiebigkeit hin und her an den Kopf, bis ein Wort nach dem andern ab- dröckelte und sie schließlich nur noch „ist mein!" — »ist mein!" und zuguterletzt „mein!" — „mein!" übrig blieb Als sie sich heiser geschrien hatten, zischten sie sich nur noch gegenseitig an, wobei sie einander mit den Ellenbogen zu stupsen begannen und zu verdrängen suchten.
Eine Frau, die schmunzelnd ihr Vergnügen an den beiden bezeugt hatte, geriet plötzlich aus dem Häuschen, als sie auf den Fuß getreten bekam. „Keinem von euch ist die Eisenbahn!" wetterte sie, „und keiner von euch bekommt fiel"
.. »Aber warum so aufgeregt, gute Frau?" sagte ein lächelnder Herr. „Lassen Sie den beiden doch die schöne Phantasie und das bißchen Glück, das sie so tapfer für sich behaupteten!"
Da sahen sich die beiden Knirpse um, legten einander den Arm über die Schulter und gingen mit hellen Augen davon. P. B.
Dornotizen.
^ageskalender für Freitag.
Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Rigoletto". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Kautschuk". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Verlegenheitskind". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18' Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand. — Weihnachtsmarkt auf Oswaldsgarten.
Stadltheater Gießen.
Heute abend findet die letzte Aufführung des großen Erfolges „Rigoletto", Oper von G. Verdi, statt. Musikalische Leitung Joachim Popelka. Für die Partie der Gilda wurde Lotte Grimm vom Kölner Opernhaus als Gast verpflichtet. Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 12. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr. — Die nächste Vorstellung der Freitag-Miete findet erst wieder am Freitag, 30. Dezember, statt. Es gelangt „Der Hochverräter" zur Aufführung.
Heimatvereinigung Staufenberg.
Kommenden Sonntag abend Nikolausfeier der Heimatoereinigung Staufenberg au' der Burg Staufenberg.
MW MU WWW
Montan von Hubert Rausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Es war ein Sieg auf der ganzen Linie, besonders im dritten Akt, in der Zirkusszene.
„Jte Fall, Jte Fall!"
Ihr Name klang ihr jubelnd von allen Rängen entgegen. Schließlich stand sie allein auf der Bühne. Die Augen wurden ihr feucht in der Seligkeit ihres Herzens. Hinterher war sie mit einem großen Kreis von Verehrern zusammen; es roch abscheulich nach Blumen und Lorbeer. Brasky fehlte, er schrieb die Jubelhymne für das Morgenblatt. Schmid saß neben ihr.
„Schlaf ruhig ein wenig", sagte er, „du hast müde Augen!"
„Ich bin auch müde, aber das geht doch nicht!"
„Warum nicht? Der alte Fritz schlief auch nach solchen Siegen. Und Rücksichten? Sieger brauchen keine Rücksichten zu nehmen! Und mit Ausnahme deines Chefs können dir diese Menschen doch alle gleichgültig sein!"
„Bis auf dich!" sagte Jte.
Schmid schüttelte seinen Kopf.
„Ich auch", sagte er. Und nach einer Pause: „Verpflichten, wirklich verpflichten tut nur eins: die Liebe!"
Auch Doktor Brasky ging durch das sommerliche München mit einem strahlenden Gesicht. Sein Werk über die europäischen Hauptstädte war ein großer Vucherfolg; das Burgtheater hatte soeben ein Lustspiel von ihm angenommen; seine Referate über „Münchener Theater" in der Wiener Presse wurden weithin beachtet. Mit dem Erfolg feiner Feder konnte er also zufrieden sein.
Aber auch menschlich: Jte war seine Freundin. Und Jte war auf dem Weg, die interessanteste S^guspielerin Münchens zu werden. Und daran war wieder Brasky nicht unbeteiligt. Eine Hand wäscht die andere, dachte er so vor sich hin, eine alte Erfahrung, die schon bei den Römern sprichwörtlich war. Wie sagte Goethe doch noch ... „sich die goldnen Eimer reichen", oder war das was anderes?
Es war ein Sonntagvormittag. Allen Menschen stand das Glück im Gesicht, das Sommer und Sonne nun einmal spenden. Brasky ging zu dem Morgen
Heber 500 hessen-nassamsche Studenten im Reichsberufswettkampf.
A'ftuf!
Die HI. wird am 17. und 18. Dezember kleine Holzfiguren für das WHW. verkaufen, die die einzelnen Monate des ganzen Jahres symbolisch dar
Aufg,benZIettungen im Dienste der rhein-mainischen Wirtschaft.
NSG. Arn diesjährigen Neichsberufswettkampf nehmen aus dem Gau Hessen-Nassau über 500 Studenten und Studentinnen teil. Die Wettkampfmannschaften haben sich diesmal wichtige und für unser Gaugebiet bedeutende Probleme als Arbeitsthemen gewählt. Schon im letzten RBWK. wurden die Arbeiten unserer Studenten von Reichsstellen der Partei und des Staates aufgegriffen und praktisch ausgeführt. Die diesjährige Themenstellung verspricht eine restlose Auswertung sämtlicher Arbeiten aus dem Gau Hessen-Nassau. Aus den zum Teil sehr umfangreichen und über ein Jahr laufenden Arbeiten seien nachstehend die wichtigsten aufge- zählt:
Bingen: Rheinisches Technikum: „Organisation und Planung der deutschen Energiewirtschaft".
Darmstadt: Hochschule fürLehrer- b i l d u n g: „Mannschaftserziehung in der nationalsozialistischen Leibeserziehung", „Sie Kameradschaft in der Jugenderziehung". — Technische Hochschule: „Konstruktion und Bau eines Hochleistungs- segelflugzeuges in Gemischtbauweise"; „Technische Untersuchungen von Kunststoffen", „Entwurf eines Kleinflugzeuges". — H T L.: für Maschinenwesen: „Anwendung der neuesten Erkenntnisse der Festigkeitslehre im Sinne des Vierjahresplanes".
Frankfurt a. M.: Universität: „Die
Lehren aus der Kriegswirtschaft 1914/18 in Deutschland", „Aufbereitung armer Erze im Rhein-Main- Gebiet durch Elektrolyse", „Das Elfenbeinschnitzer- Handwerk im Odenwald", „Wirtschaftsklimatische Untersuchung des Obertaunus", „Judentum und Expressionismus", „Ernährung, Gesundheit, Rasse und Kultur in Stadt und Land". — Staats- bauschule: „Hallenschwimmbad für Frankfurt am Main-Höchst". — HTL. für Maschinenwesen: „Gemeinschaftsbeheizungen von Siedlungen mit Nachtstrom".
Geisenheim a. Rh.: Versuchs- und Forschungsanstalt für Gartenbau: „Voraussetzung und Gestaltung einer Arbeitersiedlung im Rheingau", „Leistungssteigerung im Gartenbau".
Gießen: Universität: „Der Gebißzustand der Bevölkerung im kreis Gießen", „Bauerntum und Ernöhrungsfreiheit — Eine praktische Untersuchung in Hessen", „Englische und amerikanische Propaganda im Weltkrieg", „Die rechtliche Lage des Landarbeiters", „Dauer und Volk — Eine Dorsuniersuchung in Reiskirchen bei Gießen".
Idstein: Staatsbauschule: „Heimstättensiedlung im Taunus".
Weilburg (L a h n): Hochschule für Lehrerbildung: „Leibeserziehung im Patendorf Wirbelau".
Zentralkurdistan von heute.
Dortrag in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
Der gestrige vorletzte Vortrag des Winterprogramms der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde führte, wie der Vorsitzende Prof. Dr. K l u t e gestern abend in der Aula einleitend sagte, in näher zu Europa liegende Gebiete.
Es sprach Dr. Hans B o b e ck (Berlin) über das Thema „Zentral-Kurdistan von heute". Der Forscher, der bereits 1934 von Iran her in das Ader- bcidschamGebirge vorgedrungen war, unternahm 1937 eine Forschungsreise durch Zentral-Kurdistan zur Erkundung jener Gebirgszüge, die sich zwischen dem Wan-See in der Türkei und dem Urmia-See in Iran (Persien) erstrecken. Er schilderte in großen Linien die geographischen Verhältnisse Kleinasiens, die durch hohe Randgebirge nach dem Süden zu gekennzeichnet sind, die sich vom Taurus über Kurdistan nach Iran fortsetzen. Zusammengefügt durch höher aufragende Gebirgsschwellen breiten sich südlich von Anatolien die prächtigsten Hochgebirge der Türkei aus, von denen das armenische Hochland bisher noch nicht in allen Teilen erforscht war. Diesem Gebiet, das von reichlichen Flüssen durchzogen ist und zahlreiche Niederschläge aufweist, so daß sich weite Wiesenflächen bis zu den Berggipfeln ausbreiten und das viele Bewässerungsoasen aufweist, galt die Forschungsreise.
Dr. B o b e ck gab bann einen Einblick in die Besiedelung. Die zahlreichen Volkstumsgruppen (Armenier, Nestorianer, Türken, Kurden, Jranier) bilden religiöse Zentren. Das Eindringen vollnomadischer Stämme in diese Gebiete, vor allem der Kurden, die die Armenier zurückgedrängt haben, führte zu endlosen Kämpfen, die sich auch im Weltkrieg wiederholten und durch die viele Verwüstungen entstanden sind. In der heutigen Zeit wird, wie der Vortragende ausführte, die Bezeichnung Kurdistan nicht gern gehört. Wie die Kurden, so haben sich auch die Armenier als sehr kriegerisch gezeigt. Während des Weltkrieges machten sie sich zunächst als russische Republik selbständig und sagten sich nach dem Verfall Rußlands ganz los.
Nach dem ersten Vorstoß von Aserbeidschan aus waren die zwischen dem Wan-See und dem Urmia- See sich ausbreitenden Gebirgszüge Cilod Dagh und Sito Dagh das nächste Ziel der zweiten Forschungsreise. Von Ankara aus mit dem Auto bis zum Wan-See führte der erste Teil der Reise, die mit Hilfe von Tragtieren in zum Teil sehr beschwerlichen Etappen durch das Cilod Dagh führte. Der Vortragende zeichnete ein Bild des Wan-Sees, der, wie der Urmia-See, ein Salzsee ist und dessen Faulschlamm einen metallischen Glanz verbreitet, lieber dunkelgrüne Weidelandschaft folgte der Aufstieg über gelbgraue Steppen durch zerklüftete, interessante Formenbildung aufweisende Gebirgslandschaften.
Mit Hilfe zahlreicher Lichtbilder bot der Vortragende einen Einblick in jene Gefilde, in denen trotz reichlicher Bewässerung an Stelle des ertragversprechenden Baugartens die Trockenwirtschaft und vor allem die Viehzucht betrieben wird. Der Vortragende schilderte die zahlreichen Spuren früherer Besiedelung unb zeigte Aufnahmen von verfallenen Bauten, die auf die Baukunst der früher dort wohnhaften Armenier Hinweisen, und er wies das Eindringen der aus den Gebirgen kommenden Nestorianer nach, die vor allem während des Krieges den Kurden und Türken viel zu schaffen machten. Erst als sie von diesen bezwungen worden waren, wanderten die restlichen 25 000 dem Tigris nach dem Irak zu, wo sie seit 1925 auf die Hilfe des Völkerbundes warten. Tief einschneidende Flußläufe, terrassenförmige Abstufungen und hoch auf» ragende Felsmassive charakterisieren diese Gebirgslandschaften, die die Forscher auf oft beschwerlichen Wegen durchkreuzten und von denen der Vortragende viele Abbildungen vvrführen konnte. Interessant waren die Vergleiche der einzelnen Stämme und die Schilderung der fruchtbaren, von mannigfachen Wildarten belebten Landschaften.
Zum Schluß machte der Redner die Feststellung, daß trotz des vielfach angetroffenen Rückschrittes
stellen. Diese Figuren eignen sich ganz besonders gut als Tannenbaumschmuck. Ich darf daher die Bevölkerung herzlich bitten, den Verkauf der Holzfiguren durch die HI. nach Kräften zu unterst hen.
Backhaus, Kreisleiter.
Oes Führers Jugend rüst!
HI. und JV. und VDM. und Jungmädel setzen sich auch in diesem Jahre wieder für das Winter-- hiliswerk des Deutschen Volkes durch die Reichs- straßensammlung ein. Der Ruf der Jugend ergeht an alle. Die Straßensammlung am 17. und 18. Dezember wird selbstverständlich das Ergebnis des Vorjahres weit übertreffen. Wir kämpfen gegen die große Not der Ostmark- und Sudetenjugend. Diese Not zu lindern, ist uns Mädel höchstes Glück. Wir bitten alle: Gebt freudig eure Spenden, füllt uns die Sammelbüchsen, helft unfern Schwestern und Brüdern schnell! Eure Not ging bald zu Ende, euch half der Führer, drum helft auch jetzt dem Führer helfen durch eine große Spende! Dafür geben wir euch die schönen Holzfiguren, die dieses Jahr die zwölf Monate darstellen.
An keinem Weihnachtsbaum dürfen dieses Jahr unsere Holzfiguren fehlen; und am Samstag und Sonntag werden alle unsere Abzeichen tragen.
die Türkei bemüht ist, das Land zu bevölkern und zu erschließen. Namentlich aus den dicht besiedelten Teilen des Türkenreiches am Schwarzen Meer wer- den Siedler hierher verpflanzt, denen zahlreiche Erleichterungen gewährt werden und die auf dem fruchtbaren Boden ein gutes Auskommen finden.
Der Vortragende deutete die Aufbaupläne der neuen Türkei an, die neben diesen Besiedlungen zahlreiche große Aufgaben zur Erschließung des Landes und zur Wiedererstarkung durchführt, um eine Einheit der Türkei zu schaffen. In diesem Bestreben ist den Türken bereits die Lösung der Frage der Armenier geglückt, so daß nur noch das Problem der Kurden übrig blieb, von denen 3 Millionen in der Türkei, im Irak und im Iran ansässig sind und deren Eingliederung eine schwierigere Aufgabe darstellt.
„Spenden Sie auch für das WHW."
Walter und Werner stehen vor der Schranke einer Bahnüberführung. Jedes Auto wird angehalten, das hier halten muß, wenn gerade ein Zug kommt und die Schranke geschloffen wird.
Eben kommt ein ganz schwerer .Horch" vorgefahren. Walter stürmt darauf zu. Ein vornehmer Herr mit einem schweren Pelz dreht die Scheibe ein wenig hrunter.
„Spenden Sie vielleicht auch für bas WHW?"
Der Herr lächelt. „Sieh mal, ich hab' schon die ganze Tasche voll von solchen Abzeichen", sagt er unb zeigt sie.
„Nun ja", erkühnt sich Walter. „Da hinten haben Sie im Wagen so ein Glücksmännchen hängen. Dafür kann genau so gut auch ein WHW.-Abzeichen baumeln."
„Du hast recht!" sagt ber vornehme Herr unb wirft schnell ein blankes Gelbstück in die Büchse.
Schon rauscht der Zug vorbei. Die Schranke öffnet sich. Der Wagen springt an.
Zur ernsten Beachtung.
Das Betreten zugefrorener Flüsse, Teiche und Bäche ist untersagt.
Nach § 297 des Hessischen Polizeistrafgesetzbuches, das insoweit noch gültig ist, dürfen zugefrorene Flüsse, Teiche und tiefe Bäche bei Meidung gericht-
konzert an der Feldherrnhalle. Die Kapelle spielte gerade den Deutschmeistermarfch. Die Luft war wundervoll blau und kühl und frisch wie Wasser. Die Tauben gingen zwischen den Menschen ernsthaft spazieren und flogen dann plötzlich zur Fassade der Theatinerkirche Nnauf. Man mußte sich ordentlich zusammennehmen, um es ihnen nicht nachzumachen. Dann kam Jte.
„Guten Morgen", rief sie, „toll, was! Ein Wetter zum Radschlagen!"
Eine Dame war aus Jte leider nicht zu machen. Aber in „Pygmalion" mußte sie gut sein, dachte Brasky. Als Eliza! Selbstverständlich, das wäre eine Rolle für sie. Er mußte es dem Intendanten mal einflüstern. Brasky kam sich selber wie ber Professor Higgins vor.
Jte trug zu ihrer braunen Haut ein elfenbeinfarbenes Kostüm und einen schmalrandigen Hut. Die schwarzen Augen brannten. Daß das Einfachste eine schöne Frau am besten kleidet, hatte Jte von Elisabeth gelernt.
Brasky war stolz, sich mit ihr zeigen zu können.
Im Laufe des Gesprächs sagte sie, daß ihr ein Berliner Theater das Angebot gemacht habe, als „Tochter des Kunstreiters" zu gastieren. Brasky blieb mitten unter den bummelnden Menschen plötzlich stehen. Sein Ton war tief gekränkt:
„Und das sagst du mir jetzt erst?"
„Der Brief ist heute früh gekommen!"
„Als ob das irgend etwas Gleichgültiges wäre!"
„Ader tu nicht so, ein Gastspiel in Wien wäre mir lieber."
„Weil der Schilling was gilt!"
Jte lachte.
„Nun ja", sagte Brasky, „seit heute steht der Dollar über hundert!"
„Das ist mir wurscht", grollte Jte. „Aber daß die Ottakringer mich mal bewuirdem könnten, daß sie 'n Neid kriegten, alle, die mich früher ausgelacht haben, daß ich 'n Triumph hätt, an richtigen — das möcht ich erleben! Und das möcht ich in Wien erleben, in der alten Kaiserstadt. Wenn du gar so mächtig bist, wie du alleweil glaubst, so laß mich halt in deinem Lustspiel am Burgtheater das Mädel spielen, wie heißt's noch, die mit die geschneckeUen Haar?"
„Aber Jte!"
Sie lachte. Unb sie lachte ein Helles, bezauberndes Lachen, das auch am Burgtheater seine Wirkung nicht verfehlt hätte.
„Na ja!" lenkte sie ein, „daß du immer so gespreizt fein mußt!"
Dann kam Jago Schmid. Weißer Hut, weißei
Gamaschen, dazu sein schwarzer Anzug. Direkt schlank sah er aus. Und weiße Nelke im Knopfloch!
„Jte", rief er, „wie hübsch du bist! Dieses Sonntagswetter paßt zu dir wie angegossen." Er sah ihr in die dankbaren Augen.
„Schade, daß Elisabeth nicht da ist."
Jte stimmte ihm zu. Der Jago Schmid hatte Charakter. Und treue Männer waren selten in ber treulosen Zeit!
Ja, man darf sagen, daß Jago Schmid in diesen Monaten mit sich selbst zufrieden war.
Er besaß sogar einen Brief von Elisabeth, einen fröhlichen Plauderbrief, unb er las ihn immer wieder mit jener unzerstörbaren Wiederholungsfreude, wie sie nur Verliebten eigen ist.
Unb er saß auch ab und zu in Elisabeths ehemaligem Zimmer ber schmalen Jte gegenüber und durste nun von vergangenen Zeiten und von Elisabeth plaudern, wie ihm gerade ums Herz war. Allerdings, Jte hatte viel zu tun — Proben über Proben — unb Brasky lief ihr ständig um die Wege.
Eines Tages fuhr Jggo mit seinem Wagen am , Rande des Englischen Gartens entlang, als sein scharfes Auge Jte Fall, die er hatte ab ho len ‘ wollen, bereits unterwegs auf einem Fußweg er-, kannte. Er stoppte und rief „Hallo", noch einmal „Hallo!" Es dröhnte durch den Sommertag. Soweit Menschen zu erblicken waren, machten sie halt unb schauten. Jte schüttelte den Kopf — bas konnte nur Jago sein — unb überlegte* sich ben kürzesten Weg, denn ungeduldig war er auch!
Sie lief durch ein Rasenstück und kam so auf einen Fußpfad, der sie dem Fahrweg nahebrachte. Er fuhr ihr entgegen — strahlend.
„Aber Jago", sagte Jte, ein wenig außer Atem, ,/bu schreist, oder besser, du brüllst"
Jago hob sie neben sich auf den Vorderpkatz.
Er nickte nur.
„Ja", sagte er, „wie denn?"
„Als ob du ein Viehtreiber gewesen wärst."
„Bin ich, Jte, bin ich gewesen. Daher kann ich das Hallo so gut."
Er trompetete, daß das Motorengeräusch sich verkroch.
„Aber was weißt du davon?"
„Ich? Ich stamme doch aus Ottokring!"
Der Wagen ging mit voller Fahrt.
„Wohin Jte? Wünsch dir was!"
Sie fuhren ins Isartal.
„Du meinst jetzt natürlich auch, daß ich schwindle, aber Stiere ge^rbm nut Die und Allo, das hob ich oft. Spiere, du, fpnnifrf’e Stiere — Ans in den Kampf! Als Bub studierte ich in Toledo. Dann
I von meinem siebzehnten Lebensjahr ab war ich an dem Spanischen Gymnasium in Barcelona, dessen Abitur in Spanien und in Deutschland gilt."
„Aber da gab es doch keine Stiere!" sagte Jte.
„Nein, da nicht mehr. Aber in der Nähe von Toledo. Als junger Bengel bin ich oft in den endlosen Weiden der Mancha gewesen, wo ein Freund meiner Eltern eine Zucht von Stieren hatte, die in ihren besten Exemplaren ausschließlich für die Arena bestimmt waren. Prachtvolle T'ere, mit weitaus- ladenden Hörnern. Da bin ich oft mit den Knechten losgeritten, und so ein schönes, tapferes Tier ein- zufangen ist nicht mal ungefährlich."
Er zeigte lachend seine Handschuhnummer.
„Ohne einen Leitachsen wäre es gar nicht gegangen. Das scheint bei den männlichen Lebewesen so üblich zu sein!"
Jte genoß die Fahrt in frohester Stimmung.
Die Buchen standen im vollen Laub. Die Welt war voll sommerlicher Erwartung.
Schäftlarn glitt vorüber, dann Wolfratshausen.
„In Tölz gibt es eine Weinstube, Jte, da kannst du einen Klosterneuburger trinken."
Als der Wein in den Gläsern blinkte, sagte Jte: „Also, du alter Stierkampfmatador, auf deine Herzallerliebste!" „Elisabeth!" Jago dämpfte seine Stimme zu einem sanften Kantabile.
„Du bist ein seltsamer Mensch", meinte Jte, ..ich alaube zuweilen, du hast einfach zu viel überschießende Kraft. Und dann bläst du immer Troinnete. Dazu kommen deine Peseten, die dich zu dem Glauben verführen, daß alle Schwierigkeiten mit Geld zu lösen wären!"
„Viele. Jte!"
„Gewiß, viele! Die meisten Menschen sind käuflich, und der goldene Schlüssel schließt fast überall. Aber dock nur faft überall."
„Bei dir 3um Beispiel nicht", tagte Jaao.
„Bei mir?" Jte lief eine leise Ritte ins (3: ficht.
„Wir wollen mich aus dem Sviele lassen, Ja"0. Ich bin Schauspielerin, nur Schauspielerin. Wir leben anders als andere Menschen, aber bas versiebst du nicht!"
Als Jago schwieg, fuhr sie fort: „Ober meinst du etwa, ich liebte Brasky?"
„Tutt du es nicht, Jte?"
„Nein, aber ich braune ihn!"
Jago machte eine hilflose (Softe. Er mochte Jte gern, und ihr Geständnis tat ihm vielleicht weher als ihr. Er verstand es nicht ganz. Und dann fuhr ihm vläßlich ein Sttch heiß durch fein Inneres.
„Und Elitabech?" taafe er hilflos.
Jte machte eine ablehnende Handbewegung.
(Fortsetzung folgt!)


