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Nr. 294 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhelfen)

Keitag, 16. Dezember (958

d. 5). der rumänischen Gesamtausfuhr, während die Einfuhr sich auf rund 39 v. $). der gesamten Einfuhr Rumäniens belief. Rumäniens wichtigste Erzeugnisse sind neben Getreide, Gemüse, Jnbusftiepflanzen wie Hanf, Flachs, Raps, Mohn, Zuckerrüben. Tabak, Baumwolle, Hopfen, Sojabohnen, Obst und Wein und Viehfutter. Daneben,ist das Land ungewöhnlich reich an Bodenschätzen, Braunkohlen und Steinkoh­len, an Erdöl und zur Zeit noch nicht genügend erschlossenen Erzvorkommen. Das Streben nach einer schnellen Industrialisierung des Landes hat in den letzten Jahren eine starke Zunahme der Einfuhr an Maschinen, Apparaten und Motoren mit sich ge­bracht, die in den letzten fünf Jahren auf das 3V-- fache gestiegen ist. Daneben gehen Metalle, chemische Produkte, Arzneien, Farben, Lacke usw. in großen Mengen nach Rumänien.

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Nach dem mißglückten Generalstreik ist i n Frankreich Ruhe eingetreten. Der Franc steht auf 177,60 zum Pfund, während er am 25. No­vember seinen tiefsten Stand seit drei Monaten mit 179 erreichte, also die berühmte Daladiergrenze. Das zurückkehrende Vertrauen prägt sich vo? allem M dem Steigen der Staatspapiere aus. Die 3proz. Anleihe stieg z. B. in Paris von 74,l(\am 28. September auf 82,85 am 15. Dezember, die 4 proz. 1918 in der gleichen Zeit von 64,30 auf 83,90, die 4'A proz. .1937 von 124,25 auf 141. Die Verbilligung der Zinssätze und die Verlängerung der Arbeitszeit beginnen sich günstig auszuwirken, aber es wurde auch höchste Zeit, denn die Köhlen- förderung, die erstmalig im Oktober wieder ge­stiegen ist, liegt noch immer unter der Produktion des Oktobers 1937, ebenso die Roheissnproduktion, die im Oktdber 1938 494 000 Tonnen gegen 701000 Tonnen im Oktober 1937 betrug.. Ent­sprechend ist auch die Stahlproduktion aus'512 000 Tonnen gegen 705 000 Tonnen im Oktober 1937 zurückgegangen. Immerhin ist eine Besserung nicht zu verkennen, denn gänzlich unerwartet kam eine Mehrbeschäftigung der Arbeitslosen. Am Ende der 1. Dezemberwoche wurden 367106 Arbeitslose ge­gen rund 368 000 in der Vorwoche gezählt.

Die Lage auf den internationalen Warenmärkten ist uneinheitlich. In Anbe­tracht der hohen Weltweizenernte sind die Preise für Weizen weiter abgerutscht, wenn auch England einen Vertrag mit den USA tätigte, wonach es 20 Millionen Bush eis Weizen abnimmt, also ein Fünftel des dortigen Weizenüberschusses. Die Preis­senkungen für Baumwolle haben weiter angehalten, in Neuyork sank der Preis von 9,06 Cents in der Vorwoche auf 8,95 Cents. Auf dem Wollmarkt herrschen stabile Verhältnisse, dagegen hat sich ange­sichts der geringen Nachfrage die Lage auf dem Kupfermarkt erheblich verschlechtert, während der Kautschukmarkt durch die neue Quoten-Erhöhung beeinflußt wurde. Es stellt sich heraus, daß die neue Quoten-Erhöhung von 5 auf 50 v. H. lediglich auf amerikanische Wünsche zurückzuführen ist, während englische und holländische Kreise einwandten, daß die statistische Lage eine solche Erhöhung nicht recht- fertige.

Witt England einen Handelskrieg?

Als vor einigen Wochen der Unterstaatssekretär im britischen Handelsamt, Hudson, ganz uner­wartet einen Pfeil gegen die deutsche Wirischafts- exx>ansion im Südosten des Kontinents abschoß und dabei nicht unerhebliche Drohungen in der Richtung nach Deutschland vernehmen ließ, Drohungen, die er wenige Tage später in allerdings etwas abge­schwächter Form wiederholte, fand man zunächst keine andere Deutung, als daß Hudson damit beab­sichtigte, die eigene Exportindustrie ein- zu schüchtern. Seit längerer Zeit bemüht sich nämlich das Handelsamt, die englischen Jndustrie- exporteure organisatorisch zusammenzu fassen, um der britischen Handelspolitik die Wege besser ebnen zu können. Offenbar aber konnten 'die eng­lischen Industriellen sich nicht entschließen, ihre libe­ralen Tr-aditionen aufzugeben und suchten weiterhin eigene Wege. Deutscherseits ist man an der Frage der organisatorischen Erfassung des britischen Ex­porthandels völlig uninteressiert, doch kann es uns nicht mehr gleichgültig bleiben, wenn, ähnlich wie es in der Frage der englischen Aufrüstung geschieht, wiederum, diesmal auf dem Gebiet des Außen­handels, das Gespenst einer deutschen Gefahr heraufbeschworen wird, um den britischen Behörden gegenüber ihren, eigenen Landsleuten die Arbeit zu erleichtern.

Hatte man gehofft, daß mit dieser Entgleisung Hudsons die Angelegenheit nun abgetan fei, so hat man sich getäuscht. Nun hat auch der britische Han­delsminister Oliver Stanley in derselben Frage noch einmal das Wort ergriffen und ist gegen den angeblich unfairen Handelswettbewerb der totali­tären Staaten zu Felde gezogen. Er wünscht, daß der Warenaustausch auf internationalem Gebiet sich auf rein kommerzieller Basis abspiele, nimmt daran Anstoß, daß hinter den deutschen Exporteuren die gesamte Staatsmacht stehe und ihnen dadurch die Konkurrenz mit den britischen Exporteuren erleich­tere. Diese Methoden empfindet er als unfriedlich und kündigt einen Handelskampf an, in dem die organisierte Industrie Englands mit den glei­chen Waffen kämpfen werde.

Diese Aeußerungen eines britischen Handelsmini­sters hätte man vielleicht bann verstehen können, wenn die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und England abgebrochen wären oder doch wenig­stens in einem Zustand der Spannung sich befunden hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Seit dem Ab­schluß des deutsch-englischen Zahlungsabkommens sind ernste Bemühungen von beiden Seiten im Gange, die deutsch-englischen Handelsbeziehungen zu beleben und für den deutschen Handel in ge­wissen britischen' Ueberseegebieten Einsubrer- leichterungen zu schaffen. Um diesen Prozeß einer weitgehenden Verständigung zu beschleunigen, hat man die Spitztznoerbünde der Industrien ange­halten, sich a u f direktem Wege miteiffanber zu verständigen, und so haben denn auch vom Juli d. I. an Vorbesprechungen stattgefunden, die auf beiden Seiten einen guten Willen erkennen ließen, so daß man sich mit Recht der Hoffnung hingeben konnte, daß es zu einer weitgehenden Entspannung des deutsch-englischen Wettbewerbs auf allen Welt? Märkten kommen würde: lagen doch schon ganz be­stimmte Pläne für Vereinbarungen über die Preisgestaltung und die Aufteilung der Märkte in der Welt vor, soweit diese vom Handel der beiden Staaten ersaßt waren.

Es ist also ganz unverständlich, wie der berufene Vertreter der englischen Handelsinteressen hier mit einer solchen Rede dazwischen fahren und die gün­stige Atmosphäre wieder stören konnte.' Es kann schließlich auch nicht im englischen Interesse liegen, daß die bisherige Handels- und Finanzpolitik der Engländer einmal vom Gesichtspunkt der Fairneß und ihrer Kampfstellung gegen den Außenhandel anderer Nationen beleuchtet wird. In diesem Falle dürfte England wohl den Kürzeren ziehen. ' Seit Monaten bemüht man sich in London, D ukschland von den Märkten in S ü b oft e ur o p a auszu­

schalten unb das auf bie verschiedenste Weise. Ueber- all werden den kleinen Staaten Kredite angebv- ten, die, man nach ihrer Zweckbestimmung nur p v - lltische Kredite nennen kann. Man will die Bal­lanstaaten zu Schuldnern der Londoner City ma­chen, um einen ffdrEeren Einfluß auf ihre Handels­politik zu gewinnen. Demselben Zwecke dienten ja auch die französisch-englischen Vorratskäufe l,m Frühjahr dieses Jahres, mit denen man be- , Zweckte, den sich günstig anlassenden Handel Deutsch- wnds mit den kleinen Staaten wieder zu stören. : §inen wirtschaftlichen Vorteil hätten dabei die Staaten, denen diese merkwürdigeFürsorge" zuteil I wurde, Dabei nur vorübergehend gehabt, denn die ! Wirtschaftsbeziehungen können nur dann von Dauer i le*n, wenn sie aufder natürlichen Grund­lage des gegenseitigen Bedarfs und I eines vernünftigen Ausgleichs aufgebaut sind. Der Anteil Deutschlands am Außenhandel dieser Staaten ist jedoch unverhältnismäßig viel höher als der Englands ober Frankreichs unb beweist bamit zur j Genüge, baß hier natürliche Beziehungen gege- b e n sinb, bie burch die beabsichtigten Londoner Manipulationen gestört werden sollten.

Die Wohn u'n gsnot hätte niemals ein derar­tiges Ausmaß angenommen, wenn nicht der große ungedeckte Wohnungsbedarf der Syflemzeit dem Dritten Reich als trauriges Vermächtnis hinterlassen worden wäre. Im Augenblick beträgt der Wohnungs­fehlbestand, das ist der Wohnungsbedarf für die gegenwärtig noch nicht in eigener Wohnung leben­den Familien und Haushaltungen, rund 1,5 Millio­nen. Ende 1937 standen im Altreich dem Wohnungs­bestand von 17,8 Millionen Wohnungen eine Haus­haltungsziffer von 19,3 Millionen gegenüber. Für diese 1,5 Millionen heißt es nun Wohnungen schaffen. Aber es gilt auch neue Wohnungen zu schaffen für die Wohnungen, die alljährlich durch Verfall aus­scheiden unb schließlich Wohnungen für bie burch neue Eheschließungen zuwachsenden Haushaltungen. Alles in allem müssen wir nach den genauen Unter­suchungen des Instituts für Konjunkturforschung in den nächsten zehn Jahren rund 4,5 Millionen neue Wohnungen schaffen. Die größten Bauaufgaben liegen in Rheinland-Westfalen, in Ostpreußen, der bis­herigen Grenzmark Posen-Westpreußen, in Mittel- unb Oberschlesien unb in ber Bayerischen Ostmark. Die verhältnismäßig geringsten Bauaufwenbungen ergeben sich vor allem für Südwestbeutschland. In Oberschlesien sinb beispielsweise bie Bauaufgaben, ge­messen am Wohnungsbestanb, runb viermal so groß wie im Donaukreis Hes Laubes Württemberg. Unter ben größeren Städten sind z. B. in Beuthen (Ober­schlesien) rund fünfmal soviel Wohnungen notwendig, um die untersuchten Bauaufgaben zu erfüllen, wie etwa in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden.

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Am 14. Dezember ist ein neues deutsches Devisengesetz erlassen worden, das dm 1. Januar 1939 in Kraft tritt. Es. geht davon aus, daß sich die Wirtschaft an die Devisengesetzgeckung angeschmiegt hat. Deshalb ist an den eigentlichen Beschränkungen und Verboten des Gesetzes vom 4. Februar 1935 unb ben Abänberungsgesetzen mög­lichst wenig geänbert worben, aber bie Vorschriften ergänzenben Inhalts sinb boch so wichtig, baß sie wenigstens im Prinzip hier b angelegt werden müssen. Zunächst ist eine Vereinfachung ber ge­samten Gesetzgebung erfolgt, Dann wird das neue Recht auch auf Oesterreich und das Sudetenland ausgedehnt, womit wir also ein einheitliches De­vise unecht für Großdeutschland erhalten. Das neue Recht ist zur besseren Uebersicht in sieden statt bis­her in sechs Abschnitte eingeteilt worden. Der erste Teil ist durch die Bestimmungen über die Aus- kunftspflicht und den Ausschluß von Entschädi­gungen ergänzt, Abschnitt II behandelt die geneh­migungspflichtigen Handlungen, die neu zusammen­gefaßt werden, und das gleiche gilt für die Maß­nahmen gegen die Kapitalflucht, Geschenksendungen,

In Deutschland ist man durchaus ber Meinung, baß auf allen Weltmärkten bas freie Spiel ber wirtschaftlichen Kräfte sich auswir­ken müsse. Wie das Ottawa-Abkommen mit den britischen Dominions beweist, ist man in London nicht immer der gleichen Ansicht gewesen. Deutscher­seits hat man auch nichts dagegen einzuwenden ge­habt, daß England ebenso wie Frankreich auch weiterhin Handelsbeziehungen mit ben Staaten bes Sübostens pflegen, unb nimmt keinerlei M o - n o p o l ft e (l u n g für sich in Anspruch. Anberseits ist bie deutsche Wirtschaft, bie unter bem Druck von Versailles einen schweren Niebergang über sich er­gehen lassen mußte, genötigt, sich nach ihren eige­nen Crsorbernissen einzurichten, Deutschland muß sich beshalb bas Recht vorbehalten, bie Methoben zu wählen, die ihm allein bie Möglichkeit geben, wie­der auf dem Weltmarkt auftreten zu können, von dem man es agszuschließen vergeblich versucht hatte. Das Recht auf eine solche Teilnahme am Welt­handel wird Deutschland sich auch durch Drohungen eines Handelskampfes nicht nehmen lassen. Cr.

sprechen im wesentlichen der alten Gesetzgebung. Neu aber ist, daß neben Den bisherige/! Devisen­stellen auch die Ueberwachungsstellen unbk die Reichsbank als Organe der Devisenbewirtschaftung gekennzeichnet werden und daß die Genehmigung schärfer ab gegrenzt worden ist. Nunmehr können Termingeschäfte über ausländische Zahlungsmittel oder Forderungen in Auslandswährung gegen in­ländische Zahlungsmittel usw. mit Genehmigung Der Reichsbank oder . einer von ihr bestimmten Stelle abgeschlossen werden. Damit ist eine größere Cinheitlichkeft erzielt worden. Anträge sind un­mittelbar an DieSttzlle für Devisentermingeschäf te bei der Reichsbank" zu richten. Die Genehmigungs- *pflicht ist ferner auch für die llebermeifungen ausge­dehnt worden, die im Inland durch die Poft oder Bank usw. an einen Ausländer ober an einen Inländer zugunsten eines Ausländers erfolgen. Für bie deut­schen Auslandsschuldoerschreibungen enthält die neue Devisen Ordnung keine besonderen Bestim­mungen mehr. Für die Nummernanzeige der Wert­papi erhändler ist eine Vereinheitlichung erzielt worden. Die Verfügung über Anteile an auslän­dischen Unternehmungen, auch wenn sie zugunsten von Inländern erfolgt, bedarf der Genehmigung.

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Die Regelung des deutsch-rumänischen Handelsverkehrs für das neue Jahr geht von der Tatsache aus, daß wir. noch stärker als bis­her rumänische Agrarerzeugnisse aufnehmen können, wofür wir dann wieder Fertigwaren liefern. U. a. hat sich Rumänien auf deutsche Veranlassung Dem Anbau von Sosabohnen zugewanDt. Die englischen unb französischen Wirtschaftsdelegationen, die Ru­mänien mit ihren Untersuchungen bedachten, haben in der Praxis keinen Erfolg gehabt. Die vor allem von den Engländern und Franzosen nach amerika­nischem Vorbild verkündete Phrase vomfreien Wirtschaftsverkehr" ist glatt zusammengebrochen, denn gerade Rumänien hat, wie andere Ueberschuß- länder, ein Lebensinteresse an festen Kontingenten und festen Preisen, Bedingungen, die nur bie devisen- schwachen Länber bieten können. Bezeichnenb bafür ist, daß ber rumänische Handel mit devisenschwachen Ländern im dritten Vierteljahr 1938, also noch vor der neuen deutsch-rumänischen Regelung, auf 47,3 gegen 38,3 v. H. her gleichen Zeit des Vorjahres zunahm unbDer Verkehr mit Den beoifenftarfen Ländern, also mit Frankreich, En glaub usw. von 39,8 auf 34,8 v. H. gesunken ist. Rumänien hatte ver­sucht, mit den devisenstarken Ländern engere Be­ziehungen anzuknüpfen. Daß diese Beziehungen nicht zu Erfolgen führten, lehrt die rumänische Han- delsstatistik. In den ersten neun Monaten 1938 be­trug die rumänische Ausfuhr nach Deutschland 25.

Wie sieht es in der Wirtschaft ans?

Auswanderungen usw. Die übrigen Abschnitte ent-

Die Begegnung.

Don G. Will neky

Der Wintertag schimmerte wie Porzellan, als Biron, Herzog von Kurland aus ber Verbannung zurückkehrte. Vor bem flingenben Dreigespann lag wie ein glitzernder Strich die frostharte' Straße, durch Wälder und schneeverwehte Dörfer geradezu in die gläserne Bläue des Himmels führend. Von den blanken Kufen des Schlittens spritzte der Schnee; in einer weißen Wolke ritten dahinter die Kosaken. Ihre kleinen Pferde dampften und wur­den weiß vor Reif, und sahen wie eisgraue, zottige Ungeheuer aus.

Der Herzog lag, in Pelzdecken eingehüllt, auf dem Rücken und blickte hinauf in ben wolkenlosen Him­mel. Hinter ihm, im Osten entschwand die sibirische Schneewüste. Urwälder, aus denen nur kurze Wo­chen im Jahre der feuchte Brodern eines nördlichen Frühlings steigt; weglose Moore, die die Nacht dem Auge verbirgt. Aber seine Gedanken kehrten immer wieder zurück zu der Hütte am Rande der großen 'Sümpfe.

Euer Hochwohlgeboren, der Palast hier ist schon für den Nächsten vermietet", hatte bei der Abfahrt ein Kosak gelacht.Auf Lebenszeit!" Wev war der Unglückliche?

Als Biron vor zwei Jahren in fein Gefängnis eingezogen war, hatten in den Nächten die Wild­gänse geschrien, langgezogene, wilde Schreie 'der Freiheit, und ihr Flügelrauschen war wie der Süd­wind über die Hütte gezogen. Dann war der Win­ter gekommen: Kälte und Schnee drangen durch die Ritzen der Hütte, durch Pelze und Kleider und zehr­ten am Mark. Vor den Fensterluken aber starrten tagaus, tagein die vereisten Planken des manns­hohen Bretterzaunes ...

Es war Miinnich, sein Feind, ber bieses Gefäng­nis ersonnen und mit eigener Hand gezeichnet hatte. Miinnich, der ein Deutscher war, wie er. In ben ßeibenstagen war es Biron schmerzlich zum Be­wußtsein gekommen, baß nur bieser eine Mann, ben seine Solbaten ben beutschen Falken nannten, ihn hatte stürzen können. Anbere Feinde hatte er hie zu fürchten gebraucht: ber stolze kurländische Abel, ber ben Glücksritter nickt als seinesgleichen anerkennen wollte, hatte ben Günstling ber Zarin zum Herzog wählen müssen; er würbe allmächtiger Regent, des fremben Reiches; er sah schon seinen Sohn auf bem russischen Thron, ba vernichtete ihn Miinnich in einer Nacht.

Der Herzog hatte in Sibirien Zeit gehabt, nach-

zubenken. Ein Hassender zuerst, besten Seele krank war vor Rachsucht und Ehrgeiz, durchgrübelte er nächteland sein Schicksal. Grausam erfaßte ihn da­nach bitterste Reue und Erkenntnis der eigenen Schuld; bis er die Demut lernte und das lieber« winden. Er büßte von da ab das Verschulden sei­nes Lebens. Und jetzt sah er auch den Teil der Schuld, der nicht bei ihm lag und nicht bei Mün- nich: cr erkannte das Schicksal, daß Rußland ihnen, den Fremden, aufzwang. Er sah, wie dieses Land, dieser ungeformte Koloß, die Besten seines Volkes an sich zog. Männer mit Tatendrang unb Aben­teuerlust, bie ein Kraftfeld suchten: wie es bie einen zur Macht erhob und bann in Erniedrigung stürzte und die anderen verdarb und verleitete, daß sie sich gegenseitig zerfleischten. Er sah auch, daß dieses Reich, das unter Strömen von Blut geboren wurde, sich seinen Schöpfern immer wieder entwand, ein gestaltloses, ungestaltbares Chaos.

Jetzt, ba Biron in bas europäische Rußland zu­rückkehren durfte, empfand er kaum Freude. Ein schmerzliches Gefühl schnürte ihm die Kehle zusam­men. Er hatte zum ersten Male Sehnsucht nach seiner Heimat.

Das Dreigespann jagte durch ein Dorf. Hunde­gebell schreckte den Herzog aus seinen Gedanken auf. In der Ferne' wurden goldglänzende Zwiebel­türme sichtbar. Biron richtete sich auf und blickte der Stadt entgegen.

Auftder Straße, die in weitem Bogen aus dem Häusergewimmel herapslief, fuhr ein Schlitten auf das herzogliche Dreigespann zu. Hinter dem niede­ren Bauernschlitten sah Biron blanke Kosakensäbel in der Sonne blitzen.

Ein vornehmer Verbannter, dachte der Heimkeh­rende: die anderen, die armen Teufel, treibt man wie Vieh- über die weiten Straßen. War das sein Nachfolger? Der Unglückliche, für ben die Hütte im sibirischen Moor schon bereit stand? Der Herzog schauderte: auf Lebenszeit!

Das Dreigespann hielt vor dem entgegenkommen­den Zug; die Straße war schmal, und zu beiden Seiten türmten sich meterhohe Schneewälle auf. Die Schellen schwiegen: nur die Glocken am Krumm­holz klingelten leise über den unruhig stampfenden Pferden. Der Heimkehrer wartete, gab den Weg frei bem unglücklicheren Leidensgenosten.

Jetzt war der Schlitten ganz nahe. Herrgott, das war doch... '

Biron wollte aufspringen, wollte schreien: Fahr zu, Kutscher, dem da gebe ich ben Weg nicht frei... Der alte Haß brach in ihm auf, schüttelte chn rote im Fieber. Der anbere roar Münnich.

Triumph, Triumph ... schrie ber Haß, dein Feind ist gestürzt! ... Aber nur ein heiseres Stammeln kam über die Lippen des Herzogs. Während ein bestürztes Erkennen sich in den abgehärmten Zügen des anderen malte, erlosch in Birons Augen das böse Funkeln. Er sah in das blosse, edle Gericht des Feindes, das nun wieder ruhig und beherrscht ihm cntgegenblirftc, tznd eine unwiderstehliche Macht, die stärker war als der alte, unversöhnliche Haß, zwang seine Hand an die hohe ^Pelzmütze. Schwei­gend entblößt er vor dem gefallenen Gegner fein Haupt. Schweigend zog auch ber andere ben Hut. Dann war ber Schlitten vorüber... Ein Glanz lag auf Birons Gesicht, als bas Dreigespann anzog.

Wortlos starrten bie Kosaken ber beiden Züge einander an, und während,sie in ein Gekreisch ver­fielen, jagten schon die Schlitten in entgegengesetzter Richtung davon: Münnich in die großen, einsamen Sümpfe, in die Hütte, die er einst für Biron ge­baut hatte, und der Herzog zurück ins Leben, um sich sein kurisches Land wieder zu erkämpfen.

Lichtspielhaus:

OaS Beriegercheitskind.^

Der Ruhm des mit hohen P-ädikaten ausgezeich­neten LustspielsWenn wir alle Engel wären" hat offenbar die Hersteller dieses Films nicht ruhen lassen. Auch hier ist der Schauplatz an Der Mosel, auch hier werden die Gurgeln geschwenkt, daß es eine Lust ist, auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt, auch hier geht es sehr viel irdischer und menschlicher als engelmäßig zu.' Die Geschichte mit dem hin- und zuruckverkautten Weinberg und dem aus Geldverlegenheit erfundenen Kinde, Das einer Aussteuer bebarf, weil es angeblich inzwischen zur Jungfrau erblüht ist, hat es in sich. Der Spielleiter Peter Paul Brauer hält die Sache bis zum letzten Augenblick so in ber Schwebe zwischen saf­tigem Schwank und herzhaftem Volksstück, daß die Leute ihren Spaß daran haben. Es wird auch auf ber ganzen Linie so animiert gespielt, wie das bei so viel leeren Gläsern unb Flaschen nicht anders »u erwarten war. Ida Wüst auf franffurterifrf), schwankend zwischen Ausbrüchen ehelichen Zorns und mütterlicher Herzlichkeit; Ludwig Schmitz (wir sahen -ihn zuerst inUrlaub auf Ehrenwoxt") mit einem herrlichen rheinischen Mundwerk und einem ansteckenden Gelächter; Joses Sieder (wir kennen ihn aus derMordsache Holm"), Paul Klinger, ÜR^ria Paud 1 er, Hilde Schnei« ber und alle übrigen sind ebenfalls merklich in Moselstimmung. Das Drehbuch schrieben Franz

Rauch und Ottokar V o m h o f, dessen Lustspiel Sm Rebeloch rumorts" vor einiger Zeit hier auf bem Theater einen hübschen Erfolg hatte. (Ufa.)

Das Beiprogramm bringt bie neue Wochenschau Der Tobis, einen interessanten Farbenfilm mit sehr schönen Aufnahmen seltener Meerestiere, außerdem einen Vorspann zu denZwei Frauen".

' Hans Thyriot.

Zeitschriften

Reichhaltige Beiträge geben dem Weihnachts­heft von Westermanns Monatsheften" fein besonderes Gepräge. Sudetendeutsche Volks­kunst wird in einem Aufsatz über Hinterglasmalerei, Dem viele buntfarbige Abbildungen beigegeben sind, lebendig. Eine Weihnachtserzählung von Heinrich Eckmann verdient Beachtung. Mit vielen Abbildung gen ist ein Beitrag über deutsche, Spielkarten ge­schmückt, eine volkskundliche Sinndeutung Dafür, daß in verschieDenen Gebieten Des Deutschen Reiches ver­schiedene Kartenbilder gebräuchlich sind. Mit bem GasthausZur guten Hoffnung" von Wilfried Wroost beginnt ein neuer Roman. Eine Erzählung von Hermann Eris Busse und eine Darstellung von der ersten ^Begegnung des Kindes mit bem Leben beschließen mit noch anberen anregenben Beiträgen biese Dezemberfolge.

Hochschulnachnckten.

Der nb. ao. Professor Dr. Wilhelm Kromp- Hardt in M ü n st e r wurde unter Ernennung zum Extraordinarius auf den Lehrstuhl für Volks­wirtschaftslehre in R o ft o ck berufen. SUne Ar­beiten betreffen Wirtschaftstheorie und Konjunktur­forschung.

Dem Dozenten Dr. nhib habil. Oskar Vierling in Hannover wurde dje von ihm bisher anf- tragsroeife verwaltete Dozentur für das Fach Hoch­frequenztechnik endgültig übertragen. Pg. Vierling hat sich bisher hauptsächlich mit Elektroakustik be­schäftigt. Er ist durch seine elektrischen Musikinstru­mente und durch bie Errichtuna von Großlautspre- ckeranlagen bei Parteiveranstaltungen, wie den NS.-Kampfspielen in Nürnberg, bekannt geworden.

Der Studienrat, Dr. Alfred Simon, der akttr» im Stabe ber SA.-Gruppe Sachsen tätig ist, ist 3um planmäßigen außerorbentlichen Professor Der Deut­schen Spreckkunde und Svrachpflege, sowie zum Leiter ber Abteilung für Sprecherzieher des Insti­tuts für praktische Pädagogik ber höheren Schulen an ber Universität Leipzig ernannt worben.