m.24l Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
5reitag, 14. Oktober (958
VonKaldMMHM-Velisha.
Von unserem Dr. A.-Korrespondenien.
London, 12. Oktober 1938.
Auf die überschäumende Begeisterung über die Bewahrung des Friedens durch die Münchner Vier- mächtekonferenz ist in England die Atmosphäre des nüchternen Alltags gefolgt. Schon die Parlamentsaussprache der vergangenen Woche ließ erkennen, daß die wichtigste Lehre, die das politische England aus der Krise gezogen hat, sich in die Worte zusammenfassen laßt: Nur der Starke kann darauf rechnen, seine Ziele ohne die praktische Anwendung seiner militärischen Machtmittel zu erreichen. Deshalb klang die Parlamentsaussprache, aus in der Doppelforderung nach einer Zusammenfassung aller politischen Kräfte des Landes und nach einer Beschleunigung und, sofern nötig, einer Ergänzung und Verstärkung des Auf- rüstungsprogrammes. Es ist nur natürlich, wenn man bei Betrachtung des zweiten Punktes zuerst an die Lücken dachte, die die Generalprobe der letzten Wochen für jedermann hatte sichtbar werden lassen, d. h. an die Rückständigkeit der Maßnahmen für den Schutz der Zivilbevölkerung geaen feindliche Fliegerangriffe.
Aber es war auch nicht überraschend, wenn schon so kurze Zeit nach Abebben der Krise der Kriegsminister Hore-Belisha dem eigenen Lande und der Welt Kenntnis gab von dem Neuaufbau, dem die Territorialarmee mit möglichster Beschleunigung unterworfen werden soll. Denn diese Territorialarmee, die, wie schon ihr Name sagt, in erster Linie dem Schutz des heimischen Territoriums dienen soll, ist seit dem Jahre 1935 mit der Aufgabe betraut worden, die Flugabwehr vom Boden aus für das ganze englische Mutterland zu übernehmen. Die Reform, die der Kriegsminister angekündigt hat, geht aber weit über den Rahmen einer bloßen Beschleunigung und Er- aänzung des Systems der englischen Flugabwehr hinaus. Sie ist nicht mit Unrecht in englischen Pressestimmen mit der Heeresresorm Lord Haldanes vom Jahre 1906, in der die Territorialarmee geschaffen und an die Stelle der veralteten Freiwilligen- und Milizformationen gesetzt wurde, verglichen worden. Aehnlich wie vor dieser Reform hatte sich auch in den Jahren seit dem Weltkriege die Kluft, die hinsichtlich Ausbildung, Ausrüstung und Kriegsbereitschaft zwischen dem aktiven S) e er e und der aus Zeitfreiwillige^ bestehenden zweiten Linie der Wehrmacht bestand, fortgesetzt verbreitert und vertieft. Während das aktive Heer den Lehren des Krieges entsprechend mit neuen Waffen ausgerüstet, mechanisiert und motorisiert und in neuartige Verbände gegliedert wurde, blieben die Divisionen der Territorialarmee, sowohl was ihre Organisation wie die Ausrüstung und Ausbildung anbelangte, im wesentlichen auf dem Stande von 1918 stehen. Auch die Betrauung mit der Verantwortlichkeit für die Flugabwehr berührte bisher nur zwei Divisionen.
Die von Hore-Belisha angekündigte Reform stellt nun eine Wendung dar. Auf der einen Seite werden die für die Flugabwehr verfügbaren Kräfte erheblich v e r st ä r k t. Zu den bisher bewilligten zwei Luftabwehrdivisionen werden drei weitere treten, die im nächsten Jahre eine Mannschaftsstärke von rund 90 000 Mann erreichen sollen. Das ist, soweit sich übersehen läßt, eine rein mengenmäßige Verstärkung, wobei allerdings berücksichtigt werden muß, daß auch eine beschleunigte Ausrüstung der Luftabwehrdivisionen mit modernen Abwehrkanonen * und verbessertem Scheinwerserund Horchgerät vorgesehen ist. Viel wichtiger aber ist die Ankündigung des Kriegsministers, daß auch die verbleibenden Formationen der Territorialarmee eiae weitreichende Reorganisation durchmachen sollen, die sie zu einer vollwertigen zweiten Linie hinter dem stehenden Heere umgestalten soll. Vollwertig wenigstens in bezug auf Organisation und Ausrüstung, wenngleich nicht im Ausbildungsstand. Denn darin können ihre nur wenige Wochen und Wochenenden im
Jahre dienenden Zeitfreiwilligen mit langjährig ausgebildeten Offizieren und Mannschaften des Berufsheeres nicht in Wettbewerb treten.
Allerdings macht man in englischen militärischen Kreisen auch in dieser Hinsicht einen Vorbehalt. Die Motorisierung und Mechanisierung hat im aktiven Heere sich an der Schwierigkeit gestoßen, daß dieses sich vorwiegend aus der ländlichen Bevölkerung rekrutiert, die den hohen Anforderungen an das technische Verständnis jedes einzelnen Soldaten, die sich aus der Entwicklung der Waffentechnik und der modernen Taktik ergeben, nicht immer voll gewachsen ist. Für die reorganisierte Territorialarmee hofft man aber anscheinend, t e ch- nisch interessierte und vorgebildete Kräfte aus der Arbeiter- und Angestelltenschaft zu gewinnen, die auch bei verhältnismäßig kurzer rein militärischer Ausbildung mit den modernen Kriegsmaschinen umgehen können. Allerdings wird das eine sehr beträchtliche Aenderung in der personellen Zusammensetzung der Territorialarmee voraussetzen, in der heute die kaufmännische Angestelltenschaft und die Akademiker eine vorherrschende Rolle spielen. Man hofft aber anscheinend in den großen Rüstungsaufträgen ein gewisses moralisches Druckmittel auf die Industrie zu haben, um sie zu veranlassen, ihrem technischen Personal den Eintritt in die Territorialformationen reizvoll zu machen. Wie im einzelnen die Durchführung des neuen Hore-Belisha-Programms in der Praxis vor sich gehen wird, muß abgewartet werden. Schon heute weisen Pressestimmen darauf hin, daß geraume Zeit wird vergehen müssen, bis die Industrie in der Lage sein wird, das notwendige Kriegsmaterial für drei vollmotorisierte und neun normale Infanteriedivisionen und die reichlich bemessenen Zusätzlichen Formationen zu liefern. Die von Lord Baldwin geforderte Mobilmachung der englischen Industrie unter Zurückstellung rein wirf- schaftlicher Erwägungen wird wohl eine notwendige Voraussetzung für eine rasche Sicherstellung der materiellen Seite des Reformprogramms sein.
Mittlerweile läßt dessen Gestaltung aber bereits interessante Schlüsse auf die ihm zugrunde liegen-
'den strategischen Auffassungen zu. Wenn man bisher aus der Betonung der Luftabwehraufgabe der Territorialarmee und aus der Vernachlässigung ihrer übrigen Formationen den Schluß ziehen konnte, daß England den Gedanken auf die Entsendung größerer Landstreitkräfte nach dem europäischen Festlande im Kriegsfall aufgegeben habe und sich auf eine Mitwirkung in der Luft und zur See zu beschränken beabsichtige, so läßt sich diese Annahme heute kaum mehr aufrecht erhalten. Niemand rechnet mit der Möglichkeit einer Invasion in England. Für Kolonialkriege kommt die Territorialarmee nicht in Frage, werden außerdem auch so starke, schwerbewaffnete und motorisierte Streitkräfte nach menschlichem Ermessen nicht benötiat. Die Schaffung dieser mit allen modernen Angriffsund Abwehrwaffen ausgerüstete Armee zweiter Linie deutet also darauf hin, daß der Gedanke einer neuen „(kxpeditionary Force" im Falle eines europäischen Krieges wieder ernsthaft erwogen wird, auch wenn dieses Expeditionsheer natürlich eine andere Form annehmen würde als 1914 und wenigstens vorläufig kaum daran gedacht wird, wieder Millionen von englischen Soldaten auf europäischen Schlachtfeldern sich verbluten zu lassen.
Gerade aber im Hinblick darauf, daß offenbar beabsichtigt ist, die Territorialarmee wieder zu einem wirklich zeitgemäßen militärischen Instrument zu machen, das im Kriegsfälle in verhältnismäßig kurzer Zeit neben das reguläre Heer treten könnte, erscheint der Vergleich mit der Heeresreform Hal- danes von 1906 gerechtfertigt. Es ist die Wiederholung des gleichen Vorganges in einer den veränderten Zeitoerhältnifsen angepaßten Form. Paradox erscheint nur, daß dieser Uebergang zu einer im tiefsten Grunde offensiven Strategie in einem Augenblicke angekündigt wird, da durch das Abkommen von München, wie der Führer auch in Saarbrücken noch einmal unterstrichen hat, eine territoriale Neuordnung in Europa geschaffen worden ist, durch die die Voraussetzungen für einen neuen Krieg auf absehbare Zeit aus der Welt geschasst sein sollten.
Ingrid Larssen das glücklichste Ehepaar sind. Eine Schilderung der Begrüßungsszene erübrigt sich demnach.
Dann beginnt aber sofort Herbert Jägers „Abendprogramm". Während Ingrid Larssen-Jäger Zigaretten bringt, fängt es in der Küche nebenan zu prutzeln. Verführerische Düfte steigen auf ...
„Ja, mein Mann kocht nicht nur mit Leidenschaft, sondern auch phantastisch. Ich habe' schon mächtig viel von ihm gelexnt", meint die junge Frau, die in einem Berg von Zeitungsausschnitten kramt und mit berechtigtem Stolz auf die lobenden und begeisterten Pressestimmen über ihr Spiel hinweist. Mit Ernst spricht sie von ihrer Kunst.
Ingrid Larssen, Tochter eines bekannten Komponisten, sollte zuerst Modezeichnerin werden. Die praktische Durchführung dieses Vorsatzes dauerte ganze acht Tage. Da kam das erste Engagement auf Der Bühnen sch au eines Lichtspieltheaters und somit das erste berufliche Auftreten. Schon nach der Schulentlassung hatte sie ihr Musikstudium, am gleichen Konservatorium wie Herbert Jäger ausgenommen und auch schon mit 17 Jahren ihr erstes Konzert im Beethovensaal gegeben. Ihr Start in die Oeffent- lichkeit war damals recht backfischmäßig: Im Laufschritt und mit fliegendem Atem betrat sie die Bühne. Wenn sie auch heute in gemäßigterem Tempo die Bretter betritt, so hat sie erfreulicherweise nichts von ihrer Quicklebendigkeit eingebüßt.
„Ich muß Ihnen was von Herbert zeigen." Ingrid Larssen holt eine Holzschnitzerei herbei: Der Kopf von Herbert Jäger, modelliert von einem Puppenfchpitzer aus dem Erzgebirge während des „Allerlei" und in Dankbarkeit dem Künstler gewidmet. Als Vorlage hatte dem Erzgebirgler lM^lich eine Karikatur in der Zeitung gedient.
Herbert Jäger hat indessen die Kartoffeln aufgesetzt und fünf Minuten Urlaub von seinen ,^)aus» frauenpflichten". Schnell bringt er einen Kasten herbei, hebt den Deckel auf. „Das ist ein Klavichord, eine Mischung von Cimbal und Zither ungefähr, das mir ein Berliner Bastler verehrt hat. Als ich es erhielt, war meine Frau gerade im Krankenhaus. Da nahm ich dann zu meinen Krankenbesuchen das Bastlerinstrument mit und spielte Ingrid etwas vor. Den Spender habe ich nie zu Gesicht bekommen, auf mein Dankschreiben aber schickte er mir eine selbstbesprochene und gleichzeitig selbstgeschnittene Blatte, da er „nun einmal nicht von den akustischen Spielereien lassen könnte".
Vergoldete Lorbeerkränze in Künstterheimen sind nichts Seltenes. Aber der Aufdruck auf der Schleife macht mich doch stutzig: Sudetendeutsches Wunschkonzert. Bodenbach, 11. März 1938. Dazu zeigt Herbert Jäger eine künstlerisch gebundene Mappe mit Widmung und Bildern „aus dem schönen Elbetal". Das „Allerlei" des Deutschlandsenders war übrigens eine von den ganz wenigen deutschen Sendungen, die in der Tschecho-Slowakei gehört werden durften. Herbert Jäger freut sich schon auf das Wiedersehen mit den nunmehr heimgekehrten Brüdern und seinen Freunden in Sudetendeutschland, die ihn wie einen König damals begrüßten- und ebenso verabschiedeten. Auch in Rumburg, Gablonz und Warnsdorf hat Herbert Jäger auf Anforderung der SDP. gespielt.
Dann sprechen wir noch von den weiteren Plänen, die beide geschmiedet haben. Ingrid Larssen, deren Tag mit der Ausübung der gern übernommenen Hausfrauenpflichten, mit Heben, Erledigung der vielseitigen Korrespondenzen, Telephonaten ausgefüllt ist, wird wieder außer den Rundfunksendungen mit Konzerten, Reisen, Schallplattenaufnahmen beschäftigt sein und u. a. Werke „ihrer" Komponisten Dressel, Kaun, Buncke, spielen. Dann aber auch besonders die ihres ureigenen Komponisten — ihres Mannes Herbert Jäger. Mit ihm zusammen wird man sie auch in Konzert und Rundfunk hören und sehen.
Wir freuen uns schon jetzt auf das erfte diesjährige Wunschkonzert des W H W., das am 16. Oktober die Reihe dieser Veranstaltungen eröffnet. Und wir freuen uns mit allen deutschen Menschen, daß diesmal 3% Millionen Volksgenossen mehr daran teilhaben können, denen es in ihrer deutschen Heimat Sudetenland bisher verwehrt war. TI.
Ein Besuch beim „Jäger aus Kurpfalz"
Zum ersten Wunschkonzert des WHW. am 16. Oktober. Herbert Läger erzählt von seinen Erlebnissen im Sudetenland.
Ein kleines Fenster eröffnet den Durchblick vorn Plattenspielraum zum technischen Raum, der ge- wifsermaßen die Blickschleufe zum Senderaum 7 im Berliner Funkhaus ist. Durch diese zwei Fenster hindurch sehe ich Herbert Jäger und erlebe gleichzeitig aus dem großen Lautsprecher' neben mir akustisch feine Tätigkeit. „Schallplattenhei n r i ch" — so wird Opitz im ganzen Hause genannt, vom Reichssendeleiter bis zur Putzfrau — gibt Herbert Jäger mit Gesten und Mienenspiel Zeichen: „Ach, er hat sich wieder mal so reingespielt, daß er alles um sich vergißt. Schon zehn vor drei, und noch eine große Platte zu spielen!" Aber pünktlich wie zu Beginn, auf die Sekunde, ist das Programm erledigt. In drei Jahren gemeinsamer Tätigkeit haben sie „den Bogen spitz gekriegt". Das „Allerlei von zwei bis drei" ist beendet. Aus dieser Sendung wie aus dem „Sonntagmorgen ohne Sorgen" und aus den Wunschkonzerten des W H W., deren musikalischer Leiter er ist, kennen Herbert Jäger Millionen von Rundfunkhörern in der ganzen Welt.
Während wir dann gemeinsam im Autobus 18 zu seiner Wohnung fahren, erzählt Herbert Jäger von seinen Konzertreisen durch Deutschland und ins Ausland. Auf drei Weltreisen hat er seine Kunst überallhin getragen. Er spricht dann von seinem Entwicklungsgang als Künstler. Seine erste „virtuose" Leistung war, daß er im Alter von drei Jahren glockenklar schon das nachpfeifen konnte, was der Vater auf dem Flügel spielte. Mit vier Jahren spielte er dem Vater schon einwandfrei die Melodien nach — „und nicht nur mit einem Finger". Mit
fünf Jahren erhielt er planvollen Unterricht, und als noch nicht ganz Siebenjähriger trat er als „Wunderkind" auf, ohne — wie fein Weg zeigt — das Schicksal so vieler anderer „Wunderkinder" geteilt zu haben und im Alter der eigentlichen künstlerischen Reife von der Bühne der Kunst abgetreten zu sein. Herbert Jäger sollte Lehrer werden und kam ins Internat. Die Zeugnisse des Friedrich- August-Seminars zu Dresden wiesen jedoch im Betragen immer schlechte Noten auf. Er schwänzte dauernd und hockte an der Schulorgel. „Da türmte ich", schmunzelt Jäger, „nach Berlin,' und überhaupt wollte ich kein .Pauker' werden." Er lebte als Gast auf Schloß Wiesenburg und besuchte das jetzige „Konservatorium der Reichshauptstadt Berlin".
Die folgenden Zeiten waren mehr als abwechslungsreich. Theaterkapellmeister, Komponist von Filmmusiken, zwischendurch Musiker in Kaffeehäusern, Konzertreisen in die ganze Welt, Schmierenmusikant, aber immer ein Ziel im Auge: Konzertkünstler. Seit 1934 ist er beim Rundfunk.
Wir sind im Südende angelangt. Zu einer Garageneinfahrt führt der Weg. Herbert Jäger spitzt den Mund zum Pfiff: „Ein Jäger aus Kurpfalz ..." — „Da, wo dran steht ,Eingang verboten', da wohnen wir!" Wie, wir? Ach so, ja, Herbert Jäger ist ja junger Ehemann. Da wird auch schon die Tür aufgerissen, und vor uns steht — Ingrid Larssen, die blonde jüngste Meisterin des Saxovhons. Im Funkhaus, in dem großen Kreise der Freunde, Bekannten und Berufskameraden ist nicht nur ihre Uebereinftimmung in den Dingen der Kunst bekannt, sondern auch, daß Herbert Jäger und
Brisling im Fjord.
Von per Schwenzen.
Stavanger, im Oktober.
Ein Sprichwort, das sich leider nicht jedem veranschaulicht, besagt, daß das Geld auf der Straße liegt. Manchmal liegt es auch im Wasser.
Es ist nicht mehr als fünfzig Jahre her, feit die ersten Brislingschwärme in Büchsen gelegt wurden, die damals noch verlötet wurden. Aus diesem „Handwerk", das nur für den Schiffsprooiant der Handelsflotte gedacht war, entwickelte sich in einem kurzen Menschenleben die Haupttndustrie des Landes. Die Stadt Stavanger mit ihren etwa 40 000 Einwohnern hat heute über 70 Hermetikfabriken aufzuweisen.
„Brisling im Fjord." Das ist wie ein silberner Klang aus der Tiefe, lieber diesen blitzenden Schwärmen, die durch das Glasgrün der Fjord- tiefen jagen, steht ein Glanz von Geld und Freude. Die Fischerflotten schwärmen aus, überall in den bunten Buchten knattern Motoren, Pfeilen Ruderboote, denn die Fabriken zahlen für den „zarteren Brisling viermal so viel als für „Smaafild" (Junghering).
Wenn die Kutter der Einkaufsgenossenschaften aus Bergen oder Stavanger hochbepackt mit Fischkästen den Fjordwinkel verlassen, dann schmunzeln ein paar wetterfeste Seebären in Sogne oder Ha^ banger und rechnen aus, daß die Fanggeräte sich demnächst amortisiert haben werden.
Der Disponent ruft an. „Heute haben wir Rohstoff", sagt er, „wenn Sie mal sehen wollen, wie eine Armee, die gestern noch sechs Fuß unter Wasi fer stand, in Oel gelegt wird, bemühen Sie sich her. Ich erwarte Sie im Büro."
Die erste Sensation war der alte Jngebretsen. Er ist das Faktotum der Fabrik. Was Jngebretsen auf drei Meter Abstand erspäht, sehen andere auf dreihundert — wer Jngebretsen etwas mitteilen will, muß ein geborener Lautsprecher sein — ja, Jnge- aretsen läßt nach, was die grobe Maschinerie an- betrifft — aber die Zunge, die Zunge!
„Ja, Herr Direktor, meine alte Zunge!" sagt Jngebretsen und steckt bedächtig das Holzstäbchen n eine der vier Dosen mit Tomatenpüree, die auf frem Diplomaten des Herrn Disponenten stehen. Langsam zieht er das Stäbchen über das unfehlbare Organ des Wohlgeschmackes. Gespannt hängen die Augen der gesamten Werkleitung an diesem entscheidenden Vorgang, denn es gilt, eine besonders ge-, ngnete Zutat für ein Fabrikat zu wählen. „Gut im 1
Aroma, ein wenig auf herb gestimmt, nicht so intensiv in der Fruchtsüße, aber für die besondere Komposition geeignet. Ich empfehle Sorte drei." „Besten Dank", schreit der Disponent, Jngebretsen zieht seine Zunge ins Futteral zurück, und wir werden im Hintergründe unserer Bescheidenheit entdeckt. —
Der Rundgang beginnt. In den flachen Holz- kästen, ben „Skepps, wandert dep „Rohstoff" von Bord der Motorkutter, die am Kai der Fabrik liegen, in die Produktionssäle. Ein Schwarm, der vor ein paar Tagen noch durch die Tiefen jagte, umzirkelt, eingeschnürt und nach drei Tagen Netzhaft gehoben, in tausend Kästen eingesargt, das ist der Rohstoff, der im Lause eines Tages alle Stadien bis zur ettkettierten Dose durchwandert.
„Gestern noch in Meerestiefen, Heut' im Oele der Oliven, Morgen schon im Lagerraum..."
Zuerst wird die Silbermasse der fingerlangen Fische gewaschen und gelakt, dann wandert sie durch die geistreichen Pfade einer modernen Transportanlage auf die Arbeitstische der kleinen Arbeiterinnen, die mit weißen Hauben und hohen Stiefeln einen Trachtenquerschnitt von Holland bis Rußland vermitteln... Diese slinkfingerigen Mädchen stellen blitzschnell ganze Kompanien Brislinge auf den Kopf, in die Löcher einer listigen Maschinerie, und' jagen der tadellos ausgerichteten Reihe einen perfiden Drahtstab durch die Köpfe. Die Aufgereihten werden in Rahmen gehängt, die Rahmen wandern in die Räucherei.
Kammer an Kammer, wie die Spinde einer Kaserne, liegen die Rauchöfen. Die Fischrahmen werden 45 Minuten in den Rauch der glimmenden Scheite gelegt und haben Muße, sich der Entwicklung ihres Aromas hinzugeben. Viels Rahmen stehen und warten auf ein freies Ofenplätzchen. Die Front der blitzenden Fischleiber wirkt im Scheine des elekrischen Lichtes täuschend wie eine aus Metallzungen gefertigte Heizkörperverkleidung.
Der ganze Raum zittert vom Stampfen und Schüttern der Maschinen, der Stanzen und Transporte. UeberaU laufen Bänder, neben uns, über uns laufen Büchsen auf Gleitbahnen, fallen in Wagen, wandern auf baggerartigen Transporten in Trockenschächte. ..
Die geräucherten Fische, im Rahmen hangend, werden auf die Schienen einer Guillotine mit kreisendem Stahlband gelegt, eine Einrichtung, die Guillot leider nicht mehr erleben durfte. Die Enthauptungsmaschine waltet ihres elektrisch betriebenen Amtes, und die appetttlich geräucherten Leiber
fallen in Blechkästen, um alsbald wieder van den Fangarmen, Haken, Walzen und Ketten einer technischen Gegenwart erfaßt und bis an den Arbeitstisch befördert zu werden, wo eine sorgsame Hand sie in das Oel des endlichen Friedens bettet.
Eine ratternde Stanzmaschine stampft und falzt den Deckel auf die Büchsen und wirft sie in die Gleitbahn. Die Gleitbahn gibt sie an die Drahtkorbwagen ab, und so fährt das Produkt direkt in die Sterilisierungsöfen, wo es in Dampf und 90 Grad Wärme 70 Minuten lang Zeit hat, sich in fein nahrhaftes Schicksal zu finden.
Ein Flaschenzug taucht die gedämpften Büchsen in die Seifenlauge der absoluten Reinlichkeit, und dann beginnt die Baggerfahrt in den Warmluftschrank. Blank und trocken landen die Büchsen auf den langen Tischen der Packerinnen. Wenn der Abend naht und die blonden Fabrikmädchen mit den kindlichen Himmelfahrtsnasen und dem großstädtischen Schick die Regenmäntel anziehen, dann sind tausend Skjepp Brisling den Weg gegangen, der aus den Tangwäldern der Fjorde in Konservenbüchsen und in die Magen der hungrigen Menschheit führt.
Ein Museum für Schuhe.
In der Neubaugasse in Wien befindet sich in einem Privathaus eine der merkwürdigsten Sammlungen. Dort hat der Schuhmachermeister Ludwig Schmid irf seiner Wohnung ein Museum eingerichtet, das sich mit dem Schuhwerk des Menschen und allem, was dazu gehört, befaßt. Vier Zimmer sind mit den sorgsam gesammelten Schätzen gefüllt. Ludwig Schmid stammt aus einer alten Schuhmacherfamilie. Schon vor Generationen übten seine Vorfahren dieses Handwerk aus. Er selbst studierte eine Zeit lang Kunstgeschichte und zeigte große Begabung zum Malen, aber bann übernahm er doch das väterliche Geschäft im Haus „Zum Greifen". Neben seiner praktischen Betätigung als Schuhmachermeister wirkte er guch als Fachlehrer an der gewerblichen Fortbildungsschule. In feinem Museum finden wir persische Stiefel aus grünem Haifischleder, bunte, 150 Jahre alte Bojarenstiefel aus Saffianleder mit herrlicher Zeichnung oder einen Schuh der Kaiserin Elisabeth, Jagdschuhe Kaiser Franz Josefs und eine Reihe Kuriosa, wie den sieben Kilogramm schweren Stiefel eines preußischen Grenadiers aus dem 18. Jahrhundert. Ein besonderes Zimmer enthält sonderbare Lederarten — bis zum Storchenleder und dem Leder aus gegerbtem Kuhmagen, dem sog. Kuttelfleck-Leder. Bemerkenswerte Dokumente, die sich auf das Schu
sterhandwerk beziehen, ergänzen die Sammlung. Da finden wir z. B. ein Dekret aus dem Jahre 172H, in welchen den Bürgern von Brandenburg verboten wurde, Holzpantoffeln zu tragen, da dies „den Schustern die Arbeit rauben heißt"; Halseisen, Gefängnis ober eine Buße von 200 Dukaten wird den Pantoffelträgern in Aussicht gestellt, wenn sie sich nicht zum Lederschuh bekehren. In der Sammlung sieht man auch prächtige Zunftkrüge, ferner eine Fachbibliothek und zahlreiche Bilder, die sich auf das Schuh« macherhandwerk beziehen.
Zeitschriften.
— Blut und Boden sind die Oktober- und Novemberfolge des Reichsschulungsbriefes gewidmet. Im Mittelpunkt steht der Aufsatz Don Günther Pacyna: „Der Kampf um Blut und Boden". Der Verfasser geht von der Grundlage der germanischen Dolksordnung aus, dem Odalsrecht, das seinem Wesen nach den Rassegedanken in sich schloß, weil die Erbfolge an die Geschlechterfolge geknüpft wurde, und durch die Herausbildung des Anerbenrechts eine Abwehrwaffe gegen frühkapita- stische Bestrebungen schuf. Der Aufsatz schließt mit der Feststellung, daß erst durch den Nationalsozialismus das alte deutsche Badenrecht wiederhergestellt und dem Bauern die Stellung in der Volksgemeinschaft eingeräumt wurde, die ihm zukammt und für den Bestand des Reiches notwendig ist. In weiteren Beiträgen wird die nationalsozialistische Agrarpolitik, sowie Sinn und Aufgabe der deutschen Erzeugungsschlacht vorbildlich erläutert.
— „W e ft ermanne Monatshefte" erfreuen im Oktober durch eine ausgezeichnete, mit vielen guten Wiedergaben versehene Würdigung des Elberfelder Bildhauers Professor Arno Breker. Hans E. Bielstein entwickelt unter dem Titel „Se- curite und der germanische Westraum" die französische Sicherheitsthese seit ihrer Entstehung und widerlegt sie aus dem geschichtlichen Ablauf. Heinrich Eckmann würdigt „Mühe und Arbeit" im 75jähri- gen Leben und Schaffen Gustav Frenssens. Paul Rohrbach bringt sieben Geschichten aus bäuerlichem Leben in Nordamerika, Schottland, China, Japan, Kamerun, Mexiko und Brasilien. Von der Entwicklung des Liebesbriefes berichtet „Liebe und Freundschaft vor hundert Jahren". Eine lustige Geschichte mit Bildern von Rotraut Hinderks-Kutscher, die Zeit- schau, der bunte Bogen, die Literarische Rundschau und die Kleine Rundschau sowie die Photo- und Rätselecke und die Bilder aus der Zeit runden den Inhalt eines jeden Heftes.


