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188. Jahrgang

Hreitag, 14-Januar 1938

Eichener Anzeiger

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Deutschland heißt Gtojadinowitfch willkommen.

Der jugoslawische Ministerpräsident auf der Fahrt nach Berlin.

Herzliche Verabschiedung in Belgrad.

Belgrad, 14. 3an. (DJIB.) Winisterpräjidenl und Außenminister Dr. Stojadinowitsch Hal am Donnerstag feine Deulschlandreise angetrefen. Er verlieh die jugoslawische Haupt- stadt in Begleitung feines Kabinettschefs Dr. Dra­gan p r o t i t f cf) und des Attaches im Außenmini- sterium Dr. Fuad Azabaghit sch um 22.50 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug, an den ein Salonwagen angehängt war. Auf dem Bahnhof hatten sich der deutsche Geschäftsträger oon Jan- s o n mit sämtlichen Mitgliedern der Gesandtschaft eingefunden, um ihm gute Fahrt ju wünschen. Bon jugoslawischer Seite waren sämtliche Mitglieder der Regierung unter Führung des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Innenministers K o r o - scheh erschienen, von denen sich Dr. Sfojabino- witsch sehr herzlich verabschiedete. Auch zahlreiche Senatoren und Abgeordnete, sowie die Führer der Regierungspartei waren zugegen. Unter den stür­mischen Hochrufen der auf dem Bahnsteig warten­

den begeisterten Iugend der jugoslawi­schen radikalen Bereinigung, deren Borsihender Dr. Stojadinowilsch ist, bestieg er den Fug. Als er an das Fenster feines Magens trat, erschollen neue begeisterte Rufe auf denBater der Jugend" undFührer des jugoslawischen Bolfes. Die Hochrufe endeten erst als der Zug den Blicken entschwunden war.

In Berlin traf bereits der Pressechef der jugoslawischen Regierung Dr. Kosta L u k o v i c mit einer größeren Abordnung namhafter jugo­slawischer Hauptschriftleiter ein. Sie wurden im Auftrage des Reichspressechefs von dem stellver­tretenden Pressechef der Reichsregierung Ministe­rialrat Berndt herzlich willkommen geheißen. Zu dem Empfang hatten sich vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda Regierungs­rat Bade und Regierungsrat Baron von Weyßen- hof, ferner Vertreter des Reichsverbandes der Deut­schen Presse, der jugoslawischen Gesandtschaft und Kolonie, der Reichsfilmkammer sowie der in Berlin bereits anwesende Direktor der amtlichen jugo­slawischen Nachrichtenagentur Avala Dr. Jova­novic eingefunden.

Fruchtbare Wechselbeziehungen

Deutsch-jugoslawische Zusammenarbeit im Dienst des Friedens.

Berlin, 13. Jan. (DNB.) Der jugo­slawische Ministerpräsident Dr Milan Sto- jadinowitsch veröffentlicht in einem Sonderheft der ZeitschriftVolk und Reich" nachstehenden Artikel:

Zwischen dem jugoslawischen und dem deutschen Volke bestehen seit über einem Jahrhundert vor allem auf kulturellem und geistigem Gebiet enge und fruchtbare Wechselbeziehungen. Die vor kurzem stattgefundene Feier des 150. Ge­burtstages unseres großen Sprachschöpfers V u k Karadzitsch gab besonders auch Anlaß, dieser Beziehungen zu aedenken, die sich in unserem Volk so sichtbar und für sein Wirken entscheidend ver­körperten Erfuhr doch das Werk Vuks eine maß­gebliche Förderung durch Jakob Grimm, Goethe und andere Repräsentanten des deutschen Geistes­lebens der ersten zwei Jahrzehnte des vorigen

Jahrhunderts. Die Tatsache, daß Vuk Karadzitsch dem großen deutschen Historiker Leopold von Ranke das Material für dessen Geschichte der serbischen -Revolution lieferte, ist nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Zusammenarbeit der beiden wichtig, sondern auch deshalb, weil durch das Werk Rankes die ganze, europäische Öffentlichkeit mit dem Freiheitskampf unseres Volkes näher bekannt- gemacht wurde. Diese gegenseitigen geistigen Be­ziehungen wurden nie unterbrochen und sind auch heute in erfreulichem Umfange> vorhanden.

Obwohl sich Serbien und Deutschland j m Kriege gegenüberstanden, waren sie doch nicht Feinde, sondern ritterliche Gegner. Dies wird serbischer- und, wie ich weiß, auch deutscher­seits vorbehaltlos anerkannt. Gleich nach dem Kriege aber begannen sich die Beziehungen zwischen unse­ren beiden Völkern rasch wieder zu normalisieren.

Ihr Wirtschaftsverkehr, der heute einen entscheidenden Faktor für beide Partner darstellt, war schon wenige Jahre nach dem Kriege wieder im Aufblühen begriffen. Jugoslawien, das über­wiegend ein Agrarftaat ist, und das industrielle Deutschland ergänzen sich m ihren wirtschaft­lichen Bedürfnissen gegenseitig hervorragend. Des­halb hat auch der Handelsverkehr zwischen unseren beiden Staaten in den letzten Jahren au; Grund des Handelsvertrages vom Jahre 1934 eine so erfreuliche auf steigende Entwicklung genommen. < .

Wir find uns immer der Tatsache bewußt, daß Deutschland im Donauraum eine e-n t - scheidende Rolle spielt und daß keine Lösung der fogenannten'Donauraumfrage ohne d i e Mitwirkung Deutschlands möglich ist. Die deutsche Politik hat ihrerseits, wie ich an­erkennen muß, stets ein volles Verständnis für die Bedürfnisse und Interessen Jugoslawiens bewiesen und die Unabhängigkeit unserer Außen­politik, bie' sich immer nur an unseren eigenen Interessen ausrichten kann, stets in vollem Umfange gewürdigt.

Auf dieser Grundlage haben sich die jugoslawisch- deutschen Beziehungen auch auf politischem Gebiet ungetrübt freundschaftlich gestaltet. Der Besuch des Herrn Reichsaußenministers in Belgrad im Sommer 1937 hat dies bestätigt. Ich konnte in meinen Unterredungen mit Herrn von Neurath feststellen, daß unsere beiderseitigen Auffassungen über die politische Lage und über den Nutzen einer friedlichen und freundschaftlichen Zusammenarbeit unserer beiden Staaten ü b e r e i n ft i m m t e n. Unsere Gespräche haben den Wunsch und den Willen auf beiden Seiten erneut bekräftigt, auf dem Wege der Vertiefung der wechselseitigen Beziehungen dem Werk des allgemeinen Friedens zu dienen.

Ich bin überzeugt, daß meinbevorftehen- der Besuch in Berlin dieselbe Uebereinstim- mung ergeben wird. Insbesondere freue ich mich, anläßlich dieses Besuches mit alle^i führenden Män­nern des neuen Deutschland, vor allem mit seinem großen Führer, in Kontakt zu treten und sie, so­weit dies noch nicht der Fall ist, auch persönlich kennenzulernen Das historische Werk, das der Füh­rer und Reichskanzler durch die geistige Wieder­geburt Deutschlands vollbracht hat, findet bei uns Bewunderung und Anerkennung. Auch wir sind überzeugt, daß in einer Zeit sozialen Umbruchs nichts dem Frieden der Welt mehr zu dienen geeignet ist, gls die innere Gesundung der Vösker.

Rücktritt des französischen Kabinetts.

Wiederbetrauung Chauiemps mit der Regierungsbildung wahrscheinlich.

Ster letzte Appell.

Chauiemps stellt in der Kammer die Vertrauensfrage.

Paris, 14. Jan. (DNB. Funkspruch.) Minister­präsident Ehauternps gab in der Kammer heute früh um 3.30 Uhr die Gesamtdemission des Kabinetts bekannt. Dem Entschluß war eine lange Sitzung der Kammer vorausgegangen, in der der Ministerpräsident die Vertrauensfrage gestellt und erklärt hatte, daß die Finanzlage noch vor zwölf Tagen zu keinen Besorgnissen Anlaß gegeben habe. Vor einigen Tagen habe sich jedoch eine Erregung breitgemacht, die ernste Rück­wirkungen auf den Devisenmarkt ge­habt habe. Es werde das Verdienst dieser Legis­laturperiode sein, als neue Gesetzgebungsarbeit das Gesetzbuch des Bürgerfriedens zu verabschieden. Die Massen, denen dieses Gesetz die Sicherheit in der Arbeit bringen werde, müßten aber auch ihre Pflicht gegenüber der Nation erfüllen. Jeder müsse darauf verzichten, die Leidenschaften aufzupeitschen. Wenn gewisse Männer den Burgfrieden stören wollten, so werde das Gesetz in aller Schärfe angewendet werden. Die französische öffentliche Meinung muß von ihrer moralischen Krankheit und von ihrem mangelnden Sfbstbewußtsein geheilt werden. Das ganze Volk

Der radikalfozialistifche Abgeordnete Elbel teilte mit, daß die radikalfozialistifche Fraktion für die Regierung stimmen werde. Im Hamen der Sozialdemokraten schloß der Abgeordnete Ferrol sich dieser Erklärung an. Der kommunistische Ab­geordnete Rametfe erklärte, daß die Kommu­nisten nicht gegen die Regierung stimmen würden, um nicht die Bolfsfront zu gefährden. Der Kommunist entwickelte darauf eine Reihe kommu­nistischer Forderungen.

Ministerpräsident Lhaulemps erklärte, daß

muß wieder Selb st vertrauen schöpfen und nach der Herstellung des Arbeitsfriedens gemein­same Anstrengungen entfalten. Er begreife, daß Andersdenkende zur Bekämpfung der Auswüchse der Spekulation die Währungskontrolle fordern könnten. Er bleibe jedoch Anhänger der Währungsfreiheit. Jeder könne der Regie­rung dadurch helfen, daß er es unterlasse, ihr alle Tage Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Die Regierung könne nicht arbeiten, wenn sie ständig und auf allen Gebieten von der Mehrheit, der sie ihre Existenz verdanke, kritisiert werde. Er bleibe der Mehrheit treu, verlange aber auch von dieser Mehrheit die Treue. Er stelle vor dem Lande die - Vertrauens­frage.

Es trat eine Pause ein, während der sich die Kammergruppen über ihre Haltung schlüssig wur­den. Die Sitzung wurde um 21.30 Uhr wieder aus­genommen. Nach einer neuen Pause verlas kurz vor 3 Uhr morgens der Kammerpräsident die von der Linksabordnung ausgearbeitete Tages­ordnung.Die Kammer billigt, getreu ihren Prinzipien, die Bilanz-, Währungs- und Sozial­politik, und setzt ihr Vertrauen in die Regierung, die finanzielle Aufrichtung im Zeichen der Währungsfreiheit zu sichern und die Achtung der republikanischen Ord­nung jedermann aufzuzwinge n."

es der Regierung unmöglich fei, die Forderun­gen der Kommunisten zu erfüllen und daß, wenn diese daraus beständen, ihre Handlungsfreiheit zu­rückzunehmen, er sie nicht daran hindern werde. Die Erklärung des Ministerpräsidenten Lhaulemps löste einen gewaltigen Beifallssturm auf den Bänken der Mitte und der Rechten aus, während sie auf der Bolksfrontseite Wider­spruch hervorrief. Es wurde nun eine Unter­brechung der Sitzung verlangt. 1

Um 3.30 Uhr gab dann der pariser Radiosender

bekannt, daß die sozialdemokratischen Minister nach dem scharfen Zusammenstoß zwi­schen Lhaulemps und den Kommunisten ihre De­mission eingereicht hätten, was unverzüg­lich die Demission des Gesamtkabinetts zur Folge hatte. Innenminister D o r m o y soll nach dem Wortwechsel zwischen Lhaulemps und dem kommunistischen Abgeordneten Ravette auf die Red­nertribüne gestiegen sein und erklärt haben:Jetzt ist aber Schluß!" Nachdem Lhaulemps bei Wiederzusammenlrill der Kammer erklärt hat, daß er zurücklrelen werde, wurde bereits hier und da angenommen, daß der Präsident der Re­publik schon in den nächsten Stunden Lhaulemps mit der Neubildung eines Kabinetts betrauen werde. Der Grund zur Kabinettskrise.

Paris, 14. Jan. (DNB. Funkspruch.) Wie sich zeigt, haben die neuen kommunistischen Forderun­gen, vor allem die Aufhebung derPause", in der Durchführung der sozialpolitischen fRefognen den äußeren Anlaß zur Kabinettskrise gegeben. Das Fallenlassen derPause" hätte den mit unendlichen Mühen ins Gleichgewicht gebrachten Haushalts­plan für das Jahr 1938 ernstlich erschüt­tert. Ehauternps sah sich daher gezwungen, den Kommunisten freizustellen, bedingungslos die Forderung der Regierung anzunehmen oder sich ihre Handlungsfreiheit zurückzunehmen. Es kam zu Lärmszenen und zur Aussetzung der Kammerdebatte. In der Zwischenzeit reichten die sozialdemokratischen Minister ihren Rücktritt ein. Die sozialdemokratische Gruppe erklärte, sie sei stets bereit gewesen, im Interesse der Nation eine Regie­rung zu unterstützen, die entschlossen sei, das von der Mehrheit des Volkes gewünschte politische Pro­gramm durchzuführen, besonders augenblicklich, da im Innern die Verteidigung der Repu­blik und nach außen hin die Organisierung des Friedens notwendig sei. Die Gruppe be­dauere, daß die kommunistische Partei ihre Absicht geäußert habe, sich nicht mehr der Mehrheit anzu­schließen. Sie bedauere auch, daß der Minister­präsident der kommunistischen Partei ihre Hand­lungsfreiheit wiedergegeben un£ so die politische Ausrichtung der Regierung geändert habe. Unter diesen Umständen- könne sich die Regierung nicht mehrLolkssront-Regierung nennen.

Scharfer Zusammenstoß mit den Kommunisten.

6hautemps lehnt die kommunistischen Forderungen ab. -Oie sozialdemokratischen Minister demissionieren.

Oer Staatsmann Stojadinowitsch.

Zu seinem Besuch in Deutschland.

bon unserem Dr. H.-Berichterstatter

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Belgrad, Januar 1938-

Der Name des jugoslawischen Ministerpräsidenten Dr. Milan Stojadinowitsch ist zu einem Begriff geworden, der aus der europäischen Politik, besonders aus der Politik in Südosteuropa nicht mehr wegzudenken ist. In ihm verkörpert sich die Politik der Unabhängigkeit und Selb­ständigkeit eines jungen aufstrebenden Staates. E* hat die Gefahren klar erkannt, die sich aus einer

Er -

einseitigen Bindung Jugoslawiens an die Politik gewisser Großmächte ergeben müßten. Denn Jugo­slawien würde damit automatisch in Gegensätzlich­keiten hineingezogen werden können, die seine un­mittelbaren Interessen in keiner Weise berühren. Dr. Stojadinowitsch ist der erste jugoslawische Staatsmann, der die Notwendigkeit dieserunab­hängigen Außenpolitik" Jugoslawiens klar heraus­gestellt und zu einem Dogma erhoben hat, dessen Richtigkeit heute von kaum einem ernsthaften Poli­tiker Jugoslawiens mehr bestritten wird. Während manche früheren jugoslawischen Außenminister für die Richtung der Außenpolitik keine andere Formel finden konnten, als die dertraditionellen Freund­schaft" zu Frankreich, hat Milan Stojadinowitsch, ohne diese Freundschaft zu verletzen, gleichzeitig auch enge Freundschaftsbeziehungen zu anderen Staaten angebcchnt und vor allem mitden Nach­barn Jugoslawiens, Bulgarien und Italien, ein Friedens- und Freundschaftsverhältnis geschaffen, das für die Befriedung Südofteuropas von ent­scheidendem und dauerndem Wert ist. Deshalb ge­hört Stojadinowitsch in die Reihe der weitblickenden europäischen Staatsmänner, die den Mut haben, Erkenntnisse auch unter Schwierigkeiten durchzu­setzen.

Denn Schwierigkeiten hat ihm die Durchsetzung seiner außenpolitischen Erkenntnisse eingebracht. Paris, und Prag konnten sich nicht damit abfinden, daß Jugoslawien außenpolitisch eigene Wege

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Der jugoslawische Ministerpräsident Dr. Stojadino­witsch mit feiner Gattin in seinem Heim in Belgrad. (Scherl-Bilderdienst-M.)

ging und zum obersten Gesetz der jugoslawischen Politik unter Ablehnung einer Franco- oder einer anderen -philie die e i g e n ft e n Interessen des jugoslawischen Volkes erhob. Der Name Milan Stojadinowitsch ist durch die Ausprägung, die dieser Staatsmann der Politik der Unabhängigkeit ge­geben hat, auch für andere Staaten zu einem Vor­bild geroorben. Die Auswirkungen feiner politischen Konzeption haben der ganzen außenpolitischen Ge- taltyng Südosteuropas in den letzten zwei Jahren ein ganz bestimmtes Profil verliehen, das sich ohne