Ausgabe 
13.12.1938
 
Einzelbild herunterladen

M.291 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Dienstag, l5. Dezember (Y38

Freiwillige für die Wehrmacht.

Bestimmungen für den Eintritt. Möglichst frühzeitige Meldung.

DNB. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: Da im allgemeinen die Bewerbungen für den Eintritt als Freiwilliger in die Wehrmacht zur Einstellung im Herbst 193$ bis zum 5. Januar 1939 bei den Annahmetruppenteilen bzw. Wehrbezirks­kommandos eingegangen fein müssen, und da ferner seit dem Dezember 1938 die Bestimmungen in einigen Punkten abgeändert sind, wird noch einmal auf die jetzt geltenden Bestimmungen hingewiesen.

Da eine Einstellung nur im Rahmen der zur Ver­fügung stehenden Stellen möglich ist, liegt möglichst frühzeitige Meldung im persönlichen Interesse jedes Bewerbers. Bei späterer Meldung muß der Bewer­ber damit rechnen, daß sein Wunsch hinsichtlich Zeit oder Truppenteil nicht berücksichtigt werden kann. Ein Anspruch auf Einstellung bei Dem gewünschten Wehrmachtteil, bei der ausgesuchten Waffengattung oder bei einem bestimmten Truppenteil besteht grund­sätzlich nicht. Für den freiwilligen Eintritt werden unterschieden:

1. Länger dienende Freiwillige: Das sind Bewer­ber, die über die Dauer der aktiven Dienstpflicht von zwei Jahren hinaus freiwillig länger dienen wollen. Bewerbungen sind an die Truppenteile zu richten, von denen auch die Annahme erfolgt.

2. Vorzeitig dienende Freiwillige: Das sind Be­werber, die einem noch nicht polizeilich erfaßten Ge- burtsjahrgäpge angehören und die vor der Aus­hebung ihres Geburtsjahrganges aus beruflichen oder anderen anerkannten Gründen vorzeitig ihre zweijährige Dienstpflicht erfüllen wollen. (Meldung muß vor dem festgesetzten Stichtag der Erfassung ihres Geburtsjahrganges erfolgen.)

-Bewerbungen find an die zuständigen Wehrbe­zirkskommandos zu richten, von denen auch die Zu­teilung zu einem Truppenteil bei der Aushebung erfolgt, mit folgenden Ausnahmen:

Es erfolgt die Annahme vorzeitig dienender Frei­williger für:

a) Küstendienst der Kriegsmarine durch den 2. Ad­miral der Ostseestation (Einstellung) in Kiel bzw. 2. Admiral der Nordseestation (Einstellung) in Wil­helmshaven;

b) Fliegertruppe durch die Fliegerersatzabteilun­gen;

c) Luftnachrichtentruppe im Bereich des Luftwaf­fenkommandos See durch die 6. (Lg. Nachr. Ers.) Luftgau-Nachrichtenregiment See.

d) Fallschirmjägerregiment;

Regiment General Göring durch das Regiment.

Voraussetzung für die Annahme als länger die­nender Freiwilliger ist, daß der Bewerber am Ein­stellungstag das 17. Lebensjahr vollendet und das 25. Lebensjabr für die Kriegsmarine (Flotten­dienst) das 23. Lebensjahr noch nicht überschritten hat. Voraussetzung für die Annahme als vorzeitig dienender Freiwilliger ist, daß der Bewerber am Einstellungstag das 17. Lebensjahr vollendet hat und wehrfäbig ist.

Vor der Meldung zum freiwilligen Eintritt haben bei den zuständigen polizeilichen Meldebehörden per­sönlich zu beantragen:

a) Nicht gemusterte Bewerber: Die Ausstellung eines Freiwilligenscheines zum Eintritt in den ak­tiven Wehrdienst.

Hierzu melden sie sich persönlich bei der zustän­digen polizeilichen Meldebehörde zur Anlegung des Wehrstammblattes. Personalpapiere und ^on Min­derjährigen die schriftliche, amtlich beglaubigte Er­laubnis des gesetzlichen Vertreters zum freiwilligen Eintritt find zur Anmeldung mitzubringen.

b) Bereits gemusterte Bewerber: Die Ausstellung eines polizeilich beglaubigten Auszuges aus dem Wehrpaß. Vordrucke find bei der polizeilichen Melde­behörde erhältlich.

Einstellungsanträge bei höheren militärischen oder staatlichen Dienststellen sind zwecklos. Sie verzögern nur die Bearbeitung zum Nachteil des Bewerbers.

Das für den dauernden Aufenthaltsort des Be­werbers zuständige Wehrbezirkskommando oder Wehrmeldeamt erteilt auf Anfrage weitere Aus­künfte. Dort ist auch ein Merkblatt für den Eintritt in den gewünschten Wehrmachtsteil (Heer, Kriegs­marine, Luftwaffe), das alles Wissenswerte enthält, kostenlos erhältlich.

Ausruf

an alle 1723jährigen Hitler-Jungen und Führer.

NSG. Der Luftgau 12 führt innerhalb der Hitler-Jugend eine große Werbeaktion für den Eintritt der Jugend in die Luftwaffe durch. Aus diesem Anlaß erläßt der Stabs­leiter des Gebietes Hessen-Nassau der HI., Oberbonnführer Benkmann, nachstehen­den Aufruf:

Kameraden der Hitler-Jugend! Im Rahmen einer sich auf das ganze Reich erstreckenden Werbeaktion der Luftwaffe wirbt auch der Luftgau 12 Wiesbaden und verteilt innerhalb des Gebietes Hessen-Nassau Merkblätter für den Eintritt als Freiwilliger in die Luftwaffe.

Die Werbung geht diesmal über die Flieger-HJ.- hinaus, so daß auch den Angehörigen der Kern-HI. und der anderen Sonderformationen Gelegenheit geboten ist, sich für diese Waffe zu entscheiden.

Es ist für jeden Hitlerjungen und Führer eine Auszeichnung, in einer Waffe zu dienen, die Mut, Entschlossenheit und Können, die ganze Kerle ver­langt, um für Deutschland und den Führer fliegen zu dürfen. Da der Bedarf der Luftwaffe an Frei­willigen sehr groß ist, sind auch die Aussichten für das Fortkommen der Freiwilligen sehr gut. Jeder 17- bis 23-jährige Hitlerjunge, der noch nicht ge­mustert ist, wird aufgerufen, sich als Freiwilliger bei der Luftwaffe zu melden. Für die Einstellung zum Herbst 1939 ist bis zum 5. Januar Meldeschluß. Das Aufnahmeverfahren muß bis zum 31. Januar 1939 abgeschlossen sein.

Aus der Stadt Gießen.

Fröhliche Verlegenheiten.

Menschen, die darüber nachgedacht und es am eigenen Leibe erfahren haben, sagen wohl: Schenken ist eine Kunst. Wenn man näher hinsieht, sind das fast immer besinnliche Leute. Es überfällt sie nicht vor einem Geburtstag, oder vor dem Weihnachtsfest wie ein Schrecken: Herr des Himmels, ich muß ja. etwas kaufen, aber was denn nun schnell? Siehst du, das ist ganz verkehrt. Jene Menschen kommen gar nicht auf den Gedanken, daß man etwaskau­fen" muß, wenn man etwas schenken will. Sie kau­fen nicht, dieser kaltschnäuzig nüchterne Vorgang des Eintauschs einer Ware gegen Münzen oder Geldscheine ist für sie völlig belanglos, das Ge­schenk mag nun fünfzig Pfennig oder zehn Mark kosten. Sie gehen überhaupt nicht Hals über Kopf etwaskaufen", sondern sie suchen in Mitfreude etwas aus, fie wählen bedachtsam. Und weil sie eigentlich mehr bei dem Empfänger, als bei der Gabe sind, sich in ihn herzlich hineindenken, so ist auch das Aussuchen und Wählen noch nicht der richtige Ausdruck, nein, sie sind als stille Lebens­künstler längst mitten in der Kunst des Schenkens.

Denn ganz gleich, ob sie jemand ein Paar warme Wintersocken, oder ein feines, gehaltvolles Buch schenken, sie wissen es in jedem Falle so einzurich­ten, daß der Empfänger nicht nur einen ihm gerade jetzt besonders erwünschten Gegenstand erhält, son­dern daß er selbst an einem ganz alltäglichen Ge­brauchsstück richtige Freude hat. Und darauf, auf die Freude des Empfängers, kommt es einzig und allein an. Dies erst ist Schenken, alles andere ist nur Kaufen und Hergeben.

Welche fröhlichen Verlegenheiten sind um dieses Schenken und gar erst um das Beschenktwerden? Wer kennt nicht die hastenden Gestalten, die in der letzten Viertelstunde des Heiligenabendsschnell noch etwas besorgen" müssen, die mit fliegendem Mantel in dieses oder jenes Geschäft stürzen, und oft in einen gelinden oder gar wortreichen Aerger geraten, weil ausgerechnet das, was ihnen in der Eile ein­gefallen war, unter dem wochenlangen Ansturm der Weihnachtskäufer ausverkauft, oder gerade in dieser Farbe oder jener Größe nicht auf Lager ist! Zur selben Stunde sind die vorsorglichen, die rechtzeitigen Schenker längst dabei, die letzte Hand an den Lich­terbaum zu legen, ihren Gaben eine hübsche Ver­packung zu geben (was für köstliche, heitere Seiden­papiere mit den reizenden Weihnachtszeichnungen kann man für ein paar Pfennige taufen!), und dann gehen sie in froher Erwartung mit den Ihren zur Bescherung.

Aber, hört man sagen, wer hat denn schon die Zeit, sich mit der Vorbereitung weihnachtlichen Schenkens so gemächlich zu beschäftigen, als wenn man gar nichts anderes zu tun hat! Zugegeben, der eine oder der andere ist beruflich so eingespannt, daß er meint, er könne froh fei«, wenn er am Weih­nachtsabend noch eben gerade das Nötigste an Ge­schenken besorgen kann. Ist es wirklich so? Gibt es nicht ein ganz einfaches Mittel, alle Ratlosigkeit, alle Hast, allen Kaufverdruß für weihnachtliche und geburtstägliche Angelegenheiten ein für alle Mal zu vermeiden, auch für den meistbeschäftigten Men­schen?

Natürlich gibt es das! Ich kenne es von einem Manne, den fein verantwortungsvoller Beruf so gut wie täglich bis in die Nacht beansprucht. Der sagt: heute, wo wir im aufstrebenden Deutschland jeder an seinem Platz in besonderer Anspannung des Mitarbeitens stehen, muß man mit seinen Ner­venkräften genau so wirtschaftlich, genau so haus­hälterisch umgehen wie unser Land mit seinen Rohstoffen, Nahrungsmitteln, Arbeitskräften usw.; man muß eine regelrechte Nervenökonomie treiben, die auch eine Art Vorratswirtschaft ift Und was das Schenken betrifft, meint jener Mann, so denke ich gar nicht daran, mich vor Toresschluß am Heili­genabend in Aufregung, Hast und möglicherweise auch Aerger zu stürzen und an Geburtstagen genau so wenig. Denn was ist einfacher, als beispielsweise auf Spaziergängen, bei gelegentlichen Schaufenster­besichtigungen, im häuslichen Gespräch usw. auf­

klingende Wünsche sich zu merken und sofort, sobald es sich unbemerkt tun läßt, an einer bestimmten Stelle seines Notizbuches aufzuschreiben! Natürlich gehören dahin auch die Einfälle, die man selbst hat und meistens wieder vergißt, wenn man sie nicht aufschreibt!

Das ergibt dann für die vorweihnachtliche Zeit eine mehr oder weniger lange Liste von Möglich­keiten, unter denen man in aller Ruhe wählen kann, je nachdem, wie es der Geldbeutel erlaubt. Jeder, auch der Vielbeschäftigte, hat im Laufe von Wochen und Monaten Gelegenheit, sich für das schöne Fest des Schenkens zu rüsten; denn er macht seine Einkäufe natürlich nicht am Heiligen Abend, ja noch nicht einmal in der letzten Woche vor dem Fest, sondern Wochen und Monate vorher, wenig­stens bei solchen Geschenken, für die man sich auf

jeden Fall entschlossen hat. Und das bißchen Ver­schwiegenheit, das zur Geheimhaltung des Geschen­kes gehört, werden wir ja wohl noch aufbringen können; denn gerade das Unerwartete macht so viel an einem Geschenk aus. Wie viel Freude kann der aufmerksame, ritterliche Gatte seiner Lebenskamera­din machen mit der Erfüllung eines fehnsüchtigen Wunsches, der schon vor längerer Zeit absichtslos geäußert und inzwischen längst wieder vergessen wurde!

Das kleine Hilfsmittel einer solchen Geschenk- öder besser Wunschliste, dauernd fortgeführt, hebt für immer alle peinlichen Verlegenheiten auf. Und dafür beginnen jene fröhlichen Verlegenheiten, die aus der Auswahl vieler Möglichkeiten entstehen, jenes heitere Prüfen und Erwägen.

Die kleine Mühe des Aufschreibens lohnt sich

tausendfach. Man ist immer in der Lage, zu über­raschen und an Hand der Lifte sozusagen aus dem Vollen an Geschenkmöglichkeiten zu wirtschaften. Ein einfacher und höchst nützlicher Trick, der zudem beiden Seiten so viel Freude macht, wie man sich selbst wünscht, Groschengeschenk oder Hundertmark-- scheingeschenk es kommt nicht aus den Wert an, sondern einzig und allein auf die nachdenkende, jreudespendende Gesinnung, die nicht etwaskau­fen", sondern wirklich schenken will. Schenken aber heißt: mit einer unerwarteten Gabe Freude machen wollen.

Itornoftien

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22 UhrDer Hochverräter"« Gloria-Palast (Seltersweg):Kautschuk". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Jugend". Volks­bildungsstätte in der NSG.Kraft durch Freude" und NSD.-Dozentenbund: 20 Uhr im Hörsaal der Hautklinik, Gaffkystraße 14, Vortrag Professor Dr, Schultze:Die toonne als Heilmittel". Oberhes­sischer Geschichtsverein: 20.15 Uhr in der Aula des Gymnasiums Vorttag Professor Dr. Stade ,Die römische Grenzwehr in Deutschland, besonders in Hessen". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr: Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand. Weihnachtsmarkt 'auf Oswaldsgarten.

ErstaufführungDer Hochverräter" in Gießen.

Einer der jüngsten deutschen Dramatiker, dessen Bühnenwerke die größte Beachtung fanden, ist Curt Langenbeck. Bekannt wurde er durch fein Schau­spielHeinrich VI.", durch seine TragödieAlexan-

Herrlich erfrischend

gründlich reinigend und dabei1 den Zahnschmelz schonend.

~ Srofie Tube 40 *Ef., kleine Tube 25 T/,

der" und durch seine KomödieBianca und der Ju­welier". Mit seinem neuen tragischen Schauspiel -Der Hochverräter", das vor kurzer Zeit in Düssel­dorf uraufgeführt wurde, eroberte er sich sämtliche Bühnen Deutschlands.Der Hochverräter" kommt heute abend in Gießen zur Erstaufführung. Spielleitung Hannes Razum. Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 11. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

Die Sonne als Heilmittel."

lieber dieses Thema spricht am heutigen Dienstag­abend im Hörsaal der Hautklinik im Rahmen der Vorträge der Volksbildungsstätte und des NSD.- Dozentenbundes der Direktor der Universitäts-Haut­klinik Professor Dr. Schultze.

Führertagung derSA.-Gruppe Hessen

NSG. SA.-Obergruppenführer Beckerle berief die Brigade- und Standartenführer, sowie die Sach­bearbeiter für das SA.-Sportabzeichen der SA.- Gruppe Hessen in diesen Tagen zu einer Führer­besprechung nach Frankfurt zusammen. Im Sitzungs­saal des Gruppengebäudes eröffnete Obergruppen­führer Beck er le die Tagung, die im Zeichen der erhöhten Bedeutung der SA.-Sportabzeichenprüfung ftand. In eingehenden Referaten der Sachbearbeiter fanden alle Fragen und Aufgaben der Durchfüh­rung der SA.-Sportabzeichen-Beftimmungen ihrs Würdigung und erschöpfende Darstellung.

Im Verlauf der zweitägigen Zusammenarbeit und kameradschaftlichen Fühlungnahme bot ein Be­such der Gruppenschule zu Eppenheim im Taunus den Führern Gelegenheit, sich von den Einrichtun­gen und dem Stand der Ausbildung in dieser neuen, für den Nachwuchs der ganzen Gruppe be­stimmten Schule zu überzeugen.

WHW. Ortsgruppe Gießeu-Mitte.

Am Dienstag, 13., und Mittwoch, 14. Dezember, sammelt die NS.-Frauenschaft die Pfundpäckchen. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt auf der Umhüllung der Päckchen kenntlich zu machen.

Die Bach-Göhne.

Znm 15v.Todestage Philipp EmanuelBachs am 14. Dezember.

Am 21. Dezember 1706 mußte der einundzwanzig- jährige Arnstädter Organist Johann Sebastian Bach sich vor dem gräflichen Konsistorium wegen verschiedener Vergehen gegen die Disziplin verant­worten. Der letzte Anklagepunkt war, daß ereine frembde Jungfer" auf das Chor gebracht und dort mit ihr musiziert hätte. Die fremde Jungfer war seine Base Maria Barbara Bach, die er ein Jahr später als seine Eheliebste heimführte. In Weimar, wo Bach bald darauf Hoforganist und Hofkonzert­meister wurde, schenkte Maria Barbara ihm sieben Kinder, darunter die beiden Söhne Friede­mann und Philipp Emanuel. Es war ein glückliches Familienleben, und zu Freunden jagte Bach von seiner Frau:Sie ist unser aller gutes Mütterchen." Um so schwerer traf es ihn, als die Lebensgefährtin ihm nach 13 Jahren durch einen jähen Tod entrissen wurde. Er war so sehr gewöhnt, alle Dinge des äußeren Lebens ihrer liebevollen Betreuung zu überlassen, daß er sich durch den Verlust völlig hilflos fühlte. Die Anekdote berichtet, daß er dem Bediensteten, der ihn um Anweisungen für die Trauerfeier bat, geantwortet habe:Fragt meine Frau."

Seine zweite Frau aber, die musikalisch hoch­gebildete, warmherzige Anna Magdalena W ü l -- k e n, wurde ihm gleichfalls eine hingehende, ver­ständnisvolle Lebensgefährtin, eine treue Mutter für feine Kinder, deren Zahl sie durch dreizehn eigene vermehrte. An einen Freund schreibt Johann Sebastian Bach einmal:Meine Kinder sind ge­borene Musici, und kann versichern, daß ich schon ein Konzert vocaliter und instrumentaliter mit Ge­sangs- und Jnstrumentenstimmen mit meiner Fami­lie formieren kann, zumal da meine itzige Frau gar einen sauberen soprano singet und auch meine älteste Tochter nicht schlimm einschlägt." Im Leben der Familie bildete die Musik den geistigen Mittel­punkt, und die fünf Söhne Bachs, die den Vater überlebten, wurden denn auch sämtlich Musiker. Die bedeutendsten von ihnen waren die beiden Ötteften, Friedemann und Philipp Emanuel. Von Friedemann sagte sein Bruder Philipp Emanuel: Er konnte unseren Vater eher ersetzen als wir alle zusammengenommen." Dieser geniale Erstgeborene

scheint auch seines Vaters Liebling gewesen zu sein, doch grade er war es auch, der ihm den meisten Kummer machte. Seiner großen musikalischen Be­gabung standen nicht die Charaktereigenschaften zur Seite, die erst dem Leben Form geben, und so ver­sank er auch nach glänzenden Anfängen in halt­losem Vagabundentum und starb in gänzlicher Armut.

Philipp Emanuel dagegen, der so bereitwillig die Ueberlegenheit des Bruders anerkannte, hat damit vielleicht allzubescheiden über sich selbst geurteilt. Wenn er auch an seinem Vater nicht gemessen werden darf, so war er doch ein Komponist von großem melodischem Reichtum und starker Eigen­art der Empfindung und des Ausdrucks, ein hervor­ragender Dirigent, Klavier- und Cembalospieler, ein bedeutender Musiktheoretiker. Sein LehrbuchVer­such über die wahre Art, das Klavier zu spielen", das 1753 erschien, war für seine Zeit ein Werk von grundlegender Wichtigkeit und bildet noch heute eine der aufschlußreichsten Quellen zum Verständnis der Spielweise des 18. Jahrhunderts.

Friedrich der Große berief bald nach feinem Regierungsantritt den sechsundzwanzigjährigen jun­gen Musiker als seinen Kammercembalisten nach Berlin, und in dieser Stellung ist Philipp Emanuel Bach 27 Jahre lang geblieben, von einem Ruhm umstrahlt, wie sein Vater ihn zu seinen Lebzeiten niemals genossen hat. Ja, es war sogar so, daß der Thomaskantor, dessen Größe bei seinem Tode niemand der Zeitgenossen auch nur annähernd er­maß, als Vater Philipp Emanuels einen Teil des Nachruhmes empfing, der seinem Werk erst im folgenden Jahrhundert beschieden war. Im Jahre 1767 ging Philipp Emanuel Bach als Nachfolger Telemanns in der Stellung eines Kirchenmusik­direktors nach Hamburg, wo er 1788, hoch an­gesehen, starb. Aus seinen nachgelassenen Kompo­sitionen, darunter allein 50 Klavierkonzerten, klingt uns der galant empfindsame, schwermütig heitere, anmutig melodische Geist des 18. Jahrhunderts ent­gegen, derselbe Geist, der in den intimen Hofkonzer­ten im Musiksaal zu Sanssouci zum Ausdruck kam. Wenn ein altes Wort aus jener Zeit, in der fast in jeder thüringischen Stadt ein Bach als Organist oder Kapellmeister faß, sagt:Die säch­sischen Bäche rauschen in allen Musiken", so be­deutet das Rauschen Philipp Emanuel Bachs eine der wichtigsten Solostimmen in diesem großen Kon­zert des einzigartigen deutschen Musikergeschlechtes.

Seltsames Getier im Dolksbrauch der Weihnachtszeit. Nikolaus und Christ-kind haben in unserem Gau seltsame Begleiter, Schimmel und Böcke, dreibeinige Esel und strohumwickelte Bären, Rübenköpfe und Vogelgestalten. Noch eigenartiger aber ist derHör­nersnickel" in Gras-Ellenbach im Odenwald mit sei­nem Geweih aus zwei Rechen mit einem Lamm­fell auf dem Kopfe; wie eine Vogelscheuche wird er von einem Burschen getragen und schreckt Kinder und Erwachsene, wenn er zum Fenster herein­schaut. Solche Schreckgestalten sind aber nicht Aus­geburten einer tollen Phantasie, die nur einmal Vorkommen, sondern von dieser grotesken Maske führen Linien in unsere früheste Vorzeit zurück, und Friedrich M ö ß i n g e r versucht in einem Aussatz der MonatshefteGermanien", durch Verfolgen dieser Linien dem heute verschütteten Sinn solcher Gestalten näher zu kommen.

Der OdenwälderHörnersnickel" soll zweifellos eine Hirschgestalt darstellen, und nur, weil Hirsch­geweihe schwer zu erhalten sind, sind Rechen mit ihren Zinken an deren Stelle getreten. Solche Hirschgestalten kommen als Begleiter des. Nikolaus auch in Windischgarsten vor, ja in der Rhön heißt der Nikolaus selbst manchmalHerschelklas", im Hennebergischen sein BegleiterHersche-Rupperich", wobei beide Bezeichnungen von der mundartlichen FormHersch" leicht abzuleiten sind. Der Hirsch svielt auch sonst im Volksbrauch eine große Rolle. In Heimertshausen bei Alsfeld wird er den Buben als Weihnachtsgebäck geschenkt, und Hirsche als Neujahrsgebäck gibt es im Gau Hessen-Nassau, aber auch im Rheinland und in der Schweiz.

Nach alledem ist es verständlich, daß bei Um­zügen der Mittwinterzeit Hir'chmasken oft an be­vorzugter Stelle erscheinen. Mit den Pongauer ..schönen" Perchten ziehen abscheuliche Tiergestal­ten, darunter solche mit Hirschkövfen. In Däne­mark wird einer als Hirsch verkleidet und dann gejagt. Zur Weihnachtszeit gab es in England einen Aufzug, bei dem.außer dem Hopsa-Schimmel sechs Tänzer auftraten mit Renntierköpfen auf den Schultern. Eine geheimnisvolle englische Sage er­zählt von dem Jäger Herne, der durch einen Hirsch verwundet wird; eindunkler Mann" läßt die I Hirnschale des Hirsches mit Geweih auf den Kopf des Verwundeten binden, und Herne geht später verwirrten Sinnes in den Wald, die Hirnschale mit Geweih wie einen Helm auf dem Kopf, und erhängt

sich. Er wird zum Wilden Jäger. Hier wird deut­lich, wie alle die Umzüge der Mittwinterzeit mit der Vorstellung von der Wilden Jagd Zusammen­hängen, die manchmal ein Hirsch anführt, der die ihm Folgenden in christlicher Umdeutung dem Teufel in die Arme führt ...

Oie Kaiserpfalz Tilleda.

Die vor drei Jahren von der Landesanstalt für Volkheitskunde in Halle begonnenen Ausgrabungen der Kaiserpfalz Tilleda am Fuße des Kyffhäusers wurden jetzt abgeschlossen. Diese Pfalz ist der erste mitteldeutsche Königshof, der freigelegt werden konnte. Sie wird 786 zuerst urkundlich ermähnt; 200 Jahre später schenkte Otto II. sie seiner Gemahlin Theophano als Morgengabe, und wiederum 200 Jahre später 1194 söhnte sich hier Heinrich VI. mit Heinrich dem Löwen aus. Bei den Grabungen, die viele wertvolle Funde aus der Steinzeit und der Bronzezeit und Münzen und Schmuckgegenstände aus dem frühen Mittelalter ergaben, wurde diese wehr­hafte Pfalz in ihrem ganzen Umfang aufgedeckt. Von dem 40 Meter langen und 12 Meter breiten Pallas legte man mächtige Treppenstufen und Rests der Säulenhalle frei. Außer der aus dem 12. Jahr­hundert stammenden Toranlage sind auch die Funda­mente eines großen Wohngebäudes mit gemauerten Heizanlagen und des gewaltigen Bergfrieds mit* Mauern von einem Meter Stärke wieder ans Tages­licht gekommen.

Zeitschriften.

Der Rassenhygieniker Professor Dr. F. Lenz legt im Dezemberheft der MonatsschriftVolk und Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München 15) einen Plan wirtschaftlicher Ersatzleistung für wegfallende Kinderaufzuchtkosten vor. lieber ,Wich­tige Neufunde in Mitteldeutschland zur Frage nach der Herkunft der nordischen Rasse" berichtet Dr. F. K. Bicker. Seine Ausführungen, die durch zahlreiche Bilder veranschaulicht werden, gipfeln in der Fest­stellung:Mitteleurova ist die eigentliche Urheimat der alteuropäischen Langkopfgruppe und damit der nordischen Rasse". Staatsminister a. D. Dr. Hart- nacke zeigt an einigen Zahlenbeispielen, wie schlecht es um denNachwuchs der Großstädte" bestellt ist. Heroorzuheben verdient der Bildschmuck dieses Hef­tes: Vier Köpfe bedeutender Frauen aus der frühe­sten deutschen Geschichte, Meisterwerke deutscher Bild­hauerkunst.