Nr.W Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, !2.MaiM8
war
Aus der Stadt Gießen
der
Wildnis
Ein Hund fand Gold .
Frau
be-
C. K.
einige glitzernde Gesteinsbrocken aus dem Sand kratzte. Sie betrachtete das Gestein und sah zu ihrer Freude, daß es goldhaltiger Kies war.
Eoe rief ihre Arbeiter und ließ an dieser Stelle neue Grabungen vornehmen. In einigen Wochen wurden große Haufen goldhaltigen Gesteins zutage gefördert. Da sandte sie einen Eilboten nach der nächsten Stadt, der neue Arbeiter anwerben sollte. Die Arbeit des Goldwaschens erwies sich als sehr mühevoll. Erst als die neuen Arbeiter eintrafen, Eingeborene unter der Führung eines Mischlings namens Kämbel, häuften sich die Goldkörner im Bungalow Mrs. Harpers zu ansehnlichen und täglich wachsenden Mengen. Fünfzehn Monate lang wurde die Arbeit nun fortgesetzt, die ganze goldhaltige Strecke am Atobe umgegraben und das Gold herausgewaschen. 45 Männer arbeiteten unter der Führung der weißen Frau, und die schwarzen Boys gehorchten ihr blindlings und respektvoll.
Kampf mit Meuterern und Giftschlangen
Bald aber bemerkte Frau Harper, die selbst rastlos mitarbeitete, daß Kämbel, den sie zum Aufseher der Kolonne ernannt hatte, einen dunklen Plan gefaßt hatte. Die Goldbeutel im Bungalow der weißen Frau weckten Begehrlichkeit und Raublust in ihm, und obwohl Eoe ihren Boys eine ansehnliche Beteiligung zugesichert hatte, ließen sie sich von Kämbel äufhetzen. Es kam zu einer regelrechten
die vielleicht alle Zusammenwirken. Die südwärts treibenden Eismassen des Atlantischen Ozeans und der Nordsee sollen durch ihr Schmelzen die starke Abkühlung der Luftschichten verursachen. Gerade im Frühling prallen aber überhaupt meteorologische Gegensätze besonders hart aufeinander. Die Depressionen haben stets das Bestreben, in wärmere Gebiete abzuwandern, auf ihrer Rückseite folgt dann hoher Luftdruck aus dem nördlichen Teil des Atlantischen Ozeans, aus Gebieten, die um diese Jahreszeit noch sehr kalt sind, und so strömt die Kälte des hohen Nordens in unsere Gegenden vor. Endlich soll auch, gerade durch die sich rasch entfaltende Vegetation dieser Jahreszeit, eine Verdunstungskälte hervorgerusen werden, die wir mit den „Eisheiligen"
die Kolonne ihr Ziel: eine mitten in gelegene Stelle am Ufer des Atobe.
in Zusammenhang bringen.
Dornoiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Stadttheater: 20 bis 22 Uhr Ballett Raimonda. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Mädchen von gestern nacht". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Es leuchten die Sterne". — Wettbewerb HJ.-Heim, Gießen: Ausstellung der Entwürfe in der Volkshalle (Empore) von 16 bis 19 Uhr. — Oberhessischer Kunst- verein, Turmhaus am Brand: von 17 bis 18 Uhr „Landschaften seiner Heimat" von Richard Walter, Darmstadt.
Einmaliges Gastspiel Ballett Raimonda.
Heute um 20 Uhr findet im Stadttheater ein einmaliges Gastspiel des Balletts Raimonda vom Empire und Prince of Wales Theatre London statt. Das Ballett Raimonda, das sich augenblicklich auf einer großen Deutschlandtournee befindet, hat auch im Ausland Stürme der Begeisterung geweckt. Das Tanzgastspiel findet außer Miete statt. Ende 22 Uhr: Hitler-Zugend,Bann '116(IBefferau).
Theaterring der Hitler-Jugend.
Die letzte Vorstellung für den Theaterring der Hitler-Jugend findet am Montag, 16. Mai, um 20 Uhr statt. Es gelangt das Schauspiel „Scharnhorst" von Menzel zur Ausführung.
Die Morgenveranstaltung am Sonntag, 15. Mai, Uraufführung „Der Ritter" v. Basner, Gemeinschaftsarbeit des Theaters und der Hitler-Jugend, kann zum Preise von 0,25 RM. besucht werden.
Es wird noch einmal darauf aufmerksam gemacht, daß die Neuanmeldungen für den Theaterring 1938/39 bis zum 14. Mai an das Stadttheater, Theaterring der Hitler-Jugend, gesandt werden müssen.
Kirchliche Ehrungen.
EPNH. Das Landeskirchenamt der evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen hat einheitliche Richtlinien für die kirchlichen Ehrungen herausgegeben. Demnach sind Gedenkblätter, die von der zuständigen Propstei ausgefertigt werden, nur beim 80., 85. und 90. Geburtstag sowie beim Fest der gblde- nen Hochzeit vorgesehen. Bei der diamantenen Hochzeit findet eine Ehrung durch den Präsidenten des Landeskirchenamtes statt. Kirchenvorsteher erhalten zu ihrem 25jährigen Dienstjubiläum ein Gesangbuch durch die zuständige Propstei. Ebenso wird den Kirchenmusikern, den Kirchenrechnern und Kirchendienern zu ihrem 25jährigen Dienstjubiläum eine ehrende Anerkennung des Landeskirchenamtes zuteil.
Harper ließ Zelte aufschlagen und .. gann sogleich mit der schwierigen Arbeit des Goldwaschens am Fluß. Viele Tage arbeiteten die Schwarzen und die weiße Frau, ohne Gold zu finden. Krokodile bedrohten die Goldsucher, und auch Eoe war oft in Gefahr, von den Reptilien angegriffen zu werden. Aber sie hatte ihren großen Schäferhund Lady mitgenommen, der eine merkwürdige Freundschaft mit den Krokodilen schloß und sie stets von seiner Herrin abhielt. Dieser Hund wurde;)Eves treuester Helfer und Kamerad. Sie war schon willens, die erfolglose Goldsuche aufzu- geben — da bemerkte sie eines Morgens, wie der Hund im Flußsand zu scharren begann und dabei
Die „Eisheiligen"!
Ein echter Mann von deutscher Art Trägt seinen Pelz bis Himmelfahrt. Und vierzehn Tage nach Johann Da zieht er ihn schon wieder an.
Dieser alte Spruch, der das Klima unseres Vaterlandes in kein allzu rosiges Licht rückt, scheint dieses Jahr wieder einmal Wahrheit werden zu wollen. Schon schickt der Flieder sich an zu blühen, schon erscheint der früheste Spargel, aber wir haben bisher immer noch keinen Grund gehabt, unsere Winterkleidung in die Mottenkiste zu verbannen oder unserem warmen Oien bzw. der Zentralheizung Lebewohl zu sagem Die gefürchteten „Eisheiligen" ober „Gestrengen Herren", Pankratius, Servatius und Bonifatius, die für den 12., 13. und 14. Mai im Kalender stehen, brauchen in diesem Jahr gar nicht erst ihre Regierung anzutreten, denn schon seit Wochen sind wir nicht aus ihrem Herrschaftsbereich herausgekommen.
Im Grunde zwar find es weniger die kalten Tage, fo unangenehm wir diese auch empfinden, die die Eisheiligen in ihren bösen Ruf gebracht haben, als vielmehr die warmen wolkenlosen Sonnentage, denen kalte Nächte mit Frostgefahr folgen. Das Wetter mag vorher gewesen sein wie es will, den Tagen und Nächten um Mitte Mai herum sieht der Bauer und Gärtner nie ohne Bangen entgegen. Zu oft schon ist die Erfahrung mit Kältewellen und Nachtfrösten um diese Zeit gemacht worden, wenn sie auch nicht immer gerade auf die Tage zwischen dem 12. und 14. zu treffen brauchten. In Süddeutschland rechnet man auch den heiligen Mamertus, dessen Tag auf den 11. Mai fällt, schon zu den Eisheiligen und läßt dem Trio als Abschluß noch die „Böse Sophie" folgen, die am 15. Mai gefeiert wird. In vielen Gegenden gilt der Urbanstag, der 25. Mai, als das endgültige Ende der Frostgefahr. Zahllose Bauernregeln sprechen die Erfahrung von Generationen aus. „Die drei Acius sind strenge Herrn, sie ärgern den Gärtner und Winzer" gern"; Ober „Pankratius und Servatius, bie bringen Kälte unb Verbruß". „Dor Servatt kein Sommer, nach Servati kein Frost"; „Wer feine Schafe scheret vor Servaz, bem ist bie Woll lieber als bas Schaf". Wie wenig der Bauer vor Enbe Mai bem Wetter traut, geht aus bem Spruch hervor: „Auf St. Urben / Ist ba? Korn roeber geraten noch üerburben."
Für biefe fast regelmäßigen Kälterückfälle hat man eine ganze Reihe von Erklärungen gesucht,
„Die mutigste Frau Australiens."
Abenteuerliche Expedition nach Neu-Guinea. - Anderthalb Jahre allein unter schwarzen Goldsuchern.
, Die Zeitungen sind voll von rühmenden Berichten über die kühne Expedition von Mrs. Eve Harper, die als die mutigste Frau Australiens gefeiert wird. Sie kehrte kürzlich von einer abenteuerlichen Reise aus Neu-Guinea zurück, wo sie anderthalb Jahre zwischen schwarzen Goldsuchern lebte. Vor zwei Jahren war ihr Mann gestorben, unb bie junge Witwe sah sich mit ihren vier Kindern bitterster Not preisgegeben. Sie bewarb sich vergeblich um verschiedene Stellungen, um sich und die Kinder zu erhalten. Als alles fehlschlug, faßte sie den Entschluß, auf die Goldsuche zu gehen. Meldungen aus Neu-Guinea hatten von unerschlossenen Goldfeldern berichtet. So brachte Eoe Harper ihre Kinder bei Verwandten unter und reifte nach der Insel im Norden des Kontinents.
Kolonialbeamte bezeichneten ihr den goldführenden Atobe-Fluß als ein noch nicht ausgebeutetes Fundgebiet. Sie warnten sie aber zugleich, allein dorthin zu reifen, die Eingeborenen feien unzuverlässig, und die Kolonialpolizei komme selten in die Wildnis dieses Gebietes. Frau Harper blieb bei ihrem Entschluß. Mit dem Rest ihres Geldes mietete sie zwanzig eingeborene Träger unb trat bann die Fußreise an. Drei Wochen dauerte die mühsame und anstrengende Wanderung durch zerklüftete Gebirge und dichten Urwald, sie führte durch Gebiete, die noch kein Weißer betreten hatte. Dann erreichte '
Harper, nach deren Schicksal man bereits unruhig ZU forschen begann, kehrte mit einem bedeutenden Vermögen aus der Wildnis in ihre Heimat in Neu- Südwales zurück. „Eine heldenhafte Mutter!" schrieben bie Zeitungen unb brachten Bilber unb Schilberungen von bem glänzenben Empfang Eves. Ebenso häusig wie sie aber würbe ihr treuer Hund abgebildet — unb das hat er wohl auch verdient. O. G. F.
Meuterei, die verhängnisvoll ausgelaufen wäre, wenn der Schäferhund Lady nicht auf der Hut gewesen wäre. Nach einem erbitterten Meinungs- ftreit zwischen Eoe unb Kämbel stürzte sich ber Mischling mit bem Messer auf Eve Die Boys stauben herum unb rührten keine Hanb...
In diesem Augenblick sprang „Lady" den Angreifer mit riesigem Satz an unb riß ihn zu Boben. Mrs. Harper holte rasch ihren Revolver, schüchterte unerschrocken bie Boys ein und ließ den Mischling fesseln. Nach diesem Ereignis war die Ruhe im Lager wiederhergestellt, die führerlosen Arbeiter blieben gehorsam und brachten der mutigen Frau sogar Bewunderung und Achtung entgegen. Noch einmal geriet Eve in tödliche Gefahr, als eine Giftschlange in ihren Bungalow eingedrungen war. Wieder wurde der Hund ihr Retter, indem er der Schlange das Rückgrat zerbiß. Und dann die Arbeit am Atobe beendet, und Mrs.
Der neue Gießener Museumsdirektor.
Die Leitung des Oberhessischen Museums und der Gailschen Sammlungen in Gießen wurde, nachdem Herr Dr. Richter sich dieser Ausgabe wegen anderweittger starker Inanspruchnahme nicht mehr widmen konnte, Herrn Dr. Herbert Krüger, zuletzt in Göttingen tätig, übertragen.
Der neue Museumsdirektor wurde in Schneidemühl geboren unb beftanb sein Abitur an ber Oberrealschule in Graubenz. Als Sechzehnjähriger trat er in bas Freikorps Roßbach ein unb beteiligte sich an ben Befreiungskämpfen in Posen unb West- preußen, wobei er an zahlreichen Kampfhanblungen
des Korps Roßbach beteiligt war. Später studierte er in Berlin und in Göttingen Philologie, unb zwar bie Fächer Geschichte, Geographie, Geologie unb Vorgeschichte, außerdem hörte er kunstgeschichtliche, volkskundliche unb germanistische Vorlesungen. 1929 promovierte er mit ber Arbeit „Wissenschaftliche Monographie einer beutschen Kleinstabt" zum Dr. phil. und legte 1932 das Staatsexamen für das höhere Lehrfach ab.
Nachdem Dr. Krüger schon während seines Studiums als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter, später als Assistent am Geographischen Institut in Göttingen tätig war, übernahm er 1933 die Leitung des Städtischen Altertumsmuseums in Göttingen. Gleichzeitig war er Vorsitzender des Göttinger Geschichts- und Museumsoereins unb gehörte ber Historischen Kommission für Niedersachsen als Mitglied an.
1934 arbeitete er an der im Auftrage der Reichsregierung von Generalinspektor Dr. T o d t in München veranstalteten Ausstellung „Die Straße" mit und stellte dort die Abteilung „Die Straße in der Urzeit, Römerzeit unb im früheren Mittelalter" auf. Im Jahre 1936 erhielt er mieber von bem Generalinspektor Dr. Tobt verschiebens Arbeitsaufträge, darunter den für einen Entwurf zu einer Neugestaltung der Abteilung „Geschichte des Straßen- unb Verkehrswesens" im Deutschen Museum in München.
Zuletzt war Dr. Krüger im Rahmen der Deut* scheu Forschungsgemeinschaft noch mit Arbeiten über vorgeschichtliches und historisches Straßen- unb Verkehrswesen beschäftigt. Im Rahmen biefer Aufträge
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(Nachdruck verboten!)
20. Fortsetzung.
Fäden hin und her.
Vornan von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
Der Vater mustert sie flüchtig.
„Wie alt bist du jetzt eigentlich?" fragt er dann plötzlich mit gerunzelter Stirn.
Monika sieht erstaunt auf. „Neunzehn — warum?
Der Doktor räuspert sich ausgiebig unb klopft mit dem Spazierstock mehrere Male auf das Pflaster: „Ach, nur so."
Aber im stillen denkt er: Sie ist wirklich schon heiratsfähig. Ich habe eine heiratsfähige Tochter. Das ist nicht» zu leugnen. Aber wollte ich's denn leugnen? Nee. Eigentlich nicht. Ich hab mir's nur nie so recht klargemacht, weil sie mir selbst. immer noch wie ein Kind porfam. Aber wenn man sie jetzt so sieht... ,ri .
Und dann, unvermittelt: Die andere ist fast zehn Jahre älter. Das macht was aus. Und was Reife anlangt... _ .
Gerade da erscheint Marga mit Tapsy.
Es ist merkwürdig, aber bei ihrem Anblick geht Über des Doktors Stirn eine winzige Unmutswolke, während Lenzsch, der gleich nach Marga vor die Haustür tritt, in offene Begeisterung ausbricht
Begeisterung nämlich über Margas „2Iuf- m£? diese entzückend fesche ^cke! Was ist das, bitte, ist das Wildleder? Fabelhaft? Und fo ein wunderbares Grün! Noch nie in femem Leben hat Lenzsch ein so herrlich^ Grün ge ehen! Nicht wahr, Herr Kollege, nicht wahr, verehrtes Fraulein Martha? Und der Rock, wie fesch! Ein Hosenrock. Ja, das trägt man ja jetzt sehr viel. Em Hosenrock also. Und ist das wirklich so bequem. Und der Schal aus dem gleichen Stoff, Donnerwetter Ja, unb bie Mütze ist auch aus Wildleder^ Prack)tt voll! „Unb wie es Ihnen steht, Marga Montwill. Wie siebzehn sehen Sie aus!" Unb ehrlich gesagt, er ist richtig stolz barauf, baß er sich ben Eigel- fteinern neben einer Marga Montwill zeigen bars.
So ein elenber Süßholzraspler! brummt Doktor Hammerbacher, unb hat, währenb sich alle in Bewegung setzen, noch immer eine umwolkte totirn Tante Martha, neben ihm gehenb, die Händchen mit dem Muff vor die Brust gepreßt, das glücklich gefundene goldene Lorgnon an langer Kette über bie Sealjacke gehängt unb auch sonst abrett unb sonntäglich anzusehen — Tante Martha nickt eifrig: Ja,
er raspelt wirklich ein bißchen viel Süßholz, ber gute Doktor Lenzsch. Aber Fräulein Montwill scheint es boch offenbar nicht ungern zu haben, sonst hätte sie boch nicht so herzlich über seine Schmuserei gelacht. Ober? Was hält benn, bitte, ber Schwager davon?
Aber der liebe Schwager hält gar nichts davon. Er geht mit großen Schritten neben Tante Martha her und schaut sich das Paar vor ihm, Marga und Lenzsch, mit unfreundlichen Blicken an und grüßt die Leute, die ihnen entgegenkommen und vor ihm tief den sonntäglichen Hut schwenken, nur äußerst ungnädig. (Was allerdings Tante Martha durch besonders salbungsvolles und feierliches Verneigen wieder wettzumachen trachtet.)
Dann wendet er sich plötzlich zu Monika um, bie mit Seppl zusammen zwei Schritt hinter ihm herzockelt, unb fährt sie böse an: Ob sie sich jetzt vielleicht enblich um ben Gast bekümmern wolle? Ob benn ber arme Lenzsch ganz allein für Marga Montwills Unterhaltung sorgen solle? Unb was für ein Hinterhergezockele? Also los, vorwärts, nicht so langweilig!
Aber Monika ist bes Doktors Tochter. Sie hat ihren eigenen Kopf, unb sie hat überbies auch etwas brin. So zuckt sie nur bie Achseln unb meint herab- lassend, man sähe boch, baß Fräulein Montwill von ber Unterhaltung bes Dr. Lenzsch in jeber Hinsicht befriebigt sei. Hört ber Vater sie nicht lachen? Unb wie eifrig sie reben! Da stört man nur, wenn man sich dazugesellt. Wenn ber Vater aber anberer Meinung ist, bitte, so kann er ja selber den Dr. Lenzsch in der Unterhaltung ablösen.
Und um ihre Opposition noch deutlicher zu machen, schwenkt sie mit dem Teckel auf bie anbere Straßenseite hinüber, wo schon ber Walb beginnt. Dort brühen spielt sie nun eifrig mit Seppel, unb auch Tapsy barf ben Stöcken unb Steinen nachjagen, die sie in hohem Bogen walbeinwärts wirft.
Dem Doktor bleibt also nichts, als weiter neben seiner Schwägerin herzumarschieren unb bas Paar vor sich zu betrachten, mag er wollen ober nicht. Unb obgleich er nicht will, gelingt es ihm boch nicht, Gebauten unb Augen abzumenden, ja, es ist wahr, Marga sieht entzückenb aus. Unb wie sie, ba geht, könnte man sie wirklich für knapp zwanzig halten. Aber was bie zwei nur immerzu zu lachen haben? Da, jetzt mieber. Unb wie unverschämt nahe biefer blöbe Lenzsch bem Möbel mit seiner Schulter rückt! Noch ein halb'es Zentimeter, unb er lehnt sich wahrhaftig gegen sie! Unglaublich! Aber alles liegt ja schließlich in solchen Fällen bei ber Frau. Wenn Marga es nicht versteht, biefen Kummerling im Zaume zu'halten, so kann sie ihm nur leid tun, jawohl, leid tun. Uebrigens fällt ihm da ein — er
hat doch diesen Lenzsch zum Wochenende nur darum eingeladen, weil er eine wichtige Sache mit ihm besprechen wollte, nämlich den Krankenkassenschwindel des Patienten Brose. Ist es diesem Faulpelz von Lenzsch etwa schon eingefallen, danach zu fragen, warum er geladen wurde? Kein Wort! Kein Wort! Als wenn man ihn um feiner schönen Augen willen geladen hätte. Oder wegen ... na ja, er kommt ja öfters zum Musizieren mit Monika, das ist ja wahr. Aber trotzdem. Und gleich heute nach Tisch wird er sich den jungen Mann kaufen!
Plötzlich stößt ihn Tante Martha sanft in die Seite. „Du, Gottfried, sieh dir nur mal die beiden jungen Menschen an!"
„Welche jungen Menschen?"
„Na die zwei: Fräulein Montwill und Lenzsch. Ich freue mich schon bie ganze Zeit über bie beiben." „So? Warum benn?"
„Ach, ich finbe, sie passen so hübsch zueinanber. Unb benfe nur, wie romantisch, sich nach so vielen Jahren wieberzusehen, wenn man sich in ber Tanz- stunbe geliebt hat! Unb ich glaube, er liebt sie heute noch."
„Ach Quatsch."
„Aber, Gottfrieb, ich weiß, was ich weiß. Sowas s-pürt man boch. Unb ich habe sie boch immerzu beobachtet. Unb was benfft bu wohl, gestern, wie bu mit Fräulein Montwill s-pazierengingst — ganz traurig hat ber Lenzsch zuerst ausgesehen. Ich fanb es ja auch, entschulbige, ein bißchen komisch. Was mußt bu alter Mann auch noch mit bem jungen Mäbchen s-pazierenlaufen, wo ausgerechnet ein junger Mann im Hause ist, ber brennenb gern an beiner S-telle mit ihr gegangen wäre?"
Da ber Doktor nichts erroibert, fonbern nur bie Büsche am Weg mit seinem Stock ein bißchen malträtiert, fügt sie noch vorwurfsvoller hinzu: „Unb Fräulein Montwill sieht auch nicht gerabe so aus, als fei ihr viel an einem abenblichen S-paziergang mit einem alten Mann gelegen."
Schweigen.
Tante Martha preßt ihren Muff ein kleines bißchen fester gegen bie Brust unb bewegt ben Kops so empört hin unb her, als spräche sie in Gebauten noch weiter.
Der Doktor hat ben Hut abgenommen unb trägt den Kopf fo hoch, als habe er gar nicht gehört, was Tante Martha „da unten" alles gefaselt hat.
Aber er hat es gehört.
Nur zu gut hat er es gehört.
Unb bem selbstsicheren, forschen Doktor Hammerbacher, vor bem bie sünfzehntausenb Einwohner von Eigelstein zittern unb beben, bem Doktor geschieht etwas Merkwürbiges: Er hat plötzlich rasenbe
Angst. Angst, baß Marga Montwill gefühlt habett könnte, was für einen starken Einbruck sie auf ihn gemacht hat.
Angst, baß bie junge Marga sich über ben verliebten älteren Herrn — nein, ehrlich! — über ben verliebten alten Mann — alten Mann, jawohl! — heimlich lustig macht.
Angst auch, baß er sich ben anberen gegenüber bereits verraten haben könnte.
Vielleicht, wer weiß, hat er sich mehr gehen lassen, als ihm selbst bewußt ist! Wer weiß, vielleicht hat er gestern abenb, als Marga stolperte, sie heftiger an sich gerissen, als man es bei solcher Gelegenheit tut! Wer weiß, vielleicht hat er Lenzsch, als er sich bem Abenbspaziergang anschließen wollte, viel zu heftig zurückgewiesen!
„Eine Zeitlang bachte ich mal", fängt Tante Martha mieber an, „baß Lenzsch sich für Monika interessierte. Dachtest bu bas nicht auch?"
„Ja", nickt ber Doktor gebanfenlos, „ja, bas bachte ich auch."
„Aber es s-timmt eben nicht. Ober es s-timmt nicht mehr, und Lenzsch liebt Fräulein Montwill. Und so Gott will, werden sie ein Paar. Fändest du das nicht nett?"
Und wieder der Doktor, vollkommen abwesend: „Ja, das fände ich sehr nett."
Da atmet Tante Martha befriedigt auf unb läßt b-m Muss erlöst sinken. „Dann werbe ich also man em bißchen kuppeln, s-timmt's?"
Aber bas war wieder zu weit gegangen. Denn jetzt fährt ber Doktor plötzlich herum, bleibt stehen unb sagt so laut, daß auch die beiden vor ihnen erschreckt herumfahren: „Untersteh dich!"
„Was ist denn?" ruft Lenzsch und hält zögernd im Gehen inne.
Aber Tante Martha, gan^ Märtyrerin, schluckt tapfer und lächelt Lenzsch freundlich zu: „Ach nichts. Gehen Sie nur ruhig weiter. Lassen Sie sich nicht s-tören."
So entschließen sich bejin die zwei nach einem kleinen Zögern zum Weitergeben, und auch der Doktor, neben Tante Dtartha, setzt sich wieder in Beweguna.
Wenn Martha schon bie Kühnheit hat, mir bas ins Gesicht zu sagen, sinnt ber Doktor mit zusammengezogenen Brauen, wenn sie mir schon glatt erklärt, daß sie Marga Montwill mit diesem Lenzsch verkuppeln will, so wird sie wohl noch nie auf ben Gebauten gekommen fein, baß auch ich... Einerseits ist bas ja vielleicht erfreulich, anderseits aber. . Nun, anderseits ist es nicht gerade ein Kompliment für meine ... sagen mir: Männlich, feit. (Fortsetzung folgt.)


