Hr.86 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, (2. April 1938
Aus der Stadl Gießen.
Oie Karwoche im Brauchtum.
Ostern ist zugleich Zeit der Erwartung und Zeit der Erfüllung. So eraab es sich von selbst, daß christliches Denken uno altüberkommenes Natur- gefuhl allerlei Bräuche und Sprüche, Volkssitten und Prophezeiungen erstehen ließen. Und daß in diesen Wochen, die am Beginn des bäuerlichen Arbeitsjahres stehen, auch die Wetterregel ihre Rolle spielt, ist erklärlich.
„Am Palmsonntag Sonnenschein — soll ein gutes Zeichen sein!" So heißt es ^allgemein, ganz gleich, ob Ostern früh oder spät im Jahre naht. Aus dem alten Brauche des Palmeselziehens, der sich innerhalb der Palmsonntagsprozession entwickelte, hat sich noch mancher Gedanke lebendig erhalten. Zogen früher die Bürger und die Laienbrüder wirklich einen Holzesel am Palmsonntag, darauf ein junger Pater oder älterer Novize saß, zur Kirche, so rollt mancherorts in katholischen Gegenden heute noch die Jugend einen hölzernen Eselreiter durch die Gassen. Anderorts ist der Gedanke noch weiter abgeschliffen. So warf man in Schwaben — ohne daß ein Umzug mehr stattfand — etwas Heu vor die Stalltür, damit des Heilandes Esel beim unsichtbaren Vorüberzug Futter finde. Streut man anderorts Weidenkätzchen von den geweihten Palmbuschen unter das Hühnerfutter, so will man damit erreichen, daß Habicht und Fuchs das Geflügel verschonen.
Der Karmittwoch gilt im Volksmund als der Tag, an dem sich Judas, der Verräter, erhängte. Da dies an einer Rebe geschehen sein soll, nehmen die Bauern Tirols keine Winzerarbeit an diesem Tage der Osterwoche vor.
Am Gründonnerstag backt man Brezeln und verzehrt auch schon davon: wenn es an einem der Folgetage „morgens nüchtern" geschieht, so bleibt man ein Jahr lang fieberfrei. Am Gründonnerstag gesammelte Kräuter gelten als besonders würzig und heilkräftig.
Wichtiger ist der Karfreitag im deutschen Volksbrauch. Man sagt, die ganze Natur trauere dann um Christi Leides willen, drum regne es meistens. Und das ist dem Bauern recht, denn die „Himmelstränen" müssen doch der Erde Segen und Stärkung bringen. Im Alemannischen sagt man: „Wenn's am Karfritia rägnet, so git' e guers Johr." Im Gegensatz zu Dieser Auffassung steht die anderwärts anerkannte Bauernregel:
„Oster- und Karfreitagsregen bringen selten Erntefegen."
Immerhin herrscht die erstgenannte Auffassung vor; so reimt man noch:
„Wenn am Karfreitag Regen war, folgt ein trockenes, aber fruchtbares Jahr." Der Schmied soll in der Karwoche oder wenigstens am Karfreitag nicht mit Hammer und Nägeln hantieren, denn es sind Marterwerkzeuge und würden ihm Unglück bringen. Aber man soll Brot am Karfreitag backen. Die Stalltüren hält man jetzt nicht unnötig offen. Am Karfreitag regen sich alle Verwünschten und würden das Vieh dem Bauern zum Schabernack plagen. Am Todestage Jesu jagt auch der wilde Jäger wieder, obwohl er wegen der Jagd am Karfreitag zu ewiger Unrast verdammt wurde. Das wilde Heer zieht mit ihm durch die Lüfte, und so will man beobachtet haben, daß am Karfreitag oft Stürme und Gewitter toben.
In der Karwoche vermeidet man im Erzgebirge Kindtaufen. Selten wird eine Bäuerin in diesen Vorostertagen Wäsche abhalten. Wohl aber empfiehlt sich Hausreinemachen, da dann alles Böse mit ausgekehrt werden kann.
In Oberbayern und Niederösterreich pflügt der Landmann ein paar Striche auf seinem Acker, wenn am Karsamstagabend die Glocken, die nun „aus Rom zurückgekehrt" sind, zuerst wieder läuten, was aber nicht überall geschieht.
Ostern im Spiegel des Gießener Bahnhofs.
so Lautsprecher im Dienste des Reisepublikums.
Das bevorstehende Osterfest bringt unserem Gießener Bahnhof, der als Eisenbahnknotenpunkt zu immer größerer Bedeutung gelangt, wieder einmal große Tage und damit Tage eines angespanntes Dienstes für alle, die dort im Interesse des reisenden Publikums wirken.
Der Osterverkehr wird, um allen Anforderungen gerecht werden zu können, dem normalen Reiseverkehr gegenüber außerordentlich erweitert. In der Zeit vom 10. bis zum 22. April herrscht im Gießener Bahnhof Hochbetrieb. Nicht weniger als 13 Militär- Urlauber-Sonderzüge werden in der Zeit vom 10. bis zum 22. April unseren Bahnhof, meist als Durchfahrtsbahnhof passieren. Darüber hinaus wepf den zahlreiche Personenzüge des Nah- und des Fernverkehrs Militär-Urlauber transportieren. Für diesen Zweck — es handelt sich hier also nicht um Sonderzüge — werden den fahrplanmäßigen Zügen Wagen angehängt, die ausschließlich für die Soldaten bestimmt sind. Die Arbeitsdienstkameraden werden zum diesjährigen Osterfest die Eisenbahn nicht in Anspruch nehmen, da sie ja erst vor wenigen Tagen überhaupt in die Lager einrückten und noch nicht in Urlaub gehen können.
Für den Verkehr des übrigen reisenden Publikums, der sich nach den bisherigen Erfahrungen gegenüber dem normalen Personenverkehr auch in diesem Jahre wieder sehr steigern wird, werden insbesondere zu den Eil- und Schnellzügen Vorzüge gefahren. In der Zeit vom 10. bis zum 21. April werden durch diese Verstärkung des Fahrplanes täglich bis zu 16 Eil- bzw. Schnellzüge mehr unseren Bahnhof Gießen passieren. Besonders lebhaft wird dabei der Verkehr auf den Nord- Süd-Verbindungen werden, insbesondere in den Richtungen Frankfurt—Hamburg-Altona und Berlin.
Aber auch die OstMestverbindungen haben enffpre- chenden Anteil. Die Vorzüge, die zu den Eil- und Schnellzügen z. B. von Frankfurt a. M. nach Hamburg und Berlin geführt werden, verkehren auch in umgekehrter Richtung. Auch der Verkehr der beschleunigten Personenzüge erfährt eine Verstärkung. Die Züge des übrigen Verkehrs, insbesondere auf den oberhessischen Linien, werden mit mehreren zusätzlichen Wagen gefahren.
Auch für den zu Ostern gesteigerten Paket- und Postverkehr wurden ausreichende Maßnahmen getroffen. Außer einigen planmäßigen Schnellgüterzügen werden auch fahrplanmäßige Züge, die bisher keine Post mit sich führten, mit Postwagen ausgestattet.
Die neue Lautsprecheränlage im Betrieb
Die neue Lautsprecheranlage, die am vergangenen Sonntag zum ersten Male in Betrieb gesetzt werden konnte, wird auch während der Osterfeier- tage in den Dienst des Reisepublikums gestellt, lieber die Anlage, die aus über 50 Lautsprechern besteht, werden Die Fahrgäste der Reichsbahn über alle ankommenden und abgehenden Züge informiert und alles Wissenswerte mitgeteilt. Die 'Lautsprecheranlage wird von der Leitung des Bahnhofes als sehr gut bezeichnet. Dadurch, daß alle 15 Meter und auf jedem der Bahnsteige Lautsprecher angebracht sind, ist es möglich, die Lautstärke so einzustellen, daß das gesprochene Wort ohne jede Verzerrung oder unnatürliche Ueberfteigerung der menschlichen Stimme wiedergegeben werden kann. Die Anlage wird sehr dazu beitragen, den Verkehr im Gießener Bahnhof recht flüssig und reibungslos zu gestalten.
Vom Osterwetter schließt man auf die Witterung der Folgezeit, die unverändert bleiben soll, wie viele Bauernregeln aussagen. So heißt es: „Woher zu Ostern der Wind kommt gekrochen, daher kommt er sieben Wochen", und der Wind ist ja bedeutsam genug für die Witterungsbildung. W. L.
Lornoiizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Scharnhorst". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Pipin der Kurze". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Rätsel der Urwaldhölle".
Stadttheater Gießen.
Heute, um 20 Uhr, findet die erste Wiederholung von „Scharnhorst", Schauspiel in drei Akten von Gerhard Menzel, statt. Spielleitung Dr. Erich Schumacher, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 26. Vorstellung der Dienstag- Miete statt. Ende 22.30 Uhr.
Mittwoch, 13. April, Anfang 19.30, Ende 22 Uhr, zum letzten Mal „Fra Diavolo", Komische Oper von Auber. Musikalische Leitung Paul Walter, Spielleitung Wolfgang Kühne. Mittwoch-Miete, 27. Vorstellung.
Freitag, 15. April (Karfreitag), Anfang 19, Ende 21.45 Uhr, zu kleinen Preisen, zum letzten Mal „Wilhelm Teil", Schauspiel von Schiller. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Außer Miete.
Samstag, 16. April, Anfang 20, Ende 22.30 Uhr, KdF.-Miete, Gruppe 1 (14. Vorstellung), „Das Land des Lächelns", Romantische Operette von Franz Lehar. Musikalische Leitung Heinz Markwardt, Spielleitung Karl-Ludwig Lindt. Freier Kartenverkauf.
Sonntag, 17. April (1. Osterfeiertag), Anfang 19, Ende 21.45 Uhr, Abschiedsvorstellung für Hildegard
Jachnow, „Der Troubadour", Oper'von Verdi. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Wolfgang.Kühne. Außer Miete.
Revue „1002. Rächt".
Im Schumann-Theater in Frankfurt a. M. wird gegenwärtig eine Revue unter dem Titel „1002. Nacht" nach einer Idee von Fritz Fischer gegeben. Diese Revue ist vorher lange Zeit in München aufgeführt worden. Die Darbietung führt in die vielseitige Welt der Märchen des Orients und des Okzidents.
Das Verbot des Irischbrotverkaufes teilweise gelockert.
DNB. Durch eine vierte Verordnung zur Ergänzung des Brotgesetzes hat der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft das, bestehende Verbot, frisches Brot zu verkaufen, für die Tage aufgehoben, denen zwei gesetzliche Feiertage oder ein gesetzlicher Feiertag und ein Sonntag unmittelbar vorangehen. Diese Neuregelung wird erstmalig bei dem bevorstehenden Osterfest zur Anwendung gelangen. Damit werden von nun an die Schwierigkeiten vermieden, die sich für das Backgewerbe bisher aus der Notwendigkeit ergaben, an dem Tage vor den Feiertagen genügend Brot herzustellen, um den Bedarf für die Festtage und für den auf die Festtage folgenden Tag zu decken. Es wird jedoch darauf aufmerksam gemacht, daß, abgesehen von der jetzt verordneten Ausnahme, die Anordnung bestehen bleibt, wonach das Brot, das aus 20 öder mehr Hundertteilen Mahlerzeugnissen des Roggens hergestellt ist, erst an dem auf die Herstellung folgenden Tag angeboten, feilgehalten, ver- । kauft oder sonst in den Verkehr gebracht werden I darf.
40 Jahre Arbeit in der heimischen Wirtschaft.
Kommerzienrat Dr. Koehler. — (Aufn.: Privat.)
Eine der führenden Persönlichkeiten unserer heimischen Wirtschaft, Kommerzienrat Dr.-Jng. e. h. Adolf Koehler, Vorsitzer des Vorstandes der Buderus- scheu Eisenwerke in Wetzlar, kann am 16. April die 40. Wiederkehr des Tages begehen, an dem et im Jahre 1898 feine Laufbahn bei dieser Firma als kaufmännischer Lehrling antrat. Nachdem der junge Adolf Koehler seine Ausbildung genossen und dabei bereits ein Stück des für die künftige Entwicklung der Buderusschen Eisenwerke entscheidenden Ausbaues selbst miterlebt hatte, konnte ihm infolge feiner überragenden Fähigkeiten im Jahre 1908 Prokura erteilt und die Leitung einer Verkaufsabteilung übertragen werden. Diese Stellung brachte eine ausgedehnte Betätigung im In- und Auslands-Verkaufsgeschäft und in der weiteren Ausgestaltung der im Jahre 1911 gegründeten Buderus-
Wirksam und preiswert
herrlich erfrischend, verhindert den) Ansatz des gefürchteten Zahnsteins. Große Tube 40 2/., kleine Tube 25 ‘BL
scheu Handelsgesellschaft mit beschränkter Haftung mit sich. Um dieselbe Zeit begann auch die Mitarbeit in den verschiedenen Derkaufsverbänden, denen das Unternehmen angehört. Im Jahre 1917 erfolgte feine Ernennung zum kaufmännischen Direktor, bereits zwei Jahre später schloß sich der Eintritt in den Vorstand an. Nach dem Tode von Generaldirektor Bergrat Dr.-Jng. e. h. Groeblelk übernahm der damals Vieründvierzigjährige im Jahre 1926 als Vorsitzer des Vorstandes die Leitung der Buderusschen Eisenwerke.
Seit Jahren ist Kommerzienrat Dr. Koehler Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer für das Rhein-Mainische Wirtschaftsgebiet Frankfurt am Main und Vorsitzender deren Wetzlarer Bezirksstelle. Außerdem. gehört er dem Beirat der Wirtschaftskammer Hessen, sowie der Bezirksgruppe Hessen der Reichsgruppe Industrie und der Wirtschafts-
Oer Welser.
Don Hans Friedrich Blunck
Ich hatte mich auf dem amerikanischen Küstenschiff mit einem jungen deutschbürtigen Offizier an- gefreunbet; er war in einem kleinen Küstenhafen südlich von Baltimore geboren und von Jugend auf der See ergeben.
Während wir die kolumbische und veuezuelische Küste entlang fuhren und kleine Häfen besuchten, um hier diese und dort jene Ladung zu nehmen, horchte ich ihn über sein Leben aus; es war alles so anders und doch auch so nahe, was man da von Mutter und Vater und von ihrem kleinen enttäuschungsreichen, aber doch so zähen und rechtschaffenen Leben zu hören bekam.
Er hatte auch viel gelesen, gehörte zu jenen schweigsamen Menschen, denen manche gute Bücher durch die Hände gehen und die mehr mit ihnen als mit Freunden reden. Die Geschichte Venezuelas kannte er genau, wußte von den Welfern und von jenem Unternehmen des fünften Karl, auch den Deutschen ein Stück Welt zu sichern und versuchte sogar mich zu tröffen. „Ihr hättet das Land doch wieder verloren genau so wie die Engländer, die Franzosen und die Spanier. Trauert nicht darum!" Ich trauerte gar nicht und bemühte mich, ihm zu erklären, daß unsere Ausgaben in anderen Erdteilen lägen. Da begann er selbst zu meinem Erstaunen zu widersprechen. Es wäre doch gut gewesen, meinte er, wenn unsere Sprache auf dem großen amerikanischen Kontinent eine Heimat gehabt hätte. So eine Pflegestätte — nicht mehr als das! Er lächelte, als hätte er vor, mich zu überlisten: „Hier weiß man zuweilen noch von dem, was einmal gewesen ist; ich will Ihnen einen alten Tropf zeigen, der geradewegs von den Welfern abzustammen behauptet." Ich verzog verblüfft die Stirn, aber er lachte nur vor sich hin, als freute er sich auf die Überraschung. x
Wir waren während des Gesprächs der Barre eines kleinen Hafens nähergekommen — ich brauche ihn nicht zu nennen. Ein Fluß brach aus dem niederen Hügelland der Ferne und hatte vor feiner Ausmündung einen weiten, flachen See gebildet, den nur zur Rechten ein klumpiger Felsblock.überragte. Linkerhand auf einer Landzunge breitete sich die Hafenstadt mit ihren flachen Dächern, mit <5d)umlagern, Pumpwerk und mit dem Gewirr der Hütten am Raub, von denen Kokospalmen und Gärten zum Dickicht der Uferdschungel üoerleiteten. Flach, anspruchslos, kaum erhoben durch einige Turme des spanischen Barocks, lag die weiße Stadt da: ein brauner Schutzrand zeigte an, wo Kai und Lager die Flut anhielten.
Durch die seichten Hafenwäfser führt ein großer Steindamm im Winkel in die See hinaus und auf den Fels zu. Aber der Damm hatte ein Verhängnis gebracht; der Fluß hatte sich eigensinnig einen neuen Weg gesucht und führte eine seiner Rinnen so hart an dem steinernen Kopf entlang, daß man nur mit Mühe in den Schutz des Hafens gelangen konnte.
Der Lotse kletterte über eine schmale Strickleiter an der Schiffswand herauf; die lange Dünung der Atlantischen See hatte sie, ich weiß nicht warum, zu einem kurzen unruhigen Wellenschlag zusammen- gezogen, der das Aufentern nicht leicht machte. Was für ein kleines indianisch braunes Männchen! „Tüchtiger Kerl, heißt Welser, jawohl Welser", lobte mein Nachbar. Ich wollte erstaunt fragen, aber unser Dampfer begann schon die Einfahrt zu suchen; es schien erst, als wollte er den Molenkopf überrennen, danach bog er quer in ein aufgewühltes strudelndes Fahrwasser, trieb, warf Ankel nahe am Fuß des Felskegels, schwögte, lief wieder voran und lag auf einmal, ich weiß kaum wie, im stillen Wasser. „Das war ein Meisterstück", murrte ich, unsicher, ob ich mich über den Leichtsinn entrüsten oder die große Kunst des Lotsen bewundern sollte. „Und er heißt wirklich nach den Welfern?"
„Er behauptet es!" Der junge Offizier, der das Ausladen schon vorbereitet hatte und nun auf den Leichter zu warten hatte, lachte gutmütig. „Es wird nicht fein wirklicher Name sein; vielleicht hat fein Vater einmal von den Welfern gehört, ober fein Großvater, der aus dem Innern kam, hat sich das Wort angeeignet. Das ist hier nicht schwer. Aber Sie sehen, daß alles, was in der Geschichte geschah, sich'einmal wieder in Erinnerung bringt. Dieser Mann, der als Hafenlotse für sich und ein Dutzend Kinder fein Brot verdient —" mein Nachbar wies zum Ufer hinüber, wo sich jetzt das Boot des Zöllners und das des Hafenarztes träg über das ölige Wasser näherten —, „dieser Mann suchte sich seinen Namen nach jenem verlorenen Unternehmen deutscher Kaufleute vor viel hundert Jahren. Mehr noch, er bildet sich heute fest ein, etwas vom Blut der Welser in sich zu haben, und weil er einer der besten Lotsen der Küste ist — jawohl, dieser Knirps m der geflickten alten Jacke, so wie er eben auf uns zukommt —, beginnt man’s zu glauben, weil man sich ihm ja auch sonst anvertraut. Sv geht's mit großen Erinnerungen."
Der kleine Dunkelhäutige schnarrte die Treppe vom Bootsdeck herab. Der Offizier, der träg an der Reling lehnte, nickt freundlich. „Passen Sie auf, sicherlich hat er von Ihnen gehört." Wirklich kam der Lotse auf uns zu: er begrüßte den Schiffsoffl- zier wie einen alten Vertrauten, verbeugte sich in feierlicher Würde vor mir und nannte feinen Na
men. „Welfer", sagte er deutlich und dann mit einem festen Handschlag: „Compatriota?“
Er tat noch eine wortreiche Frage im Spanisch der Küste. „Woher Sie kämen", übersetzte mir der Schiffsoffizier und winkte mir zugleich, sehr ernst zu bleiben. „Von Hamburg", berichtete ich höflich und nannte auch meinen Namen. Ein Aufblitzen in den flinken Mausaugen — jetzt sah ich, sie waren nicht schwarz, sondern von einem harten Blau. Der Sonderbare ergriff den Schiffsoffizier und mich bei den Händen, als wollte er eine Kette schließen. „Landsleute", sagte er in einem Ernst, der einen für einen Augenblick gefangennahm und vergessen ließ, daß es doch nur Spiel und Einbildung war. .Landsleute, Compatriotas, besucht mich heute abend!" Dann verbeugte er sich gemessen, grüßte und ging.
„Er tut, als sei ich ein Deutscher", murmelte der Mann aus Baltimore ein wenig hilflos; er wollte doch Amerikaner fein! Ich grüßte den großen Schauspieler, der/während er schon die Strickleiter hinabkletterte, noch einmal anhielt und mir feierlich winkend die Hand entgegenstreckte.
Gloria-palaft: „pipin der Kurze."
Kein historisches Stück, sondern ein Schwank mit Heinz Rühmann in der Mitte. Er spielt einen simplen Kassierer mit dem merkwürdigen Namen August Pipin. Die schwankhaften Katastrophen entwickeln sich aus dem fatalen Umstande, daß dieser Kassierer in einem Augenblick psychologisch nicht schlecht motivierter Zerstreutheit dreihundert Mark zuviel auszahlt, die ihm zu seinem Schrecken abends in der Kasse fehlen. Die Folgen sind entsetzlich, und wenn es auch nicht dazu reicht, die Verwirrung etwa zu den Ausmaßen des „Mustergatten" zu steigern, so gibt es doch einige Szenen, deren Situationskomik schwer zu beschreiben ist. R ü h m a n n ist Spezialist für korrekte Geschäfts- und Ehemänner, die mit Hilfe unwahrscheinlicher Mißverständnisse und Komplikationen in die peinlichsten Zwischenfälle und absonderlichsten Lebenslagen hineinmanövriert werden; so entwickelt er sich hier mit verblüffender Plötzlichkeit erst zum Selbstmord- kandidaten, dann zum unfreiwilligen Casanova Das Theater und die Zeitungsredaktion, die dabei eine Rolle spielen, sind allerdings ein bißchen von anno dazumal; das kann nicht verschwiegen werden. Unter der Regie von C. H. Wolff tun sich neben Rühmann die scharmante Hilde Hildebrand, Heidemann und Junkermann hervor. — Im Beiprogramm sieht man einen hübschen Kulturfilm (Erforschung der Meeresfauna'), einen Vorspann zur „Frommen Lüge" mit Pola Negri und die Wochenschau mit aktuellen Bildern.
Hans Thyriot
Zeitschriften.
— „Das Gesicht des deutschen Südens" betitelt sich der Hauptbeitrag in der neuesten Nummer der „I 11 u st r i r t e n Z e i t u n g L e i p z i g". Der bekannte Leipziger Historiker Professor Dr. Erich Brandenburg gibt in seinem Aufsatz „Oesterreich und das Reich" einen Rückblick auf. 1000 Jahre volksdeutscher Vergangenheit. Zwei farbige Seiten bringen unter der Ueberschrift „Künstlerfahrt in das schöne Oesterreich" Bilder aus des neuen Reiches Ostmark. Der zweite Teil bringt einen Forschungsbericht von der deutschen Spitzbergen-Expedition 1937 sowie einen interessanten Artikel über die por* tugiesische Universität Coimbra.
Hochschulnachrichten.
Der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den nb. ao. Professor Dr. Gadamar von der Universität Marburg beauftragt, im Sommersemester 1938 in der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig die Vertretung der durch die Wegberufung des Professors Gehlen frei gewordene Professur für Philosophie wahrzunehmen. — Ferner hat der Minister den Dozenten Dr. Kurt Stegmann von der Universität Marburg beauftragt, int Sommersemester 1938 in der Philosophischen Fakultät der Universität R o st v ck die Vertretung des durch die Wegberufung des Professors Weis- g e r b e r frei gewordenen Professur für Jndoger« manistik wahrzunehmen.
Am Dolmetscher-Institut der Universität Heidelberg wurden der Lektor für französische Sprache an der Universität Frankfurt, Professor Dr. Paul M i 11 e q u a n t, zum Leiter der französischen Abteilung, und der Assistent am Englischen Seminar der Universität Marburg, Dr. Rolf (9 r e i f e 11, zum Lektor und Leiter der englischen Abteilung ernannt.
Professor Dr. Franz B e y e r l e, Ordinarius für deutsches, bürgerliches und Handelsrecht an der Universität Leipzig, ist in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Freiburg berufen worden. Professor Beyerle wirkte bis 1934 in Frankfurt.
Der Dozent Dr. med. habil. Josef Vonkennel wurde zum ordentlichen Professor und zum Direktor der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität Kiel ernannt.
Der Dozent Dr. Wilhelm F u ck s wurde zum ordentlichen Professor in der Fakultät für allgemeine Wissenschaften an der Technischen Hochschule Aachen ernannt; ihm wurde der Lehrstuhl für theoretische Physik übertragen.


