Ur. 86 zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag,12.2Iprii 1938
Oie hohe Schule der Lippizaner.
Wiens berühmte spanische Hofreitschule. - Oie Edelrasse der weißen Pferde. Äreiunddreißig Schimmelhengste.
Mit der Eingliederung des deutsch-österreichischen Heeres in die deutsche Wehrmacht ist auch die Wiener spanische Hofreitschule in die Obhut des deutschen Heeres übernommen worden. Es ist etwas Besonderes um Entstehen und Werden dieser Reitschule ureiaenster Art, einer Hochschule für Reiter und Pferde zugleich. Zwölf von den dreiunddreißig weißen Heng st en aus dieser hohen Schule der klassischen Reitkunst waren im Sommer vorigen Jahres aus der Reichsausstellung „Schaffendes Volk" in Düsseldorf zu sehen, wo sie, wie vorher in England, zu einem Gastspiel angeritten waren, betreut und geliebt von ihren Bereitern, Oberbereitern und Wärtern, ihren Herren und Freunden zugleich, denen die Pferde willig und gut gesinnt sind.
Als die Nachkommen ihrer fünf Stammväter wurden die Lippizaner — dies ist der Familienname der Pferde der Hofreitschule— fortgezüchtet in den besten Abkömmlingen früherer Zeit, die Stämme tragen die Namen ihrer Väter Pluto, Conversano, Neapolitano, Favory und Maestoso. Als sechster Stamm kam später eine reine orientalische Rasse mit dem Namen Siglavy hinzu, gezüchtet aus in der Wüste gekauften Arabern. Nach altem Brauch führen die Pferde einen Doppelnamen, den des Stammhengstes und der Mutterstute, und sind in der Mehrzahl als Nachkommen kostbarer spanischer und neapolitanischer Hengste anzusprechen, deren heimatliche Zucht längst nicht mehr besteht. Alle führen sie den Namen Lippizaner nach dem seinerzeitigen staatlichen Gestüt in dem Dorfe L i p p i z a auf dem Bergrücken Opcina bei Triest, lieber dreihundert Jahre wurde dort auf dem harten Boden des Karst und in herber Alpenluft die Zucht der Lippizaner durch arabisches Blut aufgefrischt herangezogen, bis aus ihr die weit über Oesterreich hinaus bekannte Edelrasse wurde. Immer kamen die schönsten Hengste nach Wien in die Spanische Hofreitschule zum Zureiten, in die Schule, aus der sie nach Durchbildung ihres Körpers und nach Zähmung ihres Geistes als Beschäler wieder in die Heimat zurückkehrten.
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Der Ausgana des Weltkrieges brachte das Gestüt und einen großen Teil der Zucht in italienischen Besitz. Was Oesterreich an Pferden geblieben war, gelangte vorerst in das ehemalige Sommerschlotz des Kaisers Franz Joseph nach Laxenburg bei Wien. Don dort kamen die Pferde später in das Staatsgestüt Piber bei Köflach in Kärnten, wo seither nach den alten Gepflogenheiten und Erfahrungen die Zucht der Lippizaner weitergeführt wird. Der Wert der Lippizaner ist nicht marktmäßig, die Pferde stehen im allgemeinen nicht zum Berkaus. Wenn einmal von einem Kaufpreis die Rede ist, so ist das ein Liebhaberpreis, wie ihn vor einigen Jahren ein indischer Maharadscha bezahlt hat. Er nahm aus dem Stamm Pluto, Favory und Maestoso je ein Pferd um je 15 000 Schilling in feine ferne Heimat mit.
Don der Piaffe bis zur Eapriole.
Es ist e i n schönesund feierliches Bild, wenn unter den Klängen eines Walzers die Lippizaner, geritten von den Bereitern, in mehr selbstbewußter und würdevoller als stolzer Haltung in den großen Saal der Spanischen Reitschule kommen. Man könnte fast sagen, den Saal betreten, da sie Schritt für Schritt die sehnigen und doch schlanken Beine mit den Hufen, die wie geschnitzt scheinen, stellen. Charakteristisch wie diese Schritte ist die Haltung des langen, seidenhaarigen Schweifes, der, ohne jede Bewegung getragen, elfenbeinweiß den Boden fast streift. Hochaufgerichtet sitzen die Reiter im Sattel, sie tragen einen braunen Frack, weiße
Wildlederhosen, hohe schwarze Stulpenstiefel, einen goldbordierten Zweispitz quer aus dem Kopf. Sie salutieren nicht beim Einreiten, sie ziehen den Hut zum Gruß. Was dann Reiter und Pferde als Leistung und Ergebnis der hohen Schule zeigen, verrät, wie mühevoll erlernt alle Bewegungen sind, die sich nun in stolz geübter Kunst vereinen. Dib Vorführungen der hohen Schule zeigen alle Gangarten und Sprünge des Pferdes in höchster Vollendung, beweisen eine einzige Meisterschaft der Schule, rein erhalten in der Ausführung wie im 17. Jahrhundert. In der Unterrichtssprache gelten auch noch heute die damals üblichen Kunstworte, sie verbinden auch heute noch die gleichen Begriffe. So sind für die Bewegungen der Schulen auf der Erde Inhalt und Begriffe die Worte Piqffe, Passage, Volte, Pirouette, den Uebergang zu den Schulen über der Erde bezeichnen die Ausdrücke Levade, Pesade, Courbette, Croupade, Ballotade, Sprünge des Pferdes verschiedenster Ausführung, deren höchster und rollendster die Capriole ist. Den
Der denkwürdige Tag der Abstimmung im Großdeutschen Reich ist vorbei. Mit einer überwältigenden Vertrauenskundgebung für unseren geliebten Führer hat ihm das geeinte, glückliche deutsche Volk den Dank für sein gewaltiges, geschichtliches Werk abgeftattet. „Deutschland auf ewig ungeteilt", so heißt es nun bei uns für alle Zukunft. Wir stehen noch alle unter dem uns zu tiefst erschütternden Eindruck der verflossenen Tage und Stunden und wem es wie mir vergönnt gewesen ist, in den Märztagen durch das befreite Oesterreich zu fahren und unter den vor Freude überschäumenden Brüdern und Schwestern dieses einzigartig schönen Landes zu weilen, für den ist dieses Erlebnis die schönste Erinnerung seines ganzen Lebens. Nun sind wir beieinander, reichen uns die Hände, sind
In der Aprilwoche zwischen der gewaltigen Volksabstimmung und dem Osterfest liegen die beiden größten Ereignisse, die der deutsche Boxsport im Jahre 1938 zu bieten hat. Unsere besten Amateure erscheinen in Frankfurt, wo vom 12. bis 15. April die deutschen Meisterschaften abgewickelt werden, und im Berufssport bringt Hamburg am Ostersarns- tag, 16. April, die bedeutendste Veranstaltung dieser Art, die je in Deutschland, ja in ganz Europa vorbereitet wurde. Mit Max S ch m e I i n g , Walter Neusel und Ben Foord betreten an diesem Tage die drei besten Schwergewichtler Europas den Ring der Hanseatenhalle. Dazu kommt mit Steve Dudas einer der vielversprechendsten amerikanischen Nachwuchsboxer in die Hansestadt.
Max Schmeling bestreitet am Ostersamstag seinen dritten Vorbereitungskampf vor der Weltmeisterschafts-Begegnung mit Joe Louis. Gegner ist diesmal der junge Amerikaner Steve Dudas, der, ebenso wie vor ihm Harry Thomas und Ben Foord, in dem Schmeling-Kampf die größte Chance seines Lebens sieht. Man kann hinzufügen, daß er diese Gelegenheit nicht weniger ausnutzen wird als seine beiden Vorgänger; ja, er dürfte unserem Meister
Abschluß der nach strenger Ueberüeferung immer gleichbleibend en Vorführungen bildet eine Quadrille, an der sich das „ganze Ensemble" beteiligt.
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Es ist auch ein besonderer Rahmen, in dem die Vorführungen der Wiener Spanischen Reitschule stattfinden. Als Teil der alten Wiener Hofburg hat der große Baumeister des Barock Fischer von Erlach d. Ae. für Kaiser Karl VI. einen prachtvollen Reit- und Festsaal nach den Plänen des Pariser Louvre erbaut. Als Zweckbau gedacht, mußte der Saal mancherlei Aufgaben erfüllen, er war die Stätte üppigster Maskenfeste, Bankettgewölbe zur Zeit des Wiener Kongresses und Beratungssaal des ersten Reichstages im. Jahre 1848. Korinthische Säulen teilen die Logen, stützen die hohe Galerie, der ganze weite Saal ist in blendendem Weiß gehalten, der heute nach der ihm gegebenen Widmung seines Schöpfers nur mehr den Vorführungen der Spanischen Reitschule in Wien dient. Durch hohe Bogenfenster fällt strahlendes Sonnenlicht auf das Reiterstandbild Karls VI. an der Stirnwand und gibt dem prachtvollen Bau die freudige Festesstimmung für 6i& einmaligen Vorführungen der hohen Schule der Reitkunst.
Erwin Stranik.
untrennbar als Kameraden verbunden und dienen vereint in allen schönen und schweren Tagen unseres Lebens auf dieser Erde unserem heiligen Vaterlande und seinem Führer. Der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen und die Millionenschar der in der Leibeserziehung des großen deutschen Volkes wirkenden Männer und Frauen grüßen in diesen ergreifenden Stunden voll Stolz auf ihre neuen Kameraden alle österreichischen Turner und Sportler als Mitglieder des Gaues 17, grüßen sie als kampferprobte Weggenossen zu dem gewaltigen Ziel, im Großdeutschen Reich das Volk in Leibesübungen zu schaffen.
Gez.: von Tschammer, Reichssportführer.
noch gefährlicher werden, da er härter schlagen kann als Thomas und Foord, da er aus den Niederlagen dieser beiden lernen konnte und da er schließlich in McCarney einen Manager besitzt, der als ein ganz erstklassiger Fachmann gilt. Max Schmeling befindet sich auch diesmal wieder in bester Form und wird alles daran setzen, seinem Gegner die erste Niederlage seit 1936 zu bereiten, um den Amerikanern zu beweisen, daß er das erste Anrecht auf einen Titelkampf mit Joe Louis besitzt.
So überzeugt man von einem Erfolge Schmelings sein darf, so zweifelhaft ist der Ausgang des zwei- ten Hauptkampfes, in dem der Bochumer Walter Neusel zum zweiten Male auf den Engländer Ben Foord trifft. Die erste Begegnung im Jahre 1936 endete mit einem Punktsiege des Deutschen über zwölf Runden. Ob Neusel auch diesmal wieder siegreich bleibt, ist schwer vorauszusagen. Der Engländer machte gegen Schluß seines Trainings einen derart vorzüglichen Eindruck, daß mau Walter Neusel wenig Vorschußlorbeeren > spenden kann. Immerhin hat auch er härteste Arbeit im Training erledigt und sich in sehr gute Verfassung gebracht.
Um die deutsche Fuhball-Meisterschast.
Lechs Gruppen-Endspiele am Karfreitag, vier am Ostermontag.
Aus verschiedenen Gründen war es dem Fachamt Fußball diesmal nicht möglich, die Osterfeier- tage frei von Meisterschaftsspielen zu lassen. Die Endkämpfe um die deutsche Meisterschaft werden am Karfreitag mit sechs Gruppen-Endspielen fortgesetzt, denen am Ostermontag vier weitere folgen werden. Nur so ist es möglich, die Kämpfe rechtzeittg unter Dach und Fach zu bringen. Der Spielplan für dis Osterspiele lautet wie folgt:
K'arfreitag.
G r u p p e 1: In Königsberg: Yorck Insterburg — Hamburger SV.; in Stettin: Stettiner SC. — Eintracht Frankfurt.
Gruppe 2: In Halle: SV. 05 Dessau — FC. Schalke 04.
Gruppe 3: In Chemnitz: BC. Hartha — Fortuna Düsseldorf; in Gleiwitz: VR. Gleiwitz — VfB. Stuttgart.
Gruppe 4: In Hanau: FC. Hanau 93 — Alemannia Aachen.
Ostermontag.
Gruppe 1: In Stettin: Stettiner SC. — Hamburger SV.
Gruppe 2: In Gelsenkirchen: Schalke 04 — VfR. Mannheim.
Gruppe 4: In Aachen: Alemannia Aachen — 1. FC. Nürnberg; in Kassel; FC. Hanau 93 — Hannover 96.
Letzte Ereignisse
des Berliner Reitturniers.
Der „A b s ch i e d s p r e i s" des Berliner Reitturniers wurde schon am vorletzten Tage entschieden. Das mittelschwere Jagdspringen über 16 Hindernisse vereinte 53 Pferde am Start, wobei allerdings Sieger und Zweite aus den bisherigen Wettbewerben ausgeschlossen waren. Zum Schluß entspann sich wieder eine Jagd um die beste Zeit, da 21 Reiter den Parcours fehlerlos genommen hatten. Mit 68,2 Sekunden errang SA.-Oberstuf. Frick auf „Nona" den Sieg mit zwei Zehntelsekunden Dor- Ätror ff=Uftf. Heidenreich auf „Schlemmer" Weidemann auf „Goldammer".
Aus dem Amateurpreis, einer leichten Dressur und einem leichten Jagdspringen als Vielseitigkeitsprüfung, wurden die Preisträger vorgestellt. „Yorck" (Frhr. von Kottwitz) kam mit der Wertzahl 1,20 zum.Siege vor „Amneris" (^-Haupt- stuf. Temme) und „Upina" (Frl. Kutscher). In einem besonderen Siegerpreis der Springpferde traf noch einmal die Auslese aufeinander, denn hier waren nur die Sieger und Zweitplacier- ten aus den bisherigen Wettbewerben zugelassen. „Tosen" blieb als einzige ohne Fehler und verhalf dem Stall der Obersten SA.-Führung zum zweiten Erfolg des Tages.
Ostpreußen gewann den Preis des Führers.
Der Schlußtag des Berliner Reitturniers brachte am Montagnachmittag einen Höhepunkt mit dem Wettbewerb um den Mannschaftspreis der deutschen Zuchtgebiete. Mannschaften, die auf Pferden gleichen Zuchtgebietes beritten waren, kämpften um den Preis des Führers. Auf den ersten Platz kam Ostpreußen vor der gemischten Mannschaft, in der die übrigen Zuchtgebiete und auch die Pollblutzucht ihre Vertreter stellten.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
h. D. in H. Wir empfehlen Ihnen, in dieser Sache einen Arzt oder einen Heilkundigen zu befragen.
Schwerkriegsbeschädigter Beamter. Die Anfrage ist zu bejahen. Es gelten jedoch die §§ 1274 bis 1277 der Reichsoersicherungsordnung entsprechend. Eine Besprechung dieser Bestimmungen würde hier zu weit führen. Wir empfehlen, mündliche Auskunft beim Versicherungsamt einzuholen.
Vereinigung des deutschen Sports.
Ein Aufruf des Reichstportführerö.
Deutscher Voxiport vor großen Ereignissen.
Schmeling — Dudael/ Neusel—Foord.
Oer heimliche Wunsch.
Eine Liebesgeschichte von Peter Bauer.
Nach Art der meisten Mädchen hatte Karina als Kind gern mit Puppen gespielt und wie eine kleine Mutter ihre Pfleglinge liebevoll und herzlich betreut. Karinas schönste Beschäftigung war es gewesen, die sorglich im federnden Wagen Gebetteten auf der Straße in die warme Sonne zu . schieben, und in den ersten Schuljahren hatte sie sogar unter Mutters Anleitung eifrig für die Puppen schneidern gelernt, damit diese Kleidchen zum Wechseln hatten und man sie zur gelegentlichen Ausfahrt von Kopf bis Fuß umziehen konnte. -
Als Karina später, kaum siebzehnjährig, durch ein jähes Unglück, eine tückische Blutvergiftung, beide Eltern hintereinander verloren hatte, war es ihr darum nicht schwergefallen, sich mit ebenso viel Liebe wie einst ihren Puppen, den Kindern des Onkels zu widmen, der sie, als Bruder der Mutter, bei sich ausgenommen hatte. Sie war glücklich gewesen, da sie das Jüngste im Kinderwagen fast täglich vom Frühling bis in den Spätherbst hinein spazieren gefahren. Aber so gut wie der Onkel hatte es die nervös überreizte und wegen jeder Kleinigkeit aufbrausende Tante nicht gemeint, obschon ihr Karina nie begründeten Anlaß zu einer Auseinandersetzung gegeben. Wie eine zarte aus der Kelchhülle drängende Blütenknospe war das Kind immer in seinem Wagenbettchen gelegen, und sie hatte wie eine hübsche junge Mutter zu ihm gepaßt. Denn Karina war ein schönes, hellblondes Mädchen mit strahlenden Augen, das ein sicheres Gefühl für kleidsame Farben und Formen besaß und sich darum bei aller Einfachheit reizend und geschmackvoll anzuziehen verstand. Aber gerade dieser Vorzug hatte die in den gleichen Dingen weniger begabte Tante dem Mädchen nie verziehen und, sicher nicht ohne heimlichen Neid, den „unpassenden Aufwand" getadelt. Karina hatte manche Träne in die Stille ihres Stübchens gemeint, bis sie zu dem Entschluß gelangt war, eine Stelle in der Fremde anzunehmen.
Nun fuhr sie im zweiten Jahre den Kinderwagen eines jungen Ehepaares, und es war so viel Liebe um das Kind, daß sie, als dessen Pflegerin, einen großen Teil der Herzenswärme mit zu spüren bekam und überall im Hause wie in flutender Sonne ging. Mit gesteigerter Hingabe hütete sie darum das Kind, besonders wenn es ihr allein anvertraut war und sie sich auf den nahen Promenadenwegen am Fluß erging, die es chr mit ihrem weiten Blick über
die gleitenden Wasser angetan hatten. Unermüdlich schenkte sie ihre Aufmerksamkeit dem kleinen Plaudermund und hielt in lustigem Kauderwelsch Zwiesprache mit ihm, bis der Schlummer ihn schloß. Dann suchte sie die grünen Hainbuchennischen nach einer windgeschützten, unbesetzten Bank ab, wo sie den Wagen vor sich hinstellen und ein wenig rasten konnte. Da sah man stromauf und ftroman die Schiffe fahren, und es war Karina bald zur lieben Gewohnheit geworden, ihnen heimlich ihre kleinen Mädchenwünsthe und Träume mit auf die Reise zu geben.
Einmal, als sie keine leere Bank fand, rückten zwei gesprächige Greise zur Seite und luden sie mit einer schlichten Geste ein, neben ihnen Platz zu nehmen. Sie nannten sie „junge Frau", und Karina ließ es leicht errötend unwidersprochen. Es gefiel ihr, daß sie den schönen Wagen lobten und vor allem das rosige Kind, das wohl dem Vater ähnlich sehe.
Es war am gleichen Tage beim Mittagstisch, wo sie zum letzten Male den Blick des jungen Mannes aushielt, da er sie in ein kleines Gespräch zog, und es schien ihr, die beiden ahnungslosen Alten hätten recht. Das Kind war sein Ebenbild. Und „junge Frau" hatten sie gesagt. Es wurde ihr im Herzen heiß, so oft sie an das Erlebnis dachte. Ob sie der jungen Mutier, die so gütig zu ihr war davon hätte erzählen müssen? Sie konnte sich nicht dazu entschließen, weil sie es wie ein begangenes Unrecht empfand, die beiden Männer nicht aufgeklärt zu haben. Eine Zeitlang war es ihr bedrückend, daß sie vor der jungen Frau ein Geheimnis hegte, mit dem ihre Gedanken, ohne daß sie es wollte, zuweilen schwärmerisch spielten. In einem nächtlichen Traum sah sie den jungen Mann sogar einmal an ihrer Seite neben dem Kinderwagen gehen, und er sprach mit ihr wie mit seiner Gattin. Da war Karina am folgenden Tag noch ganz verstört und verschüchtert, so daß sie die Besorgnis der langen Frau erregte und mit einem Lächeln ihre Bedenken zerstreuen mußte. Aber dann suchte sie mehr als bisher an äußeren Dingen Ablenkung, um die törichten Gedanken loszuwerden.
Ein anlegendes Frachtschiff lockte sie eines Mittags mit anderen Neugierigen ans Ufergelander. Wahrend die Anker niederrasselten und ein struppiger Köter den Laufsteg entlang die Zuschauer anbellte, sprang ein junger Schifter M den Flieher und ruderte dem Ufer zu. Plötzlich flog aus Karinas Kinderwagen, aus dem Helle Jauchzer krähten, ein kleiner Teddybär über das Eisengestange Karina beugte sich ratlos übers Gelander und sah in das lachende Gesicht des Schiffers, der freundlich heraufgrüßte und ein paar Augenblicke spater das
gerettete Pelztier mit einer artigen Verbeugung in ihre Hände legte. Er war sehr gesprächig und begleitete sie noch ein Stück stadtwärts, bis sein Weg abbog. Sie trafen sich noch zweimal in der Uferanlage, und sie erfuhr, daß er das Patent als Steuermann habe, daß das Schiff feinem Vater gehöre und daß ein zweites Fahrzeug in Kauf fei, das er bekommen werde. Sie erzählte von ihrer Heimatstadt und war erstaunt, daß er viele ihrer Schönheiten kannte. Ein Onkel von ihr wohnte dort. Ob er ihm Grüße von ihr bestellen dürfe, wenn er demnächst wieder geschäftlich in die Stadt komme. Sie würde sich freuen, wenn er das täte, und sie nannte ihm Namen und Straße.
Seitdem klopfte ihr Herz rascher, so oft sie die angekommene Post dem Hausbriefkasten entnahm, als ob sie eine Nachricht zu erwarten habe. Eine Nachricht? Der Schiffer hatte wohl schon das kleine Erlebnis vergessen. Was konnte ihn ein Mädchen kümmern, von dem er nicht einmal wußte, wie es hieß? Oder hatte auch er in ihr eine junge Frau gesehen und ein näheres Bekanntwerden für zwecklos gehalten? Sie fühlte sich sehr einsam. Auch wenn sie dem Kinde im Wagen Anwort gab, tat sie das zur Gewohnheit Gewordene gedankenabwe- sen. Wann würde sie ein eigenes Kind haben?
Viele Wochen vergingen, und Karinas strahlende Augen erschienen von Schwermut umflort noch dunkler, als sie es schon waren. Aber eines Morgens, da sie einen Brief in ihren leise zitternden Händen anstaunten, hellten sich jäh auf, wie wenn ein Schleier zurückgeschlagen würde. Sie konnte den Aufgabestempel des schmalen Umschlags zwar nicht entziffern, doch immerhin so viel feststellen, daß der Brief nicht aus ihrer Heimatstadt kam und die kräftigen Schriftzüge nicht von ihrem Onkel stammten.' Sie hielt den Atem an, während sie hastig den Umschlag aufriß. „Siebes Fräulein Karina!" las sie, sich wundernd. „Verzeihen Sie, daß ich die Grüße, die Sie mir mitgaben, erst in dieser Woche bestellte, da die geplante Reise immer wieder aufgeschoben werden mußte. Ihr Onkel freute sich sehr, da ich ihm viel Schönes von Ihnen erzählte. Aber meine Freude war doch noch größer, da ich außer Ihrer Anschrift von ihm alles erfuhr, was meine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Ihnen neu belebt hat. Das Schiff ist gekauft. Darf ich es Larina' taufen?" Die Zeilen schlossen mit einem „herzlichen Gruß" und seiner genauen Anschrift.
Karina antwortete im vollen Jubel ihres Herzens sofort und warf den Brief noch vor ihrer täglichen Ausfahrt in den Kasten. Auch Herbert, so hieß der Schiffer, ließ Karina nicht warten. Briese flogen ein und aus. Aus fteundlichen Alltagsberichten
wurden sehr rasch Herzensgespräche und zärtliche Geständnisse.
Und dann kam Herbert mit seinem Schiff, an dessen Bug Karina mit großen goldenen Lettern ihren Namen leuchten sah. Er blieb drei Tage und wollte sie gleich mitnehmen. Sie sprachen mit dem jungen Ehepaar, das in begreifliche Bestürzung geriet, dann aber unter großem Bedauern den außergewöhnlichen Umständen entsprach und Karina frei« gab.
Sie ließ es sich nicht nehmen, am letzten Vormittag noch einmal mit dem Kinderwagen in den Uferanlagen spazieren zu fahren. Herbert schritt schweigend neben ihr. Mit einem Male fühlte sie seine Hand neben der ihren am Wagengriff. Da mußte sie an ihren heimlichen Wunsch denken und lächelte still und glücklich vor sich hin.
'Zeitschriften.
— Ein junges Paar will sich einrichten, es hat eine Wohnung, es hat die nötigen Mittel zusammengespart, es hat Geschmack und will eine Einrichtung, die weder modisch, extravagant noch langweilig ist. Wie sieht die fertige Wohnung aus? „He neue linie" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) hat in ihrem April-Heft das Heim des jungen Paares photographiert und bringt dazu eine genaue Kostenaufstellung. Da das Heft zur Hauptsache dem Haus und Garten gewidmet ist, zeigt es außer den farbigen Gartenentwürfen von drei bekannten Garten-Architekten ein schönes Wohnhaus in Berlin und die ersten fertigen HJ.-Heime in farbigen Bildern. Ein Wettbewerb, der sich an die deutschen Architekten richtet, sucht das ideale Einfamilienhaus. Die zweite Preisnovelle des diesjährigen Erzähler- Wettbewerbes, ein Querschnitt durch die Theaterwinter 1937/38 und ein Landschaftsaufsatz über Aegypten runden das schöne Heft ab. Die Modebeilage bringt reizvolle Modelle aus der bunten Fülle der neuen Frühjahrsmode.
— Jede Erkrankung des Kindes erfüllt die Eltern mit Sorge und Unruhe. Was die Mutter zu tun hat, welche Maßnahme sie bei Beginn einer Krankheit zu ergreifen hat, das wird in dem Aprilheft der Monatsschrift „M utter und Kind" (Verlag El- win Staude K.-G., Berlin W 30 und Osterwieck am Harz) geschildert, und zwar unter Aufführung der am häufigsten vorkommenden Krankheiten (Grippe, Magen- und Bauchschmerzen, Nasen-, Rachenkatarrh, Kopf-, Ohren- und Halsschmerzen, Krämpfe usw.) Auch die weiteren Beiträge wie „Waschen und Baden", „Der böse Finger", „Mutter", „Erste Liebe zum ABC", „Zur Berufswahl" werden mit Interesse gelesen werden.


