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Nr. 289 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)10./0. Dezember (938

Korsika und anderes.

Don Dr. Paul ^ohrbacb.

Wäre Napoleon Bonaparte statt 1769 nur ein Jahr früher geboren, so hätte er noch als Unter­tan der Republik Genua das Licht der Welt erblickt, denn erst 1768 ging die Insel für den Kauf­preis von 2 Millionen Franken aus genuesstchern in französischen Besitz über Korsika hat eine merk­würdige und interessante Geschichte. Geographisch und ethnographisch ist sie eher mit Italien als mit Frankreich verbunden; historisch hat sie überwiegend ein Eigenschicksal gehabt Erst karthagisch dann rö­misch, war sie in der Bölkerwanderungszeit ein Streitobjekt zwischen Vandalen, Ostgoten und By­zantinern. Als Karl der Große 774 die Langobar­den unterwarf, wurde auch Korsika em Bestandteil des fränkischen Großreichs. Im späteren Mittelalter erhoben die Päpste Anspruch auf Korsika, aber erst Pisa, dann Genua machten ihm die Herrschaft strei­tig Don 1284 bis 1768 behaupteten sich die Genue­sen im Besitz der Insel, hatten aber mit fortwäh­renden Aufständen der nach Unabhängigkeit ver­langenden Korsen zu tun.

Im Jahre 1735 erhob sich Korsika wieder einmal gegen die auf bloße Ausbeutung gerichtete Herr­schaft Genuas und lud den Gesandten des deutschen Kaisers Karls VI in Florenz, einen deutschen Adli­gen, Baron Theodor v. Neuhof, ein, König von Korsika zu werden Neubof ließ sich tatsächlich zum König ausrufen und schloß ein Bündnis mit Tunis, das damals türkischer Vasallenstaat war, ober die Genuesen riefen Frankreich zu Hilfe, und Neuhof mußte nach zweijährigem vergeblichen Be­mühen, seine Krone zu behaupten, auf sie verzich­ten Der Führer der Korsen im Kampf gegen Genua war Pasquale Paoli. Er wollte auch von den Franzosen nichts wissen und setzte nach dem Ver­kauf der Insel den Freiheitskampf fort. Von den französischen Truppen geschlagen, machte er zeit­weilig seinen Frieden mit Frankreich, erhob aber während der französischen Revolution 1793 von neuem die Fahne der korsischen Freiheit. Auch Na­poleon gehörte anfangs zu den Anhängern Paolis, gag es aber bann vor, seine Offizierslaufbahn in den Revolutionsheeren Frankreichs fortzusetzen.

^Paoli, der Beziehungen zu England hatte, ließ 1794 durch eine korsische Nationalversammlung in Corte die Krone von Korsika an den König von England übertragen und hoffte selbst, Vizekönig zu werden. Dazwischen richtete sich sein Ehrgeiz auch auf ein eigenes Königreich. 1796 schickte Frankreich eine starke Militärmacht, um di? widerspenstige In­sel endgültig zu unterwerfen. Nun mußte Paoli weichen und ging nach London, wo er 1807 starb. Napoleon hat selbst an der Niederwerfung der kor­sischen Unabhängigkeitspartei nicht teilgenommen, 1796 war er auf seinem Siegeszug in Oberitalien gegen Piemonteser und Oesterreicher.

In Korsika ist seit der endgültigen Besitzergreifung durch Frankreich die amtliche und die Schulsprache französisch. Das Volk spricht eine mittelitalienische Mundart. Mit rund 8700 Quadratkilometer etwas größer als Oldenburg, hat Korsika gegen 300 000 Einwohner. Die Gebirgsnatur ist dem Anbau nicht günstig. Fast die Hälste^er Insel ist bedeckt mit dich- rem, immergrünem Buschwerk, der Macchie der Mittelmeerländer, die nirgends eine so große Aus­dehnung hat, wie auf Korsika. Die Macchie entsteht nach Vernichtung der Wälder hauptsächlich durch den Ziegenfraß: die Ziegen lassen keinen richtigen Baumwuchs mehr aufkommen. Früher sagte man, die Haupterzeugnisse Korsikas feien Ziegen und Banditen Diese sanden in der Macchie ihre unauf­findbaren Verstecke, hielten aber darauf, nicht ge­wöhnliche. sondern aristokratische Räuber zu sein. Die Landbevölkerung sympathisierte mit ihnen: manche Banditen waren auch Bluträcher, die vor der Justiz Zuflucht im Busch suchten. Reste der kor­sischen Blutrache, der Vendetta, criftieren noch heute, aber im ganzen gehört die Räuberromantik Korsi­kas der Vergangenheit an. Die Insel ist *jetzt von,

Eisenbahnen und Straßen durchzogen, hat große Orangen- und Zitronenkulturen und wird auch zu­nehmend vom Touristenverkehr aufgesucht Inter­essant ist der Aufstieg von den Fruchtgärten der Küste zu der alpinen Vegetation auf den bis zu' 2/00 Meter aufragenden Gebirgsgipfeln. Die Tapferkeit der Korsen ließ ihre Verluste im Weltkrieg, wie man in Frankreich betont, besonders hoch werden.

Die einstige Sehnsucht der Korsen war Unab­hängigkeit. Anders steht es mit dem Preis, den das werdende italienische Königreich an Frankreich für dessen Hilfe im Krieg von 1859 gegen Oesterreich Zu zahlen hatte. Durch den Vertrag vom 24. März 1860 mußte Victor Emanuel unmittelbar bevor er die sardinische mit der italienischen Königskrone ver­tauschte, das Stammland seiner Dynastie, S a - ooyen, und außerdem noch Nizza mit Um­gebung, an Napoleon III. abtreten. Frankreichs Ab­sichten waren schon seit Jahrhunderten auf das Herzogtum Savoyen gerichtet: ein Alpenland auf der westlichen Seite des Hauptgebirgskamms, des­

sen Flüsse dem Genfer See und der Rhone zueilen. Napoleon wollte mehr als bloßen Landerwerb für Frankreich: er gedachte, das junge Königreich Ita­lien unter französischem Protektorat zu halten, aber der deutsche Sieg bei Sedan 1870 gab Victor Ema­nuel den Weg frei zu einer selbständigen italieni­schen Politik.

Savoyen, das von jeher ein halbfranzösisches Land gewesen ist, hat das italienische National­gefühl heute verschmerzt. Als ein Stachel wird die 1881 erfolgte Errichtung des Protektorats über Tunis durch die Franzosen empfunden. In Tu­nesien überwiegt das italienische Element das fran­zösische noch heute, und man bedauert in Italien, daß die französische Politik auf die zwangsweise Naturalisierung der Italiener in Tunis als fran­zösische Bürger gerichtet ist. Frankreich hat nicht so viel Menschen, um Tunis von sich aus zu koloni­sieren: Italiens Volkszahl quillt über und sucht überseeischen Raum. Auch das gehört zu den Fak­toren der Spannungslage im Mittelmeer.

Sprengmitteln, Heil- und Desinfektionsmitteln usrr^ dienten

Nach dem großen demonstrativen Erfolg der Ali« zarinfabrikation brauchten die deutschen Werke den Wettbewerb mit dem Au land nicht mehr allzu sehr zu fürchten. Schon 1875 stellten wir in Deutschland für 30,5 Millionen Mark leerfarben her. Die Eng« länder nur für 9 Millionen. Frankreich und bi<? Schweiz nur für je 7 Millionen Mark. Frankreich und England hatten auf dem Weltmarkt der Teer- farben an Boden verloren.

Als sich die Engländer auf diese Entwicklung zu*

Nicht uttferfriegen lassen! z

Wenn Sie unter Appetitlosigkeit, Abspannungs« und Ermüdungserscheinungen leiden, die während der Wintermonate durch eine leichte Störung des Stoffwechsels verursacht werden können, so nehmen Sie Bioferrin, das blutbildende Kräftigungsmittel.

Chemie erschließt die Welt.

Von den Grundlagen und Ausgaben des chemischen Zeitalters.

ZTX < A > BAYER l E )

Steg über rote Hosen.

Zur Geschichte

der ersten vollständigen Farbensynthese, ix.

Als untere Großväter im 70er-Krieg stan­den, haben sie sich wohl den Kops zerbrochen, warum denn die Franzosen jene schönen leuchtenden roten Hosen trugen. Eine elegante französische modische Idee konnte es doch nicht sein. Und militärisch ge­sehen, war es ein schlechter Einfall Warum aber Napoleon III. seine Soldaten in rote Hosen steckte, hatte einen besonderen wirtschaftlichen Grund. Er wollte einfach Reklame machen für die in Frank­reich blühende Krapp-Industrie, die aus der Wurzel der Krapp-Pflanze das schöne Krapprot gewann.

Aber diese bedeutsame Krappkultur wurde mit einem Schlag vernichtet, als es in dem deutschen Forscherlaboratorium des großen Altmeisters Adolf Baeyer gelang, die Natur zu besiegen und aus einem Kohlenwasserstoff des Steinkohlenteers, aus dem Anthracen, künstlich jenen schönen Farb­stoff Alizarin herzuftellen. Es war im Jahre 1868, als der Kekule-Schüler und spätere Nachfolger des großen Liebig an der Münchener Universität, Adolf Baeyer, aus dessen Laboratorium außer einer Anzahl von Führern der deutschen Industrie ein be­deutender Teil deutscher und ausländischer Hochschul­lehrer hervorging, zu seinen widerstrebenden Assi­stenten folgenden historisch bedeutsamen Satz sagte: Graebe, Sie sind mein Assistent, ich befehle Ihnen Alizarin über Zinkstaub zu destillieren." Graebe führte den Befehl seines Meisters aus und es ge­lang ihm in Verbindung mit Lieberman auf diesem Wege das Alizarin des Krapps zum Anthracen ab­zubauen und umgekehrt aus diesem Kohlenwasser­stoff des Teers in einer Synthese künstlich Alizarin zu gewinnen.

Es war ein Jahr darauf, 1869, noch sehr die Frage, ob sich die Synthese des Alizarin fabri­katorisch verwerten ließe. Die Höchster Farbwerke und die Badische Anilin- und Sodafabrik begannen die Versuche einer rentablen fabrikatori­schen Herstellung. Praktisch waren die Ludwigs­hafener Chemiker, bei denen der Erfinder selbst ar­beitete, eher am Ziel. Denn es gelang ihrem Füh­rer Dr. Caro übrigens genau einen Tag vor dem Engländer P e r k i n , der ebenfalls eine Fa­brikationsmethode ausgearbeitet hatte das wich­tige englische Patent zu erhalten. Das war am 25. 6.1869. Warum aber diese so bahnbrechende Er­findung in ihrem Heimatland kein Patent erhielt,

war charakteristisch für die damalige Rückständigkeit des deutschen Patentwesens. Es war noch so zer­splittert wie das arme Deutschland überhaupt. Es bot einer Industrie, die anstieg, um die Welt zu erobern, keinen genügenden Schutz. Die erste in der technischen Verwendung zu teure Methode von Graebe und Liebermann wurde in Preußen am 23. März 1869 patentiert. Aber von der technischen Deputation des Preußischen Handelsministeriums wurde das technisch günstige Verfahren der Badi­schen Anilin abgelehnt.

Vielleicht aber war in dieser Philosophie be­schlossen, daß sich nunmehr die verschiedenen Farben­fabriken auf Grund ihrer Bemühungen, Alizarin zu fabrizieren, in wissenschaftlicher und fabrikatorischer Hinsicht besser entwickeln konnten. Auf die erste Be­geisterung für die schönen Anilin-Farben war ja inzwischen ein gewisser Rückschlag erfolgt. Es hatte sich gezeigt, daß fast alle damals bekannten Ersatz- farben eine nicht allzu hohe Lichtbeständig­keit besaßen. Man wollte zu den Naturfarben zu­rück. Deshalb war es für die junge Industrie von größtem Wert, daß die Fabrikation des Aliza­rin, die künstliche Schöpfung des allerechtesten der natürlichen Farbstoffe gelang. 1870 verkaufte die Badische Anilin das erste Alizarin. Im historischen Januar 1871 war die Fabrikation in vollem Gange. Sie betrug in diesem Jahre zirka 15 000 kg, 1872 schon 50 0Ö0, 1873 schon 100000, 18,77 schon 750 000 kg. Damit war der frühere Weltbedarf an Krapp Überboten. 1902 fabrizierte man fast 2 Millionen kg der hundertprozentigen Farbstoffes. Vier Fünftel von dieser Produktion entfielen auf Deutschland. Allmählich schwand das Vorurteil gegen denErsatz­stoff". Es stellte sich heraus, daß er billiger und besser war als der natürliche Farbstoff.

Um die Jahrhundertwende schon konnte Dr. von B r u n ck , das damalige Vorstandsmitglied der Ba­dischen Anilin, dem Deutschen Museum in München einenT e e r f a r b e n st a m m b a u m" schenken, der die wichtigsten Teerfarbstoffe enthielt. Etwa 270 an der Zahl. Man zauberte sie aus dem Benzol, Naphtalin und Anthracen des Teers her­vor. Mit den Farben begann es. Der erste große Sieg einer industriellen Synthese war das Alizarin. Am Beispiel der Farben hatte sich die Uebertragung der wissenschaftlichen Methoden, planmäßig zu er­kennen, zu analysieren und zusammenzusetzen in die technische Fabrikation entwickelt. Immer gingen die Forscher voran, ihnen folgten die Chemiker in den Laboratorien der Fabriken, die Ingenieure, Orga- nisatoren und Kaufleute. Sie alle zusammen ent­wickelten auf der Basis des Teers eine ganze Reihe von Körpern, die als Ausgangsmaterial für die Fabrikation von Farben, Riech- und Süßstoffen,

rückbesannen im ersten Jahre des Weltkrieges uni) unter Ausnutzung der historischen Situation ihrs chemische Industrie reformieren und über die deut­sche hinaus entwickeln wollten, hielt der Sohn des alten Forschers und Industriellen P e r k i n Dor Fachkreisen eine Rede. Er sagte und dies gilt wohl auch für die Entwicklung in Frankreich Die Vernachlässigung wissenschaftlicher Forschung war der Grund, weshalb der Farbstoffhandel, ob­wohl er von England seinen Ausgang genommen hatte, allmählich durch den deutschen Wettbewerb verdrängt wurde." Das hatte schon das Beispiel der Alizarin-Fabrikation bewiesen. Es mar wohl den Deutschen eigentümlich, ihre Fähigkeit für forsche­rische Leistung technijch umzusetzen und in indu­strielle Werte zu verwandeln. Es bestand aber für die Deutschen auch dazu die harte Notwendigkeit, durch künstliche Mittel zu schaffen, was ihnen dis Natur nicht bot. H. Schr.

8000 Rufstellen

des NEKK.-VerkehrshilfsdiensteS.

In Königswusterhausen verkündete Korpsführer Reichsleiter Hühnlein die Aufstellung des NSKK- Verkehrshilfsdienstes, der sich über das gesamte Straßennetz des Reiches erstrecken wird. Zunächst sind 8000 Rufstellen vorgesehen. Unser Bild zeigt das neue Schild der Rufstellen des NSKK.-Verkehrs* Hilfsdienstes. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Das Schaukelpferd.

Von Anion Schnack.

Wenn ich mich des herrlichen Schaukelpferdes er­innere, das bei Herbstbeginn verschwand und ich wußte nicht wohin, in den himmlischen Pferdestall zu Knecht Ruprecht, saaten sie, und es käme an Weih­nachten wieder durch das große Haustor gestampft, fügten sie weiter, weil ich, Tränen in den Augen und Ungeduld in dem ganzen Wesen, in jeder Ecke und in allen Winkeln des Speichers suchte und es nicht fand, ja, wenn ich mich noch dieses hölzernen Pfer- oes erinnere, so erinnere ich mich auch gleichzeitig eines wunderlichen Betruges, eines Betruges durch Sparsamkeit, der während einiger Weihnachtsfeste an meiner kindlichen und tiefen Gläubigkeit verübt wurde.

Dieses Schaukelpferd war ein schönes, langge­strecktes Holztier, schimmelweiß mit schwarzen Punkten, stolz und bogig stieg der Schweis em­por und wedelte auf und nieder, wenn ich im Sattel saß und dahinzusprengen vermeinte, Meile um Meile, Stunde um Stunde, immer weiter und weiter und immer schneller und schneller. Bei sol­chen beglückenden Ritten glaubte ich einen edlen Weihnachtsaraberhengst unter den Schenkeln zu haben, dessen klirrendes Messinggeschirr der kind­lichen Einbildungskraft Gold sagenhafter afrikanischer Länder oder Engelsgold aus den bestrahlten Abend­wolken war.

Gut und schnell ritt es sich airf dem richtig ge­zäumten und schön geputzten Hengst durch die reichen und farbigen Fluren der Weihnachtsland­schaft. Das Tier hatte die wulstigen Pferdelippen ein wenig zurückgeschoben und zeigte einen Rand rosanen Fleisches, was außerordentlich angestrengt urtb wild aussah. Das Weiß der Zähne blitzte grim­mig und kühn hindurch: kein Wunder, ich riß un­unterbrochen am Zaumzeug, da ich große Eile hatte auch war der Gaul ausgeruht und fest im Fleisch und in den himmlischen Ställen gut herausgefuttert, wie mir die liebenswürdigen Betrüger eingeredet und vorgeschwindelt hatten Unter den neugemalten und starken Hufeisen erzitterte der von Tannk.n- nadeln bestreute Boden, als rollte em Erdbeben darunter hin, die Luft sauste mir scharf um die Ohren, es ging Hügel hinauf und Hügel hinunter, und der Donner der Bleisoldatenschlacht rückte näher und näher. Ohne mich, den General und Marschall auf dem Pferde, konnte von den bedrängten Trup­pen der dritten Bleisoldatenarmee kein Erfolg er­zielt werden. Die gezackten Sporen bohrten sich des­halb stachelnd und antreibend in die aufgeschürften Weichen, die Zügel hatten meine kleine Faust straff

und knapp in der Hand, weil der Gaul vor Schmerz und Tatendrang hoch aufstieg und den Reiter über den gesträubten Kopf abzuwerfen drohte. Das alles ging unter riesigem Lärm, unter Hüh und Hott, Geschrei und dumpfem Kanonendonner aus einer Holunderbüchse vor sich, die der nachbarliche Spiel­genosse bediente. Kein Wunder, daß der ein Stock­werk tiefer im Lehnstuhl schlafende Bäckermeister Anton Meier, von nächtlicher Arbeit erschöpft, auf­wachte, voll Zorn und Wut über meine stürmische Reiterei einen umgedrehten Besen ergriff und an die Decke hämmerte, bis ihm der verräucherte Kalk in die wütenden und halbgeschlossenen Augen fiel.

Aber, da ich den gezogenen Säbel in der Rechten schwang, ging mir der Mut nicht aus, und ich nahm keine Notiz von den Ausbrüchen einer mehlbestäub­ten Zioilistenseele: denn ich war ein General und Feldmarschall, und außerdem saß ich auf einem heißblütigen, von Geheimnissen umwitterten Pferd, und er nur in einem fchon durchgerutschten und ver­ächtlichen Lehnstuhl.

Wenn ich mich dieses verschwommenen und weit entfernten Kinderglücks erinnere, so ist es nicht allein deswegen, um ein bißchen Farbigkeit abzumalen und Bubenseligkeit zu schildern, sondern vielmehr, um auf die Ungeschicklichkeit von Erwachsenen und Eltern hinzuweisen. Der gescheckte hölzerne Gaul war ein üppiger und großer Gegenstand, der in der damaligen Zeit schönes Geld kostete, er wurde des­wegen ein Geschenk, das ich immer wieder geschenkt bekam. Ich kann heute noch feststellen, daß es vier Jahre lang so war: in den Herbstwochen verschwand über Nacht der etwas mitgenommene und von vielen Ritten beschmutzte Gaul aus der Spielecke, ohne daß ich es unmittelbar bemerkt hätte: und wenn ich dann Nachforschungen anstellte, so erzählte man mir wichtig und geheimnistuerisch, der wilde Jäger sei jüngst in einer stürmischen Novembernacht Doriibergefprengt und hätte den Scheck mitgenom­men ober der Holzgaul sei mit einem Wiehern zum Tore hinausgesprenat. märe die Gasse hinunterge- klappert und hätte Den Weg über die Detteldocher Weinberge hinweg geradeaus in den Himmel einge­schlagen. Das waren für mich geheimnisvolle und ganz unheimliche Vorgänge, die ich als Tatsachen hinnahm und an deren spukhafter Herrlichkeit 'ch nicht zu rütteln wagte. Warum sollte das auch nicht möglich fein? Erstens war es ja mein Gaul, dem konnte so etwas geschehen, und zweitens lebte und träumte ich in einem Alter, das, fern von der Schulweisheit, noch an Wunder wie an Selbstver­ständlichkeiten glaubte, und das noch fein einschrän­kendes Maß, sondern eine unbeschränkte Uferlosig- keit der Möglichkeiten und der Vorstellungen mit sich herumtrüg. re,

Ich habe mir auch aus der spateren Aufklärung

durchaus nichts gemacht, sondern sie nur mit Un­behagen und Widerwillen ausgenommen, zumal sie mit einem altmodisch leisen Unterton spöttischen Mit­leids erteilt wurde. Diese Aufklärung wollte mich überzeugen, daß mein Schaukelpferd weder im Sturmzug des wilden Jägers noch in der himm­lischen Reitschule gewesen sei, sondern einfach beim Schreiner Herold in der Maingasse, der das fehlende Fußstück ersetzt habe und den Gaul neu hergerich­tet und gestrichen hätte; oder sie erzählten, daß er im anderen Jahre beim Sattler wochenlang ge­standen hätte, weil dem Pferd ein neuer Sattel aufgeschnallt oder ein neuer Schwanz eingesetzt werden mußte. Deswegen sei mein Schaukelpferd immer einige Wochen vor Weihnachten verschwun­den, um frisch gestrichen, neu geschwänzt und aus­gebessert zu werden. Diese Aufklärung hat mich lange Zeit gewurmt und gegrämt, da ich gerne wunderbaren Dingen und Begebenheiten anhänge. Für mich war es feststehend: mein Pferd hatte der wilde Jäger geritten oder ein Himmelshusar in der Wolkenreitschule dem heiligen Nikolaus in allen Gangarten vorgeführt.

Glas aus dem Doaelsbero.

Der Direktor des Frankfurter Stadtgeschichtlichen Museums, Dr Gras zu Solms - Laubach, unterbreitete aus einer wissenschaftlichen Sitzung des Vereins für Gefchichts- und Landeskunde die ersten Forschungsergebnisse über das bisher un­bekannt gebliebene Gebiet der Vogelsberger Glasmacherkunst. Graf zu Solms-Laudach hat sich mit feinen Arbeiten in ein kunstgeschicht­liches Neuland begeben Aus ihm entsteht jetzt ein Abschnitt deutscher kunsthandwerklicher Tätigkeit, der sich glanzvoll neben der Blütezeit Der klassischen Glaswerkstätten in Böhmen und Italien behaupten kann. Gläser mtt edlen Formen, Flaschen und Pokale von einer Schönheit, Die Den mittelalter­lichen Glaswaren ihren besonderen Reiz gibt, Tier- bilder in phantasiereicher Gestaltung und fein- geschnittene Arbeiten mit kräftigem Steinschmuck in Museen, privaten Sammlungen und Bauern­stuben des west- und südwestdeutschen Kulturraumes zählte man bisher, wenn ihre Herkunft nicht ge­sichert war, zu den böhmischen Gläsern. Graf zu Solms-Laubach hat nun nach mühevollen Boden­grabungen, Untersuchungen tausender von Scherben und archivalischen Forschungen festgestellt, daß vom 16. bis 18 Jahrhundert bei Laubach und Breiden- born die Kunst der Glasherstellung in mehreren Hütten von herumziehenden Glasmachern ausgeübt wurde. Der Forscher überraschte mit der Mitteilung, daß Gläser, Krüge und Geschirre in Millionen von Exemplaren zum Teil als böhmische Ware auf den

Markt kamen.. Im Jahre 1607 erscheint Die erste Urkunde über eine Vogelsberger Glas­hütte. Aus ihrer Abrechnung ist zu ersehen, daß die Hütte in den ersten zwölf Monaten bereits 55 000 Römergläser, 27 000 Biergläser und 40 000 Scheiben hergestellt hat. Die Glasmacher brachten es bald zu einer Jahresproduktton von einer hal­ben Million Römergläfer.

Diese, erst in den jüngst aufgefundenen Urkunden, angegebenen Zahlen geben der frühen Vogelsberger Glasindustrie eine Bedeutung, die die deutsche Glas- macherei in einem neuen Licht erscheinen läßt. Aus den in den Archiven aufgefundenen Rechnungen und Verträgen wird weiter ersichtlich, daß die am Rhein, in Belgien, Holland und England als böh­mische Gläser sehr geschätzte Ware aus dem Vogels­berg stammt. Für manches Museumsstück wird in Zukunft eine andere Herkunftsbezeichnung not­wendig fein. Reichgefchnittene Gläser, formschön gebaute Modelle in roten und grünen Farben aus dem Vogelsberg bestehen den Vergleich mit Arbeiten gleicher Art aus Böhmen und Italien. Die Meister aus dem Vogelsberg verstanden es wie die Glas­macher an Den klassischen Stätten Der Glaskunst, Die Zweckform mit der Kunstform zu verbinden.

Die Erforschung der Geschichte des Vogelsberger Glases hat begonnen. Völlig unbekannt ist noch das Gebiet des Taunusglases. Auch für den Tau­nus werden die Forschungen ausgenommen Die Geschichte Der Glasmacherei in Diesen beiden Land­schaften kann jedoch nicht geschrieben werden ohne Berücksichttgung auch der Arbeit in den Hütten des Spessarts und der Rhön. Lpd.

Zeitschriften

Der Bergsteiger", Monatsschrift des Deutschen Alpenvereins, Alpenoerlag F. Bruckmann & Holzhausen, Münck-en Wien. Einzelheft RM. 0,60. Aus dem Inhalt des Novemberheftes nennen wir Die Aufsätze Befreites Sudetenland, von Rudolf Kaufchka. mit einer Farbtafel und zahlreichen Licht­bildern: Ruwenzorifahrt, von Eugen Eisenmann, mtt vielen Lichtbildern von der Expedition, Zwei­mal Lyskamm, von Martin Brundobler, mit Licht­bildern: Nevado de Sumapaz, von Dr. Walter Hellmjch, mit Aufnahmen des Verfassers: interes­sante Abhandlungen über Die Kleintierwelt Der Berge, von Dr. Gustav Renker und Karl Dopf: einen Aufsatz Die Brüder Schlagintweit, von Dr. E Rothe, mit Bildern aus der Graphischen Samm­lung, München: Gletscherhorn Nordwand, zweite Begehung, von Otto Eidenschink, mit Bildern: Er­zählungen, Gedichte undBergsteiger-Allerlei" so­wie Bilder von Ernst Haider und Hugo Hodiener.