Ausgabe 
10.9.1938
 
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Nr.212 viertes Blaff

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

ltt./U. September 1938

Technik im Dienste des Heilbades.

Unter den Sprudeln von Bad-Nauheim.

An den Gradierwerken von Bad-Nauheim.

In den Parkanlagen von Bad-Nauheim blühen jetzt Tausende von Blumen in schönster Pracht. In der Trinkkuranlage, vor dem Musikpavillon, vor dem Kurhaus läßt der Spätsommer noch einmal alle Farben prangen, die ihm die Natur auf die Palette gegeben hat. So bietet sich die Badestadt wie ein einziger Blumengarten dar. Der vergangene Donnerstag ließ im Scheine einer strahlenden Sonne alles doppelt freudig erscheinen und lockte die Kurgäste ins Freie. Bald wird die eigentliche Saison" zu Ende sein. Wieder haben Tausende von Kurgästen Linderung gesunden aus den Quellen im Tal der Ufa, haben in vielen Bädern, die die Aerzte verordneten, für ihre Gesundheit tun können, was zu tun möglich war. Hunderttausende von Bädern (Sprudel- und Sprudelstrombäder, Thermalsprudel, Sol- und Kurbrunnenbäder) wurden ermöglicht. Hunderttausende von Bädern in jenen für Bad- Nauheim charakteristischen tiefen Wannen aus australischem Moaholz, das allen den Salzen, die in den Wassern von Bad-Nauheim enthalten sind, stärksten Widerstand entgegensetzt und selbst dem Emaille oder Porzellan überlegen ist. Hunderttau­sende von Bädern also!

Da liegt der Gedanke nahe, zu fragen, wie dies technisch überhaupt möglich gemacht werden kann. Nun, über die technische Ermöglichung der Ver­abreichung dieser großen Zahl» von Einzelbädern läßt die Kurverwaltung kein Geheimnis walten! Jedermann, der sich dafür interessiert, kann sich durch Augenschein von allen Einrichtungen des Staats-- bades überzeugen. Wöchentlich zweimal werden für die Kurgäste und sonstige Interessenten Führun­gen veranstaltet, bei denen sich ein tiefer Einblick gewinnen läßt in einen technischen Betrieb eigenster

gen bestreitet Wölfersheim die Stromversorgung des Staatsbades.

Die Fernheizanlage ist eine technische Ein­richtung von beachtlichem Ausmaß. Eine stattliche Reihe Kessel sorgt für Dampf und heißes Wasser. Automatisch wird der Wanderrost für die Beheizung der Kessel mit Feuerungsmaterial beschickt. 13 Qua­dratmeter groß ist die Derbrennungsfläche, 400 Quadratmeter groß die Heiz- und 129 Quadratmeter groß die Ueberhitzesfläche. Weiterhin sind Kessel für die Vorwärmung des Wassers vorhanden. Selbst­verständlich wird auch der Dampf, mit dessen Hilfe die Dampfmaschinen betrieben werden, für die Heiß­wasserbereitung ausgenützt. t

Ein interessanter Teil des Rundgangs ist lener, der unter die Erdoberfläche führt! Da das Fern­heizwerk und auch das E.-Werk jenseits der Bahn­linie liegen, mußten lange Rohrleitungen unter­irdisch verlegt werden. Für diesen Zweck wurde ein etwa 500 Meter langer Gang geschaffen, der bis unter die Badehäuser führt. Zwei Heißdampf-, eine Heißwasserleitung und mehrere Stromkabel sind in diesem Gang verlegt, der so hoch gebaut ist, daß man ganz bequem darin gehen kann. Wenn man diesen Kanal unmittelbar im Fernheizwerk betritt, dann schlägt den Besuchern eine brütende Hitze ent­gegen, denn die Heißwasser- und Heißdampfleitun­gen geben auf dem 500 Meter langen Weg trotz aller Isolierung etwa 20 Grad ihrer Wärme ab. Interessant die Tatsache, daß das heiße Wasser nicht etwa dazu gebraucht wird, um die Bäder selbst auf die nötige Temperatur zu bringen, vielmehr wird es meist nur dazu verbraucht, die Wannen nach jedem Gebrauch heiß auszuspülen, denn die Bäder, die unmittelbar vom Sprudel aus gegeben werden können, haben eine natürliche Wärme aus dem Erdinnern in der Höhe von 32 Grad Celsius. Durch die Heißwasserbereitungsanlage können je Stunde 25 Kubikmeter 90 Grad Celsius heißes Wasser den Badeanlagen zugeleitet werden. Selbstverständlich dient das Fernheizwerk auch dem Zweck, den sein Name ausdrückt: der Beheizung der zahlreichen Ge-

In der Saline. Das blütenweiße Kochsalz wird abgewogen.

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bäude, die mittelbar und unmittelbar zum Staats­bad gehören.

Eine technische Anlage von phantastisch zu nennen­der Form ist die Sprudelverteilung auf die einzelnen Badehäuser. In einer Kreuzung der Katakomben", die etwa unter dem Sprudelhof liegt, begegnet sich eine für den Laien kaum ausdeutbare Fülle von Rohrleitungen, die von den Sprudeln, vom Fernheizwerk aus, wie auch vom E.-Werk aus über diesen Knotenpunkt nach den vier Himmels­richtungen weitergeführt werden. Alles ist blitzblant und in vorbildlicher Ordnung. Ueberall sieht man die Steuerräder für Ventile und Schieber, mit deren

Labyrinth der Röhren. Die Verteilungszentrale der Sprudel nach den einzelnen Badehausern.

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und nicht alltäglicher Art. Die Teilnahme an diesen Führungen ist denn auch stets außerordentlich stark.

Der technische Teil der Badeanlagen gliedert sich in mehrere Stationen: Elektrizitätswerk, Fernheiz­werk, Großwäscherei, Sprudelfassung und Sprudel­verteilung. Selbstverständlich kann man zu den tech­nischen Einrichtungen auch die Hunderte von Bade­zellen in den verschiedenen Badehäusern rechnen.

Das Elektrizitätswerk des Staatsbades dient eigentlich nur der Spitzendeckung. Zwei große Dampfmaschinen und eine Dampfturbine stehen zur Verfügung. Die Dampfmaschinen vermögen Kraft für je 200. Kilowattstunden elektrischer Energie zu vermitteln: mit Hilf? der Dampfturbine aber kön­nen 350 Kilowattstunden erzeugt werden. Im übri-

Hilfe die Heißwasser-, die Sprudel- und die Heiß- dampfströme beherrscht und geleitet werden. Und ein ähnliches Bild, wenn auch einfacher, bietet sich in der Sprudelkammer, die unmittelbar unter den beiden Sprudeln im Sprudelhof liegt. Da sind es die beiden blitzenden Kupferrohre, die man sich nicht ohne eine gewisse Besinnlichkeit betrachtet, denn es sind jene metallischen Adern, die die heilsamen Wasser aus 160, 180 (bzw. 220) Meter Tiefe empor­führen und der leidenden Menschheit nutzbar werden

Noch eine wichtige Station im technischen Betrieb des Staatsbades verdient Erwähnung: die Groß­wäscherei! An Waschmaschinen, an Schleudern, die auf hohen Touren laufen, und an den Heiß- mangeln stehen viele Volksgenossen und Volksgenos-

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Ein Blick in die mächtigen technischen Anlagen d^s Fernheizwerkes.

reine Kochsalz aus. L.._z .

prozeß wird das Salz in Schleudern gebracht dort werden die letzten Spuren von Feuchtigkeit aus dem Salz getrieben. In feine Säcke wird dann das Salz verpackt und versandt. Im Arbeitsprozeß über fünf Tage fallen aus den drei Siedepfannen insgesamt etwa 600 Zentner wunderbar feines Koch­salz an. Neben dem reinen Kochsalz füllt aber auch noch Badesalz, und außerdem Gewerbesalz (Vieh­salz) an, das durch Vergällung (Färbung) als für den menschlichen Genuß nicht zu verwenden gekenn-

Unter dem Sprudelhof. Die Sprudelfassungen. (Aufnahmen: [3] Emy Limpert, Frankfurt a. M., Liebfrauenstraße 5, und f3] Neuner, Gieß. Anz.)

höhen, ragt steil der Johannisberg auf!

Moderne Technik, Weltbadeverkehr und Heimat-

zeichnet wird.

So rundet sich auf einem solchen Gang durch die technischen Anlagen des Staatsbades das Gesamt­bild. Das Verständnis für die Voraussetzungen der Nutzbarmachung der heilsamen Quellen vertieft sich. Erfüllt von den vielen Eindrücken verläßt man die Katakomben", um sich dann in der Stille und Lieb­lichkeit eines Schmuckhofes wiederzufinden, um wie­der auszutauchen in die Welt unter freiem Himmel.

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Ueberhaupt! Reizvoller Wechsel der Erscheinungen! Aus der Blütenpracht dei^ Anlagen hinabzusteigen in die Gänge voll brütender Wärme, hineingestellt zu sein in das Reich der Technik der Kraftanlage und des Fernheizwerkes dann wieder Türen hinter sich zu schließen und wieder umgeben zu fein von spätsommerlicher Pracht! Schön ist es dann, die Ufa entlangzugehen, durch die Wandelhallen der Trinkkuranlage zu schlendern, um schließlich und etwas unvermutet im Schatten der mächtigen Mau­ern aus Holz und Dorngeftrüpp zu stehen. Reizvolle Gegensätzlichkeit, die sich hier auf kleinem Raum weniger hundert Meter und im Zeitraum einer hal­ben Stunde ungewollt erleben läßt. Hier der Ar­beiter und Techniker, souverän herrschend im Reich der Maschinen und Motoren, verantwortlich und ver­antwortungsbewußt und dort in den Kuranlagen die Kurgäste, der.Ruhe bedürftig, leicht oder schwer krank, hoffend auf Besserung und Genesung.

Frisch und kühl ist die Luft im Bannkreis der Gradierwerke; auch dann, wenn die Sonne heiß auf den Kiesweg scheint und sommerlichen Glanz glaub­haft zu machen versucht. Die Sole sprüht über das Dorngestrüpp, in Myriaden Tropfen löst sich das Licht in die Farben des Regenbogens auf. Langsam fließt die Sole in breiten flachen Rinnen dahin, als wollte sie ihre Schwere und gesteigerte Salz­haltigkeit nun durch diese träge Bewegung be­weisen.

Und dann werden an den Gradierwerken auch geschichtliche Erinnerungen wachgerufen, hauptsäch­lich, wenn man an dem alten Pumpwerk an der Ufa ankommt, das ehemals die Aufgabe hatte, die Sole auf die Höhe des Gradierwerkes zu treiben. An dem grobschlächtigen Werk ist eine Tafel an­gebracht, auf der zu lesen steht:Errichtet um 1740 vom Obersalzgrafen Waitz, dem späteren Minister Waitz von Eschen." Diese Inschrift bezieht sich auf das ganze Gradierwerk, das heute noch wie ehe­mals Dienst tut.

Das alte Pumpwerk aber ist nur noch eine schone Reminiszenz! Es ist längst durch elektrische Pumpen ersetzt, aber das mächtige Rad dreht sich noch wie einst, getrieben vom spärlichen Teil Wasser der Ufa. Da ruckt es im Gestänge, da rauscht das Wasser,

gefühl das alles besteht harmonisch nebenein­ander und rückt freundlich in die Sphäre des Be-

Hochschulnachrichten.

Geh. Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Bor­chardt, Begründer des Deutschen Instituts für ägyptische Altertumskunde in Kairo, dessen Direk­tor er bis 1929 gewesen ist, ist im 75. Lebensjahr geftorben. Als Baumeister und Aegyptologe hak er die planmäßige Architekturforschung erstmalig in den ägyptischen Ausgrabungen angewandt, vor allem in den Grabungen von Abusir und Amarna, deren Ergebnisse das Berliner Museum zeigt. Neben der Bauforschung stehen seine Einzeluntersuchungen philologischer und archäologischer Art, dabei ent­scheidende Arbeiten zur Zeitbestimmung der alt- ägyptischen Geschichte.

finneft, die dafür sorgen, daß, wenn es notwendig ist, täglich 10 000 Kilo­gramm Wäsche - Trocken­gut, das sind etwa 24000 Stück Wäsche, die Großwäscherei blütenweiß verlassen können.

Der Vollständigkeit hal­ber sei noch erwähnt, daß ,pjm Betrieb des Staats­bades auch eine Saline gehört, die aus den über­schüssigen Wassern der Sprudel ganz erhebliche Mengen feinsten Salzes gewinnen läßt.

Auch die Saline ist ein sehr interessanter Teil­betrieb der technischen Einrichtungen des Staats­bades. Die Sole, die über die Gradierwerke geleitet wird und dort durch Ver­dunstung einen erhebli­chen Teil Wasser verliert, erfährt also eine Er­höhung des Salzgehaltes von 3,3 v. H. auf 22 v. H. Von den Gradierwerken aus wird die Sole nun in die Siedepfannen ge­leitet, nachdem sie in einer Vorerwärmung in ihrem Salzgehalt auf 26 v. H. erhöht worden ist. Der eigentliche Siede­prozeß geht dann über den Zeitraum von ins­gesamt 5 Tagen. In drei Pfannen, die vollkommen überdeckt sind, wird die Sole zuerst auf 107 Grad zum Kochen gebracht und bann während der näch­sten Tage unter einer Temperatur von 80 Grad Celsius gehalten. Dabei

wußtseins, wenn eine Stunde der Muße einen Gang den Gradierwerken entlang möglich macht. N.

kristallisiert allmählich das ~ . ., . . m t.r s .. .

J ' Nach beendetem Kristallisations-1 Burg zu Friedberg und das Profil der Stadt im ialz in Schleudern gebracht und | Schattenriß empor westlich blauen die Taunus-

da dreht sich das Rad langsam, rascher, wieder langsam, bleibt fast stehen, um dann wieder in un­regelmäßigem Rhythmus weiterzulaufen. Auf Holz- brüden führen die langen Mauern des Gradier­werkes über die Ufa hin­weg, stetig rieselt die Sole über das Gestrüpp, unaufhörlich tropft es von oben. Lustig schießen die Wasser der Ufa in kleinen Kaskaden unter dem Gra­dierwerk durch. Nahebei schält ein Bauer seinen Stoppelacker nach später Ernte, auf der Straße Gießen Frankfurt be­wegt sich schier ununter­brochen der Strom der Kraftfahrzeuge, brausen auf den Schienen die Züge dahin. Im Süden ragen der Turm der

In der Großwäscherei, Unser Bild zeigt eine der großen Heißmangeln^

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