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Nr.212 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

l0./ll. September (938

Appell an das Gewissen Europas.

Ein Nachwort

zum Stockholmer Nationalitätenkongretz?

Wenn im Strudel der Ereignisse, die der Gä­rungsprozeß im tschecho-slowakischen Staate heroor- gerufen hat, sich d i e V e r t r e t e r d e r fremden Volksgruppen aus zwölf Staaten versammeln so wie sie es alljährlich seit 14 Jahren taten, dann wird man daran erinnert, daß in diesen europäi­schen Minderheitenkongressen seit Jahr und Tag der gute Geist Europas zu finden war, der wie ein nie ermüdender Mahner auf die Gefahren hingewiesen hat, die'die Mißachtung der Volkstums- rcchte einmal für den Frieden Europas heraufbe­schwören müsse, und daß die erheblichen Spannun­gen, die sie seit zwanzig Jahren aufrechterhält, eine katastrophale Entwicklung zur Folge haben würde. Dieser dauernde Appell an das Gewissen Europas ist das Verdienst der Nationalitätenkongresse. In diesem Jahre hatte er Stockholm als seinen Ta­gungsort gewählt, also sich in eines der skandina­vischen Länder zurückgezogen, die im Zuge einer langen ungestörten Entwicklung nach einer Tren­nung ihrer völkischen Bestände dennoch das Bewußt­sein einer starken Zusammengehörigkeit zu entfal­ten vermochten und in der Behandlung von Minder­heiten mustergültig vorangegangen sind.

Seit Jahren ist der Slowene Dr. Wilfan der Präsident dieser Kongress. Tiefe geistige Durchdrin­gung der Probleme und eine durch Sachlichkeit und Klarheit ausgezeichnete Sprache sind die Kennzeichen seiner Geschäftsführung, die auch dem Ablauf' der Verhandlungen und dem Inhalt der Entschließungen ihr Gepräge mitteilen. Die Nationalitätenkongresse haben nie ihren Wirkungsbereich überschätzt, sie wollten nicht Politik machen, sondern überzeugen, und die Rechtsgrundsätze, die sie aufstellten, die aber in einer Welt der Siegespsychose überhört wurden, erweisen heute ihre Geltung, wo der Bestand eines ganzen Staatswesens durch die Verletzung dieser Grundsätze aufs Spiel gesetzt ist.

Der Kongreß spricht im Namen und im Inter­esse von 40 Millionen Menschen, die, politisch ge­sehen, aus den verschiedensten Lagern kommen. Die Deutschen stehen zahlenmäßig an der Spitze der Volksgruppen in fremden Staaten, das wird ver­ständlich erscheinen, denn auf den nationalen Be­stand des deutschen Volkes haben die Friedensmacher von 1919 bei der Neuaufteilung Europas am wenig­sten Rücksicht genommen. Dann folgen Ungarn, Ukrainer, Kroaten und Slowenen, Russen, Schweden und andere, die zum Teil durch besondere Umstände genötigt waren, dem Kongreß fernzubleiben.

Manches Trennende mag zwischen diesen Men­schengruppen stehen. Was sie jedoch in dieser Or­ganisation einigt, ist der Drang eines jeden, die völkische Gemeinschaft, der er angehört, auch über sein eigenes Leben hinaus zu erhalten, sie zu vervollkommnen und ständig weiterzubilden. Das Volkstum, die Sprache, die Tradition und alle Kulturgüter sind Werte, die er sich und seinen Kin­dern und Enkeln erhalten will. In diesem mensch­lichen Instinkt fanden die einzelnen Gruppen das gemeinsame Ziel, für das sie kämpfen. So hat sich die feste Ueberzeugung aus den gemeinsamen Be­ratungen entwickelt, daß die Liebe zum eige­nen Volkstum, seine treue Bewahrung und das Eintreten für seine Lebensrechte ein sittliches Gebot sind, für dessen Erfüllung Millionen euro­päischer Menschen in Krieg und Frieden willig ge­litten und ihr Leben gelassen haben. Mit dieser opferbereiten Liebe zum eigenen Volk soll sich die Achtung vor dem Daseinswillen und dem Daseins­recht anderer Völker verbinden, dann erst wird es eine fruchtbare und ungehemmte Entfaltung der europäischen Völker und ihrer Kultur geben können.

Die Bilanz der Nationalitätenpolitik in der Nach­kriegszeit, die der Kongreß gezogen l tt, ist lehr­reich und erschütternd zugleich und mündet in der Erkenntnis, daß die Genfer Liga auch in der

Der Schlüssel.

Von Albrecht Schaeffer.

Ein Wanderer, der den ganzen Erdball umkreist hatte auf der Suche nach der Stadt Gottes» weil er in seiner Jugend vernahm, daß auch diese Stadt irgendwo auf der Erde gelegen sei, und daß Einlaß zu ihr erhalte, wer sie zu finden wisse: sah an einem Abend jenseits einer unermeßlichen Ebene diese Stadt wirklich unter dem Himmel liegen. Sie mußte es wohl sein, denn die Masse ihrer Türme und Kuppeln, die zwischen die Türme und Kuppeln der glühendsten Abendwolken hinaufragten, über­stiegen alle Maße von Menschenbauten, die der Wanderer jemals gesehen hatte.

Obgleich ihn noch eine kaum zu ermessende Weg­strecke von der ersehnten trennte, wanderte er rüstig zu; und er wußte nicht, wie viele' Stunden ver­gangen waren, als er, schon wankend vor Müdigkeit, aus der Nacht eine dunkle Wand aufsteigen sah. Ein winziger Lichtpunkt hatte ihn die letzte Strecke ge­leitet, und nun erkannte er, daß es das Schlüsselloch eines mächtigen Tores war, aus dem der Lichtstfahl herausfiel.

Sogleich pochte er an; da tat sich im Tor ein Fenster auf, und er konnte drinnen in einem golde­nen Dunst Lichter und selige Gestalten mit Flügeln erkennen, die da hin und her zu gehen schienen.

Eine solche neigte sich aus dem' Fenster, reichte ein Brot heraus und sagte: Nimm und! mit engelsmilder Stimme. Allein der Wanderer versetzte: Dank! Speise habe ich selbst und bin nicht darum gekommen, sondern ich bitte um Einlaß.

Das Fenster schloß sich sogleich; in die Finsternis schimmerte nur der einsame Strahl aus dem Schlüs­selloch, und der Mann sprach: Es ist nicht das rechte Tor der Einlaß wird anderswo sein. Und wie sehr seine Füße und Schläfen brannten, begann er unter dieser Mauer einherzugehen und ging viele Slunden lang. Die Mauer schien sich in einem un­endlichen Kreise herumzubiegen, aber so oft auch seine Augen die Umrisse eines Tores zu erkennen glaubten, fiel aus keinem ein Schimmer heraus, und sein Pochen verhallte vergeblich. Und so fand er sich am Ende zu seinem Anfang zurückgeführt, dem glänzenden Schlüsselloch; und wieder wurde über dem tödlich Erschöpften das Fenster aufgetan, die Engelsgestalt bog sich zu ihm, reichte das Brot und sagte: Nimm und! mit der gleichen, mildklaren Stimme.

Einlaß! rief er fast weinend, ach Einlaß ist, was ich begehre.

Unbekanntes Hinterindien

Von unserem Wst.-Sonderberichterstatter

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633 D

Damit ist die Nationalitätenfrage natürlich nicht aus der Welt geschafft. Die Liquidation des Genfer Systems bedeutet nicht eine Liquidation der Natio­nalitätenbewegung überhaupt. Das beste Zeichen da­für ist die Geschichte der Gegenwart, ist auch nach der theoretischen Seite hin die Tatsache des Stock­holmer Kongresses. Europa sicht vor einer neuen Entwicklung des Nationali- tätenrechtes, das neue Wege und Formen seiner Geltendmachung sucht. Der' kollektive Schutz hat sich als unwirksam erwiesen und hat tatsächlich aufgehört, soweit man überhaupt noch behaupten wollte, daß er jemals vorhanden war. Heute sind die natürlichen Gesetze>er Blut- i\n b Sprachengemeinschaft wieder wirksamer geworden, es melden sich die Mutter st aaten der bedrängten Volksgruppen als be­rufene Vertreter ihrer Volksgenossen, und niemand wagt es mehr, dieses Mandat der Volksgemeinschaft als eine unberechtigte Einmischung in die. inneren Verhältnisse eines fremden Staates anzusehen. Die Mutterstaaten empfinden klarer ihre Verantwort­lichkeit für das Schicksal der ganzen Volksgemein­schaft und sehen ihre Aufgabe darin, alle in der Welt verstreuten Volksgenossen organisatorisch un­ter ihrem eigenen Schutz zusammenzufassen. So entstand einWeltbund der Polen", so entstan-

r°- bQ^L^er Kongreß bereits darauf verzichtet hat, seine Mahnungen noch an dieses Gremium zu rich­ten. Er wendet sich unmittelbar an die R e -

fetter Speck und Fisch leiten das Mahl ein, und 28 Grad Frost werden zu einem Vergnügen.

In Nagasaki ist um diese Zeit Regenwetter. Die dunkelfarbigen Winterkimonos der kleinen Da­men auf den hohen Holzghetas, mit denen sie prak­tisch auch durch Pfützen trocken kommen, verstecken sich unter wetterfesten Papierschirmen. In S ch a n q - h a i gibt's Schnee, der dort selten ist, aber als gutes Omen für das chinesische neue Jahr gilt. In Hongkong, etwa auf der Höhe von Formosa, wo es jedoch maritim wärmer ist, bleibt der Pic,' wo die feinen Leute wohnen, um die herrliche Aus­sicht zu genießen, in milchige Nebel gehüllt. Die

gier ung e n der europäischen Staaten und rich­tet an sie den dringenden Appell, sich für eine Neuordnung einzusetzen, welche die Lebensrechte der Nationalitäten auf dem Gebiet der politischen und kulturellen Gleichberechtigung sichert. Denn die Ge­samtlage der Volksgruppen in Europa hat sich fort­laufend so stellt eine Entschließung fest in erschreckendem Maße verschlechtert. Fast allen droht eine dreifache Gefahr: der endgültige Verlust ihrer politischen Geltung, die wirt- s ch a f tl i che Verelendung und die Minde­rung ihrer Volkszahl durch Assimilierung, erzwungene Abwanderung und die Verhinderung der Ausbildung nationaler gebildeter Berufsstände.

Als aus der Katastrophe des Weltkrieges der Ge­danke des Selbstbestimmungsrechtes der Völker hervorging, verfehlte er seinen 'Eindruck nicht auf die kämpfende und gequälte Menschheit. Hier erhob sich ein sittliches Ideal, für das gestor­ben zu sein, es sich verlohnt haben könnte.' Bald aber sollte es sich Herausstellen, daß es nur als ein zugkräftiges Schlagwort für einige Staatsmän­ner zu dienen bestimmt war, denn das Recht der freien nationalen Entscheidung blieb vielen vorent­halten, große Volksgruppen wurden von ihren Mutteroölkern losgerissen und in die Rolle von Minderheiten herabgedrückt. Wegen dieser be­wußten Diskriminierung einzelner Völker stellte sich auch bei den Siegern die Unruhe des schlechten Ge­wissens ein, und sie schufen deshalb einen Ersatz für das freie Selbstbestimmungsrecht in dem System des internationalen Minderheiten­schutzes. Immerhin wurde damit zum Ausdruck gebracht, daß die Achtung fremden Volkstums ein beachtliches Interesse der internationalen Staaten­gemeinschaft darstelle. Den Mehrheiten in den neuen Staaten sollte Gelegenheit gegeben werden, durch loyale Durchführung der Minderheitenabkommen sich gefährliche Nationalitätenkämpfe zu ersparen. Die Praxis zeigt heute, wie sehr einige es vorzogen, mit dem Feuer zu spielen, statt ihren jungen Staatswesen eine ruhige Entwicklung zu sichern.

Als Hüterin im Tempel des Nationalitätenfriedens hatte man die Genfer Liga bestellt. Der Rat erhielt weitgehende Befugnisse, nicht nur bei einer Ver­letzung der Schutzrechte sollte er in Aktion treten, sondern bereits bei einer drohenden Gefahr einzu­greifen berechtigt sein. Welch herrliche Perspektiven für den Fortschritt der Kultur! Aber auch hier mußte Genf an seiner eigenen Unaufrichtigkeit Schiffbruch erleiden, denn statt die Grundsätze der Gerechtigkeit und Freiheit zu hüten, brachten es einige im Rate sitzende Garanten der Minderheiten­schutzbestimmungen fertig, als ihre letzte Aufgabe die allmähliche Assimilierung der fremden Volks­gruppen durch die Mehrheitsvölker zu bezeichnen, und danach behandelten sie die Eingaben und Kla­gen der Volksgruppen. Die Mehrzahl der Beschwer­den blieb in den Fußangeln eines raffiniert aus- gedachten Verfahrens hängen. Was kann Genf auf folgende Anklage erwidern? In den Jahren 1929 bis 1936 sind beim Völkerbundssekretariat 852 Kla­gen von Minderheiten eingereicht worden, von denen nur fünf zur Entscheidung vor den Rat gelangten. Dieser stand also auf feiten der verklag­ten Staaten und half ihnen bei der Sabotage der Minderheitenverträge.

Gleichzeitig bemühten sich Staaten, die durch solche Verträge gebunden waren, um die Verall­gemeinerung der Grundsätze und die Ausdeh­nung ihrer Wirkung auf alle europäischen Staaten. Daß dafür die Ratsmächte erst recht nicht zu haben waren, lag im Zug der ganzen Genfer Moral, und so wurde es fast unvermeidlich, daß Polen im Sep­tember 1934 die Genfer Kontrolle durch eine aus­drückliche Erklärung gänzlich abschüttelte. Damit war das ganze System des internationalen Minder­heitenschutzes ins Wanken geraten und befindet sich heute in völliger Auflösung. Genf hat aufgehört, als ein Faktor der Nattönalitätenpolitik zu gelten. Statt einer Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes

Wahrnehmung des Schutzes der Minderheitenrechte | gab es also eine Außerkraftsetzung des Genfer Min- ! x LuLgabe i n keiner Ußeife erfüllt hat,'derheitenrechtes.

Badesaison ist nicht unterbrochen, aber die Damen tun so, als ob es Winter wäre und fragen ihre Pelze, weil sonst niemand Gelegenheit hätte, von deren Existenz etwas zu merken.

Ein sehr großer, trotz seines weißen äußeren An­strichs düsterer, schwanker sranzösischerDampfer, dessen geschmacklose Einbastten seine Geburtsfehler als Truppentransporter nicht verdecken können, zieht südlich, und eines Morgens hat man das Gefühl, daß Pelz und Wolle völlig überflüssige Dinge auf der Welt sind. Der Geschmack wandelt sich: die kurzen Cocktails weichenlangen" Fizzes, Sodawasser, und die parfümierten grünen kleinen ZitronenLimes" rücken in den Vordergrund. Und dann biegt das dicke Schiff von einer Bucht hinter einer Felsnase plötzlich in den Saigonfluß, dessen niedrige sumpfige Ufer einen einzigen riesigen Palmenhain bilden. Hier ist sicher die billigste Bezugsquelle für die beliebten Embleme der Friedensengel.

Unvorstellbar fast, daß diese Chinesen, die fast nackt als Hafenarbeiter ölig in der heißen Sonne glänzen, Kulis sind vom Stamme der Eiskobolde auf dem erstarrten Sungari. Unfaßbar für uns, daß wir vor kurzen zwei Wochen uns Waden und Ohren angefroren haben. In dieser feuchten

den die'Vereinigungen der Tschechen, der Litauer, der Esten, der Schweden und der Ungarn in der ganzen Welt.

In der Linie dieser Entwicklung liegen auch d i e Abkommen zwischen Deutschland und Polen vom November 1937 und zwischen Italien und Jugoslawien vom März des­selben Jahres. Auch Ungarn hat als wichtigste Bedingung für eine Verständigung mit den Staaten der Kleinen Entente und als einzige Grund­lage für eine freundschaftliche Zusammenarbeit mit ihnen die befriedigende Regelung der Lage der un­garischen Minderheiten in diesen Staaten genannt. Es ist nicht zu übersehen, daß als erste praktische Auswirkung dieser Forderung Rumänien ein neues Minderheitenstatut erlassen und ein besonde­res Generalkommissariat für Minderheiten errichtet hat. Hier zeigen sich Umrisse einer neuen Rechts­gestaltung. Diese Art der Regelung ist heute der einzige Ausweg aus dem Gestrüpp der Nationalitä­tenfrage. Auch in Stockholm ist dieser Erkenntnis Raum gegeben worden, und man hat als Bedin­gung einer befriedigenden Lösung bezeichnet, die Anerkennung der Minderheiten als öffentlich-recht­liche Subjekte mit dem Recht auf freie Verwaltung aller ihrer Angelegenheiten, und dort, wo sie in geschlossenen Siedlungsgebieten leben, die territo­riale, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Auto­nomie. Dr. Max Krull.

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I.

Zwischen minus und plus30Grad

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Singapur, Sommer 1938.

Nicht leicht macht man sich klar, daß Japan in seiner heutigen Ausdehnung sich vom 2 2. bis zum 5 2. Breitengrad erstreckt, vom subtro­pischen Formosa bis zum arktischen Sachalin und zum Amur an der Nordgrenze von Mandschukuo. In Charbin im Januar ankommend, konnte man auf Kälte gefaßt sein und die Pelze wurden rechtzeitig vorgeholt. Sonne und Schnee, lang ent­behrt, stimmen froh und warm, auch wenn die weiße Decke nicht ausreicht, um Schlitten zu fah­ren. Die kleinen mongolischen Pferdchen haben alle einen dicken zottigen Pelz an und dampfen mächtig, wenn sie ihren kurzen Trab laufen. Sie setzen weißen Reif an, als wären sie leicht anae- schimmslt. Dennoch überrascht es, von dem russi­schen Kutscher zu erfahren, daß wir heuten u r" 28 Grad Frost hätten, und man faßt sich an die vorwitzige Nase, um festzustellen, daß sie noch da ist und Gefühl hat.

Die Kulis auf dem Sungarifluß, wo sie sommers Fährleute sind, haben sich saisonmäßig umgestellt und besorgen ihr Geschäft auf primitiv­sten Fahrzeugen:Tolkai-Tolkai" genannt. Das heißt nichts weiter alsstoßen" im Imperativ und ist der Ruf, mit dem sie ihre Kundschaft anlocken. Platz genommen wird auf einer Kiste, die auf einem breiten Kistendeckel steht. Der Kuli, bewaffnet mit einem Bootshaken, stellt sich dahinter und pickt seine Last und sich selbst vorwärts. Er hat dabei kaum eine Möglichkeit des Steuerns, und immer­fort rutscht das Gefährt aus der nur oberflächlich gesäuberten Bahn über den metertief gefrorenen Fluß auf die Rampen von Schnee und Eisschollen. Die Pudelmütze, die Pelzschlinge um die Ohren, der speckige Schafspelz geben dem Kuli das Aussehen eines Waldkobolds, der mit ausladenden Gebärden feine Beute heimbringt. Das Ziel ist ein kleines rus­sisches Gasthaus, ein Sommerhäuschen eigentlich, dessen Besitzer Pelmeny in alfsib irisch er Qualität zu bereiten weiß: jene Teigtäschchen, mit Schabefleisch, gefüllt, die sich in der Kälte knochenhart unbegrenzt halten und eine herrliche Suppe ergeben, tut man nur eine Handvoll in kochendes Wasser. Wodka,

Das Fenster schloß sich zu, und in der Verzweif­lungsentschlossenheit des Todes machte er sich aber­mals auf, ging und schlug an die Tore, wanderte, weinte, betete, fluchte umsonst: von wo er aus­gegangen war, da stand er am Ende wieder, und der Engel reichte das Brot.

Diesmal nahm er das Brot, denn nun war sein Hunger begierig; und er sagte, hinsinkeNd an den Fuß der Mauer, murmelnd schon halb im Schlaf: Was will ein Mensch auch mehr? Ein Brot aus Gottes Stadt und Schlaf am Fuße ihrer Mauer.

Seine Hönde brachen das Brot, und aus dem Brot fiel der Schlüssel, der ihm das Tor erschloß.

Ich spiele mit Todllem...

von V:lma Sturm

Klinglingling", sage ich, und Todilein ruft rein!"

Guten Morgen, Herr Quex", sage ich,ich wollte Sie mal besuchen kommen. Dars ich eintreten?"

TodileinsHaus" ist unter dem väterlichen Schreibtisch, dessen Fußleiste ihm als Bank dient. Er hat sich ganz bequem darauf niedergelassen und lädt mich 'gleichfalls zum Sitzen ein. Wenn ich meine Knie bis ans Kinn bringe und den Hals ein- ziehe, kann ich auch Platz nehmen.

Das Gespräch will uns nicht geraten. Es müßte jetzt eigentlich, da ichzu Besuch" bin, Konversation gemacht werden. Und darauf versteht sich Todilein, Gott sei Dank, nicht. Ich verändere also kurzerhand unsere bis dahin sehr formellen Beziehungen in äußerst intime und werde Frau Todilein.

Mann, es ist Zeit, du mußt in die Fabrik, Geld verdienen!" gebe ich ihm höchst energisch zu verstehen. Gehorsam erhebt sich Todilein. Er verläßt das schützende Dach des Schreibtisches und geht bis zur Tür. Dort scharrt er ein weniges am Boden und kommt zurück. Im Begriff, feine Wohnung auf allen Vieren zu betreten, besinnt er sich und macht, wie er es von mir gelernt, erstKlinglingling" auf irgendeiner imaginären Schelle.

Ich halte ihm die geöffnete Hand entgegen:

Na, Mann, hast du Geld mitgebracht?"

Todilein tupft mit dem Zeigefinger dreimal in meine habgierige Handfläche.

Fünf", sagt er strahlend.

Fünf Mark? Das genügt. Dafür können wir ein Kleid kaufen. Komm, Mann, jetzt gehen wir em Kleid kaufen." '

Ich ergreife Todileins Arm und gehe in Hock­stellung neben ihm her. Seine dreijährige Größe schaut, ein wenig erstaunt und befremdet, auf mich

herab. Als meine Knie anfangen zu zittern, mache ich halt. Wir sind am Schrank angelangt. Ich öffne die Schranktür/Guten Tag, Frau Müller. Mein Mann und ich, wir möchten gern ein Kleid kaufen. Haben Sie etwas Schönes da?"

Ich gerate vor einer unsichtbaren Kleiderpracht in Entzücken.Ja, Mann, was nehmen wir denn da? Das Rote? Oder vielleicht das Blaue? Oder etwa das Grüne?"

Grün!" ruft Todilein begeistert,

Ja, Mann, wenn es dir nur gefällt, das ist die Hauptsache. Dann wollen wir das Grüne nehmen, Fräulein. Packen Sie es uns gut ein."

Unten im Schrank steht eine kleine leere Schachtel. Selbstverständlich ergreift Todilein diese,Kaocuier der er ist, und trägt sie mit großem Kraftaufwand nach Hause.

Nachdem wir uns auf der Fußleiste wieder nie-der- gelassen und das in der Schachtel, enthaltene Stroh mit vielenAhs" undOhs" alsgrünes Kleid" bewundert haben, sage ich:

So, Mann, jetzt muß ich kochen. Gleich wollen wir zu Mittag essen."

Neben dem Schreibtisch liegt ein alter, gänzlich ausgedienter Ball. Seine Kugelgestalt ist durch zahl­reiche Blötsche entstellt. Ich knuffe ihn recht kräftig, so daß er eine Vertiefung erhält, die ihn einer Schüsses nicht unähnlich macht.

Hier ist schon die Suppe, Mann!" und ich stelle die Terrine zwischen uns auf.

Ach, da habe ich ja das Tischtuch vergessen!" Gott sei Dank, ich besitze noch ein reines Taschen­tuch, womit ich den freien Raum auf der Fußleiste bedecke.

Jetzt wollen wir essen."

Aber wir haben kein Geschirr. Todilein ist ein wohlerzogenes Kind, ich kann ihm nicht zumuten, mit den Fingern zu essen. Was könnte man denn da ...? Suchend öffne ich meine Tasche. Aha: Todilein bekommt den Drehbleistift, ich den Füll­federhalter. Eifrig kratzen wir mit unfern Instru­menten auf dem Ball herum, führen sie zum Munde und halten uns den Bauch, so gut schmeckt es uns. Ä

Mann, wir haben ja nichts zu trinken! Geh mal schnell in den Keller und hol eine Flasche Wein, weißt du, vom dritten Fach links, zweite Reihe."

Eilfertig kriecht Todilein unter den Klubsessel. Wie er zurückkommt, haut er die um den eingebildeten Flaschenhals geklammerte Faust auf das Tischtuch, als ob solche Heftigkeit die Illusion zu beftätigen vermöchte. Ich gießss einkluck, kluck, kluck" macht es und lehre ihn, die Hand zum Becher zu for­men. Und dann trinken wir in langen durstigen

Zügen, wobei wir unsere Köpfe tief in den Nacken legen.

Jetzt schlage ich das Tischtuch zum Fenster, das heißt zu den Schreibtischbeinen, hinaus-:Damit die Vögel ihre Krümchen kriegen." Längst ist ver­gessen, daß wir ja nur Suppe gegessen haben, bei der Krümchen nicht ab fallen. Dann wird die Tisch­decke zum Handtuch, das Geschirr damit abzutrock­nen. Todilein scheuert seinen Löffel mit solchem Eifer, daß die Mine dem Drehbleistift entfällt.

Erschrocken hält er sie mir hin.Schreibe fort", sagt er.

Ja, nun ist die Schreibe fort", sage ich und stecke die Mine in die Tasche. Es ist ja auch besser, daß Todilein den Löffel ohne Schreibe benützt.

Nachdem wir uns so im Hause abgerackert haben, fühlen wir beide das Bedürfnis zu schlafen.

Wir suchen daher das Schlafzimmer, das heißt einen Sessel auf, und Todilein bettet sich sanft in meine Arme. Er versucht einen Schnarcher durch seine, kleine Nase. Darüber müssen wir beide lachen. Wir lachen, lachen, bis Mutti hereinkommt.

Ihr spielt aber schön miteinander!"

Ja, wir haben wohl schön miteinander gespielt, mit einem oerblötschten Ball, einem Drehbleistift, einem Taschentuch und einem Füllfederhalter. Viel­leicht hätten wir sogar das nicht einmal gebraucht.

Die bunte Zauberei der Einbildungskraft, die das Genie zu den höchsten Werken befähigt, die hat dieses Kind mit mir getrieben, selbstverständlich, mühelos meine entlegensten Illusionen begleitend. Ein Wink, eine Andeutung genügt, und schon wird die Hand zum Becher, der Bleistift zum Löffel, das Nichts zu Jedem und Allem, wo.zu ich es nur aufrufe. Ist das nicht wie im Paradies? Wir waren für eine kurze Stunde, das Kind und ich, Herr über die Dinge, weil unserer Phantasie alles erreichbar war über die Blumen des Teppichs schritten wir wie durch einen herrlichen Garten.

O Todilein, es war sehr schön. Mein Leben will es, daß ich mich in der Gesellschaft der erwachsenen und großen Leute mehr bewege als in der der Kinv der. Trotzdem weiß ich, daß es nicht viele Dinge gibt, die schöner sind als mit dir zu' spielen, als mit dir zu sein in einer Welt, wo dem Menschen, wie im Garten Eden, selig alles gehorcht zu seinem Heile.

Hochschulnachnckien.

Dem Professor Dr. Otto M a u s s e r ist unter Er­nennung zum ao. Professor der Lehrstuhl für Ger­manische Philologie an der Universität Königs­berg übertragen worden.