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Ur. 288 Zweites Blatt

Oer verer'nsachte Friede.

Vielleicht wenn der gute Wille von Bestand st und an seinen Erfolgen wächst wird eine spätere Generation d i e Pariser Erklärung ;> o m 6. Dezember als die glückliche Durchtren­nung eines Gordischen Knotens empfinden, während itiie Gegenwart mit wohlwollender Reserviertheit md eifrigen Deutoersuchen dem Werk der Stunde noch tastend näher zu kommen sucht. Das wird da­von abhänaen. ob die nun begonnene Stabil,- [ i e r u n g o e s deutsch-französischen V e t° hältnisses sich als mehr erweist denn als ein neuer Start oder als neuer Aufbauplan für Europa, nämlich als ein grundlegender Wechsel der Se­in n u n g. Denn daß zwischen Deutschland und Frankreich kein ernstes Streitobjekt mehr stand, um )as mit den Waffen zu kämpfen sich verlohnte, das mar seit Jahren bekannt, und Adolf Hitler hatte es mehrfach in unmißverständlicher Weise ausgespro­chen, aber wenn dennoch der Antagonismus zwi- chen beiden Nachbarn nicht schwinden wollte, son- 'tern eher noch zu wachsen schien, dann lag das lief im Psychologischen begründet, mnn konnte man die Ursache dafür in der Verschie- icnartigfeit der Auffassung von den Begriffen des Friedens und der Sicherheit erblicken.

In Frankreichs traditioneller Europapolitik öbe- tand eine sehr komplizierte und darum sehr gefähr- !iche Vorstellung von den Vorbedingungen des Friedens. Ihre Rückwirkungen waren bedroh­lich, alle Welt konnte feststellen, daß die Unsicher­heit und das Mißtrauen ständig wuchsen. In dem gleichen Uhrensaal am Quai d'Orsay, in dem jetzt die Erklärung unterzeichnet wurde so hat man sich erinnert war vor zehn Jahren von 15 Regierungen derKellogg-Pakt unterschrie­ben worden. Es. war ein Kollektivfriede in geradezu klassischer Darstellung. Er kam uner­wartet und voran ssetzungslos wie ein Meteor aus heiterem Himmel, nichts hatte sich zu­vor geändert in der Sage der Staaten und im Ver­hältnis der Völker zueinander, und deshalb war auch schließlich niemand verwundert, daß er ebenfn schnell aus dem Blickfelde verschwand und alles beim alten blieb.

. Das jetzt getroffene Uebereinfommen findet ein Europa in Bewegung vor, eine neue Landkarte und, so darf man hoffen, ein neues Frie­dens-Ethos, das sich auf Gerechtigkeit, Frei­heit und Selbstbestimmung für alle Völker gründet. Eine neue politische Moral reift damit heran. Frank­reich reichte Deutschland in einem Augenblick die Hand, als es sich genötigt sah, eine neue' Grundlage für die Gestaltung seiner außenpolitischen Bezie­hungen zu suchen, nachdem sein altes europäisches System zusammengebrochen war.

Worin bestand dieses System? Unter Sicherheit und Friede verstand das Frankreich nach Versailles die Niederhaltung Deutschlands, seine dauernde Schwäche und Wehrlosigkeit und dem­gegenüber die Vorherrschaft Frankreichs auf dem Kontinent. Da die eigenen Kräfte des Landes nicht ausreichten, wählte man das System der Einkrei­sung, man warb die kleinen Staaten zu Bundes­genossen und hielt sie durch wirtschaftliche Vorteile, politische Kredite und die dauernde Wachhaltung einer feindseligen Stimmung gegen Deutschland bei der Stange. Aber die natürliche Entwicklung war stärker als die raffiniertesten Konstruktionen. Deutsch­land begann dank seiner gesunden Volkskräfte zu er- 'starken, und als gar der Nationalsozialismus das .deutsche Volk in beispiellosem Zusammenschluß wie­der zur Höhe führte, da machte Frankreichs kollek­tive Sicherheitspolitik die letzten Anstrengungen, mit Hilfe von Genf und Sanktionsdrohungen diese Be­wegung aufzuhalten, um jenen Zustand zu verewi­gen, den es als den wahren Frieden bezeichnete. Der Dynamik der autoritären Staaten und dem gewaltigen Drängen deutschen Volkstums in der ganzen Welt zur Vereinigung im großen Deutschen Reich hielt das System der Starrheit nicht stand,

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Freitag, 9. Dezember (938

es wandelte sich automatisch zu einem Widerstand gegen Vernunft und Natur, und selbst die Resigna­tion erschien schließlich noch erträglicher als das Aufraffen zu der Einsicht, daß, wer den Frieden will, auch Zustände wollen muß, die ihn ermög­lichen, also Veränderungen. Es war im letz- ten Grunde eine Politik der Schwäche, die nur noch durch Verewigung der Ungerechtigkeit zu halten war.

Selbst wenn die deutsch-französische Erklärung nichts anderes zum Inhalt hätte als die Tatsache, daß beide Staaten in Zukunft die sich ergebenden Differenzen in direkter Aussprache be­seitigen wollen, wäre ihre Bedeutung noch un­geheuer, denn sie sagt nicht mehr und nicht weniger, als daß das System der Einkreisung und des grund­sätzlichen Neinsagens gegenüber berechtigten deut­schen Forderungen für alle Zeit der Vergangenheit anaehört. Der dauernde Alarmzustand zwischen beiden Völkern soll ein Ende nehmen. Frankreich hat sich aus Mittel-, Ost- und Südosteuropg zurück­gezogen, es hat von der Kleinen Entente und den anderen Verbündeten Abschied genommen, und auch der Sowjetpakt hat seinen Sinn verloren. Frankreichs künftige Einmischung in Mit­tel- und Osteuropa ist weder möglich noch nützlich.

Nicht weil es das für eine Schwächung Frank­reichs hielte, hat Deutschland den Konsultationspakt geschlossen, denn niemand wird vergessen, daß das französische Kolonialreich mit seinen 100 Millionen Bewohnern dem Mutterlande nicht nur große Ausgaben stellt, sondern auch ein Kraft­reservoir von erheblicher Bedeutung ist, aber weil Frankreich sich dieser Aufgabe seines Imperiums jetzt zuwenden will, weil es die Wiederherstellung seiner Wirtschaft und den Austausch der Kräfte fortan in dieser Richtung suchen wird, indem es sich mit dem Rücken tfum Rhein stellt, konnte ein Abkommen zwischen Gleichberechtigten zustande- kommen. Das Tor für eine hochherzige und ver­ständnisvolle Politik ist geöffnet, der Frieden ist vereinfacht. Europas Diplomatie ist zu klareren und unkomplizierteren Methoden zurückgekehrt, Voraus­setzung für ihr Gelingen ist, daß alte und ererbte Vorurteile hinweggeräumt sind. In diesem Zusam­menhang bekommt auch München eine neue und tiefere Bedeutung. Es bleibt damit nicht allein der Schlußstrich unter Frankreichs Hegemonie- und Einmischungspolitik, sondern wird direkt zum A u s- gangspunkt einer neuen Aera für Europa. Schon lange ist es das Streben der Front­kämpfer in beiden Ländern, die Tragödie von 1914 bis 1918 nie mehr zu wiederholen und an die Stelle von Haß und Konflikten den Gedankenaus­tausch zu setzen. Jetzt ist die Diplomatie gefolgt, und es stellt sich heraus, daß das Abkommen dem Wunsch 'beider Völker in gleicher Weise entspricht.

Niemand wird erwarten, daß die beiden Natio­nen sich nunmehr einer rückhaltlosen Sorglosigkeit hingeben. Deutschland und Frankreich leben nicht allein auf einer Insel, und wenn sie selbst auch keine Streitobjekte miteinander haben oder sie nun­mehr reibungslos zu beseitigen vermögen, dann gibt es doch noch Probleme außerhalb der gemeinsamen Interessensphäre, an denen der eine oder der andere unmittelbar beteiligt ist. Man denke nur an das Mittelmeer, wo Deutschland keine lebenswichtigen Interessen besitzt und vor dessen neu sich auftuenden Problemen es dennoch die Augen nicht verschließen kann. Denn ebenso wie Frankreich nicht auf die Entente corbiale mit England verzich­ten wird, kann und wird es nicht erwarten, daß Deutschland zulassen könnte, daß seine Freund­schaft mit Italien durch das neue Abkommen Schaden leidet. Die Achsenpolitik hat nicht nur be­reits erhebliche Aufräumungsarbeit in Europa ge­leistet, sondern sie ist geradezu das Element für die Neuordnung des Kontinents geworden. Sie hat den Weg nach München gewiesen und den Beweis erbracht, daß Friede gleichbedeu­tend ist mit Initiative und Bewegung in der Richtung des stärkeren Rechtes und der inte­gralen Notwendigkeiten der Völker.

Obwohl es also in der Welt immer neue Fragen zu lösen geben wird, ist die Erklärung von Paris dennoch eine Entspannung nicht nur für die Beteiligten, die nach 25 Jahren zum ersten Male wieder sich ihrer Nachbarschaft entsonnen haben, sondern auch für alle jene Staaten, die in die Problematik der verschlungenen französischen Nach- kriegspolitik verwickelt waren. Gerade den klei­nen Staaten, die ja auch während der unseli­gen Sanktionspolitik gegen Italien die größte Last

|3U tragen hatten, wird ein schweres Gewicht ab- ' genommen, unter dem nicht nur ihre Freizügigkeit I eingeengt wurde, sondern das sie auch ständig unter dem Druck irgendeiner Kriegsgefahr hielt, in die sie das famose Sicherheitssystem verstricken konnte. Der deutsch-französische Pakt macht sie dieser Last ledig und man darf erwarten, daß die Lösung künftiger Probleme leichter werden wird, wenn sie von der Hypothek einer deutsch-französischen Erbfeindschaft befreit sind. Dr. Max Krull.

Argentmifch-Mdamerikamscher Wchenkonflikl.

Eigener Bericht des Gießener Anzeigers

A. S. Buenos Aires, Dezember 1938.

In diesen Tagen konnte man in Buenos Aires ein ebenso eigenartiges wie aufschlußreiches Schau­spiel beobachten, das wieder einmal zeigt, daß die viel zitierte amerikanische Solidarität solange eine Phrase bleibt, bis sie nicht solide, wirtschaft­liche Grundlagen erhält. Es war feftzustel- len, daß die gleichen Zeitungen, die sonst mit aus­gesuchter Höflichkeit von Nordamerika, demgro­ßen Bruder im Norden" und den freundschaftlichen Beziehungen zu Washington sprechen, mit einem Mal geradezu unzweideutig unhöfliche Wendungen gebrauchten, wenn von Nordamerika die Rede war. Sie forderten Argentinien, zu energischen Gegen­maßnahmen, zuTaten", auf, warfen den Nord­amerikanern Wortbruch und ähnliche Dinge vor, kurz die berühmtekontinentale Solidarität" war recht empfindlich gestört.

Was war geschehen? Die Reise eines nordameri­kanischen Weizenexporteurs des Herrn A. Theis, Vizepräsidenten einer großen amerikani­schen Weizenfirma aus Kansas nach R i o de Janeiro hatte genügt, um die >amerikanische Einheitsfront" wieder einmal ins Wanken zu brin­gen. Natürlich handelte es sich bei dieser Reise des Herrn Theis nicht um eine harmlose Ver­gnügungsreise, sondern um den Versuch, einen Teil des nordamerikanischen Weizen Überschusses, der gegenwärtig 2,7 Millionen Tonnen ausmacht, in Brasilien, dem größten Weizeneinfuhrland Amerikas, abzusetzen. Man sprach von verschiedenen Ziffern, die bis zu einer Million Tonnen gingen, während die meistgehörte Ziffer fünfzehn Millionen Bushel ober etwa 408 000 Tonnen besagte. Außer­dem wurde behauptet, Herr Teis reife gar nicht als Privat- ober Geschäftsmann nach Brasilien, son- bern sei zugleich Beauftragter der nord- amerikanischen Regierung, deren Ver­waltung er übrigens bis vor kurzem als Mitglied des Landwirtschaftssekretariats und der 2^AA. (Agricultural Adjustment Administration), die für die Durchführung des Farmer-Hilfswerks sorgt, tat­sächlich angehörte. Er habe die Versicherung des Landwirtschaftssekretärs Wallace in der Tasche, baß bie nordamerikanische Regierung seiner Firma ben Verlust, den sie beim Export von Weizen nach Brasilien erleibe wenn bieser Weizen ben Bra­silianern möglichst billigst unter Weltmarktpreis an­geboten werbe ersetzen würbe. Anbere roieber gingen so weit, zu behaupten, baß der norbameri- kanische Weizen ben Brasilianern im Austausch gegen Kaffee (ober Baumwolle) ange­boten werden solle: ähnlich wie im Jahre 1931 unter der Verwaltung Hoovers bereits einmal ein solcher Austausch von Weizen gegen Kaffee statt- gesunden habe, ober baß bie brasilianischen Käufe norbamerikanischen Weizens von ber nord- amerikanischen Import- und Exportbank finanziert werben sollten, bereu Kapital kürzlich im Hinblick auf ihre Einbeziehung in das Südamerikageschäft von USA. beträchtlich erhöht wurde ... Wenn nun auch die Gerüchte vom Tausch von Weizen gegen Kaffee nicht den Tatsachen zu entsprechen scheinen, so dürste doch wenigstens vom norbamerikanischen Landwirtschaftsministerium beabsichtigt gewesen

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sein, den Export amerikanischen Weizens nach Bra­silien auf irgendeine Weise zu subventionieren.

Diese Pläne riefen nun in Argentinien große Entrüstung hervor; denn Argentinien hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zum Weizenversorger Brasiliens entwickeln, und während ber letzten Jahre burchschnittlich 800 000 bis 900 000 Tonnen Weizen jährlich an Brasilien abgegeben. Währenb der ersten sieben Monate bes lausenden Jahres betrugen bie argentinischen Wei­zenverkäufe an Brasilien bereits über 770 000 Ton­nen, man rechnet bamit, baß sie insgesamt im Jahre 1938 eine Million Tonnen überschreiten wer­ben. Das aber wären etwa zwei Drittel bes ge­samten argentinischen Weizenexports bieses Jahres. Die Vereinigten Staaten von Norbamerika, bie etwa bis zur Jahrhunbertwenbe ben brasilianischen Markt mit Weizen belieferten, haben ihn feitbem verloren und verkauften z. B. im vergangenen Jahre nur noch etwa 8700 Tonnen dorthin. Be­rücksichtigt man nun noch die Tatsachen, daß Argen­tinien 1939 einer großen Ernte entgegensieht, deren Unterbringung ohnehin angesichts der nordameri­kanischen und kanadischen Ueberschüsse schwer fallen dürfte, und daß die Vereinigten Staaten offenbar versuchen, das argentinische Angebot durch Unter­bieten, durch den Export subventionierten Weizens, also durch Dumping zu verdrängen, so wird die argentinische Entrüstung verständlich. Die Zeitun­gen von Buenos Aires protestierten auf das leb­hafteste. Eine von ihnen,La Nacion", schlug sogar vor, die Argentinier sollten als Zeichen ihres Pro­testes nicht auf der Panamerikanischen Konferenz von Lima erscheinen. Und die argen­tinische Regierung ließ durch ihre diplomatischen Vertreter in Washington und in Rio de Janeiro daraus Hinweisen, daß sie eine Konkurrenz gegen argentinischen Weizen durch nordamerikanische Ex­portsubventionen als eineVerletzung der Politik der guten Nachbarschaft" betrachte.

Daraufhin erklärten die Brasilianer, dieser ganze Konflikt ginge sie im Grunde nichts an, da er zwi­schen USA. und Argentinien ausgetragen werden müsse. Brasilien habe demgegenüber nur ein Inter­esse daran, feinen Weizen s o billig wie mög­lich kaufen. Außerdem werde es in Zukunft mehr bei den Ländern kaufen, die auch ihren Be­darf in Brasilien deckten, anstatt bei denen, die nur an Brasilien verkaufen, nicht aber dort selber kau­fe wollten. (Brasiliens Handelsbilanz mit Araen- tmien ist, infolge der großen argentinischen Wei­zenverkäufe an Brasilien, passiv; diejenige mit USA. dagegen aktiv.) Dieser Hinweis war deutlich genug und zeigte, daß die brasilianischen Sympathien, so­weit man von ihnen in diesem Zusammenhang sprechen kann, auf der Seite bes billigsten Weizen­angebots, b. h. biesmal bei USA. waren.

In Washington spielte sich inbessen eine Ausein- andersetzung zwischen Hüll und Wallace, bem Se­kretär bes Staatsamtes unb bem Landwirtschafts- fefretär, ab, in der Hüll Sieger blieb; Hüll er­klärte, daß die Vereinigten Staaten im Augenblick nicht daran dächten, den Verkauf ihres Weizen'"'^er- fchuffes nach Brasilien zu subventionieren. Zwar bleibt nun Herr Theis noch weiterhin in Rio, um alsdann auch in andere südamerikanische Staaten

Winckeimannsfeier.

Die griechischeKunst nach denPerserkriegen.

Das Archäologische Institut der Universität hatte, einem seit Jahren geübten Brauche gemäß, für gestern abend zur Winckeimannsfeier einge­laden. Der Vertreter der klassischen Altertumskunde und Direktor des Archäologischen Instituts, Pro­fessor Dr. W. Z s ch i e tz s ch m a n n , hieß zu Be­ginn die Erschienenen herzlich willkommen und gab feiner Freude darüber Ausdruck, daß Besucher aus allen Schichten ber Bevölkerung der Einladung ge­folgt seien. Prof. Zschietzschmann richtete dann in einer kurzen Ueberleitung zum eigentlichen Thema des Abends den Blick auf Winckelmanns Leben und Werk und kündigte eine hier in Gießen vorbereitete Neuausgabe feiner Schriften an, die dazu beitragen werde, bie erstaunliche Gegenwartsnähe und den vorbildlichen Prosastil des Begründers der klassi­schen Alterstumswissenschast ins rechte Licht zu stellen.

Dann begann Prof. Zschietzschmann seinen von einer Fülle ausgezeichneter Lichtbilder belebten Vortrag über die griechische Kun st nach ben Perserkriegen. Es handelt sich hier um bie Zeit etwa von 480 bis 460 vor Christus unb um eine Epoche großer Kunst, nicht eines Uebergangs- stiles. Die Perserkriege bebeuteten eine Bedrohung von ganz Hellas; ganz Hellas setzte sich zur Wehr und behauptete sich unb seine Kultur. Aus den Wirkungen des Krieges ergibt sich eine Wandlung ber seelischen Haltung und mit ihr bie Erneuerung der Kunst gegenüber jener ber sog. archaischen Zeit. An sehr einleuchtenden Gegenüberstellungen von Werken aus beiden Epochen wurde die in einem neuen Stil sich ausprägende innere Wandlung sicht­bar: in ber Entfaltung einer neuen Einfachheit, im Uebergaug von ber Bewegtheit zur Ruhe, Schwere unb Klarheit, von lächelnder Heiterkeit zum stillen, gefaßten Ernst in Haltung und Ausdruck ber menschlichen Gestalten und Gesichter. Man sieht und empfindet, wie bas Erlebnis bes Krieges bie Grie­chen und mit ihnen bie Gestalten ihrer Kunst ge­wandelt und neu geformt hat. An ber Gruppe ber Tyrannenmörber Harmobios und Aristogeiton würben Unterschiede des peisistrateischen und des alkmaeonidischen Stiles und die aus Volttik unb poli­tischer Gesinnung kommenden, Einflüsse auf die grie­chische Kunstübung nach den Perserkriegen verbeut- licht. In ber Analyse bieser Gruppe würbe auch bas neu sich ausprägende Gefühl für Generations­unterschiede und Ledensstusen in ber Formung bes menschlichen Körpers d^irch bie Kunst erkennbar. Prof. Zschietzschmann versucht indessen den

kaum übersehbaren Wandel in der künstlerischen Gestaltung nicht rein formalistisch zu begreifen, son­dern aus der tieferen Schicht eines grundlegend neuen Lebensgefühls, aus religiösen Urgründen, aus einem gewandelten Verhältnis des Menschen zur Gottheit, was sich in einer ganz veränderten, nun gleichsam nach innen gekehrten Haltung und Ge­bärde des Gebetes kundgibt und sich auf die Kör­perstellung in der figürlichen Plastik auswirkt. In dieser inneren Umwandlung ist auch eine gegenüber der Epoche der sog. archaischen Kunst gewandelte Vorstellung und Darstellung des Götterbildes ein­begriffen, wofür Plastiken des jugendlichen Kriegs­gottes Ares und des Dionysos als Beispiele dienten.

Der überaus feinsinnige und gedankenreiche Vor­trag wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Professor Dr. Rauch brachte den Dank der Hörer an den Redner zum Ausdruck, kündigte neue, ähn­lich geartete Veranstaltungen der geisteswissenschaft­lichen Fakultät für die nächste Zeit an unb beschloß die Feierstunde mit einem Blick in bie Gegenwart und dem Gruß an ben Führer.

Allerlei Llhrengeschichten.

Don Dr. W Carstensen.

Die Normaluhr.

In einem süddeutschen Landstädtchen hielt sich einst ein Museumswissenschafller auf, ber nach Er­ledigung seiner Geschäfte beschloß, bie zweieinhalb­stündige Wartezeit bis zur Abfahrt seines Zuges um halbem Uhr zu einem Spaziergang .auf bie nahegelegene Burg zu benutzen. Als er nun nach mäßigem Marsch von einer Stunde das Ziel er­reicht und die wunderbare Aussicht genossen hatte, dachte er daran, den Rückweg anzutreten, um in geruhsamem Schritt die Abfahrtszeit seines Zuges zu erreichen. Im gleichen Augenblick ertönte von der Zinne der Burg ein Böllerschuß weithin ins Land.

Gibt es Krieg?" fragte der Professor lächelnd ben alten Turmwart.Ha noi, bees isch zwelf Uhr!" Erschrocken griff ber Reisende nach ber eigenen Uhr. Aber bas ist doch unmöglich! Meine Uhr zeigt halb zwölf Uhr! Wonach richten Sie benn Ihren Schuß eigentlich?"Ha no, nach ber Normaluhr vom Uhr­macher brunf im Schtäbtle'" Der Professor eilte durch die Mittagshitze den Berg hinab, um den Weg in ber Hälfte ber Zeit zu bewältigen. Mühe­voll schafft er es in fünfundzwanzig Minuten. Doch als er außer Atem vor bem Bahnhof stand, zeigte es sich, daß die eigene Uhr doch recht gehabt hatte. Es war erst zwölf Uhr.

In seinem Zorn suchte der Genasführte, um die

Wartezeit auszufüllen und das Rätsel zu losen, den angegebenen Uhrmacher auf. .Haben Sie eine Normaluhr hier?" fragte er ihn.Ha freili", war die Antwort;dort hängt's."Und wonach richten Sie diese Normaluhr?"Ha no, nach bem Böller­schuß droben uffm Bergle!"

Handwerker stolz.

In Dresden lebte einst der Uhrmacher Pancet der als Meister seines Faches galt. Seine Uhren, die nach ihm benannt waren, wurden in aller Welt verkauft und verbreiteten feinen Ruhm weithin. Nicht lange aber dauerte es, so nutzten eilfertige Nachahmer die Gelegenheit, unter des Meisters Namen ihre schlechten Erzeugnisse abzusetzen, ohne daß dieser sich gegen den Betrug wehren konnte. Eines Tages, so wird berichtet, betrat eine Dame den Laden des Uhrmachers und äußerte ihren Un­willen über einePancet-Uhr", die sie durch ihre Unverläßlichkeit bereits oft enttäuscht habe. Pancet ersah auf den ersten Blick, daß es sich um eine schlechte Nachahmung handelte, und nahm in seinem Zorn einen Hammer, mit dem er das Betrugswerk zertrümmerte. Dann reichte er der bestürzten Dome eine neue Uhr: ,Zch schenke Ihnen hier eine echte Pancet". Das minderwertige Machwerk soll mei­nen Namen fürderhin nicht schänden."

Scharfsinn.

Man weiß, daß ber amerikanische Humorist Mark Twain, wenn es darauf ankam, von einer un­widerleglichen Logik war. Als er einst, behaglich in Decken gehüllt, auf dem Sofa ruhte, ließ die Sirene der nahen Fabrik das Zwölfuhrzeichen ertönen. Die Gattin rückte einen Stuhl heran und bat den Dichter, die Wohnzimmeruhr zu richten, die eine Minute vorging.Ach", blickte ber brave Ehemann von feiner Lektüre auf,ehe ich mich aufraffe und auf ben Stuhl steige, ist die Minute ja doch längst vergangen."

Pünktlichkeit.

Der Generalfelbmarschall v. Moltke war ein Muster an Pünktlichkeit, bie er auch von seinen Mitarbeitern verlangte.Pünktlich wie bie Uhr", war bie Devise, die seine Arbeit beherrschte. Als er einst ein« Besprechung auf acht Uhr abends an- aesetzt hatte und mit dem Glockenscblage nicht er­schien, begannen die versammelten Offiziere unruhig zu werden. Erst zehn Minuten über bie festgesetzte Zeit hinaus betrat ber Graf eilig das Zimmer; eine dringliche Beratuna schien ihn abgehalten zu haben. Die Offiziere, die Bereits Ernstliches befürchtet hat­ten, waren sehr gespannt, wie ber Generalstabschef bieUnpünktlichkeit" rechtfertigen mürbe. Moltke zog ruhig bie Uhr und erklärte:Es ist acht Uhr, meine Herren! Wir beginnen!"

Zeitsinn.

Man erzählt sich von Hindenburg, daß er Prüfungen und Besichtigungen sehr eingehend vor­nahm.Haben Sie mit den Mannschaften auch den Zeitsinn geübt?" fragte er bei einer Regiments­besichtigung einst den Kompanieführer.Jawohl, Herr Oberst!" Hindenburg wandte sich an einen Soldaten:Sie werden mir Bescheid sagen, wenn sechs Minuten verstrichen sind!"Befehl, Herr Oberst!", der Rekrut stand stramm und blickte starr gerade aus. Hindenburg fuhr in der Besichtigung ber Kompanie fort.Zeit ist um, Herr Oberst", tönt plötzlich bie Stimme bes Soldaten. Der Regi­mentschef blickte auf bie eigene Uhr; es stimmt auf bie Minute.Kerl, wie haben Sie bas so genau getroffen?", .fragt er verblüfft.Ich habe die Zeit von der Turmuhr ba drüben abgelesen, Herr Oberst", war die ruhige Antwort des Soldaten.

Zertschnffen.

Die Weihnachts-Nummer der ,^J ll u st r i r t e n Zeitung Leipzig" führt in einem interessant bebilderten AufsatzAls wieder Frieden wurde" den Leser durch die bedeutendsten Friedensverträge der Geschichte. Dr. Kurt Karl Eberlein behandelt in Blld und Wort das ThemaSchneelandschaft und Stim­mungsbild". Die vier weltberühmten deutschen Kna» benchore, der Leipziger Thomanerchor, der Dresdner Kreuzchor, die Regensburger Domspatzen und die Wiener Sängerknaben, werden in dem Beitrag Vom weihnachtlichen Singen" gewürdigt. Der zweite Teil des Heftes ist den schönen Dingen ge­widmet, mit denen Kinder und Erwachsene zum Weihnachtsfest erfreut werden. Unter bem TitelLie­benswürdige Kunst" wird das Schaffen von Magda Heller-Schneider gewürdigt, von der auch die Kinder- sigürchen stammten, die im vorigen Jahr von der Reichsstraßensammlung des Winterhilfswerks zu Weihnachten verkauft wurden. In dem bebilderten AufsatzDeutsches Volksspielzeug" wird die Bedeu­tung der deutschen Spielwarenherstellung auch in wirtschaftlicher Hinsicht deutlich. Das gleiche gilt für den vierseitigen BeitragSchönes deutsches Por­zellan".

Hochsckulnachrichten.

Depi ao. Professor Dr. Hans Teske wurde unter Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für Deut­sche Sprachwissenschaft an der Universität Ham­burg übertragen.

Dem Dozenten Dr. Max Schönberg wurde unter Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für land­wirtschaftliche Betriebslehre an der Universität Berlin übertragen.