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Nr.211 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Freitag, 9. September 1958

Aus der Stadt Gießen.

Aach der Ernte.

Im Gonderzug der politischen Leiter nach Nürnberg

Die letzten Wochen brachten den Bauern manche Sorgen. Das Getreide war reif, die heißen Tage tarnen, aber noch war der Schnitt nicht beendet, da setzte der Regen ein. Fast täglich strömte es vom Himmel. Das'Getreide war in Gefahr. Jede Stunde, jede Minute wurde dann, wenn die Sonne wieder hervorkam, oder der Wind ein wenig wehte, aus­genutzt, um schnell die Frucht einzufahren. Manche Garbe kam feucht in die Scheune, abfcr schließlich war bann doch alles unter Dach und Fach.

Die Dreschmaschine konnte kommen. Und wenn man jetzt durch die Dörfer wandert, so hört man überall das eintönige Summen der Maschinen. Wohl sehnt der Bauer den Tag herbei, an dem er seine Vorräte dem Dreschwagen übergeben kann, aber noch froher ist er, wenn die Tage vorüber sind. Wohl krönt gewissermaßen die Dreschmaschine die Erntearbeit, indem sie das goldene Getreide fein säuberlich in die aufgehängten Säcke schüttet, und je mehr es ist, desto mehr lacht das Herz des Bauern Aber es ist doch ein schwerer Tag für alle, für Männer und Frauen, denn es sind gar viele Hände nötig, um die Arbeit bei der Dreschmaschine zu bewältigen.

Frisch und mutig greifen alle an, wenn in der Morgenfrühe die Maschine ihren Pfiff ertönen läßt. Abgehetzt, verstaubt, mit entzündeten Augen vom Schmutz, sagen alle am Abend: Endlich!

Aber ist der Tag noch so schwer, der Abschluß gleicht wieder alles aus, und ein Nachtessen am Dreschtage ist nicht zu verachten. Frisch gewaschen, mit gutem Appetit versehen, erscheinen die Arbeits­leute. Die Hausfrau legt ihre Ehre drein, daß alles in Hülle und Fülle da ist. Am Tage vorher wurden Kuchen gebacken, und frische Wurst und Braten feh­len auch nicht. Für die Getränke, die den staubigen Hals glätten sollen, sorgt der Hausherr. So ist es kein Wunder, wenn beim Dreschernachtessen bald alle Mühe vergessen ist und frohe Unterhaltung in Fluß kommt. Gar manche Schnurre wird erzählt, manche alte Geschichte aufgewärmt. Und nicht selten kommt es vor, daß ein altes Volkslied durch die stille Nacht ertönt. Das ist das Schönste, daß ein Lied den Tag abschließt.

Die Frucht liegt nun auf dem Speicher. Der Bauer geht durch die Dorratsräume. Er ist froh, daß alles geborgen ist. Der Ertrag war, trotz des schlechten Wetters, gut. Langsam läßt er die golde­nen Körner des Weizens durch die Finger laufen. Drüben liegt der Hafer. Er ist wohl etwas feucht und bedarf noch der Pflege. Dahinter kommt die Gerste und zuletzt der Roggen. Daraus wird das Brot gebacken: Unser täglich Brot!

In einem besonderen Raum liegt das beste Ge­treide, sorgfältig aufbewahrt. Die schönsten Körner sind es: Die Saatfrucht.

Nur noch einige Wochen, und der Bauer fährt hinaus ins Feld, um von neuem das eben ge­droschene Getreide der Erde zu übergeben. N-eues Brot soll wachsen. H.

Einst Kurhaus jetzt Gauschule.

LPD. Die Gauschule Büdingen, die der Schulung der Politischen Leiter der Kreise Alsfeld- Lauterbach, Büdingen - Schotten, Gelnhausen und Schlüchtern diente, war nur als Notlösung gedacht. Die Räumlichkeiten waren auf die Dauer zu klein. Kürzlich wurde nun das Kurhaus Bad Sel­ters von der Partei erworben. Es wird hinfort als G a u f ch u l e für diese vier Kreise dienen. Das Haus vereinigt in sich alles, was es für eine Schu­lungsstätte der Partei geeignet macht. Neben großen Lehrsälen sind schöne und vorbildliche Schlaf- und Aufenthaltsräume vorhanden, dazu ein üzvoller Garten. Die neue Schule wird, nach geringfügigen baulichen Veränderungen, Mitte Oktober ihrer Be­stimmung übergeben.

M 1

l. .

Links: Die Politischen Leiter des Kreises Wetterau treffen in ihrem Lager ein und werden von Kreisleiter Backhaus begrüßt. R e ch. t s : Der älteste Politische Leiter aus dem Gau Hessen-Nassau, Pg. Räder aus Ostheim bei Butzbach, im Gespräch mit dem Kreisleiter Backhaus. Pg. Röder wird am morgigen Samstag 71 Jahre alt. (Aufnahmen [2J: Schwarz, Frankfurt a. M.)

NSG. Ein letztes Grüßen der alten Stadt Bü­dingen, bann fährt ber Sonberzug mit den Poli­tischen Leitern aus ben Kreisen etter au unb Büdingen-Schotten Nürnberg entgegen. In Gelnhausen und Schlüchtern steigen noch 'Marsch­teilnehmer zu. Bekannte von früheren Reichspartei­tagen werben in ihren Reihen entdeckt unb begrüßt. In ben Abteilen herrscht frohe Stimmung. Mag es es auch immer noch trüb fein am Mittwochmorgen, bas macht nichts aus. Es gilt zu beweisen, baß jedes Wetter recht ist, echten Frontgeist zu behaupten. In Gemünden und Würzburg ist kurzer Aufenthalt.

Freudig wird es von allen Kameraden begrüßt, daß die Fahrt zum Neichsparteitag am Tage durch- geführt wurde. Dadurch haben wir Gelegenheit, die wechselnde und immer schöne deutsche Landschaft zu erleben: Kinzigtal, Spessart und die Mainland­schaft ziehen an den Fenstern vorüber. Besonders die Weinberge an den Mainbergen erregen das leb­hafte Interesse der Oberhessen. Immer näher kom­men wir dem Ziele. Deutlich zeigen es die an­liegenden Ortschaften. Die Bahnhöfe sind festlich ge­schmückt, die Häuser zeigen reichen Flaggenschmuck,

und frohe Menschen grüßen und winken uns zu. Auf den Bahnhöfen werden Scherzworte gewechselt. Von allen Seiten schallt lautes Lachen. Und dann sind wir in Fürth. Man merkt die unmittelbare Nähe Nürnbergs und die jahrhundertelangen engen Beziehungen: denn schon Fürth steht ganz im Zei­chen "bes Reichsparteitages. Es gleicht einem ein­zigen Flaggenmeer. Langsam fahren mir um Nürn­berg herum. Immer ist ber Blick auf bie schöne Stabt unb bie frönende Burg gewandt. Plötzlich klingt Musik ans Ohr. Reichsarbeitsdienst marschiert mit blinkendem Spaten burch bie Straßen. Ein herr­liches Bild! Dann sind wir am Ende ber Fahrt. Der Zug läuft im Bahnhof Dutzenbteich ein. Nach herzlicher Begrüßung geht es in unser L a q e r Moorenbrunn, weit draußen in der Nähe des SA.-Lagers Langwasser.

Hessen-Nassaus Frauen in Nürnberg.

NSG. Am Reichsparteitag nehmen in diesem Jahre 500 Frauen der NS.-Frauenschaft

des Gaues Hessen-Nassau teil. Die hessen- nassauischen Frauen sind ausnahmslos sehr gut in Privatquartieren in den Stadtteilen Steinbühl und Galgenhof untergebracht.

Im Standquartier des Gaues Hessen-Nassau in der Humboldstraße herrscht Hochbetrieb. Hier laufen die Fäden der Organisation zusammen, die für die Unterbringung von 500 Frauen notwendig ist. Die Gaufrauenschaftsleiterin, Pgn. Westernacher, bestätigt als Sprecherin der Frauen aus Hessen- Nassau, daß sie alle in Nürnberg sehr gut unter­gebracht sind.

Schon mit der Stunde der Ankunft setzte die Be­treuung durch die Ortsgruppen Steinbühl und Gal­genhof ein. Ein Lotsendienst brachte die Frauen in ihre Quartiere. Die Gastgeber sind bestrebt, alles für ihre Reichsparteitagsgäste zu tun. Nürnberger und Hessen-Nassauer verstanden sich bald aufs beste. Es herrscht das herzlichste Einvernehmen zwischen Gastgebern und Gästen.

Das große Erlebnis, die erhebenden Tage in Nürnberg miterleben zu dürfen, wird den Frauen unseres Gaues unvergeßlich bleiben.

Verwaltungs-Neuordnung im Kreise Gießen.

Künftig Landkreis Gießen. Stadt Gießen wird selbständiger Stadtkreis. Zuwachs des Landkreises Gießen durch Gemeinden aus dem Kreise Schotten.

Im Zuge der Verwaltungsreform in Hessen ist nach der Aufhebung der hessischen Provinzen und nach der Auslösung ber Kreise Bensheim, Schotten unb Oppenheim von bem Reichsstatthalter in Hes­sen, Gauleiter Sprenger, als Führer ber Lan­desregierung mit Zustimmung ber Reichsregierung am 9. August 1938 ein Gesetz beschlossen worben, nach bem bie fünf Städte Darmstabt, Gie­ßen, Mainz, Offenbach unb Worms mit Wirkung vom 1. Oktober 1938 ab aus ihren bisherigen Kreisen aus scheiben unb selbstänbige Kreise, sag. Stadtkreise, unb staatliche Verwaltungs­bezirke werben.

Das Ausscheiben ber Stabt Gießen aus bem Derbanbe bes Kre »ifes Gie­ßen bringt eine Verlagerung in ben öffentlichen Aufgaben, fernerhin natürlich auch Auswirkungen für bie Finanzwirtschaft ber Stabt unb bes Kreises Gießen mit sich. Alle Einzelheiten biefer Verände­rungen find heute noch nicht abzusehen, da erst die nächsten Wochen die Durchführung des Gesetzes

bringen werden, hierzu auch noch die näheren An­ordnungen des Reichsstatthalters in Hessen (Landes­regierung) zu erwarten sind. Immerhin kann man jetzt schon bis zu einer gewissen Grenze die Neu­gestaltung der Verwaltungs- und Aufgabenbefug­nisse erkennen.

Zunächst ist die bedeutsame Veränderung festzu­stellen, daß mit dem Ausscheiden der Stadt Gießen aus dem bisherigen Kreisverband dieser um die Zahl ber runb 36 000 Gießener Einwohner unb um bie Fläche bes last 42 qkm großen Gießener Stabt- gebietes verkleinert wirb. Mit biefer Neugestaltung werben auch bie bisherigen finanziellen Leistungen ber Stabt Gießen an ben Kreisoerbanb in- abseh­barer Zeit in Fortfall kommen man benke an bie Kreisumlagsn jeboch sind hierüber heute noch keine genauen Angaben möglich, da zunächst die Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetz vom 9. August abzuwarten sind. Wenn Gießen nach die­ser Richtung hin auch eine Verminderung seiner finanziellen Leistungen an den Kreisoerbanb erfah­

ren wird, so steht doch dem gegenüber, daß dem neuen Stadtkreis mit ber Uebernahme ber bisher vom Kreis Gießen bearbeiteten Aufgaben auch ent- sprechenbe finanzielle Aufwendungen erwachsen werden.

Di-ese neuen Aufgaben f ü r den Stadt- k r e i s G i e ß e n, die er vom Kreis zu übernehmen hat,, sind z. B. auf folgenden Derwaltungsgebieten zu erblicken:

1. Handels- unb Gewerbewesen in ber Stadt Gie­ßen (insbesondere Einzelhanbels-Schutzgesetz, Ertei­lung von Wanbergewerbescheinen unb Wander- Legitimationspapieren usw.).

2. Verkehrswesen im Gießener Stabtgebiet (Zu­lassung von Kraftfahrzeugen, Erteilung von Führer­scheinen, Genehmigungen für ben Güterfernverkehr, Aufsicht nach bem Personenbeförberungsaesetz usw.).

3. Staatsangehörigkeitswesen im Stabtgebiet (An­träge auf Einbürgerung, Erteilung von Staatsan­gehörigkeitsausweisen und Heimatpapieren usw.).

4. Naturschutz unb Denkmalschutz im Stabtgebiet.

Kannst du zurück, Dore?

Roman von Hedda Lindner.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

10 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Zuerst fühlte sie nur eine grenzenlose Über­raschung über dieses Zusammentreffen. So also ver­brachte er die. Tage, wenn sie durch ihr Bribge- spiel fejtgef)alten war. Ihre zweite Regung war, sich das Mädchen anzusehen, was jede Frau in dieser Lage tun würde. Sie beugte sich wieder vor und musterte sie eingehend, soweit das ungewiße Licht der Hauptfilm rollte, inzwischen ab es zuließ. Was sie sah, enttäuschte sie: ein ziemlich unscheinbares Wesen und durch nichts besonders anziehend. Sie schüttelte unwillkürlich tadelnd den Kopf: Sie hätte Rudolf einen besseren Geschmack zugetraut. Vielleicht gefiel ihm das schmachtende Ge­tue; er war entschieden zärtlich veranlagt und kam darin bei ihr erheblich zu kurz.

Dafür würde er ihr morgen erzählen, wie lang dieser Tag ohne sie gewesen war, und wie er sich nach ihr gesehnt hatte, eine ganz überflüsige Er­klärung, denn sie fragte ihn nie, wie er die Tage verbrachte, an denen sie sich nicht sahen.

Sie sah wieder zu den beiden hinüber. Ein merk­würdiges Gefühl war es doch, den Mann, den man eigentlich heiraten sollte, so neben einer andern Frau zu beobachten.

Aber sie wollte ihn ja gar nicht heiraten. Und mit einem Male gingen alle anderen Gefühle Ueberraschung, Verstimmung und ein wenig auch gekränkte Eitelkeit unter in einer riesengroßen Erleichterung. Jetzt gab er selbst ihr den Anlaß zu der entscheidenden Aussprache. Nur durfte er fie hier nicht sehen. Eine solch peinliche Lage mußte sie sich unb ihm ersparen.

Geräuschlos stand sie auf unb verließ das Kmo.

Friederike war noch auf und kam aus der Küche, als sie die Haustür schließen hörte.Schon zurück. Ich denke, Sie wollten noch ins Kino?"

War ich auch, ich bin nur früher fortgegangen.

Ach, hat Ihnen ber Film nicht gefallen?" Frie­derike hängte sorgsam Dores Mantel über den Bügel. *

Der Film? Doch aber ... Friederike, ich werde Dr. Niemeyer nicht heiraten", sagte Dore in plötzlichem Entschluß.

Das derbe, gutmütige Gesicht vor ihr zeigte kei­

nerlei Ueberraschung. ,Das habe ich mir wohl schon gedacht", meinte sie gelassen.

Ach nein!" Dore drehte sich verblüfft um. War­um? Wieso?M

Friederike hob etwas die'Schultern.Sie sind ja fein bißchen richtig verliebt gewesen, Sie haben ja bloß manchmal vor sich selber so getan", stellte sie ruhig fest.

Friederike!"

Na, es ist doch so. Ich bin doch auch mal jung gewesen und weiß, wie es ist. Und damals bei Ihrem Manne, da wußten Sie es auch. Da zap-. pelten Sie ja doch immer nach der Post, unb wenn's nur 'ne Karte war. Aber jetzt ba zappeln Sie noch nicht mal, wenn er selber kommt. Unb benn ist es ganz gut, wenn Sie ihn nicht heiraten. Da kommt benn doch nichts dabei 'raus", schloß sie energisch.

Ach Frieberike, ich hätte mich nicht verloben sol­len. Es war eine furchtbare Torheit von mir", sagte Dore verzweifelt.

Friederike war ihr ins Zimmer gefolgt unb half ihr beim Ausziehen.Sie werben schon _bamals gedacht haben, daß es das Richtige ist", tröstete fie. vielleicht sollte Herr Niemeyer Ihnen helfen unb konnte es bann boch nickt."

Dore, bie gerabe Jm Begriff war, bie Strümpfe abzustreifen, fuhr mit einem Ruck van ihrem Bett hoch- .

Mir helfen, wie meinst bu bas, Friederike?" fragte sie ein wenig atemlos vor Schreck.

, Das alte Mädchen sah sie einen Augenblick nach­denklich an, ehe sie sich zur Antwort entschloß. Und als sie bann sprach,, schlug sie unwillkürlich ben alten, vertrauten Ton der Kinderzeit an.

Sehen Sie, Dorle, ich kenne Sie boch von dem Augenblick an, da Sie als Säugling vor mir auf der Wickelkommode strampelten, und da soll ich nicht gemerkt haben, daß Sie seit bem Sommer anders geworben sinb, baß Sie etwas quält, womit Sie nicht recht fertig werben fönhen. Da hat Ihnen Dr. Niemeyer helfen sollen, benke ich, unb nun sehen Sie, baß er bas nicht kann."

Dore sah sie an. Dann warf sie bie Arme über bas Kopfkissen unb begann zu meinen, stoßweise, heftig zu meinen. ..

Frieberike sagte gar nichts. Sie ging geräuschlos im Zimmer umher unb räumte bie Sachen roeg. Erst als bas Weinen nachließ, trat sie an bas Bett. Nun aber gleich schlafen, Dorle! Morgen sieht alles schon viel besser aus." :

Dore überließ sich willig unb dankbar den sor­genden Hänben. Als bas Licht gelöscht mar, seufzte

sie noch ein paarmal tiej auf unb fiel enblich in einen festen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Tage sah mirklich alles besser aus. Nicht gerabe heiter, aber menigftens bie guälenbe Unsicherheit mar gemichen, unb fie mußte nun enb­lich ihren. Weg. Sie mürbe Grünhagen für längere Zeit verlassen, nicht nur, um ben Redereien aus dem Wege zu gehen, vor allem, meil dieses bequeme Dasein fie nicht mehr befriedigen konnte. Sie brauchte eine Tätigkeit, die fie ganz ausfüllte und so sehr in Anspruch nahm, daß sie keine Zeit mehr hatte, der Vergangenheit nachzuhängen.

Zurück in ihr gemahntes Leben konnte sie nicht wieder, das hatte sie nun begreifen müssen, al er fie war eine viel zu energische Natur, um sich durch diese Erkenntnis entmutigen zu lassen. Wenn es fein .Zurück mehr gab, so gab es doch immer noch ein Vorwärts. Man mußte nur den Mut haben, einen neuen Weg zu gehen.

Nur mußte sie sich vor allem mit Niemeyer aus­sprechen, und ihr graute ehrlich davor; es kam bei sogenannten Aussprachen nicht viel heraus. Einen Augenblick dachte sie an Schreiben, aber dann ver­warf sie diesen Ausweg wieder. Es war feige, und Niemeyer hatte ein Recht darauf, daß sie ihm Rede unb Antwort stanb.

Es paßte gut, baß ber nächste Tag ein Freitag mar. Freitags mar Dr. Niemeyer schon gegen fünf Uhr frei unb holte seine Braut meist zu einem Spaziergang ab. Nur menn bas Wetter sehr schlecht war, trank er in ihrem Zimmer Kaffee, unb sie unterhielten sich bis zum Abenbessen.

Es kam aber selten vor, baß Dore bas Wetter zu" schlecht fand, unb in ben letzten Wochen mar sie von jeber Witterung begeistert gemesen, um bieten Kaffeestunben zu entgehen. Weil er bqs Alleinsein natürlich zu Zärtlichkeiten benutzte, unb weil sie biefe Zärtlichkeiten einfach nicht mehr er­trug. Sie schalt sich selbst ungerecht und unbiszivli- niert, aber seine Art und Weise ging ihr voNTag zu Tag mehr auf bie Nerven.

Heute tobte ber Vorfrühling feine schlechte Laune in wilben Graupelschauern aus; bie Kaffeestunbe war nicht zu umgehen. Aber biesma! war Dore froh barüber, war es boch bie beste Gelegenheit zu sagen, was gesagt werben mußte.

Es klingelte. Sie hörte bas Mädchen die Tür öffnen und bald darauf den kratzenden Laut auf ber Matte, mit bem er feine Schuhe abtrat. Er machte bas immer sehr gründlich und umständlich, und es gehörte auch zu den Dingen, die ihr auf die Nerven gingen.Altjüngferliche Angewohn­heiten", nannte fie es einmal gereizt; denn er machte es genau so, menn das Wetter draußen

trocken mar;-sie vermied es seitdem, ihn im Flur zu begrüßen.

Er trat ein, einen Strauß Veilchen in der Hand.

Wie herrlich sie duften!" sagte Dore und steckte ihr Gesicht hinein. Dadurch konnte sie seinem Be<- grüßungskuß ausmeichen. Er streifte nur flüchtig ihre Wange.

Sie faßen sich gegenüber. Dore schenkte Kaffee ein und hätte beinahe etmas verschüttet, so zitterte ihre Hand vor Aufregung. Sie mären immt-tfm monatelang verlobt gemesen, mit all den kleinen Vertrautheiten, die es mit sich bringt, und sie mar ehrlich genug sich zu sagen, daß er sich immer ta­dellos benommen hatte. Sie mar im Unrecht, sie ganz allein, und dies Bemußtsein erleichterte ihr die Sache mahrhaftig nicht. In ihrer Bedrückung seufzte fie tief auf, und da gab es ihr unbewußt das Stichwort.

Du feufzst ja so, siehst auch blaß aus. Ist dir euer Bridge gestern abend nicht bekommen?" fragte er halb scherzend.

Wir haben, nicht Bridge gespielt. Frau Wie­mann hatte Grippe." Dann mit einem Ruck Ich mar in der Stadt gestern. Im Kino in der Alhambra!"

In der ..." Die Tasse klirrte leise, als er sie niedersetzt. Sie sahen sich beide an und schwiegen, nur eine dunkle Röte hatte sich langsam über sein Gesicht gebreitet.

Es ist schrecklich, einen Mann erröten zu sehen, dachte Dore und schlang in einer ratlosen und pein­lichen Verwirrung bie Finger ineinander. Sie hatte sich so viele vernünftige Sätze zurechtgelegt, unb jetzt mit einem Male war ihr Hirn wie aus­geblasen.

Er brach zuerst bas Schweigen.Ich nehme an, dost bu mick gesehen.hast?" Seine Stimme war heiser.

Dore nickteJa!"

Unb" er räusperte sichunb beabsichtigst bu irgenbwelche Folgerungen baraus zu ziehen''"

Jetzt könnte ich ja sagen unb mich hinter strengen moralischen Anschauungen verschanzen, dachte Dore; es wäre bequem unb feige. Ich will nicht roieber feige sein, unb er hat es auch nicht oerbient.

Die Dinge liegen nnbers als bu glaubst, Ru- botf", sagte sie beherrscht. Run sie in ber gefürch­teten Unterrebung brin war, hatte fie ihre Ruhe miebergefunben. ,',Das, was ich gestern abenb sah, ist allenfalls ein äußerer Anlaß zu einer Aus­sprache, bie ich ohnehin herbeiführen wollte. Ich" es war boch sehr schwer, ihm bas so geradezu ins Gesicht zu sagenich kann bich nicht hei­raten."

'Fortsetzung folgt!)