Nr. 287 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 8. Dezember 1938
Englands Verschleppungstaktik in Palästina.
(Eigener Bericht des
N. Ts London, Dezember 1938.
Nur die Archivare im englischen Kolonialministerium wissen, wieoiele Kommissionen, Ausschüsse und interessierte Privatleute in den letzten 20 Jahren England verlassen und sich nach Palästina begeben haben, um an Ort und Stelle die Wurzeln jenes Uebels^ zu erforschen, welches von der Londoner Regierung noch immer nicht erkannt werden will. Palästina hat England noch nicht froh werden lassen und England nicht Palästina. Am 7. August 1936 wurde der durch seinen (inzwischen fallen- gelassenen) Dreiteilungsplan bekannt gewordene Lord-Peel-Aus schuß ins Leben gerufen. Erst drei Monate später verließ er London, weil, wie es in dem im Juli 1937 veröffentlichten Blaubuch heißt, d i e U n r u h e n in Palästina eine frühere Abreise nicht zuließen. Der Peel-Ausschuß hat sich nicht nur viel Zeit zum Reisen, sondern auch zum Arbeiten gelassen. Im Juli 1937, also nach einem Dreivierteljahr, wurde sein Plan fertig!
Die Geschichte des Planes ist ebenso bekannt wie echt englisch: das Blaubuch wurde veröffentlicht, von der Negierung gebilligt, von der Opposition lächerlich gemacht und im übrigen von der im März 1937 bestellten Woodhead-Kom Mission an Ort und Stelle „geprüft". Im Oktober dieses Jahres legte Sir John Woodhead der Regierung e i n neues Blaubuch — ebenfalls gute dreihundert Seiten stark — vor. Der Inhalt des neuen Blaubuches bescheinigt, daß das Ergebnis der englischen „Bemühungen zur Regelung der Palästina-Frage" gleich null geblieben ist und damit eine zweiem- halbMrige Arbeit negativ gewesen ist. Konkrete eigene Vorschläge hat die Woodhead-Kommission nicht machen können. Man führte lediglich zwei neue Psäne an: Plan B und C, und bezeichnete in der Darstellung A den Dreiteilungsplan als „u n - durchführbar". Die Regierung hat sich diesem Urteil angeschlossen. In Absatz 4 der Regierungs- erklärung zur Palästinafrage heißt es u. a.: „Diese Lösung des Problems (Dreiteilungsplan) ist unpraktisch." Zwei Jahre lang hat England eine andere Ansicht vertreten.
. _Es glaubt nun, daß eine englisch-arabisch- jüdische Konferenz in London eine Lösung bringen könne und daß man, wenn diese Lösung nicht gefunden werden sollte, ohne Befragung anderer auf eigene Faust handeln dürfe, um eine Lösung zu erzwingen. Wie das vor sich gehen soll, weiß man ofensichtlich ebenfalls noch nicht. Kolonialminister McDonald hat im Unterhaus zu verstehen gegeben, die britischen Soldaten könnten wohl Ruhe und Ordnung, nicht aber Frieden Herstellen. MacDonald ließ erkennen, daß sich das Arabertum auf Grund seiner natürlichen Entfaltungskraft in den nächsten 20 Jahren von einer Bevölkerungsstärke von beute 990 000 auf 1500 000 entwickeln würde. Daß England heute dieser Volkskraft nicht mehr unnötig vor den Kopf stoßen will, hat es durch seine Stellungnahme zum Peel-Bericht bezeigt.
London kann bei der Behandlung dieser Frage nicht nur nach Jerusalem schauen, sondern muß auch Bagdad, Beirut, Kairo und Amman,'die Hauptstadt Transjordaniens, im Auge behalten. Man weiß, daß die panarabische Zusammenarbeit heute stärker ist als vor Jahren, da England noch im Nahen Osten Verträge abscdließen konnte, ohne darauf zu achten, ob die eine Abmachung der anderen nicht ins Gesicht schlüge. Diese Verträge wurden damals ebenso zur Sicherung und Verteidigung östlicher Mittelmeerstellungen unterzeichnet, wie die heutige Politik des Hinauszögerns darauf abzielt, Zeit zu gewinnen, um möglichst viel aus einer verfahrenen Lage zu profitieren. Im Jabre 1928 kam ein Vertrag zwischen England und Transjor- b a n i e n , 1932 einer mit dem Irak und 1936 einer mit Aegypten zustande. England hat jedoch noch keinen Vertrag mit dem Panarabismus geschlossen. Sicherlich würde es das gern tun, wenn
Gießener Anzeigers
dies durch ein Nachgeben des Arabertums in Palästina möglich werden würde. Anzeichen hierfür liegen noch nicht vor. Kaum war der ÄZoodhead- Bericht bekannt geworden, da nahm das arabische Komitee ge^en ihn Stellung, weil sich England in feiner Regierungserklärung das Recht vorbehält, die arabischen Vertreter für die Londoner Konferenz abzulehnen. Außerdem hatte man ein völliges Abstoppen der Judeneinwanderung erwartet und ist enttäuscht. Die Juden haben sich | dagegen darüber beschwert, daß durch die Hinzuziehung von Arabern zu der Konferenz der Gedanke des Nationalheimes nicht genügend unterstrichen und den Mandatsabmachungen widersprochen worden sei. Die „Jewish Agency" hat bisher noch nicht zugegeben, daß seit 1937 in Palästina Verhältnisse eingetreten sind, die die Sachlage zu Gunsten des Arabertums ändern mußten. McDonald dagegen gab in seiner Unterhausrede zu — wohl das erstemal —, daß die Araber n i ch t gefragt wurden, als man den Juden das Nationalheim versprach. Hier macht sich der erste Rückzieher Englands bemerkbar.
Dör zweite liegt in der Tatsache, daß London „die arabischen Argumente anhören" will.Bisher war nicht von Argumenten die Rede, sondern von einem „Verhör" der Araber. Noch in dem Woodhead-Bericht vom 9. November 1938 heißt cs in der Einleitung: „Kein arabischer Zeuge kam vor die Kommission, üm auszusagen". Der leichte Stimmungsumschwung ist in England mit den wachsenden Gewissensbissen gekommen. London hat nach der Aussage McDonalds in den letzten Jahren in der Palästinafrage nicht nur „keine Politik" gehabt, sondern auch kein Ohr für das Arabertum. Weder in Jerusalem, noch in London, noch in Genf konnten die arabischen Forderungen in aussichtsreicher Weise vorgebracht werden. Wie man das an zuständiger Stelle mit dem Gedanken und Grundsatz der Selbstbestimmung in Einklang bringt, ist noch nicht gesagt worden. Der Verdacht, daß es sich hier um eine reine Macht- und Zweck- Politik handelt, liegt daher nicht fern. Er wird gestützt von der Tatsache, daß es London nicht um eine gerechte Vertretung der arabischen Sache durch die Araber selber geht. Der Mufti wird zu der Konferenz — wenn nicht noch ein Wunder geschieht — nicht zuaelassen: die vor einem guten Jahr aus dem Heiligen Land verbannten übrigen Araberführer ebenfalls nicht, sie waren verbannt worden, weil sie als führende Vertreter des Arabertums den Engländern unbequem und vielleicht gefährlich waren. Bisher pflegte man sie als „Rebellen", „Mörder" und „Räuber" zu bezeichnen. McDonald lenkte auch hier ein und sprach von „Patrioten", die es „auch" unter den Arabern gebe, die man heute als Rebellen bezeichne.
Die Londoner Konferenz wird voraussichtlich also im Zeichen eines unbedingt englischen Dorherr- schaftsanspruches im Heiligen Lande, nicht aber im Zeichen des Selbstbestimmungsrechtes sieben. Was England mit „Stabilisierung der Verhältnisse im Heiligen Land" meint, wird in dem Augenblick klar, wenn man erfährt, daß die kürzlichen Pariser Gespräche englischer und französischer Staatsmänner auch das Palästina-Problem erfaßt haben. Dies ist nicht geschehen, um englischerseits zu hören, was Frankreich etwa zur. Rassenfrage denke oder zum Nationalitätenvroblem. sondern/well London ohne Paris im östlichen Mittelmeer noch hilfloser ist als im Augenblick. Syrien steht nominell unter französischer Herrschaft, wird aber von der eingeborenen Bevölkerung verwaltet. London' ist es bisher noch nicht gelungen, in Varis durchzusetzen, daß der Großmufti, der sich in Syrien aufhält, ausaewiesen wird. Paris hätte vielleicht diesem Wunsche entsprochen, aber die Eingeborenen Syriens wollten es anders. Die englische Palästinapolitik muß in weitem Sinne abhängig sein von einem Hand-in Hand-Gehen mit Frankreich im östlichen Mittelmeerraum. Die Londoner Konferenz wird daher
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Roman von Hubert Rausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
Sie saß alle>in in ihrer Gardarobe uni) schminkte sich ab. Aus allen Spiegeln kam chr Bild zurück; das Bild einer schönen, jungen, blonden Frau.
Aber Elisabeth Hellfahr war unzufrieden.
Sie hantierte in der Sicherheit alter Gewöhnung mit ihren Schminktöpfen und Tüchern und prüfte kritisch die Haut, die rot und frisch durchblutet unter der Abschminke zum Vorschein kam. Noch war die Stirne glatt, kein Fältchen um den vollen Mund mit den schön gezeichneten Lippen. Der Hals lief in glatter Kurve zu den festen runden Schultern.
Und doch!
Sie warf ein Tuch um Achsel und Arme. Sie hatte es satt, satt bis zum Hals, dieses ganze Leden mitsamt dem Theater und Großstadt und allem.
„Gott, einmal wieder zu Hause sitzen und rote Grütze essen und mit Mutter von den Nachbarn zu plaudern! Hier riecht es nach siebzehn verschiedenen Parfüms, und vor den Fenstern meiner Mädchenstube platzen jetzt gerade die dicken klebrigen Knospen der Kastanien!"
Dieses dumme Fieder in jedem Frühling!
Sie legte Puder auf und verhalf ihren blond- lichen Augenbrauen zu einer dunkleren Färbung.
Da lief es plötzlich wie ein dumpfes Rollen durch das Haus. Der dritte Akt war zu Ende. Das Geräusch schwoll an, verebbte, schwoll wieder an, verlief sich.
Drei Vorhänge! Wie immer.
Nein!
Das dumpfe Rollen beginnt von neuem. Was soll denn das? Sie prüft ihr Gesicht, sie ist fertig. Schon ruft es unten: „Hellsahr, Hellfahr!"
Sie wirst ein Kleid über.
Was ist denn? Sie ist schon auf der Treppe.
An der Bühnentür steht mit einem strahlenden Gesicht der Spielleiter: „Sie müssen sich zeigen, Hellfahr! Das Publikum schreit nach Ihnen!"
Da ist auch Jte, die Freundin, die bis zum Schluß zu tun hat. Elisabeth reicht nach rechts und links die Hände, und steht draußen im Licht der Lampen unb Scheinwerfer.
„Bravo! Hellfahr! Bravo!"
Hände klatschen. Elisabeth sieht in junge frohe Gesichter. Sie lacht. Sie ist der Scharm aller jungen Mädel. Sie neigt sich. Und wieder. Und schließlich ganz allein! Hellsahr! Hellfahr!
Zu dem Spielleiter sagt sie mit einem nachsichtigen Lächeln: „Diese dumme glückliche Jugend !"
Dann sieht sie in der Gardarobe zu, wie Jte Fall sich die dicke Schminke von chrer honigbraunen Haut herunterwischt.
„Freust du dich?" sagt Jte und sucht mit ihren pechschwarzen Augen, indes die Hände fleißig arbeiten, in den Spiegeln Elisabeths Blick.
„Schon.".
„Na also!" sagt Jte. Sie liebt Elisabeth und hat diesen Extrabeifall mit Hitte einiger junger Freundinnen veranstaltet. „Und jetzt gehen wir essen, ich hab' einen lächerlichen Hunger!"
*
„Vielleicht doch wieder Rührei mit Schinken?" fragte die Kellnerin.
Elisabeth Hellfahr und Jte Fall pflegten nach den Vorstellungen ins Ludwigs-Cafe zu gehen. Dort gab es Musik, dort gab es Wiener Zeitungen und den Marmortisch, den Jte zu chrer Seligkeit nun einmal brauchte. Es war keine Speisekarte vorhanden, und man aß schlecht und teuer, aber in dem Punkt Cafe war die schmale schwarze Jte unerbittlich.
Und Elisabeth hatte die Nachgiebigkeit aller großzügigen Menschen.
„Also essen wir zum 37. Male" — seufzte sie.
Kurz darauf erschien Doktor Brasky.
Er reichte den beiden Damen die Hand, als sei er ihresgleichen. Er war Kritiker und hatte in Wien einen Namen von Klang.
„Ich gratuliere!" sagte er zu Elisabeth.
„Well mir bei dieser letzten Vorstellung die Jugend noch einmal eine Huldigung gebracht hat? Danke, Doktor!" Und dann fuhr sie fort:
,Za, diese Begeisterung der Jugend — die ist das Schönste an unserem Beruf; diese heißen Herzen und marmen Augen um einen herum; diese Gläubigkeit von Menschen, die die Welt noch nicht kennen und die den bunten Zauber des Theaters noch als eine wirkliche Verzauberung empfinden."
„Ein seltsames Wort: zaubern!" sagte Brasky.
Jte legte Elisabeth einen großen Löffel Rühreier auf den Teller: - — •
„Iß!" sagte sie. „Mr haben gearbeitet und
von England ausgenutzt werden, um seine Stellung I im östlichen Mittelmeer, nicht aber die Stellung des Arabertums in Palästina zu verbessern. Die Frage der Nationalitäten steht an zweiter Stelle.
Die (SmlaÖunaen zur Palästina-Konferenz.
Wird der Mufti teilnehmen ?
London, 7. Dez. (DNB.) Im Unterhaus teilte Kolonialminister Macdonald mit, daß bisher die Regierungen von Aegypten, dem Irak, Saudi- Arabien, Transjordanien unb bie jüdische Agentur für Palästina die Einladungen zur Teilnahme an der geplanten Palästina-Konferenz in London an« genommen hätten. Dem König des Jemen sei ebenfalls eine Einladung zugegangen. Die britische Regierung sei bereit, evtl, arabischen Vertretern, die zur Zeit aus Palästina ausgewiesen seien, Erleichterungen zur Teilnahme an der Konferenz zu gewähren. Auf eine Zwischenfrage antwortete Macdonald, daß die Araber ihre Vertreter selbst wählen müssen, und daß dies nicht Aufgabe der britischen Regierung sei.
Die in Jaffa erscheinende Araberzeitung „Addiffa" meldet aus London, daß der Londoner Vertreter der Palästina-Araber, Dr. T a n n o u s , mit Kolonialminister Macdonald eine Unterredung hatte, tn der die Beteiligung des Muftis ober feines Vertreters an der Palästinakonferenz erörtert wurde. Dr. Tannous befindet sich auf dem Wege nach Beirut, um dem Mufti das Ergebnis dieser Besprechung vorzulegen. Das britische Kolonialamt soll mit der
Teilnahme einer rund 20köpfigen Abordnung der Palästina-Araber an der Londoner Konferenz einverstanden sein.
Noch bevor die Palästina-Konferenz einberufen worden ist, ergeben sich bereits erste Schwierigkeiten für ihre Durchführung. Ein als „Sprecher der arabischen Kreise in London" bezeichneter, jedoch nicht mit Namen genannter arabischer Nationalist erklärte auf die Frage, ob der Gegner des in der Verbannung lebenden Großmufti, der englandfreundliche Fakhri Bey Nashashibi der Konferenz beiwohnen werde, dieser könne nicht für die Araber Palästinas sprechen. Falls die englische Regierung ihn einladen würde, könne er nicht neben der arabischen Abordnung an den Verhandlungen teilnehmen. Er habe keinerlei Rechte, denn die Führer der arabischen Verteidigungspartei, die sog. gemäßigten Araber, hätten der britischen Regierung erklärt, daß sie den Mufti als ihren alleinigen Führer ansähen. Von den auf den Seychellen internierten Araberführern, die auf Grund des Freilassungsbefehls d i e Freiheit wiedererlangen, werden in einem Bericht des „Daily Telegraph" folgende mit Namen angeführt: Dr. Khalidi vom Arabischen Komitee, Achmed Hilmi Pascha, der Generaldirektor der Arabischen Bank in Jerusalem, Jakub Bey el Gosshin, der Führer der arabischen Jugend, unb Fuad Saba, der Sekretär des Arabischen Hoheit Komitees. Wie „Daily Telegraph" weiter mitteilt, werden diese Persönlichkeiten, die mit anderen im Oktober 1937 deportiert wurden, sich wahrscheinlich nach Aegypten oder Syrien zurückbegeben, um dort die für London einzuschlagende politische Linie festzulegen.
Syrisches — oder französisches Syrien?
Kairo, 7. Dezember. (Europreß.) In den letzten Tagen hat der syrische Ministerpräsident M a r b a m Bey nach wochenlangen Verhandlungen in Paris ein Zusatzabkommen zum syrisch-französischen Vertrag unterzeichnet.
Bis zur Stunde ist der genaue Inhalt des Abkommens nicht befanntgeaeben worden. Man weiß nur, daß sich die französische Regierung verpflichtet hat, den eigentlichen syrisch-französischen Vertrag dem Parlament zur Ratifizierung zuzuleiten, wenn die syrische Kammer zuvor bas nun unterzeichnete Zusatzabkommen zu biefem von Syrien schon lange ratifizierten Vertrag annimmt. Tut sie bas nicht, ist bas gesamte französisch-syrische Vertragswert hinfällig geroorben, unb man steht wieder da, wo man vor nunmehr zwei Jahren stand, als man sich zu Verhandlungen über bie Entlassung Syriens aus dem MandatsoerhAtnis zusammensetzte.
Mardam Bey hat von Paris aus seine Ministerkollegen über bie wesentlichen Teile des Zusatzabkommens telegraphisch unterrichtet unb ihre Meinung dazu erbeten. Sie kam einer Ablehnung gleich. Dennoch hat Mardam Bey unterzeichnet, was in den Reihen der syrischen Nationalisten einen Entrüstungssiurm entfesselt hat. Zwar kennt man noch nicht den Text der Zusatzabkommen, aber, was über die telegraphische Information der Regierung in Damaskus bekannt geworden ist, kommt einer Umkehrung der Klauseln des französisch-syrischen Vertrags gleich und entwertet diesen völlig. Frankreich verlangt weitgehende Zugeftänb- nisse auf militärischem Gebiet, aber nicht minder auf wirtschaftlichem unb verwaltungsmäßigem. Die Staatsbank soll offenbar französisch bleiben, und durch Berater soll der Einfluß auf die Entschlüsse der „unabhängigen syrischen Regierung" gesichert bleiben.
Kein Wunder, baß angesichts biefer Tatsachen die nationalistische Opposition gegen Mar- dam Bey, dem man offen einen frankophilen Kurs vorwirft, an Boden gewinnt. Der oppositionelle Führer, der lange Zeit außer Landes verbannte Dr. Sh ab ander, hat dieser Tage in einer Partei-Neugründung die Kräfte gegen Mardam
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Bey unb feinen politischen Kurs zusammenzufassen gesucht unb babei hinsichtlich des französisch-syrischen Vertrags bie grundsätzliche Forderung aufgestellt, daß dieser dem englisch-irakischen Vertrag gleichen müsse. Dieser legte dem Irak lediglich die Verpflichtung auf, keine anti-englische Politik zu betreiben unb der englischen Luftwaffe für die nächsten 25 Jahre Stützpunkte im Irak zu gewähren. Es kann kein Zweifel bestehen, daß der französisch-syrische Vertrag durch die im jetzt unter
zeichneten Zusatzabkommen gemachten Zugeständ- nisse gegenüber dem irakischen Vertrag völlig entwertet wird. Die Opposition gegen Mardam Bey wird also den Vertrag ablehnen. Soweit es sich bis jetzt übersehen läßt, reicht diese Opposition weit bis in das Lager des Nationalen Blocks, also bis tief in die bisherige Gefolgschaft des Ministerpräsidenten.
Darüber hinaus hat Dr., .Shabander im Namen der Opposition die Forderung gestellt, das künftige Syrien müsse auf alle Fälle Glied des anzustrebenden arabischen Staaten-Bundes fein. Mit biefer Forderung trifft er sich weitgehend mit den Plänen, wie sie vorn Groß-Mufti für Palästina vertreten werden.
Mardam Bey trifft in diesen Tagen wieder in Damaskus ein, dann wird bie Auseinandersetzung um das Zusatzabkommen zum syrisch-französischen Vertrag beginnen unb damit der Kampf um ein syrisches ober französisches Syrien in eine neue Entwicklungsphase treten.
haben unser Essen verdient. Und zaubern?" Sie sah zu Brasky hin. „Was verstehen Sie, unter uns gesagt, schon vorn Zaubern? Ihr Schreiberleute redet doch immer nur um die ganze Sache herum. Ihr tastet und redet, aber ihr wißt doch nichts. Auch nur ein echter Augenblick, in dem ich spüre, daß ich eins mit der Rolle bin unb doch ich selbst, — ein solcher Augenblick in dem gleichgültigsten Stück — unb ich kann zaubern!"
„Das habe ich nie bezweifelt!" sagte Brasky. Jte rollte ihre schwarzen Augen und nickte Elisabeth zu. „Ich kann bas viele Reden übet unsere Kunst nicht leiden!"
„Auch das ist mir bekannt. Ich sprach auch mit Fräulein Hellsahr, die bekanntlich über dieses Thema anders denkt."
„Tu ich", sagte Elisabeth. „Man kann unsere Dichter unb Schriftsteller nun mal nicht h'nbern, mit Wörtern zu malen. Wörter sind ber Stoff, mit dem sie arbeiten müssen. Also muß man sie reden und schreiben lassen!"
Jte lachte.
„Da haben Sie's, Her Landsmann! Man muß euch schreiben lassen."
„Und was würdet ihr sagen — was würden auch Sie sagen, Jte Fall? — wenn mir nicht mehr unsere Kunst, über eure Kunst zu reden und zu schreiben, an euch üben würden? Denn daß es auch eine Kunst ist, wenn auch eine andere und kleinere meinetwegen, das werden Sie ja wohl nicht bestreiten, Jte?"
„Bitte, Jte Fall! Jte allein klingt mir zu natürlich. Und reine Kunst? Gott ja, lieber Doktor Brasky, die Dilderrahmer haben sich ja auch immer eingebildet, daß ihre Kunst so groß sei wie die der Bildermaler selbst. Und mehr als ein Dilderrahmer seid Ihr doch auch nicht!"
Elisabeth, die vor Braskys Wissen und Können eine erheblich größere Achtung hatte, als Jte in ihrer Unschuld auch nur zu ahnen vermochte, Elisa- beih strich mit dem Zeigefinger beruhigend und kosend über die braune schlanke Hand, die sich zu ballen drohte.
„Daß ihr euch immer zanken müßt! Und daß Sie meine Freundin nicht verstehen und sich immer wieder ärgern! Jte ist nun mal ein Temperament, die allen Verstand haßt, und auch bie Eier in Blut kocht."
„Oha!" sagte Jte. Sie war ftoh, ihrem Herzen mal. wieder Lust gemacht zu haben-
In diesem Augenblick begann die Kapelle, die in der Nähe des Eingangs saß, den Toreromarsch aus „Carmen" zu spielen.
„Auf in den Kampf!" sagte Elisabeth. ,<Jetzt kommt Schmid!"
Und er kam wirklich, groß und gelassen, unter einem Hellen Mantel den unvermeidlichen schwarzen Shuug: Jago Schmid aus Madrid.
Damit war das Kleeblatt vollzählig, das in diesem Winter des Jahres 1922 — einem wahren Winter des Mißvergnügens für so viele — so manchen gemeinsamen unb so manchen auch tollen unb ausgelassenen Abend miteinander verbracht hatte. Ein vierblättriges Kleeblatt, unb Schmid war das vierte Blatt: er war als letzter dazu gekommen, und war auch sonst eine Ausnahme in allem.
Er küßte ben Damen die Hand.
„Schrecklich", sagte er, bem Torero kann er nicht entgehen. „Wohin ich komme, bläst unb geigt die Kapelle: Auf in den Kamps! Die Musiker schrinen das für die spanische Nationalhymne zu halten."
„Aber warum eine so schwierige Erklärung?" sagte Jte. „Du zahlst ihnen doch eine Runde, ist das nicht Erklärung genug?"
„Du kannst schrecklich prosaisch sein, Jte", sagte Schmid.
„Aber sie kann auch schrecklich poetisch sein", lachte Elisabeth, „wenn Sie vorhin ihre Attacke für die reine Kunst gehört hätten —"
„Und gegen die Kritik!" sagte Brasky.
„Also zankt ihr euch wieder?" sagte Schmid. „Nun, dann seid ihr ja gut untergebracht, und für den Abend beschäftigt." Er wendete sich zu Elisabeth. Sein Gesicht wurde ernst.
„Und Sie?" sagte er, „Elisabeth?" Er sprach den Namen mit einem schwebenden Klang. „Was denn?" fragte sie mit einem Versuch, das Gespräch im rein Kameradschaftlichen festzuhalten. Aber sie wandte ihre Augen ab und suchte an den Nachbar- tischen nach Bekannten.
„Ja, wir sitzen hier entsetzlich auf dem Präsentierteller. Darf ich nicht einen Lokalwechsel Vorschlägen? Ich habe im Schleich einen Tisch reservieren lassen, und ich kenne dort einen weißen Bordeaux, genau so alt wie ich, unb von einer Ebelreife —"
Er schnalzte aufmunternb mit der Zunge.
Jte, bie schon ben Fuchs um ihre schmalen Schultern legte, sagte:
„Ja, mein lieber Jago, Weine reifen schnell."
Lachend bestiegen sie Schmids Wagen. b?r die kleine Gesellschaft schnell in die behagliche Weinstube entführte.
(Fortsetzung folgt!)


