Nr. 6 viertes Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag. 8. ZannarM8
Stadt im Winterkleid.
Schlittenfahren — das große Vergnügen der Kinder.
-
zA". -
SR»
'M M d
»M
i
4 v.
• Ä
Am Lutherberg bauten sich jugendliche Skiläufer eine Sprungschanze.
Es ist schon lange her, seitdem die Natur dem Dichter Matthias Claudius die Richtigkeit seines Gedichtes vom Winter („Der Winter ist ein rechter Mann, kernfest und auf die Dauer") zum letzten Male bestätigte. Die Erinnerung schweift zurück, läßt im Geiste die Winter vergangener Jahre passieren und kehrt ergebnislos in die Gegenwart zurück. Nur ein Winter ist noch in herber Erinnerung: der von 1928/29! Damals schlug strenger Frost die Natur sechs Wochen lang in seinen Bann. Mancher Obstbaum hatte schwer darunter zu leiden und für die damalige Generation der, Feldmäuse mag der Winter des erwähnten Jahres auch sehr unangenehm gewesen sein. Aber in all den folgenden Jahren konnte man von einem kernfesten Winter nicht sprechen. Auf ein bißchen Schnee hin läßt sich auch dem
sorgt, daß Palmen und Kakteen nicht erfrieren. Jungfräulich und tief lag der Schnee auf den Wegen. Tief sank der Fuß ein, lautlos wurde der Schritt in der Stille des winterlichen Gartens und wenn nicht von der Sonnenstraße oder von der Senckenbergstraße her hin und wieder kurz und auch wie verhalten die Hupe eines Autos zu hören gewesen wäre, so konnte man sich weltverloren denken. Die Balustrade vor dem großen Gewächshaus hatte leuchtende Säume bekommen, die elegant geschwungenen Treppenflanken waren zu einem hübschen Ornament geworden. Das kleine Becken für Wasserpflanzen lag in Eis erstarrt. Ob wohl die Goldfische noch darinnen sind?
Das Alte Schloß und der Heidenturm nahmen sich wie ein Stück Märchenland aus. Die tiefverschneiten Tannen in diesem Teil des Gartens vervollständigten die Illusion. Breit hingelagert bot sich drüben die Front des Zeughauses. Merkwürdig — auf einem nochmaligen Gang durch den Garten, der eigenen und einzigen Spur auf stillen Wegen wieder zu begegnen ... Erst das klirrend zufallende kleine Gittertor riß aus Stille und Träumerei.---
Einzigartiger Tag, jener Mittwoch der vergan
genen Woche! Dunkelblau der Himmel, wie zu Sommerszeiten über dem Bodensee, und klirrender Frost wie über, Ostpreußen. Im Lichte der Sonne blitzte der Schnee in Myriaden feiner Kristalle. Kaum vermochten die Augen den Glanz zu ertragen, wenn man über den Schnee gegen die Sonne sah. Der Weg um die Mittagsstunde vom Dienst nach Hause und wieder in den Dienst hatte sicherlich für jedermann, der dabei die schönen Anlagen unserer Stadt durchschritt, etwas Festliches an sich. Der Schnee knirschte unter den Füßen. Wenn nun gar noch Rauhreif alle Bäume geschmückt hätte —! Jedoch auch so waren unsere Anlagen wie verzaubert. Die Johanneskirche stand wie eine Silhouette in all dem Glanz, in weicher Fülle, deckte der Schnee den
k
I
U
e
-■ -’ vv/ZK*
■■ "M.
An der vereisten und verschneiten Lahn.
Rasen und jede, auch die geringste Unebenheit warf zarte bläuliche Schatten. Das Stadttheater nahm sich in seiner Umgebung aus wie ein Schloß im Park, und die formenschönen Blautannen zeigten sich als Christbäume, die die Natur auf ihre Art geschmückt hatte. Am Goldfischteich (Adolf-Hitler-Wall) standen die Lebensbäume und Zypressen unbeweglich ernst und schienen als Kinder anderer Breiten mit dem weißen Schmuck nicht ganz einverstanden zu sein. Unter dem Torbogen des Amtsgerichts hindurch dehnte sich schier endlos weit und makellos weiß die Landschaft des Bu
secker Tales. Stadt und Landschaft waren den ganzen Mittwoch über von Helle und Glanz erfüllt, wie bisher selten oder gar nie in diesen bisherigen trübseligen Monaten des Herbstes und des Winters.
Altes Schloß im Winterschmuck.
Angesichts all dieser Pracht war es kein absurder Gedanke, sich dem iKrchendiener Siehr wieder einmal anzuschließen, als er auf den Kirchturm stieg, um die Turmuhr aufzuziehen, lieber die hohe enge Wendeltreppe führte der Weg hinauf, über steile Stufen vorbei am Glockenstuhl und am rasselnden Uhrwerk hinauf in die Türmerwohnung, von der aus durch eine Doppeltüre der breite Umgang zu
betreten ist. Noch blendender fiel hier oben das Licht des Hellen Tages in die Augen, die Sekunden vorher das Dunkel im Turm mühsam zu durchdringen versuchten. Heber der Stadt lag der Rauch aus vielen Schornsteinen und wehrte die weite Sicht. Nur in der Richtung nach dem Gleiberg, nach Dünsberg und Vetzberg war die Luft klar, so daß fast die blinkenden Fensterscheiben in den Häusern zu Füßen der Burg zu erkennen waren. Schwer fiel es, sich von der Höhe und der Weite zu trennen.
• *
Auf Oswaldsgarten ging es lustig zu. Die Kinder der ganzen Umgebung hatten ihre Schlitten herbeigeholt, und der besechidene Abhang, der vielleicht mit zwei Meter Höhenunterschied vom Gehsteig aus (vor der Turnhalle) nach dem Platze abfällt, war auf breiter Front eine einzige Rodelbahn. Da tummelten sich gut und gern etwa hundert Kinder. Manchmal saßen sie zu vieren auf einem Schlitten, fuhren mit „Anhänger" gewissetrnaßen in langer Reihe den kleinen Berg hinab, saßen und lagen —v mal die Beine, mal den Kopf voran — auf ihren Schlitten und konnten nicht oft genug hinauf- steigen, um wieder hinunterzugleiten. Fast alle die Kinder waren von Muttern zu- Hause warm eingepackt worden; sie glühten jetzt vor Eifer und Bewegung. — Am Lutherb er g hatten sich ein paar ganz Findige eine kleine Sprungschanze gebaut, zu diesem Zweck eine Kiste aufgetrieben und diese von der Bergseite her sorgfältig zur Absprungbahn mit Schnee vermauert. Es ging tadellos! Sprünge üoh zwei und drei Metern waren die Regel. Da aber die Auslaufbahn nicht lang genug war, galt es jeweils dicht vor dem Draht, der die Anlage vom Gehsteig trennt, einen schneidigen „Christiania" zu reißen. Viele Erwachsene schauten belustigt dem Spiele zu. Hier wächst der Nachwuchs für den Skiklub heran!
Am Lucherberg scheint zwar das Rodeln und Skilaufen verboten zu sein! Auf halbem Hang stehen einige Holzpflöcke in den Boden gerammt, an denen, wie zu vermuten ist,, ein Draht gespannt
gegenwärtigen Winter das Prädikat „kernfest" nicht beilegen. So wie eine Schwalbe noch nicht den Sommer macht, so lassen auch die an einem Tage, am Donnerstag, von Münchencher gemeldeten 30 Grad Kälte nicht auf einen herrischen, sondern vielmehr auf einen launischen Winter schließen. Die Wetterenttäuschung der Weihnachtsfeiertage ist schließlich auch noch nicht vergessen! Immerhin: Freuen wir uns einmal unvoreingenommen der weißen winterlichen Pracht! Immer nur auf das Wetter zu schelten wäre ja auch billig! Erstens kann es sich nicht wehren ^ind zweitens tut das Wetter doch, was es will. Wenn es im Hinblick auf die Wetterlage nach den Menschen ginge, würde sicherlich eine Katastrophe die andere ablösen.
*
Der Botanische Garten ist gegenwärtig für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Aber es lockte uns doch, ihm einmal einen Besuch abzustatten, da er in Winterruhe und in Winterpracht lag. Alles Leben, so scheint es, ist jetzt dort erstorben, und nur der feine Rauch aus der Heizanlage für die Gewächshäuser verrät, daß man an der Arbeit ist und dafür
Treppe und Balustrade vor dem großen Gewächshaus im Botanischen Garten in weißer Pracht.
'x *
W
Botanischer Garten und Zeughauskaserne im tiefen Schnee. (Aufnahmen [6:]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Diamanten-Komödie
Roman von Horst Biernath.
25. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Humphrey spielte mit seiner Zigarettendose. Er öffnete sie und ließ den Verschluß wieder zuknacken. Es klang unangenehm; es klang, als zöge sich jemand die Finger aus den Gelenken. Das scheußliche Geräusch ließ den Ersten jedesmal zusammenzucken. Auch Zanten vertrug es nicht. „Hören Sie doch, bitte, damit auf, Humphrey!' bat er nervös.
„Jetzt kommt's drauf an!" sagte Humphrey nach einer kurzen Entschuldigung gespannt. „Wenn einer her Detektive den Dieb erkannt hat — —
„--dann können wir ihn zwiebeln! knurrte
Zanten. ,, ,
„Ja, wahrhaftig!" stieß der kleine Olefson atemlos heraus und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Mit keinem Gedanken hab ich daran gedacht, daß die beiden Minerva-Leute den Kerl ja erkannt haben könnten."
„Ich liebe es auch nicht, wenn meine Zweiten Offiziere allzuviel denken!" brummte Zanten völlig ernst, aber sein Humor in dieser Lage bewies, daß er wieder ganz zu sich zurückgefunden hatte.
Der Doktor führte Ferguson und Hooten herein. Die beiden machten einen so völlig erledigten Cm= druck, daß Humphrey und Olefson aufsprangen und sie zu ihren Stühlen geleiteten. Zanten ging ihnen durchs halbe Zimmer entgegen. „Kopf ^od), Leute, mahnte er väterlich. Dabei war es, als bedürfe er dieses Zuspruchs nicht weniger als die beiden -Detektive deren verschlossene und niedergeschlagene Gesichter ihm und allen Anwesenden auf Den ersten Blick besser als Worte sagten, daß mit einer Aufklärung des Falles von dieser Seite her kaum zu re(?Äopf V°d) — und dann einen Strick", murmelte b^Humphrey", bat Zanten, „gehen Sie doch, bitte, mal an den Schrank und holen Sie die strohum- floch^ne Flasche mit zwei Gläsern her!"
„Bitte, keinen Alkohol!" widersprach der Doktor. ^Höchstens zum Einreibenl"
„Lassen Sie die Flasche stehen, Humphrey!" rief Zanten. „Es wäre ja eine Sünde! Echten Schottischen zum Einreiben —?"
„Und machen Sie's, bitte, kurz, Kapitän!" fuhr Wilkens im Ordinationston fort. „Die Herren bedürfen dringend der Schonung."
Zanten sah den Arzt mit einem Blick an, der seinen haarsträubenden Wunsch mit voller Deutlichkeit ausdrückte.
Der Doktor wußte nicht recht, ob man einen Blick bereits als unmittelbare Beleidigung auffassen könne. Für alle Fälle beschloß er, sich zu verwahren, und brummte: Das ginge denn doch zu weit! Schließlich sei er ein studierter Mann.
„Also los, Ferguson! Erzählen Sie! Sie waren doch der erste an der Reihe!"
Obwohl Ferguson robuster als Hooten war und sich anscheinend auch schon besser als sein Genosse erholt hatte, bot er einen Anblick, bei dem es einen jammern konnte. Ganz abgesehen davon, daß er, genau wie Hooten, noch stark unter der Wirkung des Betäubungsmittels stand, schien er mutlos und mürbe wie ein ausgebluteter Fechter nach schwerster Abfuhr ... Und was er zu vermelden hatte, war mehr als dürftig und enttäuschte die geringsten Erwartungen. Er war vom Speisesaal aus geradeswegs zu seiner Kabine gegangen, hatte die Tür verschlossen gefunden, geöffnet und im gleichen Augenblick, als er die Hand nach dem Lichtschalter ausstreckte, einen haargenau auf den Punkt gezielten Hieb auf die Kinnspitze bekommen.
Die Herren warteten darauf, daß nun erst die Hauptsache käme, aber Ferguson hatte nichts mehr hinzuzufügen.
„Und Sie haben nicht mal einen Verdacht, wer Sie niedergeschlagen haben könnte?" fragte Zanten erregt und enttäuscht.
Der Detektiv sah ihn mit einem langen Blick an. „Nein!" antwortete er aus zusammengebissenen Zähnen mit einem grollenden Ton. „Jedenfalls keinen Verdacht, den ich jetzt, nachdem die Diamanten fort sind, vor dem Richter auch nur mit einem Anschein von Berechtigung vertreten könnte."
Zanten ließ den Kops sinken und betrachtete eine Weile mit Hingebung seine Stiefelspitzen. „Und wie erging es Ihnen, Hooten?" fragte er schließlich.
„Genau so wie Ferguson, Sir. Nur, daß ich mit dem Schuft noch gesprochen habe, bevor ich
den Kinnhaken erwischte. ,Hallo, John', sagte ich, weil nämlich Ferguson mit Vornamen John heißt und weil die Kabinentür so, wie wir's untereinander verabredet hatten, versHlossen war, ,mach mal auf!' — Moment!' antwortete er von innen, und ich hab' auch nicht ’ne Sekunde daran gezweifelt, daß Ferguson es sei, der zu mir spräche. Moment! Eben ist das Licht ausgegangen!' Und drehte auch schon innen den Schlüssel zurück ... Ich drückte die Tür auf und trat ins Dunkle. ,Birne?' fragte ich.— .Sicherung*, sagte er. Und ich dachte noch, daß mir die Stimme so fremd klänge, aber da flammte dicht vor meinen Ai;gen eine Taschenlampe, und dann kam auch schon der Hieb. Nicht ganz so genau auf den Punkt, daß ich gleich hinüber gewesen wäre. Ich ging nur in die Knie. Aber bevor ich hochkam oder um Hilfe hätte rufen können, drückte mir der Kerl den Aetherschwamm auf Mund und Nase."
„Und die Stimme?" fragte Zanten gespannt.
„Die Stimme!" riefen auch Humphrey und Olefson.
„Ich sagte Ihnen doch, daß ich sie für Fergusons Stimme gehalten habe. Durch die Tür jedenfalls. Und nach dem einen .Sicherung*, das er vor sich hinmurmelte, als ich neben ihm stand, kann ich keinen Eid auf mich nehmen, es wäre dieser oder jener gewesen."
„Genug, meine Herren!" fiel der Doktor ein. „Sie sehen selbst, daß die beiden nah am Umfallen sind! Ich kann nicht gestatten, daß Sie die Herren noch länger in Anspruch nehmen!" Sein Ton war gereizt; er schien entschlossen, es auf eine Kraftprobe -mit Zanten ankommen zu lassen.
Der alte Herr erhob sich. „Ich danke Ihnen, meine Herren' Ruhen Sie sich jetzt aus! Und nehmen Sie vorläufig den schwachen Trost mit auf den Weg, daß die Steine sich noch an Bord befinden müßen! Ich habe der Mine bereits gekabelt, daß Sie Ihre Pflicht getan haben und einem Anschlag zum Opfer gefallen sind, dem auch kein anderer Aufpasser entgangen wäre. Wenn Sie morgen wieder auf Deck sind, werden wir gemeinsam auf die Suche gehen — falls sich bis dahin nicht schon eine günstigere Lage eingestellt hat. Auf jeden Fall bitte ich Sie dringend, unter allen Umständen über den Vorfall zu schweigen. Es nützt uns nichts und schadet nur unserer gemeinsamen Sache, wenn wir die Fahrgäste unruhig machen."
Die zwei Detektive erhoben sich mit einiger Mühe und verließen, vom Doktor begleitet und gestützt, die Kabine. Hooten schwankte über die Schwelle, als hätte er zuviel getrunken. Der Arzt fing ihn auf.
Olefson sah ihnen kopfschüttelnd nach. „Mit zwei Kinnhaken —!" sagte er mit fröstelnder Bewunderung für den Mann, der die beiden außer Gefecht gesetzt hatte. „So einen Brocken haben wir doch gar nicht an Bord?" *
„Genau auf den Punkt gezielt — da gehen auch noch stärkere Männer auf den Teppich!" bemerkte Humphrey sachkundig.
„Immerhin — es gehört schon eine Faust dazu", meinte Olefson nachdenklich. „Man müßte sich geradezu mal die Hände der lieben Fahrgäste an= sehen. So schlägt fein Mann zu, ohne daß es nicht an seinen Knöcheln noch vierundzwanzig Stunden lang zu sehen wäre."
Zanten rieb sich das Kinn. „Das hab' ich von Ihnen nicht erwartet, Olefson", lächelte er mit etwas galligem Humor. „Nicht ganz dumm, aber ein wenig umständlich."
Tweedle schnalzte mit den Fingern. „Sie wurden vorher in einer Antwort unterbrochen, Herr Tim- perly", sagte er mit öliger Höflichkeit. „Wenn mich nicht alles täuscht, so deuteten Sie an, daß Ihnen der eigentliche Täter nicht unbekannt sei?"
Humphrey sah Zanten fragend an. Sein Blick enthielt auch eine Aufforderung, daß es nun wirklich an der Zeit sei, etwas Positives ziri unternehmen.
Zanten streifte seinen Siegelring unentschlossen nacheinander über die vier Finger seiner Linken; er versuchte auch, den Ring über den Daumen zu zwängen ... „Ich halte es für aussichtslos, Humphrey", meinte er schließlich unbehaglich, und es war schwer zu unterscheiden, ob er sich zu Humphreys stummem Vorschlag äußerte oder zu seinen Bemühungen, den Siegelring über den Daumen zu drehen. „Aber wenn Sie sich etwas davon versprechen. Nun ja, was bleibt uns auch übrig? Also: Wenn Sie's für richtig halten, bann holen Sie ihn, bitte, her, aber ohne Klamaukl Wir können ihm ja mal ein wenig auf den Zahn fühlen."
(Fortsetzung folgte


