M.235 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Zreitag, 7. Oktober (YZ8
Aus der Stadt Gießen.
Herbstliche Sonne...
Kühl ist es in den Morgenstunden. So kühl jedenfalls, daß kein Zweifel mehr darüber bestehen kann, daß die schöne Jahreszeit ihr Ende gefunden hat. Etwas resigniert greift man zum Mantel, schnuppert nach dem Oeffnen der Haustür ein wenig prüfend die frische Luft, und stellt auf dem Wege zur Arbeitsstätte mit Bedauern die Tatsache fest, daß das Laub an den Straßenbäumen über Nacht abermals merkliche Verluste erlitten hat.
Aber während dann die Betriebsamkeit des Alltages beginnt, während in den Straßen die Tourenzahl des Verkehrs sich langsam in die Hohe schraubt und in den Werkstätten und Fabriken die Maschinen rattern, ist mit einem Male die Sonne da. Ganz plötzlich hat sie sich durch Wolkendunst und Nebelschleier hindurchgearbeitet, und überschüttet nun mit ihrem milden Glanz die in voller Lebhaftigkeit pulsierende Stadt.
Es ist etwas eigenes um die Oktobersonne. Die Sonne 'des Sommers ist ihr unvergleichbar. Während jene mit gelassener Selbstverständlichkeit den Tag vom Morgen bis zum Abend erhellt und ihre sieghafte Kraft gelegentlich sog-^ bis zur Siedehitze steigert, kommt die Oktobersonne mit einer gewissen mädchenhaften Scheu. Sie tastet und sucht wie in leichter Verwirrung, läßt für ein Weilchen ihre Strahlen blitzen, um sich dann wieder hinter den Wolkenkulissen zu verbergen, bis sie schließlich doch mit einem Anflug letzter Ueberwindung die volle Schale ihrer Helligkeit ausgießt.
Und dann gewinnt die Stadt ein Aussehen, das fast einer romantischen Verklärung gleichkommt. Die blaue Kuppe des Himmels wölbt sich in gläserner Klarheit über dem Häusermeer. In den Büschen und Bäumen der Anlagen, wo der Herbst bereits mit seinem Farbkasten an der Arbeit gewesen ist, leuchtet es vom dunklen Grün bis zum flammenden Gelb, und auf den Rabatten der Blumenbeete prunken die letzten Herbstblüher mit all ihrer bezaubernden Buntheit.
Es sind köstliche Stunden, die uns die herbstliche Sonne zu schenken vermag. Vielleicht empfinden wir diese Köstlichkeit besonders deshalb, weil bei allem Glanz und aller strahlenden Schönheit der Oktober« sonne doch schon eine stille Melancholie kaum spürbar über dem Ganzen liegt. Aber diese Melancholie, die' von Abschied und wehmutsvollem Dahinsckeiden kündet, läßt auch die Gewißheit zu, daß aller Wandel, dem wir unterworfen sind, aus dem Welken und Vergehen eine Wiedergeburt ersteben läßt, deren Keime bereits jetzt mit dem fallenden Laub zur Erde gleiten. H. W. Sch.
Generalmajor a. D. Waih
zum Gebietskriegerführer ernannt.
Lpd. Zum Gebietskriegerführer Frankfurt im Landesgebiet Fulda-Werra (zu dem auch unser Kreis Gieren gehört. D. Schristltg.) des NS.» Reichskriegerbundes wurde Generalmajor a. D. W a i tz , Bad Homburg, ernannt. Er rückte 1914 als Kommandeur des III. Bataillons Füs.-Regt. 80 von Bad Homburg aus ins Feld, wurde in der Schlacht bei Bertrix-Neufchateau verwundet, darauf ins Preuß. Kriegsministerium, dem er bereits vor dem Kriege angehört hatte, versetzt, war 1916 Chef des Stabes des Kriegsministers im Großen Hauptquartier, von 1917 bis Kriegsende als Oberst Direktor des Zentraldepartements im Kriegsministerium und wurde am 27. Oktober 1919 als Generalmajor verabschiedet. Nachdem er in den Jahren 1921 bis 1923 Geschäftsführer des Rhönsegelfluges gewesen war, führte General Waitz bis zu seiner Ernennung zum Gebietskriegerführer Frankfurt am Main den Kreiskriegerverband Obertaunus des NS.-Reichskriegerbundes.
Kleine M mit Mein Bin
Roman von Kurt Riemann
«Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
(Nachdruck verboten.)
Karajan läuft um sein Leden. Das weiß er. Die !da hinter ihm sind, geben keine Gnade.
Er läuft nicht den Weg, er läuft querfeldein, jede Deckung benutzend, die sich ihm bietet. Da die Senke — hier ein Stück in einem Graben.
So war es achtzehn im Westen. Mit der Sicherheit eines klugen Tieres wittert man die Deckung,— Schüsse peitschen hinter ihm her — Verdammt, die Brüder schießen nicht schlecht!
Er spürt die Kugeln um seine Ohren sausen und «weiß, daß es höchste Zeit ist. Den Waldrand da drüben muß er erreichen, koste es auch den letzten Fetzen Atem, den man in der Lunge hat. Der schweiß läuft ihm übers Gesicht und beißt in den Augenwinkeln, aber er hat nicht Zeit, mit der Hand Liber die Stirn zu fahren.
Nur eines: Laufen — laufest — laufen —
Doch — dazu hat man noch Zeit, nach der Brust gu fühlen, ob unterm Hemd etwas knistert —
Warum läuft man denn sonst? — Gott sei Dank — alles noch da! .
»Halt! Stehenbleiben auf der Stelle! — Es wird icharf geschossen!!"
Prost Mahlzeit! Schreien ist keine Kunst, und meinetwegen schießt ihr so scharf ihr könnt! Ich | bleibe nicht stehen, ich laufe — laufe auf den Wald- I "and zu — da ist die Grenze. Das weiß ich, und wenn ich die nicht erreiche, kann ich mir eine Kugel [ vurch den Kopf jagen — so oder so verloren, was Ulfs? Also die letzte Puste her! — Die Hunde schießen schon wieder — Verflucht!
Ein dumpfer Schlag gegen die Schulter — | setzt hat's dich, Karajan — Jubelt nur nicht zu uüh — Die Schultern sind nicht die Beine, und saufen kann er noch —
Er hörte die Stimmen der Verfolger näher kom- I men —
Sie laufen schneller als er, sie werden ihn ein» lolen, wenn er nicht Glück hat — mächtiges Glück!
Was ist denn das für eine Schweinerei? Naß —? Natürlich, Blut! Das hat gerade noch gefehlt!
Er spürt auch schon, wie ihm die Beine bleischwer werden, der Atem pfeift, er keucht erbärmlich. Die 2unge will nicht mehr — die Seiten schmerzen wie oll vor Stichen —
150 Zahle Forstwissenschaft an der Llniversität Gießen.
Die Geschichte des heutigen Gießener Forst- rnstituts beginnt mit der am 24. März 1824 vollzogenen Errichtung einer zunächst für die Ausbildung der hessischen Forstoerwaltungsbeamten bestimmten höheren Forstlehranstalt bei der hessischen Landesuniversität. Am 14. Juli 1831 wurde diese Ausbildungsstätte, unter Aufhebung ihrer Sonderstellung, zu einem vollberechtigten Unioersitätsinsti- tut umgebildet. Die alma water Ludoviciana hat die Jahrhundertfeier dieses Tages im Jahre 1931 mit Recht festlich begangen, denn es ist bekannt, daß in ganz Deutschland, ja selbst in Europa» kein anderes forstwissenschaftliches Universitätsinstitut mehr besteht, das auf eine so alte und ruhmvolle Tradition zurückblicken kann.
Dennoch ist die Geschichte der forstwissenschaft- lichen Lehre an der Universität noch ein halbes Jahrhundert älter als das Forstinstitut. Schon im Rahmen der 1777 in Gießen errichteten Ökonomischen Fakultät waren forstliche Vorlesungen vorgesehen. Es gab jedoch zu dieser Zeit noch keinen besonderen Vertreter für das Fach, so daß die zeitweilig angekündigten Vorlesungen eigentlich nur auf dem Papier standen. Als die Oekonomische Fakultät schließlich nach sechsjährigem Dasein einging und die in ihr zusammengefaßten Fächer größtenteils von der Philosophischen Fakultät übernommen wurden, blieb das Gebiet der Forstwissenschaft erst recht verwaist.
Bei diesem Zustand verblieb es, bis man im Jahre 1788 auf den durch seine forstlichen Schriften bekannt gewordenen naturwissenschaftlichen Kameralisten Friedrich Ludwig Walther auf- merksasti wurde und ihm im Oktober 1788 die venia
1788 - 1938.
Von Forstaffessor Or. Richard Zmmel.
legendi erteilte. Walther begann seine Vorlesungen sofort, und seit damals steht die Forstwissenschaft, ohne Unterbrechung bis zur Gegenwart, jedes Semester im Lehrplan der Ludwigsuniversität. Am 10. Oktober dieses Jahres erleben wir die e i n- hundertfünf zigste Wiederkehr dieses denkwürdigen Tages, und wir dürfen auch hier mit Genugtuung feststellen, daß an keiner anderen Hochschule des Reiches die Forstwissenschaft so lange ohne Unterbrechung vertreten ist, wie an der Universität Gießen.
Friedrich Ludwig Walther, der erste in der Reihe der Gießener forstlichen Lehrer, hat bis zum Jahre 1824 gewirkt. Sein Name wird zwar überschattet von dem Ruhm größerer Nachfolger, wie Hundeshagen und Heyer, aber seine eigenen wissenschaftlichen Verdienste sind ebenso unbestreitbar wie seine Erfolge als vielseitiaer fruchtbarer Schriftsteller. Neben den forstwissenschaftlichen Vorlesungen las Walther noch über Landbau, ökonomische Naturgeschichte und Technologie. Ein besonderes Spezialgebiet von ihm war die Forstbotanik. Daß er u. a. auch eine umfangreiche „Flora von Gießen und der umliegenden Gegend" (Gießen und Darmstadt 1802) geschrieben hat, ist leider nur Wenigen bekannt.
Walthers zahlreiche forstbotanische Schriften sind zweifellos bedeutender und origineller als seine forst- wissenschaftlichen Bücher. Das hängt damit zusammen, daß Walther in der eigentlichen Forsttechnik kejne weitreichenden Erfahrungen besaß. Dennoch war er von allen Kameralisten, die zu seiner Zeit auf den deutschen Hochschulen Forstwissenschaft vortrugen, in bezug auf systematische Klarheit und
wissenschaftliche Begründung des Stoffes, einer der Hervorragendsten. Praktische Forstkunde wurde damals von pädagogisch befähigten Berufsforstleuten außerhalb der Universitäten auf den sogenannten Forstlichen Meisterschulen gelehrt; für den Ruf der Vorlesungen Walthers aber ist es bezeichnend, daß der Drang nach tieferer wissenschaftlicher Erkenntnis ihm zahlreiche Hörer aus Kreisen Öer forstlichen Techniker zusührte, denen die primitiveren Meisterschulen nicht genügen konnten. Walther war als Fachlehrer nicht eigentlich mehr Kameralist, wie viele seiner Kollegen auf anderen Universitäten, deren forstliche Werke systematifch meist gut abgerundet^ dem Inhalt nach aber mehr oder wenger unzulänglich blieben. In ihm vollzieht sich vielmehr der lieber» gang des reinen Kameralistentums in die Epoche wissenschaftlicher Grundlegung der nach Selbständigkeit ringenden deutschen Forstwirtschaftslehre.
Friedrich Ludwig Walther, seit 1790 ordentlicher Professor, hat insgesamt etwa vierzig selbständige Werke, zumeist forstlichen Inhalts, veröffentlicht. Mit seiner Ernennung zum Ordinarius wurde ihm zu» gleich die Leitung des neu angelegten botanischen Gartens in Gießen übertragen. Trauernde Freunde haben dem Verstorbenen dort das bekannte Denkmal errichtet mit der Aufschrift:
Non Sibi Sed Litteris
Ac Patriae Viventi Sui Memores Alios Faciendi Merendo Nihil Humani A Se Alienum Putanti.
Oie Personenstands- und Beiriebsaufnahme.
Was ist bei der Ausfüllung der Listen für die Personenstands- und Beiriebsaufnahme am 10. Oktober zu beachten?
1. Jedes Haus (Wohnhaus, öft^Uliches Gebäude, Fabrik, Lager, Scheune usw.) wird durch eine Hausliste gezählt, die vorn Hauseigentümer, Hausverwalter oder deren Beauftragten zu unterzeichnen ist. Ersatzweise kann dis Hausliste auch vom Zähler unterzeichnet werden. z
2. Jede Haushaltung wird durch eine Haus- haltsliste erfaßt. Die Haushaltsliste, in die alle zur Haushaltung gehörenden Familienangehörigen (auch Untermieter, Personal usw.) aufzunehmen sind, ist vom Haushaltsvorstand zu unterzeichnen. Bei abwesenden Familien ist vom Zähler eine Haushaltsliste aufzunehmen und zu unterzeichnen; die Personalangaben werden dann von Amtswegen eingetragen werden. Für die in Militärgebäuden befindlichen Haushaltungen (z. B. verheiratete Unteroffiziere) lind ebenfalls Haushaltslisten auszufüllen, während Oie in Mannscbaftsräumen untergebrachten Wehrmachtsangehönaen von der Zählung ausgenommen sind. In A n st a l t e n lKliniken und Krankenhäusern) untergebrachte Haushaltungen (Verwalter, Aerzte, Portier ui'ro.) werden durch Haushaltslisten gezählt, und zwar jeder Haushalt für sich. Das in einer Anstalt wohnende, keinen eigenen Haushalt führende ledige Personal (Schwestern, Pflege- und Dienstpersonal) wird in einer besonderen Haushaltsliste geführt und ist, wenn diese nicht reicht, mit Einlagebogen zu versehen. Der Zähler wird sich .n solchen Fällen mit der Anstaltsleitung ins Benehrnen setzen und dort die erforderlichen Vordrucke zum Ausfüllen obgeben. Anstaltsinsassen (Patienten) werden nicht
gezählt. In Gasthäusern sind außer dem Personal nur die ständig dort wohnenden Familien in besondere Haushaltslisten auszunehmen.
3. Jeder Betrica wird durch ein B c - triebs blatt erfaßt. Ein Betriebsblatt ist von jedem selbständigen Gewerbetreibenden, auch von Angehörigen der freien Berufe (Rechtsanwälte, Aerzte, usw.), Provisionsreisenden, von allen Behörden, öffentliches Betrieben und Verwaltungen (ohne Unterschied, ob es sich um Betriebe gewerblicher Art oder Hoheitsverwaltungen handelt) auszufüllen. Das Betriebsolatt ist immer dort ouszu- füllen, wo sich die Niederlassung oder Betnebsstätte befindet. Z. B. ein Geweroetrerbender, der im Sel- tersweg ein . Ladengeschäft unterhält und in der Ludwigstraße wohnt, wird im Seltersweg durch ein Betriebsblatt und in der Ludwigstraße durch eine Haushaltsliste erfaßt.
4. Außer den vorerwähnten Zählpapieren wird für jedes Haus noch eine „Hausliste V" ausgegeben, in der der Hausbesitzer, Hausverwalter oder Vertreter des Hausbesitzers sämtliche Bewohner seines Hauses einzutragen hat. Die nähere Anleitung über die Ausfüllung dieses Vordruckes ist aus der Vorderseite der Hausliste zu ersehen. Zufällig oder vorübergehend Anwesende, die ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt in einer anderen Gemeinde haben, sind in der Hausliste V nicht aufzunehmen.
5. Sollten Hausbesitzer, Haushaltungsvorstände, Betriebsführer usw. die vorstehenden Listen nicht erhalten haben, so wird ersucht, die fehlenden Listen
auf Zimmer 18 des Stadthauses, Bergstraße 20, abholen zu lassen, ober dorthin telephonisch Nachricht zu geben, damit die Ueberfenbung der Listen veranlaßt werden kann.
6. Nach dem Stand nom Montag, 10. Oktober 19 3$ müssen somit ausgesüllt werden:
a) Hauslisten, enthaltend sämtliche Haushaltungen und Betriebe des Grundstücks. Diese Listen sind nur durch den Hausbesitzer oder seinen Vertreter auszufüllen. Falls ein Vertreter nicht .ausdrücklich bestellt ist, kann die Ausfüllung auch durch den Mieter des Hauses erfolgen, der sonst im Auftrage des Hausbesitzers derartige Angelegenheiten erledigt,
b) Hauslisten V vom Hausbesitzer, Hausverwalter oder Vertreter des Hausoefitzers,
c) H au sh al t s l i st e n vom Haushaltungsvorstand,
d) Betriebsblätter vom Betriebsinhaber.
Es wird empfohlen, vor der Ausfüllung der Listen die Anleitung auf den Vordrucken g^nau zu beachten. Die einzelnen Spalten der Liften' müssen vollständig und gut leserlich ausgefüllt werden, da nach den Haushaltslisten die Steuerkarten und zum Teil die Bürgersteuervefcheide. für 1939 ausgestellt werden. Die rechtzeitige Abgabe und genaue Ausfüllung der Vordrucke erspart unter anderem persönliche Einladungen und Vorsprachen, spätere Nachfragen nach der Steuerkarte für 1939 usw.
7. Die Zustellung der Zählpapiere an die Grundstücks-Eigentümer soll bis spätestens Samstag, 8. Oktober 19 3 8 nachmittags erfolgt fein.
„Halt! — 5um letztenmal: Stehenbleiben!"
Das ist schon ganz nahe — nun müssen sie ja treffen, nun ist's ja ein Kinderspiel, nun kann man ihn ja mit einer Lüftbüchse abknallen wie einen Spatz.
Peng! Peng!
Da springt er mit letzter Kraft über den Graben — stolpert in den Wald, torkelt noch einige Schritte — und wie er sich umdreht, sieht er einen weißen Stein am Waldrand, auf dessen Seite ihm ein „D" entqegenleuditet: Deutschland —
Die Schüsse schweigen. Geschrei, aufgeregtes Rufen hört er noch eine Weile.
Dann läuft er haltlos zwischen den Stämmen weiter, als könnte er die,jagenden Füße noch nicht zur Ruhe zwingen, und der Wald ist ihm schon Dunkel und Dämmerung, als er endlich zusammenbricht.
Die Hand preßt er auf die Brust und sein letzter Gedanke ist: In Deutschland — ich bin daheim!
Es ist heiß. Die Lust flimmert, und die Blätter hängen müde, wie gestorben.
Durch Kornfelder schlängelt sich die Landstraße, Sonnenglast brütet darüber, und wo Karolas Wagen entlangsaust, fegt der Staub in langen Fahnen auseinander.
Dort, wo der Wald beginnt, einige hundert Meter vor ihr, gibt's so etwas wie Schatten. Also bremsen, 'raus und lang in das kühle Dunkel hinge- streckt! Ah — das tut gut!
Jetzt noch ein Eis!
Ha — sie wird bei Tante Therese so viel davon essen, bis sie Magenschmerzen hat!
Vorläufig allerdings muß Kaffee herhalten und eine Semmel. Gänzlich ohne Butter und Wurst. Bei dieser Hitze mag sie weder das eine noch das andere. Wer mitten im Kauen sieht sie ganz plötzlich in ihrer Nähe rot
Rot? denkt sie, das können nur Kirschen fein!
Wahrhaftig, da steht ein Kirschbaum, ein Großvater unter den Kirschbäumen, gerade da, wo der Feldweg in die Flur abbiegt.
Allerdings — klettern im Rock? Und dann nach- her mit einem Dreieck dann unterlaufen müssen? Schön wär's gerade nicht.
Don unten her —? Schade. Da waren schon vor ihr Hungrige! Nein, wer Kirschen essen will, muß schon tüchtig klettern.
Was also tun, Karola? Rock oder Kirschen? Das ist hier die Frage.
Sie überlegt ein Weilchen, doch der innere Kampf ist bald entschieden. Sie wählt nicht Rock und nicht
Kirschen, sondern den dritten Weg, den Ausweg. Eins, zwei, drei hat sie den Rock abgestreift, weit und breit lacht nur die Sonne und kein männliches Auge, und dann sind's nur noch zwei Klimmzüge und einige Armbeugen, bis man oben ist.
Herrlich!
Die Früchte sind fiefrot auf der einen Seite und gelblich auf der andern, wundervoll süß und außerdem gestohlen. Darum schmecken sie noch besser.
Da plötzlich bleibt ihr der Kirschkern fast im Halse stecken. Da ist doch — etwas im Graben? Es hat Kopf, Beine, lange Hofen — verteufelt, da liegt ein Kerl — wahrscheinlich ein Landstreicher uno man sitzt hier in der Hemdhose gewissermaßen als Reklame. Das hat gefehlt! — Ade, ihr Kirschen!
Runter!
Eins, zwei, drei ist sie herab und ftfeift den Rock über. Gott sei Dank! Das ist noch mal gut gegangen! Und nun auf nach Niederau! Tante Therese wartet schon mit Schmerzen, die Gute denkt natürlich gleich, man sei gegen einen Baum gefahren, wenn man auch nur eine Stunde später kommt. Karola streiecht „Till", ihrem schmalen roten Sportwagen, über die lange Kühlerhaube.
Till und gegen einen Baum?! Daß ick) nicht lache! denkt sie. Wir kennen uns nun schon vier Jahre, er und ich. Wir machen solche albernen Geschichten nicht, was? Schließlich bist du das Letzte, das mir geblieben ist, und selbst, wenn ich dich verkaufen wollte — wer gibt was für einen Veteranen, wie du es bist? Na ja, so leidlich aus- fehen tust du noch und hundert Kilometer machst du auch noch, ohne mit dem Steuer zu wackeln, aber was bist du gegen deine neuen hochmodernen Brüder? — Alt und abgenutzt! Ach ja —
Und einen Augenblick bleibt Karola stehen, starrt gedankenvoll auf ihren Wagen und ist ganz weit weg. Ist in der großen Stadt — und bei all den Sorgen —
Aber bann reißt sie sich zusammen, fährt sich über die Sttrn, als wolle sie das krause Gedankengemüse beiseiteschieben, und schwingt sich kurz entschlossen in den „Till".
Starten, Gang ’rein, Gas — los!
Moment mal! So einen Blick auf den unerwünschten Mann im Straßengraben kann man ja schließlich riskieren. Sie stoppt einen Augenblick.
Sieht gar nicht schlecht aus. Ein Landstreicher ist's auf keinen Fall. Und, Herrgott — das ist doch Blut! Und nun sieht sie auch, daß der Mann wachsbleich aussieht, und die Augendeckel sind bläulich und eingefallen.
„Ein Toter!"
Neunzig von handelst Mädchen, die allein, mutterseelenallein in einem Auto einen Toten finden, hätten jetzt Gas gegeben und höchstens im nächsten Dorf Bescheid gesagt. Ist ja schließlich keine Kleinigkeit, so mitten auf der Landstraße einem Toten zu begegnen, besonders, wenn man eine Sekunde vorher recht fröhlich und vergnügt gewesen ist.
Karola ist aus* anderem Holz geschnitzt. Im selben Augenblick, da chr zum Bewußtsein kommt, was sie da aufgefunden hat, ist der Wagen gestoppt — heraus — hin zu dem Leblosen —
Und schon sieht sie ihren Irrtum ein. Der Mann ist nicht tot, sondern bewußtlos. Das Herz schlägt, er hat Puls, die Atmung ist zwar sehr schwach, aber er holt doch immerhin in Abständen Luft. Die rechte Schulter zeigt eine Wunde, und wenn sie nicht sehr banebenrät, ist's eine Schußverletzung.
Was tun?
Hilflos blickt sie sich um. Natürlich, soweit bas Auge blickt, keine Menschenseele! Das ist immer so. Will man sich aber mal irgenbroo einsam nieber- lassen, kommen fünfzig Menschen vorbei.
Jedenfalls kann sie den Mann auf keinen Fall liegenlassen. Das ist ihr sofort klar. Jetzt stöhnt er leise auf und muß dicht davor sein, aus seiner Bewußtlosigkeit zu erwachen.
Sie hockt sich neben ihn und bettet seinen Kopf in ihren Schoß.
Was' hat der Mann für einen Kopf! Herrgott — wie gemeißelt! Da ist keine Linie, die nicht hineingehört — der Mund ist scharf wie eines Messer- Schneide — und diese Stirn ist so außergewöhnlich, wie sie noch keine gesehen hat. Daß er dichtes braunes Haar hat, an den Schläfen schon Ieid)t ergraut, Haar, das sich mitten auf dem Kopf zu einem widerborstigen Wirbel dreht, mildert die Härte seiner Züge und gibt ihm etwas Jungenhaftes.
Langsam kommt ein wenig Farbe in sein Gesicht, der Atem beschleunigt sich. Gespannt blickt Karola auf ihn herab, sie beobachtet das Erwachen des Bewußtlosen wie ein spannendes Schauspiel.
Was ist hier geschehen? fragt sie sich. Ein Verbrechen? Ein Raub? Ein Selbftmorbversuch. Aber nein, das letzte scheibet aus — dieser Mann legt nicht Hcmb an sich selbst.
Seine Kleidung ist mitgenommen, aber sie verrät ben teuren Schneiber. Die Schuhe starren vor Schmutz. Dieser Mann ist lange querfelbein gelaufen. Es muß etwas mit der Grenze (ein, denkt Karola.
(Fortsetzung folgt!)


