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Nr. 106 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Z./8.maH958

Der Wettbewerb für ein HI.-Heim in Gießen.

Aus der Stadl Gießen.

Lebensfreude.

Als Dieter vor knapp zwei Jahren das Licht der Welt erblickte, half er damit zugleich die Geburten­statistik einer Großstadt verbessern. Anderseits wur­zelt sein Stammbaum noch lebendig in der basal­tischen Verwitterungskrume des oberhessischen Rau­mes, ja, er kann sogar noch eine Ur-Oma im alt- angestammten Bauernhof vorweisen. Dementsprechend wächst er als strammer, erbgesunder Bursche in die Zukunft hinein, und traditionsbewyßt ist ihm seine Mutti dabei behilflich, zumal auch er ihr bei ihrer Hausarbeit schon mit Begeisterung ,chilst". Jeden Tag fährt sie ihn aus, sei es über den Asphalt zu Einkäufen oder zum Spielen und Son­nen zu den Kameraden in den nahen Park; bei schlechtem Wetter aber läßt er in der würdevollen Ruhe seiner runden Backen und blauen Augen sein Gummicape von der Höhe einer spitzen Kapuze über die Schultern in faltenreichem Wurf zum Fahrstühlchen herabwallen. Aber immerhin, er ist Großstädter: Die Spielecke ausgespart, die Häuser hoch, die Straße gefährlich, und der Sonne will nachgegangen sein.

Run war er nach dem langen Winter zu seinem Frühlingsbesuch bei uns auf dem Lande. Hier ist Raum, Luft und Licht in Fülle; Stube, Hof und Garten eine einzige, durch Stufen belebte Spiel­fläche, offen zu immer neuen Entdeckungsfahrten, wie innerer Sammlung am Sandkasten. Und Mutti brauchte nicht immer hinter ihm her zu sein, beide erholten sich voneinander, wenn auch selbst­verständlich immer durch Fernruf gegenseitig er­reichbar zu heilerem Zwischenspiel oder erlösender Nothilfe. Mit verhaltenem Atem und klopfenden Herzen sahen wir, wie er immer mehr auftaute undfrecher" wurde, hemmungsloser umhertollte, waghalsiger die Stufen auf- und niederstieg, sich an den Türklinken selbständig machte und alle möglichen Gegenstände erkletterte. Oft war es schwer, zu sagen, wer hier am meisten wagte! Mit immer neuen Nummern" seiner Gebrauchsakrobatik hatten wir alle viel Spaß. Zu einer Glanznummer gestaltete er seinen Angriff auf den kleinen Handwagen im Hof. Von hinten her schob er zwischen den Leitern seinen Oberkörper auf das Tragbrett vor, stemmte das rechte Knie nach, zog sich mit beiden Händchen am Querholz außen hoch, schwang das rechte Bein über und nun waren die Beinchen auf einmal zu kurz: rittlings hing er in der Luft! Quiekend und schnaufend und tastend nach Gleichgewicht griff er instinktiv nach dem linken Leithölz und schwang sich in das Innere des Wägelchens, laut lachend und in die Hände klatschend im Hochgefühl des sieghaften Augenblicks, ein Sinnbild reinen und ursprünglichsten Erlebens einer eignen Leistung der ewigen Quelle echter Lebenssteude.

Vor einigen Tagen reiste er wieder ab in die Großstadt. Auf baldiges Wiederfreuen! R. B.

Polizeistunde beacbten!

Der Reichsführer ff und Chef der deutschen Po­lizei hat in einem Runderlaß an sämtliche Polizei­behörden mitgeteilt, es werde darüber geklagt, daß in vielen Orten die Polizeistunde der Gaststätten erheblich überschritten werde. Im Hinblick darauf bringt der Reichsführer ff und Chef der deutschen Polizei allen Polizeibehörden erneut die Bestim­mungen über die Polizeistunde in Erinnerung und ersucht die Polizeibehörden, die genaue Innehaltung dieser Bestimmungen sorgfältig zu überwachen Aus diefem Erlaß geht hervor, daß die Polizei von ihrer obersten Dienststelle die strikte und klare Anweisung hat, auf die Einhaltung der Polizeistunde zu sehen Im Interesse der guten Beziehungen zwischen den Volksgenossen und der Polizeibehörde muß dem Wunsche Ausdruck gegeben werden, daß alle Volks­genossen von sich aus stets darauf bedacht sein mö­gen, die Polizeistunde innezuhalten und dadurch den Polizeibeamten die Erfüllung ihrer Dienst­pflicht zu erleichtern. _______________________________

Am vorigen Dienstag war wie wir in unserer Ausgabe vom Mittwoch, 4. Mai, berichteten das Preisgericht für den Wettbewerb zur Er­langung von Entwürfen für ein HI.- H e i m in Gießen mit der Prüfung der einge- gangenen 120 Entwürfe beschäftigt.

Das (Ergebnis der Bewertung ging dahin: 1. Preis Architekt Karl Müller (Offenbach am Main); 2. Preis Regierungsbaumeister Heinrich Ebert (Berlin-Charlottenburg)-, 3. Preis Archi­tekt Georg W e l l h a u s e n (Altona).

Die Arbeit des Preisgerichts war außerordentlich schwierig. Schon bei der ersten Sichtung der Ent­würfe fiel eine große Anzahl Arbeiten wegen grober architektonischer und städtebaulicher Mängel aus. Bei der folgenden Bewertung der verbleiben­den Arbeiten waren insbesondere die Geländever­hältnisse, die städtebaulichen Erfordernisse, die Ver­teilung der Baumassen und die architektonische Ge­samthaltung in den Vordergrund zu stellen. Beim dritten Rundgang wurden die Arbeiten insbesondere noch auf die architektonische Einzeldurchbildung und die Grundrißgestaltung geprüft. Auf diese mühe­volle Weise kam dann schließlich das Preisgericht zu seiner Entscheidung.

Der platz des HZ.-HeimS.

Für die Errichtung des HJ.-Heims ist der Höch st e Punkt des Seltersbergs, an der Kreuzung Wartweg-Fichtestraße, vorgesehen. Das ist das Gelände, "auf dem sich das gegenwärtige alte (zugleich erste) Studentenheim auf der Schönen Aussicht befindet. Dieses Grundstück gehört der Stadt. Die jetzigen Gebäude sollen abgerissen wer­den, um dadurch Raum für den neuen Bau zu gewinnen.

Welcher Entwurf zur Ausführung gelangt, ist bis jetzt noch nicht entschieden. Es kann also heute auch noch nicht vorausgesagt werden, zu welchem Zeit­punkt mit dem Bau begonnen werden wird. Man darf aber hoffen, daß die weiteren Schritte zur Er­richtung eines HJ.-Heimes mit aller Tatkraft er­folgen, um diese Aufgabe im Dienste unserer Jugend sobald als möglich zur Lösung zu bringen.

Besuch in der Ausstellung.

Die für den Wettbewerb eingereichten 120 Ent­würfe sind auf der Empore der Volkshalle in übersichtlicher Anordnung zur Besichtigung aus-

Zu dem bevorstehenden großen Soldaten- Treffen erfahren wir, daß bereits heute täg­lich weit über 100 Anmeldungen zur Teilnahme bei unserem Infanterie-Regi­ment 116 eiygehen. Hier einige kleine Ausschnitte aus den

alltäglichen Zuschriften

der verschiedensten Art, die an den Regimentskom­mandeur Oberst Herrlein gerichtet werden:

So schreibt eine Dame aus Essen:In der Zeitung las ich von der Wiedersehensfeier des In­fanterie-Regiments 116. Ich erlaube mir, dazu die herzlichsten Grüße zu senden. Im Kriege nahm ich oesonderen Anteil an Ihrem Regiment. In der .Liller Kriegszeitung« erschien ein Artikel von mir: .Aus der Heimat der dicken Bertas Durch diesen Artikel lernte ich meinen späteren Verlobten, den Unteroffizier Hermann Kersting, XVIII. Armeekorps, 25. Division, Jnf.-Rgt. 116, MG.-Kompanie kennen. Er siel an der Somme am 25. 9.1916. Er ist begra­ben auf dem Friedhof Maissemy-Vadencourt, De-

gefteüt. Die Ausstellung wird am heutigen Sams­tag eröffnet und bis zum 25. M a i täglich von 16 bis 18 Uhr zugänglich sein.

Wir hatten am heutigen Samstagoormittaa Ge­legenheit, unter Führung von Stadtbaurat G r a - oe r t einen Rundgang durch die Ausstellung zu machen. Dabei konnte man feststellen, daß in dem eingereichten Entwurfsmaterial eine Fülle von Ge­danken und ein überreiches Maß von Arbeitsfreude vorhanden ist. Die Wettbewerber haben in der vielfältigsten Weise versucht, beT Aufgabe zu ent­sprechen. Dor allem galt es dabei, der Lösung des Jdeeninhaltes eines HI. - Heimes mög­lichst nahezukommen und ihr in bestmöglicher Weise zu entsprechen. Von vornherein stand unter diesem Gesichtswinkel im Mittelpunkt der ganzen Arbeit die für das HI.-Heim charakteristische Gestaltung der Feier halle, die dem ganzen Bau ihr Ge­präge geben soll und muß. An dieser, beherrschen­den Verpflichtung der architektonischen Aufgabe sind die meisten Entwürfe gescheitert. Andere wieder konnten unter dem Gesichtspunkt der städtebaulichen ober der geländemäßigen Lösung nicht genügen.

- Der Entwurf mit dem ersten preis.

überragt wie in der Bewertung durch das Preisgericht gesagt wird durch seine einfache und eindeutige städtebauliche Lösung die übrigen Ar­beiten bei weitem. Die Verteilung der Massen ist als sehr gut zu bezeichnen, insbesondere die Lage des Feierbaues im Blickpunkt der Zugangs­straße von der Stadt aus (Wartweg). Letzterer ist als Bekrönung des höchsten Punktes im Gelände als besonders gelungen zu bezeichnen. Der Heim- bau und die Hausmeisterwohnung, sowie die Zwischenbauten umschließen einen großen Appell-Hos mit glücklichen Verhältnissen. Auch die übrige Gestaltung der Außenräume (Schar- Räume) mit Spielwiese und Heimgär - t e n ist ansprechend und leitet in der richtigen Weise in die Landschaft über. Der Grundriß zeigt eine hervorragend klare Lösung. Die künstlerische Ge­samthaltung zeigt bestes Niveau und entspricht int Ganzen der von der HI. gewünschten Baugesin­nung, ohne daß dabei alle Einzelheiten, wie z. B. die Fenster des Feierraumes und der Ausgang aus der Fahnenhalle, ihre letzte Lösung erfahren haben."

Auf dem höchsten Punkt des Geländes liegt der Feier-Raum. Auf der gegenüberliegenden

partement Aisne, 7 Kilometer nordwestlich St. Quen­tin, im Grab Nr. 14705. Ich sende Ihnen auf Post­scheck 5. RM. an eine mir anzugebende Adresse dort und bitte Sie dann zu veranlassen, daß dort in Gießen oder in Frankreich ein Kranz für den Gefallenen niedergelegt wird oder sonst eine Ehrung geschieht. Sie sind wohl so liebenswürdig, mir Nach­richt zu geben. Wo sind die Kameraden Ufsz. Rost, Götz, Gensheimer? Ich würde mich freuen, von ihnen zu hören. Heil Hitler!"

Ein ehemaliger 116er aus dem Kreise Dieburg schreibt u. a.:Sehr geehrter Herr Oberst! Gemäß Ihres Aufrufes zur 125jährigen Gründungsfeier des ruhmreichen Regiments darf ich Ihnen als alter gedienter 116er mitteilen, daß ich gerne wieder Ihrem Rufe folgen möchte. Ich habe gedient vom Jahre 19041906 in der 5. Kompanie unter Haupt­mann Kötschau, dem späteren Oberst. Auch mei­nen früheren Kompanie-Chef deckt schon wie man­chen tapferen Offizier der grüne Rasen. Den Krieg habe ich bet dem 4. Garde-Regiment z. F 1. Garde- Jnfanterie-Division mitgemacht. Unser Regiments-

Seite befindet sich die Wohnung des Hausmeisters mit anschließenden zwei offenen Hallen. Diese beiden Bauten werden durch den ein­geschossigen Längsbau der Schar- Räume verbunden. Die Gliederung - der drei Baukörper ermöglicht eine geschlossene Hos - g e fta 11 u n g und faßt das Ganze so glücklich zu­sammen, daß der gegebene A p p e l l p l a tz ent­steht.

Nordöstlich, hinter dem Bau mit den Schar-Räu­men, liegt die S-p ielwiese mit dem Zugang vom Heim durch die Eingangshalle. An der Seite hinter dem Feierraum-Gebäude liegt der Heim- garten der HI. mit Brunnenanlage. Auf der gegenüberliegenden Seite, im Anschluß an die Woh­nung des Hausmeisters und hinter den offenen Hal­len, liegt der H e i m g a r t e n des B D M. mit einem anschließenden kleinen Botanischen Garten.

Das Feier-Raum-Gebäude birgt eine 8,75 Meter hohe Halle mit hochliegenden Rund-

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fenstern. In der Halle befindet sich ein Fahnen» raum, der fünf Stufen höher als der Fußboden des Feier-Raumes podestartig gestaltet ist. Diese Ge­staltung soll in feiner Form den monumentalen Ge­danken des frühen Kirchenbaues zum Ausdruck brin­gen und damit den feierlichen Charakter des Ge­bäudes besonders betonen.

Im Ganzen kommt der Entwurf des ersten Preises der architektonischen Gestaltung des neuen Baugedankens eines H I. - H e i m e s am nächsten. Obwohl er keine neuen Formenmittel ver­wendet, bringt er aber doch eine architektonische Grundhaltung, die den Charakter des Baues typisch gestaltet.

Neben dem erften Preis verdienen natürlich auch die mit dem zweiten und dem dritten Preis aus­gezeichneten Arbeiten, nicht minder die übrigen Ent­würfe die wohlverdiente Aufmerksamkeit und volle Wertschätzung der Besucher.

Die Ausstellung kann allen Volksgenossen zum Besuch nur empfohlen werden. 6.

kommandeur war der Oberst Reinhardt, der heutige Generalmajor und ff - Obergruppenführer. Unser Divisionskommandeur war Prinz Eitel Friedrich von Preußen, ein tapferer Offizier. General Rein­hardt ist auch heute wieder mein Führer im Reichs- kriegerdund. Durch die Teilnahme an 83 Gefechten und Schlachten habe ich mir 4 Kriegsauszeichnun­gen erworben. Außerdem darf ich Ihnen mitteilen, daß ich 16 Monate als Gefechts-Ordonnanz im Stabe des Regiments meine Pflicht für das Vater­land getan habe. Sehr geehrter Herr Oberst, nur möchte ich Sie um eines bitten, wenn es in Ihrer Möglichkeit liegt, um Vermittlung eines Freiguar­tiers. Vielleicht darf ich Ihnen zum Dank dafür als alter Frontkämpfer in Gießen die Hand drücken. Heil Hitler!"

Aus Deutschwehr in Schlesien schreiben die Kinder eines Gefallenen:Wie aus einer kurzen Zeitungsnotiz der hiesigen .Schlesischen Tageszei­tung^ vom 17. April zu lesen steht, begeht das Re­giment vom 18. bis 20. Juni d. I. seinen Regiments­tag. Da unser Vater Karl Müller am 22.8.1918

Oer446er-Aufmarscham48.bis20.Luniin Gießen.

Letzi bereits Maffenanmeldungen!

Gießener Stadttheater.

CharlotteRitzmann:Versprich rnirnichts!"

Das Stück ist, wie man vor etlicher Heil hören konnte, auf eine merkwürdige Weife zustande ge­kommen, auf eine Art, die in der Barockliteratur noch durchaus üblich war, heute aber einigermaßen aus der Mode gekommen ist: auf Bestellung näm­lich. Das Berliner Staatstheater gab, wie damals berichtet wurde, um einem offenbaren Mangel ab­zuhelfen, einer kleinen Anzahl von Autoren den Auftrag zur Lieferung von Lustspielen. Eines davon hieß: ..Versprich mir nichts!" Es erschien zuerst am Staatstheater, wurde bald darauf verfilmt und als Film ein außerordentlicher Erfolg. Manche werden sich daran erinnern, und es ist lehrreich, beide For­men zu vergleichen.

Eine Maler- und Liebesgeschichte. Ein junges Ehepaar, Martin und Monika Pratt, in einem Rattenloch von Atelier. Ein böses Dasein. Der Mann ist ungewöhnlich begabt, kann wirklich etwas, malt immerzu, die ganze Bude hängt voller Bilder: die Frau hat früher auch mal gemalt, aber bloß so und nicht der Rede wert. Jetzt ist sie nur noch Frau Pratt, eine arme, kleine, tapfere Frau, d'e nichts hat als die Liebe zu ihrem Mann. Er ist ahnungslos, weltfremd und eigensinnig, kümmert sich um nichts als um feine Bilder. Ein großes Kind Die Frau sorgt für ihn und weiß am Ende nicht mehr, wie sie die Schulden bezahlen soll, die ihnen über den Kopf wachsen. Zuletzt sind sie knapp am Verhungern.

Das Schlimme ist, daß Martin sich weigert, feine Bilder zu verkaufen, weil er sie für noch nicht fertig hält, für nicht reif genug und nicht wert, bezahlt zu werben; zu Monikas Verzweiflung stößt er selbst freundliche und willige Besucher vor den Kopf, die Monika in ihrer Not ins Atelier geschleppt hat, und die etwas gekauft hätten, wenn Martin sich nicht unmöglich benähme. Hinterher ist er ganz erstaunt und begreift nicht, daß die kleine Frau nicht mehr aus und ein weiß.

*

Die Bilder sind signiert, wie es sich gehört: M. Pratt steht darauf, Martin Pratt, es könnte ja allerdings auch Monika Pratt heißen in der Ab­kürzung, und wenn etwa Monika die Signatur für die ihre ausgeben möchte, als ob sie das alles ge­malt hätte Martin hätte nichts dagegen. Und siehe, es geht auf einmal unwahrscheinlich gut, die

Künstler- und Liebesgeschichte entwickelt sich im Handumdrehen zu einer Schwindelgeschichte.M. Pratt" wird über Nacht berühmt, die Bilder gehen ab wie warme Semmeln, ... Erfolg, Ruhm, Geld, schöne Wohnung, bloß die Rollen sind vertauscht; Monika ist eine begehrte Künstlerin und Martin ist ihr etwas komischer, schrulliger, weltfremder Mann: ach, sie fühlen sich alle beide nicht wohl dabei, und als eines Tages M. Pratt für ihre (feine) Bilder den großen Staatspreis erhält und dazu einen herr­lichen Auftrag auf ein großes Freskogemälde da ist es aus.

Der Film hat dieses Motiv zu einer Reihe von entzückenden Szenen ausgebaut, die nicht nur heiter und menschlich sind, sondern auch zu einem der Kernpunkte des Komödienproblems vorstoßen. Dem Stück blieben diese Möglichkeiten versagt; aber der künstlerische Konflikt wird durch ein unsinniges Miß­verständnis zum Ehekonflikt verschärft, was beides erst ganz zuletzt sich klärt, als Martin, in das alte Rattenloch" zurückgekehrt, auf Monika wartet, die in aller Ratlosigkeit und Verwirrung des Herzens banongelaufen ist. Sie kommt auch wieder, natürlich kommt sie, und hier endlich finden sie in der Auf­lösung der vertrackten Signatur nicht Martin, nicht Monika, sondern Martin und Monika den eigentlichen schönen Sinn ihres Lebens.

Hier liegen auch Schlüssel- und Angelpunkt des Stückes, das vom Intendanten Schultze-Gries­heim in Szene gesetzt worden war. Die Ausfüh­rung stellte mit lebhaften Kontrasten die beiden Daseinsebenen nebeneinander, auf denen sich die Fabel entwickelt (atmosphärisch am dichtesten wirkte davon die von Herrn Löffler geschaffene Atelier­bude unterm Dach), und durchlief während der vier Akte alle Stadien und Nuancen luftspielhaften Theaters vom echten Komödienklang bis an die durch turbulente Verwirrung angefünbigte Grenze zum Schwank. Die reinste Wirkung entsprang ben stillen, klärenden und geklärten Szenen des letzten Aktes.

Hier gewann auch die Figur der Monika, Helga R e t s ch y , die Leuchtkraft und weibliche Gefühls­tiefe, die zu den menschlich wesentlichsten Beständen der Fabel gehört. Martins Erscheinung ist für jede schauspielerische Durchdringung zwar verlockend, aber auch mit Schwierigkeiten belastet: das ist ein unwahrscheinlicher, phantastisch eingesponnener Mensch, in manchen Augenblicken unbegreiflich. Herr Schorn nahm ihn mit lockerem Humor und brachte das kindlich-ahnungslose, sprunghaft-impul­

sive Wesen dieses Malers ungezwungen und fast felbstverständlich zum Vorschein.

*

Herr von Gschmeidler gab mit ruhiger, menschenkennerischer Ueberlegenheit den Kunsthänd­ler Felder; der Intendant war in letzter Minute (sehr gewandt) in der Rolle des Dr. Elk eingesprun­gen. Herr 23 o I cf und Ruth-Ines Eckermann gaben mit drastischen Pointen das parvenuhafte Ehepaar Brenkow. In kleineren Aufgaben zeich­neten sich die Herren Paschen und Kühne aus.

Die Aufführung fand sehr freundlichen Beifall. Im Foyer ist eine kleine Ausstellung von Lotte D r o e \ e zu sehen, lauter neue Arbeiten, soweit wir sehen konnten, mit einigen ausgezeichneten Porträts im Mittelpunkt. Hans Thyriot.

Antworten.

Von Waldemar Keller.

Man soll überall darauf achten, daß es hygienisch zugeht, nicht wahr? Aber manchmal ergeben sich unerwartete Schwierigkeiten.

Neulich sitz ich in der Straßenbahn, und mir gegenüber sitzt eine Dame mit einem kleinen Kind auf dem Schoß. Das Kind, rotbackig und lustig, hält in seinem Fäustchen Öen Fahrschein. Bedrucktes Papier ist unter keinen Umständen einer Zucker­stange gleichzusetzen. Erklärlicherweise kommen mir größte Bedenken, als ich sehe, wie das Kind den Fahrschein vergnügt in den Mund schiebt und daran lutscht.

Die Mutter scheint nichts zu bemerken. Sie guckt geistesabwesend zum Fenster hinaus, vielleicht über­legt sie etwas, Hausfrauen haben den Kopf voll. Ob ich die Dame darauf aufmerksam machen darf, daß ihr Kind ... ?

Ich zögere. Manche Menschen fühlen sich gekränkt, wenn sie in dieser Weise angesprochen werden; sie erkennen die Unachtsamkeit und fangen an zu schimpfen, aber immer auf den dritten, der es gut meinte.

Die Dame sieht nicht aus, als ob sie schimpfen würbe. Und außerdem ist das Kind dabei, das Papier langsam zu verzehren. Ich beuge mich höf­lich vor.

Verzeihen Sie, Ihr Kleines hat den Fahrschein im Mund."

Danke", sagt die Dame mit einem liebenswür­

digen Kopfnicken,aber es macht nichts, das ist nicht der richtige."

*

Die erheiterndste Antwort, die mir je zu Ohren gekommen, hörte ich einmal in Kopenhagen auf der Straße. Das war so:

Ein Herr geht still seines Wegs. Hinter ihm, in kleinem Abstand, läuft ein schwarzer Dackel. Ohne Aufenchalt trottet der Dackel hinter dem Herrn her.

In Kopenhagen müssen die Hunde im Stadtbezirk stets an der Leine geführt werden. Ein Polizei­beamter sicht den frei lausenden Dackel, folgt ihm eine Weile und spricht dann den vorausgehenden Herrn an.

Sie müssen den Hund an die Leine nehmen!" Nein, das muß ich absolut nicht", erwidert der Herr höchst gesetzwidrig, sein rundes gemütliches Gesicht jedoch zeigt nicht die Spur einer Aufregung.

Der Beamte wird streng.Sie sollten eigentlich die neuen Bestimmungen kennen! Jeder Hunde­besitzer hat fein Tier auf der Straße an der Leine zu führen."

Das weiß ich", sagt der gemütliche Herr,aber der Hund gehört mir nicht."

Er läuft andauernd hinter Ihnen her!" fährt der Polizist auf.

Der Herr nickt zustimmend.Sie sind auch hinter mir hergelaufen", lächelt er friedlich,und Sie wollen doch nicht im Ernst verlangen, daß ich Sie an die Leine nehmen soll."

Wie auf Kommando macht der schwarze Dackel kehrt, der Herr verabschiedet sich mit einem Gruß, und der Polizist tat das Vernünftigste, was er tun konnte, und grüßte wieder.

Zwölf Tage Deutschland das ist eine rich­tige Autoreise auf der großen Reichsautobahnschleife um das Herz Deutschlands, wie sie im Sommer 1939 möglich sein wird und bereits im Mai-Heft derneuen I i n i e" (Verlag Otto Reger, Leipzig, Preis 1 RM.) vorgeschlagen wird. Wer schon in ; diesem Jahr die Reiseroute befahren will und in Kauf nimmt, die noch nicht fertigen Abschnitte der RAB. auf den Landstraßen zu umfahren, der mag sich Entschädigung holen in den kleinen und ge­pflegten Hotels, die alsUeberrafchunaen am Wege" in entzückenden bunten Bildern jedes ro­mantische Reiseherz heranlocken. In der spani­schen Reitschu'«' in ^ien wird in schönen Photos die FrageWas sind Kapriolen?" geklärt. Mit Zelt und Fahrtenmesser möge man schließlich nach | dem Rezept von Friedrich Luft die silbernen Mond» ! nächte an einem menschenfernen Weiher erleben.