Ausgabe 
6.5.1938
 
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Nr. 105 Drittes Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für ©berufen)

Freitag, 6. IRai 1938

Aus der Stadt Gießen.

Oer Blick ins Grüne.

3a", sagte die Zimmervermietenn freundlich, während sie den Fensterflügel weit öffnete,und hier haben Sie den Blick ins Grüne. Ist er nicht herrlich?" Ich bin ein höflicher Mann, und deshalb nickte ich zu dieser Rede, obwohl ich nicht viel Herrliches an der Aussicht entdecken konnte. Das Gärtchen hinter dem Haus präsentierte sich vielmehr recht trostlos, wie Gärten in der unwirtlichen Jayreszeit eben aussehen. Denn das Gespräch fand im Winter statt, und daß ich schließlich das Zimmer nahm, hatte mit dem Garten so wenig zu tun, wie Mit der Laterne, die abends vor dem Hause brannte.

Mit dem Blick aus dem Fenster habe ich mich dann auch eine ganze Weile nicht beschäftigt. Ich öffnete das Fenster der Lust und nicht der Aussicht wegen. Und da der Frühling in diesem Jahre recht üble Manieren zeigte, bestand zunächst auch keinerlei Anlaß dazu. Bis dann Plötzlich eines Tages die Tatsache unumstößlich feststand, daß es hinter dem Hause zu grünen ayfing. An einem frühen Morgen machte ich diese Wahrnehmung und fand sie immer­hin bemerkenswert. So bemerkenswert jedenfalls, daß ich abends wieder hinschaute und mich für die Anzahl der Bäume im Garten zu interessieren begann.

Seit diesem Zeitpunkt hat es mir der Blick ins Grüne wahrhaftig angetan. Ich preise mich glücklich, daß ich diesen Vorzug genieße und bin der Zimmer­vermieterin nachträglich dankbar für ihren Hinweis der mir damals nebensächlich erschien. Das Haus, in dem ich wohne, ist eines jener Mtstsgebäude inmitten der Stadt, wie sie um die Jahrhundert­wende gebaut wurden. Aber in diesem Häusergewirr hat sich jenes Fleckchen Erde behauptet, das in diesen Tagen einen köstlichen Anblick gewährt.

Einige Kirschbäume wachsen da, ein alter Apfel­baum erhebt sich in der Mitte, zwei üppige Flieder­büsche postieren sich vor dem Eingang zu einer kleinen Laube, und längs des niedrigen Zaunes ranken ^ich Beerensträucher ohne Zahl. Die paar sauber geharkten Wege umgrenzen einige Rabatten, auf denen Blumen und Rhabarberblätter gedeihen, während nach dem Hause zu ein saftiges Rasenstück läuft. Im ganzen gewiß nicht viel, aber daß es in diesem Gärtchen grünt und blüht, das macht seinen bezaubernden Reiz aus. So oft" ich auch hinaus­schaue, immer kommt mir dieses schöne Bild blühen­der Erde entgegen, das zwischen den Häuserreihen ein rührendes Dasein führt.

Wir alle tragen irgendwie eine Sehnsucht nach der unverfälschten Natur, nach Wiesen und Feldern der freien Landschaft, nach dem Rauschen der Wäl­der mit uns herum. Und zweifellos ist es diese Sehnsucht, die uns so empfänglich macht für einen Mick ins Grüne. Deshalb ist es ein Glück für alle, die aus der. Enge ihrer Stadtwohnung in diesen Tagen hinausblicken können in das grünende Wun­der eines Gartens, und fei er auch noch so klein.

H. W Sch.

Vorrwtizen

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr.Versprich mir nichts". Gloria-Palast, Seltersweg:Olympia, Fest der Schönheit". Lichtspielhaus, Bahnhof­straße:Heiratsschwindler". Oberhessischer Kunst­verein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Aus­stellung.

Stadttheater Gießen.

Heute abend findet die Erstaufführung der neuen KomödieVersprich mir nichts" von Charlotte Riß- mann statt. Spielleitung Hermann Schultze-Gries­heim, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 30. Vorstellung der Freitag- Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

UraufführungDer Ritter" verschoben.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Infolge plötzlicher Erkrankung ist die für 8. Mai angesetzte UraufführungDer Ritter" von Georg Basner auf Sonntag, 15. Mai, verschoben worden.

Das Ringen um das SA.-Sportabzeichen erhält die Wehrkraft.

NSG. Der Bestand eines Volkes hängt in erster Linie davon ab, in welchem Maße es ficy wehrhaft erhält. Die schicksalsreiche deutsche Geschichte hat be­wiesen, daß immer dann ein Tiefstand der Nation zu verzeichnen war, wenn soldatische Tugenden verkannt ober sogar mißachtet wurden. Standen aber Männer an der Spitze dieses Volkes, die soldatisch dachten und ihr Volk in diesem Geiste erzogen, dann war zwangs­läufig die äußere und innere Freiheit des deutschen Volkes die Folge. Es waren immer Zeiten der äußer­sten Not, in denen das Neue und Starke erwachte und immer waren es der Ueberfluß und das behagliche und sorglose Leben, die zum Verfall führten. Von dem Geist eines Großen Friedrich blieb nach seinem Tode nur die Form, und sie mußte zerfallen, weil ihr der Inhalt fehlte. Mit den deutschen Befreiungs­kriegen gegen den Korsen erwachte wiederum die große Sehnsucht im deutschen Volke, um erneut kurze Zeit später von einem monarchistischen Staatssystem erdrückt zu werden.

Auf und ab ging das Schicksal des deutschen Vol­kes. Heute aber hat uns die Vorsehung einen Füh­rer geschenkt, der in weiser Voraussicht dieser Dinge nicht nur das deutsche Volk zur Freiheit geführt hat, sondern darüber hinaus alles daran fetzt, dem deut­schen Volke diese Freiheit zu erhalten und zu festigen. Das Ziel heißt heute nicht mehr Gleichberechtigung anderen Völkern gegenüber, sondern einen Vor­sprung von Jahrhunderten zu schaffen für den ewigen Bestand dieses Volkes. Aus dieser Geschichtserkennt­nis heraus schuf der Führer zur geistigen und körper­lichen Wehrhaftmachung des deutschen Volkes das SA.-Sportabzeichen und bestimmte zum Träger -dieses Abzeichens die SA. Nach dem Willen des Führers, der ein widerstandsfähiges und starkes Geschlecht für seine Ziele verlangt, wird der wehr­hafte und wehrwillige deutsche Volksgenosse nun neben seiner Dienstzeit bei der Wehrmacht durch die harte Schule der SA. gehen. In SA.-Sportab- zeichen-Gemeinschaften, die unter Führung von SA.-Führern stehen, bekommt der Volksgenosse, der bereit ist durch seinen persönlichen Einsatz der Ge­meinschaft ein Opfer zu bringen, das Wissen und Können und die Haltung anerzogen, die ihn körper­lich wehrhaft erhält und charakterlich und weltan­schaulich festigt. Die Ausbildungs- und Prüfungs­zeit in der SA.-Sportabzeichen-Gemeinschaft allein genügt aber insofern nicht den Zielen des Führers, weil die einmal erworbenen Eigenschaften nur allzu leicht durch das tägliche Leben auf die Dauer ver­loren gehen.

Um zu erreichen, daß die Wehrtüchtigkeit des deutschen Volkes bis in das hohe Alter erhalten bleibt, hat der Oberste SA.-Führer seinen Stabs­chef ermächtigt, alljährlich bestimmte Wiederholungs­übungen für den Träger des SA.-Sportabzeichens festzulegen. Um den Wert dieser Wiederholungs­übungen für die Wehrkraft des deutschen Volkes besonders zu betonen, hat der Führer weiter das Leistungsbuch für das SA.-Sportabzeichen zu einer Urkunde erhoben, die Aufschluß gibt über die körper­liche Leistungsfähigkeit und charakterlich weltan­schauliche Haltung des SA.-Sportabzeichen-Tragers. Das SA.-Sportabzeichen muß also von seinem Träger durch diese Wiederholungsübungen jährlich immer wieder erneut erworben werden. Der Termin für diese Wiederholungsübungen wird jeweils vom Stabschef durch Presse, Rundfunk und Anschlag be­kanntgegeben, so daß bei Nichtbeachtung dieser Uebung das SA.-Sportabzeichen dem Träger durch die SA. mit Recht entzogen wird. Regelmäßige Streifen der SA. werden weiterhin dafür sorgen, daß nur derjenige Volksgenosse Träger dieses Ab­zeichens bleibt, der durch feinen wiederholten Ein­satz sich das Recht zum Tragen des SA.-Sport­abzeichens erworben hat und dies durch die Ur­kunde jederzeit beweisen kann.

Die Wiederholungsübungen selbst stellen nur jeweils einen Ausschnitt aus der Leistungsprüfung für den Erwerb des SA.-Sportabzeichens dar, fo daß tatsächlich jeder SA.-Sportabzeichenbesitzer sich

diesen Uebungen unterziehen kann, ohne Gefahr zu laufen, daß ihm das Abzeichen wieder entzogen wird. Das SA.-Sportabzeichen verpflichtet aber feinen Träger nicht nur zur Ableistung der be­stimmten Wiederholungsübungen, sondern darüber hinaus selbstverständlich auch zu einer national­sozialistischen Grundsätzen entsprechenden sittlichen Lebensführung. Wer also gegen nationalsozialistische Grundsätze verstößt, hat gleichzeitig mit dem Ver­lust des SA.-Sportabzeichens und der Urkunde rechnen.

Durch diesen Erziehungsauftrag der SA., der sich mit seinen Forderungen an den kämpferisch-gesunden

Teil des deutschen Volkes wendet, wird eine Aus« gäbe gelöst werden, die für die Zukunft Deutsch­lands mitbestimmend ist. Der SA.-Sportabzeichen« träger ist der sichtbare Ausdruck für die Wehrbereit« schäft und Wehrkraft der Nation und wird das WortReserve hat Ruh" für die Zukunft in Deutschland unmöglich machen. Nicht die Ruhe, sondern der Kampf und das Opfer bestimmen das Schicksal eines Volkes. Die SA. wird ober mit dem SA.-Sportabzeichen dafür Sorge tragen, daß dieses Schicksal durch starke und gläubige Männer in Deutschland für alle Zukunft gesichert ist!

SA.-SporiabzeichenWer!

l.Wiederho!ungsübung am 8. Mai!

Am 8. Mai wird die 1. Wiederholungsübung, be­stehend aus einem 15-Kilometer-Marsch ohne Gepäck, mit einer Aufgabe aus der Gruppe III durchgeführt.

Es haben daran teilzunehmen: Alle SA.-Sport- abzeichenträger, sofern sie nicht der Wehrmacht, RAD., NSKK. und ff angehören. (Falls das 40. Lebensjahr überschritten ist, wird die Teilnahme freigestellt.)

Unentschuldigtes Fehlen zieht Entzug des SA.- Sportabzeichens nach sich. Entschuldigungen sind nur Krankheit und unverschiebbare Arbeit. Diese sind mit Belegen, d.h. ärztliches Attest bzw. Be­scheinigung des Betriebsführers, an die zuständige SA.-Dienftstelle bis zum 8. Mai einzureichen.

Am 8. Mai ist mitzubringen: Leifttmgsbuch, Be­sitzzeugnis, 50 Pfennig für Urkunde bzw. Einzcch- lungsbescheimgung.

Es haben anzutreten um 7.15 Uhr am 8. Mai alle in Frage kommenden SA.-Sport- abzeichenträger.

Standort Gießen (mit Wiefeck, Heuchelheim und Klein-Linden) im Hofe der Standarte 116 (Marschgruppe I, Führer Sthptf. Bender).

Sturmgebiet 12/116, 13/116, 44/116 und 45/116 in Großen - Linden, Hof Neue Schule (Marschgruppe II, Führer Sturmführer Nopora).

Sturmgebiet 21/116, 23/116 und 26/116 in Lich, Marktplatz (Marschgruppe III, Führer Sturmführer Erb).

Sturmgebiet 22/116 und 25/116 in Hungen an der Turnhalle (Marschgruppe IV, Führer Sturm­führer Koch).

Sturmgebiet 24/116 in Laubach, Marktplatz (Marschgruppe V, Führer Obertruppführer Haas).

Sturmgebiet 3/116 und 6/116 in Grünberg, Marktplatz (Marschgruppe VI, Führer Obersturm- sichrer D a p p e r ).

Sturmgebiet 4/116, 7/116 und 15/116 in Bers­rod, Adolf-Hitler-Platz (Marschgruppe VII Führer Sturmführer Heintz).

Sturmgebiet 5/116 und 1/116 (5/116 soweit im Sturmgebiet 1'116) in Allendorf a. d. Lda., Marktstraße (Marschgruppe' VIII, Führer Sturm­bannführer Faulstich ).

Sturmgebiet 2/116 und 5/116 (5/116 soweit im Sturmgebiet 2/116 in. Lollar am Postamt (Marschgruppe IX, Führer Obersturmf. Spehrer).

Gießener Studenten als Reichsbeste im Reichsberufswettkamp?.

Im dritten Reichsberufswettkampf der Deutschen Studenten hat Gießen in aller Stille einen großen Sieg errungen. Die volkswirtschaftliche Fachschaft wurde mit ihrer Wettkampfarbeit in der SparteNationalsozialistische Wirtschaftspolitik" als Reichs beste ausgezeichnet. Für unsere Lud­wigs-Universität ein schöner und in seiner Art erst­maliger Erfolg. Denn es bezeugt den vorwärts­drängenden Geist, der an unserer Universität herrscht, daß diese Reichsbestleistung mit einer Problern­stellung erreicht wurde, an der sich die Besten die Köpfe zerbrachen, bis der Führer selbst sie für alle Zeiten löste. Das Thema der volkswirtschaft­lichen Fachschaftsarbeit lautete nämlich:Unter­suchungen über die Ausbaumöglichkeiten der deutsch- österreichischen Wirtschaftsbeziehungen auf Grund einer Fachfchaftsfahrt nach Oesterreich im Sornrner- femefter 1937".

Die Fachschaft hatte nach dieser Fahrt, über die wir vor bald einem Jahr berichteten, beschlossen, ihre unmittelbaren Eindrücke, die dank der Förde­rung der hessischen Landesregierung durch eine wei­tere' Studienfahrt des Mannschaftsführers ergänzt werden konnte, in einer Gemeinschaftsarbeit für den Neichsberufswettkampf zu verwerten. In guter Kameradschaft gingen nun im Wintersemester am Institut für 'Wirtschaftswissenschaft der österreichische Mannschaftsführer Dr. Oskar Ge­

lt n e k und zwölf altreichsdeutsche Studenten an die Untersuchungen" heran, aus denen schließlich zwei stattliche Bände von 360 Seiten mit zahlreichen Lichtbildern, Diagrammen und Statistiken wurden.

Durch die einzigartige geschichtliche Entwicklung der letzten acht Wochen haben die darin u. a. ent­haltenen Vorschläge zur Ausgestaltung der deutsch- österreichischen Wirtschaftsbeziehungen heute nur theoretisches Interesse. Die umfangreichen Vorarbei­ten, mit denen diese Vorschläge unterbaut wurden, haben dagegen auch heute noch praktischen Wert; ja mehr denn je interessieren gerade heute die Ver­gleiche der österreichischen Wirtschaft mit der alt- reichsdeutschen. Ebenso ist es für die gegenwärtige wirtschaftliche Eingliederung Oesterreichs unerläßlich, die vorhergegangene Entwicklung des Handels-, Fracht- und Reiseverkehrs zwischen dem Altreich und Oesterreich zu kennen. Die Schilderung des Bemü-

Wenns draussen schöner wird warum nicht auch drinnen

Hausfrau^, denkt darum früh genug an

fam MU

PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE . NEUSS

Fäden hin und her.

Zfioman von Ledda Westenberger.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

15 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

12. Tante Martha blinkert vergeblich, und eineKatze läuft über i)en Weg.

Monika und Walter Lenzsch haben gerade auf­gehört, zu spielen, da schlägt draußen auf der Diele die große Standuhr dröhnend elf, und zugleich klingelt nebenan im Zimmer die Biedermeieruhr ihre elf raschen Schläge herunter. Von weither mischt sich der tönende Baß der Kirchenuhr da­zwischen.

Tante Martha legt das S-trickzeug zusammen und sagt halblaut:

So, Kinder. Schlafenszeit."

Aber während Walter Lenzsch gehorsam seine Geige einpackt, zieht Monika noch einmal neue Noten hervor und beginnt leise ein Notturno von Chopin. Und niemand wendet etwas ein, nicht ein­mal der Vater, der sonst am energischsten darauf pocht, daß Punkt elf Uhr zu Bett gegangen wird.

Tante Martha schaut den Doktor Hammerbacher erwartungsvoll an: Nanu, fährt er nicht dazwi­schen? Nimmt er nicht Monika einfach die Noten weg, wie schon so oft, wenn Monika ihren Kops durchsetzen wollte?

Nein, fein Gedanke!

Weiß der liebe Himmel, wo der Doktor Hammer­bacher in dieser Minute seine Gedanken hat! Er fitzt da, in feinem altgewohnten Klub fessel, hat die lange Pfeife im Mund und starrt geistesabwesend die Zimmerdecke an. Ja, fast könnte man meinen, Monikas leises Klavierspiel sei ihm nicht unlieb. Oder tut er sich vielleicht um des Besuches willen auch mit dem Zubettgehen Zwang an?

Tante Martba betrachtet den Schwager forschend und besorgt: Wo er sich heute schon so viel Zwang hat antun müssen, der Arme! Noch immer läuft er in richtigen Lederstiefeln umher, noch immer hat er seinen grauen Rock nicht mit dem flauschigen Hausrock vertauscht; noch immer hat er die Weste nicht aufgeknöpft, wie er es sonst beim abendlichen Bier immer tut. Und deck Abendschoppen im Rat­hauskeller hat er auslassen müssen! Auf die Bridge­partie nach dem Kaffee hat er auch verzichtet. Ach, der Gute, der Arme! Aber lange jedoch kann das nicht fo weitergehen. Ganz plötzlich wird es ihm zu bunt werden, und dann Gnade Gott der ganzen

Familie und dem ahnungslosen Besuch! Aber warum eigentlich, warum tut er sich denn solchen Zwang an? Dies junge Fräulein Montwill wird wohl verstehen, daß ein alter Herr so eine gewisse Be­quemlichkeit braucht. Was ist denn auch dabei? Es hielt sich doch alles in Grenzen, und andere Männer Tante Martha weiß das genau andere Männer treiben es piel schlimmer. Die ziehen zu Hause sogar den Kragen aus und laufen im Schlafrock umher; jawohl, vom Herrn Tierarzt weiß es Tante Martha sogar ganz genau.

Ach, vielleicht könnte man doch mal die Sprache darauf bringen, fo beim Hinaufgehen ober beim Gutenachtsagen oben im Gang. Mit einem geschickten Wort läßt sich vielleicht der Bann brechen, und der gute Gottfried kann morgen wieder ganz in der alten Behaglichkeit leben.

Aber schau nur, schau, was für ein merkwürdiges Gesicht der Doktor jetzt macht! Was für nachdenk­liche Augen er hat, und wie sonderbar er jetzt zu Fräulein Montwill hinübersieht, hinter deren Sessel sich Lenzsch aufgebaut hat! Ach, dieser Lenzsch, er hat eine alberne Art, mit Fräulein Montwill zu reden. Warum macht er solche Fischaugen dazu? Und warum legt er den Kopf so sentimental schief? Und diese schreckliche Vertraulichkeit, wie er sich jetzt zu Fräulein Montwill hinunterbeugt, um ihr etwas zuzuflüstern. Tut man das überhaupt? Flüstert man, wenn andere anwesend sind?

Aha, aha, auch dem guten Gottfried scheint das nicht zu passen. Wenn er solche Augen macht wie jetzt eben, dann hat's geschellt, dann steht das Baro­meter auf S-turm. O weh, und wo er dem Lenzsch schon sowieso nicht so sehr grün ist!

Aber apronos, grün-sein es kann nicht zu­treffen, daß Gottfried den Lenzsch aus väterlicher Eifersucht nicht mag. Denn das muß man dem Lenzsch lassen: Monika gegenüber benimmt er sich tadellos, tadellos und absolut zurückhaltend. Hin­gegen hat er dieser Marga Montwill gegenüber, wie gesagt, eine Art...

Weiter kommt Tante Martha mit ihren Gedanken nicht. Denn in diesem Augenblick hört Momka mitten im Spiel auf, dreht ihren Klaoierstuhl in der Richtung, in der Marga sitzt, und sagt mit einem flüchtigen Blick über Lenzsch hin, der immer noch bei Marga steht etwas heiser:Ich glaube, es ist längst elf vorbei. Wollen wir nicht schlafen gehen?"

O ja, es ist lange elf vorbei", bestätigt Tante Martha und wickelt zum Zeichen ihrer Entschlossen­heit ihr S-trickzeug noch fester zusammen. Aber rote sie bann nach einem kleinen zögernben Abwarten aufftcht und, ihr S-trickzeug unter dem Arm, zum

Tisch hinttitt und die Gläser so ein klein bißchen zusammenrückt und den einen Aschenbecher in den anderen leert, um dann den zweiten im Kohlen- taften auszuschütten, kurzum, wie sie Miene macht, tätlich ihre Aufbruchsabsichten zu beweisen da sieht sie in lauter abweisende Gesichter.

Der Doktor auf feinem Stuhl zieht nur die Stirn ein wenig zusammen und rührt sich im übrigen nicht im geringsten. Lenzsch schaut auf die Uhr und wiegt den Kopf, als wolle er sagen: Gott, elf das ist ja noch gar keine Zeit. . Und Marga Montwill

Ja, in Marga Montwills Gesicht vermeint Tante Martha sogar so etwas wie verstecktes Staunen zu lesen: Gibt es denn das, daß man um elf Uhr schlafen geht?

, Und selbst Monika, die doch eben noch höchst­persönlich den Wunsch ausgesprochen hat, schlafen zu gehen, dreht jetzt ihren Stuhl wieder dem Flügel zu, neigt den Kopf zu dem jungen Doktor- hin, der inzwischen wieder zu chr getreten ist, und greift dabei erneut mit ihren hübschen Händen in die Tasten.

Tante Martha ist ratlos, wirklich ratlos.

Soll ich vielleicht allein gehen?

Will man vielleicht daß ist sie vielleicht nicht erwünscht? Wollen diese vier jungen Leute ach so, nein, das kann nicht sein, denn wenn es darum ginge, die Jugend unter sich zu lassen, so müßte doch auch Gottfried ausstehen und gehen.

Ich werde ihm mal zublinkern, denkt Tante Martha.

Aber siehe da, der Doktor blinkert nur fröhlich zurück und rührt sich noch immer nicht.

Tante Martha fängt leise an zu kochen: Ja, soll sie vielleicht noch drei S-tunden hier s-tehen und darauf warten, daß die anderen auch aufbrechen?

Da dehnt sich plötzlich Marga Montwill behaglich in ihrem Sessel und schaut lächelnd reihum und sagt versonnen:Jetzt müßte man noch "in Viertelstünd­chen laufen. So durch ein paar Gassen, bis zum Marktplatz. Es ist doch Vollmond heute. Hat jemand Lust, mitzug^hen?"

Eine kurz-' Stille entsteht. Monika setzt im Spiel ab, Tante Martha läßt beide Hände auf den Tisch sinken.

Ich", sagt dann laut der Doktor Hammerbacher und steht auch schon auf, um die Pfeife beifeite- zulegen.

Ich auch", sagt Lenzsch und will rasch die Noten zusammmschieben, die auf dem Flüael umherliegen, während Monika ihre Hände nr - auf die Tasten fallen läßt, aus ih'-em Notturni cn wilde Rbav- sodie macht und so laut fpielt, daß der Doktor

Hammerbacher ganz dicht an Lenzsch herantreten muß, um ihm klarzumachen, daß der liebe Kollege sich, danke schön, nicht weiter um Fräulein Mont- will zu bemühen braucht. Er selber, Hammerbacher, wird selbstverständlich Fräulein Marga auf ihrem kurzen Gang begleiten!

Aber ich ginge doch sehr gern noch ein Stück", wendet Lenzsch ein,und Sie, verehrter Herr Dok­tor, sind doch gewohnt, um elf Uhr schlafen zu gehen, und wir möchten Sie doch nicht gerne ftö..."

Aber Doktor Hammerbacher zerklopft dem jungen Kollegen buchstäblich das letzte Wort auf der Schul­ter und dreht ihn energisch zum Flügel hin und lacht dröhnend. Papperlapapp, von wegen Gewohn­heit, um elf schlafen zu gehen, woher weiß er das so genau, der Herr Kollege? Uebrigens tut hier jeder, was ihm Spaß macht, und dem jungen Doktor macht das Musizieren Spaß, jawohl, keine Widerrede. Und jetzt wird frisch weitermusiziert, Monika, mein Kind, liebe noch mal das Haydn- Konzert mit dem Doktor. Uebung macht den Meister, und so ganz hat's vorhin noch nicht geklappt. Wie? Ach wo, Quatsch mit Tunke, von wegen Nachbars stören. Unsere Nachbars sind nette Leute, und der Garten liegt dazwischen; die hören also bestimmt nichts. So, jetzt kein langes Gerede mehr! Noch mal raus mit der Geige, verehrter junger Kollege! Und du, Tante Marthchen, steh nicht so dumm herum. Geh schlafen, wenn du müde bist. Hier tut jeder, was er will, jawohl, jeder, was er will!

Und unter den Klängen des rhapsodisch gespielten Notturnos geleitet der Doktor Hammerbacher das Fräulein Montwill zur Tür hinaus und Hilst ihr galant in den Mantel und pfeift dem Hund und kriecht selbst in den Paletot und hat es auf ein­mal furchtbar eilig, zur Tür hinauszukommen.

Aber an der Tür steht Tante Martha und hebt klagend die kleinen Händchen.Aber, Gottfried, ich vers-teh' dich wirklich nicht! Ich will schlafen gehen, und die beiden jungen Leute da brinnen sollen sich selbst überlassen bleiben? Aber, Gottfried! Seit wann hast du fo eine lasche Eins-tellung zur Moral, lieber Gottfried. Ich bin ja auch nicht prüde, aber nachts um zwölf Uhr zwei junge Leute sich selbst überlassen, in einem Zimmer, wo die Läden her­unter sind und niemand sonst Nahe?

Nein, Gottfried? Und wenn ijj mir S-täbchen in die Augen schieben müßte, bjmit ich wach bleibe ich bleibe wach!"

Und nach einem* tiefes Atemholen, flüsternd: ..Und wo dir der Dokthr Lenzsch sowieso nicht sympathisch ist, da wirst ihn doch nicht ausge- "echnet mit deiner einzigen Tochter allein lassen, Gottfriedl" i (Fortsetzung folgt)