Einzelbild herunterladen

Mr den Büchertisch.

Biographische Romane.

Arnold Ulitz: Der Gaukler von London. Das Leben des Daniel Defoe. Roman. Preis brcftch. 5,20 Mark, in Leinen gebunden 6,80 Mark. Verlag W. G. Korn, Breslau. (278) In diesen Tagen sind 250 Jahre vergangen, feit- 6em dieglorious revolution den letzten Stuart- König vom Thron segle und mit Wilhelm dem Dränier eine neue Aera der Englischen Geschichte onbrach. Daniel Desoe, gemeinhin nur bekannt als Verfasser des unsterblichenRobinson Crusoe", hat das moderne England aus der Taufe heben helfen. Dieser Londoner Strumpfhändler war ein durch und durch politischer Mensch, der als Dissenter in dem Streit zwischen dem starrköpfigen Jacob III. und dem sich gegen eine katholische Restauration zur Wehr setzenden englischen Volk leidenschaftlich Par- tei ergriff, erst als Mitläufer des unter dem Hen­kerbeil endenden Herzogs von Monmouth, dann als politischer Agent des Oraniers, der Beruf und Fa­milie, Leib und Leben einsetzte, um mit der Kraft feiner Feder die Wendung heraufführen zu helfen, von der er sich Sicherung ber politischen und reli­giösen Freiheit versprach. Unter der Königin Anna bricht seine Passion an. Im Kerker von Newgate erlebt er die Vision seines Robinson Crusoe, aber erst in seinen letzten Lebensjahren soll es zur Nie­derschrift des Buches kommen, das seinen Namen unsterblich machen wird. Jahre tiefster seelischer Er- niä)rigung liegen dazwischen, Jahre, in denen er ge­zwungen wird, als bezahlter Skribent seine Bega­bung in den Dienst der jeweiligen Regierung zu stellen. Arnold Ulitz hat mit dichterischer In­tuition den Bruch im Charakter dieses genialen Mannes erfaßt, in dem Phantasie und Wirklichkeit miteinander rangen. Und er stellt ihn in ein Zeitbild von leuchtenden Farben, das die erregenden Mo­mente dieser Schicksalswende des britischen Volkes in scharfen Konturen zeichnet. Hier ist ein histori­scher Roman von einer Kraft der Einfühlung und Gestaltung, die uns eine ganze Epoche in dem Charakterbild eines interessanten Menschen packend nahezubringen weiß. Fr. W. Lange.

Joseph Handl: Klei st. Spiegelbild einer Seele. Roman. 269 Seiten. Brosch. 4 Mk., Seinen 5,80 Mk. Verlag W. Scheuermann, Wien I. (315) Merkwürdiges Zusammentreffen: ungefähr zur gleichen Zeit wie MolosGeschichte einer Seele" erschien in Wien ein zweiter Kleist-Roman, dessen Titel, abermalige Duplizität der Ereignisse, ebenfalls an die vom Dichter vernichteten Dagebuch-Aufzeich- nungen anklingt. Auch bei Handl findet sich übrigens die Würzburger Bibliotheksgeschichte neben verein­zelten, als Zitate kenntlich gemachten Briefstellen,.so den berühmt gewordenen, verzweifelten Worten an Ulrike aus St. Omer, auf dem Wege nach Boulogne, vom 26. Oktober 1803. Handl hat aber für seinen Roman eine andere Konzeption gewählt als Molo: Die Rahmenhandlung, die das vorliegende Bild­nis der Seele Kleists umschließt, setzt in den Nacht­stunden des 20. November 1811 auf dem Zimmer Kleists beim Gastwirte Stimming am Wannsee bei Berlin ein. Sie endet in den frühen Morgenstun­den seines Todestages, den 21. November 1811 .. Was dazwischen liegt, ist der Versuch einer Rekon­struktion jener in der letzten Nacht vom Dichter ver­brannten Tagebuches. Die Aufzeichnungen alledern sich in Handls Fassung in drei große Abschnitte: Im Kampf um die innere Vollendung Im Kampf um Deutschlands Befreiung Tragisches Geheimnis. Das Ganze wirkt wie ein langer, leidenschaftlicher Monolog, der noch einmal die ent­scheidenden Stationen eines verlorenen, zu Ende gehenden Lebens ins Gedächtnis zurückruft: freilich ganz überwiegend in den Worten Handls, nicht Kleists; der Einsoll zeugt gewiß von Phantasie und Wagemut, aber er bedeutete zugleich doch so etwas wie den Versuch einer Nach- und Neuschöpfung der Niederschrift Kleists, ein Unternehmen, über dessen Voraussetzungen und Aussichten der junge Wiener Autor kaum in Zweifel gewesen fein kann. Auch feinen sehr ernstlichen Bemühungen um die Er- fenntnis einer der großartigsten Gestalten unserer Dichtung wird indessen die Anerkennung nicht ver- sagt bleiben. Hans Thynot.

Europäische Kunst.

21. E. Brinckmann: GeistderNotio- n e n. Italiener Franzosen Deutsche. 271 Seiten mit 60 Tafeln und 5 Textabbildungen. (Europa- Bibliothek, herausgegeben von Erich Brandenburg, Erich Rothacker, Friedrich Stieve, I. Tönnies.) Hoff­mann und Campe Verlag, Hamburg. (272) Der früher in Köln, jetzt in Frankfurt wirkende Kunst­historiker Professor D. A. E. Brinckmann legt mit seinemGeist der Nationen" ein sehr umfassendes, kluges und gelehrtes Buch vor, dessen Ziel, goni allgemein, in dem knappen Satz zusammengesaßt wird: sich verstehen, um sich zu verständigen. Eine ausgezeichnete Devise. Man kann das Werk eine auf die Grundlinien verkürzte, komprimierte Kunst­geschichte Europas ober der für die Entwicklung der europäischen Kunst maßgebenden Nationen nennen, das Besondere daran und das für Brinckmanns Ab­sichten Charakteristische ist der weltoffene Blick der Darstellung, die gleicherweise vom deutschen rote vom europäischen Standpunkt aus an die uberroalhgeiwe Fülle des Stoffes herangeht. Brinckmann wendet sich gegen die enge und einengende Methode eines kunst­wissenschaftlichen Spezialistentums: ihm kommt es auf die großen Linien, auf das Flutende einer breiten Entwicklung, auf das über die Grenzen hinaus Ge­meinsame an, auf den Austausch und die mancherlei Wechselwirkungen im Bereiche der Gelstesgescnichte und zumal im Raume der bildenden Künste durch die Jahrhunderte hin. So ließ sich das Buch im wesentlichen in zwei große Hauptabschnitte aufgne- dern: der erste ist überschriebenEntfaltung der Form" und umreißt im Ueberblid einige der ent- scheidenden Entwicklungsstadien: die romanische Pla­stik des 12. und 13. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland: die Entwicklung des Naturalismus im 14. Jahrhundert in Italien und Burgund; die Schaf- fung des Raumes im 15. Jahrhundert; das Problem des Barocks im 16. und 17. Jahrhundert; Einzig- artigfeit der deutschen Kunst im 18. Jahrhundert. Der Zweite, unter der UeberschriftGeist der Nationen , faßt, hierauf aufbauend, die drei Konstanten zusam­men, die national begründeten und ausgebildeten Wesensformen und Werte, die als Sinnlichkeit (Ita­lien), Rationalität (Frankreich) und Vergeistigung (Deutschland) umschrieben und, durchaus großzügig, gedeutet werden. Die Schlußadschnitte sehen die euro- päische Gemeinschaft inNehmen und Geben" und in DerIdeologie dreier Nationen" noch einmal im

großen Entwicklungs- und Wesenszusammenhang. Brinckmanns Darstellung, überlegen und geistvoll, Zeugt von einer außerordentlichen Detailkenntnis und Belesenheit (auch auf den nicht spezifisch kunst- geschichtlichen Rand- und Nachbargebieten). Sie er­öffnet eine Menge neuer Gesichtspunkte, Problem­stellungen und Anregungen und geht mit einer frei­mütigen Aufgeschlossenheit temperamentvoll an die Dinge heran. Das Buch ist freilich, auch für den gebildeten Laien, nicht leicht zu lesen; es setzt immer­hin beträchtliche Spezialkenntnisse voraus. Vorzüglich ist, großenteils nach Aufnahmen des Verfassers, das Bildmaterial, das neben bekannten auch eine ganze Reihe selten gezeigter Werke enthalt; es sind Stücke darunter, die nicht nur den Laien überraschen werden.

Hans Thyriot.

Europäische Künstlerbriefe. Be­kenntnisse zum Geist. Eingeleitet und herausgegeben von Gustav R. Hocke. 205 Seiten. Karl Rauch Verlag, Leipzig-Markkleeberg. (392) Goethes berühmte SentenzBilde Künstler! Rede nichts kann ange­sichts einer solchen Sammlung weder ihren ur­sprünglichen Sinn verlieren noch ein Unternehmen fragwürdig machen, dessen Wert durch manche Vor­läufer ähnlicher Art bekräftigt werden könnte: doch wird sich der Leser schon beim flüchtigen Blättern in diesenBekenntnissen zum Geiste" davon über­zeugen müssen, wie ungemein, oft überraschend, manchmal erschütternd, das gesprochene (oder ge­schriebene) Wort das gestaltete Bild zu vertiefen, zu erhellen, vom Menschlichen und Persönlichen her zu verdeutlichen oder zu bestätigen vermag. Die Sammlung hat sich die Aufgabe gestellt,einiges vom hervorragend Beispielhaften an Selbstzeugnissen

über Künstler, Kunstwerk und Schicksal des Künst­lers zu vereinigen ..." Diese Zeugnisse, vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammend und nach Natio­nen zusammengefaßt und gegliedert, vereinen Be­kanntes und Unbekanntes.Für die Aufnahme eines Textes mar bestimmend die Intensität der Aussage, soweit sie sich auf das ... Wesentliche beschränkt: auf die Selbstauffassung des Künstlers, seiner eigenen Arbeit, seines Verhältnisses zur Umwelt, seiner vom Schaffen her bedingten Not ..." Aus Deutschland finden wir da beispielsweise einen Brief des Ro­mantikers Philipp Otto Runge über die Elemente des Kunstwerkes, einen Brief Georg Büchners über Dantons Tod", Briefe von Grillparzer über Lyrik, von Hebbel über Goethes Gretchen und Klärchen, von Richard Wagner, von Nietzsche, von Stifter, von Marses ... Aus Frankreich: Delacroix über Malerei und Poesie, Monet über die Augenblicks­malerei ... Aus England sind u. a. Keats, Shelley, Elisabeth Barrett, Joseph Conrad und Galsworthy vertreten ... Ibsen schreibt an Björnson über eine Besprechung desPeer Gynt", Tschaikowsky über denVorgang des Komponierens", Verdi über mu­sikalische Inspiration und künstlerische Ueberzeugung, Pirandello (an seinen kriegsgefangenen Sohn) über seine Komödien und über den Segen der Arbeit, kein besseres Mittel gegen das Uebel dieser Welt" ... Das ist eine kleine Auswahl, die einen Begriff davon geben wird, was den Leser hier er­wartet. Der Herausgeber hat der Sammlung eine geistvolle Einführung mitgegeben. Die Quellenhin­weise zum Schluß bilden eine willkommene Ergän­zung. Hans Thyriot.

Wildente, Eisvogel und Libelle.

Erzählungen aus dem Tierleben der Heimat.

Der Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde, dessen volkstümlich naturkundliche Veröffentlichungen wir an dieser Stelle seit Jahren verfolgt und be­sprochen haben, legt drei neue schmucke Bildbücher vor, welche, inhaltlich voneinander verschieden, aus dem gleichen Grundgedanken heroorgegangen sind und die in den seither erschienenen Büchern des Verlages verwirklichten Bestrebungen auf eine an­ziehende und einleuchtende Weise fortführen: den Leser in gemeinverständlicher, aber wissenschaftlich einwandfreier und zuverlässiger Form im Sinne eines neuerwachten deutschen Naturgefühls und der vorn Staate ausdrücklich und liebevoll geförderten Natur- und Heimatschutzbewegung mit den vielfäl­tigen Erscheinungen des heimischen Tierlebens ver­traut zu machen, sind die drei neuen Erzählungen vorzüglich geeignet. Da haben wir zuerst die Ge­schichte einer Wildente. (E r p. Die Geschichte einer Wildente. Von Werner Hagen. 158 Seiten mit 12 künstlerischen Textzeichnungen. Leinenband mit mehrfarbigem Schutzumschlag 3 RM. [421]) Das ist ein richtiger kleiner Lebensroman aus der Voaelwelt, aber, wie sogleich hinzuaefügt werden muß, ohne romanhafte Phantasterei, biologisch stich­haltig, auch ohne fälschende und naturferne Ver­menschlichung. Gerade in ihrer Naturnähe und Na­turtreue ist die Geschichte der Wildente Erp überaus fesselnd, ja stellenweise dramatisch spannend, und der Leser wird das bewegte Leben des stattlichen bunten Wasiervogels, das wunderlicherweise in einem ver­lassenen Krähenhorst beginnt und im Feuer einer Wildschützenbüchse endet, mit tiefer Anteilnahme ver­folgen. Seltener und minder allgemein bekannt

als die Wildente ist der Eisvogel. (T i»i t. Die Ge­schichte eines Eisvogels. Von Kurt Knack. 157 Sei­ten mit 12 künstlerischen Textzeichnungen. Seinen» band mit mehrfarbigem Schutzumschlag 3 RM. 1419]) Ein ausgezeichneter Kenner hat das Leben dieses . kleinen, farbenprächtig gefieberten Fischers belauscht und überaus anschaulich nacherzählt: feinen Kampf ums Dafein und um den Nahrungsraum, feine Jagdzüge und feine Wohnungssuche, die Be­gegnung mit dem Menschen unddie dunkle Stunde", das Ende des Eisvogels in den mörderischen Fängen des Kauzes. Die dritte Tiergeschichte, eine an­mutige Erhellung geheimnisreich-sinnvoller Natur­vorgange, ist der Libelle gewidmet. (A g r i o n. Die Geschichte einer Libelle. Von Werner Heinen. 154 Seiten mit 24 künstlerischen Textzeichnungen. Leinen­band mit mehrfarbigem Schutzumschlag 3 RM. [420]) Hier wird in beschwingter Sprache, der doch nie die wissenschaftliche Genauigkeit mangelt, die sommerlich kurze Lebensgeschichte einer siloer- flügligen Wasserjungfer vor uns ausgebreitet, und auch diese Geschichte ist nicht allein lehrreich und zu mancherlei eigenen Entdeckungsfahrten und Natur- beobachtungen anregend, sondern auch so ereignis­reich und spannend, wie man es meist nur von menschlichen Biographien gewohnt ist. Allen drei Erzählungen gemeinsam ist die den Text anschaulich begleitende zeichnerische Bebilderung und die ebenso geschmackvolle wie gediegene verlegerische Ausstat­tung: die hübschen, schlanken Bände sind eine Zierde und Bereicherung für die Bibliothek des Natur­freundes. Hans Thyriot.

Napoleon und Talleyrand.

Emil Darb: Napoleon und Talley­rand. 520 Seiten mit 8 Abbildungen. Preis kart. 10,50 Mk., in Seinen 12 Mk. Verlaa Emil Roth, Gießen. (323) Talleyrand, der Außenminister Napoleons und in vieler Beziehung sein politischer Gegenspieler, verdient gewiß das lebhafte Interesse, das man ihm heute wie manch anderen hinter­gründigen Gestalten der Geschichte entgegenbringt. Die Haltung dieses Mannes, dessen viel verschlun­gener Lebensweg vom Bischof des ancien rägime zum Mitläufer der Revolution, zum ersten außen­politischen Ratgeber und Großwürdenträger des Kaiserreichs und schließlich wieder zum Diplomaten der Restauration, dessen in vielen Farben schillern­der Charakter, dessen Habsucht, Feilheit und ab­grundtiefe Unmoral selbst seinen an die Wandel­barkeit der Dinge gewöhnten Zeitgenossen ab­sonderlich und unheimlich erschienen waren, läßt sich erst im weitschauenden Rückblick an Hand der immer noch nicht erschöpften Quellen völlig klar­ieren und gerecht beurteilen. Darb, ein französischer Historiker, Dessen ausgezeichnetes, alle vorhandenen Dokumente sorgfältig prüfenbes Buch hier in einer von Dr. Willy Grabert besorgten beutschen Uebersetzung vorliegt, hat durch die ausgiebige Be­nutzung der soeben erschienenen Memoiren Caulain- courts, der als Großstallmeister ständiger Begleiter des Kaisers und in vielen Dingen sein Vertrauter war, für die Geschichte der schon psychologisch recht verwickelten Beziehungen Napoleons zu Talleyrand manch neue und interessante Gesichtspunkte aufge­deckt. Der Kaiser ist ein Mann, der, obwohl er Frankreich in beispiellosem Siegeszug auf den Zenit feines Ruhmes führt, sich immer mehr isoliert. Die französische Aristokratie, die der Kaiser an seinen Hof zieht, um ihm und seiner jungen Dynastie das Air der Tradition und Ebenbürtigkeit zu geben, hat wohl in Napoleon Öen Sieger über die Revolu­tion, den Wiederhersteller der Ordnung begrüßt, empfindet ihn aber mehr und mehr als unbequemen und gefährlichen Usurpator, dessen unstillbarer Machthunger vorn französischen Volke furchtbare Blutopfer fordert und dessen die europäische Ord­nung vernichtenden Kriege Frankreich der Rache der ganzen Welt aussetzen. Napoleon weiß, baß seine Eroberungspolitik an feinem eigenen Hof die erbittertsten Gegner hat. Er ahnt auch, baß Talley­rand, an Klugheit und Geist, aber auch an Skrupel­losigkeit allen weitaus überlegen, es nicht aufrichtig mit ihm meint, aber er weiß nichts von dem ver­räterisches Doppelspiel, das fein Außenminister und Großkammerherr ein volles Jahrzehnt hindurch zwischen ihm und den ausländischen Kabinetten treibt. Vielleicht liegt es in der Natur des Usur­pators, daß er nicht durch Vertrauen, sondern durch gemeinsame Schuld seine Günstlinge an sich zu inben sucht. Er braucht nicht Mitarbeiter, fonbern Kreaturen. So geht fein Streben bahin, rote Caulaincourt so auch Tolleyranb burch Verstrickung in das Verbrechen an dem Herzog von Enghien

vor ihren aristokrattschen Genossen bloßzustellen. So zwingt er Talleyrand, den ehemaligen Bischof, zu der ihm peinlichen Ehe, um ihm eine Versöh­nung mit dem Papst für immer zu versperren. So bestimmt er ihn in Valenxay zum Kerkermeister ber spanischen Bourbonen, um ihn vor den französischen Legitimisten und vor dem Ausland unmöglich zu machen. Talleyrands Rache für diese Erniedrigung ist der Verrat. Aber er greift zu dieser Waffe nicht aus persönlicher Rachsucht allein, nicht allein aus Habgier nach den BestechunasgeDern, die von Wien und St. Petersburg reichlich fliehen, sondern aus tiefer politischer Ueberzeugung, daß Frankreich wieder auf feinenatürlichen Grenzen" zurückge- führt werden müsse, wenn Napoleons Imperium nicht mit einer furchtbaren Katastrophe enden soll. Er hat diesen Standpunkt schon als Revolutionär und durch alle Wechselfälle der Politik hindurch mit tiferner Folgerichtigkeit vertreten. In allen Briefen, die. den Kaiser zu den vielen Siegen beglück­wünschen, kehrt immer die Wendung wieder, den Gedanken, daß jeder Sieg ein Schritt zum Frieden sein müsse, dem Kaiser nahezubringen. Erst als alle diese Versuche, den Kaiser zum Einlenken zu bewegen, vergebens sind, beginnt Talleyrand, Hand in Hand mit Metternich und Alexander von Ruß- land, auf den Sturz Napoleons hinzuarbeiten. Sicher gehörte zu biefent Dovpelspiel ein Mann von ber grenzenlosen Gewissenlosigkeit unb inneren Kälte eine-3 Talleyrand, aber er besaß auch die Schärfe des Verstandes unb ben politischen Weit­blick, bie Grenzen zu sehen, mit bereu lieber- schreiten Napoleon seiner Herrschaft selbst bas Grab schaufelte. Darbs feffelnbe Monographie arbeitet biefe Gedanken äußerst plastisch heraus. Sie darf auch vielleicht als ein interessantes Dokument für bie Beurteilung gewertet werden, die Napoleons strahlender Komet im heutigen Frankreich erfährt. Darb schreibt:In ber Erinnerung an das Erste Kaiserreich glaubt Europa bei ben Franzosen noch immer an einen Nationalismus, ber stets zum An­griff bereit ist. Bei ben Franzosen selbst hat bie Ungeheuerlichkeit des napoleonischen Genies ein Jahrhundert innerer Unruhe heraufgeführt unb ein solches Mißtrauen gegen bie Macht eines einzelnen erweckt, daß bie Autorität selbst in Gefahr geriet. Hat die furchtbare Hekatombe, die der Größe Napoleons geopfert wurde, unsere Rasse damals nicht fast zur Erschöpfung gebracht unb im 19. Jahrhunbert nicht unseren katastrophalen Vorsprung in bem Geburtenrückgang heraufbeschrooren?" Darb fügt biefen Gebauten noch ein Wort bes Marschalls Fach am Grabe bes Schlachtenkaisers hinzu,wich­tiger als der Krieg ist ber Friebe" unb sagt, baß Talleyrand als einer ber erstenEuropäer", ber erste ber großen Realpolitiker, Ansichten vertreten habe, bie heute noch von allen benen beachtet wer­den, denen es ernstlich um die Erhaltung des Friedens zu tun ist. Fr. W. Lange.

Floreniinisches Bilderbuch.

Rudolf Pestalozzi: Florenz. Kark. 4 Mark. F. Bruckmann KG. Verlag, München. (368) Ein Bilderbuch von Florenz, die Ausbeute einer Frühlingsreise mit der Leica. Der Verfasser gibt auf wenigen Seiten eine ganz knappe Einte i- tung, bie dem Jtalienreisenden im allgemeinen und dem Entdeckungsfahrer mit ber Kamera im beson­deren allerlei Anregungen und nützliche Hinweise vermittelt. Den Hauptteil des Bandes machen die Bilder aus, vorzügliche Aufnahmen eines geschulten und erfahrenen Photographen, der sein Handwerk versteht, künstlerischen Blick unb Spürsinn verrät. Da breitet sich bie zauberhafte Stadtlandschaft am Arno-User hin, da sind alle die Kostbarkeiten, die dem gebildeten Deutschen schon bei der ersten Nen­nung des Namens von Florenz gegenwärtig fein werden: Dom und Palazzo Vecchio, Uffizien und Pcftazzo Pitti, S. Maria Novella unb S. Croce, Dante-Denkmal unb S. Miniato. Aber neben ben Berühmtheiten, die niemand in Florenz übersehen wird, enthält das Buch auch abseits der breiten Be­sucherftraße liegende, überaus reizvolle Einzelheiten, von der Leica gleichsam nebenbei und im Vorüber, gehen eingefangen unb mitgenommen: Rosen und Majoliken, Strohhutmarkt und Antiquitätenstand, eine kleine Kutsche im Regen, einen Kinderschwarm, Ochsengespann, Eseltreiber unb einen mit Chianti- flaschen über unb über belabenen Karren. Solche Intimitäten ergänzen bas reiche Gesamtbilb, das sich unter dem Namen Florenz zusammensassen läßt, kaum weniger charaktervoll als etwa der Cam­panile, der Ponte Vecchio, der großartige Treppen­aufgang zu S. Miniato al Monte, die Hügel von Fiesoie und die lebhaft gewellte Landschaft der Tos­cana. Alles zusammen: ein Buch, das dem Leser Lust macht, feinen Koffer zu packen ...

Hans Thyriot.

Für unsere Kinder.

Hans im Glück. Ein Märchen ber Brüher Grimm. Mit bunten Bilbern von Willi Harwerth. Nr. 530 ber Insel-Bücherei. Preis geb. 0,80 Mark. Insel-Verlag, Leipzig. (338) Das Märchen von Hans im Glück, dem munteren Bur­schen, der ben Klumpen Gold gegen ein Pf erb ein­tauscht unb weitertauschenb zu Kuh, Schwein, Gans und Wetzstein kommt, bis er endlich auch ihn ver­liert unb allen Besitzes ledig zur Mutter heimkehrt das heiter-weise Märchen der Brüder Grimm erscheint uns, wenn wir es jetzt mit den Bildern Willi Harwerths empfangen, als tue es uns erst jetzt alle Schönheit kund'. Mit einfachen Linien unb zarten Farben hat ber Künstler ben kleinen Hans in feine Welt gestellt. Zu ben Bildern fügt sich ber Text in der Schreibschrift Rudolf Kochs, so aber, baß sich immer nur Bildseiten und Schriftseiten ge­trennt voneinander gegenüberstehen. Bei den ganz Kleinen wird dies auch im äußeren Gewand reizend ausgestattete Märchenbuch viel Freude des Be­trachtens wecken. Den Abc schützen wird es eine schwere Arbeit erleichtern. Unb viele Große werden wieder gern in die Schule gehen.

Paul Alverdes: Das Schlaftür­lein. Ein Märchen. Mit vielen mehrfarbigen Bil­dern von Beatrice Braun-Fock. In Halbleinen ge- bunben 2,80 Mark. Verlaa Albert Langen-Georg Müller, München. (270) Wie die reizende Geschichte vorn Männlein Mittentzwei, dessen böser Zauber ein zwar schmerzliches, aber wohlverdientes und für alle Kinder glückliches Ende fand, wird auch dieses neue Märchen von Paul Alverdes von jung und alt mit lautem Jubel begrüßt werden. Denn allzu gern will doch jeder einmal einen Blick durch das Schlaftürlein tun und das weite Reich kennen lernen, das voller Wunder unb Rätsel da­hinter verborgen liegt. Abend für Abend öffnet es sich den Kindern, wenn der Sandmann das Glöck­chen Sttllefein läutet unb sie nach fröhlichem Spiel zum Schlafe ruft. Dann kommen sie eilenbs ange- trappelt, und eines ums anbere sucht sich vergnüg­lich seinen liebsten Platz. Da ist der Schön-Träume« Saal mit ben Traumesbäumen, unter denen es sich herrlich schlafen läßt, während die Engelein eine feine Musik dazu machen und alle Träume wie durch Zauberschlag in Erfüllung gehen. Diese Mär­chenwelt, in der es so behaglich und luftig zugeht, wie es sich alle kleinen Kinder so recht von Herzen wünschen, könnte selbst in Wirklichkeit nicht schöner unb bunter sein als sie Beatrice Braun-Fock in ihren prächtigen Bilbern dargestellt hat. Sie sind ob ihrer heiteren Anmut unb ihrer drolligen Scherze verlockend genug, dieses köstliche Märchenbilderbuch klein unb groß zum guten Freunde zu machen.

Werner Bergengruen: Zwiesel, ch e n. Mit Bilbern von Marianne Scheel. Ganzl. 4,80 RM. K. Thienemanns Verlag, Stuttgart. (399) Es lohnt sich, bie Bekanntschaft Zwiesel» chens zu machen, biefes kleinen, aufgeweckten Jun­gen, über dessen Einfälle unb Abenteuer alle Kin» ber viel lachen werben. Mit seinem Onkel Sebastian darf Zwieselchen in den Zoo, wo ihm bie Tiere aus ihrer fernen Heimat erzählen. Zwieselchen lernt auch einen Osterhasen persönlich kennen, dem er eine heimliche Botschaft fenbet, bamit ihn ber böse Jäger nicht erschießt. Ein andermal bars Zwieselchen mit seiner Tante Marlene im Flugzeug ins Seebad reifen. Zuletzt sitzt bas Zwieselchen neben feiner Großmutter auf bem Sofa, und sie erzählt ihm von ihren Jugenberlebnissen mit dem spitzbübischen Zi- geunerjungen Turu-Me, mit bem zusammen sie Haus, Hof unb Felb durchstreifte.

Durch die weite Welt, Band 16, Na­tur, Sport, Technik. Mit einer großen mehrfarbigen Schautafel, rund 400 Textöübern, einer Flugzeug­bestimmungstabelle unb einem großen Preisaus­schreiben. Leinen RM. 5,60. Franckh'sche Verlags­buchhandlung, Stuttgart. (350)Durch bis weite Welt" so heißt bas große beutsche Jungen­buch. Liebe zur Heimat -mb Sehnen in lockende Fernen wird in dem Jungen geweckt; die Welt der Technik unb bes Sports und ber stillen Besinnung öffnet sich bem Jungenherzen; Ratgeber für ben Bastler, Wegweiser in bie Astronomie, Führer burch die Erbkunde unb Helfer bei Hunderten von luftigen Spielen und ernsten Beschäftigungen bas alles ist biefes Buch, in bem Hunberte von feinen Bil­bern unb fesselnde Texte miteinander wetteifern. Wir find in Oesterreich und Schanghai, wandern über Die Nibelungenstraße, besuchen Sven Hebin, gehen auf Fahrt unb Abenteuer und erleben Jungen­streiche unb Soldatenzeit.Durch bie weite Welt" ist eine Funbgrübe für jeden rechten Jungen; es erweitert Gesichtskreis unb Wissen, spornt die Ju­gend am Beispiel frischer Jungen unb Männer, bie etwas geleistet haben, zum Selbstbenken an, zum Seldstschaffen unb zu zielbewußtem Ausnützen ber Freizeit.

i