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Nr. 260 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

S./6. November 1958

Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte

Von Ernst von Niebelschüh.

Wenn die Erfahrung auch lehrt, daß Menschen, die sehr intensiv arbeiten, mit äußerst wenig Schlaf auskommen, so sollte man sich doch auf der anderen Seite davor hüten, aus solchen Be­obachtungen, die stets Ausnahmen von der Regel sind, zu weitgehende Schlüsse zu ziehen, vielmehr dem Schlaf sein von der Natur verbrieftes Recht, im Haushalt des Lebens als ein ständiges H e i l - und Erholungsmittel, also als eine Wohltat für den Menschen zu wirken, nicht ver­kürzen. Die unlängst in der Presse aufgetauchte und lebhaft diskutierte Frage, ob wir wirklich ein volles Drittel unseres Lebens verschlafen müssen, läßt sich schon darum nicht allgemein beantwor­ten, weil das Bedürfnis, zwischen absoluter Ruhe und angespannter Tätigkeit abzuwechseln, bei den Menschen ganz verschieden groß ist. An die von einigen Aerzten und Gelehrten vertretene Theo­rie, daß der Schlaf durchaus keine Naturnotwen­digkeit sei, glauben wir nicht, halten es im Ge­genteil für äußerst gefährlich, hier Normen auf­stellen zu wollen, die darauf hinauslaufen, die Schlafdauer auf ein Mindestmaß herabzudrucken, um damit den Zustand des Wachbewußtseins zu verlängern. Ein ungeheures Anwachsen der Nervo­sität wäre die sichere Folge, keineswegs also, wie man zu glauben scheint, eine allgemeine Vermeh­rung der Arbeitsleistung.

Was ist denn eigentlich der Schlaf? Shake- sveare nennt ihn einmalden Tod von jedem Lebenstag"; er ist der Kunstgriff der Natur, das Ichbewußtsein vorübergehend auszulöschen und da­durch den Organismus zu befähigen, aus einer Welt, die nicht die normale, uns irn* Wachzustand gegenwärtige ist, immer neue Kräfte zu schöpfen, ihn mit Hilfe dieses ständigen Wechselns vonTod" undWiedergeburt" am Leben zu erhalten. Jedes Erwachen am Morgen nach einer gut durchschlafe­nen Nacht ist mit dem erquickenden Gefühl einer inneren Säuberung, einer Art seelischen Auslüf­tung verbunden. Dieser harmonische Rhythmus zwi­schen Schlafen und Wachen ist ebenso notwendig und naturgewollt wie alle übrigen Span­nungen und Gegensätze in der Oekonomie des Le­bens, man mag sie nun Licht und Dunkel, Mann und Weib, Ein- und Ausatmen, warm und kalt oder sonstwie nennen; erst zusammen bilden sie em Ganzes, und jeder Versuch in dieses ge­sunde Ausgleichsoerhältnis willkürlich eingreisen zu wollen, bedeutet eine Störung der normalen Beziehungen. Nur eine gänzliche Unkenntnis der menschlichen Wesensart kann Theorien aushecken, die uns weismachen wollen, daß wir unrecht haben, wenn wirein Drittel unseres Lebens ver­schlafen".

*

In einem Zeitungsaufsatz über moderne Kin­derpsychologie lesen wir, das häufige Le­sen von Märchen oder anderen Phantasie­geschichten sei hauptsächlich schuld daran, wenn man bei kleinen Kindern, besonders den lebhaften und begabten, schon frühzeitig einen Hang zum Lüge n" beobachten könne. Eineseltsame Ver­wirrung der Begriffe" solle aus dieser gefähr­lichen Lektüre entstehen, womit also angedeutet zu werden scheint, daß man besser daran täte, dem Kinde das Märchen vorzuenthalten. O über diese grundgescheiten Erwachsenen, die da auf ihren psychologischen Steckenpferden in die reine und schöne Märchenwelt des Kindes einbrecher war­nend den dürren Dozentenfinger erheben und den Kindern, die in ihrer Art ja viel weiser sind als ihre superklugen Erzieher, das Beste, was sie haben, auch noch wegnehmen, wollen! Und das Beste sind gerade die Märchen, an deren Wirklichkeit zu glauben ebenso wenig eine Anleitung zum Lügen ist, wie das wirkliche, näm-

Das Haus Gottes.

Von Albrecht Schaeffer.

Drei Männer, deren einer von ritterlichem Aus­sehen war, der zweite einem weisen Magier gleich sah, und der dritte wie irgendein Mensch in ein­facher Kleidung, lagerten zusammen im Eingang eines großen, dunklen Waldes, wo sie zusammen­getroffen waren; ihre Wegzehr miteinander teilend, unterhielten sie sich bei der untergehenden Sonne von den Dingen, die sie in der Welt gesehen hatten; denn jeder von ihnen war in vielen Ländern und jensetts der Meere gewesen.

Der einfache Mann sagte: Wenn mir alles zu- sammenzählen, was jeder von uns in der -Welt ge­sehen hat, so haben wir zusammen die Welt ge­sehen ist es nicht so?

Die beiden andern stimmten ihm zu.

Also, wiederholte der Mann, haben wir zusammen die Welt gesehen, aber Gott hat keiner von uns gesehen. Was also fangen wir nunmehr an.

Der Kriegerische sagte: Wenn Gott gesehen werden könnte, so müßte er ja in der Welt wohnen.

Darauf sprach, noch ehe einer der andern beiden erwidern konnte, aus dem Walde hervor eine Stimme:

Ja, ich wohne hier.

Die Männer erschraken erst sehr; alsbald aber nahmen sie ohne Worte ihre Habe zusammen und drangen in den Wald ein.

Sie kamen erst nach Stunden der nächtigen Wan­derung auf eine Lichtung im Walde und erkannten dort im Schein des hochstehenden Mondes ein Haus, das, mit hohem Strohdach und großem Tor, em Bauernhaus war. Still und ohne Licht in einem der Fenster lag es da, auch erhielt ihr Anpochen keine Antwort; doch erwies sich das Tor als unverschlossen. Eintretend fanden sie sich in einem weiten Raum, kaum erhellt vom Schein eines Feuers, das weit hinten auf niedrigem Herde brannte. Die Stände für das Vieh zur Linken und Rechten waren leer, aber ihr Duft füllte frisch den Raum, mit dem von Heu und Getreide vermischt, der aus dem Dachboden niederwölkte, lieber dem Feuerherd hing ein Kessel, in dem es leise brodelte; und in seiner Nähe war ein schwerer, viereckiger Bauerntisch, von hölzernen Stühlen umgeben, und gedeckt mit vier irdenen, braunen Tellern an jeder Kante, dem Löffel daneben, einer größeren Schüssel inmitten, die leer war, einem weißen Brot und einer zinnernen Kanne voll roten Weines nebst vier zinnernen Bechern. Wesenhafte

lich bewußte Lügen (das die Erwachsenen viel bes- i !nncn) in einer der kindlichen Phantasie ver- glelchbaren schöpferischen Einbildungskraft seine Erklärung oder gar Entschuldigung findet. Man konnte dann dem Kinde ja auch das Spielzeug verbieten, das nicht weniger als das Märchen das kindliche Gemüt dazu anregt, sich über die realen Dinge völlig aus der Luft gegriffene Vorstellungen ?U-6.m?/C^en das können die Menschen nicht

leiden' Hölderlin in seinemHyperion" "das Göttliche muß werden wie ihrer einer, muß ^fahren, daß sie auch da sind, und eh' es (das Kind) die Natur aus seinem Paradiese treibt, so schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus, auf das Feld des Fluches, daß es, wie sie, im Schweiße des Angesichts sich abarbeite". Nein, las­sen wir das Kind in seinem Paradiese, bei seinem Spielzeug und bei den Märchen. Wenn wir es aber, was durchaus zu empfehlen ist, vor dem Lügen, dem wirklichen, uns zur gesellschaftlichen Gewohnheit gewordenen Lügen rechtzeitig bewah­ren wollen, so 'gibt es viel wirksamere Mittel, als deren erstes und vornehmstes das eigene gute Beispiel, das die Erwachsenen den Kindern geben sollen, in Erinnerung zu brin­gen wäre. Eltern und Erzieher, die selbst nicht lügen, also auch hie Kinder, die in diesem Alter ja ausschließlich von der Nachahmung leben, nicht in die Versuchung führen, das gleiche zu tun, wer­den ihre kleinen Pflegebefohlenen weit besser zur Tugend der Wahrhaftigkeit erziehen, als wenn sie ihnen das Märchen verbieten wollen, das in dieser Entwicklungsperiode nun einmal die bekömmlichste und ganz unersetzliche Nahrung für die kindliche Phantasie darstellt.

Wenn in Deutschland auch in den letzten Jahren der allgemeine Wille, sich als Volk unter allen Umständen zu behaupten, mächtig erstarkt ist, so ist das Problem derleeren Wiegen" wie in der Mehrzahl der übrigen europäischen Länder die Sorge um den Fortbestand der Nation. Mit Bevölkerungskommissionen, die umherreisen und Statistiken erheben, und der Eröffnung neuer Siedlungsmöglichkeiten auf dem flachen Lande wird man dem Hebel, das, wo immer es auftritt, eine Erkrankung des Willens zum Leben zur Voraussetzung hat, nicht steuern können. Die Be­völkerungspolitiker wissen das auch ganz genau und sind darum längst davon abgekommen, seine einzige Wurzel in verbesserungsbedürftigen sozialen Verhältnissen zu suchen. Ueberall, wo der Toten­wurm des Geburtenrückgangs sein unheimliches Geschäft beginnt, bohrt er sich an der Stelle des schwächsten Widerstandes in der menschlichen Seele fest, und das ist in diesem Zusammenhänge das nachlassende Verantwortungsgefühl gegenüber der kommenden Generation, kurz gesagt: der Egoismus, der über die Grenzen des eigenen Lebens nicht hinausblickt und darum auch nicht mehr den unerschütterlichen Glauben an die Zu­kunft der großen Volksgemeinschaft auf bringt, der im Kinde Gestalt annimmt. Ueberlegungen solcher Art werden jetzt in den skandinavischen Staaten, wo das Mißverhältnis zwischen ver­fügbarem Boden und Bevölkerungsdichte besonders Öift, angestellt. Freilich, dem eindringlichen

., rll an den sittlichen Willen zum Kinde, muß ein gemeinsames, einer allgemeinen Wiedergeburt gleichkommendes Erlebnis, das alle eigennützigen Regungen wegbläst, zur Seite treten, um die Dä­monen zu bannen.

Chemie erschließt die

Wett.

Von den Grundlagen und Aufgaben des chemischen Zeitalters.

IV.

Die Wett auf der Waage.

Es verhält sich das Gewicht eines Wafserstoff- atoms zu einem Grammstück etwa so wie ein Kilo­gramm zu dem Gewicht der ganzen Erde. Dieses leichteste aller Atome wiegt nun 1,649:1024 Gramm. Sie müssen also 1,649 durch IO24 das ist eine Zahl mit 24 Nullen dividieren, wenn es Ihnen Freude machen sollte, das Gewicht des Wasserstoff­atoms und im Verhältnis dazu die Schwere un­serer Erde ^u errechnen. Die Stoffe nun, aus "denen unser Erdball gebaut ist, und die in ihrer Summe sein Gewicht ausmachen, sind uns nach der Menge ihres Vorkommens in der Erde nicht völlig bekannt. Immerhin ist die Erdrinde bis zu einer Dicke von 16 Kilometer nicht viel bei einer Erdachse von 13000 Kilometerin stofflicher Hinsicht wohl erforscht.

Unsere Chemiker haben gleichsam die Erdrinde in einzelne Stücke zerlegt, sie in die Retorte ge­legt, analysiert und über ihre Zusammensetzung folgendes herausbekommen. In Prozenten ausge­drückt ist in ihr enthalten: 49,4 v. H. Sauerstoff, 25,7 v. H. Silizium, 7,5 v. H. Aluminium, 4,7 v. H. Eisen, 3,4 v. H. Kalzium, 2,6 v. H. Natrium, 2,4 o. H. Kalium, 1,9 v. H. Magnesium, 0,88 v. H. Was­serstoff, 0,58 v. H. Titan, 0,19 v. H. Chlor, 0,12 v. H. Phosphor, 0,087 v. H. Kohlenstoff, 0,080 v. H. Man­gan. Bis dahin stecken also in Dreiviertel der Erd­rinde nur zwei Elemente. Die folgenden sind dann viel geringer vertreten. Aber nun erst die für uns so wichtigen Rohstoffe. Es sind Kupfer nur zu 0,010 v. H., Silber zu 0,000004 v. H., Gold zu 0,0000001 v. H. in der Erdrinde enthalten. Das alles zusammen sind 17 von den uns bekannten 92 Grund­stoffen, mit denen in zahllosen Mischungen die Na­tur ihre Bauten aufführt. Die restlichen 75 Ele­mente sind insgesamt mit nur 0,453 v. H. am stoff­lichen Aufbau unserer Erdrinde beteiligt. Die chemi­sche Ermittlung der Bestandteile der festen Erdrinde war eine wichtige Aufgabe der Forschergeneration,

Nähe war in der Wärme zu spüren, aber auch die Bettkammer hinten, deren Tür halboffen stand, war leer.

Sollte wohl, sagte nach einer Weile der Ritterliche ungläubig, dies seine Wohnung sein?

Darauf wurde von keiner Stimme Antwort ver­nehmbar, nur das Schweigen schien tiefer und hör-- barer zu atmen und eine Nähe drängender zu kom­men überall her aus dem Dunkel.

Endlich sagte der dunkle und magierhafte Mann mit plötzlich erkühnter Stimme, daß er Beschwö­rungen wisse, die auch den höchsten Geist aus Höhen oder Tiefen herbeizuziehen stark wären, und daß er sich diesen Augenblick immer gewünscht habe, ihre wahre Kraft zu erproben. Und er begann sogleich auf dem leeren Raume der Tenne seine Kreise zu schreiten und seine Anrufungen auszusprechen, allein völlig umsonst; und wenn er in Stunden etwas er­reichte, so war es das, daß die Anwesenheit verbor­genen Lebens mit Tieres-Dunst und Pflanzen-Atem stärker und tiefer zu wölken schien.

Er lag ermattet am Boden, als der Kriegerische sogleich ausrief:

Wenn er denn ist, der er ist, und wenn er wahrlich hier wohnt, so soll wohl das ihn herbeiführenl Und schon hatte er mit einer Schaufel ein brennendes Scheit und glühende Asche vom Herd genommen und in der Kammer über die Betten gestreut.

Draußen auf der Lichtung stehend, sahen die Drei das Haus in Flammen aufgehen, bis nur noch rau­chend verkohlende Trümmer am Boden lagen. Dann legten sie sich selbst in das Moos, und Schlaf über­kam sie alsbald.

Wie sie aber, im Morgenlichte erwachend, ihre Augen erhoben, stand das Haus da, so wie es vorher gewesen war, glänzend in der Morgensonne, und der einzige Unterschied gegen gestern war, daß jetzt das Tor offenstand, das gestern geschlossen gewesen. Auch als sie wieder drinnen standen, war nichts verändert; noch hing im Raum der Duft des Lebens, und der Tisch war gedeckt, und über der Flamme brodelte leise der Kessel.

Dann standen die Drei, unwissend hinbewegt, jeder hinter einem Stuhl am Tisch, und der Dritte von ihnen legte feine Hände zusammen und sprach:

Herr, tritt herein,

So bin ich dein, Und du wirst mein.

Da stand auch als Vierter an ihrem Tisch der Herr und brach ihnen das Brot.

die auf den genialen Lavoiffier folgte, der vor etwa 150 Jahren dieWaage ein Symbol der Gerechtigkeit und der Kaufleute als notwendiges und unentbehrliches Kontrollinstrument in die che­mische Wissenschaft einführte. So wurde sie von vager Spekulation der groben und täuschenden Sinneserfahrung unabhängig gemacht. So konnte sie, besser als bisher, den Weg zu einer exakt mes­senden und wägenden Erkenntnis der Stoffe im Dienste der menschlichen Praxis beschreiten.

Auch ohne Wissenschaft allerdings hat-die praktische Chemie seit vielen tausend Jahren mit dem Feuer begonnen. Und mit der wissenschaftlichen Deutung des Feuers als eines chemischen Vorgangs, der Ver­bindung des verbrennenden Stoffs mit dem Sauer­stoff der Lust, hat Lavoiflier das Tor zur modernen Chemie geöffnet. Vielfach galt bei den Alten das Feuer als das Prinzip des Werdens. In der Alchimistenküche spielte es die mystische Rolle eines allgemeinen chemischen Analysators. Als Berthold Schwarz mit einem Gemenge von Salpeter, Holzkohle und Schwefel Gold zu machen versuchte, entdeckte er die feurige Gewalt des Pulvers. Später versuchte man mit dem Pulver Maschinen anzutreiben, und in Erinnerung daran kam man auf die Idee des Ex p 1 o si o n s m o t o r s. Mit Hilfe des Schwefels hat Berthold Schwarz den ersten großen wirtschaftlichen Anlaß zur Entwick­lung chemischen Forschens geschafft. Der steigende Pulverbedarf verursachte einen erhöhten Bedarf an Salpeter und Schwefel, hatte eine intensivere theo­retische Beschäftigung mit diesen Stoffen zur Folge. So entdeckten die Alchimisten das Scheidewas­ser, eine Mischung von Salpetersäure und Schwe­felsäure. Jahrhunderte galt der Schwefel als das Prinzip des Feurigen. Eine ganze Epoche der Chemie wurde wohl nach diesem Vorbild durch die Annahme eines besonderen Feuerstoffs, des soge­nannten Phlogsston, charakterisiert. Erst als Laoo-is- sier den Schwefel bei der Verbrennung auf die Waage legte und dabei bemerkte, daß er an Ge­wicht zunahm, konnte die Lehre vom entweichenden

Fröhliches altes England.

Anekdoten, gesammelt von Karl Lerbs.

Prozeß zwischen Himmel und Erde.

Lord Deanforth besaß ein überaus ungebärdiges Roß, das er nicht ganz zu Unrecht Bucephalus genannt hatte, und von dem er behauptete, daß nur er selbst es reiten könne; Lord Forwall dagegen, der schneidigste Reiter der Grafschaft Kent, vermaß sich beim Porter mit aufreizenden Reden, des sagen­haften Tieres Herr zu werden. Es kam zu einer Wette: Lord Deanforth setzte 1000 Pfund auf die Gewißheit, daß Bucephalus seinen Reiter zu Boden werfen werde; Lord Forwall wettete 1000 Pfund dagegen: er werde oben bleiben.

Die sachverständigsten und vergnügtesten Fach­leute der Grafschaft sahen den Ausgang mit an. Nach kurzem aber denkwürdigem Kampf hing Lor5 Forwall angstvoll angeklammert ziemlich hoch in den Zweigen einer knorrigen Eiche; während Buce­phalus in krachendem Galopp über die Felder da- vonbrauste.

Nachdem man den Lord heruntergeholt, das Pferd eingefangen und den Vorgang hitzig, aber vergeb­lich besprochen hatte, kam es zum Prozeß. Lord Deanforth verlangte 1000 Pfund, weil Lord Forwall abgeworfen worden sei; Lord Forwall verlangte 1000 Pfund, weil er keineswegszu Boden" gewor­fen, sondern unzweifelhaft oben geblieben sei.

Ehrgeizige Juristen seien darauf aufmerksam ge­macht, daß der Prozeß möglicherweise noch anhängig ist.

_De r Straßenräuber.

Bunter, ein britischer Straßenräuber, dessen um­fängliche Tätigkeit im Jahre 1778 durch den landes­üblichen Strick beendet wurde, begegnete, wie alle Räuber in der Romanze, eines Tages einer in Tränen aufgelösten armen Witwe. Er fragte sie, wie alle Räuber, nach dem Grunde ihres Kummers; und sie erzählte ihm, daß sie, wie alle armen Wit­wen, von einem hartherzigen Gläubiger bedrängt werde, der sie um einer Schuld von 25 Guineen willen aus ihrem Häuschen vertreiben wolle. Bunter griff, wie alle Räuber, in die Tasche, gab der armen Witwe 25 Guineen und schärfte ihr ein, sich die Bezahlung der Schuld bescheinigen zu lassen. Dann ging er, wie alle Räuber, eilig und unerkannt da­von, ohne die Freudentränen der armen Witwe aus­zukosten.

Bis dahin ist die Geschichte zunftgemäß. Neu da­gegen ist, das Bunter am Abend dieses Tages bei Nacht und zweifellos auch Nebel dem Wucherer aus-

Feuerstvsf widerlegt und die Verbrennung als che­mische Tatsache erkannt und bemessen werden. 1794 aber, einige Jahre nach seiner großen Entdeckung, schlug man Lavoissier den Kopf ab.

Inzwischen hatten die Menschen gelernt, durch die Macht des Feuers Maschinen anzutreiben. Die Dampfmaschinen erhöhten bald den Produk­tionswert der Spinnmaschinen, der Webstühle, der Zeugdruck- und Egreniermaschinen und leitete das Zeitalter der industriellen Revolution ein. Es be­gann mit Macht in England. Dort stieg zunächst die Baumwollproduktion. Die Baumwolle mußte man bleichen. Das dauerte jetzt auf Wiesen zu lange. Es wären auch gar nicht genug Wiesen da- gewesen. Um die Wolle zu bleichen und sie zu far-

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den, mußte die Chemie eingreifen. Die notwendigen Grundchemikalien Schwefelsäure, Soda und Chlor mußten billig und in Massen hergestellt werden. Dazu hat die Chemie im Zeitalter Lavaifsiers ge­rüstet. Die natürliche Soda war zu knapp und das spanische Monopol zu drückend. So setzte die Fran­zösische Akademie der Wissenschaften einen Preis für die Erfindung der künstlichen Soda aus Kochsalz aus. 1791 ließ sich Leblanc ein entsprechendes Verfahren patentieren. Man kann die Entwicklung dieses Verfahrens als eine erste Frucht der Reform der Chemie durch Lavvisiier betrachten.

Um das Kochsalz in kohlensaures Natron über« führen zu können, muß es vorher in Glaubersalz, von dem sein alchimistischer Erfinder glaubte, daß es ein Lebenselixier sei, verwandelt werden. Dazu brauchte man Schwefelsäure. Somit stieg die Nachfrage nach Schwefelsäure, nach einem Stoff, der zu einem wichtigen Hilfsstoff aller modernen­industriellen Betätigung werden sollte. Bei fast allen chemischen Verfahren ist diesesAlte Pferd in der Chemie" unentbehrlich. Man braucht die Schwefel­säure bei der Fabrikation von anderen Säuren, von Teerfarben, Arzneien, Kunstseiden und Dünger. Ohne sie keine Stahlproduktion, keine Metallurgie, Glasindustrie, Textilindustrie, Petroleumraffinierie, Seifenfabrikation usw. Mit der Soda und dem dritten Grundchemikal, dem Chlor, das der Deutsche Scheel 1774 entdeckte, ist es ähnlich so. Aber beide erhält man erst aus der Schwefelsäure. Die Industrien der Schwefelsäure, der Soda und des Chlors entstanden, als sie geboren werden muß- t e n. Die gesamte industrielle Entwicklung wäre in Frage gestellt worden, wenn es nicht rechtzeitig zur anorganischen chemischen Großindustrie gekommen wäre. Aber sie war eine Folge der ihr vorgreifen, den wissenschaftlichen Forschung.

Schwefelsäure, Soda und Chlor sind die Grund- chemikalien auch der anorganischen chemischen Großindustrie von heute. Keine Schwefelsäure ohne den Schwefel. Unter den Elementen, die die Erdrinde züsammensetzen, steckt er in jenen 75, die nur zu insgesamt 0,453 v. H. an dem stofflichen Aufbau der Erdrinde beteiligt sind. Chlor ist nicht zu ganz 1 v. H. und das Natrium, das in Verbin­dung mit Chlor zur Sodaherstellung führt, nur zu 2,6 v. H. unter den Elementen vertreten, die wir in der Retorte vorfinden", wenn wir unsere Erd­rinde chemisch analysieren. Das ist doch höchst merk- würdig. Und wenn wir einmal die 92 Clemente, aus denen unsere Erde gebaut ist, auf die eine Schale einer Waage legen und auf die andere die­jenigen Grundstoffe davon, mit denen die Chemie eine neue Welt errichtet, so stehen wir erstaunt vor dieser Waage und erkennen die gewaltige Schöpferaufgabe der Chemie: Aus wenig viel zu machen. Von allen Stoffen aber ist der Sauerstoff zu allermeist in der Erdrinde ent­halten. Er macht beinahe ihre Hälfte aus, der Sauer­stoff, durch den alles lebt und brennt und den jener geniale Mann entdeckte, der zum ersten Mal auf die Idee kam,die Welt auf die Waage zu legen".

lauerte, ihn grundlegend verdrosch und ihm die 25 Guineen wieder abnahm.

Briefwechsel.

Samuel Johnson, der witzigste unter Alt-Eng- lanbs gelahrten Köpfen, empfing nach langem Klein­krieg von feinem Verleger Miller folgenden Brief:

Andrews Miller empfiehlt sich Mr. Samuel John­son, sendet ihm hier den Rest des Honorars und dankt Gott, daß er nun nichts mehr mit ihm zu tun hat!"

Johnson antwortet:

Samuel Johnson empfehlt sich Mr. Andrews Miller, dankt ihm für das Geld und freut sich, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, daß Mr. Miller im­stande ist, Gott für etwas zu danken."

David G a r r i ck, Alt-Englands größter Schau­spieler, wurde, als er noch ein rühmloser Anfänger war, eines Morgens durch einen Boten aus dem besten Schlaf getrommelt. Der Bote vrach ihm den Brief eines Kollegen:

Sieber Garrick,

schicke mir einen Schilling.

Dein Bayle.

Nachschrift: Eben fällt mir ein: Schicke mir lieber Zwei."

Garrick antwortete:

Lieber Bayle,

leider habe ich nur einen ^Schilling.

Nachschrift: Eben fällt mir ein: Den brauche ich heute fürs Mittagessen. Dein Garrick."

Ruhe!"

Die Gerichts-diener zur Cork hielten in Irlands alten Tagen ein auf einem Pfahl befestigtes Schild, das in mächtigen Buchstaben die AufschriftSi- lence!"Ruhe!" trug.

Wenn nun einer der Zuhörer während eines Prozesses durch beifällige Oder mißfällige Gefühls- äußerungen störte, so fuchtelte ihm im Zuge der Strafprozeßordnung der Gerichtsdiener drohend mit dem Schild vor der Nase herum.

Beim zweiten Verstoß indessen schlug er pflicht­gemäß den Ruhestörer mit dem Schild über den Kopf.

Hochschulnachnchten.

Von den amtlichen Verpflichtungen wurden auf ihren Antrag entbunden die ordentlichen Professoren Dr. Max Pagen st echer (Zivilprozeßrecht) und Dr. Hans Reichel (Bürgerliches Recht) an der Uni- oerfität Hamburg.