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Nr.54 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Dberbeflen)

5./5.MarzlyZ8

Großfeuer

Am gestrigen Freitagnachmittag kurz nach 15 Uhr wurde die Bevölkerung des Dorfes Villingen (Kreis Gießen) durch Feueralarm aus ihrer Werktagsarbeit aufgeschreckt. Es brannte in dem Sägewerk von Tropp & C o., in dem be­reits vor zwei Jahren eint Arbeitshalle durch einen Brand vernichtet worden war. Der gestrige Brand, der durch einen unglücklichen Zufall entstand, ent­wickelte sich in ganz kurzer Zeit mit rajender Schnelligkeit zu einem Großfeuer, das sich über die gesamten baulichen Anlagen des Betriebes ausdehnte. Nach unseren Wahr­nehmungen an der Brandstätte sind folgende Ein­zelheiten zu berichten:

Wenige Minuten nach dem Ausbruch des Bran­des war die Ortsfeuerwehr von Billin- g e n an der Unglücksstätte. Kurz darauf trafen auch die Feuerwehren von Nonnenroth und Hungen mit zahlreicher Mannschaft und Geräten zur Löschhilfe ein. Bei der raschen und gewaltigen Ausdehnung des Brandes erwies es sich aber so­fort als notwendig, die Kreismotorspritze aus Gießen herbeizurufen, die schon nach sehr kurzer Zeit unter dem Kommando des Oberfeuer­wehrmannes Happel eintraf. Gleichzeitig kamen als Vertreter des Kreisamtes Gießen der Dezernent für das Feuerwehrwesen im Kreise Gießen, Negie­rungsrat Dr. Fuhr, und der Gießener Brand­inspektor Lenz auf der Brandstätte an. Da Kreis­feuerwehrführer Bouffier infolge Abwesenheit von Gießen nicht zur Stelle sein konnte, übernahm der Kreis-Feuerwehrdezernent, Regierungsrat Dr. Fuhr, die Oberleitung der Feuerwehren bei der Brandbekämpfungsarbeit; er fand bei der Erfüllung seiner schweren Aufgabe in Brandinspektor Lenz einen guten sachverständigen Berater und Mit­arbeiter. Noch während die Wehren mit aller Tat­kraft das gewaltige Flammenmeer bekämpften, be­gannen die Gendarmen der Gendarmeriestation Hungen unter Leitung ihres Gendarmevieober- meisters die Ermittlungen nach der Ursache des Brandes, die denn auch bis zu den Abendstunden volle Aufklärung ergaben.

Die Feuerwehren gaben aus zehn Schlauch­leitungen Wasser in die lichterloh brennenden Betriebsanlagen. Die Kreismotorspritze hatte ihre Schlauchleitungen an einen Brandweiher am Nord­rande unmittelbar des Brandherdes angelegt, die Motorspritze der Hungener Feuerwehr mußte an die Wasserleitung beim Bahnhof jenseits des an der Brandstätte vorbeiführenden Schienenstranges der Strecke LaubachHungen anlegen, die Feuer­wehr von Nonnenroth gab aus einer nähergelege­nen Entnahmestelle Wasser. Die Brandbekämpfung

im Sägewerk in gestaltete sich dadurch besonders schwierig, daß ziemlicher W e st w i n d die Flammen immer wieder kräftig entfachte und die Schlauchleitung von den Wasserstellen beim Bahnhof erst unter die Eisenbahnschienen hindurch gelegt wer­den mußte, da natürlich der Zugverkehr auf der Bahnstrecke nicht beeinträchtigt werden konnte. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, daß zeitweiig die große Gefahr einer Kesselexplo­sion der Lokomobile in der Maschinenhalle bestand. Der Kessel war mit Wasser gefüllt, das in­folge der ungeheuren Hitze schnell zum Sieden kam und starken Ueberdruck an Dampf ergab, der erst dadurch Entspannung erfuhr, daß die Dichtun­gen an dem Kessel h-e rausflogen. Zu Beginn des Brandes, vor dem Eintreffen der Gen­darmerie und der Oberleitung der Feuerwehren, machte sich auch der sehr st a r k e Z u st r o m von Neugierigen zur Brand st ätte er­heblich störend bemerkbar, bis dann durch die Ab­sperrmaßnahmen der Gendarmeriebeamten die große Menschenmenge, die nicht nur aus Billingcn selbst, sondern auch aus den Nachbarorten gekom­men war, abgedrängt wurde.

Trotz des opferfreudigsten und eifrigsten Einsatzes aller Feuerwehrmänner und trotz der umfassenden Bekämpfung^maßnahmen der Leitung war es bei dem ziemlich erheblichen Wind und bei der leichten Brennbarkeit der Anlagen und der Vorräte nicht möglich, die baulichen Einrichtungen des Betriebs zu erhalten. Die große Sägewerkshalle mit den darin aufgestellten Sägegattern, die Maschinenhalle mit der Lokomobile und eine Nebenwerk st ätte neben der Haupthalle, sowie der Aufenthaltsraum der Betriebsgefolgschaft fielen der Gewalt des riesigen Bran­des zum Opfer. Ferner wurde ein Teil der Holzvorräte, der dicht bei den baulichen Anlagen aufgestapelt war, erheblich in Mitleidenschaft ge­zogen, zum Teil verbrannte dieses Holz auch. We­nige Stunden nach dem Ausbruch des Brandes war von den gesamten baulichen Anlagen nur noch ein großer wüster Trümmerhaufen vor­handen, in dem die ungeheure Glut der Flammen an den Haufen von Holzteilen, Sägemehl, Bestand­teilen der Bauten usw. noch reiche Nahrung fand und bei ihrer weiteren Zerstörungsarbeit durch den anhaltenden Westwind immer wieder gestärkt wurde. Aus den flammenden und qualmenden Trümmerhaufen ragten am Abend geradezu gespen­stisch nur noch die Umrisse der hohen Sägegatter, die vollständig verbogenen Schienen einer kleinen Werkbahn und im Hintergrund das zerstörte Mauerwerk der einstigen Maschinenhalle, sowie als einziger erhaltener Rest der hohe Schornstein 'n die

Villingen.

Landschaft. Es war ein grausiges Bild' der Ver­nichtung, das sich hier dem Auge darbot.

Bis kurz nach 18 Uhr hatten die Feuerwehren den Brand soweit niedergekämpft, daß die Wehren als solche ihre Arbeit einstellen und die weitere Bekämpfung kleinen Löschkommandos und der Brandwache überlassen konnten. Vor dem Abrücken der Feuerwehren sprach der Kreisfeuer­wehrdezernent, Regierungsrat Dr. Fuhr, den Feuerwehrmännern den wohlverdienten Dank und die volle Anerkennung des Kreisamtes Gießen für die vorbildliche Einsatzfreudigkeit und die ausge­zeichnete Löscharbeit aller Feuerwehrmänner aus. Aber auch nach dem Abrücken der Wehren hatten die Löschkommandos der Dillinger Feuerwehr noch stundenlang zu tun, bis alle Brandherde gelöscht waren.

Die Untersuchung der Gendarmerie ergab als Ursache des Brandes, daß in der Nebenwerkstatt neben der Haupthalle an einer Feuerstelle unter einem Kessel mit Teeröl der Brand ausgekommen war. Die Heizstelle unter dem Teerölkessel war durch Auflegen von Holz zu etwas größerer Flamme entfacht worden. Die Flamme, die durch einen plötzlichen Windstoß noch stärker wurde, schlug beim Herausnehmen des Teerölkübels in diesen hinein und entzündete das darin befind­liche Teeröl. Begreiflicherweise konnten die jungen Männer den Teerölbehälter nun nicht mehr halten, er kippte zu Boden, und sein gesamter brennender Inhalt floß dahin, wodurch im Handumdrehen der große Brand entstand, zumal man infolge der starken Rauchentwicklung nicht sofort an den ursäch­lichen Brandherd herankommen konnte.

Der Brandschaden wird nach vorläufigen Schätzungen auf 5 0 0 0 0 Mark beziffert.

Während der Brandbekämpfung wurde der durch alzu große Neugier verursachte undiszipli­nierte Andrang der Menschenmenge zu der Brandstelle von den Feuerwehren und den leitenden Männern sehr unangenehm und störend für ihre Arbeit empfunden. Leider ereignete sich in­folge dieser mangelnden Disziplin auch ein be­dauerlicher Unfall. Als die große Menschen­menge durch die Absperrungsmaßnahmen von der Brandstätte ferngehalten wurde, strebten viele auf einem Umwege durch den Hof einer benach­barten Ga st wirtschaft nach dem an die Brandstätte angrenzenden freien Feld, um von dort aus ihre Schaulust befriedigen zu können. Bei dem Massensturm durch den Hof des Gasthauses wurde der an der rückwärtigen Hofseite an der Kette lie­gende Hofhund, m dessen Nachbarschaft nor­malerweise kein Fremder gelangt, sehr aufge­regt, und er schnappte in seiner Erregung nach

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Das völlig zerstörte Maschinenhaus des Sägewerkes.

Ein Blick über den Schauplatz des Brandunglücks.

einem dicht an ihm vorbeistürmendin 12 Jahre alten Mädchen aus Langd. Er brachte dem Kinde eine schwere Bißwunde am Ober­schenkel bei, die nach erster Hilfeleistung die Ueberführung des Kindes nach dem Krankenhaus Hungen erforderlich machte. Dieser bedauerliche Vorfall mag für andere Fälle vielen eine eindring­liche Warnung sein. Außerdem wurden mehrere Personen, die zur Befriedigung ihrer Schaulust die Bahngleise bei der Station Villingen betraten, wegen dieses verbotswidrigen Benehmens zur An­zeige gebracht.

(Aufnahmen |2J: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Aus der Stadt Gießen.

Durch die Äorfrühlingslandschofr

Pustend und zischend stößt der Zug aus der Halle hinaus in die straylende Weite, die an den blauen Himmel reicht. Wie klein wird vor ihm die Stadt, wie schrumpfen die Türme, Schlote und Giebel vor dem Aetherflug wandernden Gewölks.

Die Lokomotive beginnt ihr Tempo zu steigern. Der Weg ist frei. Rasender rattern die Räder der gekuppelten Wagen. Die blanke Schiene dröhnt den hämmernden Rhythmus der Eile. Die schaukelnden Menschen auf ihren Sitzen schwingen sich willig ein. Bald machen sie instinktiv jede kleine Abbiegung bei einer Weiche oder Kurve mit gleichmäßig seit­wärts pendelnden Oberkörpern mit. Dabei verlieren sie keine Zeile ihrer Zeitung oder ihres Buches.

PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE . NEUSS

KOSTET EIN,

IN DER GROSSE 2x3 METER

Wenigstens tun sie so. Sie sind gewohnt, an der Welt vorbeizusausen: auf dem Motorrad, im Auto, wie in der Eisenbahn. Was kümmert sie der Weg! Ihr einziger Gedanke ist das Ziel. Andere blicken mit mir links und rechts in die Landschaft, denn die Natur ist niemals langweilig.

Vorbei wie ein kreisendes Schachbrett, braun und grün, wirbeln die Felder, da und dort schon auf« aepfliigt mit schimmernden Schollen, oder im fri­schen Grün junger-Saat leuchtend, die noch wie spärliches Haar steht. Mit seinen Dächern grüßt ein Dorf aus winterlicher Verschlafenheit zaun- umfriedeter Gärten. Neidlos blinken blanke Fenster herüber. Eme Katze liegt wie ein schwarzes Seiden­knäuel in oer Sonne. Die Fanfare eines Hahnen­schreis raketete aus einem Hof. Eine zweite antwortet. Die Gänse eines Bahnwärters trompeten aus ihrem Pferch mit schlangengleich gereckten Hälsen den Zug feindselig an. Eine Bachbrücke wird donnernd über­flogen. Weiden und Erlen, letztere schon mit wim- pelnden Kätzchen zwischen den alten, schwarzen Fruchtzäpfchen, betreuen die silbernen Wasser auf ihrem schlängelnden Lauf, der in den Horizont zu münden scheint. Eine Schafherde hat sich auf seiner einen Uferseite weitläufig verbreitet. Der schwarze zottelige Hund jagt die Außenseiter, daß sie wie dis Wellenrudel einer Brandung in die Flanke der Herde hetzen, um dort zur Ruhe zu kommen. Ein kleiner Fichtenforst schattet links und rechts über die Fenster. Es sind alte Stämme, braunrot und hoch wie Telegraphenstangen mit dunkeln Büscheln oben. Man glaubt die würzige Brise der Nadeln durch die geschlossenen Scheiben atmen zu können. Zwei Rehe, die mit starren Lauschern in einer Lichtung standen, setzen verscheucht mit leichten Sprüngen davon.

Andere Dörfer werden schnell passiert. In einem Garten hängt eine junge Frau Kinderwäsche in die Sonne. Die Stücke leuchten blütenweiß, und der Wind bläst sie an und auf, als könnte er sie von den Seilen pusten. Der Kinderwagen mit dem Klei­nen steht neben der Frau, und so oft sie sich nach

(Siebener Stadttheater.

Außer:Fra Diavolo."

Ueberschaut man Leben und Werk von Daniel Francois Esprit A u b e r (1782 bis 1871), so er­scheint beides an Paris gebunden; abgesehen von einem Aufenthalte im Auslande in jüngeren fahren hat 21 über später kaum das Weichbild der 'Stadt verlassen. Diese Bindung an das gesellschaftliche Milieu von Paris, ein ständiges Sich-Bewegen in seiner Geisteshaltung, das Durchleben der vielfach wechselnden politischen Ereignisse und nicht zuletzt die Tatsache, daß 21 über sein geistiges Rüstzeug einzig in Paris empfangen hat und durch die Pa­riser Verhältnisse in seiner Entwicklung vom Dilet­tanten hin zum führenden französischen Musiker be­stimmt wurde: alles das hat ihn zu einem aus­gesprochenen Vertreter des Parisertums werden lassen.

Denn seine musikalische Entwicklung vollzieht sich in starkem Einklang durch die Bindung an die gei­stige Einstellung seiner Hörer. Beispielsweise der deutsche Opernkomponist (Weber, Wagner) folgt ein­zig und allein dem Banne des Werkes bei feinem Schaffen und stößt durch das Gewicht feiner Per­sönlichkeit dabei zu stilistischen Neubildungen vor, denen das Publikum zunächst fremd gegenübersteht, und an die es sich erst allmählichgewöhnen" muß. Der Schaffende erzieht so das Publikum und för­dert es in den Kräften des Hörens Auber dagegen hat ein feines Empfinden dafür, was das Publikum liebt, und was seinem Wesen am treffendsten zu­sagt. Er weiß den Geschmack seiner Hörer, ver­steht ihre Lebensauffassung, und dem kommt er gern entgegen.

Die genußfrohe Sinnensphäre der Hauptstadt mußte darum die OperFra Diavolo" mit der typi­schen Freudigkeit aufnehmen, die das Publikum stets dem gegenüber empfindet, was bei ihm ein Echo weckt. Durch die Zusammenarbeit mit Augustine Eugene Scribe war von der textlichen Seite her durch diesen treffsicheren Theaterroutinier die Le­bensfähigkeit des Werkes gewährleistet. Scribe kannte fein Publikum und spürte dessen Wünsche; Auber konnte von seiner Seite engstens darauf ein­gehen. Dcum man wollte fesseln, spannen und durfte um keinen.Preis die geringste Spur von Langeweile aufkommen lassen. Die schauervallen Reize, die schon von der Titelgestalt des Fra Diavolo aus- gehen, die einmal den Räuberhauptmann bezeichnet, zum andern ihn als Kavalier (Marquis von San Marco) in seiner bezwingenden Art den Frauen gegenüber zeigt, konnten ihre Wirkung nicht ver­

fehlen; zudem wird der Hörer ständig in Span­nung gehalten, ob es gelingt, dem Gerechtigkeitssinn Genüge zu tun. Dazu die beiden Liebespaare in ihrem inneren Kontrast, Mylord und Pamela, Zerline und Lorenzo, und die Typenkomik der bei­den Banditen. Der Rahmen, in den diese Gestalten hineingespannt sind, chre Verbindung mit dem Empfinden des Volkes, entspricht dem Interesse des Hörers ebenso wie eine harmlose Gewagtheit der Szene im zweiten Akt, die eines pikanten Beige­schmacks . nicht entbehrt.

Der ständige Fluß in der Folge der Ereianisse findet seine Belebung im Schwung der Musik. Alles Gefühlsmäßige, das zu ausgiebigem Verweilen ver­locken könnte und in feiner Breite den Fortgang der Handlung hemmen würde, ist von Auber ganz die­sen Rücksichten entsprechend bedacht; treffsicher gibt er solchem Empfinden Ausdruck im engen Kontakt mit dem Impuls des Geschehens. Da ist er prickelnd­pikant, schwungvoll-sprühend, aufgelockert, zierlich, graziös, mit einem Schuß Sentimentalität; aber nie aufdringlich, stets geistvoll, pointiert und griffsicher in der charakteristischen Kennzeichnung der Gestalten und Situationen. Die Gegenüberstellung der ein­zelnen Personen in ihrer konversierenden Art läßt namentlich die Ensemblesätze mit ihren nie ver­sagenden Einzelzügen zu Höhepunkten besonderer stilistischer Ausgeglichenheit und Eigenart werden.

Das bezeugte die Aufführung mit ihrem Drängen lebendiger Lebensfülle; ein einheitlicher Zug durch­pulste das ganze, jeder Situation dabei ihr Recht gebend mit individueller Ausprägung. Und dennoch spielte sich die Oper mit einer Natürlichkeit und innerer Gelöstheit ab, wobei jeder sich dem Werke verpflichtet fühlte und sich an seiner Stelle dem Rah­men einfügte. (Spielleitung: Wolfgang Kühne.)

Allen voran sei das Orchester gestellt, das mit der nervigen schwungvollen Art, wie es die Ouvertüre vom ersten Trommelwirbel an bis zum Presto der Coda in scharfer Rhythmik und kontrastreichster dynamischer Abstufung durchführte, zum Schlüssel der Sphäre dieser Oper werden ließ. (Paul Wal­ter.) Die feinsinnige Instrumentierung Aubers, die sehr deutlich auf den Sänger Rücksicht nimmt, band sich engstens sowohl in den Streichern wie in den schmiegsamen Holzbläsern mit dem Geschehen auf der Bühne.

Mit dem stellenweise recht ausgedehnten Dialog stellt Auber den Vertretern der einzelnen Rollen zugleich rein schauspielerische Aufgaben, und wenn sich, wie in dieser Aufführung, Konversation (selbst mit englischem Akzent) und Musik so organisch ab- lösen, dann ist der echte Geist derkoniischen Oper" französischer Richtung deutlich getroffen,

Die Titelrolle, einst gern von unseren großen Sangeskünstlern des vorigen Jahrhunderts vertre­ten, gibt mit ihrer Doppelnatur besonderen Gestal­tungsanreiz. Dem folgte Emst August Waltz, ga­lant das Ritterliche betonend, den Edelmann vor­gebend und doch berechnend in jedem Zuge als Bandit; sich seiner gesanglichen Künste voll bewußt und sie mit feiner stimmlicher Profilierung und musikalischer Linie in kecker Kühnheit so zur Schau stellend, daß er sich des Sieges über die Frauen sicher fühlen kann.

So mußte ihm unbedingt Pamela (Hildegard I a ch n o w) verfallen und für Momente von der schon im gewohnheitsmäßigen Erkalten begriffenen Neigung zu ihrem angetrauten Gatten Lord Kook- burn (Gustav Bley) sich dem Marquis zuwenden. Die beiden gaben in ihrer Charakterisierung ein Engländerpaar voll innerer Gegensätze ab; er mit seiner unbezwinglichen Neigung zum Schlafen, sie von nicht ganz erfülltem Herzen, dem ein Rest ju­gendlich-fraulicher Empfindung noch nicht erstorben ist; die sich aber dann in der gemeinsamen Furcht beider wieder finden. Dem entsprach auch die ge­sangliche Ausdruckskunst mit feinen bestimmenden Nuancen in vornehmer wohlbedachter und doch ur­sprünglich natürlich scheinender Durchdringung.

In gleicher Weise wie den lyrischen Tenor bevor­zugt die französische komische Oper die Soubrette. In der Figur der Zerline mit einer Mischung von Gefühlsfrische und Innigkeit und einer gewissen Herzhaftigkeit war Friedel F o r n a l l a z darstelle­risch echt und überzeugend; die Romanze im ersten Akt war mit sentimentalem Durchschauern gefüllt, gewinnende Natürlichkeit klang im Monolog des zweiten Aktes; nur gefährdete die maniriert-mar- fierte Aussprache bedenklich die Auswirkung des Rein-Gesanglichen.

Ein Dragon.eroffizier mit Schneid, Frische und Haltung war Jupp Müller mit stimmlicher Farbe und schöner gesanglicher Entfaltung, gefühlswarm in der Resignation sich getäuscht glaubender Liebe Die beiden Banditen Wilhelm Greif und Karl- Ludwig Lindt sind schon in ihrer Komik vom Werk her reichlich bestimmt. Dennoch wußten beide noch durch originelle Züge die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ohne aufdringlich zu erscheinen. Als väterlich besorgter, bieder denkender Gastwirt Ma- theo fügte sich Alfons Forstner rundend dem Ganzen darstellerisch und mit eigener musikalischer Qualität ein. Die Chöre (Heinz Markwardt) wuchsen in Lebensfrische und klanglicher Betontheit aus der szenischen Situation heraus; die Soldaten- chöre ebenso wie der Frühlingschor des letzten Aktes.

Die Bühnenbilder Karl Löfflers waren dem Ganzen zufammenfasiender Hintergrund und be­stimmender Reflex; mit dem Einsatz der Drehbühne im ersten und zweiten Akt wurde das räumliche Problem in außerordentlich anschaulicher Weise gelöst.

Das Haus folgte dem Werk und feinen Mittlern mit ständig wachsendem Beifall, der sich zum Schluß besonders steigerte. Dr. Hermann Hering.

Unerwarteter Erfolg.

Eine englische Filmgesellschaft, die ihre Studios in der Nähe eines Flugplatzes hatte, wurde bei den Aufnahmen durch das Geräusch der darüberbrausen­den Flieger sehr gestört. Um das abzustellen, schrieb sie mit Riesenbuchstaben auf die Dächer des Ateliers Filmstudio bitte Ruhe!" Aber was geschah zum Schrecken der Aufnahmeleiter? Sämtliche Flieger, die diese Zeichen erblickten, flogen noch niedriger, um sie besser lesen zu können!

Hochschulnachnchien.

Professor Dr. Max A p f fe lst a e d k, der seit 1930 von den amtlichen Verpflichtungen entbundene Ordinarius für Zahnheilkunde an der Universität Münster, beging am 4. März seinen 7 5. G e - burtstag. Professor Apffelstaedt ist die Errich­tung des Zahnärztlichen Instituts in Münster zu verdanken; er hat sich auch um die Einführung der Schulzahnpflege sehr bemüht. Von seinen wissen­schaftlichen Arbeiten sei derAtlas und Grundriß der Mißbildungen der Kiefer und Zähne" erwähnt.

Professor Dr. Christian Jensen, Ordinarius für klassische Philologie an der Universität Bonn, hat einen Ruf an die Universität Berlin erhal­ten und angenommen. Professor Jensen, 1883 auf Sylt geboren, habilitierte sich 1910 in Marburg, wurde 1912 Extraordinarius in Königsberg, 1913 Ordinarius in Jena, wirkte später nochmals in Königsberg, dann in Kiel und seit 1926 in Bonn. Der Gelehrte ist korrespondierendes Mitglied der Göttinger Gesellschaft der WisPnschaften. '

Der Führer und Reichskanzler hat den plan­mäßigen ao. Professor für Altes Testament an der Phil.-Theol. Hochschule Passau, Dr. Hubert Funker, auf feinen Antrag zum 31. März aus dem Beamtenverhältnis entlassen.

Der o. Professor für Geburtshilfe und Gynäko­logie und Direktor der Universitätsfrauenklinik Würzburg, Dr. Karl Josef Gaus, wurde zum Ehrenmitglied der Argentinischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie ernannt