Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
M.54 Zweites Blatt
5./6. März 1938
Monroe-Doktrin und Weltverkehr.
Von $. Witkop.
„Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage!" Es ist treute unmöglich, sich in die geistige Verfassung des Abendlandes zu Beginn der Neuzeit zu versetzen, i*ie es dem Papste Alexander VI. gestattete, alles Land, das westlich von dem Längengrade neu entdeckt worden war oder noch entdeckt werden würde, >er 100 Meilen jenseits der azorischen Inseln von Hol zu Pol lief, den Spaniern, alles östlich üiavon entdeckte oder zu entdeckende den Portugiesen zuzusprechen. Und doch entsvrach diese .Demarkationslinie" der damaligen praktischen weltpolitischen Vernunft. Die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde, die es ermöglichte, sowohl in östlicher wie in westlicher Richtung zu jedem Punkte hrer Oberfläche zu gelangen, war dem abendländischen Menschen noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Spanier und Portugiesen konnten ich noch als die Herren der Meere fühlen, und die Autorität des Papstes bedeutete für sie die wirksamste schiedsrichterliche Kraft. Es kam durch nach- irägliche Verhandlungen zu allerhand Abweichungen, aber solange die päpstliche Autorität durch den Aufstieg protestantischer Mächte noch nicht genügend erschüttert war, spielte die Demarkationslinie als Orientierungsmittel für die Verteilung über- eeifcher Länder eine große Rolle. Huge Gropius, der „Vater des Völkerrechts", legte nicht umsonst in seiner Schrift über das „freie Meer" fren Hauptnachdruck daraus, ihren Einfluß auf seine Zeitgenossen zu zerstören.
Hugenottische Flibustier, niederländische Kaper und britische Freibeuter zogen aus der Lehre des Hugo Grotius die praktischen Folgerungen. Die Heiligkeit der Demarkationslinie konnte gegen die überlegene Gefechtskraft der Schiffe nordischer Seefahrer nicht aufkommen. Aus den Rückwirkungen des Kampfes um die Seeherrschaft auf die kontinentalen Machtveichältnisse diesseits und jenseits des Atlantik ergab sich nach den napoleonischen Kriegen der Widerspruch zwischen dem „Legitimismus" siner „Heiligen Allianz" und den Unavhängigkeits- bestrebungen europäischer Einwanderer in überseeischen Ländern. Dieser Widerspruch fand seine vorläufige Lösung in der Aufrichtung der Monroe-Doktrin" als einer Art ketzerisch-demokratischer „Demarkationslinie". Die Monroe-Doktrin machte den Atlantischen Ozean zur trennenden Schranke zwischen einer „östlichen" u^ld „west- kichen" Erdhälste. Die eine wurde ihrem Sinne nach dem seebeherrschenden Albion, die andere den Anglo-Amerikanern als Machtsphäre zuge- fprochen. Noch bildet diese Doktrin einen Glaubensartikel traditioneller „Demokratie", aber in Wirklichkeit bedeutete der Weltkrieg für sie den Anfang vom Ende. Daß sie "den Gesetzen eines sich in blu- tigen Kriegen mühsam durchringenden neuen Weltverkehrs widerspricht, läßt sich nachweisen.
Präsident Monroe, der dabei in. Wirklichkeit nur das Mundstück seines fähigen Staatssekretärs Quincy Adams war/ ging, als er 1823 die nach ihm benannte Doktrin verkündete, von der Voraussetzung aus, daß die Vereinigten «Staaten sich nrem als in die Angelegenheiten der Alten Welt einmischen würden und auch niemals in ihre Händel verwickelt werden wollten. Damit begründete er sein Verlangen, daß die europäischen Nationen auf- 3) ö r e n sollten, ihr System auf irgendeinen Teil der amerikanischen Kontinente aus;u- Dehnen und darauf verzichten müßten, die neuen Negierungen auf amerikanischer Erde, die bereits ihre Unabhängigkeit erlangten, zu unterdrücken ober zu kontrollieren. Die nordamerikanische Union würde das, weil es ihren Frieden und ihre Sicherheit gefährde, als Aeußerunq unfreundlicher Gesinnung auffassen. Ferner sollten die amerikanischen Kontinente von neuen kolonialpolitischen Unternehmungen europäischer Regierungen verschont bleiben.
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So selbstbewußt diese Erklärung klang, so verlieh ihr doch nur das Einverständnis Englands weltpolitische Kraft, das damit den Preis dafür zahlte, sich ziemlich ungestört der Aufgabe widmen zu können, die durch die napoleonischen Kriege aus aus den Fugen geratene kontinentaleuropäische Welt in seinem Sinne „ins Gleichgewicht zu setzen". Die Unfreiheit und Uneinheitlichkeit kontinentaleuropäischer polititischer Entwicklung war die Kehrseite der panamerikanischen Medaille. Das Volk der Vereinigten Staaten konnte getrost dem Atlantischen Ozean den Rücken zukehren und, durch immer größere Einwanderermassen aus Europa verstärkt, den Vormarsch zum Stillen Ozean antreten. Kanada wurde von England zugunsten der Ausbeutung farbiger Völker vernachlässigt und die iberoamerika Nischen Länder, von den Kraftquellen ihrer zu politischer Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen ehemaligen „Mutterländer" abgeschnitten, vom transatlantischen Wechselverkehr gemieden, verfielen für Jahrzehnte in trostlose Anarchie. Da England seine in der Neuen Welt entwickelten Pflanzungsinteressen immer mehr nach den Randländern des Indischen Ozeans verlegte, wo es nach Aufhebung der Negersklaverei das „Kulisystem" als Ersatz einführte, so konnte es nicht ausbleiben, daß Mittelund Südamerika immer tiefer in den Schatten des „Kolosses des Nordens" gerieten und die Monroe- Doktrin immer mehr zu einem Instrument der Dienstbarmachung der natürlichen Hilfsquellen und Menschenkräfte der rückständigen „Schwesterrepubliken" entwickelt wurde.
Die Störungen, die die britische Kontrolle mit sich brachte, wurden für kontinentaleuropäische Länder eine Zeitlang durch Vorteile ausgeglichen, die die größere Freiheit angloamerikanischer Entwicklung für sie mit sich brachte. Indem kontinentaleuropäische Auswanderer die jungfräulichen Böden der Neuen Welt dem Weltverkehr erschließen halfen, entstanden immer bessere Möglichkeiten, den Anteil kontinentaleuroj-äischer Länder am atlantischen Wechselverkehr zu steigern, während man sich gleichzeitig von übermäßigem Bevölkerungsdruck befreite. Die gleichzeitige Entfaltung kontinentaler produktiver Kräfte auf beiden Seiten des Atlantik wirkte darauf hin, die einseitige Begünstigung Englands durch den See- verkchr abzuschwächen, solange die Vereinigten Staaten im ursprünglichen Sinne der Monroedoktrin darf darauf verzichten, das britische Ueberge- wicht in Europa zu steigern.
Durch ihr Eingreifen in den Weltkrieg legten die Anglo-Amerikaner aber selbst die Axt an die Wurzel der Monroedoktrin. So sehr sie sich nach dem Kriege krampfhaft bemühten, den Zustand der alten „glücklichen ^Isolierung" wiederherzustellen, so sehr sehen sie sich durch den Gang der Weltereignisse tatsächlich in immer größere Abhängigkeit von überseeischen Interessen geraten. Die britische Seemacht hat aufgehört, die angelsächsische Vormacht in der Neuen Welt verbürgen zu helfen, wenn nicht die nord- amerikanische Union in viel stärkerem Maße den Garanten für den Bestand des britischen Weltreiches abgeben will. Nicht lange nach dem Weltkrieg erklärte Senator B o r a h , man müsse, wenn die Bemühungen um eine Verständigung über allgemeine Abrüstung scheiterten, dem Volke der Vereinigten Staaten „i)ie letzte Wohltat der Neuen Welt rauben, jenes Gefühlder Geborgenheit, das die Fernhaltung*von den Händeln der Alten Welt verlieh"; es werde dann endgültig van der Krankheit Europas erfaßt werden, „vor der die Pilgrimväter flohen, um in der amerikanischen Wildnis eine neue gesunde Nation zu gründen".
Diese Befürchtung ist inzwischen grausame Tatsache geworden. Von seinen panamerikanischen Bestrebungen südlich des Rio Grande del Norte wird die Union in immer stärkerem Maße dadurch abgelenkt, daß sie gegenüber der japanischen Bedrohung vor allem auf der Zugbrücke nach dem asiatischen Festlande, Alaska und den Aleuten, Wache stehen muß; man hat gleichsam Mexiko den Rücken zugedreht und blickt wie gebannt n a ch d e r
öu feer ft en Nordwestecke Nordamerikas. Weil der Weg dorthin durch Kanada führt, fühlt man sich um so mehr in alle Sorgen um die Zukunft des britischen Imperiums verstrickt. Die Beanspruchung durch die Sicherung der gemeinsamen Lebenslinien der angelsächsischen Völker hat bereits einen Grad erreicht, daß man, weit entfernt, noch mit dem „großen Stock" drohen zu können, die iberoamerikanischen Länder durch eine „Politik guter Nachbarschaft" bei der Stange zu halten suchen muß. Diese ihrerseits haben längst angefangen, von der Beschützerrolle Onkel Sams für ihre eigene Sicherheit mehr zu fürchten, als von einem unbefangenen Gegenseitigkeitsverhältnis zu Ländern anderer Kontinente. Es liegt eine seltsame Ironie darin, daß das, was die südamerikanischen Länder noch am meisten mit der führenden nord- amerikanischen Macht verbindet, der Panamakanal, den Landzusammenhang zwischen den beiden Hälften Gesamtamerikas verneint, indem es ihn zugunsten eines Wasserweges durchsticht. Kontinentale Zusammenhänge können mehr trennen als verbinden.
Was sich an panamerikanischem Zusammengehörigkeitsgefühl am meisten bewährte, rührte von einer Gemeinsamkeit geschichtlicher Entwicklung her, die gewissermaßen aus einer Art Rückgefühl des europäischen Auswanderers gegenüber Europa, dessen Stiefkind er war, hervorkeimte. Dazu kam die gemeinsame Nutznießung des Schutzes britischer Seeherrschaft vor möglichen über
seeischen Angreifern. Ein neuer Weltverkehr bringt gerade in lateinamerikanischen Ländern die unterschiedlichen Standortverhältnisfe gegenüber den großen Hafenplätzen zu immer stärkerer Geltung. Es ist bezeichnend, daß ein in seiner Bewegungsfreiheit für den Verkehr mit überseeischen Ländern noch so stark gehemmtes Land wie Deutschland im Außenhandelsverkehr mit iberoamerikanischen Ländern immer besser, im Falle Chiles sogar am besten fahren kann. Argentinien fühlte sich von
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jeher, und heute mehr als je, mit England stärker verbunden als mit der nordamerikanischen Union; es übertrifft darin sogar Kanada. Vor allem aber hat die große Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik begonnen, an trennender Kraft beide Meers zu übertrumpfen, und es gibt nichts, was die Zukunft aller Völker der Neuen Welt schicksalhafter bestimmen müßte, als der Widerspruch zwischen einem atlantischen und einem pazifischen Kulturkreis, der „panamerikanische" Bindungen ausein- anderzureißen droht.
Spanische Reise.
Von unserem Sonderberichterstatter W. E. Freiherr von Medem.
V. Schönes - armes Spanien.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Arn Wege zur Front, Ende Februar 1938.
In einem Restaurant in Burgos, wo es eine gute Fischsuppe gibt, aus der man herausschmeckt, wie nahe der Golf von Biskaya mit feinen Langusten, Muscheln und Seezungen ist, hängen noch die Werbeplakate einer ehemaligen Madrider Verkehrszentrale. „Spanien zu jeder Jahreszeit schön" und „K u n st und Natur" waren die Schlagzeilen unter den eindrucksvollen Reproduktionen spanischer Baudenkmäler, Landschaften und Städtebilder.
Mit Fug und Recht machte Spanien vor dem Bürgerkrieg für sich Propaganda, und General Primo de Rivera hatte durch eine umfassende Anlage bester Straßen dafür gesorgt, daß Spanien auch für Automobilisten ein ideales Reiseland wurde. Sie kamen wirklich alle auf ihre Kosten: Der Snob raste im Kompressorwagen vom Grand- Hotel zum beinahe Grand-Hotel die glatten Asphaltbänder । herunter und konnte kurvenreichste Pässe ausschwingen, soviel er wollte; fast zuviel Blickpunkte rechts und links der Straßen waren für feine Kamera, um überall halten und knipsen zu können. Abends gab es in den Kabaretts und Dancings spanische Postkartentypen, Fandangos und feurige Blicke. Denn jeder, auch der ärmste Spanier, ist ein kleiner Künstler im Genießen spielerischer Freude. Und die schaffenden Künstler aller Länder fühlten sich heimisch in der Heiterkeit spanischen Volkstums. Auch sie kamen auf ihre Kosten. Der Architekt konnte in Jahrhunderte sich versenken und lernen, wie hier überall und zu allen Zeiten Baukunst mit den Baustoffen des Landes aus der Landschaft wuchs und mit ihr sich vermählte zur Geschlossenheit des Bildes. Der Maler stand vor einem Uebermaß an Farben, Formen, Weiten, vor Motiven, die das Land und seine Menschen in unerschöpflicher Fülle vor dem Auge ausbreitet.
„Ganz Spanien", fagfe mir ein Deutscher, der in Madrid aufwuchs, „ist ein einziges Museum, die seiner Architektur und Malerei stehen verstreut in den vielen kleinsten und größten Städten, und wohin Sie auch kommen mögen, überall in den
Rahmen und die Stimmung einer Umgebung hirt- eingestellt, die ihr Erleben unmittelbar vermittelt.^ Granada, Sevilla, Toledo, Salamanca oder Saragossa, alle sind Namen, die wie Glockenklänge die Empfindung von sonnenüberfluteter Schönheit der Form und Farbe im Bewußtsein kultivierter Menschen der ganzen Welt auslösen. Und so kamen die' bewußtesten Genießer der Schönheit, um das Land der Spanier „mit der Seele zu suchen". Denn es ist wohl immer so, daß künstlerische Menschen, wenn sie zu Stätten hoher alter Kultur auch fremder Völker reifen, das Ziel ihrer Pilgerfahrt mit der Seele suchen.
Aber Spanien ist heute vom Bürgerkrieg heim gesucht, es soll schon eine Million Menschen, gemordete, an den Fronten gefallene, von Fliegerbomben in den Ortschaften erschlagene, eine Million spanischer Menschen verloren habens Mitten durch das Land Spanien zieht sich dis Front wie eine lange tiefe Wunde, aus der unaufhörlich Blut tropft. Und in die als Gift für den gesamten Volkskörper neuer Klassenhaß von den satanischen roten Urhebern dieses Bürgerkrieges geträufelt wird — und in der auch die Rache derer wirkt, denen der Bolschewismus Vater, Mutter, Kinder, Hab und Gut vernichtete. Spanien ist heute ein unglückliches Land, und die Seele gerade des Fremden scheut sich, Spaniens Schönheit zu empfangen, wo sie Spaniens ganzer Jammer anpackt.
Herrlich in ihrer goldbraunen Tönung ist d i e Kathedrale von Salamanca, ihr breitgefügter Bau wie ein Ausdruck herrischer Macht, die Reliefs in dem weichen Sandstein ihrer Mauern wirken wie alte Teppiche. Hoch in den Himmel ragen die Türme des berühmten Domes von Burgos, dem ein deutscher Baumeister Hans von Köln im 12. Jahrhundert auch etwas von der Innigkeit des deutschen Gemütes mitgab für die Ewigkeit. Für die Ewigkeit? Sandsäcke schützen die unersetzbaren Glasmalereien der hohen Fenster, soweit es möglich ist. Denn wenn die roten Bomber aus 4000, 5000 Meter Höhe abladen! In Salamanca schlug solche rote Bombe nur hundert Meter von der Placa ein, zerstörte ein Fachwerkhaus und einige Menschen. Aber hundert Meter weiter und der in der Geschlossenheit seiner Gebäude schönste Platz Spaniens wäre nur noch eine Ruine
Der Haudegen.
Von Wolf Neumeister.
Er war ein ungeheures Rauhbein, aber seine Leute gingen für ihn durchs Feuer. Und das ist schließlich die Hauptsache bei einem Führer. Er hatte drei Gegner, gegen die er dauernd in Fehde lag: den Franzmann' — höhere Vorgesetzte und — die eigene Artillerie!
Ich lernte ihn 1914 kennen, als ich als junger Artillerie-Beobachter in der vordersten Jnsanterie- ftellung an einem eingebauten Maschinengewehr herumfingerte, das mich nichts anging, und brennend gern einer Gruppe von Franzmännern eins auf den Pelz geknallt hätte, die da auf der Deckung herumturnten.
Da stand plötzlich der Major neben mir, sah den schwarzen Streifen meiner Artilleriemütze und grunzte mich wütend an'. Ich meldete mich zackig als Artilleriebeobachter im Graben, und daß ich dort drüben Franzosen ..., aber er sagte kurz: „Quatsch nicht, — schieß!" Und als meine Garbe wirklich wunderbar die Kerle drüben eindeckte, lief er schimpfend weg. Aber seitdem kannte er mich, und wenn er mich traf, sagte er: „Endlich mal ein Artillerist, der was trifft!" — was mich damals in meinem jungen Artilleriftenherzen tief beleidigte.
Er war ein enorm schneidiger Soldat, immer im Graben, immer da, wo was los war. Das war 1914 auf der berüchtigten „Höhe 108", und der Kamps um den Besitz dieses wichtigen Punktes ging dauernd hin und her. Einmal stießen Senegal-Schützen bis an den Steinbruch vor, den Schlüssel zu unserer Stellung, da verteidigte der Major allein mit einem Unteroffizier den schmalen Paß dort, und da er keine andere Waffe hatte, schmiß er eigenhändig 18 dieser Nigger in den tiefen Steinbruch hinunter, bis der Gegenstoß von ein paar Kerlen mit einem MG. Lufs schaffte. Unter diesen Kerlen war ich, und seitdem mochte er mich leiden. Sonst hatte er ein Vorurteil gegen die Artillerie. Wie so viele Infanteristen behauptete er dauernd, man schösse in die eigenen Gräben, auch wenn wir mit Engelszungen erklärten, daß es feindliche Flankierungsbatterien seien. Allerdings hatte er wirklich ein geradezu groteskes Pech mit unserer Artillerie: Einmal hatte ihm hinten in der Reservestellung ein Frühkrepierer feine Gummibadewanne durchlöchert, gerade, als er das ersehnte heiße Bad nehmen wollte, und ein andermal zerschmetterte ein zurückwirbelnder Riesensplitter einer deutschen 21-Zentimeter-Granate die Kiefernstange, auf der der Herr Major eben in einer sehr menschlichen Situation Platz genommen hatte.
Aber das alles war nichts gegen den großen An
schlag, den seiner Ueberzeugung nach die deutsche Artillerie auf das Leben ihres wackeren Gegners inszeniert hatte. Er hatte sich im Steinbruch dicht am Steilhang eine Bretterbude bauen lassen, die ihm wunderbar dünkte, denn sie lag im toten Winkel feindlicher Granaten — und Minen gab es in jenen seligen Zeiten noch nicht. Dort hauste er spartanisch aber zufrieden mit seinem Stabe, 300 Meter vom vorderen Graben entfernt. — Und in diese Idylle fuhr eines Morgens eine deutsche Granate!
Alles, was an Artilleristen auf der Höhe 108 anwesend war, wurde von bewaffneten Schergen vor den Major geschleppt, und der tobte uns seine ganze Entrüstung ins Gesicht. Im Unterstand sah es allerdings toll aus, es stank scheußlich nach Explosionsgasen, die Einrichtung der Bude war völlig demoliert, und dex Major blutete wie ein gestochenes Schwein — mit Respekt zu vermelden. Aber nicht von der Granate, sondern weil er sich vor Schreck beim Rasieren geschnitten hatte. Der Adjutant sah aus wie der Lehrer Lämpel in „Max und Moritz", und die beiden Burschen räumten fluchend den zertrümmerten Frühstückstisch ab.
Uns ging die Sache zwar nichts an, aber sie war leicht zu erklären. Eine Batterie der Nachbardivifion hatte flankierend auf einen feidlichen Sappenkopf geschossen, brach auf dauerndes Drängen der Infanterie immer mehr an Entfernung ab und blieb plötzlich — durch die gesenkte Flugbahn — hinter der Höhe „hängen". Schließlich gelang es auch, dieses ballistische Rätsel dem Major auf einem Stück Papier klarzumachen. Ein Leutnant wollte noch ein übriges tun und drückte seine Befriedigung darüber aus, daß alles so gut abgelaufen sei. Aber das war falsch! Der Major knallte die Faust auf den Tisch, daß auch die letzte Tasse noch in Scherben ging. „Das ist ja eben die Schweinerei!" brüllte er. — „Einen Volltreffer habt ihr in diese kleine Bruchbude gesetzt! Fünf Mann waren anwesend und kein einziger verletzt! — Tot mußten wir alle sein, verstanden! — Aber ihr könnt eben alle nischt! — Ich danke Ihnen, meine Herren!" Damit waren wir entlassen.
Ich habe diese Geschichte noch jahrelang in den hanebüchensten Uebersteigerungen erzählen hören. Von Kameraden des Infanterieregimentes oder vom Major selbst. Bei ihm hörte sie sich am erschütterndsten an, denn der alte Haudegen log, daß sich die Balken der Unterstände bogen. Er hatte das wohl von alten Seebären gelernt, denn er war auf abenteuerlichen Kriegsfahrten weit in der Welt herumgekommen, hatte in China gekämpft, in Südweft- afrifa. Und mit jedem Kriegsjahr, das er mit uns verbrachte,' wuchs die Zahl der erlegten Chinesen
in den Taku-Forts, der Löwen in Süd west und der angreifenden Witboys in der Kalahari-Steppe um 50 Prozent — zur großen Freude feiner Leutnants, die über die Zahlen Buch zu führen begannen.
Aber der „Alte" schmetterte jeden Einwand mit derselben Kaltblütigkeit, mit demselben trockenen Humor nieder, mit dem er jeder Gefechtssituation gewachsen war.
Eines der herrlichsten Beispiele für beides erlebte ich in der Sommeschlacht als Artillerie-Verbindungsoffizier bei seinem Stabe. Der Franzose war rechts und links durchgestoßen, aber der alte Haudegen hielt mit den Resten feines Bataillons voll Zähigkeit ein Grabennest mit einem zerschossenen Dorf. Hundert Mann waren vielleicht alles in allem, völlig abgeschnitten von unseren Linien, nichts zu essen — kein Wasser, wenig Munitton — eine verzweifelte Lage. Der Major ftiefelte von Keller zu Keller: „Daß ihr mir nicht schlapp macht, Jungs!" „Ausgeschlossen, Herr Major! — Wenn nur ein bißchen Wasser da wäre." — „Was? Wasser?" krächzte der Major, „der Mensch braucht kein Wasser. Als wir in der Kalahari die Witboys verfolgten, haben wir wochenlang kein Wasser gesehen." — „Na, da hat der Herr Major vielleicht genug Bier gehabt damals!" —
Brüllendes Gelächter — die Stimmung war wieder da!
In der zweiten Nacht trommelte der Franzose uns mit Minen zusammen, unverkennbar die Vorbereitung zum letzten Angriff. — Wir Offiziere hockten zusammen in einem Erdloch, hielten die Pistolen umklammert und warteten aus den Gegner. „Lebendig kriegen sie mich nicht", schimpfte der Major und kratzte den Lehm von seiner Parabellum-Pistole, „zehn Mann nehme ich mit, dafür garantiere ich!" Und er schwenkte drohend eine alte Waffe. — Der freche B., sein Adjutant, agte trocken: „Zehn Mann? Herr Major haben loch nur neun Schuß in der Pistole!" — Einen Augenblick stutzte der „Brotherr", dann knurrte er wegwerfend: „Da schieße ich eben eine Doublette!"
Nun, wir haben uns am nächsten Tag bei einem Geaenstoß durchgeschlagen — sonst könnte ich diese Geschichte schwerlich erzählen — und ein paar Tage später trank der gute Major hinten im Ruhequartier mit uns unzählige Pullen Rotspohn und schilderte den andern unsere Episode in den blutigsten Farben. Als er bei den Zuhörern auf hohnvollen Zweifel stieß, rief er den netten Hauptmann v. T. als Kronzeugen auf: „Sie kennen mich nun feit 15 Jahren, T. — sagen Sie mal den, Grünschnäbeln hier, ob Sie jemals gehört haben, daß etwas nicht stimmt, was ich erzählt habe!"
„Nee", sagte der Hauptmann grinsend, „das habe ich nicht gehört — aber eine andere Geschichte wird die Herren interessieren." Und er setzte sich zu uns und erzählte schmunzelnd, wie er im Frieden als Leutnant bei der Kompanie unseres Haudegens gestanden habe. Da sei einmal bei der Rekrutenbesichtigung beim Gefechtsschießen der General durch die Schützenlinie gegangen, die mit „Visier 800" auf „Kavallerie am Waldrand" ballerte. Plötzlich sei der hohe Herr stehen geblieben und habe entrüstet einen Rekruten gefragt: „Mit welchem Visier schießen Sie denn?" — „Visier 400, Herr General!" — „Aber Ihr Kompanieführer hat doch befohlen ,Visier 800‘! Haben Sie das nicht gehört?" — Da sei ein sonniges Grinsen, über das Gesicht des Rekruten geglitten, und er habe gesagt: „Zu Befehl, Herr General, das habe ich schon gehört. — Aber unserm Herrn Hauptmann darf man doch immer bloß die Hälfte glooben!"
Das Kaninchen im Mond.
' In unseren Volkssagen werden die bekannten Mondflecken so gedeutet, daß ein Mann mit einem Reisigbündel auf dem Rücken darin zu sehen ist. Die Phantasie anderer Völker aber hat ganz andere Gestaltungen im Mond erblickt. Besonders weit verbreitet ist die Anschauung, daß ein Kaninchen im Monde sitzt. In den Sagen der nordamerikanischen Indianer, in denen Kaninchen und Hase überhaupt eine große Rolle spielen, tritt uns das Kaninchen als das „weiße Tier" im Monde entgegen. Ebenso vertritt dieses Tier >m alten Mexiko den Mond, aber nur den hellen, während der verdunkelte Mond von der Wildkatze symbolisiert wird. Auch in Indien wird behauptet, man könne in den Mondflecken deutlich ein Kaninchen sehen, und es wird erzählt, daß Hasen den Wagen des Mondgottes Tschambra ziehen. Bis auf die heutige Zeit hat sich die Vorstellung vom Kaninchen im Mond ferner bei den Chinesen erhalten, und bei ihren Mondfesten werden Kuchen angefertigt, auf denen ein Kaninchen abgebildet ist; ebenso gibt es in Japan Bilder, die das Kaninchen im Zusammenhang mit der ausgehenden Mondscheibe zeigen. Wenn man die Mondflecken mit unbewaffnetem Auge betrachtet, kann man bei einiger Phantasie einen dunklen Kaninchenkopf mit langen, deuc- lich sich abhebenden Ohren wahrnehmen. In unseren Breiten erscheint dieses Kaninchen allerdings so, daß es auf dem Rücken liegt, während in den näher am Aequator gelegenen Gebieten das Kaninchen mehr in normaler Lage zu sehen ist.


