Nr. 54 Erstes Blatt
M. Jahrgang
Samstag, 5./$onntag,f>. März 1938
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Sie JeschWe von Ankara.
„Der Balkan den Baikanoölkern" ist ein politisches Schlagwort, das schon in der Vorkriegszeit einzelne nach wahrer Unabhängigkeit und Freiheit strebende Balkanpolitiker bewegte, als der Balkan noch in sich zerrissen, uneins und machtlos, von stündigen Bruderkämpfen der noch nicht lange von der Türkenherrschaft befreiten Völker verwüstet, ein ohnmächtiger Spielball der Großmächte war, die dort geradezu Interessensphären beanspruchten und je nach Wohloerhalten ihre Gunst in Form klingender Zechinen verteilten. Der Balkan als Schnittpunkt wichtiger Großmachtinteressen hat seine Rolle als Pulverfaß Europas das ganze 19. Jahrhundert hindurch gespielt und noch der Weltkrieg hat hier seinen Ausgang genommen. Die beiden Balkankriege 1911 bis 1913 und der Weltkrieg haben'die Balkanstaaten mit Ausnahme Bulgariens, das die im ersten Balkankrieg gemachten Eroberungen in der Folgezeit fast restlos' wieder verloren hat, in ihrem Besitzstand erheblich vergrößert und in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt. Rumänien und Griechenland haben seit 1911 ihren Besitzstand mehr als verdoppelt, ersteres von 7 Millionen Einwohnern auf 131000 qkm bis auf 18 Millionen auf 294 000 qkm, letzteres von 2,6 Millionen Einwohnern auf 64 600 qkm bis auf 6,2 Millionen auf 130 000 qkm, Jugoslawien sogar verfünffacht oon 3 Millionen Einwohnern auf 48 000 qkm bis auf 14 Millionen Einwohnern auf 249 000 qkm. Neben Ungarn haben im wesentlichen Bulgarien und die Türkei die Kosten getragen. Bulgarien, das 1911 4,3 Millionen Einwohner auf 96 000 qkm zählte und aus der Niederlage des zweiten Balkankrieges immerhin 4,8 Millionen Einwohner auf 113 000 qkm hatte retten können, wurde nach dem Weltkrieg auf 103 000 qkm beschnitten, auf denen infolge der starken Bevölkerungsvermehrung allerdings schon wieder 6 Millionen Menschen siedeln. Die Europäische Türkei — nur von dieser kann in diesem Zusammenhang die Rede sein, zählte 1911 noch 6,1 Millionen Einwohner auf 169 000 qkm, beute dagegen nur noch 1,05 Millionen auf 24 000 qkm, ihr europäischer Besitz beschränkt sich aHo im wesentlichen auf die Städte Istanbul (das alte Konstantinopel) und Adrianopel und die Küsten der Dardanellen, die auch heute noch weltpolitisch von eminenter Bedeutung sind, ihr innerpolitisches Schwergewicht aber hat die moderne, zu starkem nationalem Bewußtsein erwachte Türkei Kemal Atatürks ganz nach Kleinasien verlegt.
Das erste Jahrzehnt nach dem Weltkrieg hatte die so erheblich vergrößerten Balkanstaaten vor die denkbar schwierigsten innerpolitischen Aufgaben gestellt. Ein Viertel der Bevölkerung des neuen Großrumäniens waren Angehörige fremder Nationalitäten. Jugoslawien suchte nach wechselnden Rezepten, die drei kulturell und konfessionell sehr verschiedenartigen Dolksteile des neu-n Reiches Serben, Kroaten und Slowenen unter einen Hut zu bringen. Griechenland mußte sich nach dem unglücklich verlaufenen zweiten Krieg gegen die Türkei mit dem Problem der Unterbringung von mehr als einer Million griechischer Flüchtlinge abfinden, die nach dem Frieden von Lausanne 1923 aus dem türkischen Thrazien und Kleinasien evakuiert wurden Zudem stand die mazedonische Frage als immer wieder blutende Wunde zwischen Griechenland, Bulgarien und Jugoslawien und die Gefahr von Verwicklungen mit Sowset- r u ß l a n d einerseits, das sich mit der rumänischen Besitzergreifung Bessarabiens nicht abfinden wollte, war ebenso gegeben wie mit Italien andererseits, das sich'durch die Pariser Vorortverträge um den ihm versprochenen Siegespreis betrogen fühlte und Jugoslawiens Machtstellung an der Adria als Demütigung und Bedrohung empfand. Das Bedürfnis nach Ruhe wie nach Sicherheit durch Anlehnung an andere Mächte war also vorhanden. Dem entsprachen die Kleine Entente zwischen der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien ebenso wie die Bündnisse der drei Staaten m i t Frankreich 1920/21. Nach einem Jahrzehnt wachsender innerer Konsolidierung empfand man auf dem Balkan das Bedürfnis, gegenüber mannigfachen Einmischungsversuchen einzelner Großmächte in engere Verbindung miteinander zu treten, zumal sich auch in Genf die Tendenz der Gruppenbildung unter den kleineren Staaten immer stärker bemerkbar machte, um Majorisierungsversuche der die Genfer Entente beherrschenden Großmächte abzuwehren Auf türkische und griechische Anregung kam im Februar 1934 in Athen der Balkan- bund zustande, der vorerst nur die Türkei, Griechenland und die beiden in der Kleinen Entente verbleibenden Mächte Rumänien und Jugoslawien umfaßte. Diese Ueberschneidung und der nicht unberechtigte Verdacht, daß Frankreich auch bei diesem Bund Pate gestanden habe, ließen die Gründung in Rom als gegen Italien gerichteten Schachzug der französischen Politik erscheinen, den Mussolini mit der Veröffentlichung der römischen Protokolle zwischen Italien, Oesterreich und Ungarn im März 1934 parierte. Im Balkanbund blieb vom ersten Tage an em L>tuhl leer: Bulgarien blieb ihm fern, da es von feinem Beitritt die Verewigung des Diktats von Neuilly mit feinen demütigenden territorialen unö militärischen Bestimmungen befürchtete. Es hatte ein gutes Verhältnis zu Italien gefunden, das durch die Vermählung des Königs Boris nut der italienischen Königstochter Giovanna 1930 bestärkt worden war, und süchte im übrigen seine Unabhängigkeit nach allen Seiten hin zu wahren. Die Türkei behielt sich mit Rücksicht auf die damals noch engen Verbindungen zwischen Ankara und Moskau das Recht der Neutralität vor im Falle einer ruf-
Wie Krestinski zum Geständnis gezwungen wurde.
Grausame Kotierung durch die GpLl. in den Keltern des Moskauer Lubljanka-Gefängniffes während der Rächt vor dem Geständnis.
3n der Marlerkammer der GM.
Der bolschewistische „Staatsanwalt" fordert die Folterung
des widerspenstigen Angeklagten.
Warschau, 4. März. (DNB.) Aus einem von zuverlässiger Seite aus Moskau eingetroffenen Bericht geht hervor, mit welchen Mitteln der ehemalige Sowjetbotschafter in Berlin und frühere Außenkommissar Krestinski zum Geständnis gezwungen worden ist. Krestinski kannte aus langjähriger Erfahrung die Foltern und Mittel der GPU., schon in der Voruntersuchung von den Beschuldigten jedes gewünschte Geständnis zu erpressen. Aus diesem Grunde glaubte er, in der Voruntersuchung jedes Geständnis oblegen zu sollen, um dann in der öffentlichen Hauptverhandlung den Versuch zu machen, seine Unschuld zu beweisen.
Als in der Hauptverhandlung am 2. März Krestinski seine Geständnisse widerrief und feine Unschuld beteuerte, da rief dieser Regiefehler größte Bestürzung hervor. In der Verhandlungspause machte Staatsanwalt Wyschinski mit wutverzerrtem Gesicht dem GPU.-Kommissar Jeschow mit lauter Stimme die schwer st en Vorwürfe über völliges Versagen der GPU. Erst der hinzutretende Vorsitzende des Gerichts, Ullrich, konnte Wyschinski beruhigen und mit Hinweis auf die Zuhörer im Korridor veranlassen, die Auseinandersetzung im Beratungszimmer fortzusetzen. Kurze Zeit danach erschien Jeschow bleich und erregt wieder im Korridor und verlangte seinen Wagen. Er gab als Ziel seiner Fahrt das Lubjanka-Ge- sängnis an. Gegen Schluß der Verhandlung tauchte Jeschow wieder im Gerichtssaal auf und hatte mit Wyschinski uijfc Ullrich eine längere Konferenz.
krestinfki wurde dann zum Lubjanka- Gefängnis gebracht. Dort wurde Krestinski in dem Keller der Sonderbrigade übergeben, ausgesuchten, besonders rohen, brutalen Kerlen. Er mußte sich entkleiden und wurde dann, wie der Gewährsmann, der bisher selbst in den Diensten der GPU. gestanden hat, aber nunmehr mit Abscheu sich von diesen Methoden abwendet und Rußland bei nächster Gelegenheit verlassen will, erfahren hat, bis nach Mitternacht unter Anwendung der grauenerregendsten Folterinstrumente gemartert.
In dem Kellerraum, der für die Folterung benutzt werde, herrsche eine Temperatur von über 5 0 Grad Celsius. Vier große Scheinwer - f e r seien während der ganzen Nacht auf den Deli- quenten gerichtet, der während der ganzen Nacht st e h e n müsse. Alle halbe Stunde bekomme der Delinquent ein Glas Salzwasser zu trinken. Dem Delinquenten werden die grauenvollsten Martern immer wieder in allen Einzelheiten geschildert, denen er unterworfen werden würde, wenn er nicht gestehe. Es werden ihm auch Bilder von solchen Marterungen gezeigt, die so furchtbar sind, daß sie nur ein durch und durch krankes Gehirn ersinnen könnte. Viele Delinquenten werden auch viele Stunden lang mit hungri - gen Ratten zusammengesperrt. Die
Folterknechte haben besonders darauf zu achten, daß die Beschuldigten unter keinen Umständen auch nur einen Augenblick schlafen oder Ruhe finden. Eine einzige Nacht im Folterkeller breche den stärk- ften Wider ft and, weil kein Mensch in der Lage sei, die unmenschlichen körperlichen und seelischen Torturen auszuhalten, denen er dort ausgesetzt werde.
Kurz nach Mitternacht hätten sich der Staatsanwalt Wyschinski zusammen mit GPU- Kommissar Jeschow zu Krestinski in die Zelle begeben. Sie seien dort etwa eine Stunde verblieben. In dieser Zeit habe Krestinski immer wieder durchdringende, markerschütternde Schreie ausgestoßen. Dazwischen habe man das fast tierische Geröll Jeschows gehört. Kurz vor 2 Uhr nachts hätten Wyschinski und Jeschow die Zelle Krestinskis wieder verlassen. Krestinski sei dann in einen anderen Raum gebracht worden, und sei völlig apathisch und gebrochen ge
wesen. Er habe den Eindruck eines Irrsinnigen gemacht. Der Arzt des Lubjanka-Gefängnisses, der durch Anwendung besonderer Betäubungsgifte bereits viele Beschuldigte in den Zu - stand völliger Dillenslosigkeit verseht hat, gab Krestinski dann eine Einspritzung. Zwei Beamte der GPU. feien bis zum Morgen, dem Beginn der Verhandlung, bei ihm geblieben. Jeschow habe sich morgens davon überzeugt, daß Krestinski nunmehr bereit sei, zu gestehen.
Der Presse und dem Publikum im Gerichtssaal sei am Donnerstagmorgen sofort aufgefallen, daß Krestinski um 20 Jahre gealtert schien. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Der Kopf fiel ihm immer wieder auf die Brust herunter. An der Stelle des Mannes, der noch am Tage vorher mutig und unerschrocken sich gegen die ungeheuerlichen Beschuldigungen wehrte, habe am Donnerstag ein menschliches Wrack gesessen.
Die Foltermethoden der Sowjets.
Ein entflohener Sowjetbeamter berichtet.
Paris, 4. März. (DNB.) Der in einem Pariser Vorort lebende, 1934 aus der Sowjetunidn entflohene frühere Sowjetbeamte G. N. T. hat vor einem geschlossenen Kreis Ausführungen über d i e Foltermethoden der Sowjets in ihren Gefängnissen gemacht, die ein bezeichnendes Gegenstück zu den am früheren Berliner sowjetrussischen Botschafter Krestinski verübten Foltern bilden. Am furchtbarsten feien die in Sibirien geübten Methoden. Sie beständen in abgefeimten Quälereien. Ihre ' Folge fei immer zumindest Wahnsinn, wenn nicht der Tod. Die im westlichen Teil der Sowjetunion üblichen Folterungen ftien unmenschlich grob, aber nicht so phantasievoll ausgeklügelt. JmLubljanka-Gefängnis i n M 0 s k a u würden die Foltern zumeist von Tar- taren, Chinesen und Mongolen vollzogen, denen jedes menschliche Empfinden fremd sei. In Sibirien seien es mongolische und tartarifche Büttel, die in erster Linie als Folterer angestellt seien. Neben ihnen seien am erfindungsreichst en im Ausdenken an neuen Foltern „gewisse Genossen", die wegen ihrer Abstammung bet vielen unbeliebt seien. Sie hätten eine gründliche Kenntnis aller Funktionen des menschlichen Körpers, so daß sie in der Lage wären, durch deren Behinderung Störungen zu verursachen, die zu den gräßlichsten Qualen führen. Beliebt seien ferner die 2ßaf« f e r f 0 11 e r n verschiedenster Art. Die Gefangenen würden so angebunden, daß aus einer Deffnung über ihrem Kopf in bestimmten Zeitabständen Salzw -sser auf sie herabtropfe. Weiter gehöre dazu abwechselndes Begießen mit Eiswasser und kochendem Wasser und mit Säureflüssigketten, bis die Haut der Opfer in schwarzen Fetzen herunterhänge. Ferner gäbe es raffinierte Nagel-, Messer- und N>a del- Peinigungen, bei denen die Gefolterten unter entsetzlichen Schmerzen brüllend und halb wahnsinnig zu verbluten pflegten. Es kämen weiter
hinzu die verschiedensten Feuerfolterungen, die nicht nur im Absengen der Haare, Durchbrennen der Ohren und Zufügung von Brandwunden am ganzen Körper bestehen, sondern auch im Einflüßen von brennendem Del. Die grauenhafteste Form der Folterung habe T. im Grenzgefängnis von Blagoweschtschensk an einem Japaner erlebt: Die sogenannte Rattenfolter. Zwei vor Hunger rasende Ratten wurden in Blumentöpfen dem Gefangenen auf den Leib gebunden und bann mit glühenden Nadeln durch das Loch des Blumen- topfes gepeinigt, so daß sie sich in die Därme des todgeweihten „Feindes der Arbeiter- und Bauernrepubliken" hineinfraßen.
Reue Verhaftungen in Moskau.
Angeblich Offiziersverschwörung gegen das Leben Stalins.
London, 5. Wärz. (DRB. Funkspruch.) Wie der „Daily Expreß" berichlel, wurden gestern drei hohe Offiziere der Moskauer Garnt- f 0 n unter der Anklage, eine Verschwörung gegen Stalins Leben angezettelt zu haben, verhaftet. Es handelt sich um General ko- watfchenko, Hauptmann Vostuschow und Major Ri- kolajew. Am Freitagabend seien Agenten der GPU. mit aufgepflanztem Seitengewehr in die Wohnungen der Offiziere eingedrungen und hätten sie i m Panzerwagen in das L u b t j a n k a - Gefängnis eingellefert. Die Verhafteten sollen angeblich versucht haben, unter der Wache des Kremls eine Revolte anzuzetteln und schließlich Stalin bei Rächt in seinem Schlafzimmer zu tüten. Rach einer Erklärung der GPU. hätten die verhafteten Offiziere nach der Ermordung Stalins eine neue Regierung bilden wollen.
sisch-rumänischeu Auseinandersetzung über Bessarabien.
Seitdem hat sich vieles geändert. Die von dem nationalsozialistischen Deutschland dem Genfer Kollektivsystem entgegengestellte Methode zweiseittaer Verträge zur Bereinigung von Mißverständnissen und Herstellung einer brauchbaren und haltbaren Grundlage für nachbarliche Zusammenarbeit hat besonders unter den kleineren Mächten Schule gemacht. So hat Jugoslawien im Januar 1937 mit Bulgarien einen „ewigen Friedens» und Freundschaftsvertrag" geschlossen, der geeignet ist, die namentlich aus der mazedonischen Frage immer wieder auftauchenden Gegensätze zwischen den beiden volklich eng verwandten Staaten mit der Zeit ganz auszuräumen und damit hoffentlich ein Problem einmal ganz zu beseitigen, das oft genug Europa in ernste Spannungen versetzt hat. Und noch im März des gleichen Jahres kam auch z w i - scheu Italien und Jugoslawien em Vertrag zustande, der die Adriafrage, auch em heißes Eisen der europäischen Politik, das noch aus der Vorkriegszeit stammt, jeder Aktualität entrückte. Es ist auch kein Zweifel, daß die Enttäuschung über die Mißerfolge der Genfer Entente und die in Genf stets brutal in den Vordergrund geschobenen Interessen der dort tonangebenden drei Großmächte ebenso wie die infolge der verstärkten Hetze der Komintern überall notwendig gewordene Abwehr der kommunistischen Gefahr die Balkanmächte einander näher gebracht haben. Sowohl in Belgrad wie in Athen und Ankara sind autoritäre Regierungen am Ruder und die soeben verkündete rumänische Verfassung soll auch in Bukarest die Grundlage für ein starkes autoritäres Regime des Königs sein. Der überall hervortretenden entschie
den antikommunistischen Tendenz hat sich auch die Türkei nicht entziehen können. Sowohl die Meerengenkonferenz von Montreux, auf die wir noch zu sprechen kommen werden, wie der vorderasiatische Bund, den die Türkei vor kurzem mit Iran, Afghanistan und dem Irak abgeschlossen hat, zeigten den Wunsch Kemal Atatürks, sich von Moskau zu distanzieren und die Außenpolitik seines Landes auf eine breitere Basis zu stellen, wie sie einst das Bündnis mit der Sowjetunion gewesen ist.
Der Balkanbund hat nun soeben seine fünfte Ratstagung in Ankara mit einer Entschließung beendet, die die Bedeutung des Mittel- meerproblems für die Balkanstaaten ganz in den Vordergrund rückt. Die beteiligten Mächte haben mit einer bei solchen Gelegenheiten nicht alltäglichen Eindeutigkeit ihre Stellung zur Frage der Anerkennung des italienischen Imperiums in Ostafrika und zur spanischen Frage präzisiert. Wie bisher schon Jugoslawien und Rumänien werden nun auch Griechenland und die Türkei ihre Gesandten in Rom beim Kaiser von Äthiopien beglaubigen und damit die Anerkennung vollziehen. Ferner werden die vier Mächte offensichtlich unter dem Eindruck des vorsichtigen Einschwenkens der britischen Regierung die Aufnahme der Beziehungen zu General 'Franco und die Entsendung von Handelsagenten nach Salamanca erwägen, unbeschadet des beibehaltenen Prinzips der Nichteinmischung. Es sind Beschlüsse, die von klugem realpolitischem Sinn für die Wandlung der Dinge und die von wachsender Erkenntnis der Hohlheit der Genfer Ideologien zeugen. Noch während des Abessinienkonflikts war es England noch geglückt, zur Unterstützung des Genfer Sanktionsfeldzuges gegen Italien die Mächte des Balkanbundes zu veranlassen, ihre Mittelmeer»
Häfen in gewissem Ausmaße der britischen Flotte zur Sicherung der Sanktionen zu überlassen. Daß man in Belgrad, Athen und Ankara die in diesen Jahren von England wie von Italien mit größtem Nachdruck betriebenen Rüstungen im östlichen Mittelmeer, die italienischen Befestigungen auf Rhodos und dem Dodekanes und die englischen auf Zypern, in Haifa und Alexandrien, nur mit größter Besorgnis vor kommenden Verwicklungen sah, ist begreiflich aus den Erfahrungen, die man im Weltkrieg gemacht hat. Griechenland hat damals gegen die brutale Vergewaltigung der Entente feine Neutralität nicht bewahren können. Das griechische Saloniki wurde Ansatzpunkt einer Ententeoffensive gegen die Mittelmächte. Die Türkei hat die Dardanellen gegen die Angriffe einer britischen Flotte und Landungsoersuche auf Galipoli verteidigen müssen. Jugoslawiens außerordentliche Bedeutung in einem italienisch-englischen Konflikt ist durch feine langgestreckte Adriaküste gegeben. Die Sicherung ihrer Unabhängigkeit und ihrer Neutralität im Kriegsfälle ist also für diese drei Balkanmächte eine Lebensfrage. So müssen alle drei die oon Chamberlain und Halifax auf der einen, Mussolini auf der andern Seite neuerdings wieder eingeleiteten Versuche zu einer Entspannung zwischen England und Italien in ihrem eigensten Interesse aufrichtig begrüßen, zumal dann auch Aussicht besteht, daß in die von London und Rom angestrebte Generalbereinigung auch das Meerengenabkommen von Montreux einbezogen werden könnte, dem Italien seinerzeit wegen seiner damaligen Kontroverse mit England nicht beigetreten war. Auf die Ergänzung des Abkommens durch den Beitritt Italiens legt natürlich die Türkei den allergrößten Wert, da es geeignet


