Ur. 129 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Oberheffen)
4.75. Juni 1938
Das pfingstwunder.
Die alte, bekannte Pfingstgeschichte erzählt von einem Pfingstwunder, das am Pfingstfest geschehen sei. Wie jene ersten Jünger in Worten redeten und in einer Sprache, die von allen Leuten auch aus den verschiedensten Ländern verstanden wurde, als wenn es ihre Muttersprache gewesen wäre. Und staunend fragten sie: Wie hören wir ein jeglicher feine Sprache „darinnen wir geboren sind"? Das erschien ihnen allen als ein Wunder. Aber das gleiche Wunder wiederholt sich in gewissem Sinne an jedem Pfingstfest. Eine neue, wundersame Sprache geht in diesen Tagen durch die Welt und die Menschheit. Und alle, alle vernehmen und verstehen diese Sprache, wie wenn sie „darin geboren sind". Denn es ist eben nicht die Sprache eines bestimmten Volkes oder Landes, sondern wirklich die Sprache der Menschheit, „darinnen wir geboren sind".
Es ist zunächst die Sprache des Lebens überhaupt. Jener unerschöpflichen Lebenskraft, wie sie in dieser holdseligen Zeit und gerade an diesem „lieblichen Fest" als Lenzeswunder und Lenzessieg ihren herrlichsten Zauber entfaltet. Eine wundervolle Lebenskraft und Lebensfreude durchflutet und durchströmt 'alle Kreatur. Kein Keim will unentwickelt, keine Knospe unentfaltet bleiben, alles drängt zum Leben. Und selbst, wenn es nach wenigen Tagen schon wieder sterben müßte, vom Frost geknickt — das Erwachen und Treiben zum Leben ist zu stark und zu süß, die Kraft ist zu groß, als daß selbst der dräuende Tod sie noch zurückhalten könnte. Und wäre das Frühlingslied zugleich ein Schwanengesang, der Drang zum Leben ist zu stark und zu mächtig, als daß ihn noch etwas aufhalten könnte. Das ist die Sprache des Lebens, darinnen wir alle geboren sind.
Die Wiese blüht und duftet. Leuchtende Frühlingssonne flimmert darüber. Blau weitet und breitet sich der Himmel darüber voll unergründlicher Klarheit und Schönheit, feierlich gewölbt wie ein herrlicher Dom. Vernehmen wir die Sprache, darinnen wir geboren sind? Aus Baum und Busch klingts und singts, Vogelstimmen und Jnsektensummen, in den hohen Baumkronen rauscht und braust es durch die eben geborenen Blätter, es rauschen die Wipfel und schauern, wie vom Geheimnis durchwebt, — Sprache des Waldgeheimnisses, Sprache, die auch zu uns spricht. Und steht die Menschenseele der Natur so fern, daß sie nicht von dieser Sprache etwas vernehmen und verstehen könnte? Sprache, darinnen auch wir geboren sind! Sprache des Lebens, die zu unserm Leben spricht!
Es ist aber weiter die Sprache der Freude, die .in diesen Tagen gesprochen wird. Jene ersten Jünger, die das Pfingstfest erlebten, sind den anderen vor allem ausgefallen durch eine strahlende Freudigkeit, durch eine ganz unbändige Freude, die den andern ein Rätsel blieb. Sie müssen einen Freudenrausch, einen Freudentaumel erlebt haben. So war damals Pfingsten der Einbruch der großen Freude in die irdische Welt des Alltags. Und auch heute noch wird zu Pfingsten überall die Sprache der Freude geredet. Denn alles in diesen Tagen ist Freude. F.eude predigt die leuchtende Sonne, Freude strahlt aus dem frischen Grün der Blätter, dem tiefen Blau der Veilchen und Fliederdolden, Freude singen Amsel und Pulsschlag der Natur, denn „der Lenz hat Rosen angezündet, an Leuchtern von Smaragd im. Dom, und jede Seele schwillt und mündet hinüber in den Opferstrom". Die Freude feiert ihr hohes Fest. Die Sprache der Freude wird gesprochen.
Und diese Sprache der Freude wird auch von allen Menschen verstanden und gesprochen. Unaussprechliche Freude erfüllt auch die Menschenbrust, wenn draußen die lenzlichen Wunder sich weben, wenn alles so prächtig ist, wenn alles lacht und lockt zu Freude und Luft. Dann klingts auch im
Menschenherzen: „ ... nun armes Herze sei nicht bang, nun muß sich alles, alles wenden ..AuÄ in uns feiert die Freude ihr hohes Fest. Und selbst in Leid und Mühe hungert und dürstet unsere Seele nach Freude und spricht stammelnd Worte der Freude, wie sie jeder versteht.
Endlich aber ist es die Sprache des Geistes, die am Pfingstfest verkündet wird. Es ist und bleibt doch ein Wunder, wie jene kleine Schar der ersten Pfingstchristen in die große Welt ein- aedrungen ist und sie durch die Kraft ihres neuen Geistes überwunden hat. Sie fürchteten nicht das Schwert und nicht die Flamme, denn sie waren selbst Schwert und Flamme Gottes. Dieser neue Geist hat die alte Welt bis in ihre Grundfesten aufgeregt und erschüttert. Auch jeder einzelne, der von ihm erfaßt wurde, spürte, daß Sturm in sein Leben gefahren war, seine Seele wurde erfüllt von einer neuen, gewaltigen Forderung und Hoffnung.
Eine heilige, starke Wirklichkeit zum Erleben und zum Ergreifen, zum Kämpfen und Siegen, das war ihnen der „heilige Geist".
Und wieder ist es heute ganz ähnlich wie damals. Der neue Geist, der über uns gekommen ist und in dem wir uns endlich gefunden haben, ist auch ein Geist aus Not und Kampf geboren, aus der Sprache der Not, die wir in den Zeiten der Neu- werdung gelernt und gemeinsam verstanden haben. Das ist das Geisterlebnis, die Sprache des Geistes, das Pfingstwunder unseres Volkes und unserer Zeit, das auch mit Feuerzungen und Feuerflammen unter uns getreten ist. So spricht auch heute zu uns im Pfingstfest allen verständlich die Sprache des Lebens, der Freude und des Geistes. Sie spricht zu uns tief und wahr, trostreich und hilfreich, gut und heilig. So grüßen wir das Fest mit den Worten des schönen, alten, vertrauten Pfingstliedes: „O heil'ger Geist, kehr' bei uns ein!" M.
WnMNM.
Äon Gertrud Aulich.
Das aber ist es, öas im Ew'gen grünüch Anü öennoch ganz öas Zeitliche umschließt/ .Das/ was im Hturmesbrausen angekünöet/ 0m Läuselmehen in öie Jeele fließt- Menn sich ües Geistes eherne Gewalt opfersroher/ stammender Gestalt
Der zarten Liebe inniglich verbündet.
Dann Zeugen neu sich ewige Geschlechter/ Om Erze fußend/ und das Haupt im Licht/ dauern/ des Unsterblichen Verfechter/
Wenn alles rings in Ochutt und Moder bricht. And aus dem Aabel herrlich aufgestellt/ Entwirrt die Einheit sich der neuen Melt And stürzt den Turmbau feiger Menschoerachter.
Denn Kraft des Geists allein ist wie gesunder Desruchtungswillen reifer Mannestat.
Doch erst die Liebe schafft das große Münder And reift zur Ernte die verborgne -Zaat.
And was der Geist in taufend Zungen beut/ Dem leiht sie mächt'gen Einklang und erneut Das Biesenwerk im Kreis der Mingflbekunöer.
pfingstliche Mufik.
Die Musik der großen Feste (Christ- und Osterfest) ist fast unübersehbar, beim Pfingstfest ist es geradezu umgekehrt. Man redet, symbolisch betrachtet, von Weihnachts- und Osterglocken, doch nicht von einem Pfingstläuten. Woran das liegen mag? Einmal wohl daran, daß die einfache Handlung des Pfingsttages kaum greifbare Vorgänge bietet, während das Geschehen der beiden anderen Feste eine Ueberfülle sinnfälliger Eindrücke enthält; und doch könnte man denken, die von elementarem Austuhr begleitete Erscheinung der „feurigen Zungen" biete für die Meister der Töne genug des Geheimnisvollen. Vielleicht aber übertönen die vielfältigen Stimmen der reifenden Natur die Töne unserer Musik.
Während die aus dem 9. Jahrhundert stammende Ostersequenz die Grundlage für viele spätere Passionsspiele bildet, blieb die weit ältere Pfingst- sequenz „Veni creator spiritus“ nur eine kirchliche Hymne, der erst spät neuere Melodien unterlegt wurden; ähnlich erging es dem aus dem 7. Jahrhundert erhaltenen Hymnus „Veni sancte Spiritus“, wie überhaupt die Texte zu Pfingsten verhältnismäßig selten sind. Es scheint auch hier, daß der erhabene Gehalt der Pfingsten, das Geheimnis der äußerlichen und innerlichen Erneuerung, nur ganz wenige Künstler begnadet hat, dies Wunder in Worte oder Töne zu fassen.
Nur einer war es, allerdings einer der größten Tonmeister aller Zeiten, dessen Seele kraftvoll genug war, dieses Geheimnis glaubensstark zu erfassen und musikalisch zu verherrlichen, Johann Sebastian B a ch. Er bannte nicht nur alle sprachliche Unbeholfenheit seiner Zeit, sondern legte auch in seine Weisen alles hinein, was die besten Worte kaum auszudrücken vermocht hätten. Noch in seinen letzten Lebensjahren, in den Wochen, als er feine gewaltige b-moll-Messe vollendet hatte, fügte er in die fast unabsehbare Kantatenreihe noch die Pfingst- kantate „O ewiges Feuer ..." ein; sie ist eine der besten Bachschen Kantaten. Der Hallenser Liedermeister Robert Franz, der sie bearbeitet hat, schrieb an seinen Verleger Constantin Sander in einem Briefe vorn 21. Juni 1876: „Bachs wunderbare Art, die Worte musikalisch zu illustrieren, ist hinlänglich bekannt. Auch die Kantate „0 ewiges Feuer..." legt davon ein glänzendes Zeugnis ab. Der Chor beginnt zu singen, und der Meister läßt das „ewig" vom Baß drei Takte lang, also eine wahre Ewigkeit lang halten, während das „Feuer" in den übrigen Stimmen als lodernde Sechzehntelteile aufflammt..." Man vergißt die Worte nicht mehr, so man sie einmal gehört hat:
„0 ewiges Feuer, o Ursprungs der Liebe! Entzünde die Herzen und weihe sie ein!"
Bach hat noch mehrere Choräle (unter den vierstimmigen Bearbeitungen) geschaffen: „Komm heiliger Geist, Herre Gott", ,Lomm Gott Schöpfer, heiliger Geist", „Des heiligen Geistes reiche Gnad'" und „Nun bitten wir den heiligen Geist"; der letztgenannte Choral begeisterte ihn so, daß er ihn in drei Bearbeitungen herausgab. Sie sind alle vier der Kantate „O ewiges Feuer" ... gleich an innerer Kraft und bilden noch heute den Hauptteil unserer pfingstlichen Musik.
Weder vor noch nach Bach sind Pfingstmusiken von ähnlicher Bedeutung und meisterlicher Vollendung erschienen. Die einzige pfingstliche Komposition, die sich neben Bach behauptet, ist Mozarts „Veni sancte“, das sehr oft als Einlage in den Messen verwendet wird und, wie Richard Wagner einmal meinte, „himmlische Weisen lebendig macht". Dieses Mozartsche Werk vereinigt die Innigkeit seiner schönsten Lieder und die Tiefe seines unsterblichen ^Requiems.
Von weltlicher Psingstmusik wären die „Pfingst- tänze" zu nennen, diö jedoch kaum mehr sind als
Der Ring.
pfingsig schicht, von (Lrnst Dörr.
Oberleutnant Techen warf einen abschließenden Blick auf die schweißglänzenden Gesichter seiner Leute und nickte zufriehen. Der Chef würde, wenn er nach der Krankheit wiederkam, nichts an den Leistungen seiner Kompanie auszusetzen finden, die Truppe hielt sich auch bei großen Anstrengungen vorzüglich. Einige darunter zeigten sich den Anforderungen zwar noch nicht völlig gewachsen, aber man sah doch überall den guten Willen zur Bestleistung.
Sein Blick blieb an einem jungen, blonden Riesen hängen, der seinen Platz als zweiter im vordersten Glied einnahm. In ruhiger, selbstsicherer Haltung, als seien die Anstrengungen der letzten Stunden für ihn nur Spiel gewesen, stand er zwischen seinen Kameraden und sah kühl, fast ablehnend, zu dem Oberleutnant hinüber.
Techen fing den Blick auf, sein Gesicht wurde starr. Dann wandte er sein Pferd der Stadt zu. In Gedanken beschäftigte er sich mit dem jungen Uhlenbrock. Der Junge ging jeder Möglichkeit einer etwaigen Annäherung aus dem Wege, außerdienstlich hatten sie noch keine zwei Worte miteinander gewechselt. Und doch war er diesem Jungen während der letzten Jahre Kamerad gewesen, er hatte ihm bei den Vorbereitungen zur Reifeprüfung geholfen und ihn im Kampf um die Berufswahl sogar gegen seine Eltern unterstützt, denn er war immerhin Annelieses Bruder. Freilich einer Anneliese, die eine heimliche Verlobung mit ihm plötzlich zu beenden gewußt hatte mit der geradezu lächerlichen Begründung, daß er nach einem Zusammensein mit ihr den Rest des Abends mit einer andern Frau verbracht hätte. Das Letzte stimmte zwar, nur hatten die Dinge wesentlich anders gelegen, als jene Frau feiner Verlobten hinterher berichtet hatte. Die stolze und in ihrem Selbstgefühl erheblich verletzte Anneliese glaubte nur jener Frau, sie vollzog ohne weitere Auseinandersetzung die Trennung. Mitten in der Frühlingszeit, wo sonst sich die Herzen dem Glück zuneigen. Es war jetzt gerade ein Jahr her. Er hatte Anneliese nicht wiedergesehen, dagegen befand sich ihr Bruder seit dem Herbst als Rekrut in feiner Kompanie, ausgerechnet in feiner.
Am nächsten Sonntag war für die Komvanie Spind- und Studenrevifion angefetzt. Diesen Dienst hätte der Oberfeldwebel zwar allein erledigen können. Da Techen seinen Leuten die Sonntagsruhe, so gut es ging, erhalten wollte, nahm er auch an solchem Dienst meistens teil und drängte dabei auf zeitige Beendung. Punkt neun Uhr betrat Techen
in Begleitung des Oberfeldwebels den unteren Flur des Kompaniegebäudes. Sie begannen mit der ersten Gruppe, also der Stube, in der auch der junge Uhlenbrock wohnte. Jeder eilte an seinen Platz, der Stubenälteste meldete, dann befahl der Oberleutnant das De ff ne n der Spinde. Techen fand nichts Tadelnswertes. Das vierte Spind in der Reihe gehörte Uhlenbrock. In tadelloser Haltung ftand der Schütze daneben. Der Oberleutnant prüfte gründlich, aber auch hier war alles in Ordnung. Er ließ sich das Wasserglas geben und hielt es prüfend gegen das Licht. Auch das fand er einwandfrei gesäubert. Als Techen das Glas zurück- aab und die Stelle, wo es gestanden, mit flüchtigem Blick streifte, stutzte er. Aus der dunklen Deffnung strahlte ihm das matte Feuer eines Rubins an einem Ring entgegen. Und diesen Ring kannte Techen genau. Er gehörte Anneliese. Auch Uhlenbrock starrte auf die Deffnung. Und beide erröteten langsam, der Oberleutnant und der Schütze. Uhlenbrock hätte seinen Vorgesetzten eigentlich anblicken müssen, aber er sah an ihm vorbei, bis dieser sich wandte.
Auf dem Flur kam Techen zum Bewußtsein, daß er Uhlenbrock eigentlich bestrafen mußte, weil dieser einen so kostbaren Ring in seinem Spind aufbewahrte. Sicher hatte auch der Oberfeldwebel den Ring bemerkt, wenn er auch über dessen Wert nichts Genaues wissen mochte. Techen zögerte die Angelegenheit noch einige Tage hinaus, ooch als ihm einige Tage später die Liste der Pfingsturlauber Dorgelegt wurde, kam er wieder darauf. Den Namen Uhlenbrocks fand Techen nicht auf der Liste, während der sonst in die Heimat zu seinem Vater zu reifen pflegte. Nun, das ging schließlich nur Uhlenbrock etwas an, aber die Ringangelegenheit mußte ihren Abschluß finden. Er befahl, Uhlenbrock zu rufen.
Wenige Minuten später klopfte es an die Tür, Techen rief Herein! Jemand knallte an der Tür die Hacken zusammen und eine bekannte Sttmme meldete: „Schütze Uhlenbrock zur Stelle!" Die Stimme klang sachlich, streng dienstlich. — Techen überwand einen auffteigenöen Aerger, er wollte nicht mit einem Vorurteil an die Angelegenheit Herangehen:
„Uhlenbrock, Sie wissen, daß ich Sie bestrafen muß, weil Sie einen wertvollen Ring in Ihrem Spind verwahrten, statt ihn in der Schreibstube zur Aufbewahrung abzugeben?!"
„Jawohl, Herr Oberleutnant!" Wieder sehr dienstlich.
„Haben Sie das Versäumte wenigstens inzwischen nachgeholt?"
„Nein. Herr Oberleutnant, ich gab den Ring nriner Schwester zurück!"
Techen fuhr herum: „Das ist doch nicht gut mög
lich! Ihre Schwester hält sich doch zu Hause bei Ihrem Vater auf!"
„Meine Schwester ist seit gestern abend in der Stadt, Herr Oberleutnant, wir wollen das Pfingstfest gemeinsam hier verbringen!" Das Letzte überstieg eigentlich den Rahmen der aeforberten Antwort, aber Techen fand gar nichts dabei. Er starrte durch das Fenster über das Nüchterne Kasernenfeld, das plötzlich in eine blühende Landschaft verwandelt schien. Aber er sagte sich sofort, daß er kein Recht habe, das eben Erfahrene in eine Beziehung zu sich zu bringen. Er schloß unvermittelt und rauh:
„Es ist gut, Sie können gehen!"
Wieder knallten die Hacken, die Tür schloß sich, Schritte verhallten auf dem langen Flur. An diesem Nachmittag wurde Tqchen lange in der Kaserne festgehalten, es war fast Abend, als er an dem Posten vorbei zur Haltestelle des Autobus hinüberschritt, der die Kaserne und deren Umgebung mit der Stadt verband. An dieser Haltestelle stand wartend eine junge Frau. Der Frühlingswind drückte ihr Mantel und Kleid gegen die schlanken Glieder. Sie sah ihn nicht. Techen stutzte. Diese Haltung und das eigentümlich blonde, leicht gekräuselte Haar mußten zu Anneliese gehören.
Sie war es wirklich. Als sie ihn bemerkte, fuhr sie zusammen. Er grüßte und verharrte einen Augenblick unentschlossen. Aber — Herrgott! — einem Mädel, das einem nahezu gehört hatte und auf das man immer noch wartete, konnte man doch nicht steif gegenüberstehen. Er tat einen halben Schritt auf sie zu, die junge Dame, die ihre Sicherheit wiedergewonnen hatte, zog die rechte Hand aus der Manteltasche und hob fie leicht. Da nahm er diese behandschuhte Mädchenhand. „Anneliese", sagte er, „wie kommst du hierher?" Dummer hätte er nicht fragen können. Er berichtigte sich auch sofort: „Ich verstehe, du erwartest deinen Bruder?!"
„Nein", lachte sie befreit, „im Augenblick nur den Autobus. Gerd ist noch nicht dienstfrei.. Er gab mir nur das Bündel Wäsche hier, das ich für ihn zur Wäscherei bringen soll. Man möchte doch auch, daß ein Bruder während der Pfingsttage recht nett aussieht!"
Techen warf einen Blick auf das Paket: „Allzuviel Freude wirst du an deinem Auftrag nicht, haben. Soldatenwäsche ist meistens wenig romantisch!"
Sie tat unbekümmert: „Was macht das! Dafür ist er eben Soldat. Und hoffentlich kein schlechter? Oder irre ich mich?"
„Ich kann nur sagen, daß ich sehr stolz auf ihn bin. Das heißt heimlich; ihm das zu sagen, werde ich mich hüten!"
Der eintreffenbe Autobus verhinderte eine Fortsetzung des Gesprächs. S>e stiegen ein. aber Anneliese verschmähte den Sitzplatz, fie blieb auf der
Plattform neben Techen stehen. Während Anneliese zahlte, löste sie den Handschuh von der rechten Hand. Und nun entdeckte Techen den Ring.
„Erlaubst du mir eine Frage, Anneliese?!" Er bemerkte von der Seite, wie sich ihr Gesicht schmerzhaft zusammenzog. Sie erwartete wohl ein Anspielung auf das Vergangene. Dann aber sah sie ihn fest und tapfer an. „Warum bewahrte dein Bruder den Ring bisher bei sich auf?"
Nun lächelte sie wieder. „Ach, das weißt du auch? Aber das kann ich beim besten Willen nicht beantworten, Peter!^ Sie sagte wirklich Peter. Im ersten Augenblick erschrak sie darüber, denn es war ohne Absicht gesprochen, aber eine nachträgliche Entschuldigung schien ihr entbehrlich. „Gerd behauptet", so fuhr sie fort, „den Ring in der Wohnung gefunden zu haben, aber ich halte einen kleinen Diebstahl für wahrscheinlicher. Vielleicht wollte er damit bei Freundinnen Wirkung erzielen, obwohl ich zu wissen glaube, daß Soldaten keine Ringe tragen dürfen!"
„Im Dienst jedenfalls nicht. Ich schätze auch, daß Gerd solche Köder nicht benötigt!" Heimlich dachte er: Hab Dank, mein Junge!
Eine Kurve in der Fahrbahn brachte es mit sich, daß Anneliese leicht zur Seite fiel und sekundenlang, von ihm gehalten, an seiner Brust ruhen blieb. Sie wurde rot, Techen gab sie auch sofort wieder frei. Und als sie ihm dankend zulächelte, ha faßte er, ohne daß einer der Mitfahrenden es be» merkte, nach ihren Händen und neigte sich zu ihrem Ohr herab:
„Anneliese, brächtest du es fertig, wieder an mich zu glauben?!"
Sie schluckte heftig, als ob sie ein Weinen bekämpfen müsse. Dann nickte sie wortlos.
Als das junge Paar zwei Stunden später den Schützen Uhlenbrock abholte, da empfing ihn Techen mit den Worten: „Eine Stunde Nachexerzieren wedde ich dir vielleicht nicht ersparen können, aber ich danke dir von Herzen!"
Hocksc-ulnackrickten.
Der Lehrstuhl für technische Physik an der Technischen Hochschule Berlin ist dem bisherigen nb. ao. Professor Dr. Erw^n Meyer unter Ernennung Zum persönlichen ord. Professor verliehen worden. Professor Meyer hat sich als Abteilungsvorsteher am Heinrich-Hertz-Jnstitut für Schwingungsfor- fchung einen Namen gemacht: seit vier Jahren ist er als Lehrer für technische Akustik an der Chor- lottenburger Hochschule tätig.
Professor Dr. Adolf Hille, Extraordinarius für Zahlheilkunde an der Universität Leipzig ist wegen Erreichung der Altersgrenze von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


