Naimschutz-enkmäler Oberhessens.
Ein interessanter Vortrag bei der NGKOV.
In der Mitgliederversammlung der NS.'Kriegs- opferoersorgung am gestrigen Donnerstagabend im „Burghof"' gedachte Kameradschaftsfichrer Bon. Hard zunächst der im letzten Jahr verstorbenen sechs Kameraden und drei Kameradenfrauen. Er empfahl dann u. a. die Bücherei, für die er weitere Buchspenden erbat, und kündigte den Anschluß an die Vortragsreihe des Goethe-Bundes an. Weiter gab er Aufschluß über eine Reihe wichtiger Dersicherungs- und Bersorgungsfragen. So betonte er nochmals das sorgsame Markenkleben als Voraussetzung für die Versicherung, und gab die Einführung eines Sterbegeldes für die von 1934 bis 1938 beigetretenen Mitglieder und die Neuordnung der Dersorgungs- und Invalidenrente bekannt.
Anschließend hielt Kamerad Kulturmspektor Vogt einen von ausgezeichneten Lichtbildern un- terstützten Vortrag über „Bilder aus der Heimatlicken Natur". Er ging auf die Veränderungen des Landschaftsbildes im Wandel der Zeiten ein, die. setzt zur Durchführung des Naturschutzgesetzes geführt haben, um wenigstens seltene Naturvorkommen der Tier- und Pflanzen- und Gesteinswelt zu erhalten. Erne große Anzahl unter Denkmalschutz stehende Pflanzen und Landschaftsgebilde aus der näheren oberhessischen Heimat wurde im Bild vorgeführt, so der lilienartige, schöne „Türkenbund", aus dem die Alchimisten Gold her- stellen wollten, die zu den Orchideen zählende.Knotenblume" oder „Großes Schneeglöckchen", das in der gebirgigen Gegend anzutreffen ist, das im niederen Vogelsberg zu findende „Waldblättlein", die vielerorts vorkommende giftige Frühlingsblume „Seidelbast", schließlich der schön blau blühende „Enzian", den man auch in der Umgebung von Gießen vorfindet und die ruhig fließende Gewässer, wie z. B. den Teich bei Londorf, zur Zeit der Heuernte schmückende „Seerose". Den giftigen „gelben Sturmhut" zeigte der Redner an den Hängen des Lollarer Kopfes und an dem Basaltstein, dem sog. „Hohnstein" bei Garbenteich, die sehr seltenen Reste pontischer Flora, ferner die zeitig im Frühjahr blühende, violett aussehende Küchenschelle, die auch auf Basalt bei Langsdorf anzutreffen ist, die Droll-Klotzblume, die im Vogelsberg bis «n die Wetterau nach Hungen, Inheiden, Weckesheim gedeiht und dann erst wieder im Taunus wächst.
Von den Bäumen führte Inspektor Vogt zu- nächst die Eiche in einigen in der freien Natur schön
gewachsenen Exemplaren an, u. a. die alte Eiche zwischen Reiskirchen und Hattenrod, dann auch die Linden, den eigentlichen Baum der Germanen. Solche Naturdenkmäler sind die Dorflinde in Grü- ningen, die Linden auf der Hardt bei Lich und eine Linoengruppe im Feld bei Lützellinden. Wo Schatten erwünscht ist, bevorzugt man die Pappel, die Napoleon wegen ihrer soldatischen Ausrichtung bei Strahenbauten verwenden ließ. Die am Bach der Horloff bei Villingen sich besonders schön ausnehmenden Pyramiden-Pappeln beleben das Land- schaftsbilü, in dem sie erhalten bleiben sollen. Wei- terhin zeigte der Vortragende eine der in Ober- Hessen sehr seltenen Wildbaum-Alleen aus dem Jagdgelände bei Romrod und ein merkwürdiges Gebilde, wie es die Feldgrauen in den Argonnen vorfanden, das eine Buche umschlängelnde _ Wald- geisblatt, besten Aeste die gedrehten Krückstöcke liefern.
Von den Pflanzen ging der Vortragende zu den Schönheiten der unberührten Landschaft über, die in ihrer Ursprünglichkeit erhalten bleiben soll. So zeigte er u. a. den schönen Anblick des alten Tei- ches an der Ohm bei Nieder-Ofleiden, den von dem giftigen Wasserschierling bestandenen Londorfer Teich, Vogelsberger Gebirgslandschaften bei Stumpertenrod, Stornfels, Ulrichstein, oberhalb Kestrichs und schließlich von dem Hochmoor am Taufstein. Ausgezeichnete Aufnahmen vom Richthof bei Unter» Schwarz ließen die an schön gewachsenen Bäumen und schönen Baumalleen, aber auch 'Wasser- umspülten Baumgruppen reiche Landschaft, die durch ihre Natürlichkeit außerordentliche Reize auf» weist, erkennen. Der Vortragende zeigte auch Lär- chen aus dieser Gegend, die zu den-Seltenheiten Deutschlands gehören und brachte dann das Gieße- ner Manganbergwerk mit feinen geologischen Merkwürdigkeiten und andere Gesteinsvorkommen, wie am Hansteingraben bei Nieder-Ofleiden, das vorgeschichtliche Grab im Feld bei Staufenberg, die Grabhügel in der Lindener Mark usw. im Bild, um auch solche Seltenheiten der Heimat zu zeigen. Abschließend brachte er neben seltenen Tieren Kir» chen- und Ortsansichten, die durch Bäume oder Fachwerkbauten ausnehmend schön sind, wie z. B. Elpenrod und die Kirche von Ruhlkirchen.
Den durch reichen Beifall bekundeten Dank der Zuhörer brachte Kamerad Bonhard in herzlichen Worten zum Ausdruck.
BOM.. u. IM.-Untergau -116, Gießen.
Befr.: Tagung der Großfahrtführerlnnen.
• (Berichtigung.)
Die am Samstag, 5. 2., stattfindende Tagung der Großfahrtführerinnen, an der alle Mädel- und Jung- mädel-Gruppen- und Scharführerinnen teilnehmen, findet ab 1 4 U h r in der Dienststelle des Untergaues statt und nicht, wie gestern veröffenllicht, um 13 Uhr.
Befr.: Besprechung der Schulungsmadel im 321L-UntergaiL (Berichtigung.)
Die Besprechung der JM.-Schulungsmädel findet anstatt am 6. d. M. am 5. d. M., anschließend an die Tagung der Großfahrtführerinnen statt.
Elternabend und Ausstellung der Jungmadel, gruppe 3/116.
Wir verbinden mit unserem Elternabend noch eine kleine Ausstellung, die von der in der Gruppe geleisteten Arbeit berichten soll. Deshalb wird die Turnhalle schon um 19.30 Uhr geöffnet.
Volkstanz-Gruppe.
Alle Mädel der Volkstanz-Gruppe treffen sich heute, 29 Uhr, in her Turnhalle der Oeffentlicyen Handelslehranstalt.
An alle Vereinsführer im Kreis Wetterau.
Der Kreisbeauftragte des WHW. Gießen (Wetterau) teilt folgendes mit:
In diesen Wochen werden von der Mehrzahl aller Vereine im Kreis Wetterau Veranstaltungen durchgeführt, die dem Zwecke dienen, die kamerad- fchaftliche und familiäre Verbundenheit in den einzelnen Vereinen zu heben und zu fördern.
Es wäre dabei ein gan* besonderes Zeichen der Verwurzelung des einzelnen Vereins innerhalb unsrer Volksgemeinschaft, wenn aus den Ueber- fchüssen dieser Veranstaltungen auch Mittel für das WHW. des deutschen Volkes freigemacht würden.
Jeder verantwortungsvolle Vereinsführer wird erst bann seinem Verein die Abrechnung für die betreffende Festveranstaltung mit wahrer innerer Genugtuung vorlegen können, wenn ein Teil des Überschusses, der ja grundsätzlich und im Allge- motnen eigentlich restlos der besonderen Dereins- arbeit dienen soll, dem großen sozialen Hilfswerk zugeführt wird, das feine ganze Kraft dafür einsetzt, im Laufe der Zeit jeden deutschen Volks- gertoffen soweit zu fordern und zu helfen, daß er dann selbst froher Festteilnehmer werden kann.
Der Kreisbeauftragte des WHW. bittet daher alle Vereinsführer, Spenden aus diesen Mitteln auf das Konto des WHW.
Postscheckkonto Nr. 23 633
Bezirkssparkasse Gießen Nr. 6100
Bezirkssparkasse Mathildenstist, Friedberg Nr. 82 einzuzahlen. Jedem Verein wird bann eine entsprechende Spenbenquittung zugehen.
NGKK.-Obergruppenführer Seydel in Gießen.
Am Dienstag wellte der Führer der Obergruppe West des NSKK., Obergruppenführer Seybel, in Gießen, um einen Sturm der Standarte 147 im Dienstbetrieb kennenzulernen. Zu dieser Besichtigung hatte man einen der Gießener Motorstürme, den 4/M. 147 (Sturmführer Mohr), ausersehen. Nachdem der Obergruppenführer im Lause des Nachmittags auf der Dienststelle in die Geschäftsführung des Sturmes Einblick genommen hatte, wohnte er am Abend dem Sturmdienst bei. Die Behandlung der verschiedenen Sachgebiete, wie Gelände- künde, Fahrzeugkunde, Verkehrserziehung, Straßen- Verkehrsordnung u. a. vermittelten ein anschauliches Bild von der im Sturm geleisteten Arbeit. Der Obergruppenführer äußerte sich zum Schluß sehr anerkennend über Auffassung und Durchführung der behandelten Ausgaben und sprach dann vor dem Sturm in einem kurzen Abriß über Entstellung, Wesen und Ausgaben des Korps. Am Schluß seiner Ausführungen stand der Hinweis auf die Bedeutung, die dem geistigen und kameradschafllichen Zusammenhalt innerhalb der Einheit zukomme. Gesundes Leben im Sturm und damit Förderung des einzelnen und Hebung des Ausbildungsstandes der Gesamtheit erwachsen nur aus dem Gefühl unbe
dingter Zusammengehörigkeit und Verbundenheit mit der gemeinsamen Sache. Mit dem Gedenken des Führers endete der Sturmabend.
Arbeiisführertaaung in Gießen.
Wie mir schon berichteten, hält die Gruppe 22 3 des Reichsarbeitsdienstes in Gießen eine Führertagung ab. Am gestrigen Abend versammelten sich die Tagungsteilnehmer und einige Gäste im Saale des Hotel Schütz zu einem Begrü.hungs - und Kameradschaftsabend!
Nach einem schneidigen Marsch des Musikzuges begrüßte der Gruppenführer, Arbeitsführer Zim- p e l, die Erschienenen und sprach von dem Zweck und den Aufgaben der Tagung. Er freue sich, daß es möglich geworden sei, diese Zusammenkunft in der schönen Stadt Gießen durchführen zu können, und dankte für die Mitarbeit und das große Entgegenkommen der Gießener Stadtverwaltung. Der Arbeitsdienst habe eine doppelte Aufgabe, nämlich die Arbeit an dem Menschen und an dem Boden. Der Arbeitsdienst sei eine der revolutionärsten Erscheinungen des neuen Reiches. An dem jungen Manne erfülle der Arbeitsdienst eine große Erziehungsaufgabe, und durch die Arbeit am Boden werde z. Z. an der Erfüllung des Vierjahresplanes mitgeholfen. Der Gruppenführer wünschte der Tagung einen guten Verlauf und brachte anschließend das Sieg-Heil auf den Führer aus.
Nach einer kleinen Pause wurde ein Film des Rassepolitischen Amtes der NSDAP., betitelt „Erbkrank", vorgeführt. Interessant und gleichsam er
schütternd war der Einblick in eine Welt Erbkranker, ferner erkannte man hier wieder eindringlich die Notwendigkeit des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.
Im Verlaus des Abends überbrachte Bürgermeister Prof. Dr. Hamm die Grüße des Oberbürgermeisters und der Stadt Gießen. Das Verhältnis zwischen Arbeitsdienst und Stadt Gießen sei schon immer Ausgezeichnet gewesen. Er freue sich, daß die Arbeitsdienstführer die Möglichkeit hätten, auf einer Rundfahrt die Stadt Gießen und einen Teil ihrer Umgebung kennenzulernen. Auch was Gießen an Kulturellem leiste, könnten sie bei dem Besuch des Stadtcheaters feststellen. Der Bürgermeister wünschte der Tagung guten Erfolg.
Kameradschaftlich blieben die Tagungsteilnehmer bei guter Musik und Unterhaltung beisammen. Besonders ein wirklicher Zauberkünstler verstand es meisterhaft, seine Kameraden zu unterhalten. Um Mitternacht wurde der Abend mit einem Spruch geschlossen.
Neuer Oberspielleiter am Gtadttheater.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Für die Spielzeit 1938/39 wurde Dr. Hannes R a - zum vom Stadttheater Aachen als Oberspielleiter des Schauspiels verpflichtet. Dr. Hannes R a z u m ist in Aachen Spielleiter und Dramaturg, vorher war er an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main tätig. Razurn ist einer unserer jüngsten Dramatiker. Sein Drama „Die Machthaber" wurde in der letzten Woche an den Städtischen Bühnen Gladbach-Rheydt uraufgeführt.
„Quer durch (Südamerika."
Schade, daß man diese herrliche Reise „Quer durch die Staaten Südamerikas" nicht an Ort und Stelle, sondern nur im Geiste an Hand des Vortrags von Dr. Rudolf Roch und feines Filmes am gestrigen Abend im Lichtspielhaus Bahnhof- ftrabe machen konnte. Wohl bei allen Besuchern wird sich durch den interessanten Vortrag und die prächtigen Bilder der Wunsch geregt haben, diese herrlichen Landschaften auch einmal selbst kennen- zulernen, und zwar nicht im Pflichtenkreis der täglichen Arbeit, sondern als Vergnügungsreisende, die aller Sorgen und Verpflichtungen los und ledig wären.
Der Vortragende gab vor Beginn der Filmvorführung eine kurze Uebersicht über die wichtigsten Merkmale der sudamerikanischen Staaten. Dabei warnte er die deutschen Volksgenossen mit allem Nachdruck vor einer unbedachten Auswanderung dorthin, und er ließ keinen Zweifel darüber, daß dieser von der Natur so wunderbar gesegnete Kontinent in wirtschaftlicher Hinsicht insbesondere für den Ausländer, also auch für deutsche Auswanderer, wenig erfreuliche Perspektiven bietet. Jedenfalls machte er ganz eindeutig kla? daß der Lebenskampf dort Drüben für jedermann, abgesehen von den ganz reichen Leuten, ganz außerordentlich schwer ist. Dann berichtete er, daß Deutschland mit den südamerikanischen Staaten, insbesondere mit Brasilien und Argentinien, in guten Beziehungen lebt. Er gab dann noch vom politischen Standpunkt aus einen kurzen Ueberblick über die dortigen Verhältnisse und hatte damit in großen Strichen das geistig-politische Bild skizziert, das jene Länder dem Besucher barbieten.
Nunmehr begann an Hand eines bildmäßig und technisch ausgezeichneten Filmes eine große Rundreise durch die Staaten Südamerikas, bis hinunter zum Kap Horn an der unwirtlichen Spitze von Feuerland. Brasilien, Argentinien, alle Nordstaaten, die Zentral- und die Südstaaten wurden in Stadt und Land durchstreift und mit interessanten Bll« öem aus Stadt und Land und Urwald vorgeführt. Da gab es Dinge zu schauen, bei denen den deutschen Betrachtern der Bilder alle bisherigen Begriffe über jene Länder hinsichtlich deren Größe und wirtschaftliche Möglichkeiten vollkommen über den Haufen geworfen wurden. Da lernte man landschaftliche Schönheiten kennen, die außerordentlich fesselnd und denkwürdig nach vielerlei Richtung hin sind. Man erhielt aber aucy einen Begriff davon, wie bitter ernst und schwer das Leben jener Menschen, insbesondere auf den ungeheuren Landflächen und im Urwald ist. Man bekam ferner einen eindrucksvollen Begriff von der ungeheuren Größe der Naturschätze und der wirtschaftllchen Produktion, die ein gewaltiges Uebermaß "don Vor- x röten zur Folge haben. Alles in allem: nicht nur ein interessanter, sondern auch ein sehr lehrreicher Film, bei dem die etwa VMtünbige Vorführungs- zeit zu einer Quelle wertvoller Erkenntnisse und guter Unterhaltung wurde.
Dem Vortragenden wurde denn auch in gebührender Weise mit herzlichem Beifall gedankt.
Unfall an der Bahnstrecke Gießen - Gelnhausen.
Heute morgen ereignete sich bei Posten 3 an der Bahnstrecke Gießen—Gelnhausen, an jener Stelle, wo die Bahnlinie die Straße Gieße n—W aßen« born-Steinberg kreuzt, ein Vorfall, der unter Umständen schwere Folgen nach sich ziehen konnte. Von einem beladenen Güterwagen löste sich während der Fahrt m dem Augenblick, als der Zug jerabe die Straße passierte, ein schwer erDaum- tamm und fiel vom Wagen. Der Baum- tamm schlug dabei gegen das kleine Dienschäuschen des Bahnwärters an der rechten Straßenseite, schlug einen Teil der Backsteinvormauer ab, schob das Geländer mit den Blumenkasten zur Seite und durchschlug den Boden zwischen der Eingangstür des Häuschens und der niedrigen Vormauer, so daß der kleine Keller unter dem Häuschen sichtbar wurde. Glücklicherweise tarnen Personen nicht zu Schaden.
*
** Kneipp-Ku r.babGießen. Am morgigen Samstag wirb bie Gruppe Gießen der Kneipp-Be- roegung im Katholischen Vereinshaus bie Feier ber
Die Mädchen aus der Burgflraße.
Roman von Hilde R.Lest.
8. Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)
Mutter Lenz sah Lisbeth mit prüfendem Blick an. „Abwarten, meine Liebe! Du wärest nicht deiner Mutter Kind, wenn du ewig wie eine Marmor-Amazone aus dem Museum herumliefest."
„Vorläufig", beeilte sich Lisbeth zu sagen, „hoffe ich meinen klaren Kopf jedenfalls noch behalten und gebrauchen zu können. Das ist wichtig, wenn ich sehe, wie ber Assessor sich von Ursel bemuttern läßt und offenbar seine Freude daran hat. Er taut ordentlich auf, wenn er mit ihr spricht. Weiß man denn, was in solch ahnungslosem Gelehrtenherzen vorgeht? Ursel mag sich nichts dabei denken, wenn sie schön mit ihm tut, sich in seinen Arm hängt und seinen Schlips richtig bindet. Wahrscheinlich sind ihre Gedanken ganz wo anders. Aber ber Assessor! Er ist bas nicht gewöhnt. Carla hat ihn immer recht kühl behandelt. Gesetzt den Fall, er fängt Feuer — was wird bas für ein Palawatsch, wenn Carla zurückkehrt, unb er von Rechts wegen seine Werbung wieberholen muß ..."
„Du benkst immer an bas Schlimmste!"
„Ich versetze mich nur in feine Lage. Es fehlt nur noch, daß Herr Stelling bei uns erscheint, wir werben ihn vor dem Assessor schließlich nicht verstecken können. Bums! Dann sitzt unser Assessor zwischen zwei Stühlen. Bei jedem anderen Mann konnte man sagen: bas ist seine Sache. „Wir haben ihn nicht gerufen, und du hast ihm deine Töchter nicht zur Auswahl auf dem Präsentierteller bargeboten. Aber beim Assessor ist das etwas anderes. Er ist wie ein großes Kind. Wir tragen eine Verantwortung, die allmählich zu schwer für uns ist."
„Man müßte ihn eben aufklären."
„Das würbe nicht viel nützen. Wenn man verliebt ist, gibt es keine Dernunftsgründe..."
„Als ob bu's aus eigener Erfahrung wüßtest!" neckte bie Mutter.
„Vielleicht weiß ich es auch", sagte Lisbeth.
„Was willst bu tun?"
,Zch will, daß seine Mutter ihn wieder unter ihre Fittiche nimmt. Ich werde morgen zu ihr gehen. Er ist schließlich ihr Sohn, nicht der deinige."
Mutter Lenz durfte, als sie allein war, seltsamen Gedanken nachhängen. Was bewog Lisbeth, die Sache des Assessors zu der chrigen zu machen?
Was verbarg sich hinter dieser plötzlichen Geschäftigkeit? Mutter Lenz kannte ihre Tochter nicht wieder.
*
Ms Lisbeth die Freitreppe zur Mansfeldschen Villa hinanstieg, pochte ihr doch ein wenig das Herz. Sie hatte richtige Angst, Angst nicht vor Dingen, die da kommen konnten, wohl aber vor sich selbst. Sie wußte, daß sie Hochmut nicht widerspruchslos ertragen konnte. Ein unbedachtes Wort konnte alles verderben.
Als sie geschellt hatte, öffnete ein Mädchen mit weißem Spitzenhäubchen. Ob die gnädige <frau zu Hause fei? Ja, die gnädige Frau sei da. Das Mädchen führte Lisbeth in eine Halle, wo ein Wald von Hirschgeweihen aus den Wänden starrte. Der Justizrat war in seiner Jugend offenbar ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn gewesen. Lisbeth überreichte ihre Karte. Das Mädchen empfing diese Karte auf einem silbernen Tablett und verschwand. Nach wenigen Minuten war sie wieder da. „Die gnädige Frau bittet, Platz zu nehmen."
Nach einer Frist, bie Lisbeth endlos vorkam, erschien abermals bas Mädchen. „Die gnädige Frau lassen bitten!" Sie schlug bie Portiere zurück, und Lisbeth ging durch einen mit ungeheuren Bücherschränken erfüllten Raum, den eine aus holz- geschnitzten Rosen gebilbete Ballustrade von einem zweiten Raum trennte. Hier saß bie Justizrätin in einem mächtigen Ledersessel vor einem erloschenen Kamin und nestelte an ejner Handarbeit.
Die alte Dame blickte von ihrer Arbeit auf, als ob sie darin gestört würde, sagte „Ah!", erhob sich halb aus ihrem Sessel und wies mit knochiger Hand auf ein Möbelstück, bas wie ein Kirchenstuhl aussah unb so stand, daß ber Lichtschein des einzigen Fensters gerabe darauf fiel. Ein Großinquisitor hätte diese Anordnung nicht besser treffen können. Der Angeklagte sollte im Licht sitzen, ber Ankläger im Dunkeln.
„Danke!" sagte Lisbeth höflich unb setzte sich.
Die Justizrätin machte von ber Gelegenheit, Lisbeth zu betrachten, ausreichend Gebrauch. Dann erst bewegten sich ihre dünnen Lippen. „Sie sind also Fräulein Lenz. Mein Sohn schickt Sie."
„Nein", sagte Lisbeth leise, „Herr Dr. Mansfeld weiß nichts von meinem Hiersein."
Die Justizrätin zog die Brauen hoch, die seltsam buschig waren. Das konnte eisige Ablehnung sein, vielleicht auch die Aufforderung zum Sprechen. Entschlossen nahm Lisbeth das letztere an.
„Herr Dr. Mansfeld wird Ihnen erzählt haben.."
„Ich weiß alles", unterbrach sie die Justizrätin, „mein Sohn hat selbstverständlich keine Geheimnisse vor mir-"
„Dann werden Sie auch wissen, daß seine Verlobung ..."
Die Justizrätin schien nicht gewohnt zu fein, ihre Besucher ausreben zu lassen. „Mein Sohn hat sich nicht verlobt!" sagte sie etwas lauter. „Wie sollte er sich denn ohne Einwilligung seiner Eltern verloben!"
„Außerdem", sagte Lisbeth in aller Ruhe, „hat ja auch Hie Einwilligung ber Braut gefehlt!"
Die Justizrätin fuhr zusammen. „Uns, das heißt H-rrn Justizrat Mansfeld und mir, genügt es, baß wir unsere Einwilligung nicht gegeben haben."
Lisbeth faßte ihr Gegenüber fest ins Auge und sagte: „Ich bin nicht gekommen, an Ihren Entschlüssen, das heißt an^ Ihrem Entschluß und dem des Herrn Justizrats Mansfeld, zu rütteln. Ich kam ausschließlich um seinetwillen, das heißt um des Herrn Assessors Mansfeld willen. Ich konnte mir denken, daß er schwer unter seiner Einsamkeit leidet. Ebensowenig wie ihm ein kleines Hotelzimmer dieses Elternhaus ersetzen kann, kann ihm meine Familie, so sehr sie sich auch um ihn kümmert, die Sbrgfalt einer Mutter ersetzen. Meine Mutter ist schließlich nur eine einfache Kriegerwitwe, die neben ihrer schweren Arbeit wenig Zeit erübrigt!"
Das kam etwas härter und spitzer heraus, als es gedacht war. Es besagte: Scher dich gefälligst um deinen Sohn! unb Lisbeth dachte bei sich: Sicherlich wirft sie mich jetzt hinaus.
Aber es geschah etwas, was Lisbeth nicht erwartet hatte. Die Justizrätin preßte die dürren Hände zusammen, als ringe sie mit sich selbst, bann sagte sie mit veränderter, falt weinerlicher Stimme: „Ich habe Ihren Spott unb Ihre Vorwürfe nicht verdient. Es ist Spott, wenn Sie mir entaegen- halten, daß Ihre Mutter es schwerer hat als ich. Spotten Sie, soviel Sie wollen. Aber spotten Sie nicht einer Mutter, bie unter dem Eigenwillen ihres Sohnes leibet wie jebe andere."
Jetzt nicht weich werben, Lisbeth! befahl sich das junge Mäbchen, ber Feinb ist angeschlagen! Er bars keine Atempause haben! Und sie fuhr laut fort: „Ich will nicht mit Ihnen streiten, unter wessen Eigenwillen Ihr Sohn leidet. Ich bin selbst auch zu jung, mich in bie Gefühle einer Mutter zu versetzen. Aber meine eigene Mutter sagte mir — unb beshalb kam ich hierher —, sie könne es nicht länger mit ansehen, wie hier ein Sohn seine Mutter verliert. Allerbings, meine Mutter ist — wie ich schon sagte — nur eine einfache Kriegerwitwe."
„Lassen Sie bas!" sagte die Justizrätin böse. Sie sah lange zu Boden unb fragte plötzlich: „Wo ist mein Sohn?"
„Immer noch im Hotel, Sie kennen doch selbst
verständlich seine Adresse?" sagte Lisbeth unbarmherzig.
„Wollen Sie mich denn gar nicht verstehen?" zeterte bie Justizrätin, aber in ihrem Zetern lag ein derart verzweifelter Ton, daß Lisbeth für diesmal den Angriff abblies.
„Hotel König von Spanien, Burgstraße 116", sagte sie.
„Mein Gott", seufzte die Justizrätin, „was mag das für ein Lokal fein?"
„Es ist ein Lokal, in dem vor Herrn Dr. Mansfeld bereits Herr Gotthold Ephraim Lessing abgelegen ist."
Die Justizrätin schoß einen grimmigen Blick ab, aber Lisbeth kam es vor, als hätte hinter dem Grimm noch ein letzter verschütteter Rest von Humor aufgeleuchtet. Lisbeth erhob sich. „Es wurde mich freuen, wenn ich Ihnen mit ber Nennung dieser Adresse einen kleinen Dienst erwiesen hätte. Mehr lag nicht in meiner Absicht."
Das Stubenmädchen stand schon, wie durchs Geistertelephon gerufen, an der Portiere, hinter der es offenbar gelauscht hatte. Lisbeth wollte sich mit einem Nicken entfernen, aber bie alte Dame erhob sich und schritt wahrhaftig neben ihr her bis in die Vorhalle. „Ich danke Ihnen für den Besuch", sagte sie. Lisbeth fühlte den Druck der knochigen Finger. Die Justizrätin sprach weiter. „Ich danke Ihnen auch dafür, baß Sie heute nicht viel mehr von mir verlangt haben, als ick gewähren konnte."
Lisbeth ftanb geblenbet im Licht bes Tages vor der über und über mit Efeu begonnenen Villa. Sie dankt mir, weil ich nicht mehr von ihr verlangt habe, als sie gewähren konnte... Was hieß das? Wer hatte was von wem verlangt, wer hatte wem was gewährt, wer wollte eines Tages von wem mehr gewährt haben? Sie kam mit der Lösung nicht zurecht. Unsinn, dachte sie, die Alte ist natürlich nicht ganz richttg, wenn sie auch lange nicht so schlimm ist, wie sie tut...
Nach dieser Unterredung konnte es nicht lange währen, daß bie Justizrätin die knarrenden Holz» treppen bes „Königs von Spanien" erklomm. Der Zufall wollte es, daß sie in der Vorhalle Lisbeth begegnet war. Es war später Nachmittag, unb Lisbeth hatte dem Assessor im Auftrag der Mutter Lenz einen Kuchen gebracht. Als sie die Justizrättn sah, hätte sie sich am liebsten unsichtbar gemacht, aber das Falkenauge der alten Dame entdeckte sie sofort. Die Justizrätin hob ihren Regenschirm auf halbe Höhe zum Gruß unb sagte etwas atemlos: „Ach, Fräulein Lenz, mein Sohn ist wohl oben?" und versuchte ein Lächeln.
(Fortsetzung folgt.)


