Bücher unter dem Weihnachis-aum.
Sie Erbin Napoleons.
— Alphons Nobel: Königin Hortense, die Erbin Napoleons. Mit 16 Bildern. Preis in Leinen geb. 5,40 RM. Societäts-Berlag Frankfurt a. M. —(409)— Aus der reichen Memoirenliteratur der Zeit kristallisieren sich mehr und mehr auch die Nebenfiguren des gewaltigen Napo- leon-Dramas heraus. Nach, der Madame Mere, Josephine und Marie Louise, nach Talleyrand und Fouchö, nach Murat und Jerome und vielen anderen erhält nun auch Hortense Beauharnais, die Stieftochter und Schwägerin Napoleons I. ihre moderne Biographie. Als Mutter Napoleons III., dessen Aufstieg zur Macht sie zwar nicht mehr erlebt, aber mit allen Fasern ihres Herzens ersehnt und politisch vorbereitet hat, bildet sie recht eigentlich die Brücke zwischen den beiden Epochen der Dynastie Bonaparte. Alphons Nobel schildert, sich vorwiegend auf die Memoiren und Briefe Hortenses stützend, ihre Jugend in den furchtbaren Revo- lutionssahren, die auch ihrem Vater, dem Generäl Beauharnais, das Leben kosteten, und dann den märchenhaften Aufstieg an der Seite ihrer Mutter, der kühl berechnenden Josephine, zur kaiserlichen Prinzessin und Königin von Holland. Aber der Glanz der Königskrone wird getrübt durch eine politische Ehe, die Josephine gegen den Willen der beiden Parmer aus krasser Eigensucht gestiftet hat, um ihre eigene zu sichern, die freilich trotzdem geschieden wird, als Napoleon zur Begründung einer Dynastie die Verbindung mit einem legitimen Herrscherhaus sucht. Hortense und Louis, ihr Gatte, sind zu verschiedene Charaktere, um zusammen glücklich zu werden. Bald leben sie getrennt, nur der Wille Napoleons verhindert die Scheidung, aber Hortense tröstet sich mit dem Grafen Flahaut, einem unehelichen Sohne Talleyrands. Ihrer beider Sohn, der Herzog von Morny, wird einmal unter seinem Halbbruder Napoleon HI. Großkanzler der Ehrenlegion werden. Es sind für Hortense kurze Jahre einer fast besinnungslosen Jagd nach dem Glück, noch der Liebe, die ihre sehr frauliche Natur mehr ersehnt als politische Macht. Sie hat, wenn auch nicht in dem Maße wie ihr klar schauender Gatte, das Gefühl für die Vergänglichkeit der Macht und findet sich, nachdem sie während der „Hundert Tage" in beispielloser Treue zu Napoleon gehalten hat, mit Anstand in die Rolle der Verbannten, die erst in Augsburg, dann in Are- nenbera am Bodensee und in Rom mit dem ihm verbliebenen Sohn einen kleinen Kreis von Verehrern um sich versammelt, eine schöne, anmutige Frau mit der sentimentalen Selbstsucht ihrer Zelt, voller Interesse für Musik und Literatur, aber immer sich dessen bewußt, Bewahrerin des napoleonischen Erbes zu sein. Nobel hat in der Lebensskizze Hortenses die menschlichen Züge betont, ohne ihr zu schmeicheln. Trotzdem macht sie in dem farbenreichen BUd, das er von der Gesellschaft ihrer Zeit in ihrem abrupten Wandel von den blutigen Tagen Robespierres über die Diktatur Napoleons zurück zur legitimen Monarchie der Bourbonen entwirft, dank ihrer natürlichen Fraulichkeit eine vorteilhafte Figur. Sicher war sie eine der liebenswertesten Erscheinungen int Kreise der Familie Napoleons.
Dr. Fr. W. Lange.
Durch die wette Welt.
— Walter Hinz: Iranische Reise, eine
schiert 2,80 Mark, Ganzleinen 3,80 Mark. Deutscher Verlag, Berlin. — (534) — Paul Graetz war der wagemutige deutsche Forscher, dem viele Jahre vor dem Kriege die ersten Durchquerungen Afrikas im Auto und im Motorboot gelangen. Ein deutscher Kolonialoffizier und Forscher, der den dunklen Erdteil jahrelang nach vielen Richtungen hin bereiste und tatkräftig an der ersten Organisation eines europäischen Luftverkehrsnebes mitwirkte. Er berichtet in diesem Buch von seiner Jugend, von der
Militärzeit, von feinem früherwachten Wunsch, Forscher zu werden; wie er dann auszog, um draußen in den Kolonien etwas zu leisten, wie er dort Straßenbaute und seine beiden denkwürdigen Expeditionen durchführte. Gespannt verfolgt man die fesselnden Schilderungen, nicht zuletzt interessieren uns auch die Berichte von der großen Stuüien- und Vortragsreise durch Niederländisch-Jndien, die Paul Graetz in reiferen Jahren noch einmal in die Ferne führte.
„Xeniwtfer", Roman von 3na Seidel
— Ina Seidel: Lennacker. Das Buch einer Heimkehr. 768 Seiten. In Leinen RM. 8,50, in Halbleder RM. 12,—. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, Berlin. — (465.) — Hans Lennacker, ein junger Deutscher, der 1914 mit Hunderttausenden seinesgleichen in den Krieg gezogen ist, kehrt Weihnachten 1918 als verabschiedeter Offizier heim, um ein neues Leben zu beginnen. Da seine Eltern tot sind, verlebt er bei seiner einzigen, noch lebenden Verwandten, der Domina eines Damenstiftes, im wunderlich-fremden Kreise alter Frauen und Fräuleins den Heiligen Abend, vertieft sich hernach mit der Domina in Erinnerungen an die gemeinsame Familie und fällt noch in der gleichen Nacht in ein hitziges Fieber, mit dem eine verschleppte Krankheit zum Ausbruch kommt. In den zwölf Nächten, zwischen Weihnachten und Neujahr, liegt er im unruhigen Fieberschlaf, und die alte Volksweisheit — daß in Erfüllung gehe oder Wahrheit sei, was man in dieser Zeit träumt — erhält in den Visionen des jungen Heimkehrers einen merkwürdig-hintergründigen, neuen Sinn. Die traumhaften Gestalten, Ereignisse und Gespräche dieser zwölf Nächte machen den eigentlichen Inhalt des Buches aus; in der gleichsam fortlaufenden Entwicklung der Traum- gesichte zwischen Weihnachtsabend und Jahresanfang, zwischen Wachen und Wiedererwachen, gewinnt Ina Seidel die innere Form und die künstlerische Geschlossenheit ihres Romans: die Rahmenerzählung schafft nämlich nicht allein die Rundung und den äußeren Zusammenhalt der zwölf Geschichten, welche die Hauptkapitel und den Kern des Romans bilden, sondern auch die lebendige Beziehung zwischen dem Träumer und den Erlebnissen seines Traumes, zwischen den wirklichen und den unwirklichen, den vergangenen und den gegenwärtigen Ereignissen des Buches. In den zwölf Traumnächten erscheint dem jungen Lennacker, letztem männlichen Erben seines Namens, die Geschichte seiner Väter, eines alten Pfarrergeschlechtes. Diese Geschichte geht weit über das Maß etwa einer Familienchronik hinaus, denn was hier von der Reformationszeit bis an die Schwelle der Gegenwart an ihm und uns vorüberrauscht, ist zugleich ein bedeutendes Stück deutscher Vergangenheit und deutschen Lebens durch vier Jahrhunderte hindurch. Jeder der zwölf Lennacker nämlich, die dem letzten Enkel da erscheinen, steht an einer Wende seines Schicksals, vor einer Entscheidung, in einem Gewiffenszwiespalt, in einer Notzeit seines Volkes. Aus den Wirrnissen des Bauernkrieges und des Ringens um die reine lutherische Lehre taucht die Gestalt des ersten der zwölf Vorfahren auf, des Pfarrers Johannes Jakobus Lennacker, 1500 bis 1562. Ein anderer kämpft verzweifelt mit Weib und Kindern um die wirtschaftliche Behauptung und um die Würde seines Amtes in einer dörflichen Hungerpfarre, wieder einer um
die Bewahrung seiner kleinen Gemeinde vor der Schwedenverfolgung im 30jährigen Kriege. Ein Lennacker im 17. Jahrhundert ringt mit all seiner Glaubens- und Ueberzeugungskraft um die Rettung Unschuldiger vor Hexenverfolgung, Folter und Feuertod; wieder einer, Tobias Laurentius, erlebt unter schweren seelischen Erschütterungen seine Berufung im vielfältig verwirrenden, weltlichen Prunk und Glanz der Residenz Augusts des Starken; Reinhard Christian, „damals vor Jena", hilft am Vorabend der Schlacht unter Einsatz seines Lebens einem verwundeten preußischen Offizier zur Flucht; und das letzte, leise Gespräch vor dem nächtlichen Aufbruch ins Ungewisse kreist um Novalis, Schiller und Schleiermacher. Die drei jüngsten in der Generationenreihe kämpfen um ihre Bewährung in den großen Entscheidungen des 19. Jahrhunderts, um soziale Fragen, um widerstreitende Strömungen der modernen Theologie und Kirchenpolitik der wilhelminischen Zeit, ... im tiefsten Grunde wieder den alten Gewissenskampf der Vorfahren um die Gnade ihres geistlichen Amtes und um die reine Lehre des wahren Christentums. Während der Roman sich gerade in diesen letzten, uns zeitlich und gefühlsmäßig nächsten Gestalten und Ereignissen zu einer manchmal erschütternden Gewalt geistiger Auseinandersetzung und seelischer Selbstbehauptung steigert und eine bewundernswerte Reife künstlerischer Einfühlung bestätigt, erscheint inmitten der Geschlechterfolge, wie ein idyllisches Zwischenspiel und pastorales Scherzo im Rokoko-Jahrhundert, die Geschichte des Justus Erdmann Lennacker, 1720 bis 1800: Alltagssorgen in einer thüringischen Landpfarre am Dienstag vor Erntedankfest, gewinnend heiteres Bild deutschen Lebens, von allen zarten Lichtern eines gütigen Humors überspielt, den wir aus manchen andern Büchern Ina Seidels kennen: das entfaltet sich vor unfern Augen wie ein Stich von Chodo- wiecki. — Wie „Das Wunschkind", dessen Auflage die 200 000 längst überschritten und den Namen der Dichterin volkstümlich gemocht hat, so wird auch der neue Roman, das Buch einer Heimkehr, zu den Werken gehören, die — über den flüchtigen Reiz der Neuerscheinung oder der Modelektüre hinaus — Bestand haben und dauern, weil er an die Wurzeln und Urgründe des deutschen Lebens rührt und Zeugnis ablegt von den unerfchöpfbaren, fortwirkenden Kräften des Geistes und des Herzens in unserem Volke. Das Buch „Lennacker" wurde aus einer gestaltenden Kraft und einer in sich ruhenden, menschlichen Reife geschrieben, der sich kein Leser wird entziehen können. Ina Seidel ist, neben Ricarda Huch, heute unter uns wohl die einzige Frau, deren dichterische Intuition einem so weitschichtigen und tiefgründigen, einem so männlich anmutenoen und verpflichtenden Stoff gewachsen war.
Hans Thyriot
Forschungsfcchrt durch das heutige Persien, mit 93 Abbildungen nach eigenen Aufnahmen des Verfassers, Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde. Preis in Leinen geb. RM. 4,80. — (527.) — Die Einbanddecke des auch äußerlich schmuck ausgestatteten Buches ziert ein vor der Sonne herfchrei- tender Löwe mit erhobenem Schwert, das persische Wappen, das in den meisten von uns Bubenerinnerungen an hoffnungslos leere Seiten unserer Briefmarkensammlung weckt. Auch sonst gehen die Gedanken beim Stichwort Persien weit zurück an die ersten Geschichtsstunden, in denen die alten Perserkönige Kyros, Darius und Terxes eine Rolle spielten. Und zwischen ihnen und den Schahs der Vorkriegszeit, die bei ihren Besuchen in Europa eine Sensation unserer Illustrierten waren, klafft eine beträchtliche Lücke. So ist es gut, daß es ein deutscher Gelehrter ist, dem wir in diesem Buch auf seiner Fahrt durch Persien folgen. Professor Hinz ist Direktor des Seminars für den Nahen Osten an der Universität Göttinnen und seine Forschungen galten vorwiegend der Safawidenzeit um die Wende des 16. Jahrhunderts, die in der besagten Lücke zwischen den persischen Großkönigen und Resa Schah Pah- lawi, dem Begründer des modernen Irans in der Geschichte, Kultur und Baukunst Persiens den weitaus nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hat. Professor Hinz läßt uns teilhaben an seinen Entdeckerfreuden auf den Spuren fast verschollener oder aus einer falschen Einstellung zu den „Ruinen" früherer Geschichtsepochen von den das moderne Iran repräsentierenden Behörden mit Absicht verborgen gehaltener Baudenkmäler der Safowidenherrscher, deren bedeutendster Abbas der Große sich in Jspa- han eine Residenz von märchenhafter Pracht geschaffen hat, von der wir heute noch beim Betrachten der vielen ausgezeichneten Bilder des Verfassers und aus seinen begeisterten Schilderungen einen nachhaltigen Eindruck bekommen. Nicht weit davon liegen die gewaltigen Ruinen von Persepolis, das die Residenz der persischen Großkönige des Altertums gewesen ist und dessen Ausgrabung durch amerikanische Archäologen von der iranischen Regierung eifrig gefördert wird. Tun sich hier im Süden die Wunder des Orients in herrlichen Denkmälern aus den beiden Glanzperioden der persischen Geschichte vor uns auf, so erleben wir in Teheran, der heutigen Hauptstadt, mit dem Verfasser das moderne Iran, das unter der zielbewußten Führung Resa Pahlawis mit staunenswerter Energie dem Schlendrian einer jahrhundertelangen Mißwirtschaft der Verfallszeit ein Ende gemacht hat und vorsichtig aber entschieden den Anschluß an die kulturelle Entwicklung des Westens herstellt. Da der Verfasser die persische Sprache beherrscht, ist es ihm möglich gewesen, mit allen Dolkskreisen Fühlung zu bekommen, Jo daß wir ein sachlich gut fundiertes, in der Verteilung von Licht und Schatten wohl abgewogenes Blld des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens im heutigen Iran mit all feinen Problemen erhalten. Ein besonderes Lob verdienen die zahlreichen schönen Bilder, die den Bericht des Verfassers nach allen Seiten hin wirkungsvoll ergänzen.
Fr. W. Lange.
— Paul Graetz: Buntes Erleben in drei Erdteilen: Erinnerungen eines alten Afrikaners. Mit 29 Bildern und einer Karte. Bro
WF
— Die Kunstdenkmäler de s Kreises Gießen. Band I: Nördlicher Teil. Bearbeitet von Heinrich Walbe. Geschichtlicher Teil von Karl Ebel und Carl W a l b r a ch. Vorgeschichtlicher Anhang von Herbert Krüger. XXIII und 389 Seiten. Mit einer Karte und 433 Abbildungen. Preis brosch. RM. 12,—. Hessisches Denkmalarchiv — Schloß. Buchhandlung Arnold Bergsträsser Nachf., Darmstadt 1938. — (374.) — Mit dem vorliegenden, sehr stattlichen Bande wird das große Werk der „Kunstdenkmäler tn Hessen" um einen gewichtigen Beitrag vermehrt und im besonderen die Denkmälerbeschrci- bung des Kreises Gießen abgeschlossen. Band II, 1919 erschienen, enthielt Kloster Arnsburg mit Altenburg; Band III, 1933, enthielt den südlichen Teil des Kreises mit 36 Orten. Der neue, erste Band bringt den nördlichen Teil mit insgesamt 53 Orten, darunter die Städte Gießen und Grünberg. Die Vorarbeiten für das jetzt abgeschlossene Werk reichen bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück und knüpfen sich an die Namen v. Ritgen, Wagner, Bronner, Sauer und Ebel. Professor Ebel, 1933 verstorben, hatte auch für den Band I, was dessen geschichtlichen Teil betrifft, Vorarbeiten geleistet, Die von Dr. C. Walbrach in Gießen nunmehr vollendet und ergänzt worden sind. Die Beschreibung der Denkmäler lag, wie bei den voraus- gegangenen Bänden, wiederum in den bewährten Händen von Geh. Rat Walbe. Für das sehr reiche und vorzüglich wiedergegebene Abbildungsmaterial hat die Brühlsche Druckerei zahlreiche Druckstöcke aus den Beständen unserer „Heimat im Bild" beigesteuert. Für den vorgeschichtlichen Anhang lieferte Professor Krüger eine dankenswerte, aus der Literatur und den Schätzen des Gießener Museums erarbeitete Zusammenstellung. Die Gesamtanlage des Werkes entspricht nach Inhalt und Form grundsätzlich und sinngemäß den früher erschienenen Bänden. Die Darstellung wird eingeleitet mit einer sachkundig zusammenfassenden Uebersicht über die Besonderheiten in Bauweise und Kunst des Kreises Gießen; hier wird beispielsweise über die landschaftlichen Charakteristiken der Hof- und Haussormen, über Straßen- und Dorfbild und über das hessische Fachwerk gehandelt. Die Einzeldarstellung umfaßt in alphabetischer Folge — von Alb ach bis Wirberg — 53 Kreisorte; sie beginnt jeweils mit einem kurzen historischen Abriß, der etwa Lage, Einwohnerzahl, Namen, früheste Erwägung, wesentliche llrfunben und kirchliche Beziehungen des Ortes nachweist. Anschließend erscheint die Beschreibung der Denkmäler, wobei naturgemäß in der Mehrzahl der Fälle der Kirchenbau im Mittelpunkt steht; es folgen frühere Befestigungen, Tortürme, Rathäuser, Wohnhäuser und Höfe, Spritzen- und Backhäuser, kurz alles, was als Denkmal im kunstgeschichtlichen Sinne irgend von Bedeutung scheint; die Beschreibung reicht bis in die Einzelheiten wie die kirchlichen Altargeräte oder die Steinmetzzeichen, und verzeichnet auch, soweit sie dessen wert erscheinen, die Glocken, die Grab- und Taufsteine. Man muß sich schon eine Weile in das Werk vertieft haben, um das Maß an
ler in Hessen.
Arbeit und Ausdauer, an Kenntnissen und liebevoller Genauigkeit zu würdigen, das hier eingesetzt worden ist zu einer Bestandsaufnahme, die mit gutem Grunde als lückenlos bezeichnet werden darf und ein überaus reiches Material vorlegt, das kunst- geschichtlich wie allgemein historisch, folkloristisch und familienkundlich von unerschöpflichem Wert ist. Innerhalb der Gesamtanlage dieses Bandes nehmen die Darstellungen der Städte Gießen und Grünberg weitaus den breitesten Raum ein. Insbesondere darf der Abschnitt über Gießen, der uns von besonderem Interesse ist, als eine geschichtlich-kunstgeschichtliche Monographie unseres Gemeinwesens von vorbildlicher Vollständigkeit und Genauigkeit gelten. Ein breiter Raum ist hier beispielsweise der Beschrei- bung der alten Stadtsiegel und der Gießener Siede- lungsgeschichte gewidmet; neben der gründlichen Darstellung der zahlreichen architektonischen Denk- mäler ist die einläßliche Behandlung alter Grabsteine besonders auch familiengeschichtlich von Nutzen und hohem Reiz. Es sei ferner auf die umfängliche Literatur hingewiesen, die im Denkmälerwerk verarbeitet wurde und zu Beginn übersichtlich zusam- mengefteUt ist. Nicht zu vergeßen endlich der im Hinblick auf die vorzügliche verlegerifche Ausstattung des Werkes bemerkenswert geringe Preis. Das Buch ist aus Mitteln des Reiches und des Landes Hessen hergestellt worden; die Landeskirche, der : Kreis und die Stadt Gießen haben dankenswerterweise Zuschüsse geleistet. Es darf erwartet werden, daß auch dieser neue Band die weite Verbreitung findet, die seiner Bedeutung für die Geschichte unseres engsten Heimatgebietes entspricht.
* Hans Thyriot.
— Carl Sanier: Hessen in her beut» schen Malerei. Mit Kunstchronik von Willingshausen. Zweite vermehrte Auflage mit 153 Abbildungen. Halbleinen RM. 4.50, kart. RM. 2,80. N. G. Elwertsche Verlagsbuchhandlung (G. Braun), Marburg 1939. — (469) — Die stattliche Schrill erscheint als viertes Heft der „Beiträge zur hessischen Volks- und Landeskunde", die an die Stelle des früher in 24 Jahrgängen von Professor Dr. Chr. Rauch herausgegebenen Jahrbuches „Hessen-Kunst" treten sollen. Die erste Auflage des Bantzerschen Werkes, die seinerzeit hier ausführlich gewürdigt wurde, war in kurzer Zeit vergriffen; die vorliegende zweite wird um so willkommener fein, als sie gegen die erste vermehrt und vereinheitlicht worden ist. Die großen Vorzüge des Werkes liegen klar zu Tags: der Verfasser ist ein hervorragender Kenner nicht nur der hessischen Kunst, sondern auch von Land und Leuten in Hessen. Damit gewinnt das Buch, seiner ganzen Anlage nach, nicht nur künstlerischen und kunstgeschichtlichen Wert, sondern auch bedeutende volkskundliche Qualitäten. Das reiche Bildmaterial, das auch Werke aus jüngster Zeit berücksichtigt, ist vorzüglich reproduziert. Das Verzeichnis der^Künstler, die in Hessen gearbeitet haben, weist insgesamt 225 Namen auf. Der Preis ist in Anbetracht des Gebotenen lehr mäßig zu nennen.
hth.
Scherz und Satire.
— Ludwig Thoma: „I o z e f F i l s e r s ge« samelter Brieswexel". Zwei Bände in einem. Mit dreißig Zeichnungen von Eduard Thöny. In Seinen gebunden 3,80 RM. Albert Langen/Georg Müller Verlag, München. — (363) — Seit Ludwig Thoma den kenigl. Abgeorneten Jozef Filfer aus Mingharding feine Erlebnisse als „Barlamendahrier" zu Papier bringen ließ, schlecht und recht, wie es dem „Man des Folkes" geziemte, sind einige Jahrzehnte vergangen. Die Zeiten haben sich inzwischen gründlich verändert, aber dieser Briefwechsel ist frisch und lebendig geblieben bis auf den heutigen Tag. Denn all die brieflichen Ergüsse dieses biederen ,T>egonohmen", der am Gängelband der Zentrums- Geistlichkeit die Stufen des Parlaments emporklimmt und bann im Schoße der mittlerweile sanft entschlafenen „Zändrumsbardei" fein von keiner Erfahrung getrübtes Regierungshandwerk übt, lesen sich heute wie damals mit grimmigem Behagen. In diesen Briefen wird greifbar die Welt der Münchner Vor-- kriegszeit lebendig, deren Maibockproben und Fasching und sonstige bajuvarische Ereignisse der abenteuerreiche Hintergrund dieses witzigen Buches, das zugleich aber die ernsteste und treffendste politische Satire der deutschen Dichtung ist.
— Robert Högfeldt: Das harmonische Familienleben. 40 Zeichnungen mit Versen von Hayno Focken. Geh. RM. 2,—, geb. RM. 3,—. Paul Neff Verlag, Berlin. — (464.) — Das moderne Schweden hat nach O. Jacobsson, dem Schöpfer des auch in Deutschland verdientermaßen populär gewordenen kleinen Herrn Adam- son, abermals einen Humoristen der Zeichenfeder heroorgebrocht, dessen Begabung über die übliche Witzblattzeichnung und die Karikatur hinausreicht und sich durch die Komik des Einfalls und die Prägnanz des Ausdrucks allenthalben unmittelbar ver« stündlich machen kann. Während eine Gestalt wie Adamfon gewissermaßen der Pechvogel in Person ist, im ständigen Kampfe mit den kleinen Tücken und Abenteuern des täglichen Lebens, sind Högfeldts Figuren nicht auf einen Generalnenner der Erscheinung gebracht, obgleich sie im Typus alle unter» einander unverkennbar verwandt sind. Högfeldt sieht das tägliche Leben seiner Geschöpfe nicht so pessimistisch wie Jacobsson, obwohl auch er die Gchat- tenseiten, die kleinen Unfälle und Entgleisungen keineswegs vertuscht. Die harmonische Familie, die er uns in feinem neuen Buche vorstellt, wird uns schnell vertraut, nicht allein um der Treffsicherheit der Zeichnung willen, sondern auch wegen einer gewissen Allgemeingültigkeit der Motive: der künftige Schwiegersohn und der witzige Vetter, das schwarze Schaf und die Erbtante, der Geburtsmorgen und die heimliche Verlobung, der große Krach und der Besuch beim Zahnarzt — das sind, um einiges herauszugreifen, Figuren und Situationen, die immer und Meral wiederkehren und ohne viele Worte awf menschliches Verständnis rechnen können. Immerhin geben manche der Begleitverse von Focken den Bildern Högfeldts erst die rechte Würze, die klangliche Rundung sozusagen der linearen Komik. Das Buch wird bald seinen Freundeskreis haben und vielen eine Stunde unbeschwerter Heiterkeit schenken. Hans Thyriot.
Für unsere Kinder.
— 3n neuer Ausgabe erschien: Dr. Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter. Nach der Urfaffung neu gezeichnet und in Holz geschnitten von Fritz Kredel. In vielfarbigem Offsetdruck. Halbleinen 1,50 Mark, unzerreißbar 3,50 Mark, Sonderausgabe in Halbpergament 6,50 Mark. — Rütten und Loening Verlag, Potsdam. — (540) — Die prächtig lebendigen Hoffmannschen Origlnalzeichnungen des „Struwwelpeter" sind (mit Ausnahme der in einmaliger Auflage erschienenen Faksimile-Ausgabe des Struwwelpeter-Manuskripts) aus drucktechnischen Gründen nie in der Urform übernommen worden. Bei allen früheren Ausgaben des Bilderbuches waren es Lithographen, die mit bravem, aber doch unzulänglichem handwerklichen Können den Originalzeichnungen die für den Druck erforderliche neue Gestaltung gaben. Wollte man eine Neugestaltung versuchen, die Anspruch auf Gültigkeit für die Gegenwart wie für die Zukunft erheben konnte, so stellte sich die Aufgabe, das Werk von allen Schlacken geschmacklich andersgearteter oder unsicherer Zeiten zu reinigen und die Neufassung einem kongenialen Künstler zu übertragen, der fähig und willens war, diese in echter Einfühlung aus der ursprünglichen Fassung Hoffmanns zu entwickeln. Dadurch, daß es gelang, in Kredel einen Künstler von Rang für diese Arbeit zu gewinnen, der zudem die für den „Struwwelpeter" besonders geeignete Technik des Holzschnitts überragend beherrscht' fand der lang erwogene Plan auf schönste Weise Erfüllung.
— „B a st e l, der R e i t e r b u b.* Eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg von Werner Siebold. Mit 30 Zeichnungen von O. A. Brasse. RM. 2,90. Walter Flechsig Verlag, Dresden. — (357.) — Das wechfelvolle Schicksal eines armen elternlosen Reiterbuben, der sich durch Mut und Entschlossenheit auszeichnet. Er ist daraus bedacht, der guten Sache zu dienen, und stürzt sich in allerlei Abenteuer. Ein neues Buch des bekannten Jugendautors voll Spannung und Schwung, das geschickt die geschichtlichen Ereignisse verarbeitet.
— MariaGrengg: NurMut,Brigitte! Eine Erzählung aus dem Leben junger Menschen. 160 Seiten. Mit einem Titelbild und 30 Bildern im Text von der Verfasserin. Ganzleinen 3,60 RM. (Herold-Verlag, Stuttgart.) — (448) — Die bekannte österreichische Dichterin erzählt in diesem schönen Buche von einem jungen Mädchen, das tapfer seinen Weg ins Leben geht. Brigitte läßt sich nicht unter» krieyen und arbeitet trotz aller Schwierigkeiten zäh auf chr Ziel hin. — Wie in allen Büchern von Maria Grengg sind auch hier ernste Fragen in schlichter Form berührt und alle Gestatten atmen die Liebe und Mütterlichkeit, die Maria Grenggs Gestalten saft immer eigen sind.
— Molli. Eine Geschichte erdacht und illustriert von Clare Turlay N e w b e r r y. Aus dem Amerikanischen übertragen von I p f. 31 Seiten mit zweifarbigen Kupfertiefdruckbildern. 2,25 RM. Verlag Josef Scholz, Mainz. 1938. — (433) — Das Buch vom Kätzchen Molli wird dis Kinder entzücken und die Großen, die ein Herz für Kinder und Tiere haben, werden an der Freude der kleinen Leser mit Vergnügen teilnehmen. Denn in dieser klaren Geschichte wird das Tier weder verniedlicht noch vermenschlicht, sondern es bleibt ein Geschöpf, das sein eigenes Da* fein febt


