Nr. 283 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Z./4. Dezember 1938
Aus der Stadt Gießen.
Vorweihnachtszeit.
Der Adventskranz hängt in unferm Zimmer. Er ift eine Pracht mit feinen roten Bändern und Ker- ren und der glitzernden Weihnachtsglocke inmitten. Er kündet uns, daß die heimeligste und schönste Zeit des Jahres gekommen ist.
Im Kinderzimmer hängt auch eine Glocke. Wir haben sie selbst gefertigt: Brigitte hat einen Blumentopf vergoldet, dann bekam er einen Klöpp'el qus einem Tannenzapfen, und nun hängt die fertige Glocke, mit einem roten Band und einem Tannenzweig/ an der Lampe.
0 ,Mutti, kommt denn auch die Weihnachtsuhr wieder?" „Ja. wenn du brav bist!?" Wie oft wird wohl in diesen Wochen das Bravsein — das doch jetzt durch Ungeduld und Erwartung besonders schwer fällt — zur Bedingung gemacht!
Vor Jahren, als das Christkindchen die Weihnachtsuhr zum erstenmal gebracht hatte, hingen lauter Magengenüsse daran: Plätzchen, Lebküchlein, Nüsse, Schokolade! Aber jetzt, seit das Kind zur Schule geht, sind auch nützliche Dinge da, wie Bleistifte, Radiergummi und Haarspangen. Täglich wandert der Zeiger auf die nächste Zahl: wieder ist ein Tag vorüber, bis endlich, endlich der ersehnte Tag gekommen ist.
Die Zeit zu kürzen, wird tüchtig gearbeitet. Tannenzapfen, die wir im Wald gesucht haben werden für den Christbaum versilbert. Und dann vie Geschenke! Das ist eine Wichtigkeit! Da wird gemalt unb geklebt, gehäkelt und gestrickt. Eifriges Tuscheln mit dem Papi, wobei auch öfters Meinungsverschiedenheiten in Boxkämpfen ausgetragen werden, sagt der Mutti, daß auch sie überrascht werden soll. Es ist ihr etwas bänglich zumute, was bei dieser Ueberraschung herauskommen wird. Deshalb sucht sie burd). auffällig geäußerte Wünsche die Gemüter der Geber zu beeinflussen, um rüenigftens den Kauf der allerunnötigsten Dinge zu verhindern.
Inzwischen werden eifrig Weihnachslieder geübt, zweistimmig sagar. Natürlich, Mutti hat wieder alle Verse vergessen und muß sie neu lernen! „Sti—i—Ile Nacht ..." tönt es vom Klavier her aus dem Kinderzimmer.
Als Brigitte noch klein war, sang sie auch schon die schönen Weihnachtslieder so gern. Nur hieß rs bei ihr immer: „O du fröhliche, o du selige, knaben- bringenibe Weihnachtszeit," „Ihr Kinderlein, kommet" aber war ihr liebstes Lied. Eines Tages, als war gerade gesungen hatten: „... der Vater im Himmel für Freude euch macht", sah sie ihre Mutti fragend an: „Papa Himmel fliegt??" Als sie dann vom Lichterbaum erzählt bekam, an dem silberne Bälle seien, verkündete sie strahlend: „Bitta nehmen, Fußballspielen!"
Wie schön ist diese Zeit der Erwartung und der heimlichen Vorbereitungen! In den Schränken sammeln sich allerlei geheimlisoolle Päckchen. Weihnachtlicher Duft kommt aus der Küche: es werden Plätzchen gebacken; Brigitte hilft mit glühenden Bäckchen. Nachdem die ausgestochenen Herzchen und Sternchen und Monde verschiedentlich wieder zulammengeknautscht und der Teig schon etwas -schwärzlich geworden ist, entstehen doch noch die wunderbarsten Sinne für die Pupvenkuche. Zum Schluß werden noch Brote, Brötchen und Hörnchen geformt und ein kleiner, runder Kuchen für den bunten Teller auf dem Puppentisch, der mit Zucker und Mandelschnitzeln bestreut wird.
Die Hausfrau stöhnt zwar manchmal, aber auch sie freut sich innig an dieser Zeit.
Draußen ift's kalt und dunkel, in den Zimmern aber und in den Herzens ift’s hell und warm!
H^., Bann und Inngbann 116.
Betr.: Reichsberufswrtkkampf.
Sämtliche Einheitsführer bzw. Sozialwarte haben mir bis zum 5. Dezember 1938 zu melden, daß alle berufstätigen Angehörigen sich zur Teilnahme am Berufswettkampf angemeldet haben, und daß sich die Führer die beglaubigten Anmeldescheine haben oorlegen lassen.
Dem Auge das Beste!
Lassen Sie sich beraten von
\ ( -3 Optiker JBlagnus dem Optiker Ihres Vertrauens / Seltersweg 33 1 Kassenlieferant,
22. Seltersweg, Goethe st raße: Seiher, Rektor: Ritter, Oberbürgermeister; Kratz, DRK.- Feldführer: Poppe, LS.-Hauptsührer; Schuchardt, LS.-Oberführer; Thierfeldt, Gefolgschaftsführer; Schwender, Sturmführer: Wagner, Kreisgeschäfts- führer; Schliemann, Kreisamtsleiter; Tellenbach, Universitäts-Professor; von Blumenthal, Universitäts-Professor; Rehm, Universitäts-Professor: Herta Brüning, Mädelgruppenführerin. Ferner folgende Mitglieder des Stadttheaters: Paul Walther, Heinz Markwardt, Rose Stirl, Fritz Böhlig, Marie Karden, Karl Löffler.
23. Kreuzplatz: Frau Wrede, Kreisfrauen- fchaftsleiterin; Gertrud Hübner, Mädelgruppeniüh- rerin; Stade, Universitäts-Professor; Gerber, Universitäts-Professor; Lahr, Kreisamtsleiter; cand. phil. Otterbein, Amtsleiter in der Studentenführung.
24. Johannes st raße, Plockstraße: Friedel Kreuder, Mädelgruppenführerin; Bonnard, Kreis- amtsleiter; Otto Stein, Kreishauvtstellenleiter; Baur, Kreisjugendwalter; Gerlach, Baurat.
25. Schul st raße, Johannes st raße, Neuenweg: Müller, ^-Standartenführer; Weitz, Universitäts-Professor; Klute, Universitäts-Professor; Schmidt, Universitäts-Professor; Winterhoff, Kaufmann; Blumschein, Schriftleiter.
26. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße; Sessous, Univerfitäts-Professor; Lehmann, Universitäts-Professor. Ferner folgende Mitglieder des Stadttheaters: Willi Endrich, Emil Kraft, Remigius Konen, Kurt Richter.
27. Bahnhofstraße, Neustadt: Zermak, Universitäts-Professor; Andreae, Universitäts-Professor; Frank, Studentenschaftsführer; Schmidt, Obersturmführer.
28. Neustadt, Wernerwall: Hofmeyer, Amtsgerichtsrat; Schudt, Amtsgerichtsrat; Bertram,
Der Tag der Nationalen Solidarität in Gießen.
Am Samstag, 3. Dezember 1938, dem Tag der Nationalen Solidarität, sammeln wie in den vergangenen Jahren alle führenden Männer der Partei, des Staates und der Wirtschaft für das WHW. des deutschen Volkes.
Auf den größeren Plätzen unserer Staudt werden Standkonzerte durchgeführt. Es spielen:
das Musikkorps des J.-R. 116 von 16 bis 17 Uhr ■ am Selterstor;
die SA.-Kapelle der Standarte 116 von 16 bis 17 Uhr am Kreuzplatz und von 17 bis 18 Uhr am Selterstor.
I. Bahnhofssammlung.
Dauer: 12 bis 16 Uhr. Sie wird von den Politischen Leitern der Ortsgruppe Gießen-Süd durchgeführt.
II. Straßen- und Haussammlung.
Dauer: 16 bis 19.30 Uhr.
Richtlinien für die Gammler:
1. Es wird in diesem Jahre nicht nur auf der « Straße, sondern auch in den Häusern gesammelt Von den in den verschiedenen Straßenzügen eingeteilten Sammlern sammelt jeweils die eine Hälfte auf der Straße, während die andere die Haussammlung übernimmt.
2. Es sammelt jeder nur da, wo er eingeteilt ist.
3. Es sammeln nur diejenigen, die bei der Einteilung aufgeführt sind.
4. Die Sammelbüchsen werden ab 15 Uhr im Caf4 Leib, Walltorstraße, abgeholt.
5. Die Sammelbüchsen werden um 19.30 Uhr auf der Bezirkssparkasfe zurückgenommen.
Einteilung der Sammler:
Straßenkreuzungen:
1. FrankfurterStraße, K l i n i k st r a ß e: Martin, Sturmführer; Hübner, Verw.-Sturmsüh- rcr; Cordier, Univ.-Professor: Rudolph, Univ.-Professor; Becker, Rechtsanwalt; Engisch, Rechtsanwalt: Zollfrank, Postrat; Grünewald, Kreisamtsleiter; Loth, Kreishauptstellenleiter; Jungnickel, ^-Untersturmführer; cand. med. H. K. Koch, Amtsleiter in der Studentenführung.
2. Frankfurter Straße, Friedrich- straße, Wilhelm ft raße: Folgende Mitglieder des Stadttheaters: 'Anni Asfion; Gert Buchheim; Erwin Bugge. Ferner Gisela Schäfer, Jungmädelscharführerin; Wiegand, Oberfähnleinführer; Seibert, Ortsgruppen - Propagandaleiter; Wende- roth, Altgardist und Presseamtsleiter; Dr. Seib, Landgerichtsrat; Hofmann, OG.-Amtsleiter; Nackat, //-Hauptsturmführer; Pühlmann, Gerichtsreferendar, Amtsleiter i. d. Studentenführung.
3. Friedrich st raße,. Wetzlarer Weg: Nebeling, Kreisamtsleiter und Kreisschulrat; Dop- Heide, Kreisamtsleiter; Grahlmann, Ortsgruppenleiter; Dr. Breuning, Presseamtsleiter; Rathcke, San.-Sturmführer; Breidenbach, San.-Sturmfüh- rer; Jöckel, Amtsgerichtsrat: Brückel, Amtsgerichts- rot; Pauli, Sturmführer, Bach, ^-Untersturmführer; cand. phil. E. Mahr, Amtsleiter i. d. Studentenführung.
4. Leihgesterner Weg, Ludwig st raße: Marianne Eger, Mädelgruppenführerin; Marg. Seim, Mädelgruppenführerin: Dr. Müller, Studien- rat; Hainz, Studienrat; Vogt, Obersturmführer; Schmidt, Amtsgerichtsrat; Bittner, Kreishauptstellenleiter, Bonke, ^-Untersturmführer.
5 Hamm st raße, Gabelsberger st raße, H o r st - W e s s e l - W a l l: Wenzel, Ortsgruppenamtsleiter; Bisck)off, OG.-Am^sleiter; Müller-Pe- heide, Altgardift; Dr. Wilhelm Greuer, Altgardist.
6. Bahnhof st raße, Liebig st raße : Nagel, Standartenführer: Dr. Brill, Landgerichtsdirektor: Biedenkopf, D. (3-9(mtsr2i<er: Dr. S-bnei- der, Stammführer: Berghöfer, Gefolgschaftsführer: Geilfus, Oberiungzugführer; Dr. Krämer, Rechtsanwalt: Dr. Kinzenbach, Rechtsanwalt: Vogelsang, Univ.-Professor; Gmslin, Univ.-Professor; Hamm, Sturmführer: Hammermann, San.-Sturmführer; Dr. Kruse, Direktor: Dr. Wolkewitz, Oberstudiendirektor: Scharschmidt, //-Hauptsturmführer: Dr. Fritz Müller, Amtsleiter in der Studentenführung.
7. Frankfurter Straße, Li e b i g ft ra fj e : ■ Delp, Kreiskaffenleiter; Klös, Kreisorganifations- leiter; Emma Weitzel, Rektorin: Müller, Rektor;
! Niederhausen, Kaufmann; Dr. Adolf Noll, Proku- ' rift; Dr. Lich, Schriftleiter: Sußner, Forstmeister.
| 8. A m Hauptpostamt: Heinacker, Hauptmann der Schutzpolizei: Dr. Monnard, Oberveterinärrat; Schmidt, Obereichmeister; Frölich, Unio.-
I Professor; Bley, Univ.-Professor; Hall, Univ.-
Professor; Krüger, Rechtsanwalt; Taesler, Jungbannführer; Völzing, stellv. Bannführer; Irmgard Schäfer, Ortsfrauenschaftsleiterin; Schaeg, Land- aerichtsrat; Mohr, Sturmführer; Stasny-Hein, Ältgardist und //-Untersturmführer; Dr. Krüger, Regierungsrat; Wilhelmi, //-Untersturmführer.
9. Am Hotel Schütz: Dr. Lotz, Kveis- direktor; Götz, Kreishauptstellenleiter; Kirchner, Ortsgruppenpropagandaleiter: Dr. Mickel, Amtsgerichtsdirektor: Wießmann. San.-Obersturmführer; Lydia Bär, Mädelgruppenführerin; Luise Fleischmann, Mädelgruppenführerin: ferner folgende Mitglieder des Stadttheaters: Heinrich Durst: Eva Eckert; Margot Eickhoff; Kurt Haars; Herbert Hirche; Hilde Kneip.
10. A m Cafe Am end:. Theo Klöß, Kreis- hauptstellenleiter; Pipper, Kreishauptstellenleiter; Thomas, Ortsgruppenleiter; Schneider Altgardift; Walter, Altgardist und Obersturmführer; Schäfer, Staffelführer des NSKK.; Götz, Ortsgruppenamtsleiter: Rohweder, Ortsgruppenschulungsleiter; Körner, Gefolgschaftsführer; cand. med. vet. Lindemeier, Amtsleiter in der Studentenführung.
11. Self erst or, C a f e Hettler: Kranz, Gauamtsleiter; Schwarz, Brigadeführer; v. Jafchke, Univ.-Professor; Münker, Obersturmbannführer und Altgardist: Elze, Univ.-Professor, Prüggemann, Univ.-Professor: Hildebrandt, Univ.-Professor; Kreu- der, Ortsgruppenleiter: Thüre, Landgerichtspräsident; Trümpert, Landgerichtsrat; Schad, Arbeitsführer: Dr. Franz Gros, DRK.-Feldführer; Mangold, Regierungsbaurat: Dr. Meyer, Gewerberat: Wörner, Lehrer; Thielmann, Gewerbelehrer; Dr. List, Oberregierungsrat: ferner folgende Mitglieder des Stadttheaters: Thea Maaß; Ilse Winhold; Hans Geißler; Gust-w Bl"y: Friedel Fornalloz.
12. Liebig st raße, Ludwig st raße : Hermann. Sturmführer; Kraufch, Rektor: Gräf, Kreishauptstellenleiter: Volk, Kreishauptstellenleiter: Fischer, Leutnant der Schutzpolizei; von Donop, Obersturmführer: Ermert, Altaardist.
13. Bleich st raße, Ludwig st raße: Gertrud Samper, Jnngmädeluntergauführerin; Locher, Landgerichtsrat: Mogold. LS.-Fübrer: Röde, Sturm- führer; Schäfer, Sturmführer: Schneider, Sturmführer.
14. Goethe st raße, Stephan st raße: Gertrud Hockstätter, Jungmädelgruvpenführerin; Ev. Wenderoth, Junomädelgruopenführerin: Dr. Kalbfleisch, Landgerichtsrat: Jüngst. Gefolgschaftsführer: Brill, Oberiungzeuakührer: Reuigen, Univ.-Prof.; Luley, Rechtsanwalt; Dr. Svohr, Rechtsanwalt; Treefer, Altaardist, und O.G.-Amtsleiter: Reitz, Kreishauptstellenleiter; Römer, Kreishauptstellenleiter: van Spankeren, Amtsgerichtsrat; Dr. Wendel, Direktor.
15. Bismarck st raße, Stephan st raße: Jlnge Jensen. Mädelaruppenführerin: Süß, Kreis- yauptstellenleiter; Elfriede Schaper, Kreisfrauenwal
terin; Rottmann, San.-Sturmführer.
16. Schiffenberger W eg, Bahnübergang: Leithäufer, Obersturmführer; Frey, Sturmführer; Göres, Obertruppführer; Dr. Wämser, Rechtsanwalt.
17. G o e t h e st r a ß e, Ludwigstr. : Schneider, Rechtsanwalt, Horst-Wessel-Wall; Bönning, Univ.-Professor; Keller, Univ.-Professor; Hofmann, Kreishauptstellenleiter; Adam, Rektor; Gröhling, Reg.-Rat; Lotz, Direktor der städtischen Betriebe; Zeltmann, Bankdirektor.
18. Bismarck st raße, Ludwig st raße § Kuhlmann, Reg.-Baurat; Wrede, Direktor des Chem. Untersuchungsamtes: Grünewald, Oberbaurat; Leonhardt, Oberstudiendirektor; Dieter, Dermessungsrat; Neubauer, Reichsbankdirektor; Jensen, Oberzollrat.
19. Ludwigsplatz: Dr. Oßwald, Med.-Rat; Kliewe, Univ.-Prof.; Heymann, Kreisamtsleiter; Janson, Zollamtmann; Remane, Reichsbankrat; Lei- ncrt, Baurat; Jakob, Univ.-Prof.; Küst, Univ.-Prof.; Zulauf, Gefolgschaftsführer; Dr. Schneider, Rechtsanwalt, Bahnhofstraße; Pabst, LS.-Führer; Bergener, LS.-Führer; O. Christoph Stein, Kreishauptstellenleiter.
20. Hindenburgwall, Bi s m a r ck st r a ß e:' Bender, Sturmhauptfuhrer; Heinrich Müller, Kreishauptstellenleiter; Groß, Kreishauvtstellenleiter; Kümmel, Rechtsanwalt; Rhein, Gefolgschaftsführer; Krause, Universitäts-Professor; Standsus, Universitäts-Professor; Bolz, Universitäts-Professor.
21. Hindenburgwall, Goethe straßet Gilbert, Baurat; Enders, Regierungs-Bauassessor; Kreutzburg, Reichsbankkassierer: Beller, Universitäts- Professor: Dr. Rauch, Universitäts-Professor: Fischer, Universitäts-Professor; Süß, Universitäts-Professor; Klahr, Reg.-Rat; Dr. Trautmann, Medizinalrat.
Ein kleiner Hund aus Plüsch.
Von Sofie von Uhde.
„Mami, so bleib doch nur um Gottes willen einen Augenblick stehen!"
Dieser flehentliche Notschrei eines fünfjährigen Männchens, hinaustrompetet in das vergnügte Summen einer weihnachtlichen Spielzeugausstellung, erschüttert uns alle sehr und die also dringlich Apostrophierte, die in zwei Stunden unge,ähr fünf Schritte nach vorwärts gemacht hatte, unterläßt seufzend auch noch diese geringe Fortbewegung. Der Kleine aber taucht selig unter in irgendwelche unerhörten Freuden, die, zwischen Baukästen, rollenden Autos und tanzenden Bären nur dem Reichtum der Kinderseele zugänglich, strahlen und locken.
Aber Gott sei Dank, s o erwachsen kann man ja gär nicht werden, daß man nicht doch auch ein klein wenig abbekäme aus dem holden Land der Wunder — ein bißchen fliegenden Goldstaub aus irgendeines Zauberers Kästchen, einen kleinen Sonnenstrahl mitten ins Herz.
Ach, was gibt es alles zu sehen! Einen ganzen Zoo im kleinen, mit einer patriarchalischen Löwenfamilie, die sich außerordentlich gut geratener Löwenkinder erfreut, emsige Affen, die, anscheinend davon überzeugt, daß das Leben um der Arbeit willen da ist, ruckweise und mit Ausdauer ihre Stangen auf und nieder klettern, Seehunde, die lächelnd jonglieren — wirklich, sie lächeln! — und schön gelockte Kamele, auf denen wunderbar frisierte Damen, ohne jede Angst vor etwa naheliegenden Vergleichen, spazieren reiten.
Dort hantieren vor einer mächtigen Burg Soldaten, die keinen Spaß verstehen, sondern grimmig trommeln und schießen; nur der Hannes im Schilderhäuschen ist jovial und dreht sich recht umgänglich nach einer kleinen Köchin mit dem Henkelkörbchen am Arme um, die auch weiß Gott nicht zu verachten ist — rund und rosig! Doch ein kleiner Unschuld mund ruft laut: „Mutti, schau nur, wie der arme Soldat Hunger fjat!" — und versteht nicht, warum die dummen Erwachsenen lachen.
Da ist ein Puppentanztee — alle Wetter, ba ift’s aber fein. Eine unterirdisch beleuchtete Tanzfläche! Em paar Matrosen haben sich in bas elegante Lokal oerirrt unb haben sogar ihren Hund mitgebracht!
Von den hohen Emporen eines Zirkus schaut ein Puppenpublikum tanzenden Pferden und schwingenden Trapezkünstlern zu. Aber ein wenig weiter ist man plötzlich am Nordpol, und ba möchte man ja
nun wahrhaftig leben, so gemütlich geht's da zu. Die Eisbärenkinder fahren mit Hallo und Trara ihre Rodelbahnen herab, die das ganze Jahr nicht schmelzen, Hunde- und Renntierschlitten klingeln fröhlich hin und her — wohin man schaut in der Arktis, gibt’s Tanz und Trunk auf dem Eise, gute, haltbare Grogs und Whiskys, ein jeder knöpft sich den Pelz auf, so warm wird's ihm, und vor der Wirtschaft auf dem Nordpol stehen Wirt, Ober und Piccolo. Nur die Eisbäreneltern schauen mit mißbilligendem Kopfschütteln auf das Treiben herab, aber Eltern muffen ja bekanntlich berufsmäßig etwas auszusetzen haben.
Bei den Indianern ist es weniger vergnüglich, da geht's recht kannibalisch zu. Zwei fette Gefangene zappeln, an einen Baum gebunden, der Häuptling tanzt mit dem Messer heran, und nebenan kocht die Frau Mama schon eine recht verdächtige Suppe. Aber allen diesen Puppen, ob in erfreulichen oder schlimmen Lagen, ist derselbe Ausdruck verschmitzter Sorglosigkeit eigen — Wunder, in einem Reich, wo alles vertragsgemäß gut ausgeht, wo die Kuchen so groß sind wie die Berge, und wo die Drachen sich in wunderschöne Prinzessinnen verwandeln.
Die Kleinen, an der Hand ihrer in diesen Tagen vielgeprüften Mütter, wandern ganz stumm vor Bezauberung an all diesen Wundern vorüber, mit großen Augen. Das ist alles beinahe zu vollkommen, das läßt ihrer Phantasie keinen Spielraum mehr, das ist in der Hauptsache — oder hab' ich unrecht? — allzusehr ein Abklatsch von der Welt der Großen. Sie können nur überwältigt schweigen. Und von dem zeitgemäßen Weihnachtsmann, der durch den Fortschritt der Technik entlastet, im Flugzeug — direkte Maschine Himmel—Erde — eilig ankommt, wandern ihre Blicke immer wieder zu dem vertrauten, alten Knecht Rupprecht hinüber, der da mit Sack und Rute steht und die ganze Märchenherrlichkeit bewacht.
Aber da ertönt plötzlich eine richtige Fanfare der Begeisterung! Ein ganz Kleiner, trippelnd mit winzigen Babyschritten, hat etwas unsäglich Erheiterndes entdeckt. Vor Entzücken bohrt er beide Fäustchen in seinen weitgeöffneten Mund, aus dem zwischen kleinen Pausen, die er zum Atmen benötigt, wahre Kriegsgeschreie der Lust quellen, Gott fei Dank von den mütterlichen Beschwichtigungsversuchen in keiner Weise behindert. Wir schauen alle hingerissen auf ihn — was in aller Welt beglückt ihn nur so über die Maßen? Ach, ein kleiner Hund —, nicht dieser herrliche Ueberfluh der Darstellung, nein, ein kleiner Stoffterrier, der ziemlich belanglos und gelangroeilt dazwischensitzt — Stropp aus Mohairplüsch. Ihn hat er erspäht, unb in ihm findet er irgend etwas unbeschreiblich Lustvolles, das wir mit unseren
blind gewordenen Erwachsenenaugen nicht mehr schauen können.
Gott, wie er dasteht und in die Fäustchen beißt vor Seligkeit, strahlenden blauen Blickes seine Fanfarenrufe ausstoßen, das ganze, kleine, runde Männchen eine Verkörperung des Glücks! Und das für ein ziemlich ruppiges Fellgeschöpf — Stropp aus Mo- hairplüfch.
Ich wage einen Blick in die Gesichter der Umstehenden, und in allen steht dasselbe: Heimweh nach dem verlorenen Kinderglück — und doch auch ein kleiner Strahl von eben diesem Glück, triumphierend über alle grauen Sorgen und alles gratie Wissen des Lebens — ein holder kleiner Strahl, ausgesendet von dem runden, winzigen Engelchen, das da im himmelblauen Flanellmantel steht und schreit vor Luft. Und wir alle finden auf einmal diesen Stropp aus Mohairplüsch wunderschön.
Goethe-Bund.
„Der Bamberger Reiter, ein Idealbild deutschen Wesens".
Aus Einladung des Goethe-Bundes und des Kaufmännischen Vereins hielt Dr. Hans Thimotheus Kroeber gestern abend in der Aula einen Lichtbildervortrag über das Thema „Der Bamberger Reiter, ein Idealbild deutschen Wesens". Der Vortragende rechtfertigte zu Beginn die Ausschließlichkeit seines Gegenstandes mit dem Hinweis darauf, daß im Bamberger Reiter nicht nur ein Einzelwerk deutscher Kunst, sondern die Grundlagen unserer Anschauung überhaupt zu begreifen seien; er sprach .ferner von den erfreulichen Ausstrahlungen seines in ganz Deutschland gehaltenen Vortrages in dis Breite und Tiefe, und wie sich aus der in den letzten Jahren sehr gesteigerten Anteilnahme an dem Bamberger Meisterwerk (von dem wir weder den Schöpfer noch das Urbild kennen) ein neuer Aufbruch des deutschen Menschen, vor allem der deutschen Jugend, zur Kunst der Nation ablesen lasse.
Dann, auf das eigentliche Thema übergehend, schilderte Dr. Kroeber zunächst Bamberg als eine der schönsten deutschen Städte, in der unser Heimatgefühl Wurzel schlage, in der Geschichte, Kunst und Landschaft sich zu einer harmonischen Einheit verbinden. Die Darlegungen des Redners waren von bemerkenswert guten und klaren Lichtbildern unterstützt, als er vom Gesamtbilds der Stadt ausgehend die umgebende Architektur, den Dom unb schließlich das Reiterbild selbst gleichsam umkreiste und in den
in natürlichem Licht gemachten Aufnahmen, von allen Seiten und in allen Einzelheiten dem Hörer und Beschauer näherte. Schon im ersten Anblick unb ohne nähere Erläuterungen begreift der Betrachter das Werk in der Tat als ein Idealbild deutschen Wesens, auch wenn er — es sind viele Namen und Möglichkeiten erwogen worden — noch immer nicht weiß, wen er denn in dem Reiter zu erkennen habe; man tut, so wurde bargelegt, einen Blick in die Tiefe der deutschen Kunst, in die Unerschöpflichkeit der deutschen Seele, und man hat, soviel ist gewiß, eine Führergestalt von emporzieyender, magischer Gewalt vor sich. Dr. Kroeber zeigte bann in instruktiven Aufnahmen erst die frühen Wiedergaben und die darin enthaltenen Mißverständnisse und störenden Zutaten; er erläuterte die Beziehung des Werkes zur umgebenden Architektur („Bindung des Plastikers an das Raumgesetz") und die Spannungen zwischen Vertikale und Horizontale, auch zwischen Abbild und Sinnbild. Hier und später wurden zum Vergleich andere monumentale Reiterstandbilder (Donatello, Schlüter) herangezogen, neben den Plastiken des Colleoni und des Großen Kurfürsten auch die, teilweise überraschende Aehn- lichkeiten aufweisenden Figuren von Reims und Magdeburg. Eine ganze Reihe wertvoller, für viele Besucher gewiß neuer Gesichtspunkte ergab die Betrachtung unb Ausdeutung der Gesamtkomposition von den merkwürdig ornamentierten Kragsteinen des Sockels bis hinauf zu der aus dem Pfeiler vorspringenden Bekrönung über dem Scheitel des Reiters. Es wurde in diesem Zusammenhang auch die Antithese zwischen chrisllichen und antiken Wesens- zügen (Gegenbilder: Marc Aurel, Apollo-Kopf) nach Möglichkeit herausgearbeitet, ferner die musikalischrhythmische Harmonie des Ganzen in einer Parallele zu Bachs „Kunst der Fuge" angebeutet. (Es wäre willkommen gewesen, wenn diese Beziehung ein wenig ausführlicher verdeutlicht worden wäre.)
Die Darstellung gipfelte schließlich in einer Analyse der menschlichen Figur, wobei besonders liebevoll die Gesamthaltung, der Ausdruck des Kopfes unb Antlitzes unb die sprechende Gebärde der Hände gewürdigt wurden. Auch wenn vor dem Werk immer ungelöste Fragen, ja Geheimnisse sich auftun werden — das Problem der Ergänzungen wurde hier noch einmal berührt —: immer wird der Reiter ein Bild und Vorbild deutschen Wesens bleiben, in dem Charakter unb Rasse, Schönheit unb Sehnsucht nach ewigem Frieden unvergänglich Gestalt gewonnen haben. — Die von spürbarer Begeisterung getragenen Darlegungen fanden lebhaften Beifall unb werden allen Besuchern nachhaltige Einq drücke vermittelt haben, hth. ,


