m. 283 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhejsen)3./4. Dezember (938
Katharina und die Weihnachtsbäckerei.
Bier Bilder aus einem kleinen häuslichen Film.
Schöpferkraft und Liebe, sie läßt ihn nicht aus den Augen, legt ihn der Mutter gleichsam ans Herz und sieht ihn sorgenvoll auf dem ersten Backblech im Ofen verschwinden.
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Aber schon harrt ihrer neue Arbeit: auf jedes
Die kleine Katharina hat sich wie ihre längst verstorbene große Namensschwester eine Krone auf ihren blonden Schopf gesetzt. Aber die Krone ist nicht aus eitel Gold wie die der verblichenen deutschen Prinzessin aus dem Hause Anhalt-Zerbst und nachmaligen Zarin von Rußland, sondern aus vurer Pappe. Und oben guckt ein kleiner Haarpinsel heraus Auch geschah diese Krönung nicht aus Machtgelüsten. sondern nur aus vorweggenommener Fest
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freude, seliger Erwartung und Ahnung kommenden Lichterglanzes, ... nur weil die Mutter am letzten Sonntag die erste rote Kerze am Adventskranz entzündet hat, weil in ein paar Tagen der Nikolaus kommt und in drei Wochen das Christkind. Bloß darum.
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Die Mutter nun, da Katharina ernstlich und unabweisbar ihren Entschluß bekundet, bei der Weihnachtsbäckerei nicht allein zuzusehen, sondern tätigen Beistand zu leisten, hat .vorausschauend und ahnungsvoll, wie Mutter sind, ihrer kleinen bekrönten Tochter eine zwar unmajestätische, aber praktische Schürze umgebunden, ihr einen Stuhl herbeigerückt und ihr eine Ecke des Küchentisches nebst unerläßlichem Nudelbrett als Wirkungsbereich zugewiesen.
Katharina macht sich geschäftig ans Werk. Ihr emsiges Tun wird beschwingt' von den lieblichen Düften, welche mittlerweile in der Küche aufsteigen und sich allmählich weihevoll durchs ganze Haus verbreiten Das ist em herrliches und würziges Aroma, welches unter dem schrecklichen Wiegemesser — die Mutter hat es lieber für sich behalten — emporsteigt: nach gehackten Mandeln riecht es, nach Zimt, nach Schokolade und nach Zitronat, und dies alles zusammen gibt eine Mischung, deren große und kleine Nasen meist nur einmal im Jahre teilhaftig werden. Dann weih jedermann, dem so ein lieblicher, warmer Hauch in die Nase steigt: nun kann es nicht mehr lange dauern. Allmählich ist es Zeit, an den Wunschzettel zu denken und an den Ehristbaum.
Die kleine Katharina ist vorerst so hingegeben an das Werk ihrer Hände, daß sie keinen anderen Gedanken zustande bringt als backe, backe Kuchen. Es ist ein Geschäft, daß sie bisher nur. im Bilder
buch gesehen hat, und jedesmal, wenn sie es sah, erwachte in ihr der Wunsch, es selber zu tun, ganz allein, „ich auch" ... Zum erstenmal ist in bie|em Jahre ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Siehe: Katharina wirkt mit beiden dicken Pfoten in der geheimnisvollen Masse, welche hernach im glühenden Ofen die köstlichste Verwandlung durchmacht. Backen ist schön. Es ist eine Lust für Kinder in der Weihnachtszeit.
Ha, aber nun ist es soweit. Katharina hat von der Mutter mit den zugehörigen Ermahnungen und Gebrauchsanweisungen ein prächtiges Spielzeug in die dicken, vom Teig klebrigen Pfoten bekommen, jenes sinnreich erdachte Küchengerät, welches man in unserer Gegend Wälgerholz nennt Katharina blickt mit tiefer Befriedigung auf das Werk ihrer Hände und erlebt zum ersten Male die Verwandlung der trägen Masse durch die Kraft des menschlichen Geistes nnd ihrer kleinen Arme. (Sie erlebt es natürlich nur, sie ist weit davon entfernt, derart verschmitzte und schwierige Gedanken in ihrem blonden Häuptchen hervorzubringen.) Aber sie ist schon so weit gediehen, daß sie sich beim emsigen Schaffen hin und wieder eine kleine Abschweifung gestatten darf.
Und also entstehen auf der gelblich geglätteten Fläche unter dem rollenden Wälgerholz (man muß es vorher mit Mehl bestreuen rundherum, sonst schlingt sich der tückische Teig um das Holz wie eine Bauchbinde, und man hat seine Last, ihn wieder obzukriegen) — erscheinen also auf her glatten Fläche vor Katharinas großen Augen die wunderlichsten Figuren: sie erblickt da zum Beispiel ein herrlich bezopftes Puppenkind, einen Puppenwagen mit rosa Vorhängen dran, ein großes Bilderbuch und auch den Nikolaus mit seinem Sack ... Katharina sieht es wahrhaftig deutlich vor sich und rollt ganz selbstvergessen immerzu. Die Mutter, der das zu lange dauert, sieht hingegen zu Katharinas Verwunderung nichts von alledem ... höchstens, daß der Teig über so träumerischen Betrachtungen allbe- reits viel zu dünn geworden ist und einige Löcher aufweist, welche eilends gestopft werden muffen.
Dann kommt das Ausstechen. Es ist beinah noch schöner als das Rollen, aber man muß achtgeben
dabei und keine Nebengedanken haben. Schon bedeckt sich das bestrichene Backblech mit weihnachtlichen Figuren, mit Herzen und Sternen, mit Schäfchen und Vögeln, und aus dem übriggebliebenen Rest, aus dem man gar nichts mehr herausstechen kann, macht die phantasiebegabte Katharina mit den mehlbestäubten Fingerchen einen wunderlich eckigen Kloß, einen Privatkucken nämlich gewissermaßen, welcher am Heiligen Abend dem Puppenkind Marianne unter dem Christbaum beschert werden soll. An diesen Kloß verschwendet Katharina ihre ganze
Plätzchen und auf jeden Stern eine Mandel zu legen, hübsch ordentlich in die Mitte. Die Mutter hat einen Teller voll bereitgestellt, und Katharina wird kein Ausgestochenes vergessen, das Werk ihrer Hände zu krönen ..
Kneten ist schön, Rollen ist schön, Ausstechen ist schön . . aber das Allerschönste ist: ganz heimlich und verstohlen zu probieren, einen Finger voll süßer Teigmasse selbstvergessen und genießerisch in den Mund zu stecken. Katharina ist sogar bereit, dabei auf den Finger zu verzichten. hth.
(Aufnahmen: Elisabeth Hase, Frankfurt a. M.)
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Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte.
Von Ernst von Tliebelschüh.
Die Ankündigungen des Büchermarkts für Weihnachten zeigen ein auffallendes Anschwellen der Briefliteratur. Es muß also ein allgemeineres Bedürfnis danach vorhanden fein, und wo wäre ein Bedürfnis, das sich nicht auf das Bewußtsein des-eigenen Mangels zurückführen ließe! Wohin man sieht — Briefe, auch, ja besonders Liebesbriefe! Ob freilich, wie zuverlässig behauptet wird, die herrliche Kunst, Liebesbriefe zu schreiben,- dem heutigen „sachlichen" Menschen wirklich ganz abhanden gekommen ist, wird schon deshalb schwer zu entscheiden sein, weil diese papiernen Sendboten des Eros die sehr begreifliche Neigung haben, sich der öffentlichen Kontrolle zu entziehen. Allein es spricht doch vieles dafür, daß diejenigen rechthaben, die da meinen, der echte Liebesbrief gehöre nun einmal der Vergangenheit an und könne ebenso wenig wiederkehren wie das Spinnrad oder die Postkutsche. Nicht weil mau heute weniger liebt als früher — wer wollte das wohl behaupten! — sondern weil das schriftliche Aeußern von Gefühlen und Empfindungen nicht mehr zeit- aemäß zu fein scheint, und überdies der Brief überhaupt aufgehört hat, als ein Kunstwerk behandelt zu werden. Weinen wir ihm eine redliche Träne nach, aber finden wir uns mit der Tatsache selbst ab, daß die unausrottbare Sympathie der Geschlechter andere Formen der Mitteilung gefunden hat, als es der Liebesbrief war.
Gleichwohl — er kommt wieder, wenn auch zu- fördert nur in der doktoralen Gestalt eines k u l - turgefchichtlichen Dokumentes, also gewissermaßen mit der Brille auf der Nase. Er kommt wieder, und sieh, er findet eine zunehmende Bereitwilligkeit, ihm Beachtung zu schenken. Denn je weniger man ihn selbst schreibt, um so entzückender findet man es, in den Liebesbriefen bedeutender Menschen der Vergangenheit zu blättern und sich für Augenblicke in Angelegenheiten des Herzens zu mischen, die uns normalerweise nichts angingen, wären alle diese Dokumente, von fleißigen Forschern gesammelt und neu herausgegeben, nicht längst in dem großen Hafen der Weltliteratur gelandet. Da liegen sie nun und warten darauf, daß ihr gestorbenes Leden noch einmal erwache und den sympathischen Funken in uns entzünde. Viele Bände, gefüllt mit den Schwüren ewiger Liebe und Treue, sind nun in den Buchläden vor uns aufgestapelt: fast scheut man sich, sie in die Hand zu nehmen, aus Furcht, man könnte sich daran versengen — die große Gemeinschaft der Liebenden aller Zeiten und Völker.
9 Apparate und Reparaturen
Zentral-Rundfunk
Bahnhofstr. 58,im Hause Brinkmann
Elefant und Rotkehlchen.
Von Peter Bamm.
(Nachdruck verboten.)
Wenn man in Betrachtung versunken vor einem Elefanten steht, so bewegt einen nichts so sehr wie der Gedanke, was wohl in der Seele eines solchen lebendigen Gebirges vor sich gehen mag. Durch einen glücklichen Zufall ist es der Naturforschung möglich gewesen, einen tiefen Blick in die Elefantenseele zu tun. Natürlich war der Zufall nur für die Forschung glücklich und nicht für den Elefanten, der sein Leben einbüßte eines Rotkehlchens wegen.
Wir wollen nun in der Weise des Chronisten, ohne alle poetische Ausschmückung nämlich, den Sach- verhall schildern. Besagter Elefant im Zoo von Neu- york pflegte von Zeit zu Zeit fein Elefantenhaus einzudrücken. Natürlich war man da schnell bei der Hand mit Erklärungen wie, daß er ein Choleriker sei oder daß er die Frecheit nicht vergessen könne. Aber natürlich wissen wir gar nichts davon, was Jumbo zu einer so feindlichen Einstellung gegenüber seinem Eigenheim veranlaßte. Fest steht nur, daß eines Tages ein Rotkehlchenpaaar das Elefantenhaus bezog und dort sein Nest baute. Von diesem Tage an war Jumbo völlig friedlich, und die Rotkehlchen hielten fröhliche Zeckenjagden auf ihm ab und saßen zwitschernd auf seinem Rüssel. Auch damit natürlich ist noch sehr wenig bewiesen über die Meinungen und Ansichten des Elefanten Jumbo, fo sehr die Gazetten sich ausdrücklich verwunderten über die Freundschaft zwischen den ungleichen Tieren. Aber eines Tages verließen die Rotkehlchen das Elefantenhaus, und von Stund an fing Jumbo wieder an, besagtes Haus einzudrücken, und er wurde so ungebärdig, daß er totgeschossen werden mußte.
Wir wollen uns keinen übertriebenen und phantastischen Vermutungen hingeben. Aber sicher dürfen wir daraus schließen, daß Jumbo an den Rotkehlchen hing, und daß Rotkehlchen geeignet sind, wild gewordene Elefanten zu beruhigen.
Darüber verwundern wir uns. Und diese unsere Verwunderung ist die eigentlich überraschende Feststellung an der Sache. Wenn der Eelefant sich durch ein Nilpferd hätte beruhigen lassen, so hätten wir das nicht den zehnten Teil so merkwürdig gefunden. Aber das beweist nur, daß wir eine äußerst primitive Vorstellung von der W-^haben. Entschieden gibt Liebe zu Rotkehlchen einem Elefanten eine weit poetischere Note als Liebe zu Nilpferden. Nur liegt nicht der allergeringste Grund dafür vor, bas Poetische verwunderlicher zu finden als das Banale.
Wie hätte sich erst Jumbo verwundern müssen über uns, wenn er uns je die Ehre erwiesen hätte, sich mit unseren Meinungen und Ansichten zu beschäftigen. Wie hätte Jumbo wohl je eine Erklärung dafür finden können, daß wir über ein Marien- käferchen in höchstes Entzücken geraten, während wir in höchstes Entsetzen geraten über eine Wanze, die doch alles in allem einem Marienkäferchen ziemlich ähnlich ist. Wenn die Lyriker wirklich einen Blick für die Gröhe der Schöpfung hätten, bann müßten sie imftanbe sein, über eine Wanze ein ebenso schönes Gedicht zu machen wie über ein Marienkäferchen.
Darum eben halten wir Shakespeare für einen so großen Dichter, weil bas Poetische bei ihm nicht erst burd) Erklärungen verstanden wird, sondern sich von selbst versteht. Und darum eben halten wir den heiligen Franz für einen so großen Heiligen, well er den Sinn der Schöpfung so wohl verstanden hat, daß er zwischen einem Marienkäferchen und einer Wanze keinen großen Unterschied mehr sah. Denn die Unterschiede liegen nicht in den Dingen, sondern in unserem Kopf. Jumbo konnte sie nicht erblicken, und darum war ihm ein Rotkehlchen lieber als ein Nilpferd, und darum können wir von einem traurigen Elefanten, der ohne. Vorurteile ist, mehr lernen als von zehn traurigen Philosophen, die voller Vorurteile stecken.
Doch können wir glücklicherweise sagen, daß der moderne Mensch nicht ganz so jumbofern ist, wie es scheint. Zwar findet Der aufgeklärte Mensch den chinesischen Lokomotivführer, der feiner Maschine Augen anmalt, damit sie nicht so blind dahineilt, äußerst belustigend. Doch tut der aufgeklärte Mensch mit seinen Maschinen dasselbe, was er mit seinen Kindern tut. Seinem Automobil nämlich gibt er einen Namen
Jener Schuß Shakespeare, den wir alle haben, wenn wir uns von selbst unbeobachtet glauben, der findet hier ein weites Feld. Aus diesem Shakespeare- schen Schußfeld ist die Poesie selbstverständlich, und wenn jene, die der Hochmut zwackt, darüber glauben lächeln zu dürfen, so glaubt der Chronist, behaupten zu dürfen, daß da, wo das Poetische selbstverständlich wird, das Selbstverständliche auf dem Wege ist, poetisch zu werden.
Alle alten Autofahrer sind der Meinung, daß ein Auto nicht bloß einen Motor, sondern eine Seele hat. Knirscht die Kupplung nicht unwillig? Ist der Anlasser nicht von wahrhaft männlicher Launenhaftigkeit? Rollt die Rollbüchse nicht sanft? Diese Fülle von humanen Eigenschaften lassen sich durch eine Nummer nicht in zureichender Weise zum Ausdruck bringen. Die Magie eines Namens dagegen umfaßt all bas auf einmal.
Der am 6. 6. 06 geborene Mensch Nr. 822 836147, der so unb so gebaut ist und die und die Eigenschaften hat, was besagt uns das schon? Hingegen: „Elisabeth!" — da liegt alles drin. Die kleinen Stirnlöckchen, die Unpünktlichkett, die Vorliebe für Chrysanthemen uyd Kino, bas Grübchen links und der schräge Absatz rechts. Welche Macht hat ein Name! Die Macht, Erinnerungen herbeizuzaubern und Hoffnungen zu wecken. Zorn und Langeweile, alles Glück und Unglück dieser Welt kann in einem Namen aus- gedrückt werden.
Schätzungsweise 16 000 Jahre trennen den europäischen Menschen von seiner magischen Zeit. Und doch hat der alte Zauber seinen Zauber noch nicht verloren. Der jumboferne Zeitgenosse mag immerhin mit Nr. 123 147 ins Grüne fahren. Der jumbonahe. Mensch rollt auf „Rotkehlchen" in die verzauberte Ferne aller jener magischen Hoffnungen, auf deren Erfüllung wir feit 16000 Jahren mit so viel Beharrlichkeit warten.
Lübecker Marzipan.
Sützes Wahrzeichen einer alten Hansestadt.
Lübeck, Ende November.
Das war vor ein paar Tagen auf dem Lübecker Bahnhof, als ich mit einem bekannten Filmschauspieler sprach. Der kam plötzlich mit der Frage: „Wo gibt es hier das echte Lübecker Marzipan?"'
Ja, — das Lübecker Marzipan! Nicht nur in der Zeit vor Weihnachten fragt man danach. Es hat Unseren Ruf in alle Länder der Erde getragen, mehr als die Kolonisation der Hanse, mehr auch als die sieben goldenen Türme mit den Orgelklängen unter dem schirmenden Dach. Das Marzipan ist jünger als die ersten Städtetage der Hanse, älter als die Orgeln. Es kam im ausgehenden Mittel- alter zu uns aus dem Wunderland Arabien. In Lübeck ist es seit 1407 nachzuweisen. Eine von den duftig süßen Blüten des Orients mit dem zauberhaft fremden Namen: Marzapane — die Mandelspeise. Oder sollte es wirklich, wie die Legende will, das Brot des Schutzheiligen Markus von Venedig (Marei panis) sein, weil es durch dieses Tor aus der alten Welt ins Abendland drang, ober, wie manche Gelehrten wollen, mit dem spätlateinischen maza (Mehlbrei) Zusammenhängen?
Jedenfalls gelangte es bis in die Handelsstädte des Nordens — Hamburg, Lübeck, Königsberg. Zu Zeiten soll das Marzipan ein Volksnahrungsmittel gewesen sein, das über Mißernten hinweghalf Zumeist freilich galt es als schöner Luxus des Lebens,!
wie in jener Leipziger Ratsverordnung von 1661, die bestimmte, daß bei Vornehmen zum Gevattersgeschenk ein Marzipan bis zum Werte von zwei Reichstalern gegeben werden durfte. Handwerkern und gemeinen Leuten aber sollen zu Gevatterstücken alle Marzipane- durchaus verboten sein, auch sonsten insgemein alle Marzipane, welche bishero bei Austeilung der Pfannkuchen von etlichen beigelegt worden." Und immer schon hat die süße Mandelspeise die Baulust phantasievoller Zuckerbäcker her- ausgeforbert — wäre sonst der abenteuerliche Simplizissimus einmal in eine Nebenkammer mit Konfekt gekommen, „darin ganze Thürn und Schlösser von Marzipan stunden"?
Die „Marzipanstädter" hat man uns Lübecker bissig genannt. Den Namen tragen mir gern. Lübecker Marzipan und Lübecker Rotspohn, beide gehören zusammen. Will man Lübecker Marzipan wirklich genießen, dann muß man sich in eine der dämmerigen alten Stadtschänken setzen, das Marzipan zwischen den Zähnen zergehen lassen und mit dem ersten Schluck Rotwein binunterspülen. Das ist Kennerwonne. Die russische Kaiserin Charlotte freilich machte es anders. Als sie 1858 eine Kiste Lübecker Marzivan geschickt bekam, (tippte sie jeden Morgen das Marzipan in ihren Kaffee. „Ich glaube" — heißt es in dem Brief aus Petersburg, in dem sofort eine neue Bestellung aufgegeben wurde — „wenn die Geschwister Niederegger (das ist eine berühmte Marzipanbäckerfamilie in Lübeck) diesen gastronomischen Verstoß hören, so betrachten sie das als eine persönliche Beleidigung."
Manche der berühmten Lübecker Marzipanbäckerfamilien hüten ihre Geheimnisse seit Jahrhunderten in getreuer Ueberlieferung, und es gibt kein Land auf der Erde von Pol zu Pol, in das das Lübecker Marzipan nicht gedrungen wäre. Als unser» Soldaten um die Jahrhundertwende aus dem Boxeraufstand zurückkamen, war auch ein braver Lüderer dabei. Er erzählte, das erste, was er in einer chinesischen Arbeiterhütte fand, sei eine längst leergegessene Dose mit der Aufschrift „Echt Lübecker Marzipan" gewesen.
Marzipan ist unentbehrlich in den weihnachtlichen Festtagen. Mancher Volksliedvers zeugt davon. Es ist irgendwie mit Knecht Ruprecht und dem Nikolaus verwandt. Am 6. Dezember stellen die Kinder die Schuhe heraus und finden ein Stück Marzipan darin. Es muß auch immer Festtagsbrot bleiben. Wer es aber nicht mag oder nicht vertragen kann, tröste sich mit der Weisheit des Sprichwortes, das unsere Vorväter schon vor 300 Jahren kannten: „Ein gesunder Zahn käuet aus einem Stück Schwarzbrot ein Marzipan!" Dr. H. E.


