ttr.206 Zweiter Blatt
Eleßener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Z./4.8eptemberl938
Wieder auf europäischem Boden.
Der Abszeß am Körper Europas.
Von Or. Paul Rohrbach.
Es ist nicht so einfach, eben aus Afrika zurückgekehrt, sich wieder in der großen Politik zurechtzufinden. Im afrikanischen Busch verschwimmen die Konturen der Weltlage wie die eines entfernten Bildes. Die Interessen der Menschen richten sich auf das Nächstliegende: den Kaffeepreis, die Eingeborenenlöhne, Regen und Trockenheit und dergleichen. Als ich Anfang März den französischen Polizeichef in Sinder am Südrand der Sahara fragte, ob es etwas Neues in Europa gäbe, antwortete er ziemlich gleichgültig: Ja, die Deutschen sollen in Oesterreich eingerückt sein! Von den eingegangenen drahtlosen Nachrichten interessierten ihn nur der Frankenkurs und die ministeriellen Veränderungen in Paris, die öfters auch auf die Personaloerhältnisie in Afrika zurückwirken.
Kaum aber betritt man europäischen Boden, so fühlt man sich automatisch wieder für das Gewsge der Weltpolitik interessiert und greift — nach Zeitungen. Einer der ersten Leitartikel, die ich in Deutschland las, stand im Pariser „T e m p s" und beschäftigte sich mit der russischen Armee. Verfasser war ein hoher französischer Offizier, General B a - ratter. Bei aller Anerkennung, die der General der Leistungsfähigkeit der Roten Armee im eigenen Lande zollt, zeigt er sich doch skeptisch in bezug auf ihre Verwendung in einem Krieg außerhalb der russischen Grenzen. Ein Ton der Warnung davor, sich in einem europäischen Kriege auf diesen Bundesgenossen zu verlassen, ist unverkennbar. Liegt es nicht nahe, ihn auf die politische Krise zu beziehen, die sich um die tschechische Unterdrückungspolitik gegen das Sudetendeutschtum entwickelt hat?
Das eindrucksvollste und überzeugendste Stichwort für die Lage fand ich in einem Artikel über Tschechen und Deutsche und über die Notwendigkeit einer Sanierung des Verhältnisses zwischen England und Deutschland von G a r v i n in seinem „O b s e r v e r". Drei Formulierungen Garvins zeigen mir sofort, daß der Alte sein gerechtes Urteil und seine Fähigkeit, mit wenigen Worten den Nagel auf den Kopf zu treffen, wiederum bewährt. Der erste Satz lautet: „Ausweichen und eine Sache auf den Kaminsims stellen, heißt nicht, eine notwendige Antwort geben!" Der zweite: „Es gilt den sicheren Frieden für eine Generation — wenn anders, so bleibt d i e Tschecho-Slowakei ein Abszeß am Körper Europas!" Der dritte: „In dieser in Versailles fabrizierten (manufactured) Mischmasch- Republik kommt es auf ein anständiges Gleichgewicht (fair balance) zwischen Tschechen und Deutschen an." Man könnte noch einen vierten hinzufügen: daß 75 Millionen Menschen diesseits einer Grenze „nicht gleichgültig sein können gegen die Lage von 3 Millionen vom selben Fleischend Blut aus der anderen Seite, die sie als unter fremdem Joch befindlich ansehen".
Die anmaßende und unwahre These der Tschechen lautet: „Dieser Staat ist unser Staat!" Das bedeutet im tschechischen Sinn, daß die Nichttschechen keine nationalen Rechte zu beanspruchen haben, daß sie der Sache nach nicht Staatsbürger, sondern Untertanen sind. Gleich in den ersten Botschaften der tschecho-slowakischen Regierung vom 22. Dezember 1918 und vom 1. Januar 1919 hieß es: „Das von den Deutschen bewohnte Gebiet i st u n s e r G e - bjet und wird unser bleiben!" Charakteristisch ist, wie sich die Tschechen bei dieser Behauptung mit dem von den Alliierten als Prinzip des zu schließenden Friedens verkündeten Selbst- bestimmungsrechts der Völker obfinden. Einfach, indem es in dem ebenqenannten Regierungskundgebungen weiter beißt, das Selbbestiwmungs- recht brauche' auf die Deutschen in den Grenzen der Tschecho-flowakischen Republik keineAnwen- d u n g zu finden, denn sie seien nur „Emigranten und Kolonisten".
Demgegenüber sei kurz an einige Tatsachen aus der Geschichte der Tschechen und Deutschen in Böhmen erinnert. Böhmen war ein germanisches Land bis zur Abwanderung der Markomannen, der spateren Bajuvaren, im 6. Jahrhundert n. Ehr. Wie nn ostelbischen Germanien, so wurde der leer gewordene Boden auch in Böhmen von nachrückenden Slawen besetzt. Die Slawen in Böhmen, die späteren Tschechen, waren kein freies Volk, sondern den (mongolischen) Awaren dienstbar. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts berichtet ein fränkischer Chronist, Fredegar, die Slawen müßten für die Awaren kämpfen, und des Winters kämen diese nach Böhmen, lagerten sich bei den Slawen ein, schliefen bei deren grauen und fügten ihnen auch sonstige Unbill zu. Damals hatte also in Böhmen eine slawisch-mongolische Blutmischung stattgefunden. Die Erinnerung an das Joch der Awaren lebt noch heute in dem tschechischen Wort für „Riese" fort: „Obr", was ursprünglich einen Awaren bedeutet.
Die Vernichtung des Awarenreichs durch Kar! ??n Großen gab auch den Slawen in Böhmen aie Freiheit wieder. Sie wohnten nur in der frucht-
Brasilien bietet die besten Aussichten für die Entwicklung eines der mächtigsten Reiche der Erde, aber keine Möglichkeit, zu einer nach Rasse, Sprache und Kultur einheitlichen Bevölkerung zu gelangen. Fast so groß wie Gesamteuropa, durch das gewaltigste Stromnetz der Erde mit natürlichen Verkehrswegen reichlich ausgestattet, verfügt dieses Riesenland allein von allen südamerikanischen Republiken über sämtliche Energiequellen, deren eine moderne Großmacht bedarf. Es sind mächtige Lager von gerade für die Stahlerzeugung wichtigen Mcm- ganenen vorhanden. In den Staaten Minas Geraes und Bahia schon abgebaut, müssen sie in den Staaten Motto Grosso und Maranha erst verkehrspolitisch erschlossen werden, um dann wahrscheinlich die Ergiebigkeit der Vorkommen jedes andern Landes zu übertreffen. Dazu kommen Eisenerzlager, die auf sieben Milliarden Tonnen geschätzt werden, mit einem durchschnittlichen Eisengehalt von 60 bis 70 v. 5). An Kohle ist Südamerika verhältnismäßig arm, ober auch damit ist Brasilien besser versehen als die andern Länder des Erdteils. Soweit es gleichwohl daran mangelt, ergeben sich aus Oel- vorkommen und Wasserkräften 'unbegrenzte Möglichkeiten. Gold, Silber, Nickel, Chrom, Platin und andere seltene Metalle sowie Edel- und Halbedelsteine kommen reichlich vor. In der fruchtbaren brasilianischen Erde gedeihen so ziemlich alle Pflanzen, die wir kennen, also nicht nur tropische und subtropische Nutzpflanzen, sondern auch alle Gewächse der gemäßigten Zone.
Das Klima ist auch in tropischen Breitengraden durch Höhenlagen großenteils gemäßigt; seine Verschiedenheiten, wie die der Bodengestaltung, ergeben Lockungen für Menschen aller Rassen. Fast für die halbe Erdbevölkerung gäbe es in diesem Lande Raum, Nahrung und gewinnreiche Beschäftigung, aber noch zählt man erst 47 Millionen Bewohner. Eine lange Zeit wenig kontrollierte Einwanderung würfelte Menschen der verschiedensten Herkunft bunt zusammen. Von ungefähr 6 Millionen Menschen, die zwischen 1820 und 1930 einwanderten, waren anderthalb Millionen Neger, fast ebensoviele Italiener, 1 288 000 Portugiesen, 574 000 Spanier, 198 000 Deutsche, 110 000 Russen, 89 000 „Oester
baren und waldfreien Mitte des rings von Gebirgen umgebenen böhmischen Kessels. Die dichten, unbewohnten Wälder, die die Sudeten, das Erzgebirge und den Böhmerwald bedeckten, erstreckten sich damals noch tief in das Innere, dis an die Ränder des Slawengebiets. Die Besiedlung dieses unkultivierten, menschenleeren Waldlands, zu der Deutsche von den Böhmenkönigen selbst eingefaben wurden — sie ist das, was die Tschechen heute als ein Werk von Eindringlingen darstellen wollen. Die angeblichen Emigranten haben schon im Mittelalter ein Drittel von Böhmen und Mähren erst bewohnbar gemacht und zu Kulturland umgeschaffen. Jahrhunderte sollen nicht hinreichen, um die Sudetendeutschen auf ihrem angestammten Volksboden, der nie von Tschechen bewohnt war, heimat- betechtigt zu machen! Jahrhunderte intensiver Arbeit auf selbstgeschaffenem Kulturland, sollen kein Recht auf Selbstbestimmung, ja nicht'einmal auf Verwaltungsautonomie, geben! Das Wort Wahrheit scheint nicht im politischen Lexikon der Tschechen zu stehen. Wo war es, als Herr B e n e s ch (vermutlich wegen englischer Bedenken) beruhigend an die Friedenskonferenz in Versailles schrieb, das Verhältnis von Deutschen und Tschechen werde nach dem Muster der Schweiz geordnet werden? Hätte er das Wort ehrlich gemeint — niemand würde heute von der Tschecho- Slowakei als vom Abszeß am Körper Europas sprechen.
reicher", der Rest vorwiegend Asiaten. Die Zahl der in Brasilien lebenden Japaner beläuft sich bereits auf einige Hunderttausend. Die Vollblutindianer bilden nur mehr 15 v. H. der Bevölkerung; den Anteil der Mestizen schätzt man auf 30 »H., den der Neger und Mulatten auf 20 v. H., den der Angehörigen weißer Rassen auf 35 v. H. Aus „weißen Mannes Land" haben nur die südöstlichen Staaten, Rio Grande do Sul, Parana, Sao Paulo und Minas Geraes Aussicht, sich zu behaupten, wo deutsche, italienische und andere Einwohner aus Europa geschlossene Siedlungen bilden.
Während sich die Mehrheit der rein erhaltenen Ureinwohner in den Tiefen der Urwälder verliert, drängt sich die übrige Bevölkerung innerhalb eines schmalen Küstensaums und verhältnismäßig kleiner Wohngebiete längs der Ufer der großen Ströme zusammen. Nur im Südosten wurde der Kampf mit dem Urwald, der Brasilien oft schon in der Nähe der Küste schwes zugänglich macht, herzhaft geführt, teilweise sogar übertrieben herzhaft, da in Sao Paulo schon lebhafte Klagen über Versteppung und Holzarmut laut werden.
Jedenfalls bedarf Brasilien noch eines regelmäßigen starken 'Einwandererzustroms, um riesige, von natürlichen Reichtümern strotzende, aber fast menschenleere Teile seines Gebietes für den Weltverkehr aufzuschließen. Es könnte sich dabei, selbst wenn es das wollte, nicht auf Zuzüglinge europäischer Herkunft beschränken. Im Tiefland des Amazonasstroms versagen sich die Ureinwohner meist nachhaltiger Arbeit, weil sie es zu bequem haben, dem Walde und seinen Gewässern ihren Unterhalt abzugewinnen, wo ihnen zugleich Schlupfwinkel genug zur Verfügung stehen, äußerem Druck auszu- weichen. Auch die Kautschukerzeugung ließ sich hier nur so lange in großem Stile betreiben, wie auf dem Weltmärkte noch jedes Pfund fast mit Gold ausgewogen wurde. Sowohl Rohrzucker- wie Kakao- pflanzungen am Amazonas und seinen Neben- ftrömen verfielen wieder größtenteils, als keine Negersklaven mehr gehalten werden durften. Sobald im Urwalde die ersten Nüsse reiften, ließen sich freie farbige Arbeiter, ob Neger, Mischlinge oder Indianer, nicht davon zurückhalten, sich für Monate
zurückzuziehen, um alltäglich ihre Nahrung einfach vom Boden auflesen zu können. Ein wenig Jagd und Fischfang sorgten für Ergänzung und Abwechslung. Gewiß kam auch nach Zusammenbruch des Gummi-„Booms" um die Jahrhundertwende Handel und Wandel im Amazonasgebiet nicht ganz zum Stillstand. Die Einwohnerzahl des großen Umschlagplatzes Manaos, 1600 Kilometer von der Mündung des Amazonas entfernt, aber noch für große Ozeanschisse erreichbar, brauchte sogar von über 100 000 nicht dauernd unter 80 000 zu sinken. Was ab-r bedeutet Manaos etwa gegen Hankau und Belem im Mündungsgebiet des Amazonas gegen Schanghai, das Ausfalltor des Jangtsebeckens! Und doch gibt es keine natürlichen Gründe, weshalb das Becken des Amazonas nicht ein ebenso volkreicher Siedlungsraum werden könnte, wie es das des Jangtse darstellt. Jedenfalls sprechen viele Anzeichen dafür, daß sich die Bevölkerung Brasiliens, je länger, je mehr, aus Angehörigen vieler Raffen und
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Völker zusammensetzen wird, die sich in dem weiten. Raume in unterschiedlichen Wohngebieten voneinander abzusondern suchen und nur teilweise miteinander vermischen werden.
Ein solches Neben- und Durcheinander der verschiedensten Rassen-, Volks-, Sprach- und Kultur- aemeinschaften läßt sich nur ähnlich wie ein großes Kolonialreich einheitlich regieren, nicht im Sinne eines Staatswesens, das einen einheitlichen Volkskörper ,3um Träger hat. Man kann auch das „Schmelztiegelverfahren" der nordamerikanischen Union nicht ohne weiteres auf brasilianische Verhältnisse übertragen. Die aufsaugende Kraft des angelsächsischen Bevölkerungskerns der Union bewährte sich • nur solange, wie es sich um artverwandte Einwanderer handelte und kleinen Gruppen fremder Einwanderer noch nicht all die Ausdrucksmittel moderner Technik zur Verfügung standen. Heute können sich solche Gruppen meist ihre eigenen Schulen, Zeitungen, Kinos usw. leisten, und es wird immer schwerer, ihnen das gewaltsam abzugewöh-- nen. Ein brasilianischer Patriotismus, der alle Bewohner Brasiliens in dem Bewußtsein zusammen- schließt, einem großen, sich machtvoll entwickelnden, zukunftsreichen Reiche anzugehören, ist möglich, und man wird es um so eher erreichen, je weniger fremdartigen Einwanderern verwehrt wird, ihrer- angestammten Sprache und Kultur treu zu bleiben. Aus allen Bewohnern Brasiliens Lusobrasilianer machen zu wollen, wäre ein unmögliches Beginnen. Man mag kulturlose N^ger oder Indios dazu bringen können, nur noch portugiesisch zu sprechen oder zu radebrechen; sie werden dadurch ebensowenig zu Lusobrasilianern, wie farbige Untertanen John Bulls zu Engländern werden, wenn sie englisch sprechen und schreiben lernen und gar an englischen Hochschulen studieren dürfen.
Da vier Fünftel der Bevölkerung Brasiliens noch des Lesens und Schreibens unkundig sind, gibt es immerhin noch große Möglichkeiten, in die breiten Massen der Farbigen- und Mischlingsbevölkerung Brasiliens auf dem Wege einer streng lusobrasilia- nischen Erziehung einen einheitlichen Zug zu bringen. Nichts wäre dagegen einzuwenden, da es sich dabei um Menschen handeln würde, die wenig angestammte kulturelle Eigenart zu verlieren haben. Leider richten sich jedoch die neuerlichen lusobrasi- lianisch-nationallftischen Einheitsbesttebungen nicht gegen die Unkultur des Lsssens und Schreibens nicht- kundiger Farbiger oder Mischlinge, sondern gegen die höchstkultivierten nationalen Minderheiten, im besonderen gegen die deutsche Bevölkerungsgruppe.
Es handelt sich dabei um die Wirkung OZX.-amerikanischer und britisch-imperialistischer Propaganda, die den maßgebenden Kreisen in Rio de Janeiro einzureden sucht, daß in deutscher Kultur auf brasilianischer Erde ein gefährliches Sprengmittel luso-
Briefe aus Brasilien.
Riesige Bodenjchähe. - falsche politische Marschrichtung.
Von $. Witkop.
Die beiden Schüler.
Von Albrecht Schaeffer.
Zwei junge Leute in der Tracht der Wander- scholaren, dem Knabenalter noch nahe, hatten eine Landstraße bis zu einem hochgelegenen Punkte erstiegen und begrüßten den Anblick einer Stadt mit Mauerringen und Türmen, die im Mittagsglanze kaum zwei Wegstunden entfernt an einem Flusse lag; und: „Da liegt sie nun", rief der eine, die Arme breitend, „unsere Mitte der Welt, die Stadt, wo wir unseren ersehnten Meister finden sollen. Eilen wir also hin, in einer Stunde sind wir bei chr und bei ihm." _
Der andere folgte dem Hinabeilenden gemächlicher, bis er, zurückblickend, ihm zurief:
„Spürst du denn gar keinen Drang? Oder weißt du Größeres, Höheres, als Kenntnisse zu erwerben?"
Der (Berufene antwortete: „Ja!"
»Ha? Nun, und das wäre?"
„Kenntnisse recht zu gebrauchen."
„Nun, der Gebrauch sollte sich wohl schon finden, wenn ich sie nur erst habe", murmelte der Erste, und sie wanderten von nun an schweigsam eine Stunde dahin, bis der Ungeduldige sagte:
„Wir brauchen, scheint's, dach zwei Stunden. Aber der Tag ist noch lang, und wir können sogleich unseren Meister aufsuchen."
„Tue es, wenn du magst. Ich möchte ihm so bestaubt und müde nicht vor die Augen treten. Vermutlich wird er uns auch einer Prüfung unterziehen, und mein Kopf ist klarer nach einer wohl- durchschlafenen Nacht."
Der andere lachte nur spöttisch, und so gelangten sie, wieder schweigsam wandernd, nach einer Stunde ins Tor. In einem bescheidenen Gasthof gab der Eilige nur Stecken und Ränzel ab und trabte, nachdem er das Haus des berühmten Lehrers erfragt hatte, davon, während der andere sich entkleidete, feinen Anzug reinigte, auch einen Riß mit Nadel und Faden ausbefferte. Später las er in einigen seiner mitgebrachten Bücher, speiste zuletzt, da es Nacht wurde, und legte sich zur Ruhe, nachdem er noch eine Stunde, auf den Freund wartend, beim Licht gelesen hatte.
Auch am nächsten Morgen, als er erwachte, war fein Freund nicht zu sehen;'eine halbe Stunde später machte der Schüler sich auf den Weg, und nachdem er durch die ihm bezeichneten Gassen zur Stadtmauer gelangt war, erblickte er dort auf einem Prellstein neben einer Mauerpforte sitzend, seinen Mitschüler, der dann mit einer verstörten und gequälten Miene ZU ihm emporsah. Auf die Frage, was ihm fehle, brachte er zuerst nur hervor: „Aepfel ... er habe
sich übergessen." Und er hielt seinen schmerzenden Leib und vermochte nur in Pausen unter Stocken einen Bericht seiner Erlebnisse zu geben.
Zu dieser Pforte gelangt, habe er die Buchstaben M. d. W. darauf gelesen — auch fein Freund hatte sie inzwischen schon erkannt — und zuerst gemeint, sie möchten doch wohl „Morgen das Weitere" heißen, bis er sich dann besann, ihre Bedeutung könne nur „Meister des Wissens" sein.
„Na", sagte der andere nachdenklich lächelnd, „wenn es denn nicht Meuterei der Wüstlinge' heißen soll, so könnte es ja auch Mutter der Weisheit' heißen."
Nachdem er die Schelle gezogen, fuhr der andere fort, fei unten im Türspalt ein fußlanges, eisgraues Männlein erschienen, habe ihn in einen Aepfelgarten hmeingelassen, nach seinem Begehr gefragt, und ihm bald darauf einen Zettel gebracht und die Weisung, das Rätsel, das er darauf lese, zu raten. Habe ihm auch erlaubt zur Stärkung feines Magens und Geistes so viel von den Apfelbäumen zu genießen, wie ihm nur beliebe.
Nun, und er habe gegessen — mehr als je im Leben. Denn Aepfel von solcher Herrlichkeit — Gravensteiner, Schöner von Boskop und vor allem eine Goldrenette ... er wand sich leicht in einer Mischung von Wonne und Qual und begann nach dem Zettel zu suchen, vermochte indes ihn nirgends in seinen Taschen zu finden; der Wind mußte ihn entführt haben oder das eisgraue Männlein, während er nachts unter einem Baume schlief. Denn es war über feinem Essen Nacht geworden, und er so satt und müde, daß er nur zu schlafen begehrte und sich niederlegte ins weiche Gras. Morgens war dann das Männlein sogleich erschienen und hatte ihn, da er weder den Zettel hatte, noch das Rätsel gelöst, wieder aus dem Garten geführt.
„Und so habe ich", schloß er, aufstehend, „von dieser Mastkur des Witzes für heute nichts davon getragen, als einen Stein im Magen."
Und er schlich fort, gebeugt und murmelnd: „Morgen das Weitere."
Auch dem anderen wurde, als er die Schelle gezogen hatte, von dem eisgrauen Männlein geöffnet; auch,er erhielt einen Zettel und die Mahnung, sich Zeit zu lassen und Dort den Aepfeln im Garten, so viel ihm beliebe, zu speisen. Es war ein großer Garten, dessen wohlgerundete, dicht belaubte Wipfel die Morgensonne vergoldete; eine unendliche Fülle wachsgelber und grün und roter und graugoldener Aepfel schimmerte in dem Grün. Der Jüngling las indessen auf dem Zettel die Zeilen geschrieben:
Das Allerklarste auf der Welt Das Alserbitterfte enthält.
Sinnend erhob er sein-Auge, und da er nahe über sich einen Apfel hängen sah, wundervoll gerundet,
ein wenig oben und unten eingedrückt, als ob er die Kugelgestalt der Erde nachahmen wollte, und makellos in seiner rauhen, braungoldenen Haut mit einer dunkelpurpurnen Wange, so loste er ihn vom Zweig und ging, ihn verspeisend, langsam durch das tauige hohe Gras, indem er abwechselnd auf die Zeilen des Rätsels blickte und die herrliche Frucht von weißgoldenem, saftglitzerndem Innerem. Alsbald sah er ein einfaches, weißens Gebäude durch die Bäume schimmern und bald darauf unter einer kleinen Säulenvorhalle einen Greis in schwarzem Sammet sitzen; der erhob von einem großen Buche, in dem er las, zwei Augen, die unter der reinen Kuppel feiner Stirn ruhigen blauen Seen glichen. Er grüßte mit'leisem Lächeln und fragte:
„Weißt du die Lösung schon oder noch nicht?"
„Meister, die Lösung ist", versetzte der Schüler, „mein Auge; denn ich kann nicht glauben, daß dem deinen jemals eine Träne entfallen ist."
„Dann", versetzte der Meister, sich erhebend, „bist du im Wissen gerade so weit, daß du anfangen kannst zu lernen."
Die Eichelsaai.
Von Wilhelm Schäfer.
Zu Schlehbuch lag vor Zeiten ein langer Ackerstreifen so weit nach Dhünwald hin, daß ihn die Mönche gern zum Klosterland geschlagen hätten. Sie fanden auch ein Pergament, wonach vor vielen Jahren, ein Ritter das Land dem Abt verschrieben habe. Obwohl der Junker von Schlehbuch fick) wunderte, daß schon sein Vorfahr mit der Schreiokunst umgegangen wäre, die er selber noch nicht verstand, und über das Papier laut lachen mußte, kaum größer als eine Hand, womit sie ihm das Land abnehmen wollten, länger als eine Viertelstunde, so waren doch die Mönche erfahrener im geschriebenen Recht. Sie fanden ein geistliches Gericht, das ihm den Landstreifen aberkannte als richtig geschenktes Klostergut. -
/ 2)a saß der Junker eine Woche lang ingrimmig in seiner Burg; und als ihm seine Freunde nacheinander bestätigten, daß an dem Spruch der Kaiser selber nichts mehr ändern könne, weil das Papier mächtiger fei, ritt er an einem Morgen im Schritt den ganzen Acker entlang zum Kloster hin und ließ den Kopf fast tiefer hängen als fein Pferd, so daß die Mönche ihn mit Schadenfreude kommen sahen.
Er schien bescheidener als sonst, stieg erst vom Tier, bevor er an der Glocke zog; und als er vor dem Abt in dessen Kammer stand, wo blank getäfelte Wände und bunte Deckenmalereien nicht
der Armut sprachen, die doch das selbstgewählte Los der Diener Gottes auf Erden ist, bat er ihn wie ein Bittsteller auch um ein Pergament, daß er nur einmal noch auf seinem Land eine Saat aufgehn und ernten lassen dürfe. Da bemerkte der Abt mit Schmunzeln, daß nun dem rauhen Junker die Achtung vor dem Papier gekommen wäre; er gab ihm lächelnd das verlangte Pergament und feinen Segen auf den Heimweg, stand auch noch lange pfiffig hinterm Fentter und sah dem Reiter nach, wie der sein Roß nun wieder stürmisch jagen ließ; und spöttelte, was für ein kindisches Gemüt solch ein Junker mit seiner Freude an der kleinen Frist verriete.
Der Frühling aber kam ins Land und keiner von den Klosterleuten sah einen Flug im Acker gehn; und weil der Abt zuletzt vermutete, daß die Bitte dem Junker doch wieder leid geworden wäre, kam einer seiner Mönche mit der Frage, wann er die Aussaat beginnen wolle? Der fand den Ritter, wie er von einer Jagd heimkam und mit den Hunden noch ein Wiesel hetzte, das an der Mauer seinen Schlupf nicht fand und ratlos hin und wider lief. Er sagte einen Weidmannsgruß an feinen Abt: die Saat sei ausgesät, er möge sich gut bei Gesundheit halten, die Ernte zu erleben. Da ging der Abt mit seinen Mönchen manchen Tag aufs Land, sie spähten nach der Sagt und merkten nicht, daß hier und da rotgrüne Zackenblätter aus dem Acker kamen; bis eines Morgens im zarten Morgentau die Blättchen einen rötlichgrünen Schein bekamen, der in das Kloster wie ein Brandfeuer leuchtete, weil jeder sah, daß Eicheln ausgesät waren. Da gab es neue Botengänge vom Kloster in die Burg; doch wie vorher der Abt mit seinem Pergament, stand jetzt der Junker da mit seinem.
Die Saat war grün 'und wurde größer, und als der kluge Abt begraben wurde, bewegten sich die ersten dünnen Ruten und wuchsen bedächtig aus der Erde. Und allmählich stand ein junger Eichenwald den Winter durch in seinem rostigen Laub und wurde spät im Frühling grün und war nach Jahren endlich so hoch, daß ichon der Junker — dem sein blonder Bart weißgrau geworden war — mit seinen Hunden darin jagte, und immer noch kam keine Ernte. Als dann der Ritter starb, uralt, da mußten sie ihn in dem Walde begraben. Und Siebte gingen ein, bevor die Eichen nur um einen Meter höher waren. Und endlich kamen d'e Franzosen mit ihrem Krieg und auch das Kloster Dhünwald brannte. Die letzten Mönche lagen m den Gräbern, mit riesigen Knorren in den Himmel aber stand die Eichelsaat und wartete auf ihren Mäher.


