43. (IG) Kompanie 3X446 itn Schulgefechtsschießen bei Hohensolms.
r Dienstag erhielt das stille Dörfchen Hohen- 'Olms Einquartierung aus dem Standort Gießen. Die 13. (IG.) Kompanie des Infanterie- Regiments 116 war zu einem Schulgefechts- fchietzen ausgeruckt und bezog in Hohensolms Quartier. Bald darauf beherrschten die Soldaten den weiten Talgrund zwischen der Burg Hohen- folms und dem Dörfchen Erda. Der Dienstag brachte zunächst em Schulgefechtsschießen mit dem Gewehr. Der gestrige Mittwoch war dem Schulschießen mit dem leichten Infanteriegeschütz gewidmet
Schon zu früher Morgenstunde rückten die Sol- va'ten in den nahen Talgrund und mit ihren leichten Geschützen mit Pferden und Munitionswaaen m die vorgesehenen Stellungen. Geraume Zeit vor- her waren schon die Absperrposten ausgestellt worden die sich auf großem Raume zwischen Erda, Hohensolms' Königsberg, Bieber und Frankenbach verteilten und das Gelände hinter dem Dünsberq gegen jeden Zutritt abriegelten. Die Pferde und Wagen waren westlich der Straße Hohensolms—Erde an den Wald zuruckgezogen worden.
Das Wetter war den Soldaten nicht sonderlich günstig Am Dienstag pfiff beißend kalter Wind durch den Talgrund. Den Soldaten blieben kalte Hande und steife Glieder nicht erspart. Aber das Wetter konnte der Sache keinen Abtrag tun Auch der gestrige Mittwoch bot sich nicht sonderlich freund- lich dar. Tiefhängende Wolken zogen über die Land- schäft hin und beschränkten immer wieder die Sicht. In kurzen Abständen jagten über die Höhe der Burg Schneewolken herunter, die viel nassen Schnee brachten. Gegen die Mittagsstunde verhängte anhaltender Schneefall die Landschaft
Für das Schulgefechtsschießen mit dem leichten Infanterie-Geschütz waren zwei Aufgaben gestellt: 1. Die jungen Rekruten, die im Oktober vorigen Jahres zur Wehrmacht kamen und bisher nur auf dem Kasernenhof mit ihrer Waffe zu tun hatten, sollten ihr Geschütz einmal im Einsatz für den Ernstfall kennenlernen; sie sollten praktisch mit scharfer Ladung umgehen lernen und sich vertraut machen mit der Bedienung des Geschützes, wie sie sich im Ernstfall ergeben müßte. So kam jeder Monn der Geschützbedienung an den Abzug, konnte sich an die Gewalt und den Donner des Abschusses gewöhnen und die notwendige Sicherheit in der Bedie-
nung des Geschützes gewinnen. 2. Zweite Aufgabe war, den jungen Offizieren, den Feldwebeln und Unteroffizieren Gelegenheit zu geben, das Feuer zu leiten, eigene Initiative bei' der Bekämpfung des Feindes mit dem Geschütz zu entfalten und klare Entschlüsse zu fassen. Zu diesem Zwecke war — während die Geschütze in verdeckter Feuerstellung standen — die Beobachtungsstelle etwa 300 Meter voraus etwas seitlich vor die Geschütze auf eine* Anhöhe verlegt, von der aus das Tal zwischen Hohensolms und dem Dünsberg eingesehen werden konnte. Zu dieser Beobachtungsstelle waren auch zahlreiche Rekruten befohlen, die das Schießen mit beobachten sollten, während ihre Kameraden an den Geschützen weder die Ziele, noch die Feuerwirkung sehen konnten. Alle Kommandos wurden durch den Fernsprecher übermittelt.
Major Lyncker, der Chef der 13. Kompanie, stellte seinen Offizieren, Feldwebeln und Unteroffizieren die mannigfachsten Aufgaben. Im Flach- und im Steilfeuer waren die markierten Gegner, die Widerstandsnester, feindliche MG.-Stellungen usw. anzugreifen und unschädlich zu machen Mit möglichst wenig Schüssen galt es, sich auf die Ziele einzuschießen und dann mit kurzem Wirkungsfeuer den Erfolg zu erreichen. Die Aufgaben waren um so schwerer zu lösen, als der böige Wind von erheblichem Einfluß war. Um so größer war die Freude
bei allen Beteiligten, wenn es nach kurzer Zeit gelang, sich einzuschießen und dann mit dem Wir- kungsfeuer die gestellte Aufgabe zu lösen.
In kurzen Abständen rollte immer wieder der Donner der Geschütze durch das weite Tal, pfiffen die Granaten über die L-Stelle hinweg, krachten sie beim Aufschlag 600, 1000 oder 2000 Meter voraus im Gelände und zeigten die Einschußstelle durch leuchtend blauen Rauch an.
Gegen 15 Uhr wurde die Uebung des gestrigen Tages abgeschlossen und die Soldaten rückten zum wohlverdienten Mittagessen in die Quartiere zu den Bauern ein. Heute morgen zogen die Mannschaften zum zweiten Schulschießen aus.
Schulgefechtsschießen der Gießener Truppen.
Die Truppenteile des Standorts Gießen werden in der Zeit vom 7. Februar bis 31. März täglich, mit Ausnahme der Sonntage, von 8 bis 17 Uhr im Raume Kirchoers — Forsthaus Waldhaus — Wißmar — Salzböden Gefechtsschießen mit scharfer Munition abhalten. Während der Schußzeiten ist das Betreten des durch Poften äbgesperrten gefährdeten Gebietes verboten. Den Weisungen der Absperrposten ist unbedingt Folge zu leisten.
Aus der Stadt Gießen.
Verkehrte Welt.
Wundem mir uns darüber, daß unsere Kinder keinen Mantel mehr anziehen wollen, daß sie ihre Kniestrümpfe hervorholen und behaupten, es sei doch sooo warm!
Ein merkwürdiger Winter ist das Heuer. Nach den Feiertagen zeigte er für kurze Zeit seine Macht. Der Schnee knirschte unter unfern Schritten, aber nicht lange. Das Tauwetter kam, es folgten Stürme und Regen, Sonnenschein und ziehende Wolken. Milde Lust schlug uns entgegen, und auch in den Gebirgen schmolz der Schnee.
Die Stürme der letzten Tage fegten die Luft rein.
Klar und sonnenbeschienen lag die Landschaft am ersten Februar vor uns. Heller Sternenhimmel schien den Frost zu künden, aber am Morgen wehte wieder der Frühlingswind. Die Berge, die uns sonst mit ihren weißen Häuptern grüßten, haben nur noch einige schmutzige graue Flecken, weiter nichts. Die Wetterberichte schreiben: Ski und Rodel mäßig, Ski und Rodel ausgeschlossen! Das erste Gewitter kam im Januar Wir sahen am frühen Morgen einen Regenbogen am Himmel stehen, und wir dachten an das Sprichwort:
Wenn die Katze im Februar in der Sonne hegt, im März sie wieder hinter den Ofen kriecht.
Nun hat sie wirklich in der Sonne gelegen.
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Links: Leichtes Infanterie-Geschütz vor der alten Ziegelei in Feuerstellung. — Rechts: Im Augenblick des Abschusses. (Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Die Spatzen lärmen und zwitschern, sie fühlen sich wieder, wenn die Sonne so warm scheint. Auch die kleinen Meisen zirpen, als ob der Winter schon vergangen sei. Die Kätzchen der Haselnußsträucher leuchten in der Sonne Wenn ein leichter Wind weht, verschwenden sie eine Wolke ihres feinen Blütenstaubes Die kleinen unscheinbaren weiblichen Blüten sind schon da. Der Haselnußstrauch hält Hochzeit, ohne Bienensummen, ohne Schmetterlingsbesuch. Kalt und kahl sind noch die Zweige, aber die Blattknospen schwellen schon.
Die Schneeglöckchen strecken die ersten grünen Spitzchen aus dem Erdreich, und den Wald durchzieht ein Duft von dem frischen Saft der Bäume,
Auch am Tage die Haut gut pflegen. Das Gesicht mit Nivea-Creme leicht massieren, das kräftigt die Haut, regt sie an und erfrischt sie.
Wied erfrisch durch Niv^
Die Kinder auf der Straße kommen mit Ball, Kreiseln und „Schießern" und spielen damit Sis fühlen, daß der Winter nicht mehr da ist. Schlitten und Schlittschuhe träumen auf dem Speicher.
Verkehrte Welt! W'e war das vor neun Jahren im Februar 1929! Da herrschte sibirische Kälte,
Es sind unruhige Tage für das menschliche Her;. Noch fühlt es, daß der Winter nicht vergangen ist, aber schon singt leise die Sehnsucht nach Vogelsang und blühenden Bäumen iy ihm
Der Frühling ist in der Nähe. Wie gern läßt man sich täuschen, wenn die milden Lüfte wehen und die Sonne das Land überstrahlt! H.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „La Habanera". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): Vortrag und FiliN „Sonniges Südamerika, quer durchs Land". — Oberhestischer Kunstverein Turmhaus am Brand: „Frankfurter Künstler der Gegenwart", 17 bis 18 Uhr. — Oberhessischer Geschichtsverein: 20.15 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Institut (Ludwigstraße' 34) „Wehrhafte Dorfkirchen", von Dozent Dr. M e y e r- Barkhausen.
Auf den Spuren unbekannter Völker in Hinterindien.
Dr Hugo Adolf Bernatzki, Forschungsreisen^ der und Verfasser vielgelesener Reisewerke, hält, wie man uns mitteilt, am morgigen Freitag, 4 Februar, in der Neuen Aula auf Einladung des Goethe-Bundes und Kaufmännischen Vereins, in Verbindung mit der Volksbildungsstätte der NSG. „Kraft durch Freude" einen Lichtbildervortrag über seine Hinterindien-Expedition 1936/37, von der der Forscher erst vor kurzem zurückgekehrt ist. Auf dieser Reise hat Dr. Bernatzik die Reste eines uralten Nomadenstammes entdeckt. Zahlreiche Lichtbilder werden Zeugnis ablegen von der Existenz dieses seltsamen Volkes. ,
WHW. Ortsgruppe Gießen-Süd.
Kohlenabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine der Serie D am Freitag, 4. Februar, abends 19.30 Uhr, auf der Geschäftsstelle Crednerstraße 24 einzureichen. Später eingereichte Kohlengutscheine werden nicht mehr angenommen.
WHW. Ortsgruppe Gießeu-Mitte.
Vetr.: Kohlenabrechnung am 4. Februar.
Die Kohlenhändler werden ersucht, dieKohlen- scheinederSerieOFreitag, 4. Februar, 2 0.30 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Möser), Eingang Löwengasse, einzureichen. Es
pept und Mark.
Von Werner Schumann.
Der Herr Vater, im Familienkreise Pepi gerufen, huldigt dem Grundsatz einer möglichst frühzeitigen Erziehung und Geschmacksbildung. Er möchte ein erlesenes Produkt von Söhnchen haben. Von Tag zu Tag entdeckt er immer neue Anzeichen einer Intelligenz, die beide, Pepi und Mammi, in einen wahren Strudel von Aengsten, Freudenausbrüchen und Spannungen stürzt. Indessen hält Mammi, die fröhliche und unbekümmerte, wenig von des stolzen Erzeugers pädagogischen Anschauungen.
„Der geht ja doch feinen eigenen Weg", meint sie lächelnd, „laß ihn nur machen."
Mark, um den sich feit reichlich einem Jahre der Haushalt dreht wie die Welt um den babylonischen Herrscher, Mark spielt am liebsten mit Wäscheklammern. Aber Pepi meint, daß auch das Spielzeug den Sinn des Kindes anregen und bilden müsse, weshalb man in der Wahl gar nicht vorsichtig und überlegt genug sein könne.
Und also geht Pepi hin und ersteht einen ganzen Arm voll reizender Spielsachen, wohlgestalteter Stofftiere, unzerreißbarer Bilderbücher und kunstvoller Klappern, aus denen es, wenn man sie schüttelt, wie von Glocken tönt.
Sobald Mark die Bescherung erblickt, läßt er sich mit einem dumpfen, Pepi und Mammi begeisternden Plumps auf den Teppich fallen. Und dann beginnt er, mit .seinen rosigen, wundervoll täppischen Patschhändchen sich Stück für Stuck heraus- zugreifen, gewissenhaft zu untersuchen und die blanken Aeuglein auf die Suche zu schicken, noch ehe dem gerade in der Faust ächzenden Tier der Hals völlig umgedreht ist.
Pepis Clou ist der Teddy mit den Wackelohren. Wie eine Armbrust gespannt ist er auf den Augenblick, da Mark sich dem ,Bau-Bau" nähern und ihn an die zierliche Stupsnase drücken würde Dieser Augenblick jedoch verzögert sich, denn Mark ist gerade beharrlich dabei, einem wehrlosen Zelluloidhündchen die Pfoten abzubeißen. Pepi brummt selig vor Behagen. „Zähne hat der Junge, Zähne..." e ,,
Aber schon fallen, nachdem das abgeknabberte Hündchen mit einem Ruck des Unwillens an die nagelneue Vitrine fliegt, Marks unermüdliche Hände über die Klapper mit dem schönen Glocken- qeläute her. Noch einmal, ein letztes Mal ertönt der melodische Klang. Denn jetzt brechen die appe
titlichen Fingerchen räuberisch in das Innere der Klapper ein Drähte kommen zum Vorschein und eine freischwebende Metallkugel. „Da-da"! stammelt Mark verzückt. Wie ein Triumphator hält er die Kugel gepackt. Pepi läßt wehmütig den Kopf hängen, Mammi aber lächelt — überlegen. Doch schon in der nächsten Sekunde springt Pepi entsetzt auf.
„Junge! Mark! Herrgott, jetzt schluckt er die Kugel!"
„Was hab ich gesagt", holt Mammi strafend aus.
„Hilf lieber jetzt das Kind retten!" schreit Pepi hochrot im Gesicht und bemüht sich vergeblich, mit seinem großen Zeigefinger in Marks kleinen Rachen vorzustoßen, noch ehe die böse Kugel durch die Speiseröhre in den Magen hinabtrudelt.
Doch Mark hat krampfhaft die Lippen und ersten sieben Schneidezähne aufeinandergepreßt, macht ein verschmitztes, sich sichtlich an der komischen Aufregung weidendes Gesicht und rollt, den Schrecken noch zu erhöhen, die kastanienbraunen Augen.
„Spucken! Pfui, Mark! Bä-bä!" faucht Pepi. Mark läßt sich nicht erweichen Seine Aeuglein funkeln und rollen Pepi will soeben die Kiefer gewaltsam auseinanderbiegen, als Mammi ihren Buben schon an beiden Füßen ergriffen hat und ihn kopfunten baumeln läßt Es gibt einen dumpfen Knall: die Kugel rollt über den Teppich.
„Gottlob", seufzt Pepi, von einem ungeheuren Alb befreit.
„Eine Wäscheklammer hätte er nicht verschlucken können", bemerkt die kluge Mammi.
Ergrimmt verläßt Pepi das Zimmer, um sich für das Theater umzukleiden Als er frisch rasiert und im Glanz des Abendanzugs zurückkehrt, um bescheiden von Mammi das Abendbrot zu erbitten, sieht er staunend, daß von der ganzen Spielsachenherrlichkeit nichts mehr zu finden ist als das linke Ohrläppchen von Teddy und zwei Drähte der greulich demolierten Klapper mit dem Glockengeläute.
„Alles schon weggeräumt?" erkundigt sich fra- gend Pepi.
„Mark hat es selbst besorgt, Lieber", lächelt Mammi und nickt zur Chaiselongue hin, „da schau in die Ecke" Pepi schaut, er schaut die vielen scho- nen und wohlgestalteten Spielsachen, diese tiefdurch- dachten Erzeugnisie von Künstlerhand die sein Bub nacheinander an die Wand gepfeffert hat. Es sieht aus wie ein Friedhof Pepi brummt wehmütig
Aber er hat sich doch wenigstens etwas zum Spielen mit in die Küche genommen", fragt fern trauriger Blick.
„Komm", sagt Mammi, nichts als „Komm" und nimmt den Herrn Vater an der Hand, um ihn, lächelnd natürlich, an den Ort zu führen, wo Mark in seliger Selbstvergessenheit himmlisch-süßem Spiel obliegt.
Er steht nämlich am Mülleimer und hat beide Arme einschließlich der blütenweißen Strickjacke in den fragwürdigen Inhalt gesenkt. Sodann holt er einen Kohlstrunk heraus, das elende Ueberbleibfel eines violettroten Kopfes, den es gestern zu Mittag gab, er hält den armseligen Strunk wie eine zarte Frühlingsblume glückselig hoch und stammelt glücklich: „ei-ei". Und streichelnd fährt sein rechtes Patsch- yändchen über den Strunk.
„Erziehung...", meint die kluge Mammi und lächelt wieder ein wenig. „Mark bleibt Mark. Gibst du's auf?"
„Er hat nun mal seinen eigenen Kopf", brummt Pepi, der um alles in der Welt seine Niederlage "in einen Scheinsieg verwandeln möchte, „und den, siehst du, den hat er von mir!"
Kugeln, die dieWett bedeuten.
Besuch in einer Gwben-Fabrik.
Die Welt ist rund! Das wird heute nicht mehr bestritten, wie es früher einmal der Fall gewesen ist. Wer aber dennoch irgendwelche Zweifel hegen sollte, der sollte gleich an die richtige Stelle gehen, um sich zu überzeugen. Er gehe zu den Männern, die tgglich damit beschäftigt sind, viele, viele Welten sozusagen am lausenden Band zu erschaffen. In einem Hause der Berliner Innenstadt, hoch oben über den Dächern Berlins, wird er in hellen luftigen Räumen die Weltkugelfabrikanten antreffen.
In großen Regalen stehen die fertigen ©loben im Lager und warten daraus, in jene Welten geschickt zu werden, die man auf ihnen finden kann. Zwischen einer Unzahl von Welten wandert man hindurch und bewundert ihre Pracht. Hier fällt das Auge auf die hellblaue Fläche der Weltmeere, dort fesselt den Blick das farbenprächtige Kartenbild Afrikas. Grotesk muten die Grenzlinien Europas an, und beruhigend wirkt die unendlich weite Fläche Asiens. Gleich einem feinen Netzwerk umspannen die roten Linien der Schiffahrtsgesellschaften und die schwarzen der Eisenbahnen den Erdball.
Aber wie entstehen diese Kugeln, die die Welt bedeuten? Riesige Stapel besonders vorbereiteter Pappe werden von Maschinen in kürzester Zeit zu Halbkugeln verwandelt, die ein Höchstmaß an Ge
nauigkeit aufweifen. Sie werden in Formen zu Kugeln vereinigt. Feile und Schmirgelpapier nehmen die letzten Unebenheiten, wieder eine andere Maschine entfernt auch die kleinsten Staubteilchen. Noch wissen die Hersteller nicht, wo Asien, Amerika und Afrika, wo Nord- und Südpol liegen werden. In eintönigem Grau türmen sich die untadeligen Kugeln zu Bergen unvollendeter Welten.
Die eigentliche Erschaffung der Welt beginnt bei den besonders geschulten Kräften, die in überfeiner, komplizierter Arbeit das Weltbild auf die Erdoberfläche auftragen. Nach den Längengraden, die vom Nordpol bis zum Südpol reichen, wird die Weltkarte in einzelne Streifen geschnitten. Sie werden fein säuberlich auf die Erdoberfläche nebeneinander geklebt, und es darf beileibe nicht Vorkommen, daß irgendwo ein Stück Australien oder Europa keinen Platz mehr findet. Und man entdeckt auch keine Unregelmäßigkeit in dem bunten Gewirr unzähliger Linien. Wenn dann alle Erdteile den ihnen zu- kommenden Platz auf der Kugel erhalten haben, dann kommen die Gegenden an die Reihe, die ewig von Schnee und Eis bedeckt sind, in denen sich jo manches tragische Forscherschicksal erfüllte. Weiß wie der Schnee sind die beiden kreisrunden Flächen, die die Pole unserer Mutter Erde darstellen, lieber alles wird hauchdünner, durchsichtiger Lack gestrichen, der die Welt in Hochglanz erstrahlen laßt. Fehlt nur noch die Erdachse. Sie muß sein; denn: „Die Welt ist rund und muß sich drehn!" Hier tut sie es in einem eigens für sie konstruierten Ständer.
In allen Größen und Ausführungen werden ©loben angefertigt, man kann sie mit Beschriftungen in allen erdenklichen Sprachen haben. Nach Arabien, Holland, Südamerika, Griechenland, England und vielen anderen Ländern werden die fertigen Welten geschickt, die hier erschaffen wurden, ideale Hilfsmittel, ein anschauliches Bild unseres Planeten zu vermitteln.
Und dann werden Knaben und Mädchen mit brennenden Augen vor ihnen sitzen, werden versuchen, eine Vorstellung von der Größe unseres Erdballes zu gewinnen und ihre Gedanken werden in weite Fernen wandern, die geheimnisvollen Zauber für sie bergen. Oder was noch schöner ist — sie werden ein Stück weißer Kreide zur Hand nehmen, werden sich vor einen der schwarzen Schiefer- globen setzen, die nur die Längen- und Breitengrade zeigen, und sich ein Weltbild schaffen, wie es sich ihnen in schönsten Träumen zeigte. Auf diesen schwarzen Kugeln, auf denen es sich so schön zeichnen läßt, können sie auch eine Aufteilung der Erdoberfläche vornehmen, wie sie ihnen richtig erscheint«
Adolf Ness.


