Ausgabe 
2.4.1938
 
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2./Z. April ltzZ8

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Hr.78 Drittes Blatt

Huckepack im Moor.

Don Karl Lerbs.

Neben ihm in der feuchten Wärme des Kissen­gebirges war ein deutliches Stöhnen, unterbrochen von leisen Klageworten. Mühsam kletterte der Bauer aus dem Alkoven, suchte brummend - seme Pantoffeln und tastete sich zum Herde, um'das Feuer aufzustökern; dann zündete er die kleine Lampe an und schlurrte zum Bett. So stand er, den riesenhaften Körper etwas verkrümmt, nut der Linken nachdenklich die grauen Kinnborsten kratzend, mit der Rechten die blakende Lampe emporhaltend-, und wenn sich auch in seinem braunen, von Wet­ter und Alter verhärteten Gesicht kein Muskel regte, so dämmerten doch in seinen hellen Augen Unbe­hagen und Verwunderung auf: das da in den rot­gewürfelten Kissen war nicht das gewohnte Gesicht seines Weibes, verrunzelt, rotbackig, gleichmütig: das war ein verfallenes, kleines, gelbliches Gesicht, mit ängstlich flackernden Augen und einem schief­gezogenen Munde, der abgerissene Klagen über -schmerzen im Leibe mummelte.

Der Bauer, ein bis zu tagelanger Stummheit wortkarger Mann, wußte nichts von Angst und .weichherziger Besorgnis; er wußte auch nichts von Krankheit. Hart und einsam, kinderlos und ohne Wunsch an die Zukunft stand er im Gleichklang seiner Tage, die ihn unabänderlich an starre Ge­wöhnung ketteten an das tödliche Schweigen der Mooreinöde, an das Geracker auf kärglichem Acker­land und am Torfstich, an das Kommen und Gehen der Taglöhner, an die langen stillen Fahrten au, schwarzen Moorgräben, wenn er seine Ladungen zum Torfwerk vor der Stadt stakte und ohne Neu­gier zu den fern ragenden Türmen hinübersah, die er niemals in der Nähe erblickt hatte. In dieser Morgenstunde aber witterte er mißtrauisch eine Ge­fahr für dieses mit scheinbar unerschütterlicher Zu­verlässigkeit ablaufende Leben. Wenn die Frau krank wurde, so gab es einen Riß, den er nicht zu flicken wußte.

Indessen der Kessel mit dem Wasser für den Ka­millentee am Haken über dem Feuer summte und der Bauer ächzend in die Kleider kletterte; dann, als er im Stall die Ziege, das Schwein und die Hühner versorgte, kaute er an einem schweren Ent­schluß. Auf dem Rückwege zur Kate aber zwang die Besorgnis den harten Brocken hinunter. Während er aus einem Kasten, der unterm Brennholz ver­borgen stand, eine Handvoll Silberstücke heroor- holte, durchzählte, zögernd und seufzend ein paar.

davon im Taschentuchzipfel verknotete und den Rest sorgsam wieder verbarg, überlegte er. Drei Weg­stunden entfernt war eine Haltestelle der Kleinbahn, die das Moor durchquerte; von dort war es eine halbe Stunde Fahrt bis zu dem großen Dorf, wo der Doktor wohnte. Ein Gespann hatte er nicht, der Kahn war undicht, und bis zum Nachbar war es weit, auch mit dem Schubkarren war im Morast der Wege kein Durchkommen. Bedachtsam packte der Bauer Holzpantoffeln und Reiserbesen, das Ergeb­nis der Winterarbeit, in einen Tragkorb; das ließ sich wohl im Dorf verkaufen. Dann fuhr er in seine langschaftigen Stiefel, holte die Frau aus dem Bett hervor, kleidete sie an, so gut es gehen wollte, und packte sie in Decken und Tücher. Als er auf ihre ängstlichen Fragen etwas wieDoktor" knurrte, er­schrak sie- und versicherte, hastig plappernd, es ginge ihr schon besser. Er aber hörte kaum hin, langte nach Wolltuch und Kappe und trug erst den Korb, dann die Frau hinaus. Dann versperrte er die Tür, nahm die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rande des schmalen Pfades an einer eini­germaßen trockenen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So schleppte er, zuweilen ein wenig schwankend, unter den Stößen des Windes, immer abwechselnd die Frau und den Korb durch Schlamm, nasses Heidekraut und zähe Ginsterstrünke; den Ge­höften ging er aus dem Wege; mit überflüssigen Fragen wollte er nichts zu schaffen haben. Er wußte, was er wollte, und er setzte es durch.

Gegen Mittag erreichte er die Haltestelle und be­trat den Raum, in dem ein mürrischer Beamter gelangweilt hinterm Kaffeetopf hockte und über­rascht aufblickte, als bei solchem Wetter Fahrgaste erschienen. Der Bauer setzte die Frau neben den Ofen und fragte, ob der Mittagszug schondurch­wäre"? Nein, er war noch nicht durch. Nun wollte der Bauer den Fahrpreis wissen: für eine Person und zwei Traglasten. Der Beamte wunderte sich: Zwei Traglasten? ..." Jawohl, bekräftigte der Bauer gelassen, die Frau hätte er tragen müssen, weil sie nicht gehen könnte, und so etwas wäre für ihn Traglast. Aber das wollte der Beamte nicht gelten lassen. Für ihn war in solchem Falle Mensch Mensch, ob gehfähig oder nicht; und er nannte den Fahrpreis. Hier ließ der Bauer den Taschen­tuchzipfel mit den Silberstücken, den er schon her­vorgezogen hatte, in die Tasche zurückgleiten. Er hatte eine glatte Rechnung gemacht; der Doktor sollte sozusagen mit Holzschuhen und Reiserbesen ausgewogen werden; und nun sollte schon die Bahn­fahrt mehr kosten, als er überhaupt mitgenommen hatte. Die schöne glatte Rechnung war hm. Er sackte ein wenig zusammen, nahm mit einex hilflosen

Aus der Stadt Gießen.

Schulentlassung.

Wenn der Frühling seinen Einzug hält, wenn die Knospen schwellen und überall neues Leben hervorquillt, verlassen Tausende und aber Tausende von Kindern die Schule, um zum ersten Male einen Schritt allein ins Leben zu tun. Ist diese Zeit des Erwachens nicht ein gutes und schönes Wahrzeichen für diesen ersten Schritt ins Leben?

Die Kinder haben sich alle auf diesen Tag ge­freut; denn er öffnet ihnen das goldne Tor des Lebens. Sie sind nunerwachsen". Die Zeit des Lernens ist vorbei. Lange Jahre hat es gedauert. Nun sind sie frei. So denken unsere Mädchen und Buben. Gewiß war das Lernen nicht immer leicht. Schöner waren schon die Stunden, in denen er­zählt wurde von fernen Ländern, von längst ver­gangenen Zeiten, und am schönsten war es sicher, als damals die Kleinen zur Schule kamen und ihnen die schönen deutschen Märchen erzählt wur­den ...

Der Tag der Schulentlassung ist ein Tag der Freude, wenn auch hier und da einige Tränen fließen. Der Abschied von den vertrauten Räumen, vom Schulhof, in dem sie oft tollten, all dies er­weckt doch eine gewisse Wehmut, auch im kindlichen Herzen. Sicher ahnen sie, daß die schönsten, un­schuldigsten Tage der gemeinsamen Freuden nun vorüber sind. Die Schulfreundschaften halten ja oft während des ganzen Lebens.

Nicht so leicht ist der Tag für die Eltern. Schwe­ren Herzens schicken sie ihre Kinder hinaus ins Leben, in die Werkstatt, in die Fabrik, in den Laden oder in ein Geschäft, und viele Wünsche und Hoffnungen umgeben die jungen Menschenkinder auf ihrem neuen Wege...

Nun sind die Jahre der Schulzeit dahingegangen, aus den Kindern wurden junge Mädchen und Burschen, die an der Schwelle des Lebens stehen und sehnsüchtig in ein neues Land schauen. Sie wollen sich nun ihr eigenes Leben' zickimern, wollen die ersten Grundsteine legen für eine glückliche Zu? fünft. Wahl ihnen, wenn sie auf den Rat der Eltern hören, wenn sie' nicht leichtfertig ihre eigenen Wege gehen.

Aber auch die Eltern müssen den Kindern ver­trauen und nicht immer nörgeln und etwas aus­fetzen. Nur eins sollen sie immer wieder tun: den jungen Menschen ein Ziel zeigen!

Wenn die jungen Menschenkinder müde werden, dann sollen die Eltern helfen und stützen, neue Hoffnungen geben, damit das junge Geschlecht ziel­bewußt seine Arbeit tut.

Das soll nicht heißen, daß wir unsere Kinder be­ständig ermahnen und führen. Das nicht. Sie sollen schon ihre eigenen Wege gehen, aber nicht den Rat und die Meinung der Eltern zurückweisen ...

So sollen Elternhaus und Lehrherren mithelfen, der Jugend die Wege zu zeigen und sie auch zu den Schönheiten des Lebens führen. Aber sie haben ja heute noch andere Helfer. In der HI., im BDM., in der SA. finden die jungen Menschen die Kame­radschaftlichkeit, die sie davor behütet, abseits zu wandern. Der Weg führt heute zur großen Volks­gemeinschaft. Und deshalb fahren unsere Jungen und Mädchen mit Freude unter dem starken Schutz der Regierung hinein ins Leben. H.

Erweiterung

des städtischen Krasiomnibusbetnebs.

Im Hinblick auf die großen Anforderungen an die städtischen Verkehrsbetriebe hat sich der Ober­bürgermeister entschlossen, die seit Mitte Februar 1937 bestehende Kraftomnibus-Abteilung des städtischen Straßenbahnbetriebs durch zwei weitere große Omnibusse zu verstärken. Die beiden neuen Kraftomnibusse sind bereits bestellt, sie werden vor­aussichtlich in einigen Wochen in Dienst gestellt werden können. Die neuen Omnibusse werden noch etwas größer sein als die bisherigen, natürlich wer­den sie auch alle Annehmlichkeiten des modernen Omnibusbaues aufweisen. _______

Fünf Jahre Aufbau in Gießen.

Oie Entwicklung unserer Stadt im Spiegel der Haushaltspläne.

II*.

Sehr erfreulich ist ein Blick auf die Entwick­lung des Steueraufkommens in den Jahren von 1933 bis 1937. Hier hat man die er­freuliche Tatsache zu verzeichnen, daß im Finanz­amtsbezirk Gießen, dessen Hauptpunkt ja die Stadt Gießen ist, das Lohnsteueraufkommen von 1933 bis 1937 eine Steigerung um 75 v. H. erfahren hat, die Steigerung der Einkommen- st e u e r von 1933 bis 1937 sich sogar auf 7 0 0 v. H. des Aufkommens von 19 33 belief. Schließ­lich ist noch bemerkenswert, daß das Aufkommen an Körperschafts st euer von 231 000 Mark im Jahre 1933 sich auf 1V2 Millionen Mark im Jahre 1937 gesteigert hat.

Im städtischen S ch u l d e n d i e n st sind in den fünf Jahren von 1933 bis 1937 rund 1 783 000 Mark städtischer Schulden getilgt worden. Aller­dings sind in den letzten Jahren für die großen Aufbauwerke der Stadt, durch die neue Ver­mögenswerte im Betrage von rund 3'/- Millionen geschaffen wurden, rund 836 000 Mark neue Anleihen ausgenommen worden. Trotz dieser Neuaufnahme hat sich der Gesamt-Schul­de n st a n d der Stadt im Laufe der letzten Jahre um rund 1 Million Mark verringert. Das ist angesichts der großartigen Aufbauarbeit der Stadt während der letzten Jahre auf den verschie­densten Gebieten ein weiterer rühmenswerter Bei­trag zur gedeihlichen Entwicklung unserer Stadt. Die' Höhe der Schulden der Stadt steht in einem sehr günstigen Verhältnis zu dem Stand des städti- jchen Vermögens.

Werfen wir nun einen Blick auf die Entwick­lung Der städtischen Betriebe von 1933 bis 1937. Hier können wir in den Voranschlägen folgende Abschlußzahlen feststellen:

* Teil I in Nr. 77 vom 1. 4.

Elektrizitätswerk Straßenbahn

1933: RM. 2 090 657,44 293 537,04

1934: 2 332 917,32 281 608,77

1935: 2 328 819,16 287 556,16

1936: 2 633 584, 349,380,

1937: 3 041 145,60 359 155,

Gaswerk

Wasserwerk

1933:

RM. 950 980,

532 420,

1934:

854 290,

486 200,

1935:

857 598,

491 300,

1936:

856 706,

543 143,

1937:

924 800,

577 640,

Volksbad 53 119, 50 320, 53 086, 54 330, 51 590,

Im Rechnungsjahre 1937 ist zum erstenMale das städtische Biohumwerk mit einem Haushaltsplan in Höhe von 13 000 Mark hinzugekommen.

Besonderes Interesse gebührt in diesem Zusam­menhänge den B e t r i e b s ü b e r s ch ü s s e n , die von den Werken aus ihrem Ertrag alljährlich an die allgemeine städtische Finanzverwaltung abzu­führen find. Als Betriebsüberschüsse lieferten an die Stadtkasse ab das

Elektrizitäts­werk

Gas­werk

Wasser­werk

1933:

RM. 350 340,37

200 451,

214 833,

1934:

302 691,41

168 500,

196,700,

1935:

302 569,50

166 500,

196,800,

1936:

305 370,

157 100,

200 000,

1937:

350 930,

15.7 100,

218 000,

Die

Straßenbahn war

auch in diesen Jahren,

wie schon seit ihrem Bestehen, ein Zuschußbetrieb, für den die Stadt alljährlich eine Beihilfe aus all­gemeinen Mitteln zu leisten hat, die aber im Hin­blick auf die Gemeinnützigkeit und Wichtigkeit die­ses Verkehrsbetriebes durchaus vertretbar ist.

Einige weitere Angaben über den wirtschaftlichen Aufschwung im Bereiche unserer städtischen Betriebe dürsten in diesem Zusammenhänge

besonderes Interesse finden. Beim Elektrizi­tätswerk ist die Stromlieferung seit 1932 um 95 v. H. gestiegen. Die Errichtung von Transfor- matorenstationen im Schiffenberger Weg, in der Marburger Straße und in der Schwarzlach erwies sich als dringend notwendig. Mit einem Kostenauf­wand von 210 000 RM. wurde eine Erweiterung des Stromnetzes vorgenommen. Weitere 100 000 Mark wurden für die Umstellung verschiedener Stromleitungen von Gleichstrom auf Wechselstrom aufgewandt. Für Verbesserungen und Neueinrich­tungen im Werk selbst wurden rund 150 000 Mark ausgegeben. Beim Gaswerk wurden für den Ausbau von Straßenleitungen, sowie für den An­schluß neuer großer Gebäude an das Leitungsnetz, ferner für die Neuanschaffung von Gasmessern rund 180 000 Mark verausgabt, also für die Ar­beitsbeschaffung an zahlreichen anderen Stellen ein­gesetzt. Das Wasserwerk verzeichnet aus den gleichen Notwendigkeiten und Erwägungen einen besonderen Kostenaufwand von rund 130 000 Mark. Der Wasserverbrauch ist seit 1932 um rund 500 000 cbm jährlich gestiegen.

Zur Abrundung des Bildes der wirtschaft­lichen Belebungs- und Aufbaumaß­nahmen unserer Stadt sei noch vermerkt, daß seit 1933 für Straßenbauzwecke ins­gesamt rund 750 000 Mark und für Kanalbau- zwecke rund 330000 Mark aufgewandt wurden. Die Errichtung des Arbeitsdienstlagers wurde mit einem Kostenaufwand von rund 66 000 Mark durchgeführt und damit für die Wirtschaft unserer Stadt ein wertvoller Faktor geschaffen. Schließlich fei noch erwähnt, daß für Neubauten im Schlachth 0 f rund 160 000 Mark und für den Ausbau der Pestalozzischule rund 190 000 Mark von der Stadt ausgegeben und damit dem wirtschaftlichen Leben als neue Antriebskraft zu­geleitet wurden. B.

Monate EHW. in Gießen=550 Zentner Schweinefleisch.

Ein gleicher Betrieb in Bad-Nauheim.-Grünberg und Lollar sotten ebenfalls erfaßt werden.

Seit Juni 1937 hat die Kreisamtsleitung Wet-' terau der NSV. das Ernährungs-.Hilfs- w e r f (EHW.) in Gießen im Gange. Zunächst wurde der Betrieb provisorisch auf dem Hofgut Heibertshausen bei Daubringen durchgeführt, seit November vorigen Jahres ist er in eigenen Gebäu­den beim Unteren Hardthof untergebracht. Zum Bau dieser Gebäude hat unsere Stadtverwaltung in wirksamer Weise beigetragen.

Seif Juni vorigen Jahres sind in der Schweine- Mästerei des EHW. insgesamt 329 Schweine eingelegt worden.

Die Ernährung der Tiere, vom Läuferschwein bis zum vollausgemästeten Schlachtschwein, erfolgt durch die Verwendung der in den Gießener Haushaltun­gen gesammelten Küchenäbfällen unter Hinzusetzung Kraftfuttermitteln, die das EHW. sich selbst be­schafft. Erfreulicherweise mar das Aufkommen an Küchenabfällen bisher stets so ausreichend, daß die zur Mast eingelegten Schweine von dieser Futter­grundlage aus nicht nur genügend versehen werden konnten, sondern es auch möglich war, eine gewisse Futterreserve in Silos jederzeit griffbereit für die Zeit besonderer Anforderungen vorrätig zu halten. Hinzu kommt eine Ergänzung der täglichen Futter­mengen durch das Kraftfutter und durch Molke, die von der Molkerei Grieb in Gießen des EHW. kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Im Durchschnitt werden alle vier Monate schlacht­reif ausgemästete Schweine aus der Mästerei des

EHW. Gießen auf dem Wege über die Diehver- wertungsgenossenschaft den Gießenern Metzgereien zur Verfügung gestellt.'Aus dem Erlös der verkauf­ten Schweine werden dann wieder Läuferschweine zur Mästung angeschafft, ebenso die Kosten des Kraftfuriereinkaufes gedeckt.

Die bisher verkauften ausgemästeten Schweine hatten insgesamt ein Gewicht von 328 Zentner, die zusätzlich für die Fleischversorgung der Gie­tzener Bevölkerung geliefert wurden. Die jetzt noch in der Mästerei des EHW. stehenden 182 Schweine stellen, nach Abzug ihres Anfangsge­wichtes als Läuferfchweine, gegenwärtig ein Gesamtgewicht von 226 Zentnern dar.

Diese Schweine werden im Laufe der nächsten Wochen vorn EHW. über die Viehverwertungsge­nossenschaft den Gießener Metzgereibetrieben und damit der Fleischversorgung der Gießener Bevölke­rung zugänglich gemacht werden.

Rechnet man die Gewichtsmengen der bisher verwerteten und der jetzt noch zur Mast stehenden Schweine zusammen, so kann man als Ergebnis dieses Schweinemästereibetriebs während des bisher verflossenen dreiviertel Jahres seines Bestehens die sehr ansehnliche Menge von 554 Zentnern Schweinefleisch als

zusätzliche Versorgung der Gietzener Bevölkerung feststellen.

Das ist ein Arbeitserfolg, auf den die Kreisamts­leitung Wetterau der NSV. mit gutem Grund stolz fein kann. Aber auch die Gießener Hausfrauen, die bisher in dankenswerter Weife die zur Schweine­fütterung geeigneten Küchenabfälle dem Schweine­mästereibetrieb des EHW. fortlaufend zur Ver­fügung stellen, können der Anerkennung der, All­gemeinheit gewiß fein, weil sie durch ihre verständ­nisvolle Mithilfe ein gutes Werk im Dienste der Volksgemeinschaft unterstützen.

In aller kürze wird die Stadt Gießen ihre anerkennenswerte Förderung des EHW. durch eine neue gute Tat bekunden. Sie wird die Errichtung eines zweiten Stalles für den Schweinemästereibetrieb in Angriff nehmen. Die Mittel für diesen Bau sind schon vor einiger Zeit vom Oberbürgermeister nach Be-

Der Zollstock beweist es! Messen Sie einmal Ihre Fußböden aus und mul­tiplizieren Sie die Quadraimeterzahl mit RM. 1.25. Sie werden staunen, wie wenig es kostet, Ihre Räume mit dem dauerhaften, farbschönen und Arbeit sparenden Fuß­bodenbelag BALATUM ganz auslegen zu lassen.

PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE NEUSS

Bewegung die Kappe ab und wischte sich mit dem Handrücken die feuchten grauen Haarsträhnen aus der Stirn und das tropfende Waffer aus den Augen­brauen: denn er wußte, was jetzt kam. Und rich­tig: Die Frau, die feit Stunden vor Schmerz und Angst stumm gewesen war, wickelte ihr Gesicht aus den Tüchern, holte Atem und sprudelte mit ver­wunderlicher- Geläufigkeit einen Strom von höhni­schen Vorwürfen, wimmernden Klagen und Gekeif hervor.

Als sie erschöpft schwieg, richtete sich der Mann aus geduckter Haltung zu voller Größe auf und reckte seine mächtigen Glieder, daß die Gelenke knackten. Wortlos, mit dröhnenden Schritten, ging er zur Tür, stieß sie auf, trug erst den Korb, dann die Frau hinaus und warf die Tür mit grobem Knall hinter sich zu. Draußen nahm er die Frau auf, trug sie eine Strecke weit, setzte sie am Rand des schmalen Pfades an einer einigermaßen trocke­nen Stelle ab, kehrte um und holte den Tragkorb. So trat er ohne einen Augenblick des Verweilens den Heimweg an, immer abwechselnd die Frau und den Tragkorb schleppend, mit stumpfer Unbeirrbar; feit, wie ein breiter Gaul dahinstampfend durch Schlamm und nasses Heidekraut und zähe Ginster- ftrünfe. Der Beamte stand am Fenster und sah in starrem Staunen dem seltsamen Erlebnis nach, bis die fablqraue Mooreinfamkeit die Gestalt des riesi­gen Wanderers verschlang.

Rechtlicher Appetit.

Von Christian Vock.

In einer Frühlingsnacht geschieht es, mitten in der Nacht. Da wachst du auf und liegst so eine Weile, in das Dunkel schauend kein Geräusch hat dich geweckt, du weißt im Grunde gar nicht, was da war, du wurdest wach, als wäre es schon Morgen.

Du greifft zum Wecker, der rechts oben steht, und siehst ihn an, er tickt so mitternächtig laut, und du begreifst kaum, wie das möglich ist: es ist halb vier. Du bist so sonderbar morgenfrisch und aus­geschlafen, als wäre es schon acht Uhr durch.

Und da ist es dann. Da stehst du auf, du schlurfst in weichen Schuhen durch die Zimmer, du machst ein Fenster auf und siehst hinaus und endlich weißt du, was das alles ist: die Luft da draußen ist so töricht milde, so betäubend samt, du lehnst 3um Fenster hinaus in die nächtliche stille Straße, nun weißt du, was es war. Es war der Frühling.

So stehst du eine Viertelstunde oder länger noch. Dann schlurfst du wieder etwas durch die Zimmer, du weißt nicht recht, was du beginnen sollst. Du könntest schlafen? Aber schlafen kannst du nicht. Du hast so ein Gefühl, als wolltest du noch etwas ganz Bestimmtes. Du weißt nicht, was.

Da fitzt du, mitten in der Nacht, an deinem Schreibtisch wie dein eigenes Gespenst und weißt nicht, was du willst. Du sitzt und klirrst etwas mit den Federhaltern, du läßt den Löscher schaukeln, auf ab, auf ab, und alle Tintenkleckse schau­keln mit, auf ab. Im offnen Fenster hängt der Mond, und manchmal scheint es dir, als schaukelte er mit: auf ab, auf ab.

Du wolltest irgend etwas ganz Bestimmtes, was war das wohl?. Dann stehst du wieder auf. Bist du müde? Nein, müde btst du nicht, das ist es eben, du bist so sonderbar hellwach. Und wieder schlurfst du durch die Zimmer, du machst kein Licht, du taperst so herum, du willst kein Licht.

Und da geschieht es dann. Es geschieht, daß du wie unversehens vor der Küchentüre stehen bleibst. Ach, denkst du, ja, das war es, was ich wollte:

Du machst die Küchentüre auf und gehst hinein. Du läßt auch hier keine Lampe brennen, du weißt Bescheid. Du steuerst geradeswegs zum Speise­schrank und klickst ihn auf. Da liegt auf einem Teller ein Stück Wurst zwei Scheiben sind noch abgeschnitten,, du langst dir eine her und ziehst die Pelle mit den Fingern ab. Rundherum. Du ißt die Scheibe Wurst, du hast einen ungeheuren Hunger in dieser ^ühlingsnacht. Und während du die zweite Scheibe in den Fingern hältst, da siehst du, daß der Mond mit dir gegangen ist: da oben hängt er mayonnaisengelb im 'Küchenfenster und schaut dir zu. Du grüßt den Mond mit leisem Nicken und ißt. Ach, wie du ißt! Dein Hunger ist brunnentief, es sind noch Käsescheiben da, es ist noch Brot und Butter da, in einer Schüssel findest du einen Rest von Bohnen, die herrlich sauer schmecken, es nimmt fein Ende mit deinem Appetit.

Dann endlich tappst du wieder in dein Bett. Noch eine Weile liegst du wach, und in den Fenstern ist es hell geworden. Dann drehst du dich nach rechts und schläfst zufrieden ein.

Jedes Jahr einmal in irgendeiner Frühlings­nacht wachst du so auf und gehst so in die Speise­kammer und ißt unterm Frühlingsmond, als wäre dein Appetit in solcher Nacht ein Naturereignis, das jedes Frühjahr einmal sich ereignet, ehe es richtig Frühling werden kann.