Nr.51 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 2. Marz 1938
Großer Faschingsrummel in Gießen.
„Rekrut" und „Verkehrspolizist" unterhalten sich über Len Weg, den der Faschingsaufzug durch die Stadt nehmen soll.
Nun hätten wir wieder einmal einen Fasching glücklich überstanden. Mancher wird zwar am Heu. tigen Aschermittwoch früh nach den Strapazen der letzten Tage eine gewisse „Umkrempelung" verspüren: Kopf und Beine dürften an Schwergewicht gewonnen haben und das Portemonnaie unter die Leichtgewichtler gegangen sein. Wer aber ein rechter „Karneoaliste" ist — und sollte er auch nur eine „Imitation" für das Gießener Faschingstreibcn sein —, den wird diese „Gewichtsverlagerung" nicht anfechten; er wird wohl heute früh neben dem üblichen Aschermittwochskater noch so etwas wie Druck im Kopfe verspüren (zarter ausgedrückt sagt man auch „Haarspitzenkatarrh"), aber er wird abschließend und rückschauend feststellen: schee w a r s doch! Und damit soll er unsertwegen keinen Widerspruch erhalten.
Mit diesem Einverständnis wollen wir auch des gestrigen Faschings-Höhepunkts in Gießen, des traditionellen Fa st nachtdienstags-Trubels und -Jubels, gedenken. Nach den zahlreichen Maskenbällen und Kappensitzungen der „Großen" sahen nun die „Kleinen" den gestrigen Nachmittag in erster Linie als „ihren großen' Tag des Faschings" an. Daher stellten sie denn auch das Hauptkontingent der mehr oder minder mit Witz und Geschick zurechtgemachten Masken, so weit man solche in der großen „Masse Mensch" im Stadt- innern überhaupt bemerken konnte. Die Masken selbst waren nämlich, wie in den letzten Jahren leider immer mehr zu beobachten war, auch gestern wieder in der stärksten Minderheit, den größten
Teil der Faschingsbummler stellten die Männlein und Weiblein aller Altersklassen im gewohnten Alltagszivil. Und damit erhielt der Nachmittag des Fastnachtsdienstag auch diesmal wieder vor allem das Gepräge eines zwar frohgestimmten und geräuschvollen, aber doch nicht gerade karnevalsmäßigen Straßenbummels.
Das Bild erfuhr zwar eine gewisse belebende Note durch einige Faschingsgruppen, von denen mit Recht ein stattlicher Wagenzug das lebhafteste Interesse aller Fastnachtsstraßenbummler auf sich lenkte. Die mit viel Witz und Geschick hergerichtete Wagengruppe brachte zeitgemäße politische Motive in netter Weise zur Darstellung. Dabei ging der Flug der Gedanken von Gießen aus zu der Achse Berlin—Rom, dann hinüber zu den Vorgängen im Fernen Osten, von dort mit einem kühnen geistigen Salto mortale zurück zum Gießener Fasching mit der leider nur allzu treffenden Feststellung, daß unser Gießen in der Karnevalszeit „schläft" und zur höheren Ehre Sr. Tollität des Prinzen Karneval „erwachen" muß! Der Wagen dieser Gruppe hatte als „Spitzenreiter" einen faschingsmäßig auftretenden „Schupo", der rür die „freie Bahn der Tüchtigen" in dem Menschen- aetümmel sorgte, gefolgt war das Fahrzeug mit seinen staatlichen Aufbauten von einer gewaltigen „Kanone", wie sie in dieser Art zur Ausrüstung der närrischen Gardisten gehört. Das „Kriegsvolk" stellte auf dem Wagen eine „kampffrohe" Besatzung und außerdem eine unermüdlich marschfreudige Begleitschar. Daß es dieser „Kampfmannschaft" des närrischen Prinzen nicht an „Offensivgeist" fehlte, bekundeten so manche „Granaten", die man auf dem Wagen und in den Händen der närrischen Gardisten sah und die man sonst im Alltagsleben mit dem Worte Bierflaschen treffend bezeichnet.
Musikgruppen in unermüdlicher Spielfreudigkeit sorgten dafür, daß in dem starken Betrieb auch die erforderliche geräuschvolle Fastnachtsmusik nicht fehlte. Und daß diese eifrigen Musikanten ihren frohgestimmten Zuhörern die Freude des Tages erhöhten, bewiesen die allseits frohen Gesichter, nicht minder auch die gern gewährte „klingende" Spende für die nicht nur spielfreudigen, sondern natürlich auch durstigen Musikanten. Unermüdlich auf und ab pendelten in harmonischer Eintracht mit den zivilen „Schlachtenbummlern" die .vor allem reichlich bemalten, leider aber nicht häufig in bunter Gewandung auftretenden „Masken". Alle miteinander bereiteten durch ihr putziges Treiben und durch ihre „Persönlichkeit" viel Spaß, und das war ja auch der Zweck ihres Auftretens. Daß die gewohnte „Pritschenschlacht" stundenlang in vollem Gange war und besonders vielen Buben wieder eine ungestrafte Möglichkeit zum Dreinschlagen bot, wobei namentlich die Mädels der leidtragende Teil
waren, versteht sich von selbst. Ebenso gewohnt wickelte sich die Konfetti- und Papierschlangen- Schlacht ab, bei der diese beiden „Kampfmittel" ausgiebig zur Verwendung kamen; Kinderballons wurden im Seltersweg losgelassen und zum Teil unter Jauchzen und Geschrei aufgefangen, bevor sie nach oben entschweben konnten; Frösche krachten und Kanonenschläge donnerten; dazwischen erhöhte das frohe Geschrei der jungen Ungestüme die Faschingsfreude, kurzum es war wieder einmal ein Tohuwabohu, wie es im Reiche des närrischen Prinzen Karneval Daseinsgrundlage ist. Dieser Betrieb setzte sich bis in den Abend hinein unermüdlich fort.
Faschingskapellen erfüllten schon am Vormittag die Straßen mit Musik.
(Aufnahmen [4]: Neuner, Giehener Anzeiger.)
Der Abend und die Nachtstunden brachten dann in den Gaststätten den üblichen Faschings-Kehraus, bei dem es noch einmal in großer Betriebsamkeit auf den Pfaden des Prinz Karneval zu fröhlichstem Treiben kam. Heute früh kroch dann „grau in grau" der Aschermittwoch herauf, der aber bis in den hellen Vormittag hinein gar manchen feucht-fröhlichen Kumpanen nicht im Geringsten imponieren konnte. Aber auch sie mußten sich schließlich seiner Herrschaft beugen. Und nunmehr ist der Karneval „begraben", daß „Helau" ist verstummt, der Alltag regiert wieder in gewohnter Weise...
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In kleinerem Kreise veranstaltete die Deutsche Frauenkultur im Deutschen Frauenwerk für die Kinder ihrer Mitglieder ein Kostümfest im „Burghof", das eine lustige Kinberschar beieinander sah. Den schönen Auftakt bildete Kaffee mit frischen
Die „Kanone", mit der „jeder erschossen wird, der heute stur ist".
Faschings-Kinder-Kostümfest. Hier: als Zuschauer beim Kasperle.
iKreppeln, dann traten die Kinder zu einer Polo» naise an, die einen hübschen Anblick bot, da die Kleinen in vielerlei reizenden Kostümen aufmarschierten. Da sah man z. B. eine zierliche Märchenprinzessin, einen Rokokokavalier, Gärtnerinnen, Clowns, das Fräulein in Biedermeier, den Indianerhäuptling und andere mehr Mehrmals zog der bunte Zug durch die Räume, und der Aufzug bereitete nicht nur den Kindern, sondern auch den Müttern große Freude. Schließlich nahm e>ne Kasperletheater-Aufführung alle Gemüter m Anspruch, wobei es die Kleinen an der oftmals ohrenbetäubenden Mitwirkung nicht fehlen ließen. Dis bunte Dekoration im Saal, die vielen Papierschlangen, die durch den Raum zischten, das Klatschen der Pritschen, das frohe Lachen der Kinder, die Rund- funkmusik und die Farbenpracht der kostümierten Kleinen — das alles vereinigte sich zu einer richtigen Fastnachtsstimmung. Angeregt begaben sich die Kinder am frühen Abend an der Hand ihrer Mütter nach Hause.
Aus der Stadt Gießen.
Aschermittwoch.
Nun ist der Fasching 1938 zu Ende, lieber sieben Wochen hat er gedauert. Zuletzt gingen in den Hauptorten des Faschings die Wogen der närrischen Freuden sehr hoch; in großen Karnevals- zügen betrat Prinz Karneval die Straßen der Städte landauf und landab, in München sowohl, wie im Rheinland, an der Pegnitz, wie am Main. Zum Schluß war es doch so, daß an jedem Abend soviel „los" war, daß man sich hätte teilen müssen, wenn man alle die Veranstaltungen hätte besuch m wollen. Die Losung der lebensbejahenden Heiterkeit hatte weiteste Volkskreise erfaßt. Und sie hatten Recht, sich von den Wogen des Faschings dahintrei- ben zu lassen: denn wir sind ein Volk der Arbeit, das Anspruch auf Entspannung und Freude hat. Das Arbeitsjahr 1938 jedenfalls hat also, vom
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Fasching her gesehen, in dieser Richtung einen guten Untergrund bekommen.
Während noch die Papierschlangen flatternd hängen, die Straßen die Spuren mancher Konfettischlacht aufweisen, während die letzten und aller- letzten Masken Heimwärtsschwanken, erhob heute früh der Aschermittwoch sein Haupt und mahnte, dem Ernst des Lebens wieder seinen Tribut zu zollen. (Sarne vale! Der Narrenspuk ist vorüber, wieder regiert die nüchterne Sachlichkeit die Tage, Wochen und Monate. Dazwischen aber stiehlt sich dann und wann doch ein Strahl aus einer anderen Welt: sind es die Erinnerungen an schöne Stunden, oder ist es das erste Leuchten der Lenzsonne?
Erster Zrühlinqömonat.
Der März hat die meteorologisch-klimatische Bezeichnung „erster Frühlingsmonat" erhalten. In seinem Ablauf registriert auch der Astronom am Himmelszelt die Uebernahme der frühlingsmäßigen Sternenherrschaft durch die Sonne. Wir haben also allen Grund, winterlichen Pessimismus, winterliche Gewohnheiten, aber auch Spekulationen auf tiefen Sportschnee zurückzustellen. Der März ist ein Frühlingsmonat, der mit unwiderstehlicher Gewalt gegen die Diktatur des Winters vorgeht und sicher Sieger bleibt. Gewiß wäre es falsch, nun schon die sommerlich Helle Hose zu bügeln und die farbenfrohen Sporthemden herauszusuchen. Soweit ist es noch nicht, aber der März hat die schöne klimatische Angewohnheit, uns hin und wieder Tage zu schenken, an denen die Sonne leuchtend warm am wolkenlosen Himmel strahlt, an denen der Frühlingswind mit bewunderungswürdigem Leichsinn die Schattentemperatur über 15 Grad steigen läßt. Es gibt auch schon Märztage, an denen sich der Frühlingshimmel
Vortragsfolge.
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Mit dem Narrhalla-Marsch wurde in unverwüstlicher Frische und mit ganz großer Besetzung (Die sich bis weit ins Parkett hinein ausdehnte) der zweite Teil in Angriff genommen. Im -Bronze- rtUer" in Berlin saß ein Manner-Quartett, mit Maßkrügen bewaffnet, und sang das schone unb übrigens wenig gehörte Lied von Herrn Schmidt, während Fräulein Garbs die furchtbar traurige
Gießener Siadttheater.
„Eine Fahrt ins Blaue."
Der Fasching im Theater gestaltete sich unter äußerst zahlreicher Beteiligung zu einer Fahrt ins Blaue. „Hinne fertig, vorne fertig, — fort!' schrie Herr Lindt, der sich gemeinsam mit Herrn Geißler als Fahrdienstleiter betätigte, und schon setzte sich, unter gellenden Pfiffen und mit nur unwesentlicher Verspätung, der Theaterzug m Bewegung ... wenn auch nicht durchweg im Hundert- Kilometer-Tempo, so doch mit vielen bunten und lustigen Stationen unterwegs. Herr P o p e l k a , der zusammen mit Herrn Mark wardt für diesen Abend als Flügeladjutant fungierte, machte mit den „Banditenstreichen" von Suppe den Anfang. Der Zug, um im Bilde zu bleiben, wurde anstelle von sonst üblichen Rädern von niedlichen Mädchenbeinen bewegt, die der Tanzgruppe gehörten und gern gesehen würden. Eine der hübschesten Nummern Des ganzen Programms: die singenden Gondolieri (Froherz, Himberg, Koch, Kohler mann; Lagunenlotse: P e p pe r mülle r), ein ausgezeichnet abgetöntes Männerchorchen. Fräulein Ruland erfreute die Reisenden mit einer Spitzen (tanz) leistung, wahrend Herr Geißle r und Herr Paschen (zwei fliegende Hamburger) vor dem Vorhang eine haarstraubend aktuelle Faschingsunterhaltung zum Besten gaben. Mehr m der Nähe, auf dem Bahnhof Saasen, veranstaltete Herr Seitz, der seine diesbezügliche Begabung bisher leider unter den Scheffel gestellt hat, nut seinem wirklich sehens- und hörenswerten Orchester eine Kurmusik-Probe; nicht genug damit: in Watze- born-Steinberg rumorte der nämliche Kapellmeister auf oberhessisch im Rebeloch, was von allen gern gehört und mit Gelächter aufgenommen wurde. Fräulein Grell sang im Biedermeierkostüm eine süße kleine Wiener Frühlingsmusik ... con sordino. Fräulein Zenner mit den Ihren hatte versprochen, uns einmal spanisch zu kommen, —- tat s und beschloß mit rassigen Rhythmen den ersten Teil der
Liebesklage an Justav rezitierte. Herr Weiland, sonst nur als Liebhaber und junger Held geschätzt, entfaltete ganz ungeahnte Talente mit einem brillanten Step-Tanz (nebst einwandfrei englischem Text) und erfreute später, nicht minder überraschend, die Faschingsgemeinde mit einem amourösen Nachtigallen-Duett im Philosophenwald; Doppelrolle, verblüffend. Herr Waltz hinwieder ließ den Bajazzo lachen, und zwar so schön, daß die gerührte Hörerschaft eine Wiederholung verlangte und auch prompt erhielt. „Laßt Beine sprechen": Ballettmeisterin Irmgard Zenner; eine reizende Nummer, die wir am Sonntag zum erstenmal sahen. Noch ein Dialog der Herren Geißler und Paschen, der sich auch solistisch betätigte und unter anderem die anregende Ballade vom Korntrinker hören ließ; „Einerseits — andererseits" wurde ebenfalls mit Vergnügen entgegengenommen. Unter der sinnigen Ueberfchrift „Funken aus der Lokomotive" erging, sich Herr Kreuter mit vollkommener Virtuosität am Xylophon. Das Stierkampf-Terzett „Am Manzanares" (Fornallaz, Lindt, Paschen) kannten wir schon; aber es ist so aufregend und naturgetreu, daß man es gut zweimal sehen kann; das Publikum jauchzte und klatschte den temperamentvollen Stier nochmals aus der (von Herrn Löffler prächtig faschingsmäßig verzierten) Kulisse. Eine fabulöse Schlußnummer bildete das Ballett, welches durch die Solo-Tänzer Bley, F o r st- ner, Froherz, Greif, Kohlermann, Seitz, Waltz und Weiland (mit phantastischen Rückenausschnitten und Schottenröckchen) ganz überraschend verdoppelt war und einen derartigen Heiterkeitserfolg erzielte, daß alle Welt sich in angeregter Laune aufmachte, den Fasching anderwärts zu einem angemessenen Abschluß zu bringen.
Hans Thyriot.
Hochschulnachrichten.
Einer der bekanntesten Chirurgen Südamerikas, Professor Joss Arce aus Buenos Aires, der sich zur Zeit auf einer Studienreise durch Deutschland befindet, wurde von der Medizinischen Fakultät der Universität F r a n k f u r t zum Ehrendoktor ernannt. Der Feier in der Chirurgischen Universitätsklinik wohnten Vertreter der Partei, des Staates und zahlreiche Wissenschaftler bei. Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Dr. S ch m i e d e n, hob die großen Verdienste Professor Arces hervor, der besonders auf dem Gebiete der Lungen-Chirurgie internationalen Ruf genießt.
(Steinerne (Sinnbilder.
Bon C. H.Billinger.
Seltsame Figuren sind oft in alten Kirchen und Domen zu finden. Ueberall beleben sie die glatten oder mit spitzenartigem Maßwerk verzierten Wandflächen und Fensterlaibungen. Sie nisten hoch oben am First, in halbdunklen Nischenwinkeln, und schauen aus dem Blätter- und Rankenwerk der Konsole und Kapitelle, Gesimse und Friese hervor. Köpfe und Masken sind eingezwängt zwischen Säule und Kapitell, schauen aus Rundbogenfriesen, die auf Säulen ruhen, deren Schäfte menschliche Gestalten in den mannigfachsten Spielarten darstellen. Allerlei Vergleiche drängen sich auf; Bilder von irgendwo gesehenen griechischen und ägyptischen Plastiken — seltsame Beziehungen zwischen all den Dingen und Figuren und den Menschen, die sie schufen, ahnen lassend. An Basisecken von Säulen, aber auch zwischen vielfach verschlungenem Ranken- und Blätterwerk eigenartig geformter Kapitelle treten zeitlose Gesichter hervor. Höhnisch blickende, groteske Fratzen beängstigen den Beschauer; Larven, in denen alles Erdgebundene, Lebendige abgestorben zu sein scheint, Tiere voll seltsamen Lebens fletschen die Zähne und zerfleischen sich gegenseitig oder drängen ihre plumpen Leiber wie frierend oder wie voll dumpfer Angst aneinander.
Löwen und Drachen halten die Wacht am Eingang; Säulen tragen sie auf dem breiten Rücken, oder sie umklammern mit ihren plumpen Tatzen ein hilfloses Wesen, das schwerfällige Versuche macht, dem Untier zu entweichen.
Uralte, geheime, triebhafte Kräfte voll dunkler, unergründlicher Mystik leben in der figuralen Plastik ebenso fort, wie in dem vielfach gewundenen, wirrkrausen Flechtwerk und den wildwuchernden Ornamenten. Und neben die abschreckenden, heimlich lauernden Gestalten der Dämone treten zwischen das Gewirr und Getier plastische, sinnbildhafte Darstellungen von allerlei Tugenden.
Wunderliche Fratzen und schreckliche Chimären, merkwürdige Masken und Grotesken, neugierig blickende Frauenantlitze, schalkhafte ober verschmitzt lächelnde Mönchsgesichter erfüllen den Raum, in dem sie sich befinden, mit seltsam zwiespältigem Leben. Aber auch Ruhe und tierische Stumpfheit wohnt auf manchem Gesicht, auf den menschlichen Masken und Fratzen sowohl, wie auf denjenigen der Chimären und wilden Tiere, neben versteinertem, grauenvollem Entsetzen.
Drachen und Löwen, wilde Tiere aus versunkener
Sage, Satyrn und Kentauren: es ist, als seien die Tiere aus dem bunten, figurenreichen Gemälde irgend eines alten Meisters zu Stein geworden und für alle Zeiten an die Außenwände, die Gesimse und Dachfirste, Galerien und Strebepfeiler, aber auch die Friese, Konsolen, Kapitelle und Portale verbannt. Wie sie auch von ihrem Standort wegstreben, wie sie sich gegen die wuchtenden Mauern stemmen und versuchen, die ihnen auferlegten Lasten abzuwerfen: es wird ihnen nicht gelingen! Manchmal liegt tatsächlich etwas Menschliches über den Gesichtern der Tierfratzen, die starkknochig sind, rauh und höckerig.
Wundervögel sind da. Sie verschlingen sich zu gräulichem Gewimmel oder lächerlich wirkendem Zauder oder hocken mit großen, seltsam lastenden Gebärden steinern an der glatten Wand, als kämen sie aus Ewigkeiten her. Als hätten sie sich auf einem neugierigen Ausflug in fernes, verbotenes Wunderland verirrt und ruhten aus, müde vom Flug, wartend, daß ihnen der Weg zurück gezeigt werde. Im sehnsuchtsvollen Warten versteinten sie, und nun sind sie für immer hierher verbannt. Ihre Schwingen sind gelähmt und ihre Krallen wurden stumpf vom Alter; das einst glänzende Gefieder ist grau und die ehemals straffen Sehnen und stahlharten Muskeln sind altersschwach geworden. Aber ber Blick geht noch immer in bie große Unenblichkeit, aus ber sie einst kamen und in bie sie roieber zurückfliegen wollten. Nun sitzen sie hier unb tragen die Last ber aufsteigenben Mauern.
Auch unoerbilbete menschliche Gestalten finben sich unter ben Masken unb Grotesken. Auch sie gleichsam an bie Dome gebannt: Baumeister ober Steinmetzgeselle, als hätten sie beim Betrachten ihres Werkes ben sicheren Stand auf bem Gerüst unter ihren Füßen verloren unb seien im Abgleiten irgenbwie hängen geblieben an ber Wanb. Die Heiterkeit bes rheinischen Menschen ist auf ihren Gesichtern zu finben, bie Schwermut bes Norbbeut- schen, bie Ruhe bes Westfalen unb bas Bewegliche des Mittelbeutschen. Unb es geschieht, baß sich bas Heitere mit dem Beweglichen oerbinbet, ober bas Rauhe mit ber Schwermut, ober auch bas Ungeschlachte mit ber Heiterkeit, bie bann ins Tölpel- unb Rüpelhafte geht; ober baß zwischen ben Linien unb Runzeln ber Schwermut ein ganz kleines Lächeln irgenbwie versteckt liegt, als warte es nur bar» auf, einmal hervorzubrechen. Der Blick anberer ist in weite Fernen gerichtet, als gehe er bis in die Ewigkeit. Es ist eine munberbare, unbeschreiblichs Mischung von Ferne unb Gegenwart in dem Blick ihrer Augerr,


