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Nr.256 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag,!. November 1938

13 Gemeinden zum Kreise Alsfeld von dem aufgelösten Kreise Schotten.

Von Kreisdirettor Dr

Don der mit Wirkung vom 1. November 1938 in Kraft tretenden neuen Kreiseinteilung in Hessen wird der Kreis Alsfeld insofern be­rührt, als ihm 13 Gemeinden von dem bisherigen Kreise Schotten zugewiesen werden. Es handelt sich um die beiderseits' der Ohm und der Reichsstratze von Ruppertenrod nach Ulrichstein gelegenen Ge­meinden Altenhain, Bobenhausen II, Groß-Eicken, Helpershain, Höckersdorf, Ilsdorf (Solms). Köddin­gen, Ober-Seibertenrod. Schmitten, Sellnrod, Stum­pertenrod, Unter-Seibertenrod und Wohnfeld. Das Gebiet trägt rein agrarischen Charakter und gehörte infolge seiner geographischen und klimatischen Lage schon bisher wirtschaftlich mehr zum Kreise Als­feld, und die genannten Orte hatten von weni­gen Ausnahmen abgesehen kaum wirtschaftliche Beziehungen mit dem Gebiete des Kreises Schotten. Man muß berücksichtigen, daß die Verkehrswege zum früheren Kreise und zur bisherigen Kreisstadt Schotten über die Höhenlage des Vogelsberges führten und hier namentlich in dem Winterhalbjahr klimatisch sehr ungünstige Verhältnisse vorherrschen. Mag daher auch die neue Kreisstadt Alsfeld viel­leicht bei manchen Gemeinden räumlich etwas ent­fernter liegen, so sind doch die Verkehrswege und -Möglichkeiten hier weit bessere als bei der bisheri­gen Verwaltungseinteilung. Diese Gründe mögen auch ausschlaggebend dafür gewesen fein, dieses Ge­biet verwaltungsmäßig dem Kreis Alsfeld zuzutei­len, zu dem die besseren wirtschaftlichen und ver­kehrsmäßigen Beziehungen schon seit langem vor-

. Schönhalel, Alsfeld.

eine straffere Organisation und Zusammenfassung der Verwaltung gewährleistet und sich zum Wohle des Landes Hessen und seiner Bevölkerung aus­wirken wird. Es. muß aber an dieser Stelle ge­sagt werden, daß es auch in Hessen erst der n a - tionalsozialistischen Staatsführung vorbehalten geblieben ist, eine derartigeVerwal­tungsreform an Haupt und Gliedern" in die Tat umzusetzen, während man bei den in der Zeit vor 1933 teils vielleicht in ähnlicher Richtung liegenden Ideen gewöhnlich über die Ausschuß- und Kommis­sionsberatungen hinausgekommen ist.

Der Kreis Alsfeld erfährt durch die Neu- hinzunahme von 13 Gemeinden einen Zuwachs von etwa 5000 Einwohnern und erreicht damit (nach dem Stande her Volkszählung von 1933 gerechnet) eine Bevölkerungszahl von 44 140. Die Flächenaus­dehnung des Kreises erhöht sich von 622,97 qkm auf 693,94 qkm, der Kreis steht mit ihr an zweiter Stelle der hessischen Kreise. Der Kreis Alsfeld be­grüßt diesen Zuwachs und freut sich insbesondere, das landschaftlich schöne obere Ohmtal nunmehr zu seinem Gebietsbereich rechnen zu dürfen. Das Kreis­amt und die Kreisverwaltung werden sich des neuen Gebietes mit ganz besonderer Aufmerkfamkeit an­nehmen, und die Bevölkerung wird davon über­zeugt sein, daß auch von ihrer neuen Kreisbehörde ihre berechtigten Wünsche und Belange in jeder Hinsicht gewahrt werden.

Aus der Stadl Gießen.

Der Monat der Nebel.

Der November ist der Monat, rn dem der Win­ter seine ersten ernsten Vorstöße macht und mit Frost und Schnee auch in der Ebene den rauhen Mann spielt. Allerdings gibt es in dieser Hinsicht in Deutschland scharfe Kontraste. Während im Som­mer das Wetter Deutschlands klimatisch ziemlich einheitlich ist, tritt im Winterhalbjahr die Schei­dung zwischen dem mehr kontinentalen Klima Ost- und'Süddeutschlands und dem ausgesprochenen See­klima Nordwestdeutschlands immer häufiger und stärker hervor. So stark wird die südöstliche und nordöstliche Hälfte unseres Vaterlandes von dem strengen Winterklima Osteuropas beeinflußt, daß es östlich der Elbe und südlich des Mains tagelang un­unterbrochen frieren und schneien kann, während nördlich der deutschen Mittelgebirge und insbeson­dere in der Rheinzone Regenfälle bei 10 Grad Wärme niedergehen

Der Seeklima-Charakter ist dabei im November in der nordwestlichen Hälfte Deutschlands auffallend stark. Es kommt mitunter vor, daß die skandina­visch-russische Kälte, die im November stark zunimmt, sich mit Nordostwinden zu Vorstößen nack Mittel­europa aufrafft. In solchen Fällen können die Tem» p.'raturen Ostdeutschlands in kürzester Zeit von Wärmegraden auf strengen Frost absinken. Es ist im Laufe des letzten halben Jahrhunderts schon wiederholt vorgekommen, daß in Ostdeutschland im November 25 bis 30 Grad Kälte gemessen wurden. Wenn derartige osteuropäische Kältewellen mit einer Ostwindwetterlage sich über Mitteleuropa und spe­ziell Deutschland ausdehnen, so ist keineswegs ge­

sagt, daß diese Kälte trotz eindeutiger Ost-West- strömung auch die westliche Hälfte des Reiches über­flutet. Hier setzt die Warmluftzone des Ostatlantik und die von ihr völlig beherrschte Luftzone Groß­britanniens und der Nordsee so energischen indirek­ten Widerstand entgegen, daß die Abkühlung im Westen Deutschlands verhältnismäßig schwach ist, daß sich tagsüber regelrechter Frost kaum hält und namentlich Schneedecken von Dauer nur selten auf­treten. Wenn man daher ein Wetterbild vom No­vember geben will, so muß man immer streng zwischen westlichen und nördlichen bzw. dem östlichen und dem südlichen Deutschland unterscheiden: dort regiert sehr oft schon ausgesprochenes Winterwetter, hier hat dagegen der Herbst mit allen seinen Launen noch unbestritten die Führung.

Bezeichnend für den November sind seine zahl­reichen starken Nebel. Ihre Ursache liegt für Deutsch­land meistens in den geschilderten gegensätzlichen Wetter- und Temperaturverhältnissen zwischen Osten und Westen. Es erfolgen Mischungen zwischen trocke­ner. kalter Festlandsluft und feuchter, milder See­luft, es ergibt sich daraus die Nebelbildung, die sog.Waschküche", die mitunter Hunderte von Kilo­meter Durchmesser in west-östlicher Richtung auf- roeift und sich tagelang halten kann.

Die Temperaturen setzen im langjährigen Durch­schnitt im November ihre Abwärtsbewegung fort, die Mittelwerte des Monats senken sich, aus Mittel­werten von ganz Deutschland berechnet, von 5,0 auf 2,0 Grad Wärme. Durchschnittlich sind im No­vember zehn Frosttage zu erwarten, an denen die tiefste Temperatur unter Null liegt. Dagegen sind Eistage, an denen die Luftwärme den ganzen Tag unter Null bleibt, noch selten, in der westlichen Reichshälfte beträgt ihre Zahl 0,5, in der erheblich kälteren Osthälfte 4 bis 6. Während einerseits

Händen sind.

Die durch die Auflösung des bisherigen Kreises Schotten bedingte Neueinteilung der Verwaltungs­bezirke liegt im Zuge der von Reichsstatthalter Sprenger als dem Führer der Landesregierung nach seinem Amtsantritt ergriffenen Maßnahmen zur Vereinfachung der Verwaltung im Lande Hessen. In der Außenverwaltung fand die Neuaestaltung ihren sichtbarsten Ausdruck in der mit Wirkung vom 1. April 1937 erfolgten Auf­lösung der drei hessischen Provinzen und dem damit verbundenen Wegfall der Provinzialdirektionen. Die nunmehr erfolgte Auflösung von drei hessischen Krei­sen stellt einen weiteren Schritt zur Vereinfachung der Verwaltung dar. Was den Kreis Schotten an­langt, so mochte in früheren Zeiten, wo nur sehr beschränkte und bedingte Verkehrsmöglichkeiten be­standen, die Bildung eines die Gegend des hohen Vogelsberges umfassenden Verwaltungskreises ge­rechtfertigt erscheinen, bÄin es mußte darauf gehal­ten werden, daß die Kreisstadt, in der neben der Kreisbehörde gewöhnlich noch andere Behörden ihren Sitz haben, leicht erreichbar war. Heute, im Zeitalter des Kraftwagens, sind diese Beschränkun­gen weggefallen. Bahnlinien und Kraftomnibusse bilden ein weit besseres und schnelleres Verkehrs­mittel als die einstige Postkutsche. Dazu erleichtert ein gut ausgebautes Straßennetz den Verkehr in jeder Hinsicht. Erschien es daher an sich gerechtfer­tigt, wenn die Verwaltungsbezirke der Kreisämter heute ein größeres Gebiet umfassen als ehedem, so muß anderseits daraus hingewiesen werden, daß die. hessischen Kreise durch die Neuzuteilungen fernes« weas übergroß geworden sind, sondern sich in ifiter Flächenausdehnüng und Bevölkerungszahl durchaus im Rahmen her entsprechenden Verwaltungsbezirke enherer Länder, z. B Preußens, halten. So stellt das von dem Reichsstatthalter in Hessen mit Zu­stimmung her Reichsregierung beschlossene Gesetz über die Auflösung der Kreise Bensheim, Schotten und Oppenheim eine Maßnahme dar, die neben den damit verbundenen wesentlichen Einsparungen an persönlichen und sachlichen Kosten für die Zukunft

Schönheit der Arbeit" im Betrieb.

Wandgemälde im Gefolgschastsranm.

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In der letzten Woche wurden in dem neuen Ge­folgschaftsgebäude der Brauerei Ihring- Melchior in L i ch, die jüngst in dem Leistungs­wettkampf der Betriebe mit dem Gaudiplom aus­gezeichnet wurde, zwei Wandgemälde fertiggestellt. Damit wurde von der Betriebsleitung ein Wunsch desAmtes für Schönheit der Arbeit" verwirklicht, das seine Ausgabe nicht nur darin sieht, dem deut­

schen Arbeiter saubere Arbeitsplätze zu verschaffen, sondern auch darin, durch künstlerische Raumgestal­tung die Kunst an jeden einzelnen Volksgenossen heranzutragen. Zu jeder Zeit, bei feierlichen An­lässen sowohl als auch in den Mußestunden des All­tags soll ihm die Kunst gegenwärtig sein.

Die beiden Wandgemälde haben Themen aus der Geschichte des deutschen Brauwesens und stellen da­

mit gleich eins innere Beziehung zu denen fier, dis mit diesem Beruf verbunden sind.

So wird dem Schaffenden nicht nur die Schönheit seines Berufes zum Bewußtsein gebracht, sondern es wird in ihm auch das Verständnis für die Kunst ge­weckt und das Interesse an ihr gefördert.

Die beiden Bilder sind eine Arbeit des Aschaffen­burger Malers Georg Schaefer.

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Licht von drüben.

Von Hedwig Zerstreuter.

Der Wind stemmte sich ihr entgegen, als die schwere Haustür ins Schloß sank. Doris lief die Stufen herab, bog um die Ecke. Der Wind seufzte in den Kastanien, es roch nach Blättern und Feuchte, Tropfen fielen, aus der Richtung des Dorfes bellte ein HUnd. .

Doris nahm all dies wahr, Wind, Kuhle und Nachtgeräusche, und strebte eilig vorwärts, bemüht, einem Gefühl nicht Raum zu lassen in sich, der Furcht, die in der Dunkelheit kauerte, um sich auf sie zu stürzen wie ein Tier. Denn dies war geblie­ben von ihrer schweren Krankheit: sie, die sonst un­bewegt blieb von Aengsten feder Art, der es nichts ousckachte, ihren Mann abends allein im kleinen Tourenwagen von der Bahn zu holen, was eine halbe Stunde Fahrt durch nächtlichen Wald bedeu< fete, sie, die ohne Begleitung ritt, sie fürchtete sich nun, ihre Nerven gaben nach. Es war ein gewalt­samer Entschluß gewesen, allein um diese Zeit über den Hof zu gehen, einzig weil Achim nach Obst ge­fragt hatte. Der Diener hatte seinen freien Abend und die Mädchen sangen in der Küche, d? mochte sie nicht stören. Zudem war es beglückend, sich zu über« winden und diesen Wege für ihren M?"" 5" tun. Man sagte, Zigeuner seien wieder im Dorf gesehen worden und unheimlich entschlossene Gestalten un­ter ihnen. Doch gerade dieser Gedanke einer mög­lichen Unsicherheit spornte sie an.

Sie durchschritt die Pforte am Entengraben, über­querte den Hof, und nun suchten die ifing^am Schloß des Obstkellers. Durch den Torweg des Wirtt schaftshofes fegten Windstöße, Doris druckte U ) eng an das Türholz, der Riegel gab nach. Die elek­trische Taschenlampe blinkte auf, ein Schatten huschte über die Gestelle, die weißgekalten Wände und das Deckengewölbe. .

Mit eiligen Händen raffte sich Doris Aepfel auf, Mäuse huschten im Stroh, die Nacht stand schwarz vor der halboffenen Tür, die sich im Zug bewegte. Doris leuchtete über die Gestelle, suchte die reifsten Früchte. Es war Torheit, sich zu fürchten. Irgendwo in einem Hofwinkel mußte der Nachtwächter Jem. im Pferdestall schlief der Schäferhund, und das Haus lag in Rufnähe. Dennoch war ihr Gesicht wie das eines ängstlichen Kindes, als sie sich 3um 3ur geifer) entschloß Der Hofplatz lag fahl im Licht des halben Mondes. Die ersten Schritte über den ein­samen Platz gelangen noch leidlich gefönt, Dann knackte es seitlich im Gebüsch, es plätscherte im Entengraben, und die Frau flog dahin, gejagt von Schrecken.

Niemand verfolgte sie Sie begriff es, als sie aur= atmend in der Halle stand, und sah mit leiser Be­

schämung zurück, die Kastanien behüteten den Stall gleich einer dunklen Mauer; der Efeu am Turm raschelte und flüsterte. Doris fühlte in diesem Gegen­satz zwischen Geranne und Stille, zwischen Nacht- kühle und Wärme des Hauses mit einer Deutlichkeit, die sie lange nicht empfand, die Geborgenheit ihres Lebens. Wohl war es nicht leicht mit Achim, bei ihm gab es fein Ruhen und besänftigtes Freuen; es war eher ein stetes Bereitsein, ein Wachsein und Auf­merken äußerster Art nötig, um seine Zufriedenheit zu behalten. In seiner Nähe gab es niemals ein Sichgehenlassen, kaum ein Gelöstsein. Und sie, die aus umhegtem Elternhaus kam, hatte anfangs vor Hilflosigkeit Fehler um Fehler begangen. Nun liebte sie die kühle klare Atmosphäre um ihren Mann, sie hatte bei ihm Selbstzucht gelernt, und wenn sie auch zuweilen Wärme entbehrte, so spürte sie in seltenen Augenblicken, daß sie ihm näher gekommen war, daß Schranken zu sinken begannen, die sie für un- überfteigbar gehalten hatte.

Sie hängte den Mantel an den Wandriegel, tat die Schlüssel an den Haken und stand dann im kleinen Anrichtezimmer, ein Tuch in der Hand, um die Früchte blank zu reiben. Der Kristallteller auf der Tischplatte flirrte leise, eine Tür war im Hause zugeflogen, Schritte liefen über Treppen. Doris hörte ihren Namen rufen, sie stieß die Tür auf, ihr Mann stand an der Schwelle, die etwas zu breite Gestalt fragend vorgebeugt, das Gesicht erstaunt und ärger­lich. Er war gewohnt, daß sie ihm um diese Stunde vorlas, und er liebte keine Programmänderungen ober doch nur solche, die von ihm ausgingen.

Was tust du hier?" Die Frage klang scharf. Da sah er das Obst in ihrer Hand, sah windzerwehte Haare, gerötete Wangen, die Augen groß und triumphierend in dem zarten Gesicht, und wußte, wo sie für ihn gewesen war. So kurz nach ihrer Krankheit, die ihr das Ausgehen noch verbot und nach der sie schreckhaft geblieben war wie ein kleines Mädchen. Seit in einer der letzten Nächte Zigeuner in den Bauernställen einbrachen, traten selbst die Hausmädchen abendliche Gänge nur zu zweien und dreien an.

Er fragte, ob sie allein gegangen fei und weshalb. Als sie schwieg, einfach weil er die Antwort wußte, geschah jenes Wunder, das Doris noch niemals an 'ihrem Mann erlebte: über sein Gesicht lief ein Zucken, ein wunderlich bewegtes Lächeln, das ihn um Jahre verjüngte Es war, als würde ein Vor­hang weggezogen von seinem Ich, die schamhatte Hülle, hinter der sich die Seele versteckt, und das göttliche Geheimnis selbst sehe die Frau an: Licht von drüben. Doris zitterte und empfing mit weit­offenen Augen diesen Blick der Liebe. Sie hatte geträumt, daß solche Tiefe m ihrem Mann schlum­mern müsse Einmal würde sie sein Gesicht so sehen, das wußte sie, aber sie glaubte bisher, dies würde

erst in ihrer ober in seiner Todesstunde geschehen. Erst wenn die Vollkommenheit ihre Häupter streifte. Nun war sie krank gewesen und dem Tode sehr nahe. Jede Erkältung konnte sie von neuem gefähr­den. Und Achim wußte dies.

Durch chr Hirn jagten Erinnerungsfetzen, Bilder aus ihrer Ehe, sein rasches, eilgewohntes Werben, ihre bemütige Hingabe, bas Leben in der scharfen Luft seiner Geistigkeit, in der ihre Sehnsucht oft fror. Sie war fein nächster Mensch, doch welche Fer­nen lagen oft zwischen ihnen, welche Strecken der Oede. Ein Ring der Unnahbarkeit umgrenzte den Mann. Und nun war die goldene Brücke geschlagen, für eines Augenblicks Dauer. Nachher würde wieder Dämmerung sein, Gelassenheit, Kühle. Was hat es? Einmal hatte sie bas volle Licht geschaut.

Sie sprachen nicht, sie sahen sich nur an. Doris nahm einen Apfel vom Kristallrund und bot ihn dem Manne. Sie lächelte, und ihre Lider zuckten nicht, als sie wieder zu ihm aufsah, ungeblenbet durch das Licht von drüben.

Puppentheater.

Da sah ich ein italienisches Puppentheater. Eine luftige und vor allem eine seltsame Truppe. Wie ein Kobold, her sich an die Gewichte der ernsten Uhr dieser Zeit hängt, um sie zum Schnurren zu bringen, zur hellen Freudigkeit. Mancher gute Deutsche, wie auch Goethe, hat sich schon in ein Puppentheater verliebt. Wackerle ist darunter, Taschner, Pocci,Papa" Schmidt und Paul Braun. Feine künstlerische Geister, die mit schöpferischer Begeisterung an ihrem Puppentheater hingen.

Die Italiener aber sind Spaßmacher, Ironiker, Histrivnengesichter mit lustigen Falten. Sie diri­gieren ihre Puppen mit einer zauberhaften Freude. Und alles ist begeistert. Auch diejenigen blitzen vor Lustigkeit, die im Puppentheater so etwas wie die Gestaltung einer Lebensanschauung sehen. Und der Direktor dieser Truppe hat sogar allerhöchste Emp­fehlungsschreiben, mit denen sich schon etwas an­fangen läßt. Mussolini ist entzückt über die Puppen. Pirandello auch, selbst d'Annunzio schrieb einen Brief voll Bewunderung.

Rührend aber, schon etwas überteuertet vom fahl­silbernen Licht einer anderen Welt, ist der Brief, den E l e o n o r a Düse, die große Tragödin, in ihren letzten Lehensjahren, an den Puppenspieler schrieb. Hier steht er:

Ich beneide Sie und möchte auch Leiterin einer Puppentruppe sein. Ihre Schauspieler sprechen nicht und gehorchen. Die meinen sprechen und gehorchen nicht. Wie mich die Idee verführt, daß Sie mich mit Ihren Marionetten zusammen auf eine Reise in unsere kleine Welt mitnehmen wollen!"

Max Jungnickel.

Gloria-palast: Fracht von Baltimore/"

Das ist wieder, wie in dem FilmEin Mädchen geht aji Land", eine Geschichte aus Hamburg und von der deutschen Seefahrt, und der alte Wikinger­spruchSeefahrt ist not" könnte als Motto darüber stehen, zumal es sich hier nicht um einen kleinen Trampdampfer handelt, sondern um zwei große Reedereien, die im erbitterten Konkurrenzkampf stehen: es geht um einen Frachtauftrag von 50 000 Tonnen, und um diesen Auftrag hereinzuholen, be­ginnen zwei Dampfer ein Rennen auf Tod und Le­ben, denn die Fristen des amerikanischen Auftrag­gebers sind kürzer bemessen, als den alten, ver­brauchten Maschinen mit gutem Gewissen zugemutet werden dürfte. Der Film spielt/ wie ausdrücklich vorausgeschickt wird, im Jahre 1931 und gibt einen Begriff davon, wie schwer die deutschen Reedereien, noch unter den schlimmen Nachwirkungen des Krie­ges leidend, um die Wiedergewinnung des Marktes und der alten hanseatischen Seegeltung zu kämpfen hatten. Der handlungsmäßig nicht unergiebige, stel­lenweise auch dramatisch wirksame Stoff wird, wie in dem schon erwähnten anbern Film von der Wa­terkant, durch persönliche Konflikte vom Menschlichen her vertieft: mit der Entscheidung über den Auftrag von Baltimore ist die Entscheidung über die Liebe der Reederei-Eigentümerin zu einem ihrer Kapitäne verknüpft. Wer an den Voraussetzungen zu dieser" Liebesgeschichte einige leise Zweifel hegen sollte, wird durch die menschlich und sachlich gewinnende Lösung versöhnt werden, die dem Ganzen einen freundlichen und hoffnungsvoll in die neue Zeit weisenden Ausklang gibt. Der Spielleiter Hans Hinrich hat den Film mit viel Verständnis und klarem Einblick in die eigentümliche Umwelt in Szene gesetzt; auch hat er die gespannte Stimmung gelegentlich durch die milden Lichter gut hamborgi-- schen Humors belebt und erhellt Dqs Buch schrieb Hans-Joachim Beyer; die Dialogbearbeitung stammt von Charlotte R i ß m a n n , der Verfasserin der KomödieVersprich mir nichts!" Hilde Weiß, n e r gibt die Reederin Sabine Heitmann in über­zeugender Haltung, so daß die geschäftlichen und per­sönlichen Dinge ihren gerechten Ausgleich finden. Atttla Hörbiger, ernst und männlich, hat seine süddeutsche Wesensart dem hanseatisch-seemännischen Thema anzuvassen verstanden. Vom Ensemble heben sich Walter Werner, Walter S t e t n b e rf , Paul Westermeier, Elsa Wagner, Claire Neig- b e r t und Franz Weber mit lebendig charakteri­sierten Gestalten hervor. (Terra.)

Im Beiprogramm siebt man die neue Wochen­schau und einen Kulturfilm von Orgelbau und Orgelmusik. Hans Thyriot.