Samstag. Ztt. Oktober 1037
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)
kr.254 viettes Matt
Hessische kleine Rhön Amöneburg.
Segelflugzeug im Schatten der Mauern der Amöneburg.
Am Startplatz. Unten am Hang der große Flugzeugschuppen.
Die Verspannung des „Zöglings" wird kritisch geprüft.
M 4J VC OVl vv- ffV ö---U
Aandine setzt sich durch
(Nachdruck verboten.)
12. Fortsetzung.
dich
eine
für
wie
Und die ich ran-
Sie hatte da ihre eigenen Gedanken und hatte sie für die Tochter sogar schon in die Tat. umgesetzt, llnä sie wußte nun nicht: „Wie sag ich's meinem
Und nach dem Appell ging es an den Uebungs- betrieb! An jene Schulung, die in kurzer Zeit aus Jünglingen Kerle macht! Zuerst galt es, über Stock und Stein hinweg, den 12-Meter-Zögling den steilen Hang bis dicht unterhalb der altersgrauen Mauern und Bastionen der Amöneburg an den schmalen Startplatz zu bringen. Ungewöhnlich genug der Anblick des eleganten Segelflugzeuges, jenes geftalt- gewordenen Ausdrucks modernen sportlichen Geistes, im Schatten der Jahrhunderte alten Mauern, der Zeugen deutscher Geschichte. Von der nahen Kirche läuteten die Glocken herüber. Wie vom Winde verweht klangen aus dem Kirchenschiff Choralklänge herüber. Inzwischen hatten die Hitler-Jungen das lange Gummiseil ausgelegt, einer der Kameraden kletterte in den kleinen Rumpf des verkleideten Zöglings, ließ sich festschnallen, setzte sich den Sturzhelm auf und sah noch einmal nach dem Windsack, während die jungen Kameraden am Gummiseil der Kommandos zum Start harrten. Drei andere Kameraden hatten sich des Schwanzendes des Zöglings bemächtigt und hielten eisern fest, als am Hang au
das Kommando „Ausziehen!" und „Laufen!' das Gummiseil gespannt wurde. Und mit dem Kommando „Los!" ließen die Helfer am Schwanzende los, und das Flugzeug schoß in sein Element. Die Drähte der Verspannung sirrten im Wind, und dann lag das Flugzeug ruhig und waagrecht in der Luft, hoch über dem Tal, die weißen Tragflächen glänzten im Licht der Morgensonne wie Silber. Der Segelflieger nahm Kurs den Hang entlang nach der Wenigenburg zu, gewann im Aufwind etwas an Höhe, kurvte dann am Ende des Hanges und kam zurück zur Amöneburg. Begeisterte Augen der Kameraden folgten dem Flug. Begeisterte, aber
Jtaman von
Hans-Joachim Zreiherrn von Reihenstein
Copyright by Carl Duncker
herrlichen Morgensonnenschein und eine frische Brise von West (wie sie die Segelflieger auf Amöneburg haben müssen), bann ist man rasch begeistert und mit ganzem Herzen bei der großen Sache. So war es auch am vergangenen Sonntag!
Da fuhr der Wind ungestüm gegen die Bergkuppe, und der Windsack zeigte steif nach Ost. Die Sonne brachte die Landschaft in den Glanz herbstlicher Farben von goldgelb bis dunkel- und braunrot. Der Wind versuchte immer wieder, die vor die Halle gebrachten Flugzeuge anzuheben oder gar zu entführen, so daß an jedem Segelflugzeug ein Mann Wache stehen mußte. Die leichten Vögel wurden am Sonntag einer eingehenden Besichtigung unterzogen und zu diesem Zweck vor die Halle gebracht. Gleichzeitig hielten die Segelflieger einen Appell ab, der erkennen ließ, daß es den Segelfliegern neben ihrer vorauszusetzenden inneren Haltung auch an der äußeren Disziplin nicht gebricht.
*
Während der Massage ging sie von verschiedenen Richtungen her auf den strategischen Punkt los, ohne doch ganz bis dahin zu gelangen.
.Schön bist du instand, meine Puppe! Rervenpunkte tun nicht mehr weh, wenn
ermüdliche Kerle braucht man hier, die nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, wenn sie einige Sonntage hintereinander nicht an den Steuerknüppel kommen.
*
Es ist ein schönes Erlebnis, dabei zu sein, mit hinaufzusteigen, unter den nicht immer günstigen Witterungsaussichten dieses Herbstes, wenn es z. B. in Kirchhain noch stark nach Regen aussieht und man nicht weiß, ob das Geld nicht unnütz auf der Eisenbahn verfahren wurde. Wenn sich aber schließlich doch die Sonne durchkämpft und die Unternehmungslust belohnt wird durch
dine in die Lambertzsche Klinik, um sich ordentlich zu verabschieden. Sie wollte auch Schwester Margarete oder Professor Lambertz um ein Zeugnis bitten, da es nun endgültig entschieden war, daß sie nicht in die Klinik zurückgehen würde.
Als Doktor Schrader hörte, daß Blandine im Haus sei, kam er sofort, um sie zu begrüßen. Er sprach ihr sein Bedauern über ihre Krankheit aus und freute sich aufrichtig, sie wieder wohl zu sehen. Bei sich konstatierte er, daß sie wieder besonders frisch, sauber und hübsch aussähe.
Blandine erzählte, wie rührend ihre Mutter sie gepflegt und wieder aufgepäppelt hätte. Und konstatierte ihrerseits, daß sie mit Doktor Schrader am unbefangensten hier an der Stätte gemeinsamer Arbeit sprechen konnte.
„Kommen Sie wieder zu uns?"
„Nein, leider nicht." Das war ehrlich gemeint in diesem Augenblick.
„Meine Mutter möchte es nicht. Sie findet, daß es zu viel für mich ist."
„Ich kenne Ihre Frau Mutter nicht", jagte er. „Aber sie muß eine sehr verständige Frau fein. Wir treiben hier alle Raubbau mit unfern Kräften. Und ich habe Ihnen als Arzt schon immer gesagt: dafür sind Sie zu jung."
„Das meint meine Mutter auch. Aber mir tut es wirklich leid. Sie wissen ja, wie gern ich hier gearbeitet habe."
„Da mir uns dienstlich nun aber nicht mehr sehen werden — segeln Sie gern?"
Blandine mußte an die Worte ihrer Mutter denken: „Es kommt nicht daraus an, was du dir denkst, sondern was der andere sich denkt. Und Männer denken sich immer was dabei. Wohin soll das führen — du und dein Vorgesetzter."
Sie senkte ihr hübsches Gesicht. „Ich glaube nicht, daß meine Mutter es gern sehen wird", sagte sie schüchtern.
„Sie hörten eben, daß ich ganz uneigennützig Ihrer Frau Mutter Ratschluß anerkannte. Aber geht das nicht doch etwas zu weit?"
Noch war es Geplänkel. Und ihre Augen lachten belustigt in die feinen hinein. Noch gingen die Worte neckend zwischen ihnen hin und her. Da plötzlich wurde sein männliches Gesicht ernst Und die Stimme, bie sie liebte, sand das Zauberwort: „Soll
wortung tragen — aber ich erklär dir das eine, in 'nem guten Privathaushalt bitte zehnmal besser aufjehoben."
„Ich kann doch aber nicht zu einem einzelnen Herrn gehen, Mutti."
„Wer spricht denn davon? Denk mal, wie reizend die kleine Ilse es hat. Eine nette Hausfrau. Allerdings wünsch ich mir für dich ein größeres Haus."
„Ich möchte aber das, was ich gelernt habe, verwerten, indem ich selbständig arbeite."
„Das verwehrt dir ja keiner. Wenn du wohin kommst, wo die Hausfrau den ganzen Tag keine Zeit hat, sich um was zu kümmern —"
„Dann werden die Dienstboten an selbständiges Arbeiten gewöhnt sein und mich als Eindringling betrachten. Das kenne ich nun schon."
„Denn mußte dir eben deine Stellung schaffen. Tüchtig genug bifte sicher, und die Hausfrau wird dir den Rücken stärken —"
Blandine sah ihre Mutter aufmerksam an. „Wer ist die Hausfrau, Mutti?"
Frau Hertel wurde verlegen. „Eine sehr nette Hausfrau, die ich viele Jahre genau kenne. Ich habe sie immer bedauert, daß sie neben einem an= strengenden Beruf sich um jeden Dreck allem kümmerst muß. Also kurz und gut, Frau Molny. Sie läßt dir agen, es wird ihr nicht nur eine große Freude fein, dich bei sich zu haben sondern sie hat sich schon immer jemand gewünscht, der ihr die Last der Haushaltführung und die Verantwortung abnimmt. Aber jemand ganz Fremdes wollte sie nie nehmen. Schließlich kennt sie uns nun feit ^,Mutti,^du' hast doch nicht bei ihr für mich gesprochen?" , .. n _ .
„Du meinst, weil du jetzt ohne Stellung bist? S« man beruhigt, sie weiß von mir, daß dir die Welt offensteht Und darum läßt sie dir s la extra sagen, wie sie sich auf dich freut"
Blandine sprang aus dem Bett. „Dann brauche ich aber heute nach der Massage nicht mehr zu ruhen Mutti. Dann bin ich gesundgeschrieben und । kann wieder arbeiten." Sie tanzte vor Freude im ^{jrau^erteYmar glücklich. Jetzt endlich kam Blan- - Am Nachmittag desselben Tages fuhr Blan-
sch rosig und munter aus.
„Soll ich dir mal was gestehen, Mutti? Ich war Guyer mir, als du mich damal- aus der Klinik vegnahmst. Ich habe mich furchtbar vor allen ’tsßM' gar nicht nötig. Die wissen alle daß du feine Pflicht bis zum Aeußersten 9^ W-
„Ich kam mir so blamiert vor. Aber trotzdem Wt Du recht gehabt. Ich habe in d-e^n Wochen hierher erst gemerkt, wie kaputt ich war. x>0) halte es nicht mehr lange ausgehalten.
3eht war Frau Hertels Stichwort da. „Wenn bu ehrlich bist, hafte dir das aber ganz alleine Muschreiben, nicht wahr?" Blandine nickte drollig .Ich habe nie gewollt, daß du da hmgingst.. Ich Mßte, das is ’ne Knochenmühle."
Das war nicht das Schlimmste, Mutter, d^ Arbeit. Aber es war kein Durchkommen. Na. icy Inoe es dir ja erzählt." ,, s .
Ihr jungen Dinger seid natürlich geblendet, Dtnn es heißt: selbständige Stellung, em großer Betrieb. Ich gebe zu, ihr wollt auch eure Derant-
Kurz nach dem Start, lieber dem Ebsdorfer Grund.
drei der Gruppe Kirchhain Zwei 10-Meter- Zöglinge, ein 12-Meter-Zögling, ein „Grunau- Baby", ein „Rhönsperber" und ein „Rhönadler" füllen die geräumige Halle bis in die Winkel aus.
Das Bergsteigen übrigens ist den Segelfliegern vertraut. Die Hitlerjungen haben sich auch rasch daran gewöhnt und wenn es wirklich einmal schwerfällt, dann lassen sie nichts merken. Gilt es doch nicht nur, den Berg überhaupt hinauszusteigen, sondern, wenn es um ernste Schulung oder gar um die Ablegung von Prüfungen geht, muß der so leicht und beschwingt anmutende Vogel immer wieder über Stoppeläcker hinweg, auf holperigen Feldwegen, dann über Stock und Stein den Hang hinauf zu den mehr ober weniger hoch gelegenen Startplätzen gezogen und geschoben werden. Also: un=
gestattend in weiter Runde, wmdumweht, oftmals auch von Wolken und Nebeln umschleiert und dann wieder vom Lichte klarer Herbsttage umstrahlt, so bietet sie sich dar Die Segelflieger wissen ihre „kleine Rhön" zu schätzen, obwohl sie schwer zu erreichen ist. lieber eine Stunde Personenzugfahrt, umsteigen in Marburg und Weiterfahrt bis Kirchhain, sind notwendig. Dann erst noch eine Stunde Marsch auf steilem Weg hinauf nach den Uebungs- hängen und zum Schuppen, in dem insgesamt sechs schnittige Segelflugzeuge untergebracht sind. Drei dieser Vögel gehören der Gruppe Gießen und
Gießener Segelflieger zum Appell angetreten.
; Ueberall da, wo Segelflieger sind, herrscht frischer Wind! Nicht nur über den Höhen, auf denen sie iijie Startplätze haben! Sondern auch in ihren Köpfen und Herzen! Segelflieger müssen ganze Kerle fett. Ihr Kreis stellt eine natürliche Auslese dar. Sfccte Auslese! Wer nicht Zivilkurage hat, verträgt öen frischen Wind nicht. —
I Die Gießener Segelslieger sind in der jüngsten Zeit wenig an die Oeffentlichkeit getreten. Aber gearbeitet haben sie doch! Drei prächtige Segelflug-, zeuge stehen ihnen zur Verfügung, ein viertes liegt üabnahmefertig in der Werkstatt, herangewachsen in Hunderten von Arbeitsstunden. Geübt wurde auch!
■3mar ist der Kreis der Gießener Segelflieger lange Ej3eit klein gewesen, aber er bestand doch, ursprünglich im D e u t s ch e n Luftsportverband und
..ijetzt im Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK.). Hitler-Jugend und einige Kameraden aus der SA. stießen hinzu, und wenn fetzt Uebungstag angesetzt ist, dann sind es doch
«20 Mann, die antreten.
*
Unterhaltsame Angelegenheit, auch einmal als I sonst Fernstehender ganz nahe dabei zu sein und Üben Betrieb unserer Gießener Segelflieger kennen- A zulernen. Amöneburg ist der Schauplatz des Wir- , kens unserer Gießener Gruppe. Die Amöneburg! ^herrlich über dem Ebsdorfer Grund gelegen, hoch- mufragenö über eine liebliche Landschaft, Ausblick
Flieger-HI. schult.
(Aufnahmen [6J: Neuner, Gießener Anzeiger.) auch kritische Augen! Der Mann am Steuerknüppel war etwas vom Hang abgekommen und hatte damit die Aufwindzone verloren; langsam verlor der helle Vogel an Höhe und landete schließlich in elegantem Gleitflug tief zu Tal im Ebsdorfer Grund. Winzig, spielzeughaft nahm sich das Flugzeug in der Tiefe aus. Kaum war der Segelflieger gelandet, da packten die jungen Kameraden den zweirädrigen Transportkarren ohne besondere Aufforderung und zogen los, das Flugzeug wieder zu holen — Bald stand es wieder an der Halle!
Noch zu manchem Start wurde am vergangenen Sonntag der Zögling heraufgebracht, gestartet wieder heraufgebracht, und immer bekam ein anderer der jungen Kameraden den Steuerknüppel in die Hand, wurde vor dem Start noch einmal informiert über „Ziehen" und „Drücken", über „Verwindung" und die rechte Art aufzusetzen und ermahnt, ja das wirklich das letztemal sein, daß wir beide uns im Leben begegnen?"
Blandine wurde weich. Sie senkte den Kopf.
Da flog die Tür auf und ein paar kichernde Schwestern kamen herein. Bei Doktor Schraders Anblick stutzten sie.
„Verzeihen Sie, wir wollten nicht stören", sagte Schwester Agnes sehr betont. Dann sahen sie sich wieder beide an und kicherten.
„Wir wollten Sie nur begrüßen, Fräulein Hertel", sagte die andere, „aber stören wollten wir ganz bestimmt nicht."
„Sie stören durchaus nicht. Ich komme gleich mit Ihnen hinüber. Ich hatte gerade zu Ihnen kommen und mich verabschieden wollen", sagte Blandine. Aber die beiden waren schon draußen.
Sie wandte sich zu Schrader: „Ich möchte jetzt gehen, Herr Doktor."
Sein Gesicht wurde eisig. Er reichte ihr nicht die Hand, sondern verbeugte sich steif und wortlos.
Blandine ging traurig hinaus.
Doktor Schrader blieb allein zurück. Unsinn, sich durch solche Gänse stören zu lassen, sie hätte mitlachen sollen, der Sache die Spitze abbiegen, wenn sie nur ein bißchen geistige Überlegenheit besaß. Aber dazu war sie anscheinend zu spießig. Lächerlich, ein Mädchen, das im Beruf steht, wird erst seine Mama fragen müssen. Er wurde ungerecht vor Wut und Enttäuschung. Sie gehört wahrscheinlich zu den Mädchen, die von Kindheit an ihre 21us- fteuer nähen und sich in Frigidität üben. Sie geizen mit ihrer sogenannten Tugend. Denn sie sparen sich damit den Preis zusammen, den ein Mann für feinen Namen fordert. — Bitte, mein Fräulein, von mir aus —!
*
„Zum Donnerwetter, was ist das nun wieder für ’ne Schweinerei!" schrie Harry Engemann. Er drückte wie rasend auf die Klingel. „Immer wenn man spielen will —"
Das erste Hausmädchen erschien. Sie stand in ihrem schwarzen Kleide vor ihm. So ungerührt, daß nicht einmal die steifgestärkten Bänder ihres Häubchens zitterten.
„Zum Deibel noch mal — wo ist der Schlüssel vom Flügel?"
Fortsetzung folgt
komme?" ... „
„Nein, alles in Ordnung, Muttl.
„Na siehste. Laß du man deine Muttl sorgen. Bekommt dir am besten.
Blandine saß nach der Massage tm Bett
Prinzessin, ein Tablett mit duftendem Kasfee und Öfen vor sich, die die Mutter ihr zubereitet Me. Sie pickte vergnügt wie ein Vögelchen und
£» - KZ*—


