Ur. 254 Drittes statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
'Zamstag, ZV. Oktober (Q37
Aus der Stadt Gießen.
Das unsterbliche Gedicht.
Glaubt es mir, ich bin bereit, es zu beschwüren: ich nahm das soeben erworbene Buch vom Brett, schlug es auf, das Papier knisterte köstlich und spröde und — meine Augen fielen auf die Worte:
„Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar-, der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar."
Dieses Gedicht des Matthias Claudius ist wie ein Gebet. 3d) weiß nicht, ob es in irgendeiner Sprache der Welt etwas Aehnliches gibt. An Klarheit, Gläubigkeit und an Vollkommenheit, Subtile und Skurrile neben den stillen Worten:
„Verschon uns Gott, mit Strafen und laß uns ruhig schlafen!
Und unfern kranken Nachbarn auch!"
Wo bleiben die weit hergeholten Vergleiche, die kosmischen Gärten, die hyazinthenen Dämmerungen, die müden Abende der blassen und kränkeln- en Lyriker vor und mach dem großen Krieg?. Wo bleiben sie vor diesen Worten, die wie leises Flockenschneien sind;
„Wie ist die Welt so stille und in der Dämmrung Hülle so traulich und so hold!"
Und ich erinnere mich an eine Herbstnacht, als der tote, kurze Weggefährte noch im flatternden schwarzen Mantel neben mir ging und hinter schimmernden Wolken trieb der halbe Mond. Damals hörte ich zum erstenmal diese Verse aus des Matthias Claudius unsterblich deutschem Gedicht:
„Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn." rk.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Marine-Gefolgschaft 1/116.
Samstag, den 30. Oktober,, 20.30 Uhr: Elternbesprechung im Heim, Roonstraße 28.
BDM. Untergau 116.
Dienstbefehl.
Der für Dienstag, 2. November, festgesetzte Gemeinschaftsabend mit den Eltern der Führerinnen- schoft des Standortes Gießen muß leider ausfallen, da an diesem Abend die „Woche des deutschen Buches" eröffnet wird.
Frauenschast Gießen-Mitte.
Der Ortsgruppenabend der Frauenschaft und des Frauenwerks Gießen-Mitte fand bei zahlreicher Beteiligung im „Hindenburg" statt. Die Leiterin eröffnete den Abend mit kurzen Bearüßungsworten und sprach dann über ihre Erlebnisse in Nürnberg beim Parteitag der Arbeit. Nach Bekanntgabe einiger parteiamtlicher Anordnungen berichtete dann Frau S ch e p p , die Leiterin der Arbeitsgruppe des Hilfsdienstes, über ihre Tätigkeit. Sie machte die Frauen mit der Arbeit und den Nichtlinien dieser Gruppe bekannt, schilderte die Aufgaben beim Hilfswerk „Mutter und Kind", bei der Mütterberatung und Mütterverschickung zur Erholung, bei der Essensausgabe, überall da, wo die Frauen der NS.-Volkswohlfahrt mithelfend zur Seite stehen. Reichen Beifall fanden ihre fesselnden und aufklärenden Ausführungen.
Der Frauensingkreis verschönte den Abend durch passenden Chorgesang. F. K.
Weiterer Aufbau in Gießen.
Bedeutsames Gportsörderungö-Projekt. Ausbau des DiehmarkteS. - Melkerschule in Gießen.
Vor einiger Zeit berichteten wir über Pläne der Stadtverwaltung zur Zusammenfassung und zeitgemäßen Gestaltung der sportlichen Einrichtungen in unserer Stadt. Die Beratungen über diese Neuerungen haben nunmehr zu festeren Vorschlägen geführt, die gegenwärtig Grundlage für die Bauprojektierung sind. Danach ist vorgesehen, die große Gießener Sportplatzanlage in dem Wiesengelände zwischen dem Amtsgericht und dem Philosophenwald erstehen zu lassen und sie unter Einbeziehung des jetzigen Eichgärtenteiches auszuführen. Die neue Sportplatzanlage wird ihre Begrenzung wie folgt finden: nach Norden zu in dem jetzigen Wege zwischen dem Gericht und dem Philosophenwald, nach Osten bei der jetzigen Brücke über die Wieseck im Zuge dieses Weges, südwärts an der Schlageteranlage einschließlich Eichgärtenteich, westlich an der Grenze dieses Teiches in verlängerter Linie bis zu dem Wegbeginn hinter dem Gericht. Auf diesem Gelände sollen drei große Sportplätze geschaffen werden, ein geschlossenes Schwimmbad in der Größe von 50X100 Meter mit Anlagen für das Sportschwimmen erstehen, anschließend wird eine Liegewiese von etwa 200 Meter Breite folgen und außerdem der jetzige Eichgärtenteich auf etwa 500 bis 600 Meter Breite und 1000 Meter Länge erweitert und mit einer Insel inmitten des Teiches versehen werden. Dieses Projekt wird in Kürze mit dem für unser Gebiet zuständigen Beauftragten des Reichssportführers sowie mit den für unsere engere Heimat und für unsere Stadt zuständigen bzw. interessierten Regierungs- und Sportkreisen besprochen werden. Nach Lage der Dinge dürfte wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die geplante Anlage im großen und ganzen die Zustimmung der maßgebenden Stellen finden wird, so daß vielleicht schon zu Beginn des kommenden Jahres bei guter Zeit mit der Arbeit begonnen werden kann.
Auf dem Viehmarktgelände am Güterbahnhof wird in wenigen Tagen die Diehoersteigerungshalle „Rhein-Main" einer bedeutsamen Erweiterung des Gießener Viehmarktwesens dienstbar gemacht wer-
Mit Wirkung vom 1. November 1937 ist der seitherige Abteilungsführer des Reichsarbeitsdienstlagers 5/222 „Justus von Liebig", Gießen, Oberstfeldmeister Lösch zum Gruppenstab der RAD.- Gruppe 220 (Witzenhausen) versetzt. Alle, die ihn kannten, werden lebhaft bedauern, daß er von Gießen scheidet, denn viele Volksgenossen in unserer Stadt haben in irgendwelcher Form miterlebt, wie durch seinen restlosen Einsatz aus dem ursprünglich etwas unfreundlichen Wirtschaftsgebäude „Philosophenwald" ein vorbildliches und allen Anforderungen entsprechendes Arbeitsdienstlager entstanden ist.
Im Jahre 1934 war unter seiner Leitung und Initiative mit dem Aufbau des Lagers begonnen worden. Viele Schwierigkeiten galt es zu überwinden, die damals noch dem Arbeitsdienstgedanken entgegenstand-en. Oberstfeldmeister Lösch aber hat, allen Schwieriakeiten zum Trotz, den Gießener Arbeitsdienst zu dieser Form entwickelt, wie sie vom Führer gewünscht ist. Unter der Führung von Oberstselümeister Lösch wurden viele volkswirtschaftlich außerordentlich wertvolle Arbeiten in unserer heimatlichen Landschaft durch den Arbeitsdienst ausgeführt. Viele junge Menschen danken ihm das schöne Erlebnis des. Arbeitsdienstes. Bei den Ab-
den. Mit Wirkung ab 15. November wird die Sch lachtvieh-Diehvcrteilungs ft e klein Gießen ihren Betrieb aufnehmen. Diese Dieh- verteilungsstelle ist vorerst für Gießen, Wieseck, Heuchelheim und Klein-Linden zuständig, es ist aber auch nicht ausgeschlossen, daß ihr Wirkungsbereich noch einen weiteren Ausbau erfährt. Der Auftrieb des Schlachtviehes wird, da dieser Schlachtviehmarkt in jeder Woche stattfinden soll, immer am Montagnachmittag erfolgen, während der Markt am Dienstagvormittag vor sich gehen wird.
Um die Anlagen des jetzigen Viehmarktgebäudes den neuen Aufgaben in ausreichendem Maße anpassen zu können, wird bei der Zuchtviehversteigerungshalle ein zweigeschossiges Gebäude errichtet werden. In dem Kellergeschoß dieses Hauses sollen Anlagen für die Futterbereitung geschaffen werden, außerdem sollen dort andere betriebliche Einrichtungen ihren Platz finden. Das Erdgeschoß des Hauses wird eine Bauernschänke in bäuerlichem Baustil aufnehmen, die den Marktbesuchern als Stätte der Erholung zur Verfügung stehen wird und alle Ein- richtungen enthalten soll, die zu einem derartigen Aufenthalt gehören. Das Obergeschoß des Hauses wird die Wohnung des Marktmeisters sein.
Neben der Schlachtvieh-Verteilungsstelle werden künftig auch die Zuchtviehoersteigerungen für Fleckviehbullen und Zuchteber im Rahmen dieses Gesamtbetriebes ihren Platz haben und im Laufe der Zeit zu einer noch weiteren Bedeutung für unsere heimische Wirtschaft gelangen.
Die Landesbauernschaft Hessen-Nassau wird auf dem Gelände beim Hardthof eine Melkerschule schaffen, für die ein zweckentsprechender Bau errichtet werden wird. Dieses Bauwerk soll die Räume für den Unterricht der Melkerschule und für die Unterbringung der Schüler enthalten, ferner eine Wohnung für den Leiter der Melkerschule in sich aufnehmen. Die Anlage soll auch die erforderlichen Stallungen aufweisen. Die Stadt Gießen wird dieser bedeutsamen Einrichtung ihre Förderung zuteil werden lassen, um auch dadurch der Allgemeinheit zu dienen. B.
schiedsfeiern der Jahrgänge kam dies immer wieder deutlich zum Ausdruck. Unter seiner verständnisvollen Führung hat man im Gießener Arbeitsdienst immer jene Ziele erreicht, die dem Arbeitsdienst im Hinblick aus die Erziehung und Ertüchtigung der deutschen Jugend gesteckt sind. Oberstfeldmeister Lösch war ' allen Führern und Mitarbeitern und allen Arbeitsmännern stets ein sehr guter Kamerad und Helfer. Um so mehr wird sein Scheiden aus dem Lager „Justus von Liebig" bedauert.
Es ist ihm leider auch nicht mehr vergönnt, den für den bevorstehenden Winter vorgesehenen und von ihm seit Jahren geplanten Neubau der Wirtschaftsgebäude des Arbeitsdienstlabers unmittelbar mitzuerleben. In seinem neuen Wirkungskreis fällt ihm ein größeres Arbeitsgebiet im Dienst an der Erziehung der deutschen Jugend zu. Als Nachfolger übernimmt Oberstfeldmeister Müller, der bisher das Arbeitsdienstlager Ehringshausen (Kreis Alsfeld) geleitet hat, die Leitung des Lagers „Justus von Liebig".
Im Hinblick auf das Scheiden des Oberstfeldmeisters Lösch erscheint es angebracht, noch einen Blick auf die umfangreichen und volkswirtschaftlich überaus wertvollen Arbeiten zu werfen, die unter
feiner Leitung in unserer heimischen Landschaft durchgeführt wurden. Es sind da zu nennen: Wege- bauten in Wieseck, Neulandgewinnung und Wegebauten in der Gemarkung Daubringen, Wegebauten und Kultivierung in der Gemarkung Watzenborn- Steinberg, große Melioration bei Hattenrod, Rodungsarbeiten im Gießener l^tadtwald, Einsatz gegen den Borkenkäfer bei Hochweisel und Erntediensteinsatz in vielen Orten der Wetterau; alle diese Arbeiten charakterisieren die Tätigkeit des Gießener Arbeitsdienstes. Beim Brand der Seifenfabrik Möbs wurde der Arbeitsdienst ebenfalls eingesetzt, und noch in manch anderer Hinsicht machten sich die Arbeitsdienstkameraden verdient. Oberstfeldmeister Lösch leitete neben dem Lager geraume Zeit auch noch den Außenzug Damm-Kirchoers. Seine hervorragenden menschlichen Eigenschaften haben ihm in unserer Stadt viele Freunde gewinnen lassen.
Vornotizen
Tageskalender für Samstag.
NSL. Kreis Gießen, Mädchenerziehung, Hauswirtschaft und Handarbeit: 15 Uhr Mädchenberufsschule. — Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr: „Mein
Sohn, der Herr Minister". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Tänzerin und der Diplomat". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Zauder der Boheme". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brandplatz.
Tageskalender für Sonntag.
Sturmbann 1/83 ^-Standarte: 16 Uhr Konzert, 20 Uhr Kameradschaftsabend. — Stadttheater: 11.30 bis 12.45 Uhr „Slawische Tänze"; 19 bis 21.30'Uhr „Drei alte Schachteln". — Gloria-Palast, Selters- roeg: „Die Tänzerin und der Diplomat". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Zauber der Boheme". — Gesangverein Liederkranz: 16 Uhr Gesellschaftsverein, Sonnenstraße: Feier des 100jährigen Bestehens. — Jmker-Ortsfachgruppe Gießen: 14.30 Uhr Hotel Hopfeld Versammlung. — Oberhessischer Kunstverein: 11 dis 13 Uhr, 15 bis 17 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brandplatz.
Konzert der ^-Standarte.
Der Sturmbann I der 83. ^-Standarte veranstaltet am morgigen Sonntag, 31. Oktober, 16 Uhr, ein «Konzert, das vom Musikzug der ^-Standarte unter der Leitung des Musikzugführers, ^-Untersturmführer Bach, ausgeführt wird. Um 20 Uhr findet ein Kameradschaftsabend mit Tanz und Unterhaltungseinlagen statt. Unser Heimatdichter Georg Heß (Leihgestern) wird mit einigen lustigen Vorträgen Mitwirken.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend zum letztenmal: „Mein Sohn, der Herr Minister", Lustspiel von Andre Birabeau. Spielleitung: Dr. Schumacher. Die Vorstellung findet für „Kraft-durch-Freude" - Miete, Gruppe H (2. Vorstellung), statt. Kartenverkauf zu Tagespreisen. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Spielplan des Stadttheaters Gießen vom 31. Oktober bis 7. November.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Sonntag, 31. Oktober, findet die 3. Morgenveranstaltung „Slawische Tänze" statt. Sie bringt Tänze von Chopin und Dvorak, „Nußknackersuite" von Tschaikowsky. Musikalische Leitung Kapellmeister Joachim Popelka, Choreographie: Ballettmeisterin Irmgard Zenner. Es wirken mit: die Tanzgruppe, Kinderballett und das Städtische Orchester. Die Morgenveranstaltung beginnt Punkt 11,30 Uhr,
Wechsel in der Führung der Gießener Arbeitsdienst-Abteilung.
Bücher werden Heunat.
(Lin Lines zur Luchwoche von Johan Luzian.
Wenn man in Hamburg auf einen der schönen großen Dampfer steigt,, um nach der südlichen Halbkugel zu reisen, wird man so in vier Wochen den braunen La Platastrom hinauffahren und in Buenos Aires den Kai betreten, der sich nicht viel von allen anderen Kais in großen Hafenstädten unterscheidet. Südamerika fängt erst an, wenn man die erste Nacht auf dem Flußdampfer hinter sich hat, der den Parana hinauffährt, wenn man morgens in die grüne Wildnis des Riesenstromes starrt und mit jedem Tage stärker die ungeheure Weite und Leere dieses Kontinents spürt, wenn die rote Erde kommt und auf ihr die Ranchos und die ersten Palmen, der fremde Laut der Tiere darüber und dahinter, der fremde Laut des Windes, der Atem einer anderen Welt. Und nach vier Tagen und Nächten ist man in Paraguay.
Braune Menschen, Marktweiber auf Eseln, Straßen unter einer grüngoldenen Wolke von Orangenbäumen, die sich heiter in Schmutzlachen spiegelt, unfaßbarer Stil der Häuser, wie Festungen höhnisch und feindlich, Geierscharen hoch in der blauen Stille über dem Rio, dicht am Ohr spanische Gespräche, Rufe in der Ursprache des Volkes, dem Guarani, Geschrei barfaß rennender Zeitungslum- mel: Di art—o—o! Di ari—ooo!
Man geht in den Quadern der Stadt umher, man friert vor Fremde und Müdigkeit und freut sich , über jeden deutschen Namen, den man aus fremdartigen Sprachumkleidungen irgendwo herausfindet. Und in einer dieser Straßen von Asuncion entdeckt man nun wohl auch an einem Haus, in dessen Garten eine schöne Palme steht, ein Schild an der Mauer: Deutsche Bücherstube . .
Diese Deutsche Bücherstube ist mein Eigentum. Ich habe sie mir geschaffen, und jedesmal, wenn ich nach Hause komme, freue ich mich wieder über di- len Namen, den ich da angemalt habe. Fünf Wochen Reifezeit von Deutschland entfernt und mitten in Südamerika
Dio Tür meiner Buchhandlung steht meistens offen und es weht viel Staub herein. Und mit dem Staub kommt heute wohl ein Reiter aus der Cam- pana. der fein Pferd irgendwo eingestellt hat und nun ivorenklirrend Besorgungen macht. Auch bei mir. Od"r -'s kommen morgen mit dem Zug aus dem Innern oder dem wöchentlichen Dampfer aus
dem Norden, vom Chaco de Rio herunter, Kolonisten, Fellhändler, Almaceneros, Ingenieure, Handwerker, der eine, der andere. Und dann stehen wir an meinen Regalen und halten Bücher in der Hand, blättern, sehen uns an, fragen uns an. Zuerst fragt man: „Woher?" Und man meint nicht Villa Hayes oder Jbitirni oder Altos oder Concepcion in diesem weiten Lande Paraguay, wo man ein Haus hat, Plantagen, Geschäfte, sondern man meint Franken oder Schlesien oder Rheinland ... Denn wenn wir auch alle e i n Vaterland haben und eine Muttersprache, im Buch sucht man hier draußen noch etwas dazu, vielleicht ein Stück Kindheit und gewisse Züge in einem Gesicht, das man einmal hatte und das sich unter dem Einfluß der Fremde so merkwürdig wandelt. Es ist für den ganzen Tag genug, wenn man deutsch ist, aber die Lesestunde abends unterm Moskitonetz ober auf der Terrasse, da will man mal nicht unter siebzig Millionen sein, sondern nur unter einem Dutzend Leute, die man genauer kennt. Keine Heimatdichtung und keinen Dialekt womöglich, den man kaum entziffern kann. Nein, aber ein Stück Straße könnte darin vorkommen, die man mal gegangen ist, oder ein Bahnhof, oder ein Fuß ... Und ich reife also mit dem einen in das stille Ostpreußen Ernst Wiecherts und mit dem andern in die Rheinpfalz von Robert Betsch und mit dem Siebenbürger von der Cordil- lere in das kleine Land und Volk Zillichs. Ja, so ist das: Bücher werden Heimat, und ich stehe an den Bücherborten da und teile aus wie der liebe Gott...
*
Nun sollt ihr aber nicht meinen, es ginge den gnzen Tag so bei mir zu und die lieben Landsleute rissen sich um die Bücher, die ihr da drüben aus der Fülle schreibt. Von den 20 000 Deutschstämmigen, die in Paraguay wohnen, fallen 10 000 weg, weil sie kaum jemals, weder drüben noch hier, ein Buch lesen würden. Und vielen Tausend fällt es nach ein, zwei Generationen schon schwer, deutsch und dazu noch gotische Schrift zu lesen. Sie sprechen deutsch, gewiß, aber diese Sprache hat einen sehr engen Raum, es fehlt ihr jeder Glanz, und die schonen und kühnen Bilder der Dichter verursachen Kopfzerbrechen. Im Spanischen geht das viel leichter Vom Rest muß man noch em gehörig Teil abziehen, der zwar das tägliche Brot oder die tägliche MandioLi hat. aber keinen Peso für Bücher. Trotzdem, ein päar Hundert von den Zwanzigtausend bleiben übrig, die nicht nur das deutsche Fachbuch, diesen wunderbaren Reichtum in den bescheidenen Gewändern billiger Sammlungen suchen, sondern die gerade hier zum „Grünen^Heinrich" und zum „Hungerpastor" und zur „Effi Briest fin
den. Da reitet einer als Aufseher einer Estancia ein, zwei Wochen über die weiten Kämpe, und wenn er dann nach Hause kommt, will er E. T. A. Hoftmann lesen ... Nur ganz wenige wollen seichte Lektüre, die meisten wollen gute Bücher. Ich horche in jeden meiner „Kunden", die bald zu guten Bekannten werden, hinein: wen möchtest du zu Gaste laden zwischen Bananen und Zuckerrohr unter das Blechdach deines Hauses, darin die Hitze brütet und die Moskiten sirren? Den „Meister Eckehard" oder das „Schulmeisterlein Wuz"? Ludwig Thomas Bauernschelme oder Frenssens Leute von der Küste? oder willst du mit Dwingers „Letzten Reitern" nach Osten ziehen, mit Wehners „Sieben" vor Verdun liegen? (Du warst ja irgendwo einmal dabei!) Und lange wenn der Mann weg ist, zerbreche ich mir noch den Kopf: ob es das Richtige war? ... Manchmal glückt diese mystische Verbindung, die man schaffen will, nicht, dann bringt einer den „Arzt Gion" wieder und nimmt doch lieber einen Unterhaltungsroman. Aber manchmal haut mir einer auch auf die Schulter und sagt: Mensch, der Kolbenheyer, der „Paracelsus! Das ist ein Buch!! Oder jemand geht schnuppernd die Borte entlang und fragt: Haben Sie nicht noch was von dem Emil Strauß? ...
*
Ja, das ist hier ein kleines Land auf diesem großen Kontinent, und alle zwanzigtausend Deutsch- sprechenden sind kaum so viel wie in einer deutsche Kleinstadt an Menschen. Dabei wohnt der eine oben am Rio Apa und der andere am Alto Parana, und dritte auf dem Waldrücken der Cordillere, der vierte im grauen Staub des Chaco. Aber wo er auch sitzt, da breitet ihm Mechows „Vorsommer" eine frische, klare deutsche Felderlandschaft aus oder führt ihn Ricarda Huch durch die alten Städte. Und wenn jemand den langen Weg von Jndepen- bencia nach Villarrica reitet, durch Wald, in dem morgens die Affen schreien, über den großen Kamp, auf dem mittags die Hitze flimmert, was soll er in Staub und Einsamkeit beim Schritt des Pferdes denken? Soll er an die Baumwolle denken, ob die Heuschrecken dieses Jahr kommen, an Vieh und Plagen? Nein, es ist besser, vielleicht an Grimms Cornelius Friebott oder an den Hauptmann Erk- kert zu denken, und es ist manchmal ein großes Glück, sich eines Verses zu erinnern, eines Verses von Hölderlin vielleicht:
An deinen Strömen ging ich und dachte ich, indes die Töne schüchtern die Nachtigall auf schwankender Weide sang und still auf dämmerndem Grunde die Welle roeilte ...
Die Entdeckung des Biedermeiers.
Jeder weiß, was mit Biedermeier gemeint ist, aber woher der Name stammt, hat viele und zum Teil höchst unwahrscheinliche Vermutungen veran- laßt. Eine neue Deutung finden wir im November- heft von Velhagen & Klasings Monatsheften. Hier erzählt der Heidelberger Literarhistoriker Rudolf K. Goldschmit-Jentner, wie der später berühmte Arzt Adolf Kußmaul die unwillkürlich humoristisch wirkenden und 1845 in Karlsruhe erschienenen Gedichte des Dorfschulmeisters Samuel Friedrich Sauter fand, Verse, die ihn und seinen Freund Eichrodt veranlaßten, eine Auswahl daraus zu veröffentlichen. Kußmaul und Eichrodt fügten selbsterfundene Gedichte im gleichen Ton hinzu und überlegten lange ein schlagkräftiges Pseudonym. Das Biedere, das Banale, das Unfreiwillig-Komische, das Ernsthaftgemeinte, das Alltägliche sollte in dem gemeinsamen „Dichternamen" zum Ausdruck kommen. Biederer Schmidt? Schmidt war ja ein Alltagsnamen. Biedermüller? Auch Müller hätte ja den Alltag betont. Aber da entmannen sie sich des Pseudonyms eines nicht weniger, aber bewußt humoristischen Dichters, des Schwaben Vischers. Der V-Vischer war ja als Schartenmayer ausgetreten, und rasch war in Analogie der Name Biedermeier erfunden. Und als Gedichte des Biedermeier wurden die Reimereien der drei, die unfreiwilligen des Samuel Friedrich Sauter und die freiwilligen des Adolf Kußmaul und Otto Eichrodt, erst in den „Fliegenden Blättern" itj den Jahren 1855 bis 1857, dann sogar in einem schmalen, netten Büchlein veröffentlicht. Das Pseudonym prägte sich rasch in Deutschland ein als Name für den behäbigen, geruhigen Menschen jener Zeit. Aber es dauerte fast dreißig Jahre, bis man die ganze Zeit der bürgerlichen Ruhe zwischen den Freiheitskriegen und der Revolution, also genau zwischen 1815 und 1848, mit einem eigenen Namen bezeichnete. Etwa Ende der achtziger Jähre des vorigen Jahrhunderts kam die besondere Bezeichnung für diese Zeit als Biedermeier auf, aber niemand außer einigen Fachgelehrten und Volkstumsforschern in Baden wußte mehr, wie der Name zustande gekommen war, und erst recht kannten die wenigsten den braven Dorfschullehrer Samuel Friedrich Sauter als Ahnherrn.
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Professor Dr. Erhard ist beauftragt worden, in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität München die Tiergeographie in Vorlesungen und Hebungen zu vertreten.


