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K(tJ21 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzetger für Oberhessen)
5am8tag.29.Mai 1937
Dr. Ley eröffnet die Frankfurter Ausstellung „Meisterwettkampf 1937".
Sie Ehrung der Reichssieger.
Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.
Frankfurt, die Stadt des deutschen Handwerks, zeigt sich an jedem Reichshandwerkstag in einem neuen festlichen Gewand. Am Römerberg hat diesmal jedes der schönen alten Häuser, die Zeugen einer großen Vergangenheit der alten Reichsstadt lind, fein eigenes Gesicht erhalten und doch klingt .alles zusammen in einer einzigartigen Farben- symphonie von rot, gold und grün. Am Mainfluß entlang, auf dem sich in den sommerlich heißen Nachmittagsstunden ein reges Treiben von Schiffen -und Booten jeder Art abspielt, wehen an hohen Masten die blauen Fahnen des Handwerks in buntem Wechsel mit dem Rot der Hakenkreuzbannsr des Dritten Reiches. Vom Bahnhof, der eine mit Tan- mengrün umkleidete und von dem Symbol der Deutschen Arbeitsfront überhöhte Ehrenpforte erhalten hat, geht der Weg durch die mit Fahnen tind Grün geschmückten Straßenzüge hinaus zum Haus der Moden auf dem Messegelände, das die A u s st e l l u n g „M eister-Wettkampf 1937" birgt.
Durch den zu einer Ehrenhalle umgestalteten Vorraum geht es in den Ausstellungssaal, in dessen Kojen rechts und links des Haupteingangs die besten Erzeugnisse des Meister-Wettkampfes aufgestellt sind. Mit den Reichssiegern war am Freitagnachmittag eine große Anzahl von Ehrengästen versammelt, als Reichsorganisationsleiter Dr. Ley, Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger, der Leiter des deutschen Handwerks in der Deutschen Arbeitsfront, Daul Walter, Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs, Staatsrat Schmeer und Hauptamtsleiter Pelzner zur Eröffnung erschienen.
Reichswettkampfleiter Schäfer
meldete dem Reichsorganisationsleiter die Beendigung des Meisterwettkampfes, an dem über 5000 Meister teilgenommen haben. Er bezeichnete als den regften Bezirk den Bezirk 10 (Köln-Trier-Aachen). £6 Reichssieger, 55 zweite und 63 dritte Preisträger konnten festgestellt werden. Von den Reichssiegern nnd 6 0 v. H. junge M e i st e r, d. h. nach 1900 icboren. 40 v. H. der Meister stehen noch als Ge- -olgschafter in den Betrieben, allerdings mit abge- legter Meisterprüfung. Eine Reihe bemerkenswerter Erfindungen und kultureller Neuschöpfungen sind !as Werk des Meisterwettkampfes.
Der Leiter des Deutschen Handwerks in der DAF., Jaul Walter, betonte, daß die Lücke in den Wettkämpfen nunmehr im Herbst durch die Gesellen- vettkämpfe geschlossen werden solle, für die die Vor- irbeiten bereits getroffen seien. Handwerkliche Arbeit ohne einen im Wettkampf festgestellten Maß- i1ab würde mit der Zeit verflachen. Darum herrsche große Freude, daß Tausende von Meistern sich be- leitgefunden und die Zeit geopfert hätten, am ersten Reisterwettkampf teilzunehmen.
AeiÄsorqanisationSleiter Or.Ley
betonte, daß dieser Handwerkertag nicht zu seinem schaden aus dem Rahmen der bisherigen falle. Er «ehe den Beginn einer großen Epoche für >as Handwerk und sei glücklich, daß der heutige Lag beweise, daß das Handwerk mit der Kultur Verbindung suche und auch ge- unden habe. Er wies auf das hohe Lied Richard Wagners hin, der in feinen „Meister- :ngern" der kulturellen Auffassung Ausdruck gebe, Ire' das Handwerk seit jeher gehabt habe. Das Handwerk und das ganze Volk hätten manch trübe Seiten hinter sich. Aber heute sei die Sucht nach
Gemeinem abgelöst durch die Sucht nach dem Schönen und Edlen. Das sei keine Frage der Armut oder des Reichtums, sondern eine Frage des Erbgutes, des Blutes, der Kultur. Dies möge als Motto für diese Feier gelten. Er sei glücklich, daß aerade dos Handwerk sich als Vortrupp für diesen Gedanken eingesetzt habe. Und wenn dieser Handwerkertag der Beginn dafür sein sollte, daß dieser.Gedanke in unser Volk hineingetragen werde, dann habe das Handwerk schon Großes vollbracht. Die Freude am Schönen mache den Menschen gesund und glücklich. Richt Geld noch Wirtschaft können dies vollbringen; aus ihnen entspringt keine Kraft, sie seien nur Mittel zum Zweck. Man habe das Volk jahrzehntelang irregeführt und die Freude als eine Sünde bezeichnet. Aber wohin man damit gekommen sei, zeige sich in jenem Franziskanertum, mit dem wir uns heute zu befassen hätten. Auch gegen das Bequemfeinwollen müßten wir kämpfen. Es dürfe nicht mehr vorkommen, daß schon jemand mit 40 Jahren alt sei, ein Mann von 70 Jahren müßte genau so jung wie einer von 18 Jahren sein. Der Führer stelle das Volk immer wieder vorneueAufgaben. Wir würden immer mehr zu tun haben, eine Ruhepause könne und dürfe es für keinen geben. Deshalb müßten wir
den Wettkampfgedanken überall hineintragen. Das Wagner-Wort: „Ehret mir die deutschen Meister, so bannt ihr gute Geister" ehre den Meister, seine Leistung, sein Können. Jeder einzelne im Volk müsse kämpfen, ringen, arbeiten, müsse dem Sport- gedanken huldigen und der Kultur dienen — das sei Leben! Aus der Freude am Schaffen entspringe d i e Lebensbejahung. Der Nationalsozialismus fordere nichts Leichtes, sondern er fordere das Leben mit all feinen Hindernis- s e n. Das Volk würde diese Hindernisse meistern, weil es Meister des Lebens sein wolle.
Dann nahm der Reichsorganisationsleiter die Ehrung der Reichssieger vor, indem er jeden einzelnen beglückwünschte und ihnen eine Ehrenurkunde in die Hand drückte, während der Leiter des Deutschen Handwerks in der DAF. die Reichssiegerplakette überreichte. Anschließend besichtigte Dr. Ley mit den Ehrengästen die Ausstellung, über die er seine volle Befriedigung äußerte.
Ein Äundgang durch die Ausstellung.
Nach der Siegerehrung machte Reichsorganisationsleiter Dr. Ley einen Rundgang durch die
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Gauleiter Sprenger, Reichsorganisationsleiter Dr. Ley und der Leiter des Deutschen Handwerks in der DAF. Paul Walter bei der Eröffnung der Ausstellung „Meisterwettkampf 1937". — (Aufnahme: Schwarz, NSO., Frankfurt.)______________
Ausstellung, die seit unserem Bericht vom Donnerstag durch eine Reihe ausgezeichneter Meisterstücke der verschiedensten Handwerke vervollständigt worden ist. So sahen wir bei den Tischlern noch einen aus der Tradition des Biedermeier zu modernen Formen weiterentwickelten Schreibsekretär, der ebenso von dem sicheren Geschmack wie dem guten handwerklichen Können seines Verfertigers zeugt. Unter den Drechslerarbeiten fielen ein paar formschöne Leuchter und ein prächtiges Spinnrad auf. Von den zahlreichen Erzeugnissen der Holzbildnerei zeigte die Gruppe einer heimkehrenden Schafherde sichere Empfindung für künstlerische Behandlung des Materials. Korbflechter sind mit ihren Erzeugnissen von der einfachen Kiepe und dem schlichten Schließkorb bis zu bequemen Korbsesseln in ansprechenden Formen vertreten. Die Töpfer zeigen Oefen und Herde für Eigenheime und Siedlungshäuser in Anlehnung an die alten Formen bäuerlicher Werkkunst, ferner Kacheln in leuchtenden Farben und Glasuren, vielfach mit handgeformtem figürlichem Schmuck. Bei den Schmieden konnte ein Darmstädter mit einem Torfschneider aus einem Stück im Wettbewerb mit einer Reihe sauber gearbeiteter landwirtschaftlicher Geräte zum Reichssieger erklärt werden. Von der neuartigen Schwingachsenkonstruktion des Frankfurter Reichssiegers im Kraftfahrzeughandwerk sprach unser Vorbericht schon. Die Konstruktion, die zum Patent angemeldet werden konnte, fand das besondere Interesse des Reichsorganisationsleiters. Bei den S ch l o s f e r n sah man ein Balkongitter aus deutschem Leichtmetall.
Die Schneider und Kürschner haben unter dem lustigen Motto „Der gute Sitz, das ist der Witz" eine Schau bester Maßarbeit zusammengestellt, wobei besonders bei den Damenschneidern und -schneiderinnen bemerkenswert ist, daß die wenigsten Meisterstücke aus Großstädten stammen, wie die Ausstellung überhaupt eine sehr gleichmäßige Verteilung handwerklichen Könnens über das ganze Reich zeigt. Die Maler zeigen für die ihnen gestellte Aufgabe: Ausführung der Malerarbeiten für ein Siedlungshaus zu einem bestimmten Preis, eine Reihe interessanter Leistungen. Unter den vielen guten Photographenarbeiten zieht das strahlende Gesicht eines Jungvolkpimpfes die Blicke auf sich. Die Schuhmacher zeigen mit einer besonders reichhaltigen Schau ihrer Erzeugnisse vom schweren Langschäfter und eleganten Reitstiefel bis zum zierlichen Damenschuh und Tanz- pumps in feinstem Leder, daß die Maßarbeit noch keineswegs am Ende ihrer Tage ist. Die Orthopädieschuhmacher propagieren Einlagen aus deutschem Kunstharz.
Ungemein vielseitig ist auch die jetzt erst fertig gewordene Ausstellung des Nahrungsmittelgewer- des. In einer Reihe von Vitrinen haben die Konditoren ihre köstlichen Erzeugnisse aufgebaut, die, wirklich geschmackvoll in doppeltem Sinne, besondere Aufmerksamkeit finden. Kottbus, die Stadt des Baumkuchens, Lübeck, die Stadt des Marzipans, beherrschen neben Dresden und Trier das Feld. Den Reichssieger freilich hat Berlin mit einem prächtigen Rosenkorb aus Marzipan gestellt. Beim Fleischerhandwerk bewunderten wir appetitliche Würste aller Farben und Größe vorwiegend aus Bayern, Westfalen und Holstein neben lecker angerichteten Braten in mustergültigen Kühlschränken. Den Beschluß machen die Bäcker, deren Schau von Broten, Brötchen, Semmeln, Schrippen Hörnchen, Weck ein Spiegelbild der Vielfalt geschmacklicher Tradition deutscher Landschaft ist. So zeigt schon diese Ausstellung von Meisterstücken des ersten Meisterwettkampfes einen hohen Stand
Der blinde Schütz.
Eine Rheinsage von Wsihelm Schäfer.
Als einmal Ritter aus dem Rheingau mit dem Eoonetfer im Hunsrück jagten, gab es am letzten Lag auf Sooneck ein so wildes Fest, daß der Lärm 'is an den Rhein hinunterscholl. Da klopfte mit Ifiner Harfe ein fremder Sänger ans Tor, der hinauf gekommen und an dem Stecken mühsam len langen Burgweg hinaufgeklettert war. Weil sie <ust zum Singen hatten von dem Wein, ließ ihn ter Soonecker in den Saal eintreten und das beste lvn allen Liedern spielen, die er hätte.
Der Boden war schon naß von dem verschlemm- •-n Wein und die Ritter saßen lärmend bei ihren Lumpen da; doch wurde es bald still, als der Alte "tit einer Stimme, die trotz dem weißen Bart jung nd markig war, das Lied vom Fürstenecker fang. 5enn jeder wußte, daß der Junker von Sooneck ten Fürstenecker feit dreizehn Jahren gefangen im •'•urgturm hielt und ihn grausam geblendet hatte. Lun ging ein Sang von ihm rheinauf, rljeinab: liß einer, der vordem den Pogel aus der Luft zu Mfen wußte, im Burgverlies zu Sooneck säße in iuppelter Finsternis. Wie dieses Lied mit Heller Stimme vor dem Soonecker gesungen wurde, sahen ge nach ihm, daß er den frechen Sänger niedcr- Ihlagen würde. _
Der Junker aber war schon so im Rausch, daß er h n Sang anhörte, als ob kein anderer so edles und k' schicktes Blut zu fangen wüßte. Er fing gleich an Z- prahlen, der Fürstenecker brauche nun keine Vogel rei)r und keine Augen; er fei im Turm so abge- ichtet worden, daß er nach dem Gehör zu schließen k-rmöchte. Obgleich ihn einige mahnten, solche Ro- ^'t nicht zu tun,- riß er die Armbrust des Fur- r’necfers von der Wand und hieß ihn selber holen, 'Ene Kunst zu zeigen.
Da gab es einen schlimmen Anblick für sie alle, 0r vordem den schlanken blonden Mann gerannt hatten,'wie jetzt sein Bart eisgrau und lang Herab- Ong, und feine Knie ihn kaum noch aufrecht hielten lsr Soonecker aber schlug lachend einen Becher au bm Tisch: wenn er, der Blinde, nach solchem Ziel V treffen wüßte, sollte er mithalten dürfen an Der «fei. Als wäre es dem Fürstenecker, von dem sie wußten, daß er gern und vielen Wein getrunken b tte, noch immer um den Trunk zu tun: fo rafd) fiff er nach feiner Armbrust, bie sie ihm reichten. M während die Ritter auseinanderruckten, daß er "Platz zu seinem Ziel frei hätte, wo der Soonecker b" Becher schon wieder hoch hielt pruste er D Schnur mit einem Klang wie von der Hause, be
fühlte auch den Bolzen und gab ihn sorgfältig in die Rinne. Wie dann der Junker den Becher auf die Eichenplatte schlug und: Hier! breitlachend rief, war es nicht anders, als ob ein Vogel aufgeflogen wäre, so rasch und rauschend kam der Bolzen nach seinem Ziel und schoß den Soonecker in den offenen Mund, der kaum den Ton entlassen hatte, durch den Gaumen bis ins Gehirn, daß er mit seinem Becher in der Faust aufzappelte und' zwischen krachenden Stühlen auf den Estrich sank.
Nicht einer von den Rittern kam ihm zu Hilfe, und nur ein paar von feinen Knechten wollten sich auf den Schützen werfen, der mit der Arm)ruft dastand, als ob er den versprochenen Wem ab- roartete. Da flog des Sängers Harfe gegen sie wie eine Keule, und wo vorhin ein weißer Bart gewesen mar, da glühte jetzt ein herrisches Gesicht und mit dem Schwert in feiner Faust stand bei dem Alten der Sohn, den alle staunend erkannten. Dem Schützen sank die Armbrust aus den Händen bei ferner Stimme und aus den leeren Augenhöhlen liefen die Tränen; die Ritter aber schützten ibn, so daß sie beide aus der Burg entweichen konnten. Und. nachher gaben sie ihm Roß und Geleite und viele ritten selber mit nach Fürsteneck.
Begegnungen mit Gorillas.
Albert Schweitzer cnä’blf afrikanische Iagdqeschichten
Don Albert Schweitzer, dem großen Arzt und Menschenfreund, der im afrikanischen Urwald ein Leben voller Mühen und Entsagung im Dienst der leidenden schwarzen Merychheit vollbringt ist, bei Felix Meiner in Leipzig eine kleine Schrift erschienen die feine in feinem Erinnerungsbuch bewahrte Kunst der Darstellung von einer neuen Seite zeigt: „Afrikanisch- 3ag6gefd)id)ten". Er selbst, der auch ein großer Tierfreund ist, ist nicht Jager, aber ihm werden von den bei ihm gepflegten Holzhandlern viele Jagdgeschichten zum Besten gegeben, und diese erzählt er in feiner schlichten überzeugenden Art wieder. Er spricht van Jagden au Ele,anten NU- pferd Büffel, Leoparden, ja selbst von Walfisch- jagben an der Küste. Besonders eindrucksvoll aber ist feine Schilderung des Gorillas, dieses überaus starken Tieres, dem auch der mutigste Jäger nicht gern in den Weg kommt. Es find oft wahre Ungetüme von 2'/s Meter Höhe, mit gewaltigen Armen, und sie gehen gewöhnlich sofort zum Angriff über und haben den Jäger an der Gurael. ehe er von feinem Gehör Gebrauch machen kann
„Es gibt aber auch Fälle", erzählt Schweitzer
weiter, „wo sie ihn, wenn er absolut regungslos bleibt, unbehelligt lassen. Ein mir bekannter Weißer, der in der Gegend nördlich von ßambarene mit einer Trägerkarawane Reis, Tabak und Salz ins Innere schaffte, fand die Zeit zu lang, als feine Leute morgens ihre Lasten aufluden, und ging ihnen auf dem ihm wohlbekannten Urwaldpfade voran. Plötzlich, bei einer Biegung des Weges, stieß er mit einem Gorillapaar zusammen, das einen jungen Gorilla an der Hand hielt, wie Bürgersleute ihr Kind beim Spaziergang mit sich führen. Das Gewehr von der Schulter zu reißen, war keine Zeit. Es hätte auch gar nichts genützt. So blieb dem Wanderer nichts übrig als stramm zu stehen, so gut es die zitternden Glieder erlaubten. Vater, Mutter und Kind betrachteten ihn ausgiebig. Nachdem die erste Neugierde befriedigt war, ließ das Kind die Hand der Mutter los, um nach den Knöpfen am Rock des Weißen zu reichen. Während es damit spielte, lächelte dieser es krampfhaft an, damit es sich ja nicht fürchte. Hätte es eine Bewegung des Erschreckens gemacht, so hätte ihn der alte Gorilla ja gleich in Stücke gerissen. Nachdem das Spiel eine Weile gedauert hatte, nahm die Gorillamutter das Kind wieder bei der Hand und zog es von dem Weißen weg, als wollte sie ihm sagen: „Jetzt hast du diese Mißgeburt lange genug angeschaut." Und Vater, Mutter und Kind zogen ihres Weges weiter. Der Weiße aber brach zusammen. Nie wieder ist er seitdem seiner Karawane in den frischen Morgen hinaus vorausgewandert."
Ein merkwürdiges Erlebnis hatten zwei andere Weiße. Die Eingeborenen behaupten, daß die Gorillas in Dörfern zusammen wohnen, und sie wagen sich nicht in Wälder hinein, die als Gorillasiedlung bekannt sind. Als zwei Weiße an einen solchen Wald kamen, erklärten die sie begleitenden Neger, sie würden nicht weiter mitgehen, da von altersber dieser Wald nicht den Menschen, sondern den Gorillas gehöre. Die Weißen, die eine gute Holzausbeute in dem Walde erwarteten, lachten über diese Märchen und wollten ihn allein durchforschen; sie hatten nur zwei leichte Schrotflinten bei sich „Nachdem sie unbehelligt ziemlich weit gewandert waren, begegneten sie einem Gorilla, der sich aber bei ihrem Anblick gleich zurückzog. Einige Minuten später tauchte ein Gorillapaar auf. Auch dieses wich ihnen, wenn auch zögernd, aus. Wenige Augenblicke später bekamen sie ein Gorillapaar mit einem Jungen zu Gesicht. Nun ging ihnen auf, daß da wirklich eine Gorillasiedlung wäre. Ader durch das Benehmen der ihnen bisher begegneten Gorillas mutig gemacht, gingen sie unentwegt auf dieses neue Paar zu Und wirklich, auch dieses zog sich zurück. Auf einmal aber ließ der Gorillaoater, ein
mächtiges Tier. Frau und Kind stehen und ging mit Bellen und Knurren auf die Weißen zu. An ein Entkommen war nicht zu denken. Zum Glück war einer von ihnen ein erfahrener Jäger, der die Angriffsweife der Gorillas kannte. Der Gorilla läuft nämlich auf allen Vieren, indem er sich mit feinen langen Vorderarmen auf den Boden stützt. Auf einige Meter an fein Opfer herangekommen, richtet er sich aber dann plötzlich in feiner ganzen Größe auf, um es an dem Hals zu fassen. Diesen Augenblick warteten die beiden ab und schossen dem Gorilla auf fünf Meter Entfernung ihre Schrotladung in den Kopf. Er fiel tot nieder Sie aber eilten, so schnell sie ihre Füße trugen, zu ihren Negern zurück und gaben den Plan, den Wald der Gorilladörfer abzuholzen, ein für allemal auf."
3um 60. Geburiage von Therese Köstlin
Am 30. Mai ist der 60. Geburtstag der liebenswerten Lyrikerin Therese Köstlin. In Maulbronn kam sie zur Welt. Ihre Großväter waren die Dichter Karl Gerok und Reinhold Köstlin; der Vater, Heinrich Adolf Köstlin, war damals dort Pfarrer. Die Gabe der Poesie war ihr von den beiden Großvätern zugeflossen. Der Vater ging später als Professor nach Friedberg, wurde 1891 Oberkonsi- storialrat in Darmstadt und 1895 ordentlicher Theologieprofessor in Gießen. Er hat sich durch seine oft aufgelegte „Geschichte der Musik" und als Gründer des Evangelischen Kirchengesangvereins einen bedeutenden Namen gemacht.
Sechs Gedichtbändchen hat Therese Köstlin erscheinen lassen. „Gib acht auf die Gassen, sieh nach den Sternen!" ist nicht nur einer ihrer Buchtitel, der als Leitspruch ihrer Kunst gelten kann. Die Welt, über die diese Dichterin die Helligkeit und Heiligkeit ihres Geistes strahlt, ist voll köstlichen seelischen' Lebens. So lieb, wie ihr die Natur ist — sie hat doch weit mehr drinnen als draußen weilen müssen. Und aus dem Drinnenleben wurde erst das rechte Innenleben mit Grübeln und Träumen und einer stillen Sehnsucht. Einige der viel zu wenig gekannten Balladen von Therese Köstlin gehören zu den Perlen der deutschen Balladendichtüng, so „Schön Anne", die Ballade von der Frauentreue, „Jung Irmgard" und ,„Der verlorene Sohn". Kein Hauch von Absichtlichkeiten und Künstelei weht über die herzliche Schichtheit ihrer poetischen Kleinkunst. Ihr abseitiges Dichtertum ist wie der Klang ferner Dorfkirchen- glocken im Duft von Sommergärten. Und es gebührte dieser Dichterin, in weiteren Kreisen Anerkennung und Liebe zu finden.
Paul Wittko.


