Weiheffunde
des SA.Marine-Sturmbaunes II134, Gießen.
ersten Verse der beiden Nationallieder fand die Feier ihren Abschluß.
Während die Standarte bis zum Eintreffen der Fahnenkompanie zum Stabsgebäude gebracht wurde, rückten die Batterien zu ihren Wohnblocks ab.
SieLleberführungderFeldzeichen zum Divifionsgebäude.
Kurz vor 12.30 Uhr rückte die Fahnenkompanie der Infanterie unter dem Kommando von Hauptmann Osann mit den drei Infanteriefahnen in die Artillenekaserne ein. Nach der Meldung^ an den Abteilungskommandeur, Oberstleutnant Döring, wurde die Standarte der Artillerie unter den Klängen des Präsenttermarsches feierlich zu der Fahnengruppe getragen.
Nunmehr marschierte die Fahnenkompanie, verstärkt durch eine Abteilung Artilleristen, mit den drei Fahnen der Infanterie und der Standarte der Artillerie unter den Klängen der Regimentsmusik von der ArMeriekaserne durch die Kaiserallee, Ludwigsplatz, Gartenstraße, Hindenburg- wall, Seltersweg, Kreuzplatz, Sonnenstraße, Brandplatz, Landgraf-Philipp-Platz zur Zeughaus- kaferne. Ueberall in den Marschstraßen wurden die Feldzeichen von der großen Menschenmenge freudig mit dem deutschen Gruß empfangen.
Dor dem Divisionsgebäude empfing der Divisionskommandeur, Generalleutnant O ß w a l d , hinter dem seine Stabsoffiziere, ferner der Kommandeur des IR. 116, der Kommandeur der Ar- tillerie-Abt. und die Bataillonskommandeure Aufstellung genommen hatten, feierlich die ehrwürdigen Feldzeichen. Nach der Meldung von Hauptmann O f a n n an den Divisionskommandeur wurden die Fahnen und die Standarte unter den Klängen des Präsentrermarfches im Paradeschritt zum Dienst- zimmer des Generals im Divistonsgebäude getragen.
Anschließend folgte auf dem Hofe der Zeughauskaserne ein Vorbeimarsch der Fahnenkompanie vor dem Divisionskommandeur. Damit fand die militärische Feier ihren Abschluß.
Aus der Giadi Gießen.
„Späße" an der Werkbank.
Man soll während der Arbeit Späße machen. Diele sogar. Es können Eulenspiegeleien sein. Und mit sogenannten Anträgern und Auch-Kollegen soll man sie gerade machen. Ich selbst mache auch Späße, habe manchen Streich ausgeheckt, doch einiges gesehen, was nicht fein darf.
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Einmal wurde einem lieben Kameraden zum Schabernack der Schraubstock elektrisiert. 220 Volt nur. Es ist nicht viel. Aber es hatte geregnet. Der Junge hatte nasse Schuhe und stand auf Steinboden zu ebener Erde. Er griff den Schwengel, sprang nach hinten — verzerrte das Gesicht und zitterte. Er fiel auf die Steinplatten und schlug sich den Hinterkopf auf. — Eine halbe Stunde lag er besinnungslos — vier Monate trank.
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In der Mittagspause spielten wir einmal auf dem Werkhofe Feuerwehr. Ohne Auftrag natürlich. Ich spritzte als Erster. Nach mir spritzte einer, dem wurde mehr Druck auf den Schlauch gesetzt, damit man sehe, wie hoch der Strahl ging. Ein dritter schrie: ,Höber! Noch steiler!" Der andere tat es, ließ den Strahl durch die freiliegende Hochspannung fegen. Machte einen Satz von der Erde. Schlug dann prall hintenüber. Und blieb liegen.
Die Schweißer hatten Mittagspause gemacht und begannen wieder zu arbeiten. Da lag der Stift Peter noch immer auf der Werkbank und schlief. „Den kriegen wir wach", meinte einer, nahm den Sauerstoffschlauch, hielt das Ende dem Jungen spaßhalber ins Gesäß, drehte den Hahn auf--
schschsch!! Peter streckte alle viere von sich, wollte aufspringen, fiel aber wieder auf die Bank zurück — stand nicht mehr auf.
Ein Kamerad, er war groß und stark, und hätte es mit jedem ausgenommen. Er trug ein Porzellan- becken vom Lager durch den Flur und setzte eben das erste Bein auf die oberste der paar Treppen-
Der SA.-Marine-Sturmbann 11/34 Gießen beging im Cafe Leib eine ernste Weihestunde, deren Mittelpunkt das neue Feldzeichen bildete, das der SA.-Marine-Standarte 34 beim diesjährigen Reichsparteitag verliehen wurde.
Vor Beginn der Feier nahm der Führer der Marine-Standarte 34, Sturmbannführer Baden, die Meldung der aus Wetzlar, Marburg, Bad-Nauheim und Gießen angetretenen Marine-S.-A.-Ein- heiten durch den Führer des Marine-Sturmbannes 11/34, Obertruppführer Mettenheimer, entgegen. Den feierlichen Auftakt des Abends bildete die Einbringung der Sturmfahnen und der neuen Standarte „Main-Fulda". Dem gemeinsamen Lied „Volk ans Gewehr" folgten Geoichtvorträge von Kameraden der Marin;-SA. und Marine-HI. Dann sprach
Standartenführer Baden.
In eindringlicher Ermahnung erinnerte er zunächst an die Rede des Führers auf dem Reichsparteitag der Arbeit 1937 bei der Weihe der neuen Feldzeichen, und versuchte dann, seine Kameraden diese Stunden vom 12. September 1937 mit erleb en zu lassen. Er schllderte jene Augenblicke der Weihe, da der Führer von Standarte zu Standarte ging, da jeder mit erhobener Hand Dienstgrad, Einheit und Standort nannte, und da die Hand des Cornetts sekundenlang in der des Führers ruhte. Er habe heute seine SA.-Männer herbefohlen, um sie durch die Erinnerung seines Erlebens an die Standarte zu ketten, die das Symbol ihres Lebens fein solle und die Kameraden von der M a r i n e - H I., um ste mit dem Feldzeichen bekanntzumachen, das einst auch das ihre fein werde. Die Kameraden von der Marine-Kameradschaft sollten wissen, daß diese Standarte auch für sie gelte. Und schließlich habe er die Frauen hergebeten, daß sie das Feldzeichen kennenlernten, unter dem ihre Männer SA.- Dienst tun. „Und wenn wir alle", so schloß der Standartenführer, „gemeinsam und gleichgestimmt auf dieses Feldzeichen schauen, dann wird es uns leicht im gemeinsamen Marschieren zum Wohle unseres Volkes und zum ewigen Dank für unseren geliebten Führer Adolf Hitler!"
Der Ansprache des Standartenführers folgte ein Gedichtvortrag eines SA. - Kameraden. Dann sprach der
Führer der Marine-Kameradsckast L'ch.
Er führte u. a. aus, seitdem es in Gießen eine Marine-SA. gebe, zu der eine Reihe von Kameraden der Marine-Kameradschaft zähle, gingen diese beiden Formationen einen gemeinsamen Weg! Wenn der Marine-SA. in Nürnberg ihre Standarte verliehen wurde, so freue das auch die Marine- Kameradschaft, als wenn ihr selbst diese Ehre zutell
stufen, um auf den Hof zu gehen. Da schnellte jemand von der Seite hoch — „Hu! Hu!" um ihn zu erschrecken. Das gelang. Das Becken zersprang auf der Erde, der Kamerad stürzte über die Scherben, rutschte mit ihnen hinab und blutete überall, so hatten die scharfen Stücke ihm Haut und Kleider zerrißen. Im Jähzorn schlug er dem anderen über den Kopf, daß er liegen blieb.
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Man soll auch keinen Hammerstiel „vorbereiten". Wenn der Ahnungslose damit schlägt, saust das Kilo Eisen bestimmt so durch die Gegend, daß es meistens ein Unbetelligter an den Kopf bekommt. Und ohne Kopf kann man nicht leben.
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Wenn jemand eine kleine Leiter hinaufgestiegen ist und tritt oben auf einen Sockel oder Träger, um besseren Halt zu bekommen, soll man ihm die Leiter nicht klauen. Denn bestimmt will er oben im nächsten Augenblick wieder auf die Leiter treten und — kollert zwischen laufende Maschinen oder scharfkantige Werkstücke, wo er mit zerbrochenem Rückgrat dann zu faul ist aufzustehen.
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Macht Scherze, Kameraden, seid lustig und zeigt dem Miesmacher, was ne Hacke ist. Aber sorgt, daß nicht Ernst wird aus dem Scherz! Tote und Verwundete ist der beste Witz nicht wert!
rasmath-schröder.
geworden wäre. Mit seinem Glückwunsch verband der Kameradschaftsführer die Mitteilung, daß die Marine-Kameradschaft, so wie sie im vorigen Jahre den Spielmannszug der Marine-HI. ausgerüstet habe, in diesem Jahre der Marine-SA. als Ausdruck ihrer Verbundenheit fünf Schiffskompasfe überreiche. Nach einem gemeinsamen Lied sprach
Kreisleiter Backhaus
Es sei ihm eine besondere Freude, so sagte er u. o., feststellen zu können, daß auch hier im Binnenlande die Marine-SA. lebendig sei. Er komme aus Schleswig-Holstein, aus der Nähe von Kiel, wo sich heute wieder das bunte Bild der Marine-Soldaten zeige, und wo auch die Marine-SA. außerordenllich stark vertreten sei. Er freue sich, mit der Marine-SA. diese Stunde feiern zu können. Mit der Hoffnung, daß Marine-SA. und Marine-HI. sich imnter mehr entwickeln möchten, schloß der Kreisleiter seine Ansprache. Dem von Kreisleiter Backhaus ausgebrachten Gruß an den Führer und dem Horst-Wesiel- Lied schloß sich die Ausbringung von Standarte und Fahnen an.
Freudigen Anklang fand dann die Vorführung des Films von der Einweihung des Skagerrak-Platzes in Gießen, der eine Reihe von Einzelheiten dieses denkwürdigen Tages in guten Aufnahmen festhielt. Der weitere Verlauf des Abends war der kameradschaftlichen Unterhaltung gewidmet. Der Spielmannszug der Marine-HI. trat schneidig auf, eine Barren-Turn- riege der Marine-HI. zeigte ausgezeichnete Uebun- gen, und der Musikzug der Marinestandarte 34 bestritt den musikalischen Teil in hervorragender Weise. Zum Schluß sprach noch einmal
Standartenführer Baden
und versicherte seinen Männern, daß er immer gerne zu seinem Sturmbann 11/34 nach Gießen komme. Besonders freue ihn, daß in Gießen auch die alten Marine-Männer, die Kameraden von der Marine-Kameradschaft immer in enger Verbundenheit mitten unter den Jungen von der Marine-SA. sitzen, und schließlich müsse er feststellen, daß auch die Marine-HI. durchaus auf dem Posten sei. Insbesondere ermahnte er die HI., den Geist der alten Marine-Kameraden hochzuhalten. Seine Arbeit sei nicht nur für die Marine-SA., sondern auch für die Marine-HI. Wenn seine Pläne in Erfüllung gingen, so versprach der Standartenführer, dann bekämen die Marine-Einheiten in Gießen schon in Kürze einige neue Kutter, einen vollwertigen Uebungsmast, vielleicht schon in Bälde einen Achter, einen Zehner-Kanadier, jedenfalls aber ein Motorboot. Diese Schlußworte wurden von den Kameraden begeistert ausgenommen.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
NSLB. Wetterau: 15.30 Uhr in der Neuen Pe- stalozzifchule Kreisversammlung. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Tänzerin und der Diplomat". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Zauder der Bo- hLme". — Hausbesitzer-Verein Gießen: 20.30 Uhr „Aquarium" Außerordentliche Hauptversammlung. — Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr Aula des Gymnasiums. — Hellseher und Zauberkünstler Bellani: 20.15 Uhr „Cafe Leib". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brandplatz.
Konzert des Sturmbanns 1/83. ^-Standarte.
Am kommenden Sonntag veranstaltet der Sturmbann 1/83. ^-Standarte im Cafe Leib für seine „Fördernden Mitglieder" ein Konzert, das unter der Leitung des Musikzugführers Untersturmführer Bach vom Musikzug der 83. ^-Standarte ausgeführt wird. Am Sonntagabend findet bann, ebenfalls im Caf6 Leib, eine Kameradschaftsveranstaltung statt, die einige unterhaltsame Einlagen und gute Tanzmusik bringen wird.
Großkundgebung
zur „Woche des Deutschen Buches 1937".
Der Oberbürgermeister, der Goethebund, der Kaufmännische Verein, sowie der örtliche Arbeitsausschuß zur Buchwoche veranstalten am Dienstag,
2. November, 20 Uhr, in der Neuen Aula der Universität eine Großkundgebung aus Anlaß der „Woche des Deutschen Buches 1937". Oberbürgermeister Ritter wird 3ur Eröffnung des Abend« sprechen. Der Volksdeutsche Dichter Heinrich Zil- lich, Träger des Literatur-Preises der Stadt Berlin 1937, wird aus eigenen Werken vorlesen.
Zauberkünstler Bellani im Cafe Leib.
Am heutigen Donnerstag, 28. Oktober, 20.15 Uhr, wird der Zauberkünstler und Hellseher Bellani, der aus früheren Gastspielen in unserer Stadt nicht unbekannt ist, eine Vorstellung geben. _________
DMWWMMrM
3XS(S>. „Kraft durch Freude".
Theatervorstellung.
Am Sonnabend, dem 30. Oktober 1937, 20 Uhr, „Große KdF.-Miete", Gruppe II (2. Vorst.)
»Mein Sohn, der Herr Minister"
Lustspiel in 4 Akten von Birabeau.
Eintrittspreise —,90 und 1,— RM.
Karten sind nod) im Vorverkauf auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, erhältlich. 7028D
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen
Vetr.: Wochenendschulung des Unterbanues 1/116 am 31.10.
Die gesamte Führerschaft des Unterbannes 1/116 tritt am kommenden Sonntag, 31. Oktober, um 8 Uhr, am Heim der Marine-Gefolgschaft 1/116, Roon- straße 28, an. Dienstanzug: Vorschriftsmäßiger Winterdienstanzug.
Dienstplan: 8 bis 12 Uhr Heim der MHI., 13.30 bis 17 Uhr Trieb (13.30 Uhr Antreten Dolkshalle, Ostseite).
Für den Nachmittagsdienst ist mitzubringen: Brotbeutel und vorschriftsmäßiges HJ.-Sportzeug.
Vetr.: Docheueudfchuluug Unterbann 11/116.
Alle Führer der Gefolgschaften 6/116, 9/116 und 17/116 treten Sonntag morgen 8 Uhr in Winteruniform zur Wochenendschulung im neuen Schulhof zu Großen-Buseck restlos an. Für Ablegung des Leistungsabzeichens sind Sportzeug und Tornister, ohne Decke und ohne Zeltbahn, mit entsprechendem Gewicht mitzubringen, ferner zum Mittagessen 50 Rpf.
Alle Führeranwärter obiger Gefolgschaften treten ebenfalls Sonntag morgen um 8 Uhr in Großen- Buseck restlos an. Mitzubringen ist nur Sportzeug und für Mittagessen 30 Pf.
Nähere Anordnungen haben die genannten Gefolgschaften erhalten und sofort durchzugeben.
Unlerbann IV/116 (Lollar).
Alle Gefolgschafts-, Schar-, Kameradschaftsführer sowie die Gefolgschaftsmitarbeiter treten am Sonntag, 31. Oktober, um 9 Uhr, zur Führerschulung an der Schule in Londorf an. Mitzubringen: Verpflegung, Sportzeug (vorschm.), Schulungszubehör.
7!G -Lehrerbund Kreis Gießen.
Mdchenerziehung, Hauswirtschaft und Handarbeit.
Samstag, 3 0. Oktober, 15 Uhr, in der Mädchenberufsschule in Gießen: 1. Leistungsschau der deutschen Schule. 2. Lehrmittel im Handarbeitsunterricht.
Vorsicht bei Bahnübergänaen!
Nach statistischen Feststellungen haben die Unfälle an Wegüb ergänzen und Straßenkreuzungen bei den Eisenbahnen wiederum erheblich an Zahl zugenonimm, und zwar sowohl an bewachten, wie an unbewachten Uebergängen. Die Schuld trifft in den meisten Fällen die Führer der Fahrzeuge, die sich bei der Annäherung an die Uebergänge nicht verge- wisiern, ob ein Zua in Sicht ist, oder die sogar versuchen, vor dem herannahenden Zug den Bahnkörper noch zu überqueren.
Allen Beteiligten ist dringend zu empfehlen, beim Heberschreiten oder Ueberfahren von Bahnübergän-
Vlandine setzt sich durch
Roman von
Hans-Joachim Freiherr» von Reihenstem
Copyright by Carl Ouncker
10 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
„Frau Hertel, vor Jahren haben Sie meinen Antrag ausgeschlagen; Sie sagten, Ihre Tochter hätte Sie noch nötig. Das machte Ihrem Mptter- herzen alle Ehre. Und Sie können stolz dckrauf sein, was Sie aus Ihrem Kinde gemacht haben."
Frau Hertel gab einen Seufzer von sich.
„Das zeigt, wie recht Sie damals taten. Und ich habe Sie deshalb nur noch mehr geschätzt. Aber jetzt braucht das Fräulein Sie doch nicht mehr. Heut können Sie doch an Ihr persönliches Glück denken. Sie können aufhören zu arbeiten. Sie können jeden Morgen ausschlafen, statt als Erste das Haus zu verlassen. Meine Mieten kassiere ich selber. Um mein Haus am Spittelmarkt kümmere ich mich auch. Ein Mann muß was zu tun haben, um sich als Mann zu fichlen. Aber Sie sollen es sich leicht machen. Das Mädchen behalte ich bei."
Nach den Aufregungen des heutigen Tages waren diese beruhigenden Versicherungen ein Sirenengesang. Frau Hertel schloß die müden Augen halb. Sie war schon wieder seit fünf Uhr aus.
„Sie und Blandine würden alles erben", fuhr er fort. „Auch wird Ihre Tochter immer ein Zimmer bei uns haben, wenn Sie es wünschen."
Bei der Erwähnung ihrer Tochter öffnete Frau Hertel die Augen. Sie sah ihn an. Sein Blick haft tete noch immer fest in der Zimmerecke, die er sich als Blickpunkt genommen hatte. So konnte sie ihn ungestört muttern. Und sie prüfte ihn mit der weitsichtigen Auge der Mutter, dem nüchternen der Masseuse und dem schönheitsdurstigen der Frau.
„Es tut einem ja natürlich gut, wenn'n Herr wie Sie so viel von einem hält Aber das is 'ne Sache, die man nich übers Knie brechen darf." Sie nickte bekräfttgend. „Ja, das ist eine ernste Frage. Die will eine ernste Antwort haben."
Sie sah ihn fteundlich an.
,Zhr Antrag ehrt mich", sagte sie. So wie es
zu ihrer Zeit die Damen in den Romanen sagten, wenn ihnen keinesfalls danach zumute war, dem Antragsteller einen Kuß zu geben.
Frau Hertel hatte ihren Gast hinausgeleitet. Jetzt drehte sie im Flur das Licht aus, um zu sehen, ob ein Schein aus Blandines Türspalt drang. Aber alles war dunkel.
Da öffnete sie ganz leise die Tür und schlich hinein. Durchs Fenster schien bei offenen Gardinen der Mond und beleuchtete Blandine, die angekleidet auf dem Bett lag.
Die Mutter schüttelte den Kopf. Dann nahm sie einen Stuhl, setzte sich und betrachtete das schlafende Mädchen. Und da sah sie, wie stubenblaß und mager es geworden war. Sie sah die scharfe Angespanntheit der Mienen, die auch im Schlaf sich nicht mehr löste. Sie, die gewohnt war, an menschlichen Zügen zu arbeiten, sah das lieber- nächtige, die Ueberreiztheit dieses Gesichts. Auch die Hände waren nicht entspannt. Sie krampften sich selbst ttn Schlaf, wie zu schwerer Arbeit gestrafft. Und die klare Sttrn ihrer Tochter ruhte nicht aus, sondern war gefurcht von schweren Gedanken.
Plötzlich wurde Frau Hertel etwas klar, und die Tränen liefen ihr über die breiten Wangen. Sie war heute viel zu hart gegen ihre Tochter gewesen. Das war kein Mädchen, das vor Heber- mut ausging. Das war ein Mensch, der nicht mehr weiter wußte. Vor dem das Leben so schwer und hoffnungslos lag, daß er sich aus Verzweiflung ins Vergnügen stürzte. Das war der erste Schritt zur Selbstaufgabe. Das war der Alarmruf.
Frau Hertel ging leise hinaus. Im Korridor nahm sie Hut und Mantel vom Haken und eitle davon.
An der nächsten Straßenecke war ein Droschkenhalteplatz. Seit Blandines Einsegnung hatte sie sich kein Auto mehr genommen. Sie rief dem Chauffeur die Adresse der Klinik zu, während sie schon einftieg. Und bann memorierte sie, was sie bem Professor Lambertz zu hören geben wollte.
Es wäre verrückt gewesen, einen anbern als ihn fetzt noch in feiner Klinik zu suchen. Es war ein Viertel elf. Aber sie kannte dieses unermüdliche Arbeitstier. Er wurde noch da fein. Gut und schön. Sollte er sich die Leute aussuchen, die zu solcher
Rackerei paßten. Aber ihr Kind! So ein frisches Kind, für das man sich geopfert hatte. Solch ein schönes Kind — und wie sah sie jetzt aus, wie sie dalag? Alle Heiterkeit hatten sie ihr aus getrieben. Alle Freude hatten sie ihr genommen. Eine Roheit war das, ein junges Ding so zuzurichten. Aber sie wollte ihm alles sagen, dem Profesior. Das wollte ein Wohltäter der Menschheit fein. Hat sich was! Aus einem gefunden, fröhlichen Menschen ein Wrack zu machen!
„In ein paar Monaten, Herr Professor! Kaum ein halbes Jahr ist sie hier."
„Heber was klagt sie?" fragte Profesior Lambertz. Er hatte eben endgültig Feierabend gemacht und saß ihr gegenüber, an seinem Schreibtisch. „Das werden wir schon kriegen. Aber darf ich mir vielleicht jetzt meine Zigarre anzünden? Es ist die einzige, die ich mir am Tage gönne, wenn ich denke, baß mich fein Pattent mehr nötig hat."
„Na, wissen Sie, Herr Professor, wenn ich Ihre Frau wäre."
„Lassen Sie nur. Die hat's auch nicht leicht."
„Stimmt. Kriegt ihren Mann überhaupt nicht zu sehen. Also meine Tochter — klagen tut die niemals. Das ist das Mallör. Ader sie is jeden Tag weniger geworden. Die Kleider fallen ihr vom Leibe. Sieht ganz blaß aus —"
„Also überanstrengt?" fragte Professor Lambertz. „Liegt irgend etwas in Ihrer Familie? Ich meine mit der Lunge oder so?"
„Nee, Herr Professor", sagte Frau Hertel beleidigt und wollte aufbegehren.
„Sie find ja gesund. Aber hatte Ihr Mann eine chronische Krankheit?"
„Aber Herr Profesior, 'n Eisenbahnunglück is doch feine chronische Krankheit. Sie wissen doch, wie mein Mann damals piepsgesund auf ’ner Dienstreise verunglückt is!"
„Natürlich. Also, bann machen Sie sich gar keine Sorgen, Frau Hertel. Ich sage Ihnen, das kleine Fräulein kriegen wir wieder zurecht. Ich werde Ihnen etwas aufschreiben, damit sie Appetit bekommt. Dann geben Sie chr alle Tage einen Viertel Liter Sahne. Wenn Sie es nicht können, bezahlt es die Klinik. Hub bann muß sie eine richtige Liegekur machen: morgens so lange schlafen, wie sie nur kann, vor- und nachmittags je zwei Stunden ruhen."
Frau Hertel wurde immer erstaunter.
„Aber wo soll sie denn das alles machen, Herr
Professor?"
,,N«, bei Ihnen! Sie sagten doch, Sie behielten sie am liebsten gleich zu Hause. Geht denn das nicht?"
„Selbstverständlich. Aber sie muß hier doch erst ordnungsgemäß kündigen."
„Immer die korrekte Beamtenfrau, Frau Hertel. Wenn ich sie krankschreibe, braucht sie doch nicht zu kündigen, nicht? Unb das kann ich ja auf Ihr ehrliches Gesicht hin wohl. Dazu kenne ich Sie ja lange genug. Sie kommen ja nicht zum Spaß hier um Mitternacht angefegt, nicht? Also ich werde morgen mal nach ihr sehen. Schreiben Sie genau die Abreffe auf. Unb bann konnten Sie Schwester Margarete vielleicht ein bißchen behilflich sein. Erfaß zu finden. Wir brauchen hier so ’nen Kürassier wie Sie. Ist ja doch viel zu schwer für so ein junges Ding. Weiß gar nicht, wie die hergekom- men ist."
Frau Hertel packte zur Sicherheit gleich Blandines Koffer. Das Kind sollte keinen Fuß mehr in diese Knochenmühle setzen. Sie besprach alles mit Schwester Margarete. Dann telephonierte sie eine Droschke heran unb übergab dem Chauffeur die Koffer, bie er hinaustragen sollte. Sie ordnete das Zimmer, das sie verließ.
Dann schritt sie bie Freitreppe zur Haustür hinunter.
Die Tür wurde gerade von außen geöffnet Unb ein großer, gut gewachsener Herr trat ein. Es ging etwas Warmes, Sympathisches von ihm aus.
„Netter junger Mann", dachte Frau Hertel. Und das war viel bei ihrer insttnktficheren Menschenkenntnis.
Wer sie ging ohne Gruß an ihm vorüber.
Doktor Schrader war ftebengebfieben, um sich eine Zigarette anzuzünden. Die brauchte er noch, bevor er bei feinem todgeweihten Lieblingspatienten die letzte Nacht zubringen würde.
Hat sicher jetzt um Mitternacht bei einem kranken Verwandten nach bem Rechten gesehen, dachte er.
Dann fprang er zu.
Achtungsvoll hielt er bie schwere Tür für sie auf und entließ sie in die Nacht.
Fortsetzung folgt


