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Nr.98 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 28. April (931

Der t.'Slai in Gießen.

Veranstaltungsfolge:

Freitag, 3 0. April.

20.00 Uhr: Maisingen des BD2N. in den einzelnen Giehener Ortsgruppen.

21.00 Uhr: Gemeinsames Maisingen des Gießener BDM. auf dem Brandplah.

Samstag, 1. Mai.

7.15 Uhr: Wecken und Morgengruß, ausgeführt vom Musikzug der SA.-Standarle 116 und vom Musik- und Fanfarenzug des Jungvolks.- hissen der Fahnen.

8.30 Uhr: Jugendkundgebung auf Oswaldsgarten.

11.15 Uhr: Sämtliche Betriebe sind angetreten.

Marschgruppe I im hitlerwall, Spitze SS.-Standarte.

Marschgruppe II in der Ludwigstrahe, Spitze Ecke Ludwig­strahe / Bleichstrahe.

11.30 Uhr: Abmarsch beider Marschgruppen zum Oswaldsgarten.

12.00 Uhr: Kundgebung auf dem Oswaldsgarten.

Wir verweisen im übrigen auf die in dieser Zei­tung bereits veröffentlichten allgemeinen Richtlinien für den 1. Mai.

Marschordmmg, Anordnungen für den Umzug.

Die Betriebsführer und Betriebsobmänner haben dafür zu sorgen, dah alle Betriebe vollzählig an­treten.

Vetriebsfeiern dürfen am 1. Mai erst nach Be­endigung der Hauptkundgebung abgehalten werden.

Hauptaufmarschleiter ist SA. - Standartenführer Lutter. Den Anordnungen der SA.-Männer (kenntlich durch weihe Binde) ist unbedingt Folge zu leisten.

Der Umzug erfolgt in zwei Marschgruppen:

Marschgruppe I.

Marschleiter: Sturmbannführer Förster.

A u f st e l l u n g im hitlerwall, Spitze an der SS.-Standarte.

Anmarsch nur durch den hitlerwall oder Moltkestrahe von der Richtung Moltkestrahe her.

Teilnehmer und Reihenfolge:

Spielmannszug und Musikzug der Standarte 116.

Fahnengruppe der SA., R5KK., HI.

Ehrenstürme der SA., R5KK., HI.

Werkscharen marschieren bei ihren Betrieben.

Sämtliche Betriebe: Reichsbahn, Tabak­industrie, Stadt Giehen, Banken, Wehrmacht-Ver­waltung, heeresbauamt, sämtliche Betriebe der Privatindustrie, OT., GA., Biebertalbahn usw.

Freie Berufe: Aerzle und Mitarbeiter (auher Kliniken), Rechtsanwälte mit Personal, Versiche­rungsbüros usw.

Angestellte, Hausgehilfinnen, Reichs­nährstand.

Den Schluh bilden 30 Mann der SS.

Marschweg: hindenburgwall, Goelheslrahe, Sellersweg, Kaplansgasse, Vahnhofstrahe, Reustadt, Oswaldsgarten.

Angetreten um 11.15 Uhr, Abmarsch um 11.30 Uhr.

Marschgruppe II.

Marschleiter: Sturmhauptführer Bender.

Aufstellung in der Ludwigstrahe, Spitze Ecke Bleichstrahe.

Anmarsch nur vom Ludwigsplah her.

Teilnehmer und Reihenfolge:

Spielmannszug und Kapelle des JR. 116.

Abordnungen der Wehrmacht.

Fahnengruppen der Ortsgruppen, Arbeitsfront, Jungvolk.

Lhrenbereitfchaften der Politischen Leiter, der RSBO., des 3D.

Reichsarbeitsdienst 160 Mann.

RS.-Studentenbund marschiert vor der Universität.

Der Spielmanns- und Fanfarenzug des JV. mar­schiert in der Mitte der Marschgruppe II.

handel, Handwerk und Gewerbe, alle Geschäfte, Innungen, Kraftfahrzeuggewerbe.

Sämtliche staatlichen Behörden und Betriebe. Universität mit allen Kliniken. Sämt­liche Reichs- und Landesbeamten und Angestellte. Alle Schulen, auch Privatschulen. (Antreten um 11 Uhr im Hofe des Realgymnasiums.) Geistliche Behörden.

Den Schluh bilden 30 Mann 55.

Marschweg: Bleichstrahe, hindenburgwall, Horst-Wessel-Wall, Oswaldsgarten.

Angetreten um 11.15 Uhr, Abmarsch um 11.30 Uhr.

Anordnungen für beideMarschgruppen:

Vis auf die uniformierten Abordnungen wird in Achterreihen marschiert. Für die uniformierten Ab­ordnungen gelten ihre Dienstvorschriften.

Eine bestimmte Reihenfolge innerhalb der Be­triebe und zivilen Teilnehmer besteht nicht. Die Aufstellung erfolgt in der Reihenfolge der Ankunft.

Aufmarsch und Absperrung auf Os­waldsgarten durch die 5 A.

Kreisleitung Wetterau der R5DAP.

4.-Mai-Schaufenster."

Deutsche Einzelhandelskaufleute!

Deutsche Werbefachleute!

Auch in diesem Jähre feiert das ganze deutsche Volk wieder am 1. Mai einmütig den Nationalen Feiertag des deutschen Volkes 1937.

Um auch dieser Einmütigkeit nach außen sicht­baren Ausdruck zu geben, ergeht an euch unser Appell!

Nach der ParoleFreut euch des Lebens!" wirst du, deutscher Kaufmann, am 1. Mai dein Schau­fenster für den Ehrentag der deutschen Arbeit so gestalten, daß sinnfällig die Freude am Werk und in der Freizeit die Gemeinschaft aller Schaffenden zum Ausdruck kommt.

Du, deutscher Werbefachmann, hältst dich für die Gestaltung der1.-Mai-Schaufenster" bereit.

In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel erteilen die Kreiswaltungen der Deut­schen Arbeitsfront, Abteilung RVG. Handel, Aus­kunft.

Wir erwarten euer aller restlosen Einsatz!

Gießen, 27. April 1937.

Die Deutsche Arbeitsfront: Wirtschaftsgruppe Einzelhandel. Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute.

Auch die Hausgehilfinnen feiern den 1. Mai.

NSG. Der 1. Mai ist der Feiertag aller schaffen­den Deutschen. An ihm sollen und wollen auch die Hausgehilfinnen teilhaben. Es ist daher eine Selbst­

verständlichkeit für die Hausfrauen des Gaues Hessen-Nassau, daß sie die Arbeit im Haushalt so einrichten, daß die Hausgehilfinnen Freizeit zur Teilnahme an den Veranstaltungen erhalten, oder wenigstens Gelegenheit haben, die Rundfunküber­tragung zu hören.

poffbeförderung mit LustschiffHindenburg" am Nationalen Feiertag.

Anläßlich des Nationalen Feiertags am 1. Mai findet eine Rundfahrt des LuftschiffesHindenburg" von Frankfurt a. M. über Berlin nach Frankfurt am Main ohne Zwischenlandung statt. Sie wird zur Postbeförderung benutzt; zugelassen werden ge­wöhnliche Briefe im Einzelgewicht bis 20 Gramm und Postkarten an Empfänger in beliebigen Bestim­mungsorten. Die Sendungen müssen freigemacht

sein und den VermerkMit Luftschiff Hindenburg" tragen. Die Gesamtgebühr beträgt für Postkarten 50 Rpf., für Briefe bis 20 Gramm 100 Rpf. Eine Freimachung durch Freistempler ist nicht zulässig. Die Sendungen, die bis spätestens 1. Mai, um 5 Uhr, in Frankfurt a. M. vorliegen müssen, sind unter Um­schlag gegen die gewöhnliche Freigebühr zu richten An das Bahnpostamt 19 Frankfurt a. M." mit dem VermerkSendungen für dieDeutschlandfahrtdesLuft- schiffs Hindenburg". Die Freimarken auf den Sen­dungen werden mit dem Tagesstempel des Postamts Flug-und Luftschiffhafen Rhein-Main, Frankfurt a.M. entwertet. Außerdem erhalten sämtliche Sendungen den Abdruck eines besonderen Bestätigungsstempels mit der InschriftLuftschiff Hindenburg, Deutsch­landfahrt am 1. Mai 1937" und den Abdruck des Tagesstempels des Postamtes Berlin C 2. Für die Fahrtteilnehmer wird eine Pofthilfftelle an Bord des Luftschiffes eingerichtet werden.

Sie Wehrmacht am 1. Mai.

Für den Feiertag der nationalen Arbeit, den 1. M a i, ist durch Standortbefehl bestimmt worden, daß alle Dienstgebäude der Wehrmacht zu beflaggen sind. Die Kaserneneingänge und die Eingänge zu oen bewohnten Gebäuden in den Kasernen sind mit frischem Grün zu schmücken.

Am 1. Mai zwischen 6 und 7 Uhr findetGro­ßes Wecken" statt, ausgeführt von der Musik und den Spielleuten des J.-R. 116. Dazu stellt das Regiment einen Offizier als Führer und ein Be­gleitkommando in Stärke eines Zuges. Abmarsch desGroßen Weckens" um 6 Uhr vom Schützen­haus. Der Weg desGroßen Weckens" geht durch folgende Straßen: Kaiserallee, Ludwigsplatz, Gar­tenstraße, Neuen Baue, Schulstraße, Marktplatz, Mäusburg, Kreuzplatz, Seltersweg, Frankfurter Straße, Friedrichstraße, Röntgenstraße, Ludwig- ftraße, Bleichstraße, Hindenburgwall, Hitlerwall, Moltkestraße, Licher Straße.

Zu dem von der Partei organisierten Festzug am Mittag durch die Stadt zum Oswaldsgarten

stellt die Gießener Wehrmacht für die Marsch- aruppe II des Festzuges mit der Spitze an der Ludwigstraße-Ecke Bleichstraße eine Truppenabord­nung unter dem Befehl eines Stabsoffiziers vom J.-R. 116. Zu der Abordnung gehören die Spiel­leute und das Musikkorps J.-R. 116, zwei Kom­panien des J.-R. 116, eine halbe Batterie der III./A.-R. 9, eine Abteilung Luftgaukommando 11. Die Wehrmacht-Abordnung marschiert an der Spitze der Marschgruppe II des Festzuges hinter dem Musikkorps des J.-R. 116.

An der Kundgebung auf Oswalds­garten nehmen die Kommandeure und Dienst­stellenleiter des Standortes, die Offiziere und Wehr­machtsbeamten sowie die in der Marschgruppe II marschierende Truppenabordnung teil.

Am Vorabend des Nationalfeiertages, am 30. April, veranstaltet die Abteilung Wehrmacht in der Deutschen Arbeitsfront im Cafe Leib einen K a - meradschaftsabend, an dem auch das Offi­zierskorps und die Dienststellen teilnehmen werden.

Aus der Stadt Gießen.

Gesellen wandern.

Mit Beginn des Frühlings gehen wieder die deut­schen Handwerksgesellen auf Wanderschaft, wie in Väter Zeiten. Sie werden zum Teil ins Ausland gehen, zum Teil Deutschland durchwandern und in sich aufnehmen nicht nur die Schönheiten der Land­schaft, die Stätten alter Handwerkskunst, sondern Jie werden sich, wie das Volk sagt, kräftigden Wind um die Nase wehen lassen", bei den Meistern um Arbeit vorsprechen und die mannigfachen Arten ihres Handwerks in den verschiedenen Gegenden er­lernen und mit den Handwerksfertigkeiten daheim vergleichen. Das war und das ist der Sinn des Ge­sellenwanderns.

Der wandernde Handwerksgeselle soll seinen Ge­sichtskreis erweitern, sich bilden und sorgenlos eine schöne Zeit verbringen, von der er als späterer Mei­ster aus dem Schatz seiner Erinnerungen vieles den Lehrlingen und Gesellen erzählen kann, die ihrer­seits wieder Gottes Gunst, den Wanderer in die weite Welt zu schicken, erleben werden. Das Ge­sellenwandern gehört zum deutschen Handwerk. Seitdem der Nationalsozialismus die Straßen von den Tippelbrüdern und Tippelschicksen freigemacht hat, ist der Wanderbursch wieder zu seinem Recht gekommen, und da er eine Mark Zehrgeld pro Tag mitbekommt, ist er nicht auf die Mildtätigkeit ande­rer angewiesen, sondern Herr seiner selbst. Wenn er bei einem Meister vorspricht, und mit dem Hand­werksgruß ihn begrüßt, wird der Meister in dem Wanderburschen seinen Berufsgenossen aufnehmen und ehren.

Eins ist allerdings anders geworden. Die Auto­mobile fegen über die Landstraßen, die technische Zeit hat viel von der alten Poesie, aber auch von den Schrecknissen vergangener Zeiten hinweggeräumt.

vollendet schön !

ALKALIFREI 30 PFG.

KÄMILLOFLOR

Für DUNKLES HAAR

FÜR BLONDES HAAR

BRUNETAFLOR

Der Handwerksgeselle ist nicht, wie vor hundert Jahren, in den engen Kreis der handwerklichen Familien gebannt; die Zünfte sind gefallen, wenig­stens in der alten Form, und nicht mehr geben ste das einzige soziologische Moment für den deutschen Handwerker ab. Früher gab dem Zunftgenossen, der auf Wanderschaft gehen mußte, nur seine Zunft feierlichen Abschied. Die Wander- und Gesellenlieder erklangen und dann wurde der Geselle in die Welt hinausgeschickt, um etwas zu werden oder zu verder­ben. Heute ist der Wandergeselle aber verbunden dem gesamten deutschen Volke. Er ist ein Teil dieses Volkes und sperrt sich nicht künstlich gegen andere Schichten ab. Er achtet die anderen und weiß um ihr Wesen und ihr Sein. Aber daneben hat er auch

Die Reise nach Deffau.

Von Carl Bulcke.

So viel weiß ich noch. Frau und Kinder waren auf Ferien an der See, ich hauste ganz allein in der Wohnung. Das hab ich gern. Kein Dienstbote darf da fein, keine Aufwartung, die Dreihundert- Tage-Uhr wird mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt und die Taschenuhr in einer Schublade ver­wahrt. Aber auf dem Schreibtisch liegt zu kleinen Bogen gefaltetes Papier, und ich schreibe an einer Novelle. Genau so war es damals im Sommer, und alles ging gut. Bis ich dann in meiner Novelle auf die Seite 12 kam, über ein Komma stolperte und laut vor mich hinsprach:Die ganze Schreibe­rei soll auf zwei Tage der Deubel holen".

Dann suchte ich den allerkleinsten Koffer, packte ein, was man für zwei Tage braucht, stellte unseren asiatischen Nelkentopf vom Abhang des Himalaja unserer lieben Nachbarin nebenan vor die Tür, schloß die Wohnung ab und trabte zum Bahnhof. Am Fahrkartenschalter sagte ich zu dem Beamten: Bitte, hier sind sieben Mark. Mit diesem Geld möchte ich mit dem nächsten Schnellzug in der 3. Klasse irgendwohin eine kleine Reise machen." Obwohl ich mich deutlich ausgedrückt hatte, mußte ich es zweimal sagen. Dann wurde ich verstanden. Der freundliche Beamte erklärte:Damit kommen Sie gerade bis Dessau. Der Zug fährt in ein paar Minuten."

Dann bekam ich die Fahrkarte und dazu noch zwanzig Pfennig heraus, saß im richtigen Zug und lobte meine Schläue. Wo bist du schon überall ge­wesen, sagte ich mir, noch neulich rühmtest du dich, jede deutsche Stadt zu kennen, siehe da, in Dessau warst du noch nie. Es ist eine sehr kluge Idee, daß du jetzt nach Dessau fährst. Paß auf, du kriegst heraus, wie die Novelle hinter dem elenden Komma weitergeht.

Zugleich überlegte ich, was ich von Dessau wußte. Junkerswerke; ehemalige Residenz: also wird ein Schloß dort sein. Der alte Dessauer wird ein Denk­mal haben. Viel mehr fiel mir nicht ein. Ja, halt, noch eins. Als junger Mensch in Schleswig-Holstein waren meine Altersgenossen und ich in Verehrung einem jungen Mädchen zugetan gewesen, das Marianne hieß und die Tochter eines Malers war. Marianne war nun schon lange tot. Doch der Maler hatte von ihr ein lebensgroßes Bild gemalt, das ihren Namen trug: Das strahlenaugige Mädchen steht zwischen jungen Buchenstämmen: auf den Stamm einer Buche dicht neben ihr f)at der Vater

in kaum lesbarer Schrift die drei Wortenoli me tangere geschrieben. Das Bild hatte vor vielen Jahren die Stadt Dessau gekauft. Du wirst Marianne wiedersehen, dachte ich.

Als ich in Dessau ankam, erfuhr ich, daß eins der HotelsZum goldenen Beutel" heißt. Dort stieg ich natürlich ab. Ein goldener Beutel ist besser als ein leeres Portemonnaie.

Es war recht hübsch dort, still und behaglich, und am meisten gefiel mir, daß aus dem kleinen Tisch, an dem ich zu Abend, bequem zur rechten Hand eine kleine silberne Klingel gestellt war. Klingelte man, so gab es einen allerliebsten dünnen Ton, und der Kellner kam. Ich weiß noch, ich hatte mir Weserlachs auftischen lassen, die Gäste im Raum unterhielten sich flüsternd, ich schien ihnen irgend­wie auf^ufallen, wahrscheinlich, weil sie mich noch nie gesehen hatten. Ich selber wunderte mich aber auch, und ich sagte zu meiner Seele:Sind wir, liebe Seele, am Ende doch schon einmal hier ge­wesen?"

Anderen Tags fuhr ich in der Morgenfrühe hin­aus; sah Neubauten hier, Arbeits- und Wohnstätten, sah Flugzeughallen dort, Flugzeuge mit ausge- breiteten Flügeln auf freiem Feld. Ich dachte: Du irrst dich. Hier bist du nie gewesen. Doch die Grübe­lei war wieder da, als ich zur Stadt zurückkehrte und in tiefer Ergriffenheit vor dem Bildnis von Marianne stand. Das schöne Bild hatte ich seit meinen Studententagen nicht wiedergesehen, das wußte ich genau. Aber eine traumhafte Erinnerung war da, als hätte ich dies Bild schon einmal hier gesucht, heiß bekümmert, weil ich es nicht gefunden hatte. In jenem Augenblick wußte ich übrigens plötzlich, wie die Geschichte hinter dem Komma auf Seite 12 weiterging.

Stellen Sie sich vor, daß ich gleich danach vor einem Wirtshaus stand und zu mir sagte:Wenn du jetzt hier eintrittst, in den Raum rechter Hand gehst, so wird da eine Rüstung aufgestellt sein. Rüstung aus dem späten Mittelalter, Helm mit geschlossenem Visier, tauschierter Panzer, Bem- wehren und Armwehren."

Ich trat ein; niedriger und halbdunkler Raum, verhängte Fenster. Im Hintergrund rechts stand die Rüstung. Ich fragte:Wie lange steht hier schon dieser Eisenmann, Herr Wirt?" Und der Mann sagte in seiner anhaltischen Landessprache, er sei genau vor einer Woche in einem Nachbardorf auf einer Versteigerung gekauft...

Als ich am nächsten Tag wieder vor meiner Wohnung ankam, stand vor der Tür der Neben- wohnung immer noch der asiatische Nelkentopf.

Unsere gute Nachbarin war also auch in die Ferien gefahren. Die Nelken hatten mir den Ausflug nicht übelgenommen: ich gab ihnen zu trinken.

... Dies Erlebnis hat mich lange beschäftigt. Ich hatte an jenem Tag in Dessau den Schloßgarten und die Schmuckplätze gesehen, auf denen uralte Eibenbäume standen, so viele, so prachtvolle Eiben, wie sie sonst nirgendwo in Deutschland zu finden sind; erst auf der Rückfahrt kam mir zu Bewußt­sein, wie diese Eiben in Dessau mich schon einmal entzückt hatten. Ich mußte feststellen, daß alles, was ich an diesem Tag. gesehen hatte, meinem Herzen dämmernd vertraut gewesen war. Schloß, Straßen, ein See, ein Marktplatz, selbst das HotelZum goldenen Beutel" und die silberne Klingel. Und dennoch war ich im wirklichen Leben nie, niemals dort gewesen. Ich bin heute sicher, daß es das Bild­nis Mariannes gewesen war, das mich ohne mein Wissen unaufhaltsam dorthin getrieben hatte...

Uraufführung in Frankfurt: Struensee" von E. W. Möller.

Im Frankfurter Schauspielhaus fand, wie der Landes-Pressedienst berichtet, am Sonntag die Ur« aufführung des SchauspielsStruensee ober Der Sturz des Ministers" von Eberhard Wolfgang Möller statt. Das Werk zeigt, wie sich der freigeistige Arzt Johann Friedrich Struen­see, den sich der jugendliche König Christian VII. im Jahre 1769 von seiner Pariser Reise nach Ko­penhagen mitgebracht hatte, vom Betreuer des kör­perlich und geistig kranken Königs zum Minister aufschwingt, der das Land Dänemark regiert. Eine Zeit des Absolutismus wird durch den oemokrati- schen Liberalismus abgelöst. Naturnotwendig stößt Struensee auf den Widerstand der Absolutisten, die ihn schließlich, nachdem er anfangs als Volksmann oernünfttg regierte, dann aber in die typische Form des absoluttftischen Regenten geraten war, nach zweijähriger Regierung stürzen. Die junge Königin, die Struensee erlegen war, schenkt dem Land den lang erwarteten Thronerben. Die Aufklärung der Beziehungen zwischen Königin und Minister enden mit einer Justizgroteske. Die Träger der Haupt­rollen waren Walter Kiesler (Struensee), Ro­bert Taube (Graf Bernstorff), Max Noack (Kö­nig), Lotte Brackebusch (Königin-Mutter) und Cläre Kaiser (Königin). Das vollbesetzte Haus nahm das Stück mit großem Beifall auf.

Merkwürdiger Steckbrief aus alter 3eit

Am 15. August 1797 erschien in derFrankfurter Kaiserlichen Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung" auf Veranlassung des Bürgermeisteramtes der Reichs­stadt Nürnberg ein Steckbrief gegen die Sängerin Katharina Schröfl, die mit einem Freund und Kol­legen plötzlich verschwunden war, obwohl sie dem Direktor einer Theatertruppe noch verpflichtet war und einen Teil ihrer Gage schon als Vorschuß be­kommen hatte. Das umständliche Dokument wird in Reclams Universum" wiedergegeben:

Es ist eine gewisse Operistin Namens Katharina Schröfl mit ihrem Amanten, dem Schauspieler Petrivi, welche sich beide bei hier anwesenden un­ter Hofgräflich von Fuggerischer Jntentanz stehen­der Augspurger deutscher Schauspielergesellschaft laut eines von ihnen eigenhändig unterzeichneten Kontraktes d. d. 24. April d. I., und zwar sie Schröfl als erste Sängerin, und er Petrivi als 2. Tenorist, auf ein Jahr engagiert haben, ohnge- aästet ihrer ansehnlichen allwöchentlich richttg erhal­tenen Gage: mit einem an die Direktion noch über dieses schuldenden, sehr beträchtlichen Geldvorschuß- Reste in den jüngst entwichenen Tagen von hier heimlicher und boshafter Weise entwichen, und haben durch diese böswillige Entweichung dis Theaterdirektion in nicht geringen Schaden ver­setzt. Es wird daher jede Obrigkeit geziemend er­sucht, die entwichene Madame oder Demoiselle Schröfl, wie sie sich zu nennen beliebt, welche groß und stark von Person, dann an ihren schwarzen Haaren und großen Mund kennbar, gleichwie ihr Verführer Petrivi, ein Tiroler von Geburt, der von schlankem langen Wuchs, auch an seinen braunen Haaren und stets gefütterten Waden, wie nicht min­der an seiner Landessprache, welche er stark durch Nase spricht, zu erkennen ist, auf betretenden Fall sogleich arretieren, und sofort gegen Erstattung der Kosten ohne weiteres durch eine sichere Gelegenheit anhero ausliefern zu lassen."

©ochfchuhKKb richten

Der Herr Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den Wirtschaftsprüfer und Direktor der Allgemeinen Re- visions- und Verwaltung-Aktiengesellschaft Dr. rer. pol. Heinrich Horn beauftragt, zunächst im Som­mersemester 1937 in der Wirtschafts- und Sozial- wissenschaftlichen Fakultät der Universität Frank­furt das Treuhandwesen und die betriebswirt­schaftliche Steuerlehre in Vorlesungen und Hebun­gen zu vertreten.